Archiv der Kategorie: Johannes von Nepomuk

Maria in Drag

Wenn die Dreifaltigkeitssäule auf dem Zelný trh (Krautmarkt) in Brno nur Jesus, den heiligen Geist und Gott zeigen würde, wäre sie immer noch das bessere der beiden barocken Kunstwerke auf diesem Platz.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Aber angesichts des unsäglichen Steinhaufens von einem Brunnen weiter unten auf der ansteigenden Platzfläche ist das kein großes Kompliment.

Budík, Miloš u. Samková, Eva: Brno – v 80 barevných fotografích, Praha 1976

Die Darstellung der Dreifaltigkeit, bei der Jesus und Gott nebeneinandersitzen und der heilige Geist als Taube in einem Strahlenkranz zwischen ihnen schwebt, ist eben weit weniger interessant als die das Gnadenstuhls, bei der Gott den gekreuzigten Jesus zwischen den Beinen hält. Sie wirkt eher wie ein Kaffeekränzchen bei Sonnenuntergang, während die zweite wirklich eine Ahnung vom komplizierten Einswerden dreier Teile, von Dreifaltigkeit, gibt. Auch hier, wo die beiden auf dem großen ionischen Kapitell der Säule und Wolken sitzen, während die Strahlen und die Taube an einem weiteren Teil, durch den die Säule eher zum Obelisk wird, hängt, wird das nicht anders.

Aber da ist noch mehr. Auf dem Sockel vor der flachen puttenbehafteten Säule stehen zwei weitere Figuren: vorne Maria, hinten Johannes von Nepomuk. Diese beiden Heiligen so nah beieinander, Rücken an Rücken, zu sehen, macht ihre Gemeinsamkeiten ungewöhnlich deutlich.

Für sich genommen sind die beiden Skulpturen ganz typisch. Maria in verzückter Verrenkung, die rechte Hand etwas nach unten ausgestreckt, die linke Hand auf der Brust, unter ihr die Weltkugel mit zertretener Schlange.

Johannes von Nepomuk in ganz ähnlicher Verrenkung, Kruzifix und Palmwedel im rechten Arm, die linke Hand seinerseits auf der Brust.

Was sie verbindet, sind ihre Heiligenscheine. Marias hat viele Sterne, Nepomuks nur fünf. Aber sie sind die einzigen beiden Heiligen, deren Heiligenscheine Sterne haben. In dieser Hinsicht steht Johannes von Nepomuk nur wenig unter Maria, der Mutter Gottes. In Brno stehen sie sogar auf einer Stufe, deutlich über den beiden anderen Heiligen, die links und rechts niedrigere Sockel haben.

Die Erbauer der Säule waren sich sicher bewußt, was sie taten, als sie beiden so heraushoben und beisammen zeigten. Ihnen würde es wohl zu weit gehen, würde man in Johannes von Nepomuk eine zweite Maria, eine Maria in Drag sehen wollen, und die beiden zusammen als eigentümliche Zweifaltigkeit. Aber heute ist es schwer, das nicht zu sehen.

Der redselige Johannes von Nepomuk

Johannes von Nepomuk ist für Verschwiegenheit bekannt, schließlich ging er lieber in den Tod als das Beichtgeheimnis zu verletzen. Für die meisten seiner skulpturalen Darstellungen gilt das nicht und ganz gewiß nicht für die auf der Ostrow Tumski (Dominsel) in Wrocław. Sie wollen so viel erzählen, wie Skulptur, Sockel und Inschrift erlauben, und die in Wrocław ist dabei noch etwas redseliger.

Dieser Johannes von Nepomuk steht an der Katedralna (Kathedralenstraße), der schmalen Straße, die durch das klerikale Herz der Stadt auf die beiden mächtigen Türme des backsteingotischen Doms zuführt, aber nicht direkt in dieser Achse, sondern etwas seitlich. Vielleicht ist das Absicht, denn Sockel und Skulptur erheben sich haushoch, so daß sogar die Strebepfeiler einer anderen backsteingotischen Kirche dahinter zu schrumpfen scheinen.

Der Sockel ist zuerst ein großer Quader mit an den Ecken schräg vorgesetzten Teilen, dann ein schlankerer vertikaler Quader mit allerdings leicht eingewölbten Seiten und schließlich nach einer überstehenden Plattform ein noch schlankerer Pyramidenstumpf. Ganz oben steht Johannes von Nepomuk, in typischem Priestergewand, kurzbärtig, mit Birett, fünffachbesternt, das Kruzifix im ausgestreckten Arm in die Höhe gehalten und der ins Ungefähre gerichtete Blick nicht besonders intelligent. Zu seinen Füßen ballen sich Wolken und tummeln sich Putten mit teils erschreckend alten Gesichtern. Auf den runden Voluten in den Ecken des Pyramidenstumpfs sind goldene Sternformen. Größere Engeln tragen als Atlanten die Ecken der Plattform. Putten sitzen auch auf den eckigen Voluten, die auf die Ecken des niedrigeren Sockelteils zum Betrachter hinabrollen, aber immer noch über der Hohe seines Kopfes bleiben.

Eine der Putten hält zum Zeichen der Verschwiegenheit einen Finger vor den Mund, während alles an dem Denkmal so laut ist. Da ist viel Überladenheit, viel Geschmacklosigkeit, viel Monumentalität, Barock von seiner schlechtesten Seite. Doch dazwischen, gerahmt davon, ist noch etwas anderes, mit dem das Denkmal etwas erzählt, was es wert ist, gehört zu werden: große Reliefs an den vier Seiten des Sockels.

Beginnend mit der linken Seiten erzählen sie im Uhrzeigersinn die Legende des Johannes von Nepomuk. Über den halbrund endenden Reliefs sind jeweils längsovale Felder mit lateinischen Inschriften, so daß es eine Art barocker Comic ist, den man hier betrachten kann.

Auf dem linken Relief sieht man die Königin kniend bei der Beichte, mit Krone, in langem Kleid, das einen Fuß freigibt, wodurch ihr Knien etwas beinahe Laszives bekommt. Ihr Gesicht ist von der Trennwand des Beichtstuhls halb verdeckt und auch das zu ihr geneigte des Priesters, der Johannes von Nepomuk selbst ist, ist nicht zu erkennen, da er sich ein Tuch vor den Mund hält.

Auf dem hinteren Relief sieht man Nepomuk, nun an seiner Kleidung klar erkennbar, auf dem Weg hügelan zu einer kleinen Kapelle. In der einen Hand hat er einen Wanderstock und in der anderen einen Rosenkranz mit Kreuz und sein Birett, das er vielleicht ob der Anstrengung abgenommen hat.

Auf dem rechten Relief sieht man Nepomuk vor dem König. Jener fordert ihn vom Thron herab mit geöffnetem Mund und ausgestrecktem Arm zum Reden auf, doch er legt den Finger auf den Mund, während er das Birett zum Zeichen des Respekts in der Hand hält.

Auf dem vorderen Relief schließlich sieht man, wie Nepomuk von Soldaten von einer Brücke gestürzt wird. Kopfüber stürzt er, sein Birett liegt bereits im Wasser. Man sieht die Bewegung des Hineinwerfens, man sieht den Mord eingefroren im Moment seines Geschehens. Statt im Wasser zu landen, steht Johannes von Nepomuk zum Heiligen geworden riesenhaft oben auf dem Sockel.

Während ringsum alles so überladen ist, sind die Reliefs ganz auf das Nötigste reduziert. Alles was da ist, muß da sein. Den Figuren und wenigen Kulissen bleibt viel Platz auf der Relieffläche. Die Geschichte, die sich im frühen 15. Jahrhundert zugetragen haben soll, scheint dabei in der Gegenwart des Jahres 1731 zu spielen. Von der Kleidung über die Einrichtung bis zur Architektur ist fast alles in den Reliefs barock. Einzig die Rüstungen der Soldaten sind aus der früheren Zeit. Auch die Brücke könnte tatsächlich die gotische Prager Karlsbrücke, von der Nepomuk gestürzt wurde, sein, aber der Brückenbau hatte in der Zwischenzeit ohnedies keine großen Fortschritte gemacht.

Geradezu zärtlich sind die in den Reliefs gezeigten Architekturen. Die Kapelle hat unten einen niedrigen Sockel aus Steinblöcken und eine erst halbrund, dann vorhangartig abgeschlossene Tür, darüber korinthische Pilaster an den Ecken, schmale rundbögige Fenster und ein niedrig gewölbtes Dach, aus dem in der Mitte ein kleiner Turm ragt. Auch der Beichstuhl ist eher ein Bauwerk als ein Möbelstück. Die vier Stützen, die die niedrige runde Kuppel tragen, sind einzige Voluten, die sich in einer langgezogenen S-Form hinaufschwingen. Die Zierlichkeit dieser imaginierten barocken Gebäude ist auch ein Gegengewicht sowohl zur barocken Monumentalität des umgebenden Kunstwerks als auch zur gotischen Monumentalität der nahen Kirchen.

Wir können wohl froh sein, daß Johannes von Nepomuk zwar nie verriet, was die Königin ihm gesagt hatte, aber von seiner Verschwiegenheit so gerne und ausführlich erzählte. Wenn wie hier in Wrocław zwischen unzähligen Ausschmückungen ein einfacher und gar nicht uninteressanter Kern leibt, ist es besonders schön. Und wie mit diesem Johannes von Nepomuk ist es mit der barocken Kunst insgesamt.

Johannes von Nepomuk in der Straßenbahn

Falls die Stele im Norden von Gdańsk barock ist, dann jedenfalls nicht auf die filigrane südliche Art.

stelegrunwaldzkagesamt

Sie hat auf rechteckigem Grundriß einen zweistufigen Sockel und einen massiven Hauptkörper, in dessen größerem oberen Teil vorne eine vertikale ovale Nische ist. Die Marienskulptur, die darin geschützt, aber beinahe auch versteckt steht, ist teils vergoldet, aber entschieden unterlebensgroß, eher Puppe als Statue.

stelegrunwaldzkamaria

Oben ist eine von vier eckigen Säulen getragene beinahe orientalische Kuppel und unter ihr, ebenfalls geschützt, aber von allen Seiten zu sehen, steht ein Johannes von Nepomuk, nicht vergoldet, aber ebenso puppengleich klein wie die Maria.

stelegrundwaldzkaobererteil

Oben auf der Kuppel ist ein Kreis mit einem Dreieck aus vergoldetem Metall, einfachstes Symbol des dreifaltigen Gottes. Unter und über der Mariennische sind noch Inschriftenfelder ohne Inschriften und den beiden schmalen Seiten der Stele kleinere runde Nischen ohne Inhalt.

Als sie nach 1766 errichtet wurde, stand die Stele wohl auf freiem Feld, an einer Landstraße, unweit des Parks des Pałac Opatów (Äbtepalasts), wohl an einer Brücke über den Potok Oliwski (Oliwaer Bach). Heute steht sie an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee), einer der verkehrsreichsten Straßen der Trójmiasto, durch die der Park abgeschnitten ist, während der Bach sie irgendwo unterirdisch durchfließt.

stelegrunwaldzkaverkehr

Aber auch in einer ruhigeren Gegend  würde die Säule fast untergehen, weil hinter ihr kaiserzeitliche vorstädtische Mietshäuser stehen. Direkt dahinter ist zudem ein typischer Sklep spożywco-monopolowy (Lebensmittel- und Spirituosenladen) mit Bierwerbung.

stelegrunwaldzkawarka

Nun könnte man sagen, daß dieses Nebeneinander von Marienbild und Schnapsladen ein recht gutes Symbol für das heutige Polen ist, doch mehr noch sagt die Situation der Stele über den gegenwärtigen polnischen Katholizismus aus. Wenn dieser nämlich irgendeine Spur von Geschmack hätte, irgendein Gespür für Welt oder Kunst, dann würde er diese Marien-Nepomuk-Stele in die Mitte des Straßenbahnknotens Oliwa versetzen. Er befindet sich direkt gegenüber auf der anderen Seite der Grunwaldzka.

petlatramwajowaoliwastrassenbahnen

Das von Straßenbahnschienen umschlossene Rund seiner Grünfläche, in dem sich offener Rasen mit einigen Bäumen abwechselt, wäre ein perfekter Platz für die Stele. Statt von vorbeirasenden Autos ignoriert zu werden, könnten die Maria und der Johannes von Nepomuk von all den Menschen, die in Oliwa zwischen Straßenbahnen, Bussen und dem etwas entfernteren Bahnhof umsteigen, bemerkt, vielleicht gar betrachtet werden.

petlatramwajowaoliwaweide

Doch es scheint, als seien die gegenwärtigen starken Religionen, ob nun amerikanischen Protestantismus, wahhabitischer Islamismus oder eben polnischer Katholizismus ganz zwangsläufig Feinde des Schönen. So werden sie nach ihrem Absterben nicht einmal Kunst hinterlassen, dieses einzig wertvolle Abfallprodukt früherer Religionen, diese Krumen vom Tische des Aberglaubens.

stelegrundwaldzkanepomuk

Für den kleinen Nepomuk an der Grunwaldzka kann einem das leid tun, doch weit bedauernswerter ist, daß auch der polnische Sozialismus in seiner Zeit nicht die Kraft hatte, dem Platz im Straßenbahnkreisel ein angemessenes Kunstwerk zu schenken, etwa eines für den hussitischen Zug zur Ostsee oder für Jean Rapp, den napoleonischen Gouverneur der Republik Danzig.

Nepomuk in Stadlau

Österreich ist noch immer ein katholisches Land und pflegt deshalb auch einiges katholisches Brauchtum. So gibt es in manchen Stationen der Wiener U-Bahn Figuren der heiligen Barbara, der Schutzpatronin des Tunnelbaus. Sie sind immer klein und mehr oder weniger kitschig und stehen immer mehr oder weniger versteckt in verglasten Nischen, hier etwa am U3-Bahnsteig am Westbahnhof.

barbarau3westbahnhof

Jedes Wort über derlei harmlose Folklore ist eines zu viel.

Anders ist es mit einer Darstellung des Johannes von Nepomuk am U- und S-Bahnhof Stadlau. Er gilt, da er von der Prager Karlsbrücke geworfen zum Märtyrer wurde, auch als Brückenheiliger und paßt damit gut an die U2, die nach der Innenstadt fast ausschließlich auf einer aufgestützten Trasse verläuft.

brueckejohannesvonnepomukstadlau

Auf dem bloßen Beton der großen dreieckigen Stützen beim Bahnhofseingang der rote Metallumriß einer menschlichen Gestalt und das Wort „Nepomuk“ aus grünen Metallbuchstaben – das ist der Stadlauer Johannes von Nepomuk. Und das genügt.

johannesvonnepomukstadlau

In dem Umriß sieht man das Birett auf seinem Kopf, die Palmzweige links, das Kruzifix rechts, das lange Gewand und irgendwie sogar die barock verrenkte Haltung, in der er steht. Wer einmal eine barocke Nepomukskulptur gesehen hat – und es ist schwer, das in Österreich nicht getan zu haben – füllt sich den Umriß auf dem Beton mit dieser. Das Bild des allgegenwärtigen Heiligen ist so stark, daß es nurmehr angedeutet werden muß.

Diese Gestaltung ist auch die einzig angemessene für eine zeitgenössische Heiligendarstellung, denn eine solche ist immer nur eine leere Hülle, der der Kern fehlt: der Glaube. Österreich mag katholisch sein, aber gläubig ist es nicht. Den Glauben an die wundertätige und brückenbeschützende Kraft von Heiligenstatuen, diesen volkstümlichen und von einer starken Kirche durchgesetzten Glauben, der ganz Österreich und halb Europa mit unzähligen Johannes von Nepomuks bedeckte, diesen aus Armut und Verzweiflung erwachsenden Glauben, den gibt es hier nicht mehr. Wie John Dolan in „Dead Catholics“, seinem schönen Text über amerikanischen Katholizismus und Punk, schrieb:

„Anyone born in the developed world after 1945 who actually believes in some supernatural spook is mentally ill. You didn’t have to believe in God to believe in the Church. Unlike God, the Church actually existed“ (Jeder, der nach 1945 in einem Industrieland geboren wurde und wirklich an irgendein übernatürliches Zeug glaubt, ist geisteskrank. Man mußte nicht an Gott glauben, um an die Kirche zu glauben. Anders als Gott existierte die Kirche nämlich wirklich.)

Das Fortbestehen der Kirche kann ein Problem sein, wenn es auch in einem Land wie Österreich gegenwärtig kein sehr großes ist. Ihre Bräuche und ihre Kunst aber sind durch den Wegfall des Glaubens zu Folklore geworden. Und wenn die sich so subtil und beziehungsreich ausdrückt wie im Werk des Bildhauers Werner Feiersinger in Stadlau, ist das auch halb so schlimm.

Johannes von Nepomuk mit Blumen

An der Ecke Heiligenstädter Straße/Sickenberggasse im 19. Bezirk wird die hübsche, gleichsam ländliche Tradition gepflegt, dem dort stehenden Johannes von Nepomuk jeweils saisontypische Blumen oder Pflanzen in den Arm zu legen. Meist sind es künstliche, teilweise aber sogar echte Pflanzen.

JohannesVonNepomukLila

Die Skulptur scheint für diesen Schmuck wie gemacht, da ihr rechter Arm eine Lücke hat, die Forsythien oder anderes gut hält. Statt die Hand in etwas gespreizter Geste, die an Überraschung denken läßt, auf die Brust zu stützen, scheint dieser Johannes von Nepomuk sich nun leicht vorzubeugen und im Begriff zu sein, sowohl die Blumen in seinem rechten Arm als auch die Palmwedel und das Kruzifix in seinem linken Arm jemandem geben, schenken zu wollen.

JohannesVonNepomukForsythien

Bloß bleibt unklar, an wen er sich richten könnte. Zwar ist es, als seien die Gebäude der Umgebung um die Skulptur von 1709 oder 1710 herumgebaut. Sogar das Haus, vor dem sie steht, hat für sie eine ausgesparte Ecke.

JohannesVonNepomukHeiligenstädterStraße

Doch leider bringt das wenig, da sie genau schräg zur sehr nahen Straßenecke ausgerichtet ist. Man müßte auf der vielbefahrenen Heiligstädter Straße stehen, um sie von vorne zu sehen. So bleibt von diesem blumengeschmückten Heiligen bloß ein vager Eindruck von Freundlichkeit.

Mein Lieblingsheiliger

Mein Lieblingsheiliger ist Johannes von Nepomuk.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfStatue

Die Connaisseure mögen nun die Nase rümpfen, Johannes von Nepomuk, das ist doch so ein Einstiegsheiliger, einer, den man in Ländern des alten Österreich an jeder Ecke sieht, einer, von dem nur jemand aus protestantischen Gegenden, der zum ersten Mal einem Heiligen begegnet, begeistert sein kann. Eine originelle Wahl ist das in der Tat nicht. Aber ich mag an Johannes von Nepomuk gerade seine Popularität und Ubiquität. Auch in der Architektur interessiert mich das Vorgefertigte und Repetitive mehr als das Auffällige und Experimentelle, auch beim Essen ziehe ich McDonald’s einem Sternerestaurant vor. Gerade daß Johannes von Nepomuk in abertausenden Varianten existiert, daß jeder Steinmetz in jedem Dorf unter habsburgischer Herrschaft sich im 18. Jahrhundert an einer Nepomuk-Skulptur versuchen mußte, macht ihn zu meinem Lieblingsheiligen. Das heißt nicht, daß ich nicht auch einmal einen etwas weniger mainstreamigen Heiligen wie etwa Donatus genießen kann, vor allem, wenn er wie hier in Rodaun mit Sichel dargestellt ist,

DonatusRodaun

aber letztlich kehre ich doch immer gerne zum Rock des Johannes von Nepomuk zurück.

Heiliger Jeremy von Islington

Schwer zu sagen, ob derjenige, der dem Johannes von Nepomuk bei der Rossauer Brücke am Donaukanal eine Schiebermütze aufsetzte, wußte, was er da tat.

JohannesVonNepomukRossauerBrücke

Vielleicht begriff er bei dieser mutmaßlich nächtlichen, mutmaßlich trunkenen Tat zumindest, daß die graue Farbe der Mütze gut zur grauen Farbe des Steins paßte, so gut sogar, daß dem kurzsichtigen Blick bei bestimmten Lichtverhältnissen lange nicht einmal auffällt, daß sie nicht Teil der Skulptur ist. Was den späteren Eingriff verrät, ist letztlich mehr die allzu forsche, allzu coole Art, wie die Mütze weit in die Stirn ragend auf den Locken des Heiligen sitzt, als ihr Unterschied zur typischen Nepomuk’schen Kopfbedeckung, dem vierkantigen Birett .

Doch damit irgendetwas von dem bemerkt werden könnte, müßte die Skulptur ja erst einmal angesehen werde, was an dieser stark befahrenen Kreuzung recht unwahrscheinlich ist.

JohannesVonNepomukRossauerBrückeKreuzung

Dabei würde es sich lohnen. Das Kruzifix in den Armen dieses Johannes von Nepomuk ist ungewöhnlich groß und er hält es noch über seiner Augenhöhe in einigem Abstand vor sich. Sein Blick geht leicht nach oben und hat nichts Verzücktes, Schwelgendes, ja, er wirkt geradezu, als ob er den kleinen Jesus am Kreuz nachdenklich musterte.

JohannesVonNepomukRossauerBrückeDetail

Verwandelt wird die Skulptur durch die Schiebermütze. Nun sieht man in dem bärtigen, scharfgeschnittenen Gesicht nicht mehr Johannes von Nepomuk, den Märtyrer aus dem 14. Jahrhundert und Star der habsburgischen Gegenreformation, sondern Jeremy Corbyn, den britischen Oppositionsführer und Star der linken Sozialdemokratie. Wer auch immer der Skulptur die graue Mütze aufsetzte, schuf also unfreiwillig ein neues, visionäres Kunstwerk. Es könnte heißen: „Premierminister Corbyn im kritischen Dialog mit dem Islamischen Staat“.