Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Gdańsk, vorher Frankfurt am Main, Berlin, Zittau und Wien.

Kommunisten in Wachenbuchen

Wachenbuchen ist ein Dorf, das etwas zufällig zu Maintal gehört, während das nahe und namensverwandte Mittelbuchen sich in den Siebzigern für Hanau entscheid, und es hat nichts Ungewöhnliches.

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Außen Einfamilienhäuser, innen Fachwerkhäuser, eine unglücklich zitronengelb renovierte Kirche auf dem höchsten Punkt, ein freistehendes Fachwerkrathaus mit rundem Treppenturm davor.

Nirgends würde man weniger an die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) denken als hier.

Und doch ist sie da, an einer pittoresk die Spuren der Zeit zeigenden steinernen Scheunenwand mit kleinem halbrundem Fenster in der Straße Alt-Wachenbuchen.

In großen roten Buchstaben, die einst weiß übermalt waren, steht mittig KP und undeutlicher D.

Am besten lesbar ist weiter rechts kleiner in zwei Zeilen und dick unterstrichen: „Wählt Kommunist“.

Das u sieht eher wie ein o aus und von der mutmaßlichen Fortsetzung zu „Kommunisten!“ ist nichts zu sehen. Links wiederholt sich diese Aufschrift weniger gut erhalten.

Nach dem KPD schließlich ist ein Symbol, das einen Kreis, aus dem eine rote Fahne erwächst, zeigen könnte.

Es ist letztlich kaum faßbar, eine solche Aufschrift zu lesen, und es wird geradezu surreal dadurch, daß es im Dorf Wachenbuchen und nicht etwa in der nahen Industriestadt Hanau ist. Das zeigt die Bedeutung, die die KPD einst hatte. Einiges könnte dafür sprechen, daß die Aufschrift von vor 1933 ist, da die Partei nach der Verfolgung in der Nazizeit geschwächt war und nach 1945 in Westdeutschland nur kurz ungehindert arbeiten konnte, bevor sie neuen Repressionen ausgesetzt und 1956 verboten wurde. In Wachenbuchen steht für die KPD der bayrischstämmige Kommunist Karl Diez, der von 1921 bis 1928 stellvertretender Bürgermeister und von 1945 bis 1948 Bürgermeister war, was wiederum auf eine Entstehung der Aufschrift in der Nachkriegszeit, vielleicht zur hessischen Landtagswahl 1946, spricht. Eindeutig ist das nicht zu sagen.

Offensichtlich ist jedoch, daß die rote Farbe stärker war als die später darüber gemalte und das läßt sich als Symbol für die Stärke der revolutionären Linken und der historisch-materialistischen Weltanschauung nutzen. An dieser Wand in Wachenbuchen blickt man also auch hinter den Putz und die Wärmedämmung unzähliger anderer Wände und erahnt die unterdrückten fortschrittlichen Traditionen auch anderer Orte. Überall ist mehr als man sieht und das sollte Hoffnung machen.

Šumná

Šumná hat alles, was ein südmährisches Dorf braucht. Eine lange Straße, die zugleich Landstraße ist, mit vielen typischen eingeschossigen und satteldächigen Bauernhäusern. Ein, zwei Parallel- und Querstraßen, an denen sich etwas mehr etwas größere Häuser aus der ersten Republik und der sozialistischen Zeit darunter mischen. Einen coop-Laden, ein Gemeindeamt mit Post, eine Schule und eine Kneipe. Eine turmartige Kapelle an der Straße, Erzeugnis einer Glaubensaufwallung im späten 19. Jahrhundert und heute mit kitschigen Figuren gefüllt.

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Sogar eine Kirche hat Šumná und die ist sogar ein ungewöhnlicher Bau. Schmucklos weiß, an den Breitseiten oben rechteckige vertikale Fenster, hinten ein großes rundes Fenster und vorne im Satteldach ein Turm mit höher gesetztem Satteldach, das durch eine halbrunde Öffnung brückenähnlich wirkt, und Kreuz, das aber auf einem halbrunden Bogen sitzt und wie in die Tiefe, ins Dreidimensionale gezogen wirkt.

Man könnte die Kirche für einen renovierten Bau aus der ersten Republik oder dem Protektorat halten, doch in Wirklichkeit wurde sie erst 2008 fertiggestellt, Erzeugnis wohl weniger einer Glaubensaufwallung als der Bemühungen eines Pfarrers. Über dem Eingang steht auf einer großen Steinplatte ein Bibelzitat:

„Wenn auf euch der heilige Geist kommt, werdet ihr Macht bekommen und werdet meine Zeugen in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien, ja, bis ans Ende der Welt Apg 1,8“

Das Ende der Welt ist Šumná immerhin nicht. Angrenzend an die Grünfläche der Kirche, die zwischen den beiden Querstraßen liegt, ist ein kleines Wohngebiet aus zwei dreigeschossigen Gebäuden und vier Gebäuden eines Typs, der links drei und rechts versetzt zwei Geschosse auf einem halbversenkten Kellergeschoß hat.

Es öffnet sich in lockerer V-Form von der Kirche weg, zu den Gleisen hin. Denn was Šumná von vielen anderen südmährischen Dörfern unterscheidet, ist, daß es einen Bahnanschluß hat, der es mit Znojmo oder Jihlava und dem Rest der Welt verbindet.

Das bedeutet, daß es hier einen Bahnhof gibt, einen schlichten zweigeschossigen Bau, der wie viele Bahnhöfe an dieser Strecke seinen Namen noch in blauen Buchstaben auf weißen leuchtenden Rechtecken hat.

Das bedeutet auch, daß direkt hinter dem Bahnhof, auf der anderen Seite der Straße und einer Grünanlage etwas erhöht gelegen, ein Hotel ist. Mit zwei Geschossen und Satteldächern war es zu seiner Erbauungszeit wohl das größte Gebäude im Ort. In den Fünfzigern oder Sechzigern bekam es eine Leuchtreklame in Schreibschrift, bloß das Wort Hotel, Verwechslungsgefahr gab es keine. Daneben ist die Aufschrift Restaurace (Restaurant) mit dem ähren- und zahnradumrandeten runden Logo der Konsumgenossenschaft Jednota (Einheit), die heute als coop Jednota kleine Läden in kleinen Orten wie Šumná betreibt.

Das alles ist noch genau so zu sehen, unberührt seit der Schließung des Hotels vor vermutlich bald dreißig Jahren. Vielleicht braucht ein südmährisches Dorf auch kein Hotel, doch es war schön, daß Šumná einmal mehr hatte als es brauchte.

Wybicki auf dem Parkplatz

Kościerzyna ist nicht nur eine der selbsterklärten Hauptstädte der Kaszuby (des kaschubischen Lands), sondern auch die Stadt von Józef Wybicki, dem Autoren der polnischen Nationalhymne, der in der Nähe geboren wurde. Wybicki steht, fast mehr als die kaschubische Sprache und Kultur, für die geschichtliche Verbindung dieser nördlichen Landesteile zu Polen und entsprechend oft ist er in der Stadt und anderswo geehrt. Sein Relief hängt am Museum am Rynek (Marktplatz), er ist genannt auf einer Tafel zur Namensgebung der abzweigenden Partyzantów (Straße der Partisanen)

„Zur Erinnerung an die heldenhaften Kämpfe der Kościerzynaer Partisanen mit dem hitlerschen Okkupanten benannte das dankbare kaschubische Volk diese Straße zum 200. Geburtstag des großen Sohnes dieses Landes, J. Wybicki, sowie am Tag der Stiftung der Standarte für den örtlichen Verband der Teilnehmer des bewaffneten Kampfs um Unabhängigkeit und Demokratie um/ Kościerzyna, den 28. 9. 1947“

und auch ein großer Stein vor dem preußischen Backsteinklotz des einstigen Lehrerbildungsinstituts ist ihm gewidmet.

„Józef Wybicki, dem Autoren der Nationalhymne, zum 200. Geburtstag/Die dankbare Jugend/1749-1949“

Wybicki hat all diese Ehrungen zweifelsohne verdient und die von ihm verfaßte polnische Hymne erst recht, denn sie ist eine der schönsten Nationalhymnen überhaupt. Sie ist das vor allem dadurch, daß sie als „Pieśn legionów polskich we Włoszech“ (Lied der polnischen Legionen in Italien) entstand. Wybicki selbst war Offizier dieser von Jan Henryk Dąbrowski geführten Truppen, in denen sich diejenigen Polen organisiert hatten, die erkannt hatten, daß nach dem gescheiterten Kościuszko-Aufstand von 1794 die einzige Chance auf die Wiederherstellung eines polnischen Staats darin bestand, sich mit der stärksten und fortschrittlichsten Kraft der Zeit, dem revolutionären Frankreich und Napoleon, zu verbinden. Daß das nicht selbstverständlich war, zeigt das Beispiel von Tadeusz Kościuszko selbst, der in typisch polnischer Selbstüberschätzung meinte, zwischen Akzeptanz der polnischen Teilungen und Zusammenarbeit mit Frankreich ein irreales Drittes wählen zu können.

Das Lied ist dementsprechend aus einer Position der Schwäche geschrieben, es erzählt von dem Streben, unter der Führung Dąbrowskis Polen von der Fremdherrschaft zu befreien. Es erhebt dabei, anders als etwa die deutsche Hymne, keine territorialen Ansprüche oder rühmt Polen auch nur auf besondere Weise. Und es enthält, was angesichts der heutigen Situation in Polen bemerkenswert ist, keinerlei Bezug auf Gott. Genannt ist dafür Napoleon: „Dał nam przykład Bonaparte jak zwyciężać mamy“ (Bonaparte gab uns das Beispiel wie wir siegen sollen). Diese Zeile gibt manchen Anlaß zum Spott, Napoleon habe ja am Ende gar nicht gesiegt, aber das ist unhistorisch gedacht: Napoleon siegte, indem er auch seine Gegner zwang, bürgerliche Reformen durchzusetzen und den Feudalismus zugunsten des Kapitalismus zurückzudrängen. Waterloo hin oder her, die Welt konnte nie wieder hinter 1789 zurück. Auch Polen gewann durch das Wirken Napoleons polnischer Verbündeter immerhin im Jahre 1807 das Herzogtum Warschau, aus dem auf dem Wiener Kongreß 1815 das zu Rußland gehörige Königreich Polen wurde, und in beiden hatte Wybicki hohe Ämter. Vielleicht war das nicht viel, aber historisch war es gewiß bedeutungsvoll, daß Städte wie Warschau von Preußen an Rußland kamen, denn die antipolnische Politik in beiden Ländern war unterschiedlich stark und erfolgreich.

Angesichts all dessen, wofür Wybicki steht, und des Inhalts der Hymne hatte auch der sozialistische polnische Staat guten Grund, ihn zu ehren, und hätte er dies auch gehabt, wenn er den Sozialismus etwas konsequenter betrieben hätte. In Kościerzyna entstand im Jahre 1975 daher ein großes Denkmal für Wybicki. Es steht im flachen Tal vor der Altstadt, so daß er auf deren Panorama blickt.

Ganz aus grauem Stein zeigt es links weit überlebensgroß stehend Wybicki, der sich rechts auf eine Art Pult stützt, aus dem schräg nach hinten zerklüfftete horizontale Streben gleich Flammen oder den Flügeln des polnischen Wappenadlers erwachsen, während der Sockel, wie in der polnischen Denkmalgestaltung dieser Zeit üblich, aus stilisierten horizontalen Steinblöcken besteht.

Auf der Vorderseite des Pults stehen die Anfangszeilen der polnischen Hymne, auf dem linken Block unter Wybickis Füßen Name und Lebensdaten (1749-1822), und hinten noch einige Worte, die den Bezug zur Gegenwart herstellen: „Erygowano w 175. rocznice powstania hymnu nardowego/Wniesiono w XXX. lecie Polskiej Rzeczypospolitej Ludowej“ (Errichtet zum 175. Jubiläum der Entstehung der Nationalhymne/Erbaut zum XXX. Jahrestag der Polnischen Volksrepublik“.  So entsteht ein gelungenes, aber auch recht konventionelles Denkmal, das der Erinnerung an Wybicki gewiß gerecht wird, ihr aber auch nichts eigenes hinzufügt. Gut gewählt ist die Lage vor der Altstadt, aber mit klaren Bezug zu ihr, wo das Denkmal den nötigen Platz hat, während es etwa Kościerzynas Rynek monumental beherrschan würde.

Gerade die Lage ist heute unweigerlich das Auffälligste an dem Denkmal, denn es steht mitten auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums.

Links ein zweigeschossiges Gebäude, in dem unten ein KFC Drive-Thru ist, hinter ihm ein flacher Teil, der rechts in die Galeria Wybicki übergeht, im Hintergrund ein hohes Kaufland-Schild und ringsum Parkplätze. Alles sieht aus wie ein beliebiges kleinstädtisches Einkaufsareal in Polen oder anderswo, bloß steht mittendrin ein überlebensgroßes Denkmal aus grauem Stein.

Der Kontrast ist so enorm, daß er geradezu surreal wirkt. Auch die Versuche, das nächste Umfeld mit Bänken und Informationstafeln zu gestalten, ändert nichts an der Tatsache: hier steht eine wichtige Figur der polnischen Geschichte und der wichtigste Sohn des Landstrichs auf einem Einkaufszentrumsparkplatz. Es ist kaum möglich, das Denkmal zu photographieren, ohne den mediaexpert-Schriftzug im Hindergrund zu haben. Wenn jemand eine Karikatur des heutigen kapitalistischen Polens bauen wollte, er müßte an dieser Kościerzynaer Situation nichts verändern. Wieso also noch Karikaturen, wenn sich das System auf solche Weise selbst karikiert? Zuerst scheint es schier unglaublich, was man hier sieht – Wybicki auf dem Parkplatz, aber schnell muß man akzeptieren, daß eben jedes System die Denkmäler hat, die es verdient.

Johannes von Nepomuk zwischen Engeln

In Kłodzko steht Johannes von Nepomuk nicht nur mit anderen Heiligen auf der gotischen Brücke, die in den oberen Teil der Altstadt führt, und bei der Mariensäule beim Rathaus, sondern auch allein und größer vor der gotischen Kościół Wniebowzięcia Najświętszej Marii Panny (Mariä-Himmelfahrts-Kirche). Ist deren enger Bereich von preußischen Mietskasernen umstellt und entsprechend unangenehm, so hat Nepomuk immerhin den besten Platz gegenüber dem Eingang der Kirche.

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Die Skulptur entspricht ganz den Konventionen und der hohe Sockel trägt eine lateinische Inschrift und das Wappen des stiftenden Statthalters Maximilian Mitrowski von Mitrowiz.

Auch ist Nepomuk nicht ganz alleine, denn auf vier bis auf die Höhe des Sockels reichenden Säulen in den Ecken des ihn umgebenden Steingeländers stehen, nein, knien vier kleine Engelchen, die auf ihn bezogene Attribute tragen. Links vorne ist dies der Palmzweig der Märtyrer

und links hinten der zum Zeichen der Verschwiegenheit auf den Mund gelegte Finger sowie ungewöhnlicherweise ein Eichenzweig.

Den beiden rechten Figuren aber scheint etwas zu fehlen, das sie zwischen den unten und oben ausgestreckten Händen trugen, so daß sie etwas hilflos in einer sinnlos gewordenen Geste daknien.

Dasselbe ließe sich gewiß von barocken Heiligenskulpturen allgemein sagen, für die sich auch im katholischen, aber völlig marien- und papstfixierten Polen niemand mehr interessiert.

Für den Nepomukfreund aber ist diese Darstellung seines Lieblingsheiligen sogar besonders interessant, weil sie mit den vier Engelchen den Standardtyp der Nepomukdenkmäler ergänzt. Noch interessanter wird sie dadurch, daß im dreißig Kilometer westlich an der tschechischen Grenze gelegenen Lewin ein ähnlicher Nepomuk steht und also vielleicht von einem der einstigen Grafschaft Glatz (Kłodzko) spezifischen Untertyp zu sprechen ist.

Auf dem Rynek (Marktplatz) von Lewin, der von der Straße, die ihn der Länge nach durchzieht, leicht ansteigt, steht Johannes von Nepomuk unübersehbar in der Mitte des unteren Teils. Weder ein kleines neues Denkmal links noch eines mit Grunwaldschwertern rechts oben und auch nicht die meist einfachen und schmucklosen Häuser können oder wollen mit ihm konkurrieren. Einzig ein riesiger Bau in der Mitte der oberen Platzseite mit geradezu rokokoartigen Blumenornamenten, zwei hohen Geschossen und einem großen, durch ein auffälliges gewelltes Sims geteilten Giebel vor dem Dach – ein Bau, der weder Kirche noch Rathaus ist und als freistehendes Schloß vielleicht weniger erstaunen würde denn als Teil einer Platzbebauung – zieht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich, doch anders als der frischrenovierte Nepomuk ist er in recht desolatem Zustand.

Der Lewiner Johannes von Nepomuk steht auf einem mit lateinischen Chronogrammen und einer deutschen Inschrift geschmückten Sockel, aber dieser ruht seinerseits auf einer weit über einen zweiten Sockel herausragenden quadratischen Plattform, in deren Ecken auf quadratischen Erweiterungen vier Engel angeordnet sind.

Sie stehen hier aufrecht und tragen, wiewohl halbnackt, wallende Gewänder, die sich auch über die Flügel auf ihren Rücken legen. Der links vorne hält ein offenes Buch, in das er zeigt, der rechts vorne einen fünfsternigen Heiligenschein, der rechts hinten eine Art runden Käfig mit einer Zunge, anderes Symbol der Verschwiegenheit, und der links hinten Ketten mit Handschellen.

Angesichts dieses Beispiels von 1717  kann man vermuten, daß die rechten Engelchen beim 1731 errichteten Nepomuk in Kłodzko einst Heiligenschein und Zungenkäfig hielten.

In Lewin jedoch sind die Engelchen nicht nur allegorische Zusätze zum Nepomukdenkmal. In einem Bogen von rechts unten nach links und weiter nach rechts oben verläuft auf der Rückseite der Skulptur, über Rock und Mantel des Heiligen, ein Band aus Wolken. Es kulminiert auf seiner in einer Ballung aus Wolken und Gewandfalten, aus der ein Arm ragt und einen Heiligenschein stützt.

Von vorne, nun links neben dem Kopf des Heiligen, erkennt man das schwebende Engelchen mit heiligenscheinumgebenem Kruzifix in den Armen.

Es präsentiert Nepomuk, der den Kopf zu ihm gewandt und eine Hand überrascht auf die Brust gelegt hat, sein Attribut, überreicht ihm das Kruzifix, das er von nun an tragen wird. Die Szene selbst gibt es öfter, aber wie sie sich hier mit den umstehenden Engeln verbindet, ganz konkret durch ein Band verbindet, ist meisterhaft. Während Nepomuk zumeist einfach dasteht und auch in Kłodzko einfach von Allegorien begleitet ist, wird hier eine ganze Geschichte voller Bewegung und Dramatik erzählt. Dieser Nepomuk allein genügt als Grund, das kleine Lewin zu besuchen.

Kilianstädter Mühle

Kilianstädten ist zuerst seine Mühle.

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Unübersehbar groß ragen ihre Gebäude und Silos an der Biegung der Nidder, der Bahnstrecke und der Landstraße auf.

Auch schon mehrere Dörfer vorher und von den niedrigen Hügeln des Umlands sind sie zu sehen, denn Mühle, das ist hier kein romantischer Handwerksbau mit Wasserrad, sondern ein Industriebetrieb.

Ursprünglich, noch bis vor hundert Jahren vielleicht, war das anders, aber das ist lange her. Der Kilianstädter Mühle H. Thylmann, wie sie sich an den höchsten Punkten ihrer Gebäude und Silos vorstellt, sieht man den Weg vom Handwerk zur Industrie noch gut an, da in ihr das Neue gänzlich nonchalant an das Alte angebaut wurde.

Ihr Kern ist quer zur Landstraße ein Fachwerkhaus, das mit drei Geschossen, ausgebautem Walmdach und insgesamt groß vielleicht auch nicht sehr alt, aber deutlich der überkommenen Bautradition verpflichtet ist.

Es steht jedoch, teils nicht bloß im übertragenen Sinne, im Schatten eines hinter ihm anschließenden und nach rechts parallel zur Straße verlaufenden sechsgeschossigen Backsteinbaus. Dieser industrielle Kern der Mühle ist ein kahler und eckiger Zweckbau, der dennoch gleichsam stolz auf seine Funktionalität und schiere Größe, durch die das Alte winzig wirkt, zu sein scheint. Nur ganz rechts hat er ein mehrere Geschosse übergreifendes vertikales Fensterband vor dem Treppenhaus, während Betonbalkone und Stahltreppen im Winkel eines etwas zurückgesetzt anschließenden Gebäude erahnen lassen, daß seine tragenden Teile aus moderneren Materialien als Backstein sind.

Ab hier ist die Kilianstädter Mühle ein Industriegelände, dessen einzelne Bauten sicher einer gewissen inneren Logik folgend angeordnet sind, aber für den unkundigen Betrachter wie beliebig verstreut wirken.

Da sind große walzenförmige Betonsilos mit einem nur aus Backstein und Glas bestehenden Treppenbau und ein turmartiges Gebäude aus hellem Blech und Beton, in dem in schlichten schwarzen Großbuchstaben „H. Thylmann/Kilianstädtermühle“ steht. Da sind Hallen aus verschiedenen Zeiten, auf denen am Rand die etwas beliebigen Logos der zugehörigen Großbäckerei Jung & Schmitt sind. Da sind zum Fluß hin Brücken, Kanäle und Gleisanlagen.

Neben dieser großen, industriellen, unübersehbaren Seite hat die Kilianstädter Mühle aber noch eine zierliche, private, beinahe versteckte. Links des Fachwerkhauses ist hinter Bäumen von Kanal und Fluß begrenzt ein großer Garten, zu dem sich dieses mit einem Erweiterungsbau öffnet. Er hat weißen Putz und leicht überstehende Flachdächer, in der Mitte einen großen dreigeschossigen Eingangstrakt mit gelben Glasflächen vor dem Treppenhaus und beidseits davon zwei zweigeschossige Teile mit großen horizontalen Fenstern und Dachterrassen, wobei der linke, hintere, nicht so weit vorsteht wie der Eingang und der rechte, straßennähere.

Dieser Erweiterungsbau, der wie das Fachwerkhaus Wohnzwecken dient, ist das Schmuckstück der Kilianstädter Mühle. Während die mächtigen Industriebauten beeindruckend sind, ist er auf ganz simple Weise schön. Dabei ist das Prinzip dasselbe: nonchalantes Anfügen des Neuen an das Alte. Doch wo durch den sechsgeschossigen Backsteinbau ein schroffer Kontrast zum Fachwerkhaus entsteht, bildet der Erweiterungsbau mit diesem eine harmonische Einheit. Durch ihn wird der alte Bau aufgehoben, er führt ihn zum Garten hin. Neben den großen Fenstern sind dafür die beiden großen Dachterrassen entscheidend: man sitzt oder steht dort vor dem Fachwerk und blickt durch das Stahlgeländer ins Grüne. Die unauffällige funktionale Architektur des Gartenanbaus, frei von historistischen Bezügen wie von modernistischen Spielereien, würde man auf die westdeutschen Fünfziger schätzen, da in der Zeit viel dergleichen gebaut wurde; daß er tatsächlich von 1932 ist, macht ihn nicht schöner, aber erstaunlicher.

Die Kilianstädter Mühle, deren Baugeschichte wie ein offenes Buch daliegt, tut dem Betrachter den Gefallen, auch schriftlich von sich zu erzählen. Genauer gesagt sind es die Werke des namensgebenden Heinrich Thylmann, von denen unter einem Wappenrelief eine Inschriftstafel aus rotem Sandstein in der Wand des Backsteinbaus kurz nach dem Fachwerkhaus erzählt:

„Heinrich Thylmann geb. 1887 setzte die 1911 abgebrannte Mühle 1918 wieder in Betrieb. Er baute auf: im Jahre 1925 die Turbinenanlage, 1926 den Keller im Mühlberg, 1928 den Silo im Hausgarten, 1929 die Mühlgrabenbrücke, 1931 Büro, Garagen u. Stallungen, 1932 den Gartenanbau d. Wohnhauses, 1933 die Holz- und Maschinenhalle u. 4 Stockwerke der Mühle, 1934 Bahnhofstrasse und Wagenhalle, 1935 Transformatorenhaus und Gleisanschluss, 1936 den grossen Silo am Gleis u. schliesslich anno 1937 die Feuerlöschanlage.“

Schon die Lektüre vermittelt  das rasante Wachstum der Mühle zum ortsprägenden Industriebetrieb gut, aber es ist die Betrachtung der aufgezählten Gebäude ringsum, durch die sie ihre ganze Stärke gewinnt. Genau wie die Architektur brauchen die Worte der Inschrift nicht zu prahlen, um zu beeindrucken, die sachliche Aufzählung genügt völlig. Es ist schade, daß die Tafel nicht später um eine weitere ergänzt wude, denn gebaut wurde weiter viel und Thylmann war 1937 erst fünfzig. Er starb 1959 und sah vielleicht sogar noch, wie sein Name später hoch oben im Beton stand. In der realistisch möglichen westdeutschen Version der weiteren Inschrift wären dann die Leerstellen, Thylmanns selbstverständliche Naziverstrickung und mutmaßliche Zwangsarbeiterbeschäftigung in der Mühle betreffend, interessant. Von einer gesamtdeutsch-sozialistischen Version, die die Perspektive von den Leistungen des Kapitalisten zu denen der Arbeiter und auch den Namen der Mühle ändern würde, kann man nur träumen. Heute gehört Heinrich Thylmann das größte, wenn auch nicht auffällig große, Grab auf dem Kilianstädter Friedhof, das auf Dorf und Mühle hinabblickt.

Die einzige spätere Äußerung der Kilianstädter Mühle ist eine Aufschrift auf den Balken über dem zweiten Geschoß des Fachwerkhauses:

„1351/Sechshundert lange Jahre stund/die Mühle hier in diesem Grund/Gott half bei Sonnenschein und Not/er geb auch ferner Mehl und Brot/1951“

Ist die Information auch willkommen, so paßt der Blick zurück nicht ganz, denn nicht Tradition, sondern der Bruch mit ihr zeichnet diese Mühle aus und nicht nur 1351, auch 1851, ach, auch 1901, waren und sind hier fern.

Heute denn sind die besten Zeiten der Kilianstädter Mühle vorbei: seit Anfang des Jahres ist sie nicht mehr in Betrieb, obwohl sie erst 2008 ein neues Mehlsilo bekommen hatte und als größte Mühle der Region in einem vor einigen Jahren zerschlagenen Mühlenkartell aktiv war. Kilianstädten wird sie weiterhin prägen.

Das verwunschene Schwimmbad

Während Głuchołazy nur zu gerne an die imaginierten Glanzzeiten als preußischer Kurort Bad Ziegenhals anknüpfen würde, was schon allein deshalb nie funktionieren wird, weil kaiserzeitliche Hotels verfallen, während die wenigen neuen Hotels nach rein gar nichts aussehen, möchte es die sozialistische Epoche am liebsten vergessen machen. Das wiederum gelingt beinahe, denn allzuviel für den Kurbetrieb Bedeutsames wurde in ihr nicht gebaut.

Wenn man durch den Kurpark geht, der in den lichten Laubwald des Góra Parkowa (Parkbergs) übergeht, stößt man bloß auf einen für Blicke undurchlässigen Zaun, und wenn man in weitem Bogen herumgeführt wird, erahnt man hinter Rhododendronbüschen und der überwucherten Talsohle bloß ein weißes Gebäude.

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Nur von der Straße, die der imaginierte Kurgast aber nie gehen müßte, sieht man es in seiner ganzen Schönheit. Außer der weißen Farbe hat es hölzerne Rahmen, die jeweils mehrere Fenster zusammenfassen. Mit breiten vorgesetzten Holzelementen, die von den Wänden zu den Glasflächen geschwungen vorragen, ähneln sie eher Bilder- als Fensterrahmen und lassen die gerahmten Teile transparenter wirken als es die Öffnungen tatsächlich wären.

Links ist ein zweigeschossiger Bauteil, der im Obergeschoß einen horizontalen Rahmen hat, rechts weiter vorgesetzt ist ein dreigeschossiger Bauteil, der im obersten Geschoß nach hinten, zum Park hin, eine überdachte Terrasse hat. Bei ihm ist ein vertikaler Rahmen an der linken Seite, ein großer quadratischer Rahmen an der Vorderseite und ein horizontaler Rahmen im Obergeschoß an der rechten Seite.

Auch das rechteckige Vordach über dem Eingang ist mit Holz verkleidet. Ein repräsentatives Hotelgebäude seiner Zeit, könnte man denken, das mit den Holzrahmen ein ungewöhnliches und markantes Dekorationselement hat, heute eine Ruine.

Doch das Wichtigste sieht man weder vom Park noch von der Straße, es liegt versteckt im Tal. Das Gebäude hat zu dieser Seite noch zwei niedrigere Geschosse, die in wuchernder Vegetation verschwinden.

An der linken Seite führt eine breite Treppe den recht steilen Hang hinab.

Unten dann ist ein dichter Wald mit lauter jungen Bäumen, die in teils sumpfigem Grasboden wachsen. Aber zwischen dem Grün und Braun ist ein dezidiert unnatürliches Hellblau: horizontal gesetzte Kacheln.

Unter all der Natur sieht man noch immer das Schwimmbad.

Es war auch kein konventionelles, sondern bestand aus mehreren über niedrige Treppen miteinander verbundenen vieleckigen Becken, die anscheinend selbst nicht sehr tief waren.

Wo sich einst Kurgäste erholten, ist jetzt ein, zugegebenermaßen sehr reizvolles Biotop, ein verwunschenes Schwimmbad mitten im Park von Głuchołazy.

Von den weiteren Teilen des Parks sieht man, daß das Schwimmbad offenbar mit dem Wasser des aus den Bergen kommenden Bachs, der vor dem Gelände in einer hohen Betonwand verschwindet, betrieben wurde.

Das, wenn auch sonst nichts, kann darauf hinweisen, daß die Geschichte des Schwimmbads und seines Gebäudes eine etwas andere ist, als der heutige Archäologe ohne Studium von Sekundärquellen denken könnte. Nicht aus der sozialistischen Zeit nämlich stammt es, sondern aus den dreißiger Jahren, als, wie schon im ersten Jahrzehnt der Zwischenkriegszeit, mit ungeheiztem Wasser aus Bächen und Quellen betriebene Freibäder häufig gebaut wurden. Ein Gebäude wie das einstige Hotel Waldbad hatten indessen nur wenige von ihnen. Wie die glücklicherweise reichhaltig zur Verfügung stehenden Bilder zeigen, war es ein stattlicher und sachlicher Bau, dessen Bezüge zur Naziarchitektur höchstens in den Leuchten des Umkleidetrakts erkennbar sind. Das Schwimmbad war den ganzen Krieg über und, da dieser Głuchołazy nicht behelligte, auch im Sommer 1945 in Betrieb, so daß der Sohn eines der ersten polnischen Bürger später erzählte, wie er von deutschen Jugendlichen, die später mit ihren Familien ausgesiedelt wurden, schwimmen lernte. Auch in der sozialistischen Zeit war es ein beliebter und wichtiger Teil des nunmehr polnischen Kurortlebens. Irgendwann, wohl in den späten Siebzigern, wurde es Zeit, das Gebäude wie das Schwimmbad zu renovieren und zugleich dem Zeitgeschmack anzupassen, doch gerade darüber gibt es leider keine einfach zugänglichen Aufzeichnungen. Weder die charakteristischen Holzrahmen noch die vieleckigen Becken sind auf den erhaltenen Bildern wiederzufinden. Einzig die lange, unten aus unregelmäßigen Natursteinen und darüber aus einem Betonbeet bestehende Mauer am Ende der Becken bestätigt, daß es sich tatsächlich um denselbem Ort handelt.

Indem es das Wasser des Bachs aufnahm, hatte das Hotel nicht nur eine hübsche Fassade und eine überraschende Geschichte, sondern verband sich auf ungewöhnliche Art mit der Landschaft, die Głuchołazy zum Kurort gemacht hatte. Kurpark wie Bach flossen durch das Hotelareal und wurden dort in rhododendrongerahmten Wiesen und vieleckigen blauen Becken verändert. Während ältere Hotels bloß nah an der Natur waren, war die Natur hier Teil des Hotels.

Der Kapitalismus bedeutete das Ende des Hotels wie des Schwimmbads, die Natur hat seine Reste für sich, aber immerhin ergibt gute Architektur auch schöne Ruinen. Noch auf diese könnte Głuchołazy stolz sein.

Bahnhof Küstrin-Kietz

Der Bahnhof des winzigen Grenzstädtchens Küstrin-Kietz, in dem noch der alte deutsche Name der jenseits der Oder gelegenen Kostrzyn fortlebt, ohne daß sie viel verbände, ist ein recht unscheinbarer zweigeschossiger Bau, der wie so viele gesamtdeutsche Bahnhöfe weitgehend leersteht, aber dank seinem weißen Putz etwas weniger heruntergekommen wirkt. Wer weiß, vielleicht bekam er ihn in der späten DDR, um für das sozialistische Nachbarland zu glänzen, denn daß das heutige Deutschland und seine DB sich um Außenwirkung oder irgendetwas kümmern, scheint undenkbar.

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Gewiß aus der DDR stammt der betongepflasterte Wendekreis vor dem auf seiner Insel zwischen den Gleisen stehenden Bahnhofsgebäude, wo vielleicht nie viele Busse, Taxis und Autos hielten und heute fast keine mehr halten.

Schließlich ist da noch die Brücke, die das Bahnhofsareal mit dem Ort verbindet. Eine breite Treppe führt von links nach rechts parallel zu den Gleisen hinauf, auf vier backsteinernen Stützen ruht die recht schmale Stahlwanne der eigentlichen Brücke und auf der anderen Seite führen nach links und rechts zwei schmalere Treppen wieder hinab.

Der am Anfang nach unten gebogene Handlauf ist schwarz, das Geländer darunter weiß, in regelmäßigen Abständen stehen an einer Seite stählerne Laternen, die sich nicht allzu hoch über Treppen und Brücke neigen, und auf der Brücke ist das Geländer so niedrig, daß es gewiß keinen aktuellen Sicherheitsvorschriften entspricht und man staunt, daß die DB, die dergleichen sonst immer sehr ernst und zum Anlaß für allerlei Vandalismus nimmt, das zuläßt.

Aber die Bahnhofsbrücke von Küstrin-Kietz ist nicht nur eine Brücke, sondern auch ein Gebäude. An ihren beiden Enden, rechts der vom Bahnhof her hinaufführenden Treppe und zwischen den in den Ort hinabführenden Treppen, sind statt konventionellen Stützen kleine Gebäude aus Backstein.

Das auf der Bahnhofsseite hat nach vorne unten Fenster und eine Tür und oben ein rundes Fenster, während das auf der Ortsseite zusätzlich über den Fenstern ein dünnes Vordach aus Beton, das auch seitlich übersteht, hat. Mag das erste der Stützengebäude heute wie ein Abstellraum aussehen, so erkennt man im zweiten immer noch den Kiosk oder aber: den Fahrkartenschalter.

Eine Funktion des Bahnhofs war hier in die zu ihm führende Treppe ausgelagert. Diese Lösung ist so naheliegend, daß man staunt, sie sonst nie zu sehen. Sie paßt auch in ein moderneres Bahnwesen, daß die riesigen Bahnhöfe des 19. Jahrhunderts nicht mehr braucht. Statt den Bahnhof betreten zu müssen, kann der Fahrgast sein Ticket in der Brücke kaufen. Der DB, die entschlossen alles in den Verfall spart, ist allerdings jeder Schalter einer zu viel und so steht auch dieser leer.

In Küstrin-Kietz herrscht die ungewöhnliche Situation, daß die zum Bahnhof führende Brücke ein wertvolleres, besseres und schöneres Gebäude ist als dieser selbst. Nur an den Lampen ist zu erkennen, daß die Konstruktion aus der DDR stammen muß, während sie durchaus auch älter sein könnte, aus den Zwanzigern etwa, vielleicht auch, aber eher nicht, aus der Nazizeit. Unabhängig davon ist diese Brücke ein fortschrittliches Gebäude und ein Ansatz zu neuen Bahnhofstypologien wie Tczew oder Poprad-Tatry, die heute bei Neubauten zu den vorherrschenden gehören. In Küstrin-Kietz sieht man die Zukunft.

Über den Straßen von Gdańsk

Im Herzen des neuen, des sozialistischen Gdańsk kann man sich fühlen, wenn man auf der Fußgängerebene der Kreuzung Rzecyzpospolitej/Jana Pawła II im Stadtteil Zaspa steht.

Die Stadt hat hier drei Ebenen.

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Die unterste ist die der großen Straße Jana Pawła II, die in einer Senke unter der ebensogroßen Straße Rzecyzpospolitej hindurchführt, und der vier geschwungenen Auf- und Abfahrten, die sie miteinander verbinden.

Die Rzecyzpospolitej verläuft auf einer Brücke, die in der Mitte von vielen dicht beinanderstehenden V-Stützen aus Beton getragen wird, und ist damit die mittlere Ebene, die, wenn man solche Begriffe hier noch verwenden will, mit dem Erdboden identisch ist. Hier ist zwischen den Fahrspuren die Straßenbahnhaltestelle, während an den Seiten Bushaltestellen sind.

Im Hintergrund rechts die Bunker von Zaspa

Die höchste Ebene aber ist die der Fußgänger und sie besteht aus Brücken, die auf hohen schlanken V-Stützen aus Beton ruhen. Sie legen sich als weites Rechteck über die beiden anderen Ebenen und sind über Treppen mit den Haltestelle und den vier Seiten der Kreuzung verbunden.

Die Stützen stehen an den Seiten, in den Grünflächen zwischen den Auffahrten und sogar ganz in der Mitte, wo sie durch die Brücke der Rzecyzpospolitej hindurch bis hinab zur Jana Pawła II reichen. An den Ecken sind jeweils zwei der V-Stützen quer ineinander gesetzter, so daß dort vier schräge Betonstreben aus einem gemeinsamen Ausgangspunkt erwachsen, um die Brücken zu tragen.

Doch es sind mehr als bloße Brücken, die den Fußgänger irgendwie über den stetigen Verkehrsstrom an der Kreuzung bringen, es ist eine wirkliche Fußgängerebene. Ihre dünne Betonfläche ist zwischen den Metallgeländern ungewöhnlich breit, nicht weniger breit als die Fahrspuren der Autos oder das Gleisbett der Straßenbahn.

Wenn man dort geht, schaut man weniger zum Verkehr hinab, als auf das umliegende Wohngebiet Zaspa, aber auch auf Przymorze und Wrzeszcz und die Hügel der Trójmiasto (Dreistadt). Man ist hier dem Straßenverkehr ganz enthoben, sein Rauschen ist nurmehr das eines reißenden, aber kanalisierten Flusses, der einem nichts mehr anhaben kann und dadurch sogar schön wird.

Diese Fußgängerebene ist ein Beispiel dafür, wie auch eine Kreuzung zweier großer Autostraßen so gestaltet werden kann, daß sie den Fußgänger in den Mittelpunkt rückt. Oder zumindest ein Ansatz einer solchen Gestaltung, denn leider und selbstverständlich ist sie nicht gut genug. Es gibt nicht genug Treppen und überhaupt wären sie besser Rampen, die stufenlos vom Erdboden auf die Fußgängerebene führten, Freiraum gibt es ringsum genug. Zudem ist auf der Fußgängerebene zwar viel Platz, aber nichts sonst, sie ist bloß Durchgangsort. Das war vermutlich anders geplant. Man sieht noch die Stellen, wo sie hätte weitergeführt und doch wohl mit ebensogroßen aufgestützten Gebäuden verbunden werden sollen.

Nicht für sich, sondern als Teil eines Zentrums für Zaspa, ach, auch für die weiteren Wohngebiete, als Teil eines neuen Stadtzentrums, von denen eine Bandstadt wie die Trójmiasto nie genug haben kann, sollte die Fußgängerebene über der Kreuzung stehen. Es hätte sein können wie eine waghalsig über den Fluß gebaute Stadt, ein anderes Venedig.

Das Zentrum wurde nie gebaut, der polnische Sozialismus war zu schwach. Die Brücke blieb ein Gerüst, ein Anfang, ein Versprechen, wie der Sozialismus selbst. Der restaurierte Kapitalimus ist zu Stadtplanung nicht in der Lage und sogar Ansätze, wie das im Stadtzentrum über den Bahngleisen errichtete Einkaufszentrum Forum, scheitern letztlich. In Zaspa wurden statt Nützlichem in beiden Richtungen an der ohnehin traurig benannten Aleja Jana Pawła II (Johannes-Paul-II-Allee) riesige Kirchen errichtet.

In gewisser Weise blieb die Fußgängerebene somit ein Skelett, dem Haut und Organe fehlen, um ein funktionierender Körper zu werden. Wenig ist sie dennoch nicht. Sie erfüllt ihren Zweck und das auf solche Art, daß sie nicht zu ersetzten ist. Die schlichte Eleganz ihrer Betonstützen und die Großzügigkeit ihrer Wege erzählen davon, was sein könnte. Sogar heute, da sie als ein dennoch funktionales Skelett dasteht, spürt man, daß sie ein besonderer Ort ist.

Und wenn man über der Straßenbahnhaltestelle steht, auf der dritten Ebene der Stadt, wenn man die Straßenbahn von der zwei Haltestellen entfernten Straßenbahnstation Zaspa oder der drei Haltestellen entfernten älteren Bebauung in Wrzeszcz die lange gerade Straße entlangkommen sieht, wenn man mitten in und über allem steht, dann ist man trotz alledem im Herzen von Gdańsk.

Ein Wasserkraftwerk nach dem Jugendstil

Wenn man  mit dem Kajak die Morava flußabwärts fährt, wie es im Sommer recht beliebt ist, könnte es eine etwas klischeehafte Filmszene sein: die breite ruhige, bestenfalls gemächlich dahinfließende Wasserfläche und plötzlich ein beunruhigendes Rauschen. Ein Wasserfall.

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Und so ist es hier, am Rande des Walds von Nové Zámky, ja auch, bloß auf denkbar undramatische Weise. Der Fluß spaltet sich. Auf der einen Seite ist ein Wehr mit zwei Betonstufen, ein künstlicher Wasserfall, über den das zuvor ruhige Wasser rauschend stürzt,

auf der anderen eine Schleuse.

Nach dem Wehr setzt die Morava ihren Lauf etwas schmaler und wilder fort, während der durch die Schleuse abgezweigte Teil sich noch einmal spaltet und in das Örtchen Nové Mlýny, das zu Bílá Lhota gehört, fließt. Aus mehr als den namensgebenden Mühlenanlagen besteht er nicht und da diese heute leerstehen, bleibt ein kleines Wasserkraftwerk, das direkt neben der Straße über dem Wasser sitzt.

Der weiße Hallenbau zeigt zum Wasser hin vier große rundbögige Fensterflächen, die von breiten vertikalen Streben durchzogen sind, und drei nur leicht vorgesetzte Pfeiler.

An der rechten Schmalseite rahmten ursprünglich zwei ähnliche, aber höhere Flächen, von denen nur noch eine übrigblieb, den Eingang, über dem ein entsprechendes vertikales ovales Fenster folgt und das Dach giebelartig höhergeführt ist.

Einfacher Jugendstil, könnte man meinen, wie das in Österreich vor dem ersten Weltkrieg eben normal war. Um den Grünbereich rechts von Kraftwerk und Wasser ist zudem ein Betonzaun mit eckigen Streben, die quadratische und vertikale rechteckige Öffnungen haben, weiten flachen Bögen, die von schmalen horizontalen Ovalen durchbrochen sind, und Pfosten, die oben eine Art Schildform bilden und mit einem schräg schmaler werdenden und dann dreieckigen Teil enden.

In diesen giebelartigen Abschlüssen der Pfosten sind medaillonartig vorragende vertikale ovale Keramikelemente in einem dunklen Blauton angebracht.

Mehr als das Gebäude, mehr auch als das ornamentierte blaue Gittertor, ist es dieser Betonzaun, der das Kraftwerkensemble ausmacht. In der Vorfertigung und in der Verwendung neuester Technologien zeigt sich der Jugendstil von seiner fortschrittlichsten und auch unbekanntesten Seite. Es darf daher nicht überraschen, daß es sich recht eigentlich um einen Postjugendstil handelt: das Kraftwerk wurde 1923 bereits in der jungen Tschechoslowakei errichtet. Der Beton zwang dazu, die noch vom Jugendstil herkommende spielerische Formlust zu bändigen, wie es sonst nur die besten Architekten taten. Zudem sieht man an diesem nach fast hundert Jahren wenig beschädigten Beispiel, daß Betonzäune etwas anderes sein können als die schnell verfallenden Kitschdinger, die man etwa in Polen allzuoft in ländlichen Gegenden sieht.

Begrenzt vom blau akzentuierten Grau des Zauns hat das Kraftwerk rechts auch noch einen schönen Grünbereich.

Es führen einige Stufen hinab und zwischen einer niedrigen Betonband mit Volute und eckigen Betonhochbeeten öffnet sich der Bereich zum Graben der niedriger verlaufenden schmalen Abzweigung des abzweigenden Mühl- und Kraftwerkskanals.

Genau ist dort nichts mehr zu erkennen, da alles im Schatten mehrerer Edelkastanien liegt, die nunmehr der sichtbarste Teil des Gartens sind.

Heute ist der Garten nicht mehr zugänglich und vermutlich diente er nie mehr als den Arbeitern oder eher dem Verwalter des Kraftwerks zur Erholung. Mit Gebäude und Zaun ergibt sich aber ein ungewöhnliches Postjugendstilensemble, das hier in der mährischen Provinz nie zu erwarten gewesen wäre. Es verdiente es, neben Obelisk, Tempelchen und anderem zu den Attraktionen des vormals adligen Walds gezählt zu werden, aber nein, es ist mehr als sie, da es funktional und schön ist.

So sehr jeder an der Gabelung der Morava auf den bescheidenen Wasserfall achten wird, es sind die Schleuse und die stille Abzweigung, die zu den schöneren Filmszenen führen.

Neben Kirchen: Fechenheim

Neben der Herz-Jesu-Kirche in Fechenheim, die sich der sehr neureiche und deshalb schon lange nach Frankfurt eingemeindete Industrieort im Jahre 1896 vielleicht weniger aus Freundlichkeit gegenüber der katholischen Minderheit als aus dem Bedürfnis nach möglichst vielen historistischen Repräsentationsbauten zugelegt hatte, steht ein Schaukasten, ganz wie vor unzähligen anderen öffentlichen Gebäuden auch. Ein schwarzer Stahlrahmen, vielleicht zweieinhalb Meter hoch, in der oberen Hälfte eine flache Rückwand, auf die unter vier großen Glasfenstern Aushänge aller Art angeheftet werden können. So ubiquitär und selbstverständlich sind diese Konstruktionen, so sehr verschwinden sie hinter ihrer Funktion, daß man überrascht feststellen kann, daß man sich nicht einmal ihrer genauen Bezeichnung sicher ist.

Die Fechenheimer Version jedoch hat ein Vordach, das aus einem horizontal an den Abschluß des stehenden Rahmens anschließenden zweiten Rahmen, einer Decke aus nach vorne zeigenden weißen Holzstreifen und, von unten unsichtbar, einer wasserdichten Schicht besteht. Da das Vordach in der Fläche dem dem oberen Teil des Schaukastens entspricht, wirkt es, als sei es von diesem hochgeklappt worden und schwerelos über ihm in der Horizontale verblieben.

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Auf einmal wird der freistehende Schaukasten sichtbar, da er verändert, ja, verbessert ist. Was vorher schon eine vollendet funktionale Konstruktion schien, bekommt die weitere Funktion des Regenschutzes hinzugefügt. Das scheint so naheliegend, doch es ist es nicht, da sonst jeder solche Schaukasten solch ein Vordach hätte und es bereits unsichtbar gewesen wäre. Neben der Herz-Jesu-Kirche in Fechenheim, die als Produkt des Historismus gänzlich rückwärtsgewandt ist, sieht man ein kleines Beispiel von architektonischem Fortschritt.