Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Wien, vorher Frankfurt am Main, Berlin und Zittau.

Erkundungen auf Friedhöfen: Jüdisches Mosaik in Kraków

Wie die Deutschen das jüdische Leben im Krakówer Stadtteil Kazimierz vernichteten, so zerstörten sie auch den größten jüdischen Friedhof der Stadt in der Straße Miodowa. Als die nunmehr kleine jüdische Gemeinde ihn in den frühen Sechzigern wieder herstellte, machte sie ihn zum Mosaik: Die Stücke der zerschlagenen Grabsteine wurden neu zusammengefügt.

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Dieses Mosaik bedeckt nun ein großes quaderförmiges Mahnmal beim Eingang sowie einige Mauern dort und in einer hinteren Ecke. Hebräische, polnische und deutsche Inschrifts- und Namensfetzen und figürliche Ornamente verbinden sich zu etwas Neuem.

Einerseits entspricht das dem Eindruck, den auch der Gang zwischen den erhaltenen Gräbern dieses Friedhofs, jedes Friedhofs erweckt. Denn vom Friedhofsbesuch bleibt immer ein Mosaik von Eindrücken, hier eine Inschrift, dort ein Name, dort ein Ornament, die auf irgendeine Art, vielleicht nur durch Zufall, aus der Menge der Gräber herausstechen. Andererseits aber verschwindet so das wichtige Element der Erinnerung an ein Individuum. Die einzelnen Grabsteine verschwimmen zum diffusen Ganzen des Mosaiks so wie die Deutschen die einzelnen Juden in ihrer Vernichtung auf die Zugehörigkeit zu einer diffusen Masse reduzierten.

Dabei zeigt der Friedhof gerade die Unterschiede bei den Juden von Kazimierz, am deutlichsten in der Vielfalt der Sprachen. Unter den Gräbern aus der österreichischen Zeit vor 1918 finden sich etwa einige mit deutschen Inschriften, obwohl auch schon hier die polnischen  zahlreicher sind. Zeugt das von der politischen Entscheidung, sich entweder an den Deutschen, die den Gesamtstaat dominierten, oder an den Polen, die die engere Region dominierten, zu orientieren, so zeugen die vielen ausschließlich hebräisch beschrifteten Grabsteine von einem ganz eigenen, an Assimilation entschieden desinteressierten jüdischen Leben.

Nach dem Krieg, nach der Vernichtung stellten sich solche Fragen nicht mehr. Die wenigen in Polen verbliebenen Juden bildeten eine kleine Minderheit. Doch es ist interessant, daß in dieser Zeit eine neue Sprache auf den Friedhof tritt, die dort vorher vermutlich gefehlt hatte: Jiddisch. An dem Mahnmal beim Eingang und bei anderen im hinteren Teil sind die Inschriften immer polnisch und jiddisch. Die Verwendung des Jiddischen, der Sprache des einfachen Volks, war in den sozialistischen Staaten auch ein bewußter politischer Akt gegen das Hebräische, die Sprache der Religion einerseits und des Zionismus andererseits.

Auch das Schild an der ehemaligen Trauerhalle, das zur Bedeckung des Kopfs auffordert, ist auf Jiddisch und Polnisch geschrieben. Es ist dadurch das vielleicht faszinierendste historische Zeugnis auf dem Friedhof.

Jiddisch:
„Achtung! Auf dem [hebräisches Wort, vermutlich für Friedhof] bloß-köpfig zu gehen ist verboten
Die Verwaltung“
Polnisch:
„Achtung! Auf dem Gelände des Friedhofs gilt Kopfbedeckungspflicht
Die Verwaltung“

Ein schlichtes Blechschild nur, schwarze Schrift auf weißem Grund, gänzlich prosaisch, aber es gehört in eine Zwischenzeit, als es in Kraków noch ein jüdisches Leben gab, dem Jiddisch die Umgangssprache war. Das Schild wird so zu einem weiteren, zum letzten Teil des Mosaiks, das der Friedhof heute leider sein muß.

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Der Heilige in der Kiste

Eine beschädigte Skulptur ist traurig, aber eine mit einer Holzkiste ummantelte Skulptur ist noch etwas trauriger. Zwar verspricht die Verhüllung Schutz vor dem Winterwetter oder eine baldige Restauration, aber man kann sie eben nicht sehen, ja, nicht einmal wissen, was sie darstellt.

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Eine solche Kiste steht am Beginn des Wegs hinauf zur Burg Pernštejn im Örtchen Nedvědice nordwestlich von Brno. Es ist ein quälendes Rätsel, was für ein offenbar recht stattliches Kunstwerk sich dort verbirgt. Mähren ist eine von der Gegenreformation geprägte Gegend, also muß es aller Wahrscheinlichkeit nach barock sein und einen Heiligen zeigen, aber ganz sicher kann man nicht sein. Welcher Heilige ist es? Oder vielleicht doch ein antikisierendes Motiv? Die Skulptur aus „L’année dernière à Marienbad“? Die Plastik aus „The Breakfast Club“ gar?

Vor Pernštejn läßt sich das Rätsel glücklicherweise halbwegs befriedigend lösen, da die vorderen Bretter der Kiste etwas verschoben sind und man durch einen Spalt hineinsehen kann. Überraschend ist die Lösung ganz und gar nicht. Man erkennt den verzierten Saum eines Rocks und ein kleines Kruzifix auf Brusthöhe – es ist Johannes von Nepomuk. Aber mehr läßt sich nicht sagen. Wie genau der Johannes von Nepomuk am Fuße von Pernštejn aussieht und wie die Inschrift auf dem großen Sockel lautet, weiß man nicht.

Oben, aber noch im weiten Vorhof unterhalb der eigentlichen Burg, wartet ein weiterer Johannes von Nepomuk.

Die Skulptur ist sehr einfach, aber daß sie in der Mitte eines Brunnens steht, paßt gut, weil Nepomuk in der Vltava ertränkt wurde. Von seinem Platz vor einem abgeflachten Fels mit nach außen zeigendem halben Turm blickt er in Richtung der Burg, ohne sie je wirklich gut sehen zu können.

Für das, was unten das Holz verdeckt, ist der obere Johannes von Nepomuk aber nur eine kleine Entschädigung. Bestimmt, so denkt man, ist diese Skulptur viel besser und interessanter. Ist also auch die größte Qual des Nichtwissens gelindert, bleibt der Heilige in seiner Kiste doch ein trauriger Anblick. Daß auf das Holz schon das gelbe Symbol eines Wanderwegs gemalt wurde, spricht dafür, daß dieser Johannes von Nepomuk noch eine Weile so eingesperrt bleiben wird.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bystřice pod Hostýnem

Dieser Text könnte auch heißen: „Der Bahnhof des Partisanen“. Einen solchen Bahnhof nämlich findet man Bystřice pod Hostýnem im östlichen Mähren.

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Zu den Gleisen hin hat die Bahnhofanlage ein langes blaues Vordach, das auf mittigen runden Stützen ruht und von diesen kurz nach außen und länger nach innen zu den Gebäuden ansteigt. Es wirkt, wiewohl aus Stahl und Blech, eher leicht, schwerelos, vielleicht auch, weil die Stützen sehr dünn und mit ihrer braunen Farbe um Unsichtbarkeit bemüht sind. Links steht dahinter zuerst ein kleiner Flachbau mit technischen Räumen. Nach einer kurzen Lücke beginnt der eigentliche zweigeschossige Bahnhofsbau, der teils grauen Putz und teils rotbraune Kacheln hat, vor dem Flachdach aber wieder einen blauen Streifen. Auch er zieht sich langgestreckt parallel der Gleise hin. Der Großteil der Länge wird von verschiedenen Betriebsräumen für Güter- und Personenverkehr eingenommen.

Erst ganz rechts öffnet sich das Gebäude mit großen Glasflächen und -türen, die in die Halle führen, ganz dem Reisenden. Aber das Vordach endet noch nicht mit dem Gebäude, sondern setzt sich, nun an der gleisabgewandten Seite zusätzlich von drei dünnen runden Stützen getragen, noch etwas fort und verwandelt sich am Bahnsteigende sogar. Es wird zu einem dickeren Betondach mit blauem Rand, das den Reisenden alternativ oder ergänzend zur Halle hinausgeleitet.

Der sich rampenartig absenkende Bahnsteig verläuft ein Stück zwischen eckigen Stahlstützen und Glasflächen. Während links der offene Ausgang folgt, verläuft das Glas rechs weiter und noch um die Ecke der abschließenden Wand, die danach aus Beton besteht.

Die Bahnhofshalle ist dann quer zu den Gleisen, fast von ihnen wegstrebend, angeordnet.

Auf ihrer linken Seite ist im unteren Teil schwarz-grau-weiß gemaserte glatte Steinverkleidung, was man aber kaum merkt, da ein so großer Teil von den Fenstern der Schalter und den Eingänge des Restaurants und der Toiletten eingenommen wird. Rechts sind unten erst die Eingänge, dann wird die Wand auf ihrer gesamtem Höhe in eine durchgehende Glasfläche aufgelöst. Der obere Teil der Halle hat ansonsten weiße Wandflächen, auf denen nur an der Gleisseite eine ziffernlose goldene Uhr hängt.

Beim Beginn der Glaswand dienen sieben dünne Stangen, die vom Boden bis zur Decke reichen, als Raumteiler. Unten sind die durch den hellbraunen Holzkasten einer Heizung zusammengefaßt, darüber sind an ihnen je zwei vertikale drehbare Metallwalzen für Fahrplainformationen aufgehängt, bevor nach quadratischen Holzelementen nur noch das bloße Metall aufragt. So wird die Halle subtil in einen kleineren Durchgangsbereich zwischen den Ausgängen und einen größeren Aufenthaltsbereich mit hölzernen Sitzbänken aufgeteilt.

Zu diesem, aber auch in die übrige Halle, zeigt ein abstraktes Kunstwerk von Jaroslav Blažek, das raumhoch die Mitte der rückwärtigen Wand einnimmt. Auf rechteckigen vertikalen Tonplatten sind allerlei Vertiefungen und eingelassene Steine, aber am Auffälligsten sind die vertikale Rille in der Mitte, die an einen Schnitt erinnert, und der blau glasierte Fleck unten rechts (einige Bilder aus der Entstehungszeit findet man auf der Seite des Künstlers).

Von der Stadt her kommt man direkt auf die Bahnhofshalle zu. Rechts ist teilweise verdeckt von einem Baum die Glasfläche, links ist über den Eingängen ein blaues Vordach und noch darüber ein Wabenmuster im Beton der Wand. Nicht in der Mitte über dem Eingang, sondern deutlich am rechten Rand sind auf dem Vorach eine aufgestütze quadratische Uhr und auf dem Dach ein geflügeltes Rad als blau-weißes Leuchtsymbol.

Links ergänzt der Abschluß des Bahnsteigsdachs die Halle. Zwischen den Eingängen und dem dickeren Dach stehen vor den drei runden Stützen niedrige Nadelsträuche, wodurch diese fast die Anmutung von Säulen bekommen und ein kurzer antiker, tempelartiger Eindruck entstehen kann. Wie ein L legt sich die Bahnhofsanlage so um einen Wendekreis für Busse.

Der Bahnhof wird zu einer Art Schleuße zwischen der Stadt und den Gleisen, das heißt dem Rest der Welt, offen, einladend, funktional und schön.

Eine Gedenktafel am Bahnsteig neben den Eingängen zur Halle erdet dieses neue Gebäude schließlich in der nicht fernen Vergangenheit. Üblicherweise wird an solchen Stellen an Eisenbahner, die in den Besatzungsjahren 1938 bis 1945 umkamen, erinnert, aber hier ist es etwas anders. Unter fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub als Symbol der 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žižka“) wird auf der glatten schwarzen Steinplatte in weißen Buchstaben vom Tod eines Partisanen erzählt:

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

„An diesem Ort“, ja, aber nichts an diesem Ort sieht mehr aus wie im Januar 1945. Leutnant Marek würde nichts wiedererkennen, wenn ein gütiger kommunistischer Gott ihn wieder zum Leben erweckte. Und genau so muß das sein, so würde er das gewollt haben. „Er kämpfte für uns, damit wir leben können…“, steht oben auf der Tafel. Der ganze Bahnhof ist ein Beweis dieses Lebens und das schönste Denkmal, das einem Partisanen errichtet werden könnte.

Österreichische Tage

In Gdańsk sind gerade Dni Austrii (Östtereichtage) und warum auch nicht, schließlich hat diese Stadt an der Ostsee keinerlei Bezüge zu Österreich und hatte auch in ihrer Geschichte, als sie noch Danzig hieß, keine.

Teil dieser Tage, die am 26.9.2017 begannen und einen Monat dauern, ist eine Ausstellung mit dem originellen Titel Dialog. Sie besteht aus einigen großformatigen Plakaten am Zaun des Park Oliwski (Oliwaer Parks) an der großen Straße Opata Jacka Rybińskiego. Außer reproduzierten Werken vierer Künstler, drei aus Gdańsk, eine aus Österreich, sind darauf auch jeweils deren Namen und die Logos der Veranstalter abgebildet.

Vom Straßenbahnwendekreis Oliwa aus gesehen passiert man zuerst die Arbeiten von Noemi Staniszewska, Photographien von gläsernen Fassaden und den Lichtspiegelungen darin. Das ist harmlos dekorativ und auch schon der Höhepunkt der Ausstelllung. Es folgen zwei billige Computergraphiken von Cezary Paszkowski, zu denen es mehr nicht zu sagen gibt. Dann Bilder von Adriana Majdzińska, die das schwarze Geäst von Bäumen oder auch einer Menora zeigen. Natur und Juden geht immer, wird die Künstlerin zurecht gedacht haben und damit ist dieser handwerklichste Beitrag wohl auch der kommerziell verwertbarste. Den Abschluß bilden verpixelte Collagen von Daniela Litto, die bunt genug sind, um an einer großen Wand in einer teuren Altbauwohnung einen Farbakzent zu setzen und sonst wenig.

Kurz vor dem nächsten Eingang zum Park kann man noch Kurzbiographien der Künstler und Beschreibungen dessen, was ihr Schaffen ausmacht, lesen. Aus ersteren entnimmt man erschreckt, daß die Computergraphiken von einem beinahe siebzigjährigen Professor stammen, dank zweiteren würde man sich wünschen, kein Polnisch zu verstehen, wenn man nicht wüßte, daß diese leeren Worte über leere Kunst in jeder Sprache ähnlich lachhaft klängen.

Am interessantesten jedoch ist vielleicht der Ort der Ausstellung. Er scheint so gewählt, daß sie möglichst wenige Besucher auf möglichst unangenehme Art erleben können.

Der Park mit seinem Palast ist zwar ist einer der beliebtesten und schönsten Orte der Stadt, aber der ist jenseits des Zauns. Wollte man einen Bezug zwischen den Werken und ihrer Umgebung suchen, so fände man ihn zwischen den Bildern von Majdzińska und den aus verschlungenen Zweigen gebildeten Gängen des Parks. Man könnte über Inspiration, den Zusammenhang zwischen Kunst und Natur, was auch immer nachdenken, aber das erübrigt sich, weil man sie niemals zusammen sehen kann.

Draußen, direkt vor dem Zaun, verläuft ein Fahrradweg und nach einem sehr schmalen Streifen für Fußgänger beginnt die vielbefahrene Straße. Durch diese Lage werden auch die interaktiven Elemente der Ausstellung noch interaktiver: wenn man mit der heruntergeladenen App an die Bilder herantritt, um Ton oder Video zu hören oder zu sehen, kann man noch dazu von Fahrrädern über den Haufen gefahren werden.

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Als Resumé (bitte eine der drei Varianten wählen):

a) Wenn alle Aktionen dieser Gdańsker Österreichtage so gelungen sind, werden sie ein voller Erfolg.

b) Immerhin kann man nach diesem Ausstellungsbesuch in den Park gehen, wo man innerhalb der Gartenarchitektur Plastiken und Skulpturen aus der sozialistischen Zeit hat. Diese mal abstrakte, mal gegenständliche Kunst ist vielleicht auch nicht immer besser als die am Zaun, aber zumindest angenehmer zu betrachten.

c) Bleibt zu hoffen, daß die Österreicher für das Ganze gezahlt haben.

Ein Kleinod in Bergen

An der südlichen Seite des Hafens von Bergen steht ein Kleinod:

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Auf einem großen quadratischen Grundriß mit abgerundeten Ecken hat es zwei Geschosse, das untere mit einigen großen Toren und wenigen Fenstern, das obere mit vielen Fenstern zwischen vertikalen Streben. Und zwischen beiden Geschossen verläuft ringsum ein enorm weit freischwebendes Vordach mit ebenso abgerundeten Ecken. Seine dünne Betonkonstruktion verdoppelt die vom Gebäude eingenommene Fläche beinahe, aber sie ist ja nicht eingenommen, sondern nur überdacht.

Alles erklärt sich aus diesem Vordach. Daß es da ist, ergibt sich aus der Funktion des auf einem rechteckig in den Hafen ragenden Pier gelegenen Gebäudes, in dem Werkstätten für Schiffe waren und teils noch immer sind. Einen möglichst großen geschützten, aber allseitig zugänglichen Bereich zu haben, ist hier gerade angesichts des unberechenbaren, meist regnerischen Bergener Wetters äußerst nützlich. Das ließe sich auch auf viele andere Arten erreichen, wie etwa das flügelartige Betondach des Gebäudes auf dem nächsten Pier zeigt,

aber nicht leicht in solcher Leichtigkeit und Eleganz. Aus seiner Funktion hervorgehend, bestimmt das Vordach auch die gesamte Form des Gebäudes. Es ist die Horizontale, die die beiden Geschosse teilt, und zugleich der Grund für die vertikalen Streben des Obergeschosses, da sie sich auf ihm fortsetzen, um es in seiner spektakulären Schwebe zu halten.

Wie so viele andere ist auch dieses Kleinod eher unauffällig und isoliert. Das Gebäude steht recht verloren zwischen aller möglichen vermischten Bebauung. Erst gegenüber der schmalen Hafenbucht, der Bergen alles verdankt, sind berühmtere Teile der Stadt: das hanseatische Viertel Bryggen und die Festung Bergenhus. Daß sie einmal ganz ähnlich funktional waren, bemerkt heute niemand mehr; sie sind Denkmäler geworden. Dieses Kleinod aber erfüllt bislang einfach nur seine Funktion.

Die Türme des Politechnika

Viel gibt es zur Architektur des Politechnika Gdańska (Gdańsker Politechnikum) nicht zu sagen. Monströse kaiserzeitliche Neorenaissance in rotem Backstein, wie sie zwischen 1880 und 1914 für alle Repräsentationsbauten der Stadt gewählt wurde. Kaum anders könnten die Gebäude einer Institution aussehen, die 1904 als Technische Hochschule zu Danzig gegründet wurde und 1945 zum Politechnika wurde.

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Im Hauptgebäude findet diese unmenschliche Monumentalität naheliegenderweise ihren Höhepunkt und es ist nur den großen Bäumen der darauf zuführenden Allee zu verdanken, daß man sie nicht schon von der Aleja Grunwaldzka, einer zentralen Achse der Trójmiasto, sieht. Durch die Alleebäume auch bemerkt man von Weitem das gleichsam filigrane Türmchen, das von Nahem nur verloren hoch über den abweisenden roten Mauern sitzt.

Aber es ist ein anderer Turm des Politechnika, der entlarvend viel über diese Architektur aussagt. Aus der Entfernung sieht man seine halbrunde Backsteinform. Schmale vertikale Fenster im Schaft, nach kleinen Stufen weiter vorstehend der obere Teil mit nun umlaufenden Fensterschlitzen und darauf ein spitzes rotes Ziegeldach. Daß der Turm wirklich das irgendwie alte Bauwerk sei, das er zu sein vorgibt, glaubt man ihm nie, bestenfalls wirkt er wie ein historistischer Wasserturm. Und zudem ist da der große Schornstein, der noch über das Dach aufragt.

Bereits, wenn man vor dem Hauptgebäude stehend seitlich auf den Turm blickt, merkt man, daß sich das zuvor zu sehende Halbrund zu keinem Ganzen schließt – es ist ein halber Turm.

Von anderen Stellen im Gelände des Politechnika, wenn man seine Rückseite sieht, merkt man, daß sogar das nicht stimmt. Denn es ist vor allem ein Schornstein, ein ganz gewöhnlicher Schornstein, wie ihn jede Fabrik hat, an den vorne eine Turmfassade angeklebt ist – es ist ein potemkinscher Turm.

Was der Turm in so dankenswerter Klarheit zeigt, trifft auf alle Gebäude des Politechnika und auf alle historistische Architektur zu: sie spiegelt etwas vor, sie klebt Fassaden auf Gebäude, die zu deren Funktion einfach nicht passen. Man bedenke gerade in diesem Fall die Lächerlichkeit dieses Vorgehens: da ist eine der modernsten Technik geweihte Lehr- und Forschungsanstalt, aber sie hält es für nötig, sogar den Fabrikschornstein, dieses Symbol der Industrie, die die modernste Technik hervorbringt, hinter nachgemachtem Alten zu verstecken!

Noch einen weiteren Turm hatte das Politechnika. Er war weniger hoch und aufgrund seiner Funktion als Kühlturm aus Stahl. Um ihn dennoch so gut wie möglich zu verstecken, setzte man ihn hinter die Maschinenhalle, zu der der Schornstein gehört, und zwang ihm eine verzierte Kuppelhaube aus Kupfer auf.

Es ist, als ob er von dort aus verächtlich oder eher bedauernd auf den als Turm verkleideten Schornstein blickt. In den neunziger Jahren wurde der Kühlturm abgebaut und übrig blieb bei einer Informationstafel ausgerechnet die verzierte Haube, während sein Schaft, der nichts als ein schlanker Zylinder aus Stahl war, verschwunden ist.

Daß das Politechnika heute dennoch etwas Architektur hat, deren Formen ihrem Inhalt entsprechen, verdankt sich späteren Bauten aus der polnischen sozialistischen Zeit. Sie sind hoch und groß, aber dabei zurückhaltend und menschlich. Türme brauchen sie keine mehr.

Erkundungen auf Friedhöfen: Eisen und Staub in Bergen

Gußeiserne Grabsteine sieht man auf Friedhöfen immer wieder einmal. Sie treten ab dem frühen 19. Jahrhundert auf und sind wohl so etwas wie ein Nebeneffekt der industriellen Revolution. Sie waren aber eher eine Modeerscheinung und blieben meist vereinzelt. Nicht so auf dem Friedhof um die Mariakirke (Marienkirche) im südwestnorwegischen Bergen.

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Hier sind mehr als die Hälfte der erhaltenen Grabsteine aus Eisen. Aus Gründen, die heute nicht mehr einfach zu eruieren sind, war diese Mode in Bergen beliebter als anderswo. Neben Kreuzen wurden auch Grabplatten und ganze Sarkophage aus Eisen gefertigt.

Die große Qualität des Materials sieht man etwa am Relief auf der Grabplatte des cand.theol. Johan Meyer und an denen der Sarkophage des Bischofs Jacob Neumann und seiner Frau Justine.

In 150 Jahre rosteten sie zwar leicht, verloren aber nicht ihre Form. Sogar ein Riß in einem Sarkophag scheint kaum mehr als ein allererstes Anzeichen eines Verfalls, der sich noch sehr lange hinziehen wird.

Die Mariakirke, teils noch romanisch und die älteste der Stadt, hieß früher auch Tyskekirke (deutsche Kirche), da sie von den deutschen Kaufleuten, die das große Hansekontor Bryggen betrieben, genutzt wurde. In den dank dem hochwertigen Eisen allesamt gut lesbaren Grabinschriften kann man daher manches über deutsche Einwanderung und Assimilation in Bergen lesen. Die Gräber sind etwa zur Hälfte norwegisch und zur Hälfte deutsch beschriftet. In beiden Sprachen sind die orthographischen Variationen groß. „Geboren“ wird auf Norwegisch mal „fød“, mal „föd“, mal „født“ geschrieben und auf Deutsch manchmal „gebohren“.

Oft sind die beiden Sprachen nah beieinander. Seite an Seite etwa liegen die Gräber von A. M. Døscher und Johan Henrich Døscher.

Beide sind identisch gestaltet, schlichte Sarkophage mit einem Kranz um das vertikale Oval des Schriftfelds. Ihres ist auf Deutsch beschriftet, geboren ist sie recht vage „im Hannoverschen”,

seines auf Norwegisch, obwohl auch er „født i det Hannoverske“ (geboren im Hannoverschen) ist.

Sie kam 1823 nach Bergen und starb dort 1834 81-jährig, er, 1795 geboren, kam 1822 und starb 1854. Die Geschichte dahinter ist einfach nachzuvollziehen: er, der Enkel, kjøbmand (Kaufmann), zu Geld gekommen offenbar, holte seine alte Großmutter in die ferne Stadt, in der er sich angesiedelt hatte. An die norwegischen Bedingungen angepaßt wurde dabei einzig die Schreibweise ihres Nachnamens, aber welchen Unterschied macht schon ein ø oder ein ö? Sie blieb Deutsche, er war Norweger geworden, könnte man sagen, aber vielleicht wäre das falsch, vielleicht hätten ihnen diese Zuschreibungen gar nichts bedeutet. Schließlich gab es kein Deutschland und Norwegen war eine erst kürzlich an Schweden gekommene dänische Provinz, in der es außer ein paar Städten, von denen Bergen die größte war, nichts gab.

Dennoch könnte das Erstarken des Norwegischen nach vielen Jahrhunderten deutsch-hanseatischer Präsenz in Bergen mit dem Erstarken nationalen, nationalstaatlichen Denkens zu tun haben. Hundert Jahre zuvor wäre dem eingewanderten Kaufmann vielleicht nicht eingefallen, sein Grab in der Sprache der Einheimischen zu beschriften, einfach deshalb, weil ein deutscher Dialekt in Bergen genauso einheimisch war wie ein dänischer Dialekt.

„Friede sey mit deiner Asche“ steht abschließend auf ihrem Grab, „fred med hans støv“ (Friede seinem Staub) auf seinem. Grammatikalisch ist das auf Deutsch richtig, gebräuchlich keineswegs. Es ist eine offensichtliche Übersetzung der norwegischen Grabformel, eine zu wörtliche überdies, die die Präposition „mit“ statt des gebräuchlichen Dativs verwendet. Noch näher am Norwegischen ist dann die Formel auf dem Grab des Kaufmanns Hinrich Volckmann und seiner Frau Sara Dameta: „Friede mit ihrem Staube !“.

Auf dem Grab der Jungfrau Helena Hasselmann liest man schließlich „Friede mit ihre Asche!“.

Hier ist das Deutsch schon kein Deutsch mehr. Wer es schrieb, war mit der Sprache offenbar kaum mehr vertraut, er wollte, aber konnte nicht. Dieses norwegisierte Deutsch ist letztlich ein stärkerer Hinweis auf die Assimilation der Deutschen in Bergen als die norwegisch beschrifteten Gräber.

Es ist ein Glück, gerade diese Umbruchsphase vom Deutschen zum Norwegischen auf dem kleinen Friedhof in Eisen gegossen nachlesen zu können.