Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Wien, vorher Frankfurt am Main, Berlin und Zittau.

Veszpréms Zentrum – Kunst

Auf dem Platz in der Mitte von Veszpréms Zentrum steht ein Kunstwerk, das es noch klarer zum sozialistischen Zentrum macht.

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Sein niedriger Sockel ist quer zum vorbeiführenden Boulevard in die Treppe gesetzt und mit demselben hellen Sandstein verkleidet, aus dem die Skulptur gefertigt ist. Es ist der Mittelpunkt des Platzes, wurde aber nicht in seiner Mitte, sondern in seinem rechten Teil näher zum Kaufhaus Bástya angeordnet.

Frei und allansichtig steht die Skulptur auf dem Platz, hat aber doch klar Anfang und Ende. Der Inhalt ist dabei einfach genug, um schnell erfaßt zu sein, und detailreich genug, um längere Betrachtung zu belohnen.

Schaut man von der Seite auf sie, zeigt sie von hinten nach vorne Teile der ungarischen Geschichte in verschiedenen verbundenen Figuren.

Als erstes nach hinten und zu den Seiten blickend eine Gruppe mittelalterlicher Kämpfer und ein Mönch mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, der eine Schriftrolle mit lateinischer Schrift, eine Urkunde, präsentiert. Als nächstes ein Reiter, ebenfalls mittelalterlich, ein Ritter, auf sich aufbäumendem Pferd. Nach einem weiteren Kämpfer in Helm und Kettenhemd werden die Figuren moderner, sie tragen nun einfache Anzüge und Kappen.

Nach vorne zeigend, aber gleichsam im Inneren der Skulptur ist ein Redner an einem Pult. Über dem vorderen Teil der Skulptur weht nun eine zusammenfassende Fahne, die eine Frau und ein Mann wie nach vorne schreitend und tatsächlich nach vorne zeigend tragen.

Die hinteren Teile zeigen die frühen Kämpfe der Ungarn, die Entstehung des ungarischen Staats, die vorderen zeigen die Revolution. Ob es die bürgerliche von 1848 oder die sozialistische von 1919 ist, bleibt unklar, was das Kunstwerk heute, vielleicht nach der Entfernung einer expliziten Aufschrift, vielleicht rettet. Ob schon der Künstler László Marton im Jahre 1981 die Unklarheit wollte und deshalb den vagen Namen „Történelmi allegória“ (Geschichtliche Allegorie) wählte, läßt sich bloß spekulieren, aber die Umgebung des sozialistischen Stadtzentrums macht deutlich: es ist die rote Fahne der ungarischen Räterepublik von 1919, die der Arbeiter und die Arbeiterin da vorantragen.

Die Formensprache gehört ebenfalls ganz in die Kunst des Sozialismus, was jedoch noch nichts heißt. Die Figuren sind genau so stilisiert, daß sie nicht kitschig wirken, und genau so realistisch, daß sie klar zu erkennen sind. Sind sie ganz hinten eher statisch, so sind ab dem aufgebäumten Pferd alle voller Bewegung. Alle Figuren erwachsen aus einer Basis aus versetzten Quadern und an mehreren Stellen ist die Skulptur durchbrochen. Alles drängt vom hinteren Teil zum vorderen, vom Anfang zum Ende, scheint abheben zu wollen, steht hinten wie vorne auch schon weit über. Wie in der ungarischen sozialistisch-realistischen Bildhauerei typisch kommen zum Stein weitere Materialien. Die Spitzen des Morgensterns eines Kämpfers sind aus silbernem Stahl,

ebenso die große Kugel über der Brust einer Figur weiter vorne,

und hinter der hinteren Gruppe sind horizontale Streifen eines glatten rotgesprenkelten Steins,

was eine Fahne in den weiß-roten Farben der Árpáden-Dynastie ergibt.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man Szenen voller Dramatik und Drastik. Unter, dank einer Öffnung der Skulptur tatsächlich unter, dem Pferd ist ein stürzender gegnerischer Kämpfer, gerade in dem Moment, da er niedergetrampelt wird.

Auch vor den Fahnenträgern ist ein gestürzter Körper zu erahnen, während rechts der Fahnenträgerin ein anderer gerade stürzt, über dem ein noch Stehender mit nach hinten gewandten Kopf etwas ruft. Die Toten bilden geradezu die Basis, auf der die anderen voranschreiten.

Das Denkmal spart die Opfer, die Geschichte immer bedeutet, nicht aus, aber stellt sie auch nicht als heroisch dar. Sie sind eben Teil eines Prozesses, der auch nicht vorne in der roten Fahne und ihren Trägern endet, sondern sich aus ihnen heraus  im umgebenden neuen Zentrum von Veszprém fortsetzt.

Ob der Künstler es nun wollte oder nicht, er schuf ein sozialistisches Kunstwerk für ein sozialistisches Stadtzentrum.

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Veszpréms Zentrum – Grundlagen

Veszprém, eine Universitätsstadt in Westungarn in den niedrigen Bergen oberhalb des Balaton, ist in jeder Hinsicht hübsch und idyllisch und dazu trägt nicht zuletzt sein sozialistisches Zentrum bei. Das größte Problem der Stadt ist, daß der Bahnhof weit außerhalb liegt, was den topographischen Bedingungen geschuldet und schwer zu ändern ist. Stadtplanerisch wurde darauf im Sozialismus insofern reagiert, als das größte Wohngebiet auf halbem Weg zwischen Stadtzentrum und Bahnhof angeordnet ist, aber das macht die Wege eben auch nicht kürzer.

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Als Ausgangspunkt des neuen sozialistischen Stadtzentrums kann man daher den Busbahnhof verstehen, der auch das bessere Bauwerk ist. Über seinem langen Bahnsteig schwebt ein Dach aus dünnen Betonschalen in der Form hyperbolischer Paraboloide. Sie erwachsen jeweils auf einer Stütze und ragen mit aufsteigenden Spitzen weit in Richtung des Haltebereichs der Busse und der dahinter sichtbaren Zentrumsbebauung vor, während abfallende Spitzen auf rückwärtigen Stützen ruhen.

Wie kompliziert geformte Wellen scheint der Beton des Dachs in Bewegung hin zum neuen Veszprém, zu dem er schon gehört. Auch das am Ende des Bahnsteigs leicht schräg angeordnete Funktionsgebäude des Busbahnhofs hat entsprechende Schalendächer, von denen einige höher gesetzt sind, um durch verglaste Zwischenräume Licht in die Wartehalle zu lassen.

Das Zentrum ist jenseits der wartenden Busse und des Verkehrs auf der vorbeiführenden Straße schon in groben Zügen zu erkennen.

Zuerst Wohnbebauung mit charakteristischem orangenen Glas vor den Balkonen und weißer Steinverkleidung unter den Dächern und an seitlichen Flächen. Ein freistehendes zehngeschossiges Punkthaus, nach links ein langgestreckter fünfgeschossiger Bau parallel zur Straße und ein siebengeschossiger quer zu ihr.

Dann ein sechsgeschossiges Bürogebäude an der leicht abbiegenden Straße, das wohl Fensterbänder und vertikale dunkle Metallstreben hat, von dem man aber nur die strahlend hellblaue Verkleidung so wirklich bemerkt. Und hinter all dem das Hochhaus, vertikale Dominante der Stadt, die man schon von der fernen Bahnstrecke sieht.

Zwanzig Geschosse hoch, rechteckiger, fast quadratischer Grundriß, umlaufende Fensterbänder und Verkleidung aus leicht vorgewölbten schwarzen Kacheln in horizontaler Anordnung, oben um die technischen Geschosse hellgraue Betonverkleidung, in der an zwei Ecken verglaste Teile sind, hinter denen sich aber leider statt Restaurant und Café nur weitere Technik verbirgt.

Es ist das über der Stadt thronende Symbol des ungarischen Sozialismus, aber es kann dies nur sein, weil es Teil eines Ganzen ist.

Um weiter ins Zentrum zu kommen, passiert man als nächstes die parallel zur Straße stehende Markthalle. Ein einfaches Gebäude, langgestreckt rechteckig, außen ein flacher Teil mit grauer unregelmäßiger Steinverkleidung und aufsteigend schräg überstehendem weißen Dach, in der Mitte die eigentliche Halle, nicht mehr als Glas und dünne grüne Stahlkonstruktion, innen zusätzlich graue Belüftungsrohre.

Der Weg, selbstverständlich breit und mit Beeten, trifft nach der Markthalle zwischen eingeschossigen Ladengebäuden auf den flach abfallenden Zugang zur Unterführung. Sie beginnt weiter links neben der abzweigenden Straße bei einem viergeschossigen Bürogebäude mit Fensterbändern und großen Kreisen in der Betonverkleidung, entspringt gleichsam aus seinen absteigenden Terrassenstufen.

Hier ist der Anfang des eigentlichen Boulevards von Veszprém. Die Unterführung führt auf genau die richtige Weise sanft hinab, unter der Straße hindurch und wieder hinauf. Das Wohngebäude rechts, das orangene Balkone und eine steinverkleidete Fläche neben der Schmalseite zeigt, und das hellblaue frühere pártház (Parteihaus) links, das bei seiner rechten Ecke eine vorgesetzte Treppe und Terrasse mit weißer Betonbrüstung und im Geschoß darüber einen rahmenartig vorgesetzten Teil hat, bilden nun ein Tor ins Herz des Zentrums, von dem gerahmt das Hochhaus aufragt.

Das rechte Gebäude ist auch das Rückgrat des folgenden Platzes und im Erdgeschoß hat es Läden, zwei breite Durchgänge und ein abstraktes Relief aus schwarzem Stein.

Links folgt angeschlossen an das Parteihaus ein Hallenbau, dessen leicht versetzte Wände jeweils ein Pultdach tragen, so daß sich eine  Art nach hinten weisendes Sheddach ergibt.

Während sich die schmale Vorderseite zum Boulevard mit dem Eingang und großen Glasflächen öffnet, sind die Breitseiten ganz mit horizontalen dreieckigen Platten aus körnigem sandfarbenem Stein, der bis in die spitzen Wellen des Dachs reicht, verkleidet und haben nur rechts einige kleine dreieckige Fenster.

Nun öffnet sich der Platz nach links, wo er mit einer breiten, aber nicht hohen Treppenanlage ansteigt. Rückwärtig schließt ihn das lange dreigeschossige Hotel Veszprém zur Straße hin an. Es hat Glasflächen im Erdgeschoß und Balkone in einem Gerüst aus Betonstreben und -balken in den weit überstehenden Obergeschossen.

An seinem anderen Ende bildet der bis auf die Schaufenster im Erdgeschoß und den roten Schriftzug weiße Kubus des Kaufhauses Bástya (Bastion) den Abschluß.

Auf diesem Platz, zu dem Beete mit Bäumen und Rosen gehören, steht das sozialistische Kunstwerk, das er verlangt.

Tiere im Falowiec

Die Vorstellung, daß einen das Leben in hohen Gebäuden von der Natur entfernte, ist ganz falsch. Es kommt bei allen Gebäuden, niedrigen wie hohen, vor allem darauf an, wie die Umgebung aussieht. Wenn diese wie in fortschrittlichen Wohngebieten aus üppigen Parklandschaften besteht, bringt einen das Leben in hohen Gebäuden der Natur im Gegenteil näher.

In meiner Wohnung im neunten Stock eines Falowiec (Wellenhauses) in Gdańsk-Przymorze ist die Tierwelt nie weit. Schon, wenn ich aufwache, ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich eine Taube auf meiner Balkonbrüstung sitzen sehe oder, seltener, eine Elster oder einen Spatzen. Wenn ich aufstehe und hinausblicke, gehören die Lüfte über Przymorze ganz den großen Silbermöwen und Nebelkrähen, zu denen sich noch die kleinen Lachmöwen gesellen. Im Sommer sind auch Schwalben zu sehen, aber die, klein, schnell, hochfliegend, gehören in eine andere Welt. Da es kein Wasser gibt, verirren sich Enten nur selten hierher, am ehesten hört man nachts ihren schnatternden Flug. Unten in den Grünanlagen gehen Leute mit ihren Hunden spazieren und vor allem abends kommen Katzen, die hier halb wild leben, hervor, doch auch der Boden gehört letztlich den Vögeln. Sie gehen hier ihrem Tageswerk nach: der Nahrungssuche, dem Überleben.

Ist das Artenvielfalt? Vermutlich nicht. Es wäre zweifelsohne interessant zu sehen, welchen Einfluß ein Greifvogel, etwa der Sperber, der im Frühling mal auf meinem Balkon saß, auf die Vogelwelt hätte und Papageien gäben einen hübschen Farbakzent, aber wenig ist auch das Vorhandene nicht. Es sind alles Tiere, die mit dem, durch den Menschen leben. Was ihr natürlicher Lebensraum sein mag, interessiert sie wenig, sie leben hier in dem, was wir für uns geschaffen haben. Für die Elstern, Spatzen, Dohlen stehen im Mittelpunkt recht konventionell die Bäume. Die Krähen sind ohnehin nur zu Besuch und überall wie nirgendwo. Die Möwen mögen die Dächer der niedrigeren Gebäude und die Laternen. Die Tauben bewohnen den Falowiec, der mit seinen vielen Balkonen und den dort im Laufe der Zeit von den menschlichen Bewohnern geschaffenen Winkeln und Nischen besser für sie geeignet ist als mancher natürliche Fels.

Die verschiedenen Vogelarten leben gemeinsam und nebeneinander in Przymorze. Gemeinsam fressen sie die Brotreste, die ihnen hingeworfen werden, oder was auch immer einer Krähe aus einem Mülleimer zu holen gelang, aber sie konkurrieren dabei auch immer. Wo die Krähen ihre Intelligenz und die Silbermöwen ihre schiere Größe und Aggressivität einsetzen, müssen die anderen sich auf die richtige Mischung aus Vorsicht und Risikobereitschaft verlassen. Meister darin, falls das kein Widerspruch in sich ist, sind die Tauben.

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Überhaupt die Tauben. Von allen Tieren passen sie am besten zur fortschrittlichen Architektur: sie sind grau, einfach, naheliegend, aber haben auch einen überraschenden Moment schillernder farbiger Schönheit. Da sie sich am liebsten auf den Balkonen, Brüstungen, Fensterbänken aufhalten und auch nicht davor zurückschrecken, durch offene Balkontüren zur Erkundung in Wohnungen zu gehen, wird man sie beim Leben in der Höhe am besten von allen Tieren kennenlernen. Die ständigen Bewegungen des Kopfs, um möglichst alles zu sehen. All die Zeichnungen des Gefieders und die stetig changierenden Farben der Halsfedern in verschiedenen Lichtsituationen. Der Flug, vom flatternden Aufsteigen über den eleganten Segelflug bis zum waghalsigen Sprung vom Balkongeländer ins Leere, der für sie so normal ist wie für uns unvorstellbar. Das Gurren der Balz. Die immer nur kurzen Kämpfe mit Picken und Flügelschlagen. Das stille und schicksalsergebene Dasitzen in der Dunkelheit, plötzlich ganz frei von der Angst und Vorsicht, die sie durch den Tag gebracht hatten.

Nicht nur näher bringt einen das erhöhte Leben der Natur, sondern es eröffnet auch ganz neue Perspektiven auf sie. Im kleinbürgerlichen Einfamilienhaus mag man sie in einzelnen Einblicken erleben, hier oben im poor man’s penthouse (Penthouse des armen Mannes) hat man sie im Überblick. Es ist gar nicht möglich, auf dem Balkon zu sitzen, ohne wenigstens aus den Augenwinkeln verschiedenste Vögel im Flug zu erleben. Vögel sind von hier gesehen nicht mehr etwas, das fern über einem ist, sondern etwas im weiten Bereich vor einem. Oder ganz nah bei einem. Nichts eigenartiger Schönes, als vom Balkon im neunten Stock aus die Lachmöwen zu füttern, ihnen Krumen hinzuwerfen und sie von ihnen aufgeschnappt zu sehen, während sie vor einem in der Luft gleichsam stehen. Oder oft gar unter einem. Nichts Majestätischeres als der Anblick einer Silbermöwe, die viele Stockwerke unter einem langsam am Gebäude entlangsegelt.

Die Schönheit und Majestät ist jedoch nicht die des Vogels im Flug, sondern die des Menschen, dessen Größe diesen Anblick ermöglicht. Aus einem hohen Gebäude kann die Natur nah und schön sein, aber immer als etwas, das vom Menschen gestaltet, also recht eigentlich erst geschaffen ist.

Die Apotheose von Gdynia

Es ist leicht, Gdynia zu unterschätzen, weil es allgemein zu sehr als etwas gerühmt wird, was es in weiten Teilen schlechthin nicht ist: als moderne Stadt, modernistische Stadt, Stadt des Modernismus etc. So kann man leicht übersehen, wie viel Gdynia hat, das wirklich modern oder, um dieses unklare Wort durch ein anderes zu ersetzen, fortschrittlich ist.

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Am Fuße des heutigen Wgórze Św. Maksymiliana (Hügel des heiligen Maximilian, nach Maximilian Kolbe) und vom Stadtzentrum durch einen breiten Parkstreifen getrennt, abseits, aber unübersehbar an der großen Trójmiasto-Magistrale Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) stehen vier Gebäude, die einen einzigen Komplex bilden. Sie sind jeweils sechs Geschosse hoch und stehen parallel zueinander aufgereiht quer zur Straße. Von der Zwycięstwa betrachtet steht das links Gebäude an der Ecke Partyzantów (Straße der Partisanen) etwas nach vorne und das rechte Gebäude etwas nach hinten versetzt. Von der Generała Józefa Bema (General-Józef-Bem-Straße) aber, die auf der anderen Seite des Komplexes höher am Hang verläuft, sieht man, daß die nun fünfgeschossigen Gebäude jeweils leicht versetzt genau ihrem leichten Schwung entsprechend stehen und durch die leichte Steigung auch jeweils etwas höher werden, was dadurch erreicht wird, daß das zweite Gebäude deutlich kürzer ist als das dritte, obwohl beide von vorne identisch wirken.

Während von der Generała Bema ebenerdige Grünflächen zwischen den Gebäuden erreicht werden, sind die ersten drei von ihnen zur Zwycięstwa hin durch ein Sockelgeschoß verbunden, in dem rechts ein Ladenraum ist und in der Mitte vor dem zweiten Gebäude Treppen nach links und rechts in die Grünflächen hinaufführen.

Ein entsprechendes Sockelgeschoß steht zwischen den letzten beiden der Gebäude deutlich weiter hinten. Nach dem letzten, dem rechten Gebäude ist versenkt in die Ecke der deutlich höher verlaufenden Straßen Generała Bema und Mikołaja Kopernika (Mikołaj-Kopernik-Straße) ein weiterer größerer Grünbereich. Seine Hänge sind mit üppigen Bäumen und Sträuchern bewachsen und seine Ränder darunter sind mit niedrigen weißen Betonmauern, die nach innen geschwungen enden, und in der Ecke mit einer höheren eingewölbten Betonwand befestigt.

Die vier Gebäude sind alle ähnlich, aber nicht ganz identisch. Alle haben sie nach links verputzte Fassaden mit unauffällig gegliederten Fensteröffnungen und nach rechts durchgehende Balkone, die aus nicht mehr als vertikalen Stützen, horizontalen Flächen und Geländern bestehen. Beim ersten Gebäude sind diese Balkone nach einem vertikalen Teil mit je einem Fenster deutlich vorgesetzt und beginnen leicht schräg. Bei den beiden mittleren Gebäuden sind die Balkone hingegen ebensodeutlich zurückgesetzt und werden von den vertikalen Teilen neben der Schmalseite flankiert.

Zudem ragen bei ihnen über den Eingängen an der Fensterseite die Betriebsräume von Aufzügen aus dem Dach und sind durch horizontale Streben verbunden. Das letzte Gebäude entspricht weitgehend den mittleren, hat jedoch an der rechten Seite über zwei Sockelgeschossen nur ein Geschoß mit durchgehenden Balkonen, über dem vier Streifen mit schmalen Balkonen die gesamte, ansonsten nur aus Fenstern bestehende Fassade durchziehen.

Ein gelungenes Stück fortschrittlicher Architektur des polnischen Sozialismus, will man meinen, späte Fünfziger vielleicht oder frühe Sechziger, als sich dahinter noch der Wzgórze Nowotki (Nowotko-Hügel, nach einem polnischen Kommunisten) erhob, bloß die exponierte Lage etwas unglücklich. Doch je genauer man hinschaut, desto zahlreicher werden die Hinweise, daß der Komplex deutlich älter sein und aus der Zwischenkriegszeit, als er am Wzgórze Focha (Foch-Hügel, nach einem französischen General) lag, sein könnte. Da ist zuerst einmal die Lage selbst. Das letzte Gebäude ist bereits hinter typischen Gdyniaer Mietshäusern aus den Dreißigern, sachliche Formen zu Blockrandbebauung, versteckt und auch vor den anderen wäre Platz, den Blockrand zu schließen und den fortschrittlichen Komplex beinahe in einen Hinterhof zu verbannen.

Dann ist da die Fassade des letzten Gebäudes. Wo die anderen recht beliebig renoviert sind, hat es weißen Putz mit einer Schachtelstruktur aus dünnen roten Streifen, was wiederum sehr an Formen aus den Dreißigern erinnert.

Dann die Kanaldeckel überall vor dem Sockelbau. Sie wurden hergestellt von „Herzfeld & Victorius S.A. Grudziądz“ und S.A. steht für spółka akcyjna, Aktiengesellschaft, AG, eine private Firma also. Aktiengesellschaften gab es in Polen in den Fünfzigern aber ausschließlich noch für die Zwecke des Außenhandels mit kapitalistischen Staaten, gewiß nicht für Industriebetriebe.

Dann die leicht schrägen vertikal schraffierten roten Steinflächen beidseits der Eingänge.

Dann rahmenartige Linien in den einzelnen Steinblöcken der Pfeiler des Gitterzauns, der zur Generała Bema hin zwischen den Gebäuden verläuft.

Überhaupt dieser Zaun, der vielfach erneuert wurde, aber immer da war. Er konterkariert die fortschrittliche Offenheit des Komplexes völlig, er will ihn wieder zu geschlossener Blockrandbebauung machen, er will Architektur, die dem Sozialismus gemäß ist, in den Kapitalismus zurückzwingen.

So sind die drei Grünflächen zwischen den Gebäuden ganz leblos und auch der so große und aufwendig gestaltete Parkbereich in den Ecke dient den Bewohner nur zum Hundegang.

Das alles sind nur Indizien, aber starke. Und wirklich, so unglaublich es scheint: der Bau des Komplexes wurde 1937 begonnen. Auftraggeber war die staatliche Sozialversicherungsgesellschaft ZUPU, beziehungsweise ZUS, für deren Beamte er gedacht war. Damit ist er der mit Abstand fortschrittlichste dieser ersten Epoche der Stadt und war in seiner Entstehungszeit wohl einer der fortschrittlichsten der gesamten Welt. Das liegt nicht etwa zuerst an der Zeilenbauweise, denn die wurde schon in den späten Zwanzigern in Deutschland und anderswo angewandt und auch in Gdynia gibt es einige wenige Beispiele, sondern daran, wie die einzelnen Gebäude mit dem Sockelbau und den Grünflächen zu einem einzigen Komplex zusammengefaßt sind. Auch Zeilenbauten auf Sockeln gab es etwa in der Tschechoslowakei bereits, aber nur als letztlich doch bloß enge Auflockerung innenstädtischer Blockrandbebauung, nie jedoch unter solch gelungener Ausnutzung des Terrains, in solcher Offenheit und in solcher Verbindung mit Grünflächen.

Wenn man den Gebäudekomplex so bereitwillig in eine spätere Zeit einordnet, dann schlichtweg deshalb, weil er identisch auch in den Fünfzigern oder sogar Sechzigern gebaut worden wäre. So wie das Polska YMCA einen später allgegenwärtigen Typ von Bürogebäude vorwegnimmt, allerdings erst nach dem Krieg, nimmt dieser Komplex einen später allgegenwärtigen Typ von Wohngebäude vorweg und das unglaublicherweise bereits vor dem Krieg. Genau so wäre in den fünfziger und sechziger Jahren nicht nur überall gebaut worden, so wurde überall gebaut. Bloß den Zaun hätte es in sozialistischen Staaten nicht gegeben und in den kapitalistischen abhängig vom Klassenstatus ihrer intendierten Bewohner auch nicht.

Wichtig ist auch, daß der Komplex, der heute durch die große Straße und den Park so abgelegen wirkt, am Ende der Świętojanska (Heiliger-Jan-Straße), der Hauptstraße Gdynias, steht und durchaus als Teil des Stadtzentrums gedacht war. Im Sockel hätten ein Kino und ein Restaurant sein sollen, Offenheit und Grün hätten sich direkt mit städtischem Leben verbunden, wie es erst in den Fünfzigern in der Lijnbaan gelang. Hier war Gdynia einmal tatsächlich nicht nur modern, modernistisch, Stadt der Moderne, sondern seiner Zeit voraus. Wenn so die nahe Zukunft Gdynias ohne den Krieg ausgesehen hätte, dann wäre es eine kaum vorstellbar großartige Stadt geworden. Gewiß ist aber auch möglich, daß die Straßenseite doch mit anderer Blockrandbebauung hätte geschlossen werden sollen. Außerdem kam der Krieg. Er kam sogar dem Bauabschluß des Komplexes in den Weg und das erste, das linke Gebäude wurde erst von den deutschen Besatzern fertiggestellt, die den Hügel dahinter Baltenberg nannten, allerdings in vereinfachter Form, was die fehlenden Aufzugsaufbauten erklärt. Statt des Kinos und Restaurants war im Sockel eine Garage der „Kraftfahrkompanie Festungskommandantur Gotenhafen“, wie man auf einem traurigen und lehrreichen Bild sehen kann.

Der Komplex blieb allein. Er ist somit die Apotheose des Gdynia der Zwischenkriegszeit und läßt ahnen, was noch möglich gewesen wäre. Er zeigt, wie sehr Gdynia unterschätzt werden kann, wie sehr es sich aber auch selbst unterschätzt, weil es statt dieses Komplexes, über den man wenig und nicht einmal den Namen des Architekten herausfinden kann, andere Gebäude rühmt.

Uhren in Hoorn

Die steingraue und backsteinrote Fassade der Oosterkerk (Ostkirche) in Hoorn zeigt bestenfalls, daß Renaissance und Barock der niederländischen Sakralarchitektur nicht unbedingt gut taten und eine kreative Rückbesinnung auf die Gotik ihr mehr half.

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Zu monumental und trotz dem Backsteinrot zu grau, steht sie in der Straße Groote Oost (Große Ost), wo sie jedoch nicht einmal für wirkungsvolle Monumentalität Platz hat, da die Straße entgegen ihrem Namen klein und eng ist. Aber dann überrascht die Kirche mit einer Uhr, die weit oben quer vor dem Giebel hängt und in die Straße hineinragt.

Die Uhr hat einen dreieckigen grauen Tempelgiebel und einen ornamentalen grauen Rand, als wolle sie selbst ein schwebendes kleines Gebäude sein. Zu beiden Seiten zeigt ein weinrotes Zifferblatt mit goldenen Zeigern und in einem schwarzen Ring angeordneten goldenen lateinischen Ziffern, um die verteilt auf die vier Ecken die goldene Zahl 1688 steht.

Die Form der Uhr ist mithin recht lächerlich, was eben zeit- und stiltypisch ist, doch sie ist zugleich ein dezidiert funktionales Element. Die Turmuhr ist von nirgendwo gut zu sehen und bei einer flach auf der Fassade befestigten Uhr wäre es kaum besser, also kam jemand auf die Idee, eine Uhr so anzubringen, daß sie von der ganzen Straße sichtbar ist. Was auch immer die Menschen der Handelsstadt an der Zuiderzee (Südmeer), dem heutigen IJselmeer (IJselsee), im späten 17. Jahrhundert und danach von Religion im Allgemeinen oder der in der Kirche gepredigten reformierten Staatsreligion halten mochten, die Uhr war ihnen nützlich und ist es noch heute.

Das Beispiel der Uhr der Oosterkerk machte in Hoorn Schule.

Auch die Noorderkerk (Nordkirche), die sich gotischere Formen erhalten konnte, vom Barock interessanter ergänzt wurde und an der breiteren und größeren Straße Kleine Noord (Kleine Nord) etwas mehr Platz hat, besitzt eine solche vorgehängte Uhr.

Ihre Formen gleichen denen der anderen, sind aber einfacher und eine Jahreszahl fehlt. Sie hängt sogar leicht schräg vor dem Giebel, damit sie von überall in der leicht ungeraden Straße von möglichst weither sichtbar ist, was die Funktionalität dieses baulichen Elements noch hervorstreicht.

Keine Uhr hat die weiter stadteinwärts an der Straße Grote Noord (Große Nord) aus der Blockrandbebauung ragende katholische Cyriacus en Franciscuskerk (Cyriakus-und-Franziskus-Kirche).

Als historisierender Bau von 1882, der mit seinen runden Türmchen und Kuppeln und reicher Ornamentik orientalisierend-südlich wirkt, sieht sie genau so aus wie andernorts zur selben Zeit neue Synagogen und in der Tat ist ihre Geschichte eine ähnliche, denn an der Stelle der auch sogenannten Koepelkerk (Kuppelkirche) stand zuvor eine in einem Wohnhaus versteckte Schuilkerk (Schlupfkirche). Ganz wie vielerorts die Juden konnten die nordholländischen Katholiken als vorher bloß geduldete Minderheit erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prachtvolle sichtbare Kirchen bauen und in diesem Fall bedienten sie sich ganz ähnlicher Formen. Ein Gefühl für örtliche Bautraditionen fehlte, wie das für historistische Architektur typisch ist, weshalb es keine Uhr gibt.

Dafür hängt schräg gegenüber der Kirche vor dem Juwelier De Vries eine.

Es ist eine quadratische Uhr mit schwarzen Zeigern und Ziffern auf weißem Grund, auf den hier sogar der Name des Geschäfts und als Logo eine etwas übertrieben beringte stilisierte Hand aufgedruckt sind.

Uhren wie diese hängen vor tausend Uhrenläden in tausend Einkaufsstraßen und immer wirkt es heute schon etwas antiquiert, es ist so eine typische Werbestrategie eigentlich noch des 19. Jahrhunderts, die in dieser Form in den Fünfzigern und Sechzigern beliebt war. In Hoorn aber ist damit, wohl unbewußt und unbeabsichtigt, eine wertvolle lokale Tradition fortgesetzt und irgendwann wird, falls auch diese Uhr die Jahrhunderte übersteht, der Unterschied zwischen den drei Uhren nurmehr eine Nuance sein.

Es spricht für die Stadt Hoorn, daß in ihr Uhren wichtiger sind als Kirchen.

Olsztyner Höhepunkte: Sowjetisches Ehrenmal

Der zweite der Olsztyner Höhepunkte nach dem Planetarium ist das sowjetische Ehrenmal.

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Unübersehbar hoch ragt es auf. Der hohe Sockel ist aus schwarzen Steinblöcken und die beiden Stelen, die links und rechts auf ihm stehen, sind aus grauen. Beide haben eine quadratische Grundfläche, wobei bei der rechten nur die rechte Hälfte aus sichtbaren eckigen Blöcken besteht. In der linken Hälfte bilden sie die große Skulptur eines sowjetischen Soldaten. Er steht dort mit Uniform und Helm, aus dem Stein hinausgewachsen, im Schritt nach vorne, in der erhobenen linken Hand eine Fahnenstange. Zur Fahne werden die drei unregelmäßigen Stufen im Stein, die nach links noch über den Kopf des Soldaten reichen. Auf der unteren, kaum höher als der Helm, sind Hammer und Sichel, die als einzige eine dritte Farbe ins Ehrenmal bringen: Rot.

Die linke Stele hat auf allen Seiten Linienreliefs im glatten Stein. Zu den drei äußeren Seiten sind Kriegsmaschinen dargestellt, Panzer, Geschütze, Flugzeuge, gepanzerte Züge, oft schräg nach oben oder nach unten zeigend. Auf der vierten Seite aber, die nach innen zum Soldaten zeigt und über die oben ein der Fahne ähnlicher Teil übersteht, sind Vieh, Traktoren, Kräne, Industrieanlagen zu sehen.

Die Symbolik ist so einfach wie angemessen: außen die Waffen, mit denen das Innere, die Produkte des sozialistischen Aufbaus, verteidigt werden. Neben diesen der Verteidiger, riesen- und heldenhaft unter dem Banner mit Hammer und Sichel.

Dieses sowjetische Ehrenmal steht mitten im Zentrum von Olsztyn, abseits der einstigen Aleja Zwycięstwa (Allee des Siegs) und heutigen Piłsudskiego (Piłsudski-Allee), die vom Rathausklotz herkommt und zum Platz beim Planetarium weiterführt. Es steht damit heute in einer gänzlich feindseligen kapitalistischen Stadt.

Links ist ein monströses backsteinernes Gerichtsgebäude, mit dem sich der kapitalistische preußische Staat repräsentierte, rechts ist ein Einkaufszentrum, das gut den kapitalistischen polnischen Staat repräsentiert. Der Vorplatz des Ehrenmals ist nunmehr ein Parkplatz, auf dem aber immerhin der mittige steingepflasterte Weg freibleibt. Aufschriften gibt es keine.

Doch all das macht gar nichts, denn das sowjetische Ehrenmal von Olsztyn ist ein so großes sozialistisches Kunstwerk, daß es dennoch Mittelpunkt seiner Umgebung bleibt. In der Beschreibung fehlte zudem noch sein wichtigster Teil: seine Mitte. Vom Weg her führt eine breite Treppe aus schwarzem Stein geradeaus auf die erhöhte Fläche des Sockels zwischen den Stelen, während von der anderen Seite zwei kleinere Treppen von rechts und links am Sockel entlang nach oben führen. Zwischen den friedlichen Reliefs und dem schützenden Soldaten wird man selbst zur Mitte des Ehrenmals. Hier begreift man auch, wieso es an gerade dieser Stelle und nicht anderswo steht. Hinter einem liegt die kapitalistische Stadt, doch vor einem eröffnet sich ein ganz anderes Panorama: über einen weiten Park im folgenden Tal sieht man, zumindest im Winter, drei Wohnhochhäuser eines entfernten Wohngebiets.

Weit rechts steht die Kościół Św. Jakuba (Jakobskirche), die backsteingotische Hauptkirche der wiederaufgebauten Olsztyner Altstadt.

Aus Autorenkollektiv: Polen, Leipzig 1969

Das sowjetische Ehrenmal ist wie ein Portal, durch das man von einer schlechteren Version der Stadt in eine bessere tritt, oder wenigstens wie ein magischer Bilderrahmen, durch den man einen Blick in eine bessere Zukunft werfen kann. Die Erinnerung an die zurückliegenden Kämpfe und die Befreiung durch die sowjetische Armee steht symbolisch an der Schwelle zum Neuen. Und jeder ist eingeladen, diese Schwelle zu übertreten. Das Ehrenmal daher steht völlig frei und ist von überall gut zugänglich. Obwohl die der Straße zugewandte Seite betont ist, ist sie nur eine von vielen Möglichkeiten, es zu betrachten. Hammer und Sichel etwa sind von der anderen Seite besser zu sehen.

Mit seinem sowjetischen Ehrenmal hatte Olsztyn doppeltes Glück: daß es in so gelungener Form errichtet und zum städtischen Höhepunkt gemacht wurde und daß es noch immer existiert.

Grenzen, Hochwasser und Betonjugendstil

Was Grenzen sind, kann man erkennen, wenn man an einer Brücke in Mikulovice liest: „Bauunternehmung Ed. Ast & Co. Ingenieure Wien IX.“

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Von Wien ist das Dörfchen Mikulovice weit entfernt, schlesische Industriegegenden jedoch, in denen es zweifellos viele fähige Bauunternehmen gab, sind nah. Aber das ist egal: Mikulovice liegt an der Grenze, heute an der tschechisch-polnischen, früher, als es Niklasdorf hieß, an der österreichisch-preußischen. Deshalb wurde dort eine Brücke von einer Wiener Firma errichtet, während es im einige Kilometer flußabwärts gelegenen Głuchołazy, damals Ziegenhals, eine Berliner Firma hätte sein können. Das beidseits der Grenze damals Deutsche lebten, war völlig unwichtig. Entsprechend anders hätte die Brücke Anfang des 20. Jahrhunderts vermutlich drüben in Preußen ausgesehen.

In Mikulovice haben die beiden in die Strömung spitzen und zum kleinen künstlichen Wasserfall runden Pfeiler oben drei horizontale Rillen und die Ränder unter der Brückenfläche ein Muster aus großen Quadraten und horizontalen Rechtecken, wobei alles aus Beton gefertigt ist. Sogar einen solchen technischen Bau in einem Grenzdorf in solche minimalistischen Jugendstilformen zu kleiden, ist typisch österreichisch.

Die katholische Kirche war internationaler, Bistumsgrenzen entsprachen nicht unbedingt Staatsgrenzen, und so kommt es, daß ein wichtiger Förderer des Neubaus der Mikulovicer Kirche auf dem Hügel bei der Kirche Kardinal Georg Kopp, Bischof von Wrocław, dem damaligen Breslau, war.

Vielleicht geht es zu weit, in dem 1904 eingeweihten riesigen neoromanischen Kirchklotz, für den ein unscheinbarer Vorgängerbau abgerissen worden war, etwas Preußisches sehen zu wollen, denn er ist einfach Ausdruck der konservativen historistischen Architektur seiner Zeit. In Wien hätte man darüber die Nase gerümpft und ironischerweise hätte Mikulovice heute tatsächlich viel davon, wenn Otto Wagner oder auch ein weniger radikaler Jugendstilarchitekt seine Kirche errichtet hätte.

Die Brücke an ihrem Fuße ist nur wenige Jahre neuer als die Kirche, aber architektonisch so weit von ihr entfernt wie, nun, Wien von Breslau. Es war ein Hochwasser während des Baus der Kirche, nicht gerade ein gutes Omen, das den Anlaß zur Regulierung des Flusses Běla gegeben hatte.

Die Ufer wurden stellenweise in Beton oder Stein gefaßt, das Gefälle in mehreren Stufen geordnet und auch an kleineren Wasserläufen im Ort wurden Schleusen aus Beton, Stahl und Holz gebaut.

Bei der Brücke selbst ist der Übergang vom einen zum anderen Ufer weniger wichtig als die darunter verlaufende Betonstufe, dank der ein fast parallel, aber deutlich höher verlaufender Bach hinter ihr einmünden oder bei Hochwasser auch vor ihr durch eine Schleuse abfließen kann.

An der steinernen Wand am Aufgang zur Kirche erinnern Jahreszahlen in kaum vorstellbaren Höhen an frühere Hochwasser und vom Erfolg der Flußregulierung zeugt, daß das Wasser erst 2007 wieder die untersten Steine erreichte.

Die Brücke ist somit nur Aushängeschild einer viel umfangreicheren Maßnahme. Daß sie in einem sachlichen Betonjugendstil, der auch zwanzig, dreißig Jahre später noch zeitgemäß gewirkt hätte, ausgeführt wurde, war nicht einmal eine besonders gewagte Entscheidung – es war einfach der semioffizielle österreichische Stil der Zeit. Dennoch ist der Kontrast zur Kirche vielsagend. Die Brücke wurde seit ihrer Erbauung kaum verändert, guter Beton hält lange. Ihre jetzigen Geländer aus runden Eisenstangen passen vielleicht noch besser zu ihr als die ursprünglichen, von denen noch ein Pfosten mit oben nach außen geschwungenem Abschluß, wie sie auch beim Aufgang zur Kirche zu finden sind, übrigblieb.

Mikulovice kann sich glücklich schätzen, daß es auf dieser Seite der Grenze lag.