Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Wien, vorher Frankfurt am Main, Berlin und Zittau.

Turiner Einzelheiten: Mole Antonelliana

Turins Wahrzeichen ist die Mole Antonelliana, aber wenn man es nicht wüßte, würde man es vielleicht nicht herausfinden. Es handelt sich um einen 167 Meter hohen Turm aus dem späten 19. Jahrhundert in entsprechenden neoklassizistischen Formen. Auf einem fast den gesamten Straßenblock einnehmenden Sockel, der allein schon höher als die umstehenden Gebäude ist, sitzt eine sehr hohe Kuppel mit vier steil und geschwungen ansteigenden Seiten, darauf sind weitere Geschosse mit zwei hohen säulenumstandenen Umgängen und Dreiecksgiebeln und darauf erhebt sich ein stetig schmaler werdender runder Teil mit Umgängen in regelmäßigen Abständen, der in einem Stern endet.

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Es ist eine markante Form, insbesondere die Kuppel und der die Höhe beinahe verdoppelnde runde Schaft, aber man sieht sie nur selten und noch seltener gut. Im so einfachen und wohlgeordneten Turin mit seinem rechtwinkligen Straßenraster und seinen großen Achsen steht die Mole ohne Bezug zu irgendetwas. Keine Straße führt auf sie zu, kein Platz ist vor ihr. Daß sie einen monumentalen Eingang mit riesiger Tempelfassade hat, ist völlig unnötig, da man ihn erst recht von nirgendwoher sehen kann. Wenn man die Mole sieht, ist es immer als Überraschung.

Manchmal nur überquert man eine Straße und plötzlich steht sie in all ihrer imposanten Größe in der Ferne. Vom zentralen Piazza Castello (Burgplatz) oder Piazza Vittorio Veneto (Vittorio-Veneto-Platz) aus ist ihr oberer Teil manchmal zu sehen, aber wie etwas Fernes, Unverständliches.

Vom Monte dei Cappuccini (Kapuzinerberg) oder einem der anderen Hügel jenseits des Flusses Po aus ist sie zwar die höchste, aber zugleich nur eine der aus der Stadt aufragenden Spitzen.

Am besten sieht man sie von manchen Stellen am Ufer des Po, etwa im Süden von der Ponte Isabella (Isabella-Brücke) über den Park Valentino hinweg.

In San Mauro im Norden, wo von Turin sonst nichts zu ahnen ist, wird sie sogar zur Stellvertreterin der Stadt.

Erst von außerhalb kann die Mole daher so wirklich als Wahrzeichen wirken und vielleicht ist ja gerade das der Sinn eines Wahrzeichens. In mancher Hinsicht gleicht ihre Lage in der Stadt dem eines frühen amerikanischen Hochhauses, wie Turin durch chaotische Bebauung in einem strengen Straßenraster ohnedies etwas Amerikanisches hat. Anders als diese Hochhäuser hatte die ursprünglich als Synagoge begonnene und nach enormen Kostenüberschreitungen von der Stadt fertiggestellte Mole aber nie einen konkreten Nutzen, war mehr Beispiel für bauliche Möglichkeiten, ein Piemonteser Turm von Babel. Vielleicht ist sie das Wahrzeichen der Stadt gerade, weil sie beinahe unsichtbar ist.

Kachelrelief von A. Vaudetti (Via Moncalvo 44)

Wohngebiet Špinut

Von Nordwesten gesehen, also vom Meer oder von einigen felsigen Stellen am Ufer der Halbinsel, ist Špinut die Skyline der jugoslawischen Hafenstadt Split.

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Es leuchtet so weiß wie einst vielleicht der Diokletianpalast für von Süden ankommende Schiffe und ragt dabei auf wie der Turm der Kathedrale aus dessen zu Splits Altstadt gewordenen Resten. Von Nahem besteht es eigentlich nur aus sechs Gebäuden und dem von diesen gebildeten Stadtraum.

Špinuts Rückgrat sind zwei lange zwölfgeschossige Gebäude. Im Erdgeschoß sind sie aufgestützt, wobei die Stützen recht breite Wände sind, die nicht dazu dienen, von Weitem Leichtigkeit zu symbolisieren, sondern von Nahem konkrete wertvolle Durchgänge bieten.

Ihre eine Seite hat ein regelmäßiges Raster aus leicht vorstehenden horizontalen Streben, die die Geschoßböden fortsetzten, und kreuzenden vertikalen Streben. Unter diesen sind abwechselnd Wandflächen mit eigenen kleineren Streben und schmale Balkonnischen, die jeweils zu zweit beidseits einer großen vertikalen Strebe ein den Wänden entsprechendes Rechteck bilden.

Die anderen Seite ist ganz in Balkone mit Gittergeländern aufgelöst, vor denen bloß dünne vertikale Stahlleisten hängen, doch mit verschiebbaren Sonnenschutzwänden läßt sie sich auch vollständig schließen, so daß sie entsprechend den Bedürfnissen ihrer Bewohner in stetiger Veränderung begriffen ist.

All das ist selbstverständlich in Špinuter Weiß gehalten.

Bei beiden Gebäuden ist das oberste Geschoß deutlich zurückgesetzt und dazu kommt beim weither sichtbaren Anfang des ersten Gebäudes ein Aufbau aus einem Würfel, einer längeren Terrasse und einer quadratischen Stele. Wie schon die Seite mit dem Strebenraster, die darunter nach außen zeigt, erinnert dieser fast skulpturale Dachaufbau an Le Corbusier, ohne dadurch epigonistisches Zitat zu sein.

Die beiden Gebäude stehen parallel zueinander, aber so versetzt, daß das zweite und höher angeordnete dort beginnt, wo das erste endet. Vor dem ersten Gebäude erstreckt sich zur Ulica Sedam Kaštela (Sieben-Kastelle-Straße), mit der es nicht parallel ist, ein weiter Grünbereich mit Wiesen und mediterranen Bäumen. Durch die Unebenheit des Terrains steht sein rechter Teil niedriger, wo zwischen die Stützen und die Obergeschosse noch zwei ergänzende Geschosse mit Wohnungen kommen.

Auf seiner anderen Seite verläuft oberhalb von Parkplätzen ein breiter Gehweg mit weiteren Bäumen und Palmen und eine Erschließungsstraße.

Hinter dem Ende des ersten Gebäudes und zum zweiten hin steht quer ein sechsgeschossiges Gebäude. Sein erster Teil ruht wiederum auf wandartigen Stützen, hat aber eine vertikale Fassadenstruktur aus Wandflächen und eher schmalen Fenstern und Balkonen, die zudem durch Vor- und Rücksprünge variiert ist. Die Seitenwände der Treppenhäuser sind um Glasflächen auf der einen und ein engmaschiges Betongitter auf der anderen Seite nach vorne und höher geführt, was ein weiteres skulpturales Element ergibt.

Um seine zum Grünbereich zeigende Ecke laufen große transparente Balkone, die noch bessere Blicke aufs nahe Meer als ohnedies schon so viele Wohnungen von Špinut bieten.

Sein zweiter, weit kleinerer Teil hat nur zur einen Seite normale Balkone und zur anderen abwechselnd durchgehende vorgesetzte Balkone und einzelne kleinere, die im Beton ihres Bodens und ihrer Seitenwände gleichsam aufgehängt scheinen.

Vor dieser Seite steht am Ende ganz aus Beton und fensterlos das Treppenhaus, das mit dreieckigem Grundriß und entsprechenden Abschrägungen unten und oben wirklich schon eine balancierende brutalistische Skulptur ist. „Tehničar Split“ steht in verblassenden hellblauen Buchstaben darauf.

Jenseits dieses quer zwischen den langen Gebäuden des Rückgrats angeordneten Gebäudes ragen die drei Punkthochhäuser von Špinut auf. Sie sind wie weiße Basaltformationen, bei denen zu den vertikalen und an Vor- und Rücksprüngen reichen Formen des Quergebäudes noch Variationen in der Höhe kommen, so daß die höchsten Teile achtzehn Geschosse, andere jedoch weniger haben.

Bei der Ecke zweier großer Straßen hinter einem weiteren Grünbereich gelegen sind sie erstaunlicherweise gleichsam die unscheinbarsten Teile von Špinut, die aber im Zusammenhang des Wohngebiets so wichtig sind wie alle anderen.

Das ist Špinut auch bereits, sechs Gebäude nur, die schon in ihren Formen viel miteinander verbindet und die in ihrer Anordnung zueinander eine Einheit werden. In der Großzügigkeit des sozialistischen Städtebaus verstärkt sich die Lieblichkeit der südlichen Vegetation noch, Grün erstrahlt vor Weiß, Palmen vor Beton. Zu den Grünbereichen kommen zu viele Parkplätze, obwohl es sogar ein Parkhaus mit zweieinhalb in den Boden versenkten Geschossen gibt.

Zwischen den Hochhäusern und dem Ende des zweiten langen Gebäudes erhielt sich ein altes Mietshaus, das vom freien Raum des Wohngebiets profitiert und ihm einen rustikalen Kontrastpunkt schenkt, es ist aufgehoben von Špinut.

Ein Ladenzentrum fehlt, stattdessen sind vielerlei Läden zwischen den Stützen der langen Gebäude angeordnet. Zentrum des Wohngebiets ist daher der Platz vor dem zweiten Teil des Querbaus, zu dem der Weg entlang der langen Gebäude zwangsläufig führt. Treppen steigen nach links und vorne an, wo ein Café seine vielen Tische aufgestellt hat.

Es ist eine Piazza neuen Typs, ein genuin mediterraner Mittelpunkt für ein fortschrittliches Wohngebiet.

Und wie Špinut dank den Stützen zu allen Seiten durchlässig ist, so ist es auch allseitig mit der Stadt verbunden. Beim ersten Gebäude verschwimmt es mit anderer fortschrittlicher Bebauung, zu der drei monolithische Hochhäuser an der Ulica Sedam Kaštela gehören.

Auf der anderen Seite dieser Straße folgt bei den Hochhäusern das wundervolle Poljud-Stadion von Hajduk Split.

Auch auf der anderen Seite der kreuzenden Ulica Zrinsko Frankopanska (Zrinksi-Frankopan-Straße) ist ausschließlich fortschrittliche Bebauung. Hinter dem zweiten langen Gebäude folgen die ersten überkommenen Häuser, durch die man bald in die Altstadt mit dem Diokletianpalast kommt. Doch wenn man über den Garten des archäologischen Museums auf wie achtlos abgestellte Steine vor dem Hintergrund des Gebäudes blickt, dann sind sich Rom und der jugoslawische Sozialismus sogar noch näher.

Baumarchitekturen

Der schönste Park in Olsztyn ist vielleicht gar keiner. Gelegen im Süden der Stadt ist er vom Ufer des Flüßchens Łyna ein bewaldeter Hügel, von der Tuwima (Tuwim-Straße) einige Bäume hinter alten Gebäuden mit Satteldächern, die irgendwas zwischen Landwirtschaftlichem und Industriellem, zwischen Bauernhof und Fabrik sind.

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Auch seine nächste Umgebung, zwei Einfamilienhäuser, weitere Schuppen oder Ställe, eine Betonstraße, passen kaum zu einem Park.

Und doch ist es ein Park und nicht etwa ein Wald, zu vielfältig, zu bewußt gewählt und skulptural eingesetzt sind die Bäume. Da ändert es auch nichts, daß die Wege bestenfalls Trampelpfade sind und es keine Bänke und nur einen einzigen Mülleimer gibt. Er entstand im späten 18. Jahrhundert als Teil eines alten Gutshofs und trägt nach diesem heute den Namen Pozorty.

Der Höhepunkt des Parks ist zwangsläufig eine riesige Roteiche, die am Hang zur Łyna einen weiten Bereich ganz alleine einnimmt.

Obwohl ihr Stamm bis unten hin gespalten, eigentlich zwei, drei mächtige Stämme ist, steht sie gerade und hoch. Denn sie ist ein Parkbaum, menschengemachte Natur: vielerlei starke Bänder tun ihr Bestes, den Stamm, die Stämme zusammenzuhalten.

Doch die schönsten Bäume des Parks sind weiter oben auf einer Fläche zwischen den Schuppen. Da ist ein zarter Nadelbaum, wie er im Norden Europas gewiß nicht heimisch ist.

Da ist eine vielstämmige Eiche, die an einen komplizierten Leuchter erinnert.

Und da ist eine Hängebuche.

Was dem Park von Pozorty an Architektur fehlt, um Schloßpark zu sein, muß ihm dieser architektonischste der heimischen Bäume geben. Er muß selbst Schloß werden. Ganz selbstverständlich, daß einer der Wege durch die Hängebuche hindurchführt und sie von der Betonstraße her der Eingangsbau des Parks ist. Wenn man unter das Dach und zwischen die Wände ihrer bis zum Boden hängenden Zweige getreten ist, sieht man, daß auch sie zwei Stämme hat, wobei der kleinere rechte dadurch entstand, daß vor langer Zeit ein Teil des größeren linken umstürzte und neue Wurzeln schlug.

Zwischen den Stämmen ist unten ein mannshoher leicht nach vorne geneigter Rundbogen, als wolle der Baum wirklich Architektur zitieren, und oben verwuchs ein Ast des rechten wieder mit dem linken.

Ein anderer Ast des rechten Stamms wird von einer stählernen Krücke gestützt, aber die Geschichte des Baums zeigt ja, daß er diese menschliche Hilfe nicht braucht.

Menschlich ist die Olsztyner Hängebuche dadurch, daß sie in ihrem Park schützender und verbergender Ort unzähliger Treffen unterschiedlichster Art zwischen Menschen war. Wenn sie schreiben könnte, sie würde Bände füllen. Stattdessen muß das genügen, was Generationen von Besuchern in ihre Stämme ritzten.

Und wenn man auf dem linken Stamm „lato 95“ (Sommer 95) liest, ist das nicht weniger schön und assoziationsreich als das „winter of ’82“  oder „summer of ’69“ der Popsongs.  Dieser Park muß gar keiner sein, um der schönste Park in Olsztyn zu sein.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Olomouc

Der Hauptbahnhof (hlavní nádraží) von Olomouc ist Ausdruck gleich zweier Umbruchszeiten.

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Architektonisch zeigt das 1938 errichtete Gebäude die Unentschlossenheit der ersten tschechoslowakischen Republik der Zwischenkriegszeit. Die hohe Fassade der mittigen Halle ist bestimmt von eckigen vertikalen Streben aus grauem Stein zwischen den Fenstern und die mittlere Strebe ist bis über das Dach fortgesetzt, wo ein riesiges geflügeltes Rad aus Bronze steht. Es ist eine nur die Vertikalen betonende einschüchternde Monumentalität.

Doch schon die Seitenbauten, die neben der Halle weit zurückgesetzt stehen, sind ganz anders. Die Treppenhaustürme etwa wirken als sachliche kubische Körper mit roter Kachelverkleidung, vertikalen Fenstern und ziffernlosen Uhren viel menschlicher und sachlicher.

Von der Bahnsteigseite besehen ist auch die Halle, deren grauer Dachstreifen an den Seiten neben dem eigentlichen fast flachen Dach aufgestützt weiterläuft, viel weniger monumental.

Die künstlerische Gestaltung im Inneren der Halle zeigt dann ein eigentümliches Wechselspiel aus fortschrittlichen und stalinistischen Elementen aus der Zeit des tschechoslowakischen Sozialismus, dem Jahr 1960. Unter den seitlichen Fenstern sind auf gut zu betrachtender Höhe lange horizontale Bronzereliefbänder von Jaromír Šolc. Das linke zeigt die Welt der industriellen und technischen Arbeit und endet nach innen mit einem von einem Arbeiter ausgeschickten Sputnik.

Das rechte zeigt die Welt der landwirtschaftlichen Arbeit und endet mit einem Hahn, der vor dem Sonnenball kräht.

Es sind Werke in einem lebendigen, menschlichen, realistischen Stil, die auf einfache Art eine sozialistische Aussage erreichen. Arbeiter und Bauern sind nicht bloß gezeigt, sondern man kann spüren, was sie ausmacht.

Diese beiden Reliefbänder leiten über zu einem Wandbild im großen Halbrund gegenüber dem Eingang, unter dem es zu den Bahnsteigen geht. Lebensfreude soll es wohl zeigen, tanzende, feiernde Figuren, teils in Trachten der umliegenden Region Haná. Aber sie sind in einem ganz leblosen, schlecht realistischen Stil dargestellt und noch dazu bloß als silbrig-weißes Sgraffito auf rotem Grund, obwohl Lebensfreude doch gerade Farbe braucht.

Darunter steht immerhin eine schöne Zeile: „Rozkvětá kraj, má milovaná zem – když dělníci a ženci prácí tvořívou ji věnčí.“ (Es erblüht die Landschaft, mein geliebtes Land – wenn Arbeiter und Bauern [wörtlich für den Reim „Schnitter“] es mit schöpferischer Arbeit umkränzen.) Genau darum sollte es gehen, davon reden die Reliefs, doch dem Wandbild versagt die Sprache völlig.

Dieses Nebeneinander von gelungener und mißlungener Kunst ist sehr typisch für die Tschechoslowakei. Daß der Maler Wilhelm Zlamal ein tschechoslowakischer Deutscher, der zudem in den frühen Vierzigern in Deutschland studiert und gearbeitet hatte, war, ist ein interessantes Detail, aber nicht entscheidend für die Fehler des Wandbilds, denn in Auftrag gab es der sozialistische tschechoslowakische Staat. Während die Banalität des schlechten stalinistischen Stils des Wandbilds im Laufe der sechziger Jahre völlig überwunden wurde, wurden die fortschrittlichen Tendenzen von der Reliefs auch nicht entschieden genug fortgesetzt. Zehn, ach, bereits fünf Jahre später wären in der Bahnhofshalle von Olomouc vermutlich ausschließlich abstrakte Kunstwerke angebracht worden, was im Falle des Wandbilds ein Schritt nach vorne und im Falle der Reliefs einer nach hinten gewesen wäre.

Die tschechoslowakische Bahnhofsarchitektur immerhin ging nach den unnötig monumentalen Anfängen in der ersten Republik immer nur, mit wenigen Umwegen, nach vorne und jeder neue Bahnhof wurde großartiger als der vorangegangene bis hin zur Apotheose in Poprad.

Turiner Einzelheiten: Lila, Weiß und Grün

Ein typisches bürgerliches italienisches Wohngebäude aus den Fünfzigern oder Sechzigern, gelegen in einer der teureren Gegenden von Turin in den Hügeln jenseits des Po. Ein Eckbau links der ansteigenden Via Giovanni Boccaccio (Giovanni-Boccaccio-Straße), vier Obergeschosse auf dünnen runden Betonstützen, die das Erdgeschoß bis auf den weit zurückgesetzten und von der Straße aus gleichsam unsichtbaren Eingangsbereich auflösen. Der aufgestützte Baukörper ist ganz mit kleinen quadratischen cremefarbenen Kacheln verkleidet, zu denen als Kontrast in den Geländern der Eckbalkone und unter den großen Fensterflächen in der abzweigenden Via Guido Cavalcanti (Guido-Cavalcanti-Straße) ebensolche in kräftigem Lila kommen.

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Das Gebäude füllt in schnörkellos kubischer Form sein Grundstück aus, doch zur Via Boccaccio ist auch eine große Einbuchtung. Da sich um sie zu zwei Seiten laubengangartige Balkone legen, die links von einer fortgesetzten runden Stütze getragen werden, während rechts nur schmale Fensterbänder und geschoßhohe ornamental durchbrochene Betonblenden sind, wirkt sie wie ein zufällig offengelassener Hinterhof.

In diesem Bereich steht, ihn bis ins dritte Geschoß ausfüllend, ein immergrüner Baum in nach oben verjüngter Kegelform, wie er in Italien so häufig ist, eine Magnolie, die aber mit den schön- und kurzblühenden Zierbäumen nördlicher Vorgärten und Parks wenig zu tun hat. Sie ist wie der Höhepunkt des wohlgestalteten und ebenso exotischen Gartens unterhalb der aufgestützten Geschosse, zwischen den Betonstützen.

Diese Vegetation und diese Architektur gehören zusammen und sind sehr italienisch. Sie sind geschmackvoll und hübsch und sie sind hier so normal wie bei uns im Norden unbekannt. Ähnliche Gebäude gibt es in Turin zu dutzenden, wenn auch meist eher ohne die Le Corbusier’sch angehauchten Stützen. Gerade diese helfen jedoch, über die hübschen exotischen Oberflächen, in die man sich so gerne verlieben will, hinwegzusehen, denn sie sind für die Stadt ohne Bedeutung. Es handelt sich dennoch um Blockrandbebauung. Um den Garten verläuft eine Mauer mit horizontaler Steinverkleidung und ein Stahlzaun, ganz links neben der Brandmauer des Nachbarhauses ist eine Einfahrt, durch die man bloß in einen kleinen Hinterhof mit einigen Garageneinfahrten kommt.

So fern seine Formen auch davon sind, städtebaulich geht das Gebäude nicht über das 19. Jahrhundert hinaus. Es ist damit durchaus typisch für das kapitalistische Italien der Nachkriegszeit.

Nebukadnezar in Gdańsk

Das Gebäude Świętego Ducha (Heiliggeiststraße) 121 ist absolut nicht auffällig, eines der typischen wiederaufgebauten Gebäude der Gdańsker Altstadt eben, bis auf den Volutengiebel schmucklos, schmal nur, heute im Erdgeschoß das Pub Duszek. In der Brüstung der vorgesetzten Terrasse, wie sie so auch die Nachbarhäusern und viele andere haben, ist dafür eines der interessantesten barocken Reliefs der Stadt.

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Es befindet sich links der mittigen Treppe und zeigt auf einer mehrfach geschwungenen Fläche im Vordergrund einen Mann auf allen Vieren. Er ist nackt, um seinen Bauch ist ein Band und zwischen seinen Beinen verläuft zu einem Baumstumpf rechts eine Kette. Um ihn sind Tiere, Rinder, links steht eine Gruppe Menschen, die zu ihm blickt, im Hintergrund ist rechts ein großes Haus und links eine vieltürmige Stadt in Hügeln. Hat man die Szene so erfaßt, merkt man, daß der Mann grast, er ist reduziert auf den Status eines Tiers auf dem Hof. Es ist ein starkes Bild von Gefangenschaft, von Folter.

Das entsprechende Relief rechts der Treppe zeigt zwischen Steinen und neben einem Gittertor einen bärtigen Mann in einem antiken Gewand. Um ihn sind viele Löwen sowie Totenschädel, Knochen, ein Brustkorb und in der linken oberen Ecke steht eine Gruppe Menschen an einer Art Geländer. Die Szene wirkt deutlich schwächer als die andere. Der Mann sitzt zu gemütlich, die Löwen sind zu klein. Man spürt keine Todesangst, während man die Erniedrigung im linken Relief umso stärker gespürt hatte.

Wenn man sich mit den alttestamentarischen Vorlagen der beiden Reliefs vertraut gemacht hat, wird man allerdings beide umso überzeugender finden. Das rechte zeigt Daniel in der Löwengrube (Dan 6, 2 – 29), das linke den babylonischen König Nebukadnezar in der Zeit seiner Verrücktheit, als er „aus der Gemeinschaft der Menschen“ verstoßen war und „sich von Gras ernähren [mußte] wie die Ochsen“ (Dan 4, 30). Von ersterer Geschichte hat man auch bei säkularem Halbwissen wohl schon einmal gehört, während man, um die zweite zu kennen, schon recht gut wenigstens mit dem Buch Daniel vertraut sein müßte. Daß das Nebukadnezarrelief ungleich dramatischer als das Danielrelief wirkt, ist nunmehr schlüssig, da Nebukadnezar eben tatsächlich verrückt war und wie ein Ochse graste, während Daniel in der Löwengrube von seinem Gott beschützt wurde und keine Angst haben mußte.

Was der Hausbesitzer sich dabei dachte, als er diese Szenen für seine repräsentative Terrasse wählte, wird man nicht mehr herausfinden, vielleicht war es auch einfacher und er ließ dem Künstler freie Hand: Nimm halt irgendwas aus der Bibel. Es ist ein Glück, daß dieser es nicht bei Daniel beließ, denn den kennt man ja. Mit dem grasenden Nebukadnezar verwandelte er hingegen eine der vielen, vielen eigentümlichen und unbekannten Geschehnisse der Bibel vom Wort zum Bild und setzte es in die Straßen von Gdańsk.

Die junge Tschechoslowakei am Hang – Garage Praga

Auch die Mietshäuser zwischen Sokolovna und hussitischer Kirche in Tábor müssen sich mit der steilen Hanglage arrangieren.

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Sie lösen das allesamt, indem sie direkt an der oberen Straße, der Farského, vier Geschosse und an der unteren, der Budějovická, nur eines mit Läden oder Garagen haben, auf denen dafür große Terrassen oder in einem Fall ein Garten sind; im Prinzip also dieselbe Aufteilung wie bei der Kirche. Allerdings scheinen sie nicht so recht zu wissen, welche Seite denn nun die Vorderseite ist und wo sie also mehr ihrer vor allem aus allerlei Simsen und Streben bestehenden Dekoration aufwenden sollen.

Allansichtig sein zu müssen ist ihnen als Teil der Blockrandbebauung fremd und zuwider, so daß sie eher unentschlossen wirken.

Einzig das Gebäude Praga wendet sich mit aller Entschiedenheit der Budějovická zu. Der höhere Gebäudeteil ist subtil vertikal strukturiert und auf einem Sims stehen zwischen den drei rundbögigen Fenstern des obersten Geschosses vier Männerskulpturen, über denen in einem leicht erhöhten Teil groß der lateinische (oder polnische, italienische etc.) Name von Prag zu lesen ist. Schon das hebt es weithin aus der Häuserzeile heraus, doch noch bedeutender ist der niedrigere Teil.

Über dem großen Tor in der Mitte  wölbt sich die breite abschließende Fläche abgerundet nach oben, während nach vorne eine eckige Plattform herausragt. Auf dieser ruht die Skulptur des vorderen Teils eines Cabriolets mit autosportlich lederbekleidetem Fahrer, der aus dem Bogen, wohl einem Tunnel, herauszukommen scheint.

Von oberhalb des Bogens ragt eine weitere kleine Figur über das Auto, die wie im Sprung nach vorne einen Lorbeerkranz hält, aber sie ist letztlich keine Skulptur, sondern – eine Kühlerfigur, die Kühlerfigur, die dem Auto darunter gerade fehlt.

Unter dem Auto steht am vorderen Rand der Plattform wieder das Wort „Praga“ und auf der Fläche beidseits von ihr in großen Buchstaben jeweils das Wort „Garage“, über das sich vom Auto her stilisierte lange Abgasstreifen legen. Rechts hat sich auch noch der Bildhauer Rudolf Kabeš signiert. Wo die Fläche endet, stehen links und rechts zwei Engelchen und nach einem Geländer mit dicken Streben zwei weitere, wobei unter diesen noch ein stilisierter Reifen und ein Goodyear-Logo im Putz sind.

Die Engelchen tragen Zündkerzen und spätestens jetzt merkt man, daß auch die vier Männer oben an der Fassade Mechaniker darstellen, die am Rand mit zeitgenössischen Werkzeugen und Maschinen, die in der Mitte mit einem kleinen Auto und einem Fahrrad in den Armen.

Hinter dem Tor ist kleiner Hof, wo noch heute Garagen sind und ursprünglich auch eine Garage in der zweiten Bedeutung, eine Autowerkstatt also, war.

Praga ist also vor allem die Garage in der Budějovická und nur nebenbei das Mietshaus in der Farského. Alle Architektur ist gleichsam nur Reklame für die dem modernsten und luxuriösesten Verkehrsmittel, dem Auto, dienende Garage. Man sieht hier, wie wenig Architektur und Kunst im Jahre 1928 bislang die Formen für das automobile Zeitalter gefunden hatten. Wie hoffnungslos veraltet sieht all das neben den Autos, die daran vorbeifahren, aus und sah es schon zwanzig, ach, zehn Jahre nach seiner Erbauung aus. Doch es sind nicht die barockisierenden Engelchen, die am schnellsten alterten, denn die sind immerhin Phantasiegestalten und dadurch irgendwie zeitlos, sondern das gezeigte Auto und sein Fahrer, die allzugut in eine bestimmte Zeit einzuordnen sind. Heute ist die Garage Praga eine Kuriosität, aber eine wertvolle, weil aus dieser frühen Zeit des Autos nicht viel dazugehörige Architektur und noch weniger dazugehörige Kunst übrigblieben.

Zusammen ergeben die Sokolovna, die hussitische Kirche und die Garage am Hang in Tábor ein gutes Bild der jungen Tschechoslowakei. Eigener Staat, eigene Religion und entschiedenste Modernität, so sah sie sich selbst gerne.