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U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

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So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagereks, wohl nach der Familie des ersten Eigentümers benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

Das neualte Hradec Králové

Die eigentümlichsten Gebäude in Hradec Králové stammen aus einer Zwischenzeit: den frühen zwanziger Jahren. Sie füllen einige Straßenzüge jenseits der Elbe gegenüber der Altstadt. Was genau an ihnen so eigentümlich ist, läßt sich zuerst kaum sagen. Es ist Blockrandbebauung, die Formen sind mit allerlei reduzierten Streben und Pilastern an historischen Mustern orientiert, ohne direkt historistisch zu sein – das sieht man häufig.

Plötzlich aber merkt man, was nicht stimmt: die Bebauung ist zu einheitlich, zu gleichmäßig. Eine ganze Straßenseite, noch eine Querstraße, vielleicht sogar die gegenüberliegende Seite können von Gebäuden mit den gleichen Schmuckformen eingenommen werden. Vielleicht gibt es Variationen, doch die bemerkt man kaum. Diese Einheitlichkeit paßt nicht in die kapitalistische Stadt, wo üblicherweise kein Gebäudes dem daneben gleicht, da jedes entsprechend den Wünschen eines privaten Eigentümers gestaltet wurde.

Die Erklärung dafür, daß es in diesem Teil von Hradec Králové anders ist, liegt eben in der Zwischenzeit, in der er entstand. Die Stadterweiterung von der Altstadt in Richtung der Arbeitervorstadt beim Bahnhof hatte in der österreichischen Zeit nur zaghaft begonnen, wie etwa die Jugendstilbauten in der Straße Havlíčková zeigen. Die sehr junge Tschechoslowakei forcierte sie dann. Die Entstehung dieses neues bürgerlich-demokratischen Staates aus den Resten der alten Monarchie erweckte Hradec Králové, sie war sogar wichtiger als es die nicht lange zurückliegende Schleifung der Festungsmauern. Vielleicht wegen Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, sicher aber auch durch massive Förderung durch Stadt und Staat, galten dabei für eine Weile die üblichen kapitalistischen Gesetze nicht mehr und es entstanden diese großen einheitlichen Straßenzüge.

Was so in sehr kurzer Zeit entstand, war jedoch keineswegs eine neue Architektur oder Stadtplanung. Die Blockrandbebauung, die Straßenstruktur und der Masarykovo náměstí (Masaryk-Platz) in der Mitte wären auch zehn Jahr zuvor unter österreichischen Bedingungen nicht anders geworden. Bloß hätte der Platz schon zu dessen Lebzeiten nach dem Kaiser gehießen statt nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk – ebenfalls zu dessen Lebzeiten.

Auch die Formen der Gebäude sind nicht eigentlich neu. Die einzige Sorge der Architekten scheint die Anordnung der Ornamente und Skulpturen zu sein. Sie finden dabei auch interessante Lösungen, wie etwa bei dem genannten großen Gebäude an den Straßen Klumparová und Střelecká. Seine Fassade ist von horizontalen und vertikalen dreieckig vorragenden Streben strukturiert und in einigen der dazwischen entstehenden Flächen sind Skulpturen, durchaus aber nicht in allen.

So haben die Skulpturen hier keine herausgehobenen Plätze, sondern müssen sie sich in der Fassadenstruktur gleichsam erst suchen. Ähnlich ist es bei einem anderen Gebäude, wo die angedeuteten Pilaster Vertiefungen sind, in denen Fruchtkörbe und nackte Frauen aus Stein stehen wie auch wirkliche Frauen oder Körbe stehen könnten.

Es ist, als würde hier ein Realismus in der Fassadengestaltung gesucht, den nie jemand vermißt hatte.

Letztlich ist dieser Teil damit eine bruchlose Fortführung des in den österreichischen Ländern so starken Postjugendstils der Vorkriegsjahre. Aber eben nicht von dessen fortschrittlichsten Aspekten. Er ist nicht Otto Wagner oder jedenfalls nicht Otto Wagner von 1910, sondern bestenfalls einer seiner mediokreren Schüler von 1890. Er ist eine verpaßte Gelegenheit, eine verspätete Fortführung des 19. Jahrhunderts in Städtebau wie Gebäudeformen. Doch die Zwischenzeit, in der er entstand, dauerte auch in Hradec Králové nicht lange, es wurde in ihr bloß ungewöhnlich viel gebaut.

Direkt an diese Bebauungt angrenzend, gar nicht weit vom Masarykovo náměstí, entstand ein weiterer Platz. Er bildet ein langgestrecktes Rechteck entlang einer großen Straße, die auf die Altstadt zuführt.

Die Eckbauten beidseits der Straße sind jeweils besonders hervorgehoben. An der näher bei der Altstadt liegenden Seite sind es mächtige sechsgeschossige Gebäude, die mit ihrer schnörkellosen kubischen Form, ihrem weißen Putz und ihren großen quadratischen Fenstern schon ein enormer Kontrast zur vorigen Bebauung sind.

An der anderen Seite sind es Hochhäuser oder wären das gerne.

Nach einem zweigeschossigen Sockel mit heller Steinverkleidung und großen Glasflächen markiert ein umlaufendes Vordach den Übergang zu fünf weißgetünchten Geschossen. Die Ecken des ansonsten kubischen Baukörpers sind dadurch betont, daß im dritten bis fünften Geschoß zur Straße hin ein abgerundeter Erker vorgesetzt ist, auf dem oben eine kleine Terrasse ist.

Diese Eckbauten sind Tore, durch die man die Vergangenheit verlässt und in die kapitalistische tschechoslowakische Gegenwart tritt.

Der Platz ist dann geprägt von nur zwei weiteren Gebäuden. Das erste steht in der Mitte der Seite, wo die Straße verläuft. Eine Verkleidung aus Sandsteinplatten, die Seiten satteldächig an die unscheinbaren Nachbarbauten anschließend, in der breiten Mitte ein vorgesetzter Erdgeschoßteil mit Balkon, der zwar stark verglast ist, aber eher durch den ihn rahmenden glatten Sandstein wirkt, darüber hohe vertikale und ebenfalls von glattem Sandstein gerahmte Fenster, zwei weitere Geschosse, die schon über den Beginn der Satteldächer hinausragen, und eine große horizontale Giebelfläche, in deren Mitte ein großes Sandsteinrelief hängt. Es zeigt allerlei Geschäftigkeit, die die Textilproduktion darstellen soll, unter dem Schutz von Merkur, dem Gott des Kapitalismus.

In dem Gebäude saß die Verwaltung des Textilunternehmens Steinský-Sehnoutka und es ist auch ein recht typisches tschechoslowakisches Bürogebäude seiner Zeit. Sein reduziert monumentaler Stil ist einer, mit dem sich konservative Teile des Kapitals immer gern schmücken.

Das wichtigste Gebäude des Platzes steht an seiner anderen Seite und es nimmt sie vollständig ein. Auf einem Sockel aus einem Erdgeschoß mit Geschäften, Vordächern aus Beton und Glasbausteinen und einem gänzlich verglasten zweiten Geschoß sitzen drei Geschosse mit horizontalen, fast schon als Bändern wirkenden Fenstern.

Es ist ein äußerst sachlicher und schlichter Bau, der in vielem das Gegenteil des Textilpalasts gegenüber ist. Vertikales fehlt hier völlig. Wollte man Ansätze von klassischer Monumentalität, so vielleicht darin, daß es symmetrisch aufgeteilt ist, ein weiter Teil des Obergeschosses leicht vorgesetzt ist, das Dach dort leicht übersteht und über dem in der Mitte liegenden Eingang ein großes Steinrelief ist.

Aber gerade die Eingangssituation zeigt den Kontrast zum gegenüberliegenden Bau. Glasflächen in einem mit glattem schwarzen Stein verkleideten Rahmen, darüber das Relief mit sechs allegorischen Figuren, darunter wieder Merkur, die teils Atlanten für den überstehenden Teil eher zu spielen scheinen, wie eine der beiden Frauen in der Mitte spielerisch mit einem geflügelten Rad über den halben Erdball zwischen ihnen zu fahren scheint. Während man hier noch aufblicken muß, hat man im Foyer direkt vor sich ein großes Glasbild, das in unaufdringlichem Realismus Szenen des Reisens mit der Eisenbahn, aber auch mit dem Schiff und sogar dem Flugzeug zeigt.

Monumental ist dieses Gebäude nur durch seine schlichte Länge und seine dominante Position auf dem Platz. Als eine Art horizontales Hochhaus ist es untrennbar mit der Platzfläche verbunden, beinahe ist es der Platz.

Kein Privatunternehmen, sondern die ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen), also der Staat selbst repräsentierten sich so. Der Platz hieß und heißt wieder Ulrichovo námestí (Ulrich-Platz) nach dem Bürgermeister František Ulrich, der über die Systeme hinweg von 1895 bis 1929 amtierte und entscheidend für die rasante Entwicklung der Stadt in der jungen Republik verantwortlich zeichnete.

Zwischen den beiden Plätzen, dem aus der Zwischenzeit und dem aus der reifen tschechoslowakischen Republik, liegen keine zehn Jahre. Von der Vergangenheit löste sich Hradec Králové was die Gebäudeformen anging also schnell. Noch immer aber blieb es der Blockrandbebauung verhaftet. Es entstand eine bemerkenswerte neualte Stadt. Und nur wenig später begann Hradec Králové gar, wahrhaft neu zu werden.

Chronogramm

Ein Chronogramm ist ein kurzer Text, in dem eine Jahreszahl versteckt ist. Dazu werden Buchstaben, die römische Ziffern sein können, durch Großschreibung hervorgehoben. Anders als bei normalen römischen Zahlen ist die Reihenfolge egal und es werden einfach alle Einzelziffern addiert. Das Chronogramm paßt damit gut zum Barock und seinem Hang zum Verspielten und Verrätselten. Er leistete damit auch dem späteren Betrachter seiner Bauten und Kunstwerke einen Dienst, denn ihm helfen Inschriften mit Chronogrammen zu deren genaueren zeitlichen Einordnung.

Aber auch noch um 1830, nachdem die antikisierende Strenge des Klassizismus mit solchen Spielereien vielerorts schon Schluß gemacht hatte, lebten Chronogramme und Barock an den Rändern, in der Provinz weiter. Hier zwei Beispiele aus dörflichen Teilen von Hradec Králové, die damals noch nicht geahnt hätten, daß sie einmal zu dieser Stadt gehören würden.

In Pouchov, nahe der nüchternen barocken Kirche, mit der ein weiter Bereich mit mehreren voneinander durch Mauern getrennten Friedhöfen endet, steht eine Statue des Johannes von Nepomuk.

Sie wirkt gänzlich barock, aber ihre Inschriften sind nicht auf Latein, sondern in einem alten Tschechisch verfaßt. Auf der Rückseite ist ein Chronogramm, das darunter bereits als 1829 aufgelöst ist, was aber erst bei der Restaurierung im Jahre 1906 geschehen sein mag.

Von [?] zu Ehren Gottes und des Heiligen Johannes von Nepomuk errichtet

Faszinierend ist hier, daß das W, ein Buchstabe, den weder das Lateinische noch das heutige Tschechisch kennen, als zwei Vs gezählt wird. So wird die Form des Chronogramms der Volkssprache angepaßt und noch verrätselter.

In einem ehemaligen Teil von Třebeš findet sich auf dem eng mit Gräbern bedeckten Hang zwischen dem hölzernen Glockenturm und der teils holzverkleideten und von hölzernen Arkaden umgebenen Kostel sv. Jana Křtitele (Johannes-der-Täufer-Kirche) das Grab von Wenzel und Anna Kohaut.

Es ist eines der wenigen deutsch beschrifteten Gräbern auf dem kleinen Friedhof, wobei die Germanisierung der Familie wohl noch nicht lange zurücklag, ist Wenzel doch die deutsche Form des sehr tschechischen Václav und bedeutet „kohout“ Hahn.

Es ist auch sonst ein eigenartiges Grab, das vorne im durchaus klassizistischen Rahmen aus Säulen und Dreiecksgiebel das Relief einer trauernden Frau zeigt und unten eine Inschrift in Schreibschrift hat, in der es mehr um die trauernde Tochter als um die Verstorbenen geht.

Erst auf der, allerdings zu den Arkaden zeigenden, Rückseite sind die Lebensdaten des 1834 verstorbenen Vaters und der 1835 verstorbenen Mutter genannt. Darunter ist eine weitere Inschrift, nun mit Chronogramm.

Es ist jedoch ein Chronogramm, das auf den ersten Blick keinerlei Sinn ergibt. Viele der hervorgehobenen Buchstaben, S, R, E, A und T, können keine römischen Ziffern sein. Nur, wenn man auch die Üs als Vs zählt, ergibt sich doch noch die Zahl 1837. Vielleicht hatte die Tochter nur noch ein ungefähres Gefühl dafür, was ein Chronogramm ist, und wollte die von ihr als mehr oder weniger arbiträr erlebte Verwendung großer und kleiner Buchstaben, die sie aus barocken Inschriften kannte, eher als Retroelement in das Grab ihrer Eltern einfügen. Vielleicht aber bilden die überschüssigen Buchstaben auch einen heute nicht mehr zu entschlüsselnden Code. S R E A E A T E E. Es ist unmöglich zu sagen. Hier erreicht die Gattung des Chronogramms seinen Höhepunkt und wird zugleich ad absurdum geführt – das Rätsel läßt sich nicht mehr lösen.

Bald darauf wurde der Barock dann auch von den Rändern verdrängt und Chronogramme entstanden keine mehr.

Gočárův okruh – Schnellstraßen in Hradec Králové

Abseits des Busbahnhofs, am Rande des Industriegebiets, zwischen den Gebäuden von Fachschulen, steht in Hradec Králové ein unscheinbarer viergeschossiger Bau und in der Mitte seines Eingangs hat er ein Sandsteinrelief.

Typisch tschechoslowakisch, abstrakt, irgendeine Schleifenform, scheint es.

Doch dann erkennt man, daß es die Kleeblattkreuzung einer Autobahn darstellt. Erst zweifelt man kurz, vielleicht ist es ja nur ein Zufall, doch schnell ist es klar. Das Autobahnkreuz ist nicht ganz von oben, sondern aus einer leicht schrägen Vogelperspektive gezeigt. Auf einmal wird auch das Gebäude interessanter, der Wechsel zwischen braungekachelten Wandteilen an den Ecken und Fensterbändern, die Garageneinfahrten, der quadratische Grundriß mit offenbar einem Innenhof in der Mitte.

Aber was es mit Autobahnen zu tun hat, verrät es nicht.

Hradec Králové ist indes eine Stadt, die eine enge Beziehung zum Straßenbau hat. Es besitzt einen vierspurigen Schnellstraßenring, der sich als beinahe perfekter Kreis um seine inneren Teile legt. Vergleichbares gibt es in keiner anderen tschechoslowakischen Stadt dieser Größe (etwa 100 000 Einwohner). Daß gerade Hradec Králové diesen Ring hat, liegt zum einen an der unproblematischen Topographie – die einzige Erhebung ist der Hügel, auf dem die Altstadt liegt – und zum anderen daran, daß die städtebaulichen Planungen dafür bis ins Jahr 1928 zurückreichen. Die Ausführung blieb in den Jahren 1967 bis 1980 dem tschechoslowakischen Sozialismus vorbehalten, was eine bemerkenswerte Kontinuität über die Zeiten und Systeme hinweg ist. Nach dem für Hradec Králové ungemein wichtigen Architekten Josef Gočár, von dem die ersten Pläne stammen, wird der Schnellstraßenring auch Gočárův okruh, Gočárring, genannt.

Kreuzungsfrei allerdings ist er nicht und Kleeblattkreuze hat er erst recht nicht, dafür ist die Stadt doch zu klein. Immerhin wurden für ihn zwei Brücken über die Elbe, eine über die Orlice und eine über eine größere Querstraße im Osten gebaut.

Letztere, beinahe eine kurze Hochstraße füllt den gesamten Raum einer Mietskasernenstraße, was einen Eindruck beinahe amerikanischer Großstädtigkeit schafft,

und legt eine geschwungene Auffahrt um das Grün eines Platzes, was wiederum eigenartig idyllisch wirkt.

Auch sonst wurde durchaus alles dafür getan, sie so ein einladend zu machen, wie eine Straßenbrücke zwischen dichter Wohnbebauung eben sein kann.

Sie ruht weit auskragend auf nur je zwei dicken runden Stützen, bei der Auffahrt sogar nur auf einer, was ihr eine gewisse Leichtigkeit gibt, die allerdings von den seitlichen Stützen eines neueren Lärmschutzdachs wieder konterkariert wird.

Am Ring entstanden viele Unterführungen, unter anderem eine besonders gelungene im Zentrum, und auch die Elbbrücken sind mit einer gewissen Berücksichtigung des Fußgängerverkehrs gebaut. Bei der südlichen von ihnen, ursprünglich Most Obrancův míru (Brücke der Verteidiger des Friedens), führen von den Gehwegen neben den Fahrbahnen geschwungene Rampen, die von V-Stützen getragen werden, zum Uferweg hin.

Es ist gerade so, als haben die Planer die geschwungenen Abfahrten der Kleeblattkreuze, die zu bauen ihnen verwehrt geblieben war, stattdessen für den Fußgänger gebaut.

Neben der nördlichen der Brücken, ursprünglich Most Antonína Zápotockého (Antonín-Zápotocký-Brücke) führen Treppen zum Uferweg, aber sie verbreitern sich nach unten leicht und leiten so an den vertikal geriffelten Betonwänden vorbei unter die Brücke.

Es ist, als solle dem Fußgänger freundlich nahegelegt werden, ihre Konstruktion, die weiten sanften Bögen unter den Fahrbahnen und die als schräg übers Wasser ragende Wände ausgeführten Stützen, zu bewundern.

Die Treppen selbst bekommen durch die oben und unten unterschiedlichen Breiten, die steinernen Stufen und die Nadelbüsche daneben etwas Südliches, Antikes.

Durch kleine Details wie diese, die schön sind, ohne dekorativ zu sein, zeigt Hradec Králové, wie stolz es auf seine Brücken und seinen Schnellstraßenring ist. Nur passend also, daß es einer Autobahnkreuzung ein Kunstwerk widmet.

Das alte Hradec Králové

Hradec Králové ist eine jener Städte, bei denen auf beinahe langweilige Art offensichtlich ist, wieso sie gerade dort entstanden, wo sie entstanden. Es liegt auf einem Hügel beim Zusammenfluß von Labe (Elbe) und Orlice in der ansonsten eher flachen ostböhmischen Landschaften. Der Hügel erstreckt sich etwa quer zur Elbe nach Osten und seine Ränder bilden die gleichsam natürliche Grenze des alten Hradec Králové.

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Eine Straße, die steil hinaufführt und sich dann teilt, ein großer Platz, der sich als unregelmäßiges Dreieck verjüngt und kaum, daß er zur Straße geworden scheint, auf einen kleinen etwa quadratischen Platz stößt, eine Straße, die steil hinabführt, nördlich einige enge Parallel- und Querstraßen – das ist dieses alte Hradec Králové. Es war im 18. Jahrhundert bereits einmal größer, doch dann wurde es zur Festung ausgebaut und die Vorstädte abgerissen. Vor dem Hügel blieben einzig die Kasernen im Süden. Diese Einkesselung durch die Festungsmauern konservierte das alte Hradec Králové noch etwas mehr als andere tschechische Städte. Heute ist es  „městská památková reservace“ (städtisches Denkmalgebiet, wörtlich Denkmalreservat) und kann wie ein harmonisches Ganzes erscheinen. Dabei ist es ein Kampf!

Auf der nur kurzen westlichen Seite des Platzes ragt ein Gewirr von Türmen empor wie ineinander verkeilte Lanzen.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Die Hauptkontrahenten sind die beiden spitzen hohen Türme der gotisch-neogotischen Backsteinkirche links und die beiden viel niedrigeren Türme des barocken Rathauses rechts, die mit elegant gewölbten und offenen Hauben enden. Doch der dazwischen stehende Bílá věž (Weiße Turm) übertrumpft sie alle. Er ist ein Renaissancebau, der aber mit riesigen spitzbögigen Fenstern, in denen Säulen sich um etwas Antike bemühen, noch klar der Gotik verpflichtet ist. Riesig und dunkel steht er da, bedrohlich, beinahe monströs. An ihn heftet sich rechts wiederum eine barocke Kapelle mit einer schlanken Kuppel, auf der noch ein vergoldeter Aufsatz in Form zweier gekreuzter Schlüssel und einer Krone ist.

Auch die beiden langen Seiten des Platzes verbindet wenig, ja, sie stehen sich feindlich gegenüber.

Aus Havel, Jiří: východočeským krajem, Praha 1984

An der Nordseite vielfach umgebaute Häuser, die alle noch durch Arkaden im Erdgeschoß verbunden sind. An der Südseite einheitlichere, größere Gebäude aus dem Barock: der Bischofspalast und insbesondere das Jesuitenkolleg, zu dem eine zweitürmige Kirche gehört. Sie stehen einerseits für eine fortschrittlichere, großzügigere Architektur, aber andererseits für die gewaltsame Rekatholisierung einer Stadt, in der noch lange hussitische Traditionen nachgewirkt hatten. Die jesuitische Kirche kümmert sich erst recht nicht um die Symmetrie oder Harmonie des Platzes, sie steht einfach dort, wo es ihr paßt, und gewinnt, indem sie sich nicht an ihnen beteiligt, alle Kämpfe, die an der Westseite stattfinden. Diese barocke Architektur ist ein absoluter Fremdkörper in der mittelalterlichen Stadtstruktur, das Neue und Gute, aber zugleich auch ein beinahe kolonialer Ausdruck von Macht.

Daß all diese Gegensätze und Kämpfe heute als das einheitlich schöne Alte erscheinen, ist der nie oft genug zu nennenden „Patina des Alters” (Georg Piltz) geschuldet. Selbst die paar Jugendstilgebäude im schmaleren Teil des Platzes, deren Bau um die vorige Jahrhundertwende für Erregung sorgte, fallen jetzt kaum noch auf.

Scheinbar unbeteiligt, weil losgelöst, freistehend, sind einzig die Kunstwerke: auf dem großen Platz eine hohe Mariensäule umgeben von vielen Heiligen und auf dem kleinen Platz ein Johannes von Nepomuk.

Die aufgehaltene Ausbreitung von Hradec Králové konnte sich erst im späten 19. Jahrhundert, nachdem die Festung geschleift worden war, fortsetzten. Aber auch da wuchs es nur zögerlich und wenig. Um den Hügel, vor allem zur Elbe hin, entstand historistische Wohnbebauung. Nördlich wurden ein Park und eine Prunkstraße mit k.k. Repräsentationsbauten angelegt, Hradec Královés  ziemlich bescheidene Version der Ringstraße. Alles aber blieb klein und provinziell, geprägt von Armee und Kleinbürgertum. Einziges Zeichen der Industrialisierung war eine große Brauerei, die im südwestlichen Teil des Hügels auf Resten der Festung entstand. Die wirkliche Entwicklung geschah fernab beim Bahnhof, wo Industriebetriebe und eine Arbeitervorstadt heranwuchsen. Der alles entscheidende Moment für Hradec Králové war dann das Jahr 1918 und die Entstehung der Tschechoslowakei.

Unterführungen in Hradec Králové

Unterführungen sind ein problematisches städtebauliches Instrument. In ihrer typischsten Form, wenn eine Treppe hinab, ein Tunnel unter der Straße hindurch und eine weitere Treppe wieder hinauf führt, repräsentieren sie die Unterordnung des Fußgängers unter das Auto und sind abzulehnen. Auch im ostböhmischen Hradec Králové finden sich einige solcher Unterführungen, insbesondere am Schnellstraßenring, der das weitere Zentrum umgibt

Doch außerdem gibt es dort zwei Unterführungen ganz anderer Art.

Die eine ist Mitten im Zentrum an einer wichtigen Kreuzung auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt (Třída Karla IV/Střelecká). Ihren Beginn kann man beinahe übersehen, so unmerklich sanft senkt sich der Boden.

Schon hat man die Straßenebene verlassen und geht zwischen Betonwänden, in denen ein Rillenmuster komplizierte große Pfeilelemente bildet.

Unter der Straße ist dann eine breite und helle Passage mit Schaufenstern auf beiden Seiten, die teils zu Werbe- oder Informationsflächen, teils zu Geschäften gehören.

Statt Beton dominieren nun das Glas und die schwarz-silbernen Rahmen der Schaufenster. Auf der anderen Seite geht es in so sanfter Steigung zwischen gemusterten Betonwänden hinauf, wie es zuvor hineingegangen war.

So gestaltet ist eine Unterführung kein umständliches Hindernis, sondern eine wertvolle Erleichterung für den Fußgänger. Sie zu gehen wird ihm nicht aufgezwungen, sondern ist ihm selbstverständlich. Bei typischen Unterführungen werden Eilige immer den Drang verspüren, die Straße oberirdisch zu überqueren, hier aber fiele das niemandem ein, weil es sinnlos wäre.

Ein zweiter Teil der Unterführung entspricht dann der typischen Form. An ihrem zentrumsseitigen Ende besteht die Möglichkeit, statt des Wegs eine Treppe hinaufzugehen und nach links zweigt ein weiterer schmalerer Gang ab, von dem auf der anderen Straßenseite eine weitere Treppe hinaufführt.

Über den Treppenaufgängen sind kleine Aufbauten mit verglasten Seiten, wie sie oft die typischen Unterführungen markieren.

Von der Straße würde man nur diesen Teil der Unterführung sehen, nicht aber ihren weit besseren, da der sich so unmerklich, gleichsam natürlich in den städtischen Raum einfügt. Aber auch die Betonmuster der Wände drängen gleichsam nach oben. Als Verkleidung für einen Belüftungs- und Stromverteileraufbaus an der einzigen Ecke, zu der die Unterführung nicht führt, werden sie beinahe zur abstrakten Skulptur.

Die zweite Unterführung ist im südlichen Wohngebiet Moravské předměstí (Mährische Vorstadt) dort, wo sich dessen zentrale Straße in einem Kreisel spaltet und zu den Seiten abzweigt (třída E. Beneše/Palachova).

Ist die Umgebung auch völlig anders, so bleibt doch das Prinzip das gleiche. Es gibt keine Treppen, stattdessen fällt das Gelände beidseits der Straße zur Kreuzung hin sanft ab und verschiedene Wege führen auf die Unterführung zu. Wieder gibt es Betonwände, hier aber als weit ausgreifende geschwungene Form mit vertikalen Rillen. Oben sind orangene Geländer, vor ihnen verlaufen orangene Handläufe und in der Mitte ist unter einer großen weißen Fläche der Durchgang.

Die eigentlichen Unterführungen sind hier nur sehr kurz. Man tritt durch sie in ein offenes Oval in der Mitte des Kreisels.

An einer Schmalseite ist eine halbrunde gemusterte Betonwand, an den Breitseiten sind aufsteigende Beete mit dichtem Nadelgebüsch und oben legt sich wieder das orangene Geländer darum.

Es ist ein überraschender Ort, den man hier durchquert, Ort des Durchgangs, aber zugleich freundlich, ja, einladend. Die Öffnung zum Himmel und das Grün erfüllen dieselbe Funktion wie im Zentrum die Schaufenster: sie nehmen der Unterführung das Dunkle und Abweisende. Auch hier gibt es keinen Grund, die Unterführung nicht zu nutzen und schon das beweist, wie gut sie gestaltet ist.

Diese beiden Beispiele aus Hradec Králové zeigen, daß kein städtebauliches Instrument grundsätzlich schlecht ist. Es kommt immer darauf an, wie es benutzt wird. Im ersten Fall setzt die fortschrittliche Stadtplanung die Unterführung zur Lösung eines Problems in der überkommenen Stadt ein. Im zweiten Teil, wo sie Teil einer umfassenden fortschrittlichen Planung ist, kann man schon kaum mehr von einer Unterführung sprechen.