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Point Zéro

Point Zéro ist der Ausgangspunkt von La Grande Motte und wenn er sonst nicht viel ist, dann, weil das genügt.

Ganz im Osten der südfranzösischen Ferienstadt öffnet sich das weiße Gebäude im weiten Schwung zur Sonne im Süden und Westen.

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Quer zum Uferboulevard beginnt es mit einer hohen Stele aus kaum mehr als zwei parallelen Betonwänden, die nach links sogleich geschwungen niedriger wird und sich als bloße öffnungslose Wand in der Höhe etwa eines Geschosses fortsetzt.

Rückwärtig ist ein Flachbau, der im weiten Schwung vom vorderen Teil wegstrebt und in einem zweiten Schwung wieder an ihn anschließt.

Der Anfang des Point Zéro gleicht von oben besehen so den hinteren Flossen eines Fischs oder eines Flugzeugs.

Im weiteren Verlauf sind unten verglaste Läden hinter Arkaden aus V-Stützen, die aber in den drei unteren Vierteln des V-Elements und im oberen Viertel des Zwischenraums geschlossen sind, so daß eine weiße Zickzackform mit zugleich expressiver wie schattenspendender Funktion entsteht. Vor dem Dach verläuft eine hohe Blende, aus der nur die ersten von zwei Wasserrinnen ragen. Wo am Anfang dieses Teils die Stützen etwas weiter auseinanderstehen, kennezeichnen sie subtil einen Durchgang auf die andere Seite des Gebäudes.

Im mittleren Teil sind Arkaden wie Dachblende unterbrochen, um etwas zurückgesetzt unten Glasflächen und oben Gittergeländern Platz zu machen, doch im eigentlichen dient das nur dazu, die Wirkung des nach vorne aufsteigenden Dachs aus gefaltetem rohen Beton, das sich von hinten über die nun als solche zu erkennende Dachterrasse spannt, zu verstärken.

Nicht nur das Dach, das auf halber Länge auf einem aufgestützten Betonbalken ruht, sondern auch die leicht schräge Rückwand des Mittelteils ist aus solchen schmalen gefalteten Betonelementen geformt.

Der letzte Teil hat wiederum Läden hinter Arkaden und dann eine bloße Wand, doch er ist leicht zu übersehen, da vor ihm ein großer und in der Höhe an die Anfangsstele heranreichender Rundbau, ein Turm, steht.

Nach vorne, wohin sein Dach leicht abfällt und zwischen den Außenwänden ein zweites rundes Element erahnen läßt, ist er fast öffnungslos bis auf eine Wasserrinne, während hinten unregelmäßig horizontal und vertikal versetzte schmale Fenster sind, die nur für das Treppenhaus zu einer klaren Ordnung finden.

Aus diesem Point Zéro (Nullpunkt) entspringt La Grande Motte, deren Terrassenhäuser vor ihm stehen, aber nicht nah, sondern durch eine Wiese getrennt. Am Ursprung stehen der Beton und die Kunst.

Direkt im unregelmäßig roten Steinpflaster vor dem Mittelteil ist ein rundes Brunnenbecken und vor diesem sind zwei große tropfenförmige Betonflächen mit eingelassenem, beziehungsweise erhöhtem Brunnenbecken, deren Spitzen beidseits eines Wegs zu Meer, Sonne und Gebäuden zeigen. Schon im runden Becken ist neben mittig geknickten runden Betonplatten, über die das Wasser laufen kann, ein Mobile aus rechteckigen Blechplatten in einem stählernen Bügel, wie es dann zum bestimmenden Merkmal der gegenwärtigen künstlerischen Gestaltung des Point Zéro wird. Aus dem Brunnenbecken der rechten Betonfläche, das bei leicht schräg ansteigenden Wänden durch den abgeschrägten Abschluß an den Turm erinnert, ragt eine Metallkonstruktion aus vielerlei geschwungenen dreieckigen Elementen auf.

Entlang des am Turm vorbeiführenden Wegs, auf dessen Boden Beton zwischen den roten Stein tritt und ihn bald ersetzt, wechseln sich dann Mobiles und schmale quaderförmige Metallobjekte, in deren Seiten gestanzte Muster sind, ab. Letztere stehen entweder auf dem Boden oder hängen ebenfalls in stählernen Bügeln, wodurch sie frei drehbar sind. Sie zeigen teils stilisierte Tierformen oder chinesische Schriftzeigen und teils gänzlich abstrakte Formen.

Die hängende Variante ist ganz dem Wind gewidmet, dessen Bezeichnung auf einer der Seiten auf verschiedenen Sprachen steht und über den auf einer anderen Seite ein kurzes Gedicht ist.

Außer den im Wind klimpernden Mobiles und den anderen beweglichen Teilen gehören in diese Thematik auch noch Drachen auf dünnen Metallstangen, die den äußeren Teil des Wegs säumen und zu den Terrassenhäusern hin zu fliegen scheinen. Sie bestehen nur aus in der Mitte gefalteten Rechtecken, die nach hinten lang und schmal werden, womit sie den Betonelementen des Dachs entsprechen, und zwei beweglichen grauen Kunststoffbändern am Ende, denn so sehen Drachen eben aus.

Einzig bunt zwischen dem rostfarbenen und silbernen Metall der Kunstwerke sind nebeneinander stehende runde Holzpfähle in verschiedenen Höhen und Farben sowie ein drehbares Objekt aus abwechselnd nach unten und nach oben zeigenden schmalen Metalldreiecken in Grün, Hellblau, Orange, Gelb, Blau und Rot, die wiederum den Drachen und dem Betondach ähneln.

An windigen Tagen ist die Kunst vor Point Zéro in einer Bewegung, die von der Architektur nur angedeutet wird, und erzeugt Töne, von denen die Architektur nichts ahnt. Es ist ein vielgestaltiges, gleichsam multimediales Werk, das das Gebäude nie berührt und doch ganz zu ihm, zu La Grande Motte gehört.

Der Architektur bleibt es überlassen, den Menschen vom bloßen Betrachter zum Teil des Kunstwerks zu machen, indem vor der Wand nach der beginnenden Stele von rechts eine lange Rampe und von links eine kurze Treppe zu einem Durchgang auf die Dachterrasse führt.

Geht jemand dort hinauf, so sieht es von Weitem immer so aus, als bewege er sich schwebend im reinen Weiß nach oben. Es ist dies eine architektonische Himmelfahrt, wobei Himmel selbstverständlich in seinem konkreten Sinn gemeint ist, denn Theologie ist hier fern. Point Zéro ist symbolischer Ausgangspunkt der Grande Motte und praktisch vor allem eine betonüberspannte Terrasse zum Ausblick auf Meer, Sonne und Architektur. Ein weiterer Zugang zur Dachterrasse ist eine lange Treppe mit betonten Geländern schräg hinter dem ersten Arkadenteil.

La Grande Motte aber wäre nicht La Grande Motte, Höhepunkt und Juwel der Architektur des französischen Sozialstaats, wenn nicht auch der so symbolische und skulpturale Point Zéro zugleich noch prosaischere Funktionen gehabt hätte. Als er Ende der Sechziger noch vor der eigentlichen Stadt gebaut wurde, konzentrierten sich in ihm schlichtweg alle Einrichtungen von La Grande Motte, von Umkleidekabinen für Strandbesucher über Läden, Post, Polizei bis hin zu Büros für die Verwaltung und die Architekten. Noch heute ist am Uferboulevard vor der Stele ein Restaurant, das aber später angebaut wurde, während unter den Arkaden verschiedene Läden zu erahnen sind.

Man erkennt neben dem Durchgang insbesondere noch einen Kiosk, der mit seiner Werbung eine der V-Formen füllte und auf einer Stange Schilder für Tabac, Presse und die Tageszeitung Midi Libre wie kommerzielle Versionen der Kunstwerke nach oben streckte.

Was Point Zéro von anderen Teilen von La Grande Motte, die weiterhin ihre intendierte Funktion erfüllen, unterscheidet, ist denn, daß er weitgehend leersteht und sich in einem eher vernachlässigten Zustand befindet. Die Gitter vor den früheren Läden rosten, aus den Brunnen wurden Beete (immerhin), in der Mitte ist ein „Point Emploi“ des Arbeitsamts und die Dachterrasse ist nicht mehr zugänglich. Auch als halbe Ruine ist Point Zéro gewiß noch schön, aber das Leben, für das er gemacht ist, fehlt und ist ganz durch die Kunst ersetzt. Er bekommt dadurch eine neue Symbolik, denn sein Zustand entspricht dem des französischen Sozialstaats, der der eigentliche Ausgangspunkt von La Grande Motte war. Daß Point Zéro heute wie die gesamte Grande Motte als Patrimoine du XX. siècle (Erbe des 20. Jahrhunderts) denkmalgeschützt ist, das ist dann bestenfalls ein schwacher Trost und schlimmstenfalls ein Hohn.

Das Label „Patrimoine du XXe siècle“ hat zum Ziel, die wichtigsten Bauwerke und städtischen Ensembles des 20. Jahrhunderts zu bewahren und zur Geltung zu bringen
Der Point Zéro
Errichtet 1967
„Wenn der Wind mit dem Sand spielt, zeichnet er Parabeln.
Der Point Zéro ist auch eine Parabel, die das unbebaubare Meer umarmt. Er flieht in Richtung Horizont.
Es war eine der allerersten am Strand gebauten Einrichtungen, mit dem Rücken zur Düne, die La Grande Motte ihren Namen gab.
Das mathematische Gesetz seines Grundrisses, das aus einer Folge von Parabeln abgeleitet wurde, füllt den Raum.
Präsent und unsichtbar sammelt er das Licht des offenen Meers und projiziert an den Strand die Frische der Gärten und das Murmeln der Brunnen.“
Jean Balladur (Chefarchitekt von La Grande Motte, Anmerkung des Verfassers)