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Doppelte Wallfahrt: Kommunistischer Teil

Die seltene Möglichkeit zu zwei Wallfahrten sehr verschiedener Art bietet sich in Bystřice pod Hostýnem. Nach der ersten, der katholischen, ist die zweite die unkonventionellere: die kommunistische.

Sie beginnt direkt am Bahnhof, wo der gelbe Wanderweg ausgeschildert ist. Dieser Cesta bojovníků za mír (Weg der Kämpfer für den Frieden) ist ein etwa zwanzig Kilometer langer Rundweg durch die Hostýnské vrchy (Hostýner Bergen). Von Bystřice führt er um den Hostýn herum und folgt dann ein längeres Stück weitgehend einer Straße durch die Täler zwischen den bewaldeten Bergen. Nach den touristischen Einrichtungen am Tesák, wo es Restaurants, Kneipen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt, die in ihrer unprätentiösen säkularen Art völlig anders sind als die auf dem Hostýn, geht es gänzlich in den Wald.

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Auf über 850 Metern erreicht der Weg auf dem Jehelník seine höchste Erhebung, was aber, da er zuvor bereits lange zwischen 600 und 800 Metern Höhe verlief, und es dort keine Aussicht gibt, nicht spürbar ist. Von dort geht es wieder zurück und meist hinab gen Bystřice, auf das sich manchmal weite Ausblicke öffnen.

In erster Linie ist der Cesta bojovníků za mír somit ein Wanderweg. Doch nicht nur nebenbei erzählt er die Geschichte der Partisanen, die hier 1944 und 1945 gegen die Deutschen kämpften. Sie sind die namensgebenden bojovníci za mír, Kämpfer für den Frieden. So wie der Weg auf den Hostýn von vielen Marienbildnissen gesäumt war, hat der kommunistische Pilgerweg verschiedene Stationen, die an das Wirken der Partisanen erinnern. Den Anfang macht auch gleich der Bahnhof mit der Gedenktafel für den dort gefallenen Partisanen Jan Marek. Hier wird einem die 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakische Partisanenbrigade „Jan Žižka“)  samt ihrem Symbol, gleichsam ihrem Logo, einem fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub, vorgestellt.

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

Erst tief in den Bergen, am Straßenrand kurz vor dem Tesák, findet sich die nächste Station, das Denkmal für die Partisanin Olga Bardinová. Es besteht aus einem Sockel aus grauem Stein und einem ebensolchen kleinen Obelisken, vor dem ein großes hölzernes Kreuz hängt.

Die Aufschrift auf dem Sockel in erhabenen weißen Buchstaben lautet: „Zde položila život na oltář vlasti partyzánka Olga Bardinová  2.5.1945 Čest její památce!“ (Hier legte die Partisanin Olga Bardinová ihr Leben auf den Altar des Vaterlands 2.5.1945 Ehre ihrem Andenken!).

Kreuz wie Wortwahl zeigen klar, daß es sich um ein Denkmal aus der frühen Nachkriegszeit, von vor dem Siegreichen Februar 1948, der die Kommunisten an die Macht brachte, handeln muß. Aber ganz so eindeutig bürgerlich war es offenbar nicht immer, da über dem Schwarz-Weiß-Photo der jungen Partisanin noch die Reste eines fünfzackigen Sterns zu erkennen sind.

Mitten im Wald, beim Gipfel Čerňava, ist das Denkmal für den Partisanen Ivan Petrovic Stěpanov. Sogar vom Weg sieht man es nicht. Links ist bloß ein Bereich mit vielen mehr oder weniger großen Felsblöcken. Versteckt darin ist an einem der Steine eine einfache Gedenktafel mit den Worten: „Komisař I. čsl. partyzánské brigády „Jana Žizky“ kpt. Ivan Petrovic Stěpanov zde padl 10.4.1945. Na paměť 25. výročí osvobození ČSSR.“ (Der Kommissar der I. tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žizka“ Kapitän Ivan Petrovic Stěpanov fiel hier am 10.4.1945. Zur Erinnerung an den 25. Jahrestag der Befreiung der ČSSR.) Versteckt in den Felsen, vielleicht im Feuergefecht mit den Deutschen, starb der sowjetische Partisan, der zur Unterstützung des tschechischen Widerstands in die Gegend gesandt worden war.

Wo er und seine Genossen wenigstens zeitweise lebten, zeigt die nächste Station des Wegs. „Partizánský bunkr“ (Partisanenbunker) heißt es noch auf der Karte, beim Abzweig aber schon „zemljanka“. Das zweite Wort, eine spezifisch russische Bezeichnung für einen Unterstand in der Erde, paßt besser zu dem, was man weiter unten am Hang findet: einen kleinen rechteckigen Bau aus Holzblöcken, der mehr als zur Hälfte in den Boden versenkt ist und im sichtbaren Teil eine kleine Einstiegsluke hat.

Von der Wehrhaftigkeit eines Bunkers ist da wenig, eher ist es ein Versteck. Außer einem großen Topf und einem kaum mehr lesbaren Metallschild mit Informationen ist weit und breit nur Wald, nunmehr ohne auch nur angedeutete Wege.

Auf dem Jehelník schließlich befindet sich das Denkmal für Ladislav Jaroš. Obwohl es bereits am Bahnhof auf dem Wegweiser genannt war, ist es nicht der Höhepunkt der Cesta bojovníků za mír, sondern bloß eine weitere seiner Stationen. Seine Gestaltung ist sogar eher unschön, ein Sockel aus zusammengeklebten Steinbrocken und einer schrägen glatten Steinplatte mit der Inschrift: „Vzpomeňte bratra Ladislava Jaroše starosty Sokola Holešov, ředitele reál. gymnasia, turisty, lyžaře a milovníka tohoto kraje  Byl zavražděn Němci 18.6.1942 v Brně  Sokol Holešov“ (Gedenkt Bruder Ladislav Jaroš, Direktor des Realgymnasiums, Wanderer, Skifahrer und Freund dieser Region  Er wurde von den Deutschen am 18.6.1942 in Brno ermordet  Sokol Holešov)

Dafür wird hier an jemanden erinnert, der die Gegend selbst als Wanderer, nicht als Partisan kannte, und es entsteht eine Verbindung zwischen der Enge des Walds und der weiteren Welt, da er in Brno ermordet wurde.

Bald darauf verläßt der Weg den Wald wieder. Der Ort Chvalčov, der sich vom Waldrand bis an den Stadtrand von Bystřice erstreckt, gibt es vor allem viele kleinere religiöse Denkmäler. Gleich das erste von ihnen, ein Kruzifix neben einer winzigen Kapelle aus den dreißiger Jahren, trägt jedoch die Zahl 1945 und die Inschrift: „K té svobodě osvobodil nás Kristus. Stůjte pevně tedy a nepodávejte se opět pode jho služebnost. Z epištoly sv. Pavla ke Gal.“ (Zu dieser Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und begebt euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft. Aus der Epistel des hl. Paulus an die Gal. [Galater 5.1]).

Es ist ein überraschendes und zwiespältiges Denkmal. Der gar nicht würdevoll, sondern einfach tot an seinem Kreuz hängende Jesus ist künstlerisch durchaus gelungen, mehr jedenfalls als alles auf dem Hostýn, aber die Aussage ist recht gewagt, insbesondere angesichts der Tatsache, daß in der nahen Slowakei ein katholischer Priester als Staatschef die Kollaboration mit den Deutschen übernommen hatte.

Im weiteren Verlauf von Chvalčov erinnert ein kleines Denkmal auf der großen Wiese vor der Grundschule wieder an die Partisanen, nun wieder mit dem vom Bahnhof bekannten Logo.

„Zur Erinnerung an die gefallenen Mitglieder der I. tschl. Partisanenbrigade ‚Jan Žižka‘ 1939-1945“

Es folgt noch eine Gedenktafel an einem Haus an der Grenze zu Bystřice.

Es sieht nicht anders aus als all die anderen dörflich-vorstädtischen Häuser, aber „Na těchto místech položili svůj život za nás a naši svobodu rotný Jan Bučák  vojín R.A. Peter Ivanovič  partyzán Josef Borák  5.5.1945“ (An diesem Ort gaben ihr Leben für uns und unsere Freiheit Korporal Jan Bučák  Soldat der Roten Armee Peter Ivanovič  Partisan Josef Borák  5.5.1945).

Die Erinnerung an diese Opfer von Kämpfen in den letzten Tagen des Kriegs ist zugleich die letzte Station des Wegs.

Ob die Wallfahrt auf dem Cesta bojovníků za mír lohnt, ist  nicht einfach zu beantworten. Man erlebt auf ihr die ganze Breite des Widerstands gegen die Deutschen. Obwohl die kommunistisch geführten und von der Sowjetunion mit Ausrüstung und Personal unterstützten Partisanen im Vordergrund stehen, kommt auch das bürgerliche Sokol-Mitglied nicht zu kurz. Und neben der Partisanin, für die oder deren Angehörige roter Stern und Kreuz keinen Widerspruch darstellten, findet man sogar einen Versuch des Katholizismus, sich zur Befreiung vom Faschismus zu positionieren. Der Höhepunkt der Wallfahrt ist jedoch auch ihr Ausgangs- und Endpunkt: der Bahnhof, der als funktionale Kapelle für den Partisanen Jan Marek verstanden werden kann. An ihn zu glauben, ist nicht schwer, da es ihn wirklich gab, und auch sonst bleibt die Schönheit der Architektur. Eine kommunistische Wallfahrt kann man also ebensogut mit dem Zug unternehmen.

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Doppelte Wallfahrt: Katholischer Teil

Die seltene Möglichkeit zu zwei Wallfahrten sehr verschiedener Art bietet sich in Bystřice pod Hostýnem. Die erste ist die konventionellere, katholische.

Wenn man sich der Stadt nähert, sieht man auf einem der niedrigen Berge einen riesigen Kuppelbau mit zwei Türmen. Der erste Gedanke ist selbstverständlich, daß es sich um eine Wallfahrtskirche handeln muß und, obwohl das Grau dieses Gebäudes und ein nahes Windrad kurz an ein unkonventionell plaziertes Kraftwerk denken lassen, ist der erste Gedanke richtig: es ist die Kirche Nanebevzetí Panny Marie (Mariä Himmelfahrt) und der Berg ist der Hostýn, an (wörtlich: unter) dem Bystřice liegt.

Am Bahnhof sind die Gedanken an Kirchen und katholische Wallfahrten erst einmal fern. Auch im Stadtzentrum ändert sich das kaum; der Hostýn oder seine Kirche sind von hier nicht zu sehen. Bloß auf dem Sockel der Johannes von Nepomuk-Statue neben der Stadtkirche ist ein eigenartiges Relief: es zeigt eine Maria mit einem Jesuskind im Arm, das mit der ausgestreckten Hand Blitze auf die Umgebung herunterschießt.

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Das, wird man später herausfinden, ist die Maria, die auf dem Hostýn verehrt wird.

Hinauf auf den Berg führen der blaue und der rote Wanderweg. Man passiert noch einige Darstellungen der nämlichen Maria, die allesamt neuer und kitschiger sind. Nach den letzten Häusern folgt Wald, die Wege werden steiler und beschwerlicher als man das beim nur 734 Meter hohen Hostýn erwarten würde, aber so muß das vielleicht sein. Denn was ist eine Wallfahrt, wenn nicht ein anstrengender Weg zu einem Ort, der einen in seinem Glauben bestärkt? Zuerst erreicht man die kleine barocke Vodní kaple (Wasserkapelle), dann, endlich, hat man am Ende einer langen Treppe die große Kirche vor sich.

Man befindet sich nun in einer Parallelwelt des tschechischen Katholizismus.

Bemerkenswert ist, wie wenig hier bemerkenswert ist. Die Kirche ist selbstverständlich barocken Ursprungs, hat ihre heutigen Formen, vor allem das große Marienmosaik über dem Eingang, jedoch aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert.

Weniger Jugendstil als leblosester Historismus prägen alles, wobei die Skulpturen sogar noch ein wenig schlechter als das Mosaik sind. Als der tschechische Katholizismus das gestaltete, war er offensichtlich schon im Abstieg. Er konnte keine wirklich großen Künstler mehr für sich gewinnen und wenn er es gekonnt hätte, hätte er sie nicht gewollt.

Um die Wiesen links der Kirche im Schatten des Windrads gibt es gleich zwei Kreuzwege.

Während der eine neobarock ist, hat der zweite in einem eigentümlichen Stil, der durch die Verwendung von bunt bemaltem Holz an die Kunst nordamerikanischer Ureinwohner erinnert.

In einem letzten Aufbäumen des Katholizismus wurde die große Treppe zur Kirche in den frühen Fünfzigern von Studenten des Olomoucer Priesterseminars neu errichtet. Man kann sich vorstellen, wie sie im Aufbaufieber der Zeit zeigen wollten, daß auch sie, nicht nur die Kommunisten, anpacken können. Aber das sie das zeigen wollten, zeigte nur, daß sie verloren hatten.

Heute ist der Katholizismus in Tschechien eine eher marginale Subkultur. Die geringe Bedeutung von organisierter Religion in dem Land verleitet manche dazu, es atheistisch zu nennen, doch das ist leider keineswegs wahr. An die Stelle des Christentums traten bloß allerlei esoterische Gruppierungen, die das Bedürfnis nach Aberglauben auf unkonventionellere Art stillen. Es bleibt abzuwarten, ob die Kirchenrestitution, in der die tschechische Regierung der katholischen Kirche eine Unmenge zuvor verstaatlichter Immobilien schenkte, zu einem Wiedererstarken des Katholizismus führen wird. Das große Poutní dům (Pilgerheim) vermag er immerhin noch zu füllen und auch in den vielen beidseits der Treppe angeordneten Ladenbuden mag manchmal mehr als nur die obligatorische Kneipe geöffnet sein.

In Ermangelung irgendwelcher künstlerisch oder architektonisch wertvollen Element lohnt eine Wallfahrt auf den Hostýn letztlich nur, wenn man an eine Maria mit blitzewerfendem Jesus glauben kann oder eine billige Übernachtungsmöglichkeit sucht. Aber Bystřice bietet eben noch die Möglichkeit zu einer zweiten Wallfahrt: einer kommunistischen.

Bystřice pod Hostýnem

Bystřice pod Hostýnem im Norden Mährens beginnt mit einem Versprechen: einem meisterhaften tschechoslowakischen Bahnhof. Das Stadtzentrum, zu dem er sich öffnet, ist nicht weit und nicht ganz nah. Man sieht nichts von ihm, so wenig wie man das nähere Industriegebiet, in das auf der anderen Seite des Bahnhofs Schienen führen, sieht.

Ins Zentrum führt die lange und gerade Nádražní (Bahnhofsstraße). Es ist eine Straße mit Häusern, die halb noch dörflich sind und halb schon Villen sein wollen. Sie sind allesamt klein, haben nie mehr als zwei Geschosse, und schließen meist lückenlos aneinander an. Aber mit ihren Formen und Ornamenten sind sie etwas anderes. Gleich zu Beginn der Straße sieht man links Jugendstil mit typischen Frauengesichtern

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und rechts die Sachlichkeit der ersten tschechoslowakischen Republik mit abgerundeter Ecke.

Einmal leistet sich ein Häuschen, dessen Ornamente noch historistisch sind, an der Seite einen Anbau, der mit dem verglasten Erdgeschoß und vor allem den horizontalen Metallgeländern der Terrasse im Obergeschoß erst recht in die erste Republik gehört.

Die Häuser streben über die mährische Provinz hinaus, kommen aber nicht weit. Es ist bezeichnend, daß am Ende der Nádražní eines der höchsten und größten Gebäude der Stadt steht: ein typischer k.k. Schulbau.

Rechts schließt sich der Platz an, der durch seine Länge und das Fehlen wirklich alter Häuser eher untypisch ist.

Den Anspruch von Bystřice zeigt rechts bei seinem Ende wiederrum ein Eckbau der ersten Republik. Seine Fassade ist strukturiert durch eckige Doppelstreben zwischen den hohen Fenstern, die zinnenartig noch über das Dach hinausreichen. Die abgerundete Ecke ist im zweiten Geschoß etwas höher als die seitlichen Teile, endet jedoch auch mit diesem. Der freie Eckbereich darüber ist gerahmt von den kahlen Wänden der seitlichen dritten Geschosse, in deren Winkel das fast flache Dach geradezu hineinwächst. Die Geschoßwände steigen darüber nach hinten geschwungen weiter auf und sind rückwärtig über dem Dach durch drei konzentrische Bögen verbunden. Gerade dadurch, daß sie sich erst niedriger und zurückhaltender gibt, wird die Ecke so zum monumentalen Element des für seine Zeit und sein Land äußerst typischen Gebäudes.

Bestimmt ist der Platz aber von drei Gebäuden auf der linken Seite: dem Hotel Podhoran aus sozialistischer Zeit, der Kirche und dem Schloß, das am Ende der zwischen den ersten beiden verlaufenden Straße jenseits des Flüßchen Bystřička steht.

Das Hotel ist durchaus kein besonderer Bau und weit entfernt von den besten Leistungen der tschechoslowakischen Architektur. Teil der Blockrandbebauung, vom Platz entlang der Straße bis zum Bach reichend, vier Geschosse, durch rote Kacheln zu Bändern zusammengefaßte Fenster und etwas vorgesetzte Bänder mit grauem Putz, im Erdgeschoß größere Glasflächen für Foyer und Restaurant, zum Platz hin ein Vordach über dem Eingang, zur Kirche hin einige Flächen mit roten Kacheln und zwei Fenster mit vorgesetzten quadratischen Rahmen.

Einziges interessantes Detail ist die Anordnung einer Fahnenstange ganz links auf der Platzseite. Eine eher schmale vertikale graue Fläche, die deutlich sowohl vor den roten Kacheln als auch vor den Putzbändern hängt, dient ihrem schwarzen Metall gleichsam als Leinwand. In der linke Hälfte ragt die Fahnenstange ihrerseits vor und wird auf halber Höhe von zwei Lautsprechern flankiert, während unten rechts daneben das blaue Schild mit dem Namen des Platzes, heute Masarykovo, einst wohl Gottwaldovo, ist.

Wiewohl baulich klar Teil des Hotels, gehört diese Fahnenstange funktional schon eher zum angrenzenden Rathaus und dient damit der ganzen Stadt.

Nichts Besonderes ist das Hotel, ja, aber die barocke Kirche gegenüber ist ja auch nichts Besonderes. Fast mehr noch als das Hotel hat man sie in minimalen Variationen dutzendfach gesehen. Der gelbe Putz, die weißen Pilaster, die großen rundbögigen Fenster, der Turm – es lohnt kaum der Beschreibung.

Das Schloß ist schon etwas anderes. Das Tor mit Wappenrelief und schlanken Obelisken, von dem die kahlen weißen Mauern links und rechts zurückschwingen, ist reine Renaissance, wie man sie weit seltener sieht. Aber vielleicht hat es seinen Wert auch eher dadurch, daß es übrigblieb, als aus sich selbst heraus. Bald hinter Tor und Mauern schließt denn auch ein weit banalerer barocker Teil an, der wie der große Park heute von der Armee genutzt wird.

Was den Platz bestimmt, ist das Beieinander der drei Gebäude. Für sich genommen mögen sie nichts Besonderes sein, zusammen sind sie immerhin das Zentrum von Bystřice pod Hostýnem. Statt einer scheinbar harmonischen Idylle wie in so vielen tschechischen Stadtzentren herrschen hier spannungsvolle Kontraste. Aber wenn die Heiligen vor der Kirche oder der Johannes von Nepomuk daneben zum Hotel blicken und sich im Glas des Restaurants spiegeln, entsteht vielleicht eine neue Art von Harmonie.

Jenseits des Platzes setzt sich Bystřice vor allem entlang der hinausführenden Straßen vor allem mit kleinen Häuschen, die nicht einmal mehr den Ehrgeiz der Nádražní haben, fort. Weiter draußen verläuft entlang der Bystřička ein Park mit Freibad und bei ihm ist das Západní sídliště (Wohngebiet West) angeordnet. Seine Dominante sind achtgeschossige Punkthäuser aus zwei versetzten quadratischen Teilen. Sie stehen aufgereiht an einer Straße, dazwischen Ladengebäude.

Außerdem gibt es niedrige Zeilenbebauung, Schulen, Kindergärten. Auch das ist nur tschechoslowakischer Durchschnitt. Bystřice pod Hostýnem ist eben, was es ist: eine Kleinstadt an der Grenze der mährischen Regionen Haná und Valašsko, an der Grenze zwischen Flachland und Gebirge, stark geprägt von der Tschechoslowakei, insbesondere ihrer sozialistischen Epoche. Vielleicht hält es nicht, was sein Bahnhof versprach, aber schon das Versprechen hatte seinen Wert.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bystřice pod Hostýnem

Dieser Text könnte auch heißen: „Der Bahnhof des Partisanen“. Einen solchen Bahnhof nämlich findet man Bystřice pod Hostýnem im östlichen Mähren.

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Zu den Gleisen hin hat die Bahnhofanlage ein langes blaues Vordach, das auf mittigen runden Stützen ruht und von diesen kurz nach außen und länger nach innen zu den Gebäuden ansteigt. Es wirkt, wiewohl aus Stahl und Blech, eher leicht, schwerelos, vielleicht auch, weil die Stützen sehr dünn und mit ihrer braunen Farbe um Unsichtbarkeit bemüht sind. Links steht dahinter zuerst ein kleiner Flachbau mit technischen Räumen. Nach einer kurzen Lücke beginnt der eigentliche zweigeschossige Bahnhofsbau, der teils grauen Putz und teils rotbraune Kacheln hat, vor dem Flachdach aber wieder einen blauen Streifen. Auch er zieht sich langgestreckt parallel der Gleise hin. Der Großteil der Länge wird von verschiedenen Betriebsräumen für Güter- und Personenverkehr eingenommen.

Erst ganz rechts öffnet sich das Gebäude mit großen Glasflächen und -türen, die in die Halle führen, ganz dem Reisenden. Aber das Vordach endet noch nicht mit dem Gebäude, sondern setzt sich, nun an der gleisabgewandten Seite zusätzlich von drei dünnen runden Stützen getragen, noch etwas fort und verwandelt sich am Bahnsteigende sogar. Es wird zu einem dickeren Betondach mit blauem Rand, das den Reisenden alternativ oder ergänzend zur Halle hinausgeleitet.

Der sich rampenartig absenkende Bahnsteig verläuft ein Stück zwischen eckigen Stahlstützen und Glasflächen. Während links der offene Ausgang folgt, verläuft das Glas rechs weiter und noch um die Ecke der abschließenden Wand, die danach aus Beton besteht.

Die Bahnhofshalle ist dann quer zu den Gleisen, fast von ihnen wegstrebend, angeordnet.

Auf ihrer linken Seite ist im unteren Teil schwarz-grau-weiß gemaserte glatte Steinverkleidung, was man aber kaum merkt, da ein so großer Teil von den Fenstern der Schalter und den Eingänge des Restaurants und der Toiletten eingenommen wird. Rechts sind unten erst die Eingänge, dann wird die Wand auf ihrer gesamtem Höhe in eine durchgehende Glasfläche aufgelöst. Der obere Teil der Halle hat ansonsten weiße Wandflächen, auf denen nur an der Gleisseite eine ziffernlose goldene Uhr hängt.

Beim Beginn der Glaswand dienen sieben dünne Stangen, die vom Boden bis zur Decke reichen, als Raumteiler. Unten sind die durch den hellbraunen Holzkasten einer Heizung zusammengefaßt, darüber sind an ihnen je zwei vertikale drehbare Metallwalzen für Fahrplainformationen aufgehängt, bevor nach quadratischen Holzelementen nur noch das bloße Metall aufragt. So wird die Halle subtil in einen kleineren Durchgangsbereich zwischen den Ausgängen und einen größeren Aufenthaltsbereich mit hölzernen Sitzbänken aufgeteilt.

Zu diesem, aber auch in die übrige Halle, zeigt ein abstraktes Kunstwerk von Jaroslav Blažek, das raumhoch die Mitte der rückwärtigen Wand einnimmt. Auf rechteckigen vertikalen Tonplatten sind allerlei Vertiefungen und eingelassene Steine, aber am Auffälligsten sind die vertikale Rille in der Mitte, die an einen Schnitt erinnert, und der blau glasierte Fleck unten rechts (einige Bilder aus der Entstehungszeit findet man auf der Seite des Künstlers).

Von der Stadt her kommt man direkt auf die Bahnhofshalle zu. Rechts ist teilweise verdeckt von einem Baum die Glasfläche, links ist über den Eingängen ein blaues Vordach und noch darüber ein Wabenmuster im Beton der Wand. Nicht in der Mitte über dem Eingang, sondern deutlich am rechten Rand sind auf dem Vorach eine aufgestütze quadratische Uhr und auf dem Dach ein geflügeltes Rad als blau-weißes Leuchtsymbol.

Links ergänzt der Abschluß des Bahnsteigsdachs die Halle. Zwischen den Eingängen und dem dickeren Dach stehen vor den drei runden Stützen niedrige Nadelsträuche, wodurch diese fast die Anmutung von Säulen bekommen und ein kurzer antiker, tempelartiger Eindruck entstehen kann. Wie ein L legt sich die Bahnhofsanlage so um einen Wendekreis für Busse.

Der Bahnhof wird zu einer Art Schleuße zwischen der Stadt und den Gleisen, das heißt dem Rest der Welt, offen, einladend, funktional und schön.

Eine Gedenktafel am Bahnsteig neben den Eingängen zur Halle erdet dieses neue Gebäude schließlich in der nicht fernen Vergangenheit. Üblicherweise wird an solchen Stellen an Eisenbahner, die in den Besatzungsjahren 1938 bis 1945 umkamen, erinnert, aber hier ist es etwas anders. Unter fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub als Symbol der 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žižka“) wird auf der glatten schwarzen Steinplatte in weißen Buchstaben vom Tod eines Partisanen erzählt:

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

„An diesem Ort“, ja, aber nichts an diesem Ort sieht mehr aus wie im Januar 1945. Leutnant Marek würde nichts wiedererkennen, wenn ein gütiger kommunistischer Gott ihn wieder zum Leben erweckte. Und genau so muß das sein, so würde er das gewollt haben. „Er kämpfte für uns, damit wir leben können…“, steht oben auf der Tafel. Der ganze Bahnhof ist ein Beweis dieses Lebens und das schönste Denkmal, das einem Partisanen errichtet werden könnte.