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Bystřice pod Hostýnem

Bystřice pod Hostýnem im Norden Mährens beginnt mit einem Versprechen: einem meisterhaften tschechoslowakischen Bahnhof. Das Stadtzentrum, zu dem er sich öffnet, ist nicht weit und nicht ganz nah. Man sieht nichts von ihm, so wenig wie man das nähere Industriegebiet, in das auf der anderen Seite des Bahnhofs Schienen führen, sieht.

Ins Zentrum führt die lange und gerade Nádražní (Bahnhofsstraße). Es ist eine Straße mit Häusern, die halb noch dörflich sind und halb schon Villen sein wollen. Sie sind allesamt klein, haben nie mehr als zwei Geschosse, und schließen meist lückenlos aneinander an. Aber mit ihren Formen und Ornamenten sind sie etwas anderes. Gleich zu Beginn der Straße sieht man links Jugendstil mit typischen Frauengesichtern

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und rechts die Sachlichkeit der ersten tschechoslowakischen Republik mit abgerundeter Ecke.

Einmal leistet sich ein Häuschen, dessen Ornamente noch historistisch sind, an der Seite einen Anbau, der mit dem verglasten Erdgeschoß und vor allem den horizontalen Metallgeländern der Terrasse im Obergeschoß erst recht in die erste Republik gehört.

Die Häuser streben über die mährische Provinz hinaus, kommen aber nicht weit. Es ist bezeichnend, daß am Ende der Nádražní eines der höchsten und größten Gebäude der Stadt steht: ein typischer k.k. Schulbau.

Rechts schließt sich der Platz an, der durch seine Länge und das Fehlen wirklich alter Häuser eher untypisch ist.

Den Anspruch von Bystřice zeigt rechts bei seinem Ende wiederrum ein Eckbau der ersten Republik. Seine Fassade ist strukturiert durch eckige Doppelstreben zwischen den hohen Fenstern, die zinnenartig noch über das Dach hinausreichen. Die abgerundete Ecke ist im zweiten Geschoß etwas höher als die seitlichen Teile, endet jedoch auch mit diesem. Der freie Eckbereich darüber ist gerahmt von den kahlen Wänden der seitlichen dritten Geschosse, in deren Winkel das fast flache Dach geradezu hineinwächst. Die Geschoßwände steigen darüber nach hinten geschwungen weiter auf und sind rückwärtig über dem Dach durch drei konzentrische Bögen verbunden. Gerade dadurch, daß sie sich erst niedriger und zurückhaltender gibt, wird die Ecke so zum monumentalen Element des für seine Zeit und sein Land äußerst typischen Gebäudes.

Bestimmt ist der Platz aber von drei Gebäuden auf der linken Seite: dem Hotel Podhoran aus sozialistischer Zeit, der Kirche und dem Schloß, das am Ende der zwischen den ersten beiden verlaufenden Straße jenseits des Flüßchen Bystřička steht.

Das Hotel ist durchaus kein besonderer Bau und weit entfernt von den besten Leistungen der tschechoslowakischen Architektur. Teil der Blockrandbebauung, vom Platz entlang der Straße bis zum Bach reichend, vier Geschosse, durch rote Kacheln zu Bändern zusammengefaßte Fenster und etwas vorgesetzte Bänder mit grauem Putz, im Erdgeschoß größere Glasflächen für Foyer und Restaurant, zum Platz hin ein Vordach über dem Eingang, zur Kirche hin einige Flächen mit roten Kacheln und zwei Fenster mit vorgesetzten quadratischen Rahmen.

Einziges interessantes Detail ist die Anordnung einer Fahnenstange ganz links auf der Platzseite. Eine eher schmale vertikale graue Fläche, die deutlich sowohl vor den roten Kacheln als auch vor den Putzbändern hängt, dient ihrem schwarzen Metall gleichsam als Leinwand. In der linke Hälfte ragt die Fahnenstange ihrerseits vor und wird auf halber Höhe von zwei Lautsprechern flankiert, während unten rechts daneben das blaue Schild mit dem Namen des Platzes, heute Masarykovo, einst wohl Gottwaldovo, ist.

Wiewohl baulich klar Teil des Hotels, gehört diese Fahnenstange funktional schon eher zum angrenzenden Rathaus und dient damit der ganzen Stadt.

Nichts Besonderes ist das Hotel, ja, aber die barocke Kirche gegenüber ist ja auch nichts Besonderes. Fast mehr noch als das Hotel hat man sie in minimalen Variationen dutzendfach gesehen. Der gelbe Putz, die weißen Pilaster, die großen rundbögigen Fenster, der Turm – es lohnt kaum der Beschreibung.

Das Schloß ist schon etwas anderes. Das Tor mit Wappenrelief und schlanken Obelisken, von dem die kahlen weißen Mauern links und rechts zurückschwingen, ist reine Renaissance, wie man sie weit seltener sieht. Aber vielleicht hat es seinen Wert auch eher dadurch, daß es übrigblieb, als aus sich selbst heraus. Bald hinter Tor und Mauern schließt denn auch ein weit banalerer barocker Teil an, der wie der große Park heute von der Armee genutzt wird.

Was den Platz bestimmt, ist das Beieinander der drei Gebäude. Für sich genommen mögen sie nichts Besonderes sein, zusammen sind sie immerhin das Zentrum von Bystřice pod Hostýnem. Statt einer scheinbar harmonischen Idylle wie in so vielen tschechischen Stadtzentren herrschen hier spannungsvolle Kontraste. Aber wenn die Heiligen vor der Kirche oder der Johannes von Nepomuk daneben zum Hotel blicken und sich im Glas des Restaurants spiegeln, entsteht vielleicht eine neue Art von Harmonie.

Jenseits des Platzes setzt sich Bystřice vor allem entlang der hinausführenden Straßen vor allem mit kleinen Häuschen, die nicht einmal mehr den Ehrgeiz der Nádražní haben, fort. Weiter draußen verläuft entlang der Bystřička ein Park mit Freibad und bei ihm ist das Západní sídliště (Wohngebiet West) angeordnet. Seine Dominante sind achtgeschossige Punkthäuser aus zwei versetzten quadratischen Teilen. Sie stehen aufgereiht an einer Straße, dazwischen Ladengebäude.

Außerdem gibt es niedrige Zeilenbebauung, Schulen, Kindergärten. Auch das ist nur tschechoslowakischer Durchschnitt. Bystřice pod Hostýnem ist eben, was es ist: eine Kleinstadt an der Grenze der mährischen Regionen Haná und Valašsko, an der Grenze zwischen Flachland und Gebirge, stark geprägt von der Tschechoslowakei, insbesondere ihrer sozialistischen Epoche. Vielleicht hält es nicht, was sein Bahnhof versprach, aber schon das Versprechen hatte seinen Wert.

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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bystřice pod Hostýnem

Dieser Text könnte auch heißen: „Der Bahnhof des Partisanen“. Einen solchen Bahnhof nämlich findet man Bystřice pod Hostýnem im östlichen Mähren.

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Zu den Gleisen hin hat die Bahnhofanlage ein langes blaues Vordach, das auf mittigen runden Stützen ruht und von diesen kurz nach außen und länger nach innen zu den Gebäuden ansteigt. Es wirkt, wiewohl aus Stahl und Blech, eher leicht, schwerelos, vielleicht auch, weil die Stützen sehr dünn und mit ihrer braunen Farbe um Unsichtbarkeit bemüht sind. Links steht dahinter zuerst ein kleiner Flachbau mit technischen Räumen. Nach einer kurzen Lücke beginnt der eigentliche zweigeschossige Bahnhofsbau, der teils grauen Putz und teils rotbraune Kacheln hat, vor dem Flachdach aber wieder einen blauen Streifen. Auch er zieht sich langgestreckt parallel der Gleise hin. Der Großteil der Länge wird von verschiedenen Betriebsräumen für Güter- und Personenverkehr eingenommen.

Erst ganz rechts öffnet sich das Gebäude mit großen Glasflächen und -türen, die in die Halle führen, ganz dem Reisenden. Aber das Vordach endet noch nicht mit dem Gebäude, sondern setzt sich, nun an der gleisabgewandten Seite zusätzlich von drei dünnen runden Stützen getragen, noch etwas fort und verwandelt sich am Bahnsteigende sogar. Es wird zu einem dickeren Betondach mit blauem Rand, das den Reisenden alternativ oder ergänzend zur Halle hinausgeleitet.

Der sich rampenartig absenkende Bahnsteig verläuft ein Stück zwischen eckigen Stahlstützen und Glasflächen. Während links der offene Ausgang folgt, verläuft das Glas rechs weiter und noch um die Ecke der abschließenden Wand, die danach aus Beton besteht.

Die Bahnhofshalle ist dann quer zu den Gleisen, fast von ihnen wegstrebend, angeordnet.

Auf ihrer linken Seite ist im unteren Teil schwarz-grau-weiß gemaserte glatte Steinverkleidung, was man aber kaum merkt, da ein so großer Teil von den Fenstern der Schalter und den Eingänge des Restaurants und der Toiletten eingenommen wird. Rechts sind unten erst die Eingänge, dann wird die Wand auf ihrer gesamtem Höhe in eine durchgehende Glasfläche aufgelöst. Der obere Teil der Halle hat ansonsten weiße Wandflächen, auf denen nur an der Gleisseite eine ziffernlose goldene Uhr hängt.

Beim Beginn der Glaswand dienen sieben dünne Stangen, die vom Boden bis zur Decke reichen, als Raumteiler. Unten sind die durch den hellbraunen Holzkasten einer Heizung zusammengefaßt, darüber sind an ihnen je zwei vertikale drehbare Metallwalzen für Fahrplainformationen aufgehängt, bevor nach quadratischen Holzelementen nur noch das bloße Metall aufragt. So wird die Halle subtil in einen kleineren Durchgangsbereich zwischen den Ausgängen und einen größeren Aufenthaltsbereich mit hölzernen Sitzbänken aufgeteilt.

Zu diesem, aber auch in die übrige Halle, zeigt ein abstraktes Kunstwerk von Jaroslav Blažek, das raumhoch die Mitte der rückwärtigen Wand einnimmt. Auf rechteckigen vertikalen Tonplatten sind allerlei Vertiefungen und eingelassene Steine, aber am Auffälligsten sind die vertikale Rille in der Mitte, die an einen Schnitt erinnert, und der blau glasierte Fleck unten rechts (einige Bilder aus der Entstehungszeit findet man auf der Seite des Künstlers).

Von der Stadt her kommt man direkt auf die Bahnhofshalle zu. Rechts ist teilweise verdeckt von einem Baum die Glasfläche, links ist über den Eingängen ein blaues Vordach und noch darüber ein Wabenmuster im Beton der Wand. Nicht in der Mitte über dem Eingang, sondern deutlich am rechten Rand sind auf dem Vorach eine aufgestütze quadratische Uhr und auf dem Dach ein geflügeltes Rad als blau-weißes Leuchtsymbol.

Links ergänzt der Abschluß des Bahnsteigsdachs die Halle. Zwischen den Eingängen und dem dickeren Dach stehen vor den drei runden Stützen niedrige Nadelsträuche, wodurch diese fast die Anmutung von Säulen bekommen und ein kurzer antiker, tempelartiger Eindruck entstehen kann. Wie ein L legt sich die Bahnhofsanlage so um einen Wendekreis für Busse.

Der Bahnhof wird zu einer Art Schleuße zwischen der Stadt und den Gleisen, das heißt dem Rest der Welt, offen, einladend, funktional und schön.

Eine Gedenktafel am Bahnsteig neben den Eingängen zur Halle erdet dieses neue Gebäude schließlich in der nicht fernen Vergangenheit. Üblicherweise wird an solchen Stellen an Eisenbahner, die in den Besatzungsjahren 1938 bis 1945 umkamen, erinnert, aber hier ist es etwas anders. Unter fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub als Symbol der 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žižka“) wird auf der glatten schwarzen Steinplatte in weißen Buchstaben vom Tod eines Partisanen erzählt:

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

„An diesem Ort“, ja, aber nichts an diesem Ort sieht mehr aus wie im Januar 1945. Leutnant Marek würde nichts wiedererkennen, wenn ein gütiger kommunistischer Gott ihn wieder zum Leben erweckte. Und genau so muß das sein, so würde er das gewollt haben. „Er kämpfte für uns, damit wir leben können…“, steht oben auf der Tafel. Der ganze Bahnhof ist ein Beweis dieses Lebens und das schönste Denkmal, das einem Partisanen errichtet werden könnte.