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Neben Kirchen: Praunheim

Die Praunheimer Kirche unterscheidet sich von den typischen, zumeist protestantischen barocken Dorfkirchen der Region allenfalls durch ihre Größe und langweilige Regelmäßigkeit, die von Vorgängerbauten nichts mehr erahnen läßt. Sie hat eben schwarz-graues Mauerwerk, rotsandsteinerne Fensterrahmen und einen schieferverkleideten Turm, der in einer quadratischen und zwei achteckigen Stufen zu einer schmalen Kuppel aufsteigt.

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Doch irgendwann in den Sechzigern oder Siebzigern, als Praunheim auch schon ein halbes Jahrhundert zu Frankfurt gehörte, ohne seinen dörflichen Charakter völlig zu verlieren, bekam die Kirche an der linken Seite einen winzigen Anbau.

Er besteht aus nur einem Raum mit rechteckigem Grundriß, der mit einer Spitze zur Kirchenwand zeigt, und einem kurzen Gang, durch den er an diese angeschlossen ist. Hinten hat der Gang eine milchig gelbe Glaswand und der Raum zwei weißgetünchte Wände, während unter dem Flachdach des gesamten Anbaus ein schmales Schieferband verläuft.

Vorne hat der Gang eine Glastür und der Raum rechts eine weiße Wand mit kleinem runden Fenster aus milchig gelbem Glas und links eine Fläche aus Glas und fünf vertikalen Betonstreben. Im Inneren ist nicht viel mehr als ein Schreibtisch an der Glas-Betonfläche zu sehen, vermutlich ist hinter dem runden Fenster eine Toilette.

Mag es zuerst etwas bizarr erscheinen, der Kirche einen so kleinen Anbau beizufügen, so erklärt es sich recht besehen von selbst:  Ein Pfarrer wollte nicht in der kalten und dunklen Kirche sitzen, aber auch nicht weit von ihr entfernt sein. Ein Architekt fand dafür eine funktionale und elegante Lösung, die dem Pfarrer direkt neben seiner Kirche mitten ins Grün des Gartens ein Büro setzte. Die Gebäudeformen sind dabei ganz selbstbewußt die ihrer Zeit, nehmen aber mit dem Schiefer auch auf den alten Bau Bezug.

Der Anbau zeigt, daß kleine Architektur auch großartig sein kann. Nebenbei bekam die Kirche von Praunheim so auch noch etwas, das sie wirklich von anderen ähnlichen Kirchen unterscheidet.

Frankfurt West

Der Frankfurter Westbahnhof ist ein Bahnhof reduziert auf äußerste Funktionalität.

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Um auf kleiner Fläche gleich fünf Gleise unterbringen zu können, geht er den für Bahnhöfe ungewöhnlichen Weg in die Höhe. Auf einer aufgestützten Trasse, die sich bald spaltet, ist ein Bahnsteig mit zwei Gleisen, an dem alle stadtauswärts fahrenden und die meisten der stadteinwärts fahrenden S-Bahnen halten. Daneben sind ebenerdig ein Bahnsteig mit einem Gleis, an dem eine andere stadteinwärts fahrende S-Bahn hält, und ein Bahnsteig mit zwei Gleisen für die Regionalzüge.

Der gleichsam natürliche Platz für das Bahnhofsgebäude ist unter der aufgestützten Trasse.

Zwischen den massiven Betonstützen, die leicht abgerundet und nach oben leicht verbreitert sind, behauptet es sich nicht durch irgendwelche markanten oder auch nur beschreibbaren Formen, sondern einzig durch das blasse, aber kräftige Orangegelb und das Dunkelblau seiner rechteckigen horizontalen Kacheln. Dazu kommen die nötigen Öffnungen der verschiedenen Betriebsräume und der zweiteilige Eingang, der weit links angeordnet ist.

Der rechte Teil des Eingangs ist markiert durch nicht mehr als eine Glasfläche, die nicht breiter ist als die vier Glastüren. Innen führen geradeaus links eine eher schmale Treppe hinab in den Tunnel zu den Regionalbahnsteigen und auf dem Rest der Länge einige Stufen hinauf auf den unteren S-Bahnsteig.

Nach rechts führen eine Treppe und zwei Rolltreppen hinauf auf den oberen S-Bahnsteig.

Auch im Bahnhofsinneren sind die Wände mit orangegelben Kacheln verkleidet. An den Decken sind weiße Lamellen mit Lampenstreifen und auf dem Boden quadratische Platten mit Kieselstruktur auf weißem Grund. Wollte man hier eine Verspieltheit suchen, so höchstens in dem Schwung, mit dem die an den Seiten kachelverkleidete und oben dem Boden entsprechende Brüstung neben der nach unten führenden Treppe beginnt und dann in eine Wand übergeht.

Neben der Brüstung stehen Fahrkartenautomaten und das ist der ganze Raum.

Der linke Teil des Eingangs ist ein offener Bereich um eine der Betonstützen, hinter dem unter einer Glasbausteinwand eine breite Treppe in den Tunnel zum Regionalbahnsteig und zu einem anderen Ausgang jenseits der Gleise führt.

Zuerst ist dieser eher ein großzügiger Raum mit demselben Orange und Blau der Kacheln, bevor er dann in einen viel schmaleren, viel konventionelleren Tunnel mit hellgelben Kacheln, der wohl von einem Vorgängerbau von 1961 übrigblieb, endet.

Der obere Bahnsteig und der Regionalbahnsteig haben auf dünnen quadratischen Stahlstützen ruhende Dächer, deren Decken als parallel zu den Gleisen verlaufende schmale weiße Lamellen ausgebildet sind, während für den unteren S-Bahnsteig das darüberliegende Gleisbett das Dach bildet.

Nichts ist hier zu viel, nichts zu wenig. Die Funktionalität ist allumfassend. Der gar nicht große Innenraum des Bahnhofs ist ein Verteiler für die Menschenströme von und zu den Bahnsteigen. Ganz deutlich ist, daß es zuerst um die S-Bahn geht. Für deren Fahrgäste sind es bis zu ihren Bahnsteigen entweder nur wenige Stufen oder der Weg durch den großzügigen zentralen Treppen- und Rolltreppenbereich. Für die weniger und insbesondere seltener frequentierten Regionalbahnsteige bleibt der Tunnel. Diese Zugangsart, bei so vielen Bahnsteigen die normale und einzige, ist am Westbahnhof in Frankfurt schon an den Rand gedrängt, ganz konkret in ihrer Lage im Bahnhofsraum und auch im übertragenen Sinne. Doch zugleich ist der große Tunnelraum seinerseits ein Verteiler zwischen den beiden Eingängen, dem Bahnhofsraum und eher nebenbei dem Regionalbahnsteig.

Für die neue Art des städtischen und vorstädtischen Verkehrs, die für Frankfurt die S-Bahn bedeutete, ist hier der Bahnhof neuer Art. Entsprechend fehlt ihm auch ein Wartesaal, jedenfalls heute, wo alle Räume von Imbissen und Kiosks eingenommen sind, aber niemand sollte hier auch länger warten müssen, als es sich auf den Bänken der Bahnsteige gemütlich tun ließe.

Der Frankfurter Westbahnhof ist so vollendet funktional, daß er unsichtbar wird. Er verschwindet als perfekte Maschine in der Stadt, auf deren Skyline er vom oberen Bahnsteig aus Logenplätze bietet. Er ist vielleicht gar kein Bahnhof mehr und so trägt er vor allem noch umgangssprachlich den an Dampfloks und Monopoly erinnernden Namen; auf allen Schildern heißt er Frankfurt (Main) West oder schlicht Frankfurt West.

Erkundungen auf Friedhöfen: Peterskirchhof Frankfurt

„In Betrachtung menschlicher Sterblichkeit“ – so beginnen die Inschriften auf einigen Steinen des Peterskirchhofs in Frankfurt. Er ist der zentralste Friedhof der Stadt und neben dem jüdischen auch der älteste, aber dennoch ist er ein seltsam abgelegener und obskurer Ort. Obwohl die heutige Entsprechung der Formulierung eher „in Anbetracht“ lautet, bietet es sich an, sie mißzuverstehen, denn auf dem Peterskirchhof steht man in Betrachtung der Sterblichkeit menschlicher Friedhöfe und Gräber.

Zwischen Bleichstraße und Stephanstraße gelegen, bildet der Friedhof ein Hufeisen um die wie erstere Straße etwas erhöhte Peterskirche, einen nichtigen Neosonstwasbau von 1894, die heute als jugend-kultur-kirche (sic!) um eine Existenzberechtigung heischt.

PeterskirchhofFrankfurtKirche

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Rechts neben der Kirche, wo der Fußgängerverkehr entlangfließt, sind nur wenige Gräber. Vorne an der Stephanstraße ist eine Wiese, auf der eher als die Gräber in den Mauern eine große Kreuzigungsgruppe den Blick auf sich zieht.

PeterskirchhofFrankfurtKreuz

Sie wirkt barock, ist aber spätgotisch, was man am, wie es heute heißt, Hijab der Maria

PeterskirchhofFrankfurtMaria

und vor allem den winzigen Stifterfiguren zu ihren Füßen merkt.

PeterskirchhofFrankfurtStifterfiguren

Ebenfalls vorne, aber von einer Mauer abgetrennt, ist eine Wiese, auf der im Sommer Kinder spielen, für die es auch noch einen Spielplatz in der linken Ecke gibt.

PeterskirchhofFrankfurtSpielplatz

Der Bereich links der Kirche bildet eine vollständig geschlossene Senke unter hohen Bäumen, still und verlassen, potentiell eine Ruheinsel in der Stadt, praktisch eher Toilette und Mülleimer.

PeterskirchhofFrankfurtLinkerTeil

Die meist in den Wänden und Mauern eingelassenen Gräber aus dem 17. und 18. Jahrhundert erzählen vom reichsten Bürgertum der Reichsstadt Frankfurt. Einige Inschriften, die der bildungsbeflisseneren Bürger, sind lateinisch geschrieben, die meisten aber deutsch. Es gibt viele „Bürger-Kapitäne“, Räte, preußische oder österreichische Funktionäre oder Träger lange vergessener Adelstitel. Einige Gräber sind recht schlicht, Tafeln aus ortstypischem roten Sandstein oder grauem Stein, aber es gibt auch sehr prächtige, die mit Säulen und Bögen den Portalen barocker Paläste oder Kirche gleichen.

PeterskirchhofFrankfurtPrunkgrab

Die Inschriften sind nur selten nüchterne Aufzählungen von Daten, sondern meist kleine Erzählungen in ganzen Sätzen. Manche versuchen sich gar an Reimen. Die religiösen Bezüge sind nie überschwänglich, sondern geprägt von einer Selbstsicherheit, die sich ein reicher Bürger eben leisten konnte. „Die Auferstehung macht, daß ich den Tod nicht acht“, lautet ein typischer Spruch. Wenn einmal der religiöse Bezug der Namensnennung vorangestellt ist, wirkt das hysterisch, und wenn von einem „elenden betrübten Leben“ geschrieben steht, wirkt das depressiv. „18 Jahr 27 Tag in einer vergnügten Ehe gelebt und durch Gottes Segen 12 Kinder erzeugt“ zu haben, ist weit typischer.

PeterskirchhofFrankfurtGrabFrancken

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Frauen und Kinder, aufgeteilt in geborene und überlebende, sind meist als Anhängsel des Mannes, dem der Grabstein hauptsächlich gilt, aufgeführt. Wenn, wie im Falle des Silberhändlers Philipp Henrich Schonling, der Mann tatsächlich all seine Gattinnen und sogar all seine Kinder und eine Enkelin überlebte, ist das auch naheliegend.

PeterskirchhofFrankfurtGrabSchonling

Doch es ändert sich auch dann nicht, wenn die Frauen ihre Männer überlebten. Eine etwa erklärt viele Jahre nach dem Tod ihres Gatten in geradezu verfälschender Verkürzung einer Bibelstelle: „Ich habe Lust abzuscheiden und bey Christo zu seyn.“

PeterskirchhofFrankfurtGrabRumpel

Einmal jedoch, beim Grab des Bürger-Leutenants Johann Conrad Sigling, verschiebt sich am Ende der Grabinschrift der Fokus. Nachdem er „ohne Leibes Erben“ verstarb, heiratete seine zweite Frau Maria Elisabeth Ackermannin gebohrne Zwickin (man beachte die weibliche Namensendung) ihrerseits zum dritten Mal, nämlich den Handelsman Johann Adam Petzel. Die Todesdaten fehlen, vielleicht teilt sie mit dem dritten Gatten ein anderes Grab in Frankfurt oder anderswo.

PeterskirchhofFrankfurtGrabSigling

Eine klare Ausnahme bilden die Gräber einiger Adelsfamilien, wie man das in größter Vollendung am Grab der Eheleute Steffan von Cronstetten sieht.

PeterskirchhofFrankfurtGrabCronstettenHynsperg

Eine hohe rechteckige Platte aus grauem Stein, am linken Rand die verschiedenen Wappen seines, am rechten die ihrer Familie, oben in der Mitte beider Hauptwappen mit Helm und Federn, darunter in einem als Vorhang gestalteten Rahmen die Inschrift.

PeterskirchhofFrankfurtGrabCronstettenHynspergDetail

Sie ist durch eine Linie ordentlich aufgeteilt in die linke Hälfte des Joh. Adolff Steffan von Cronstetten und die rechte Hälfte der Maria Catharina, die ebenfalls Steffan von Cronstetten, aber ganz entschieden auch gebohrne v. Hynsperg ist. Nur dort, wo ihre Heirat genannt ist, wird die Linie durchbrochen und die eine beiden geltenden Information verbindet die linke und die rechte Hälfte, bevor sie sich für die Todesdaten wieder trennen. Maria Catharina ist mehr als ein Anhängsel, sie ist sich bewußt, einen ihrem Gatten ebenbürtigen oder gar überlegenen Titel zu haben. Gerne will man denken, daß sie selbst darauf bestand, das auch auf dem Grabstein so resolut deutlich zu machen, und daß sie gar dessen brillante Gestaltung, fast mehr Layout als Bildhauerei, inspirierte. Dafür könnte sprechen, daß ihre Tochter, Justina Catharina Steffan von Cronstetten, niemals heiratete und das Familienvermögen als Steffan v. Cronstett- und Hynspergische Adelige Evangelische Stiftung zu Frankfurt am Main stiftete, die sich um alleinstehende Bürgerfrauen kümmern sollte und noch heute existiert.

Doch all das bisher Beschriebene entnimmt man nur den Inschriften, die dankbarerweise restauriert wurden oder erstaunlicherweise halbwegs leserlich die Zeiten überstanden haben. Gerade der rote Sandstein jedoch hielt den Witterungen oft nur schlecht stand. Oft erkennt man bloß noch die Umrisse der Gräber und alle Inschriften, Reliefs, Skulpturen verschwammen zu abstrakten Wellen.

PeterskirchhofFrankfurtAbstrakt

So wie von menschlichen Körpern nur Knochen bleiben, blieben auch von den Grabsteinen oft bloß die Memento Mori der Totenköpfe. Eine ganze kniende Großfamilie und der gekreuzigte Jesus ist kaum noch zu erkennen, der Totenkopf unten schon.

PeterskirchhofFrankfurtFamilie

Daß das Skelett in der Hand eine Sanduhr hält, vermutet man nurmehr, aber was es ist, steht außer Zweifel.

PeterskirchhofFrankfurtSkelett

Der ganze Peterskirchhof ist ein Memento Mori, noch ein wenig mehr als jeder andere Friedhof.

PeterskirchhofFrankfurtMemetoMori

Aber ringsum ist die Stadt, ist das Leben. Man kann dem Friedhof also etwas weniger Müll, Urin und Jugendgottesdienste in häßlichen Kirchen und mehr spielende Kinder wünschen, denn das macht die Betrachtung der menschlichen Sterblichkeit immerhin etwas vergnügter.

PeterskirchhofFrankfurtHochhäuser

Platz mit Goldplakette

Ganz am Ende von Frankfurt, auf dem Sachsenhäuser Berg, wo die Darmstädter Landstraße nach Süden aus der Stadt führt, gibt es einen verlorenen kleinen Platz, ohne Namen, ohne Bedeutung, ohne Menschen. Er ist einer jener zurückhaltenden Orte, die unter anderen Umständen viel mehr sein könnten, aber sich still mit dem Wenigen begnügen, das sie sind, und denen, die sich auf sie einlassen, ihre Schönheit bereitwillig zeigen.

PlatzDarmstädterStraße

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Für die Autofahrer, die auf der Darmstädter Landstraße nach Frankfurt hineinfahren, wäre er das Erste, was sie von der Stadt sehen, aber sie sehen ihn nicht. Rechts der Straße eine Betonwand und ein Flachbau mit Kachelverkleidung in Rot- und Schwarztönen, Betonstreifen unter dem Dach und verglastem Eingang in der Mitte.

DarmstädterStraßeEingang

Davor ein Fußweg, der sich leicht schräg von der Straße entfernt und von ihr mit einem Hochbeet aus Beton separiert ist. Dann der eigentliche Platz, der eine rechteckige Fläche an der Ecke Sachsenhäuser Landwehrweg einnimmt. Von der Darmstädter Landstraße trennen ihn höhere Hochbeete und ein kleiner Flachbau in der Ecke, der dem ersten gleicht. Der Platz besteht aus Wiesenflächen und Bodenplatten aus Beton, zwischen denen sich quadratisch ein Brunnen mit hellen Kieselsteinen öffnet.

BrunnenDarmstädterStraße

Statt eines Kunstwerks steht in der Wiese ein hoher Mammutbaum. Nur ihm einen Rahmen zu geben scheint der Platz zu existieren. Vorbei an diesem Baum geht der Blick auf den schlanken gotischen Rundurm der Sachsenhäuser Warte, Teil eines den eigentlichen Stadtmauern weit vorgelagerten Befestigungssystems, und den breiteren, von Fenster- und Betonbändern umlaufenen Turm des vormaligen Holiday Inn.

MammutbaumSachsenhäuserWarteHolidayInn

Auch dieses Beieinander dreier unterschiedlicher Vertikalen, Mammutbaum, Sachsenhäuser Warte und Holiday Inn, schenkt der Platz seinen Besuchern. Alte und neue Architektur und der exotische Baum, alle sind sie nur dort, weil der Mensch es so wollte, und der Platz faßt sie zu einem harmonischen Bild zusammen, als wolle er fordern, daß die Harmonie mehr als nur ein Bild werde.

Doch nicht einmal das Bild sieht jemand, Besucher hat der Platz ja keine. Wie auch? In der Nähe sind nur wenige Wohnhäuser und auch Passanten gibt es kaum. Zudem ist eine dem Lärm des Straßenverkehrs ausgesetzte Ecke eben, so sehr sich der Platz auch bemüht, kein einladender Aufenthaltsort. Und sogar wenn jemand sich dort aufhalten wollte, es fiele ihm schwer: Bänke oder andere Sitzgelegenheiten gibt es keine mehr.

Im übrigen ist der Platz nur ein glückliches Nebenprodukt. Er entstand mit einer wassertechnischen Anlage der Stadtwerke, die sich unter einer abgesperrten Wiese erstreckt und zu der der erste Flachbau der Eingang ist. Als dieser Komplex neu war, wurde er sogar wahrgenommen: Er erhielt im vierten Bundeswettbewerb Industrie im Städtebau 1977/78 eine Goldplakette. Daß es sich hier um „städtebaulich beispielhafte und umweltgerechte Einordnung und Gestaltung der Arbeitsstätten“ handelt, erkennt man auch noch immer. Doch beachtet wird das seit den späten Siebzigern wohl ebensosehr wie die Urkunde über die Verleihung der Goldplakette, die halbversteckt hinter Hydropflanzen an der weißen Kachelwand des Eingangs hängt, und die Plakette selbst, die noch versteckter daneben hängt.

UrkundeGoldplakette

Erkundungen auf Friedhöfen: Carl Heinz in Frankfurt

Das vielleicht schönste Grabs auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist das von Carl, Sophie und Philipp Carl Heinz.

Es ist ganz aus weißem Stein, sicher Marmor, und hebt sich schon dadurch von anderen Gräbern ab, ohne aber zu protzen. Auf einem grauen Steinsockel, in dem die Namen stehen, ist der eigentliche Stein.

GrabCarlHeinz

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Ein Sockel mit in ganz feinem Schwung ansteigenden Seiten, auf dem ein schönes junges Mädchen sitzt. Ein Kranz in ihrem offenen Haar, ihr Blick unklar nach links gerichtet. Ihre Arme und Schultern völlig nackt und auch der Rest ihres schlanken und zarten Körpers bedeckt bloß von einem umgeschlungenen Tuch, das man sich fast scheut, ein Kleid zu nennen, so leicht scheint es ihr jeden Moment vom Körper rutschen und sie gänzlich entblößen zu wollen. Und wie atemberaubend schön es in vielen Falten um ihre Brüste, ihren Bauch und vor allem ihre nach rechts gelagerten Beine fällt. Unglaublich filigran fallen die Falten über den Sockel und neben ihren halbfreigegebenen Füßen gar noch neben dem Namen des Bildhauers über dessen schmalen Fußteil. Friedrich Christoph Hausmann heißt dieser Künstler.

Hinter dem Mädchen aber erhebt sich die Fläche des Steins, auf deren leichter Einwölbung ein feines Relief ist: rechts neben dem Mädchen eine Harfe und die Zweige eines Eichenstrauchs, in dem kleine Vögel sitzen. Oben verbreitern sich die Seiten leicht, so daß die Assoziation eines Kreuzes aufblitzt, bevor der Stein halbrund endet. Und ganz oben, ein krönender Abschluß, sitzt auf dem Stein ein weiteres Vögelchen. Links neben den Beinen des Mädchens eine Inschrift, wie sie passender nicht sein könnte: „‚Doch wenn aus dem Auge trübe mir ein Meer von Schmerzen sah, sang von Lust ich und von Liebe und vom Leben sang ich da‘ Saxen-Hausen“. Ein Grabmal, das das Leben feiert!

Wenn man will, kann man es dem Jugendstil zuordnen, aber eher als einem bestimmten Formenkanon zuzugehören, ist es von den Fesseln der Tradition völlig befreites größtes handwerkliches Können. In einem früheren Werk Hausmanns auf dem Friedhof ist das Relieffeld noch von einem dreieckigen Tempelgiebel abgeschlossen, gerade so, als trauten sich entweder Bildhauer oder Auftraggeber nicht, die enorme Lebendigkeit dieser Kunst ganz aus dem Rahmen der Tradition zu entlassen. Dazu brauchte es erst einen kongenialen Auftraggeber: die Familie des Carl Heinz.

Er starb im Jahre 1900 und der Grabstein dürfte wenig älter sein. Die spärlichen Daten über ihn ließen sich schon gut zum Bild eines Exzentrikers zusammenfügen. So gab er, was auch immer er sonst tat, gegen Ende seines Lebens einen Gedichtsband heraus und zwar unter dem Pseudonym Saxen-Hausen (nach dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen). Die Worte auf dem Stein sind also seine. Man kann darüber rätseln, ob seine Frau, die wenige Jahre nach ihm starb, sein Sohn, der ihn auch nicht lange überlebte, oder gar er selbst die Idee zu diesem Grabstein hatten, gewiß ist, daß sie einem Millieu mit viel Geld und viel Geschmack angehörten.

Aber so wie diese Familie austarb, führte auch die befreite handwerkliche Perfektion nur in eine Sackgasse. Der Stil von Hausmann ist für kaum etwas anderes als Idyllen geeignet und an denen, die schon damals eine Lüge waren, war schon bald kein Bedarf mehr. In gewissem Sinne ist dieses so lebensfrohe Grabmal schon der Abgesang auf eine Epoche, in der das Bürgertum unangefochten herrschte, ein kleines letztes Aufbäumen, in dem es diese Herrschaft noch einmal mit Schönheit und Menschlichkeit zu verbinden wußte. Wie ein Schritt in die Zukunft aussah, zeigte etwa zur gleichen Zeit Richard Luksch in Wien, ebenfalls auf einem Friedhof.

Neofaschistische Architektur am Karlsplatz

Eigentlich ist es nicht ganz richtig zu sagen, daß am Karlsplatz in Wien ein Beispiel neofaschistischer Architektur stehe. Es ist vielmehr ein Beispiel neofaschistischer Bauplastik.

Das Gebäude, um das es geht, könnte kaum banaler sein: Ein Sockel aus Glasflächen, ein Mittelteil aus vertikalen Streben und Fenstern, oben ein massiver, fast fensterloser Dachteil in jener beigen Steinverkleidung, die auch den Rest bestimmt. Es beherbergt die Bibliothek der Technischen Universität Wien und erfüllt seine Funktion so gut oder schlecht wie es die meisten anderen Gebäude tun würden.

Karlsplatz

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Doch man bemerkt das Gebäude gar nicht, da es sich ganz der riesigen Plastik an seiner Ecke unterordnet, die alle Blicke auf sich zieht. In gelblichem Stein zeigt sie ein Wesen, das oben ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln ist, nach unten hin aber anthropomorph, um mit den Klauen eines Adlers auf einer Kugel, die von einer runden Stütze getragen wird, zu enden.

Hier sind die Merkmale faschistischer Bauplastik, die man als Potentialisierung der unmenschlichen Züge der Plastik des 19. Jahrhunderts und Fortsetzung der schlimmeren Formen des Jugendstils und Art Déco beschreiben kann, klar ausgeprägt: eine monumentale Vertikalität, die den Menschen vor sich klein machen, erdrücken will und eine Reduziertheit der Formen, damit kein potentiell gemütlicher Naturalismus in den Weg des Ausdrucks von Macht, der ihr Ziel ist, tritt. Wie genau hier faschistischen Vorbildern gefolgt wird, zeigt ein Vergleich zu einer Bauplastik, die an einem Gebäude in der Eberstadtstraße in Frankfurt am Main hängt.

FrankfurtEberstadtstraßeAdler

Auch sie zeigt einen Adler, auch sie ist an der Ecke des Gebäudes, dessen Funktion (es ist ein Bunker) aber ebenso egal und ihr ganz untergeordnet ist. Während sich die Plastik am Karlsplatz bloß diesem im schlechten Sinne amorphen und zergliederten städtischen Raum zuwendet, hat das Frankfurter Beispiel die klare Funktion, ein Gegengewicht zur menschlichen und fortschrittlichen Architektur der Siedlung Praunheim, an deren Rande das Gebäude steht, zu schaffen.

Aber gewiß, in Frankfurt mußte das Hakenkreuz aus dem Kranz herausgemeiselt werden, in Wien jedoch hielt der Adler immer nur eine Kugel in den Klauen. Denn natürlich ist das hier alles nicht so gemeint, das Gebäude ist schließlich nicht aus den Dreißigern, sondern aus den Achtzigern. Der Adler wirkt zu niedlich, zu sehr wie ein Huhn (er soll eine Eule sein) und seine monumentale Wirkung an der Ecke wird noch dadurch ad absurdum geführt, daß auf dem Dach in Verlängerung der Streben weitere kleine Adlerchen sitzen.

Allein das ändert nichts. Faschistische Architektur bleibt auch in ihrer Karikatur faschistische Architektur. Architektur, da sie nichts darstellt, kann auch nichts karikieren. Jedes Gebäude ist dadurch, daß es potentiell und dem Ziel nach für die Ewigkeit, jedenfalls aber für eine lange Zeit errichtet wurde, etwas unendlich Ernstes. Ernst bleibt es auch, wenn sein Architekt es nicht ernst meint, sondern als Scherz, als Karikatur. Das spricht dann bloß gegen ihn und gegen die, die ihn bauen ließen. In diesem spezifischen Fall ist umso schlimmer, daß nicht nur ein schlechter Witz, sondern ein Stück neofaschistischer Architektur, denn die Plastik bestimmt die Architektur, in die Stadt gesetzt wurde und den Weg für deren Akzeptanz bereiten kann.

Europa-Allee

Eine Tragik des Städtebaus ist es, daß viele der wertvollsten Flächen in den besten Lagen der Städte erst frei wurden, als jede Ahnung davon, daß eine neue Art von Stadt entstehen müßte, vergessen war.

So wurde in Frankfurt in den Neunzigern der Güterbahnhof stillgelegt. Doch alles, was den Frankfurter Stadtplanern für diese riesige Tabula Rasa einfiel war: eine breite Straße zu bauen und sie Europa-Allee zu nennen.

Europa-Allee

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Man muß sich dabei bewußt sein, daß diese Straße keine Verbindung zwischen irgendetwas schafft. Der Verkehr in das Stadtzentrum und aus ihm heraus nach Westen verläuft über die nahe Mainzer Landstraße und das soll sich auch nicht ändern. Die Europa-Allee führt zwar direkt auf die Bankhochhäuser des Zentrums zu, kommt aber nie dort an, da an ihrem Ende das Einkaufszentrum Skyline Plaza den Weg versperrt. Diese ganze riesige Straße ist nichts anderes als eine Zufahrt zu dem, was eben an ihr gebaut wird. Da dieser Zweck auch auf viele andere Arten erreicht werden könnte, ist ihre prominente Lage und Gestalt reiner Selbstzweck. Die Europa-Allee ist „la rue pour la rue“, eine Straße um der Straße willen.

Aber gut, so unerhört es ist, eine so große Straße zu bauen, ohne verschiedene Teile der Stadt verbinden zu wollen, es gibt viele Beispiele dafür, wie entlang großer Straßen gelungene neuartige Stadträume entstanden, die Leipziger Straße in Berlin etwa. Doch was fiel den Frankfurter Stadtplanern für die Europa-Allee weiter ein? Sie setzten in regelmäßigen Abständen Querstraßen, die nach europäischen Hauptstädten heißen, und füllten die Zwischenräume mit achtgeschossiger Bebauung. Während die Europa-Allee Straße um der Straße willen ist, sind diese Querstraßen eigentlich gar keine Straße, da sie nur als kleine Stummel zu den Tiefgaragen

Europa-AlleeQuerstraße

oder als Wege zu den Neo-Hinterhöfen führen.

Europa-AlleeHinterhof

Diese Hinterhöfe sind auch der einzige Berührungspunkt zur alten Bebauung daneben. Nirgends ist man weiter entfernt von der Europa-Allee als in der etwa parallel verlaufenden Kölner Straße.

KölnerStraßeFrankfurt

Wer dort aus dem Fenster einer der Mietskasernen blickt, wüßte wohl nicht zu sagen, ob nebenan nun Gleisanlagen oder neue Gebäude sind; jedenfalls kann es ihm egal sein. Nicht einmal mit der real existierenden europäischen Stadt will die Europa-Allee, die deren bizarre Simulation ist, also etwas zu tun haben. Sie genügt sich selbst, sie ist reine Ideologie. So muß die Straße da sein, müssen Querstraßen da sein, muß alles dazwischen zugebaut werden, da das im 19. Jahrhundert so war. Nun war der Städtebau des 19. Jahrhunderts nicht gut, aber er suchte doch Probleme zu lösen. Haussmanns Pariser Boulevards waren wichtig für den großstädtischen Verkehr, die Europa-Allee ist recht eigentlich gar nichts. Sie schafft keinen neuartigen Raum, sie gibt der Stadt nichts, sie ist einfach nur da.

Am Ende oder eher Anfang der Europa-Allee, wo eine Verbindung zur übrigen Stadt sein könnte, steht die Skyline Plaza, ein unendlich banales Einkaufszentrum. Auf dessen Dach jedoch versteckt sich ein kleiner Park namens Skyline Garden. Er ist ein gelungener Ort, ja, der einzige wirkliche Ort an der Europa-Allee.

SkylineGarden

An der einen Seite vor einem Café, Pflaster und Hochbeete, auf der anderen intimere Beete mit Rankengittern, sonst offene Wiesen, auch Tischtennisplatten, ein Schachspiel, und in der Mitte, wo in einem anderen Park ein Teich wäre, eine Öffnung hinab zum Einkaufszentrum. Doch von diesem trennen einen drei Parkhausebenen. Man ist hier fern von allem und noch ferner der Europa-Allee. Ein Garten vor wenigstens einem kleinen Teil der Frankfurter Skyline, der Name paßt.

SkylineGardenSkyline

Fast könnte man vergessen, daß dies kein öffentlicher Ort ist und nur zwei Aufzüge hier herauf führen. Dennoch ist ein solcher Ort das Beste, was einem der gegenwärtige Städtebau geben kann. Das übliche Schlechte ist die Europa-Allee.

Schwesternwohnheim

Eines der interessantesten Hochhäuser des an Hochhäusern nicht armen Frankfurt ist das Schwesternwohnheim des Hospitals zum Heiligen Geist.

Schwesternwohnheim

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Es ist nur zwanzig Geschosse hoch, aber dennoch kaum zu übersehen. Während all die so viel höheren Bankhochhäuser im Westen vor allem durch ihre Anzahl und Dichte wirken, steht das Schwesternwohnheim völlig frei am Mainufer.

SchwesternwohnheimSkyline

Blickt man vom Sachsenhäuser Ufer dorthin, sieht man es etwas rechts der Achse der Ignaz-Bubis-Brücke, die von der weißen Tempelfassade des Literaturhauses eingenommen wird.

SchwesternwohnheimIgnazBubisBrücke

Als nur diese Fassade stand, befand sich dort der Portikus, eine Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst (der Wechsel vom einen zum anderen bedeutet bloß, daß dort nun gesättigtere Teile der Frankfurter Elite bei andersartigen Veranstaltungen Wein statt Flaschenbier trinken).

Östlich des Doms ist das Schwesternwohnheim der erste höhere Bau, was seine Sichtbarkeit noch einmal vergrößert, und mit dem Dom hat es auch viel gemeinsam. Nicht nur ähnelt der rötliche Beton, der es bestimmt, ein wenig dem typischen roten Backstein des Doms und anderer alter Frankfurter Gebäude, nein, vor allem sind beide Bauten konsequentester Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit. Der Dom, insbesondere der Turm, mit dem er über das Häusermeer aufragt, ist ganz die himmelstürmende Vertikalität der Gotik.

DomFrankfurt

Avancierteste Technik, das fein abgestimmte System der Spitzbögen, Strebepfeiler, Fialen, wurde hier zu keinem anderen Zweck als der Mehrung des Ruhms der Kirche und mehr noch der Stadt verwendet. Das Schwesternwohnheim ist dagegen ein Inbegriff der Architektur des westdeutschen Sozialstaats. Entsprechend ist es ein Wohnhaus, ursprünglich eben für die Krankenschwestern des Hospitals, länger schon auch für andere. Alles an ihm ist horizontal, die Fensterbänder, die grauen Brüstungsbänder aus Beton. Ganz wie der Dom zeigt es sein Material und seine Funktion in größter Klarheit.

Anders als andere Hochhäuser in Frankfurt, die oben ohne Not oder nur, weil sie wie der Dom zur Mehrung des Ansehens einer Firma und der Stadt hoch sein wollen, schmaler werden, verbreitert sich das Schwesternwohnheim oben sogar noch, weil die Konstruktion es erlaubt und die Funktion es erfordert. Die drei oberen Geschosse stehen an der monolithisch-fensterlosen Nordseite unregelmäßig hervor,

SchwesternwohnheimRückseite

während sie zu den anderen drei Seiten, zum Fluß hin, stark verglast und von weit vorgesetzten Balkonen oder vielmehr Plattformen mit hohen Geländern umlaufen sind.

SchwesternwohnheimNah

Ganz oben, vor einem zurückgesetzten Geschoß, entsteht so noch eine großzügige Dachterrasse. Ursprünglich gab es dort einen Kindergarten. Kinder also spielten dort und die Stadt lag ihnen zu Füßen. Schöner als es hier vis-à-vis des mittelalterlichen Doms geschieht, könnte die Befreiung des Menschen, die sich mit fortschrittlicher Architektur verbinden kann, kaum ausgedrückt werden. Selbstverständlich ist dieses Nebeneinander dieser beiden so verschiedenen und doch so verbundenen Bauten bloß Zufall, aber es bereichert Frankfurt sehr.

Nordwestzentrum

Wer das Nordwestzentrum in Frankfurt am Main heute erlebt oder wer es, wie ich, seit den frühen Neunzigern als Bestandteil einer Frankfurter Vorstadtkindheit und –jugend erlebt hat, sieht etwas durchaus anderes als das, was Ende der Sechziger gebaut wurde. Aber mit ein wenig historischem Vorwissen und etwas mehr archäologischem Gespür läßt sich noch am so veränderten heutigen Nordwestzentrum ablesen, was für ein bemerkenswerter Ort es war und noch immer ein wenig ist.

Zuerst ist da seine städtebauliche Einordung. Es ist, wie der Name sagt, einerseits das Zentrum der Nordweststadt, einer in den Sechzigern errichteten Satellitenstadt von Frankfurt und grenzt auch zu mehreren Seiten an diese an. Nicht weit aber ist es auch von der Römerstadt, einem Beispiel des fortschrittlichen Neuen Frankfurt der zwanziger Jahre, und von den Kernen der Vorort gewordenen Dörfer Heddernheim und Praunheim. Über die Stadtautobahn ist es zudem mit dem Umland und über die erste Frankfurter U-Bahnlinie mit dem Stadtzentrum verbunden.

Doch zu nichts von all dem gehört das Nordwestzentrum so wirklich. Es ist eine Insel inmitten eines vielspurigen Kreisverkehrs an der Stadtautobahn. Zu erreichen ist es von Weitem mit dem Auto über diesen Kreisverkehr, mit der U-Bahn und mit dem Bus, von Nahem aber über eine Vielzahl von Brücken, die den Fußgänger sicher über die Straße, die auch ein reisender Fluß sein könnte, geleiten.

NordwestzentrumBrücke

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Noch unter der langen, etwa ovalen Form des Nordwestzentrums findet sich daher der U-Bahnhof, während die ebenerdige Ebene von einem ausgedehntes Parkhaus, zu dem noch Anlieferbereiche und eine Durchfahrt für die Busse kommen, eingenommen ist. Wenn man zu Fuß kommt, ist man von den Brücken schon auf die dritte oberirdische Ebene erhoben. Aber man merkt das nicht, oder vergißt es sogleich wieder. Das Nordwestzentrum ist so stark, sich eine eigene Grundebene zu schaffen, die so selbstverständlich ist wie der angeblich natürliche Erdboden.

Im Verhältnis zu dieser Grundebene erlebt man alles weitere. Zweigeschossige Ladengebäude teilen das Nordwestzentrum in drei langgezogene Bereiche. Bei den beiden äußeren handelt es sich um eine großzügige Einkaufsstraße

NordwestzentrumEinkaufsstraße

und die Einrichtungen der Fachhochschule, die schon länger nicht mehr existieren. Im viel breiteren mittleren Bereich legt sich die Grundebene als Galerie um eine niedrigere zweite Ebene mit Läden.

NordwestzentrumHauptbereich

Über den Ladengebäuden befinden sich, quer zu diesen und recht locker verteilt, noch einige fünfgeschossige Wohngebäude.

NordwestzentrumWohngebäude

Eine Passage und zwei Querachsen an den Enden verbinden die drei, heute zwei Bereiche. An diesen Querachsen stehen die höheren, fast fensterlosen Gebäude der größten Geschäfte, früher Hertie auf der einen, noch heute C&A auf der anderen Seite.

NordwestzentrumHertie

Letztere Querachse ist die wichtigere. Am Ende der Einkaufsstraße wird die Grundebene wieder zur Galerie, um die Stelle, wo es zur niedrigeren Ebene mit dem Busbahnhof und noch weiter zur U-Bahn hinab geht, zu markieren.

NordwestzentrumU-Bahn

Neben dem Hauptbereich öffnet sich ein kleiner Platz, an dem das Bürgerhaus und ein Schwimmbad, das schon seit langem durch ein Spaßbad und ein Hotel ersetzt ist, stehen.

NordwestzentrumSaalbau

Der Hauptbereich selbst wird daneben schmaler und führt auf die Bibliothek und verschiedene Ämter zu, die wiederum in zweigeschossigen Gebäuden untergebracht sind. Hier legt sich die Grundebene um einen niedrigeren Kindergarten, während ein neungeschossiges Wohngebäude dahinter aufragt und auch den diesseitigen Abschluß des Nordwestzentrums markiert.

NordwestzentrumBücherei

Die zweite Querachse öffnete sich früher wohl recht stark zur Straße und hatte im markanten Turm der Feuerwache eine vertikale Dominante, die auch gut als Uhrturm denkbar wäre.

NordwestzentrumFeuerwacheTurm

Heute ist dort ein Elektronikgeschäft und der Turm ist nur noch von außen wirklich zu sehen.

Die Grundstruktur des Nordwestzentrums ist also, sieht man vom Wegfall des Fachhochschulbereichs ab, seit den Sechzigern unverändert. Auch die Gebäude haben ihre schnörkellose Klarheit behalten: weißer Beton, Fensterbänder, eckige Pflanzenkübel vor den Obergeschossen der Ladengebäude. Ansonsten ist vieles von den Umbauten der späten achtziger Jahre geprägt: glatte Steinfußböden, weiß mit dunkelroten Längsstreifen, runde, um Hochbeete angeordnete Sitzanlagen aus demselben dunkelroten Stein. Und vor allem die geschwungene gläserne Überdachung der beiden Bereiche. Mit Streben aus weißbemaltem Holz ruht sie auf den Dächern der Ladengebäude und auf weißen Stahlstützen. Es ist dieses Dach, das die eingangs genannte Veränderung des Nordwestzentrums bewirkt hat. Wiewohl zweifelsohne nützlich und für den heutigen Erfolg als Einkaufszentrum unerläßlich, vermindert es doch die Sichtbeziehungen zu den Wohnhäusern und schafft eine Hierarchie zwischen den Ladenbereichen, die es überdeckt, und den übrigen, insbesondere dem bei der Bibliothek, die es frei läßt.

Wie fern auch das heutige Nordwestzentrum aber von den später gebauten Einkaufszentren ist, zeigt ein Vergleich mit dem sogenannten Modeboulevard, der nun den Bereich der Fachhochschule einnimmt.

NordwestzentrumModeboulevard

Boden und Sitzanlagen orientieren sich an der genannten Gestaltung, ohne sie ganz zu treffen, ein Tonnendach aus Glas überspannt alles, aber das Raumerleben ist ein ganz anderes. Wo im Nordwestzentrum noch immer Großzügigkeit und Offenheit vorherrschen, ist hier alles bloß eng, was noch durch die schräg vorragenden Gebäudefassaden unterstützt wird.

Das Nordwestzentrum ist eben, auch wenn es heute leicht so wahrgenommen werden kann, nicht einfach ein Einkaufszentrum. Es ist ein wirkliches Zentrum, ein neuartiger städtischer Raum, in dem gerade nicht nur Geschäfte, sondern auch öffentliche Einrichtungen, Wohngebäude und, früher, Teile der Fachhochschule konzentriert sind. Als solches ist es nicht weniger als ein städtebauliches Meisterwerk.

Frankfurts zerstörte Mitte

„Beispiele für eine umfassende Konzeption entstanden in einigen stark kriegszerstörten Städten wie Le Havre, Rotterdam, Coventry und Frankfurt a. Main (Römerberg)“, liest man in der „Kunstfibel“, einem kunstgeschichtlichen Standardwerk aus der DDR, nachdem zuvor erläutert wurde, wieso im Kapitalismus große städtebauliche Entwürfe so schwer möglich sind. Man staunt, Frankfurt in dieser Liste zu sehen, und man staunt noch mehr, wenn man das prominent auf der Seite angeordnete Bild von Frankfurt betrachtet.

Aus Thiel, Erika/Frick, Mechthild: Kunstfibel, Berlin 1989

Aus Thiel, Erika/Frick, Mechthild: Kunstfibel, Berlin 1989

Es zeigt nämlich etwas, was es nicht mehr gibt und was es schon 1989, als diese Ausgabe der „Kunstfibel“ erschien, nicht mehr gab: Frankfurts zerstörte Mitte.

Römerberg wird sie im Text genannt, aber der Name scheint unzureichend. Tatsächlich handelt es sich um einen langgestreckten vielgestaltigen Platzbereich, der sich vom Römer im Westen bis zum Dom im Osten erstreckt. Sein Grundgerüst bildet im Westen, wo sie den Römer und ein erhaltenes Fachwerkhaus aufnimmt, und angrenzend ein kleines Stück im Norden, Bebauung aus den Fünfzigern, die mit ihren Walmdächern und ihrer horizontalen Fassadengliederung so konservativ, aber nie historistisch ist, daß man sie kaum wahrnimmt. Prägend für den Platz hingegen sind zwei Gebäude aus den Siebzigern: das Kommunale Kino, später Historisches Museum, ganz im Westen der Südseite beim Durchgang zum Main, das am stärksten durch einen Kubus aus Beton wirkt, und das Technische Rathaus an der Nordseite (im Bild ganz rechts). Es ist ein sehr komplexer Bau, bei dem sich auf einem vielfältig durchlässigen Sockelbau aus Terrassen, Passagen und Pavillons, drei unterschiedlich hohe Bürotrakte mit einer vorgehängten Fassade aus horizontalen Betonstreifen erheben. Vor dem Technischen Rathaus, wo auch die Eingänge zur U-Bahn und zu einem unterirdischen Parkhaus sind, befindet sich ein tiefergelegter Bereich, der Archäologische Garten, in dem man Fundamente bis in die Römerzeit zurückreichender Bauten betrachten kann.

Gerahmt von selbstbewußt fortschrittlicher Architektur sind so die wichtigsten Zeugnisse der Frankfurter Geschichte in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt. Durch den neuen Raum zwischen ihnen werden sie gleichsam zum Sprechen gebracht. Der Römer, das alte Rathaus, tritt ins direkte Zwiegespräch mit dem mächtigen rotsandsteinernen Turm des gotischen Doms, der mit so viel Raum um sich gleich viel menschlicher wirkt. Aber auch die Nikolaikirche im Südwesten des Platze, die, wiewohl ebenfalls gotischen Ursprungs, so viel zarter und zierlicher wirkt als der Dom, kann sich zu Wort melden. Und irgendwo dazwischen liegen bescheiden schweigend in dem Wissen, Grundlage von allem weiteren zu sein, die römischen und fränkischen Fundamente. Solchen Gesprächen der Stadt lauschend und eigene führend konnten sich die Menschen frei bewegen oder verweilen, hier war städtisches Leben möglich. Was Frankfurt hier hatte, war nicht weniger als ein luxuriös großzügiger neuartiger Raum, der ein öffentliches Gegengewicht zu den Bankhochhäusern im westlichen Stadtzentrum, die hinter dem Römer aufragen, und zur nahen Einkaufsstraße Zeil bildeten. Das war die „umfassende Konzeption“.

Doch diese zu erkennen erfordert heute mehr archäologisches Gespür als die Betrachtung der Fundamente und anders als bei diesen helfen einem keine Informationstafeln. Nichts nämlich haßt das Kapital mehr als großzügig genutzten städtischen Raum in guten Lagen. Doch das Kapital hat auch keinen Geschmack und keine ästhetischen Präferenzen. Da sich Hochhausbauten oder Einkaufszentren dort nicht hätten durchsetzen lassen, ließ es also das nostalgische Kleinbürgertum, das den, wenn auch bloß städtebaulichen, Neuanfang nach 1945 nie akzeptiert hatte, keine zehn Jahre nach Fertigstellung des Platzes in dessen Mitte die sogenannte Ostzeile, deren Fassade alte Fachwerkhäuser nachahmt, bauen. Diese Ostzeile ist ein äußerst erfolgreiches Gebäude, das meistphotographierte in Frankfurt wohl. Den asiatischen Touristen wird auch egal sein, daß sie ähnlich authentische Fachwerkhäuser auch in den Disneylands ihrer Heimatländer finden könnten. Nachdem so der erste Schritt getan war, wurde einige Jahre später zum Dom hin das Kunstmuseum Schirn errichtet. Gegenwärtig nun, nach Abriß des Historischen Museums und des Technischen Rathauses, die zu sehr daran erinnerten, daß es einmal eine Zukunft gab, wird im Bereich zwischen Dom und Römer eine neue Altstadt gebaut. Damit wird das vor dreißig Jahren Begonnene vollendet und jede Sichtbeziehung zwischen Dom und Römer zerstört.

Die Befürworter des Neubaus der Altstadt sagen gerne, diese fördere städtisches Leben, aber das ist natürlich Unsinn. In der alten Altstadt gab es städtisches Leben, weil dort viele Menschen lebten und viele Geschäfte waren. Heute aber leben, arbeiten und shoppen die Menschen anderswo, das hätte sich so auch entwickelt, wenn die Altstadt nie zerstört worden wäre. Wieso irgendjemand in eine simulierte Altstadt fahren sollte, um dort städtisches Leben zu simulieren, ist schwer ersichtlich. Zumal es ja in vielen Frankfurter Stadtteilen noch wohlerhaltene Altstädte gibt. Die nächste, am anderen Mainufer in Sachsenhausen, ist heute ein Vergnügungsviertel mit Apfelweinkneipen und Diskos. Ihre Mischung aus erhaltenem Alten und der Einfamilienhausästhetik westdeutscher Vorstädte dürfte eine gute Ahnung von dem geben, was Frankfurt in ein paar Jahren stolz als seine neue Altstadt eröffnen wird.

Eine wirkliche Mitte jedoch hatte Frankfurt nur eine kurze Zeit in den Siebzigern. Es wußte das damals nicht, konnte es vielleicht auch nicht wissen, denn dieser wirklich öffentliche und städtische Raum war nur halb geplant, vielleicht nur halb gestaltet, einfach ein glücklicher Augenblick der Möglichkeiten. Seitdem hat Frankfurt einen Prozeß durchgemacht, dem auch die Städte der DDR seit 1990 ausgesetzt sind, und den man Friedenszerstörung nennen könnte. Und von einer solchen erholt sich eine Stadt nur schwer.