Archiv der Kategorie: Erfurt

Ein Saal über dem Fluß

Wenn man in Erfurt vom Junkersand zur Krämerbrücke blickt, sticht zwischen den neuen Häusern links und gegenüber den neuen Hinterhäusern rechts der Gera ein kleiner Bau mit großen Fenstern heraus.

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An den Seiten drei große rundbögige Fenster und zum Wasser hin je eins beidseits eines Erkers. Die Streben der Fenster zeichnen die Rundbögen um sie nach, auf der Höhe der Bogenansätze zieht sich eine weiße Bordüre über den gelben Putz und den Abschluß bildet ein Walmdach mit einigen Gauben. Mehr nicht, keinerlei Schmuck. Doch der Saal, der offenkundig hinter diesen Fenstern ist, sitzt auf einem Sockelbau aus rohem Stein und ragt auf schrägen Holzstützen vorsichtig, aber bestimmt über das Wasser.

So klein ist der Bau, daß er auch das repräsentative Wohnzimmer, der Wintergarten einer Villa sein könnte, aber Villen gibt es in der engen Erfurter Altstadt keine. Und etwas an den einfachen, mit Klassizismus nur unzureichend beschriebenen Formen deutet schon darauf hin, daß es sich hier um das Gotteshaus einer religiösen Minderheit handelt. Genau so ist es – es ist eine 1840 eröffnete Synagoge. Ganz wie bei anderen derartigen Gebäuden resultieren ökonomische und politische Beschränkungen, ein Bedürfnis, sich zu verstecken oder jedenfalls nicht aufzufallen, und religiös vorgeschriebene Abneigung gegen Prunk in einer aufs Nötigste beschränkten funktionalen Architektur.

Von der Hefengasse aus sieht man die Synagoge kaum, ein weit größeres Haus verdeckt sie. Nach hinten erst, zum Fluß, über dem sie beinahe schon schwebt, öffnet sie sich mit all ihren Fenstern. Der Kontrast zwischen diesem hellen und klaren Bau und den verwinkelten Fachwerkbauten auf der Krämerbrücke könnte schwer größer sein. Aber auch zwischen den vielen recht beliebigen Bauten aus jüngster Vergangenheit wirkt dieser Saal über dem Fluß nicht alt.

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Das menschliche Maß in Erfurt

In ihren besten Momenten schuf die deutsche Renaissance Bauwerke von schlichter Perfektion, die noch immer als leuchtende Beispiele des menschlichen Maßes in den Städten stehen. Das Leipziger Rathaus ist so ein Bauwerk oder das Haus Dacheröden am Anger in Erfurt, um das es hier gehen soll.

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Es wendet der Straße eine recht lange Fassade mit drei Geschossen und einem hohen Walmdach zu. Neben zu Zweier- und Dreiergruppen angeordneten Fenstern hat sie links auf etwa zwei Fünfteln der Länge ein geschmücktes rundbögiges Tor, auf etwa drei Fünfteln der Länge einen im zweiten Geschoß beginnenden Erker, der als niedriger achteckiger Turm mit runder Haube vor dem Dach weiterläuft, und ganz rechts ein schmuckloses Tor. Zudem sind im Dach beidseits des Turms übereinander Dachgauben, erst drei, dann zwei, schließlich eine, so daß aufsteigende Dreiecksformen entstehen. Das erste Tor und der Erkerturm strukturieren die Fassade, ohne ihr eine hierarchische, monumentale Ordnung zu geben. Sie sind beide gleich wichtig, gleichen einander aus. Obwohl sie groß sind, bleiben sie vor dem viel größeren Körper des Hauses gleichsam zierlich. Blaue Muster im Ansatz des Erkers und vor allem um das Tor bilden in der aktuellen Gestaltung auch die einzigen farblichen Akzente auf dem weißen Putz.

Das Tor hat links und rechts ionische Pilaster, in denen Ranken aufsteigen, und als Abschluß ein zwischen Simsen abgesetztes horizontales Band. In den um den runden Bogen des Tors entstehenden Flächen sind weitere Rankenmuster und medaillonartige Kreisflächen mit Köpfen im zur Mitte zeigenden Profil, die laut den Inschriften Jesus und Paulus zeigen. In der Fortsetzung der Pilaster sind im abschließenden Band sitzende Figuren mit in den Arm gestützten Köpfen. Im Band selbst sind Ranken, aus denen zwei zur Mitte blickende männliche Gestalten meerjungfraugleich zu erwachsen scheinen, da sie erst ab dem Oberkörper gezeigt sind. Die linke ist bärtig und hält eine ausgerollte Schriftrolle mit einem Zeichen, die zweite ist bartlos und hält außer einer Schriftrolle auch ein erhobenes Schwert. In der Mitte ist ein hervorgehobenes Schriftfeld mit Zeilen aus dem 112. Psalm und der Jahreszahl 1557.

Das menschliche Maß des Hauses Dacheröden zeigt sich nicht nur daran, daß alle Elemente so perfekt abgestimmt und ausgewogen sind, daß sie den Betrachter nie bedrängen, es zeigt sich auch im Detail.

Aus Demme, Dieter u. Schneider, Wolfgang: Erfurt, Leipzig 1987

Den Torbogen tragen kaum über die Kopfhöhe des Betrachters reichende kleine Nischen mit Baldachinen, in denen Skulpturen stehen könnten, aber nie oder zumindest schon lange nicht standen, da das erste eingeritzte Datum aus dem 18. Jahrhundert ist. Und es ist nur passend, daß die Nischen leer sind, denn die Eintretenden brauchen gar keine steinernen Wächter mehr. Verweilen sie vorm Tor, bleiben ihnen andere Details zur Entdeckung. In den scheinbar nur ornamentalen Ranken der Pilaster, weiß auf Blau, sind nämlich beim näheren Hinsehen Gesichter, Tierköpfe, Vögel und Blumengebinde zu erkennen.

Und sie sind, mit der Ausnahme je eines Raubtierkopfs, immer auf Augenhöhe.

Wie so viele große Architektur, verdankt sich auch das Haus Dacheröden zu einem gewissen Teil dem Zufall. Wäre es nicht ursprünglich zwei Häuser mit einer gemeinsamen Fassade gewesen, hätte es vermutlich nicht diese Asymmetrie, dieses Fehlen von Monumentalität, kurz: dieses menschliches Maß. Daß die Renaissance, wenn sie zu frei war, ihrem Traum von der Antike zu folgen, oft eher lächerlich wirkte, kann man schon im Erfurter Dom betrachten. Es ist ein Glück, daß gerade das Haus Dacheröden die Jahrhunderte überstand. Sein menschliches Maß entlarvt auch die schiere Böswilligkeit und Lächerlichkeit der umgebenden historistischen Gebäude am Anger, die alle Epochen der Baugeschichte plünderten, aber immer nur das Schlechteste und Monumentalste fanden.

Ganz allein jedoch ist das Haus Dacheröden, zum zweiten Mal glücklich, nicht. Blickt man durch die Barfüßerstraße darauf zurück, sieht man über dem Dreieck der Dachgauben einige der Geschosse und eine der schwebenden Verbindungsbrücken des großen Wohngebäudes am südlichen Juri-Gagarin-Ring.

Zu dem isolierten guten Alten kommt das gute Neue, die fortschrittliche Architektur der DDR, Erbin alles Guten in der vorangegangenen deutschen Architektur. Isoliert wollte sie nicht mehr sein, sie verwandelte Erfurt, aber zum Haus Dacheröden blieb sie auf respektvollem Abstand, vielleicht sogar auf zu großem und aus falsch verstandenem Respekt.

Gotik über Renaissance

In Dom und Severikirche in Erfurt kann man, neben vielem anderen, Vergleiche zwischen Gotik und Renaissance anstellen. Denn neben vielem anderen beherbergen sie in ihrem Inneren auch jeweils einen großen Aufbau über einem Taufbecken, ein sogenanntes Taufgehäuse.

In der Severikirche ist dieses eigentümliche Gebilde, halb Architektur, halb Kunst, durch und durch gotisch. Auf dreieckigem Grundriß steigt es mit offenen Spitzbögen, Fialen und auf komplizierte Weise verschlungenen Maßwerkstreben bis zum Gewölbe der Decke auf.

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So filigran, offen und leicht ist die Konstruktion, daß man kaum glauben kann, daß sie aus Stein ist.

Die Heiligen in den Eckpfeilern, die Engel auf Streben weiter oben, die Maria in einem offenen Bereich ganz oben, ja, das Taufbecken selbst, um das es vorgeblich geht, werden in den Windungen und Schlingen der Konstruktion, die noch durch angefügte Blattornamente akzentuiert werden, zur Nebensache.

Nebenan im Dom ist das entsprechende Taufgehäuse aus der Renaissance. Der Vergleich zeigt, was die Gotik der Renaissance voraushatte. Das gotische Werk kann frei von allen Vorgaben nach oben wachsen, es kann reine, wenn auch zweckfreie Konstruktion sein. Das Werk der Renaissance hingegen muß so tun, als habe es etwas mit der Antike zu tun. Die sechs Stützen müssen ionische Säulen sein, darüber muß sich eine Kuppel spannen und bis zum Gewölbe hoch oben muß ein Obelisk ragen, den sechs kleinere um die Kuppel ergänzen.

Aber die Formen passen nicht, denn das Taufgehäuse will zugleich ähnlich filigran, offen, leicht und vertikal sein wie sein gotischer Vorgänger, mit dem der Künstler gewiß vertraut war. So ist die Kuppel keine Kuppel, sondern aus offenen Streben zusammengesetzt. So wird mit dem Obelisk eine Verbindung zur Decke gleichsam erzwungen. So wirken die Blattornamente, die es auch hier gibt, wie aufgeklebt, fremd, während sie beim gotischen Taufgehäuse nebenan ganz natürlich aus der verschlungenen Konstruktion zu erwachsen scheinen.

Künstlerisch,  das steht außer Frage, ist die Renaissance hier der Gotik weit überlegen. Das Taufbecken, um das die Tugenden und unten die Evangelisten samt ihren Symboltieren abgebildet sind, könnte gut alleine stehen, stände besser alleine.

Auch die Symbolik ist gut gewählt. Wie Jesus vorne vor der Nichtkuppel steht, die Taube des Heiligen Geists in der Mitte ihrer Decke hängt und oben, wo der Obelisk in das Quadrat zwischen den Streben des Sterngewölbes stößt, Gott herunterblickt, ist eine geschickte Ausnutzung des Raums und eine interessante Darstellung der Dreifaltigkeit.

Obwohl das Taufgehäuse aus der Renaissance somit besser mit seiner Kirche verbunden ist als das gotische, wirkt es doch, als wolle es woanders sein. Es füllt die Ecke des Kirchenraums fast aus und läßt an zwei Seiten nur wenig Platz, so daß der Betrachter in eine frontale Betrachtung gedrängt wird. Sein gotisches Gegenstück hingegen steht frei im Raum und kann, wiewohl es ebenfalls eine Vorderseite hat, von allen Seiten gut betrachtet werden, ist allansichtig.

Das Taufgehäuse in der Severikirche ist zufrieden damit, reine Konstruktion zu sein, es weiß nicht, was es sonst noch sein könnte. Dadurch wirkt es weit moderner als das zeitlich neuere der Renaissance. Erst in den Eisenkonstruktionen des 19. Jahrhunderts gibt es wieder etwas, was diesem gotischen Werk ähnelt. Vielleicht mochte die frühe eiserne Architektur die Gotik auch deshalb, weil sich ihre Formen für sie eigneten. Die Neogotik wäre insofern der erste Schritt weg von der Nachahmung alter Stile gewesen.

Letztlich sieht man in der Severikirche schon weiter als zur Gotik, weiter als zur Renaissance. Von der filigranen Steinstruktur, die eine Maria hält, sieht man in die Gegenwart: zu den allgegenwärtigen filigranen Stahlstrukturen, die Sendeanlagen, Scheinwerfer oder Stromleitungen halten.