Archiv für den Monat September 2014

Städte und Sprachen

Städte kann man lesen. Im übertragenen Sinne zum einen: sie sind wie Texte, die man verstehen lernen muß. Die meisten Städte aber sind Texte, die sich dem Verständnis eher entziehen als es zu fördern. Sie sind wie von unzähligen Generationen geschriebene Manuskripte, ein Wirrwarr von Handschriften und Revisionen, das nur zufällig mit der Erfindung des Buchdrucks einen Abschluß findet, ohne dadurch ein zusammenhängendes oder sinnvolles Ganzes zu sein. Sie können wie Rätsel erscheinen, haben aber keine Lösung. Man kann sie entziffern, ihre verschiedenen disparaten Teile in einen Zusammenhang bringen, aber nie endgültig verstehen. Nur wenige Städte lassen sich gleich bei der ersten Lektüre oder gar schon beim Überfliegen lesen wie ein Buch, weil eine Zeit oder eine gesellschaftliche Kraft sich in ihnen, ob geplant oder glücklichen Umständen geschuldet, in aller Klarheit und Schönheit ausdrücken konnte. Solche Städte können dann gar wie Gedichte sein, einige mit strengem Versmaß und Reimen, andere frei und assoziativ dahinfließend. Die besten Städte vielleicht sind Collagen, in denen alles Alte aufgehoben ist, während das Neue den Rahmen bildet.

Alle Städte aber müssen übersetzt werden, entweder aus früheren, fremd gewordenen Varianten der eigenen Sprache oder aus fremden Sprachen. Und hier wird das Lesen von Städten konkret: sie sind angefüllt mit Sprache. Am stärksten wirkt sicherlich die gesprochene Sprache ihrer Bewohner, aber auch an den kältesten Tagen in den abgelegensten Straßen, wenn kein Mensch zu sehen und keine Stimme zu hören ist, umgibt einen die Stadt mit nunmehr geschriebener Sprache. Sie ist in den Straßenschildern, in den Aufschriften der Geschäfte und in den Werbeplakaten, in den Gedenktafeln, in den Denkmalinschriften und in den Schmierereien an Wänden. Man muß daher die konkrete Sprache der Stadt lesen können, um je zu hoffen, in ihrer übertragenen Lektüre voranzukommen.

Ohne die Sprache kann man zwar die Straßen und Häuser sehen und sich vieles von ihnen sagen lassen, aber gerade das Einfachste und Direkteste, das, was sie durch ihre Aufschriften bereitwillig kundtun, wird einem entgehen. So braucht man etwa einige Kenntnisse der jeweiligen Grammatik, um zu sehen, daß eine Ulice Gorkého in der Tschechoslowakei oder eine Ulica Gorkog in Jugoslawien Gorki-Straßen sind, bei denen der russische Name mit der tschechischen beziehungsweise serbokroatischen Genitivendung versehen ist. Oder man muß die arabische Schrift lesen können, um zu bemerken, daß auf dem Schild des etwas surrealistisch benannten „Vereins für integrierte Pharaonen“ abseits des Viktor-Adler-Platzs in Wien بيت العرب, „arabisches Haus“, steht, was nicht ganz als Entsprechung zu „Haus Des Orıent“ verstanden werden kann.

Pharaonenverein

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Und man muß sich in einem altmodischen Polnisch zurechtfinden, um auf einer Tafel in Kraków zu lesen:

„A. Wojczyńscy Małżonkowie postawili na tymże placu pustym 2950 Sążni □ wynoszącym figurę Boga Rodzicy ! oraz 10 roznych budynków od 1865. do 1867. roku.“

TafelWojczyńscy

„Die Eheleute A. Wojczyński erbauten auf diesem leeren 2950 Klafter □ umfassenden Platz von 1865 bis 1867 eine Figur der Mutter Gottes ! sowie 10 verschiedene Gebäude.“

Es geht hier also darum, daß ein Ehepaar in spekulativer Absicht in der Vorstadt von Kraków zehn Gebäude errichten ließ, klassizistisch angehauchte Mietshäuser wie das an der Ecke Józefa Szujskiego und Krupnicza, an dem die Tafel ist, offenbar.

JózefaSzujskiegoKrupnicza

Daß sie es aber für nötig befanden, zuerst eine Marienfigur „!“ zu erwähnen, ein Stück barock angehauchter Afterkunst, kann einem mehr über den polnischen Katholizismus und dessen Zentrum Kraków sagen als all die großen Kirchen der Stadt.

BogaRodzicaSzujskiego

Man mag diese Beispiele für banal halten, aber sie können doch zeigen, wie viel einem ohne die Sprache verborgen bliebe. Schmerzhafter erlebt man die Bedeutung der Sprache im Negativen, wenn man vor etwas steht, was einem die Stadt sagen will, aber es einfach nicht versteht. Mehr als ein Reise- oder Architekturführer hilft einem beim Lesen der Stadt ein Wörterbuch.

Feuerwache und Kirche Neustift am Walde

Neustift am Walde ist kein sonderlich interessanter oder schöner Ort. Ein altes Weindorf eben, wie all die äußeren Wiener Vororte am Fuße des Wienerwalds. So zieht es sich in einer Mischung aus kleinen Weinbauernhäusern und Neuerem zwischen Weinbergen auf der einen und bebautem Hang auf der anderen Seite durch das Tal des unsichtbaren Krottenbachs, ohne je einen wirklich Eindruck zu machen. Alles ordnet sich der Straße unter, wie das für ein Straßendorf normal und in Zeiten allgemeiner Motorisierung verheerend ist.

An dieser zu großen und zu stark befahrenen Straße, der Rathstraße, steht die örtliche Feuerwache.

FeuerwacheKircheNeustiftAmWaldeUnten

Auch sie ist kein auffälliges Gebäude: brauner Putz, im Erdgeschoß zwei Tore für die Einsatzfahrzeuge, im Obergeschoß Fenster und simple Rundbögen, abschließend ein Walmdach. Doch in der Ecke, leicht zurückgesetzt und höher geführt als die Geschosse, ist das Treppenhaus. Zwei schmale vertikale Fenster, die in Rundbögen enden, geben den Blick frei auf eine Wendeltreppe.

FeuerwacheNeustiftAmWaldeTreppenhaus

An diesem Treppenhaus merkt man, daß dieses scheinbar so langweilig-konservative Gebäude etwas mehr weiß, etwas mehr will als es zuerst verrät. Eine Wendeltreppe in einer verglasten Ecke, dieses Urbild der Bestrebungen um eine neue Architektur ist hier schon angelegt und verrät auch die Entstehungszeit: die erste Republik, die späten Zwanziger.

Auch städtebaulich ist das transparente Treppenhaus subtil eingesetzt, denn an ihm vorbei geht der Blick eine Querstraße entlang zur Kirche St. Rochus, die etwas höher am Hang steht. Ein flaches Gebäude rechts zwingt den Blick noch stärker auf deren sehr schmale Fassade, die in ihrer vertikalen Gliederung kaum mehr als ein Sockel für den Turm mit seiner für den örtlichen Barock eher untypischen spitzen Haube ist. Zwei Heiligenfigueren flankieren den Eingang und eine Inschrift erinnert, daß ein „italianischer“ Kaufmann aus Wien die Kirche nach einem abgewendeten Ausbruch der Pest gestiftet hatte.

Wenn einen irgendetwas am Beieinander von Feuerwache und Kirche näherlockt und man von der höher gelegenen Parallelstraße auf sie herabschaut, wird man von beiden überrascht.

FeuerwacheKircheNeustiftAmWaldeOben

Die so schmale und vertikale Kirche bekommt noch einen weit breiteren Teil mit Kuppeldach und noch einen mit Walmdach. Die Feuerwache hat rückwärtig zwei Teile mit spitzen Satteldächern, vor allem aber steht hinter ihr ein völlig unerwarteter, gleichsam skulpturaler Turm. Drei quadratische Ebenen mit Geländern aus Holz und Beton sind aufeinandergesetzt mit Betonstützen, deren vier Flächen aus einem Mittelpunkt erwachsen, schräg nach außen langsam breiter werden und dann abrupt in einem fast waagerechten Teil enden, und verbunden durch eine außenliegende Leiter.

FeuerwacheNeustiftAmWaldeTurm

Schon wenn man beim Eingang der Kirche steht, sieht man neben sich diese Form, die wie eine Abfolge sich öffnender Blütenkelche ist, und erlebt sie, auch Turm, aber ohne Vertikalität, wie eine Antithese zum Kirchturm, der über einem aufragt, und als abstrakte Ergänzung der in menschlichem Maße vor einem stehenden Heiligen.

Während es in der Entstehungszeit, die vom Kampf zwischen der christlich-sozialen Staatsregierung und der sozialdemokratischen Stadtregierung geprägt war, sicherlich eine enorme Provokation darstellte, eine Feuerwache solcherart als Gegenentwurf neben eine Kirche zu bauen, ist es heute gerade das so entstehende Ensemble zweier ganz verschiedener Gebäude, das Neustift am Walde einen wirklichen Ort gibt und Keimzelle zu mehr sein könnte. Statt mehr aber ist neben dem Turm der Feuerwache nun die Wand eines neuen Mietshauses und Neustift am Walde bleibt eine Straße.

Bar

Es ist nicht schwer, Bar als trostlose Touristenstadt zu beschreiben, gelegen an der Adriaküste im lächerlichen postjugoslawischen Kleinstaat Montenegro, wo man mit Euro zahlt, ohne zur Eurozone zu gehören, billiger als Kroatien und beliebt bei russischen und serbischen Familien. Als einfaches Symbol fände man die Jahrmarktattraktionen, die am Ende der Strandpromenade vor der wilden Bergkulisse herumstehen, oder die riesige neue orthodoxe Kirche etwas dahinter.

BarJahrmarkt

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Doch Bar ist zugleich auch eine jugoslawische Planstadt, eine Hafenstadt, die nicht besonders auf Tourismus und in ihrer Stadtstruktur nicht einmal besonders auf das Meer ausgerichtet ist. Das Herz und, wieso nicht, das Symbol dieses anderen Bar ist die Robna kuća, das Warenhaus.

RobnaKućaBar

Es besteht aus drei verbundenen Bauteilen, die jeweils rund sind und von erst steil ansteigenden, dann fast waagerechten, schließlich noch einmal steilen Betonstreben getragen werden, so daß vor den Bergen hutartige Formen entstehen. Alle drei Bauteile haben zwischen diesen Streben schmalere Streifen und vertikale sechseckige Fenster sowie weit zurückgesetzte Erdgeschosse, doch das linke hat nur ein, das rechte zwei, das mittlere gleich drei Geschosse, bevor die Streben abflachen. Auf dem Platz an der Straßenecke, dem sich das Warenhaus zuwendet, steht außerdem eine weiße Stele mit einem Logo, das ebensogut das der Stadt wie das des Warenhauses sein könnte,

BarLogo

und eine große Sonnenuhr aus einer schrägen Betonnadel und einem Ziffernfeld im Boden. Entlang der rechts vorbeiführenden Straße schließt sich ein zweigeschossiger Bau mit Cafés und Restaurants an, der die mäandernde Struktur und die von den schrägen Streben gebildeten Kolonnaden aufnimmt und mit Fensterbändern verbindet.

BarRestaurants

Um dieses Herz breitet sich die Stadt Bar aus.

WohngebäudeBar2

Südlich und östlich steht bis zu zehn-, zwölfgeschossige Wohnbebauung, nach Westen, zum Meer hin, niedriger, weißgetünscht, an den Straßen ausgerichtet, aber offene Hofbereiche bildend.

WohngebäudeBar

Hinter einem großen Bulevar im Osten, bei dem das vorher leicht nach Westen geschwenkte Straßenraster eine strenge Nord-Süd-Ausrichtung bekommt, schließt sich verstreute Einfamilienhausbebauung und ein weiteres Wohngebiet an.

Nördlich und westlich hingegen sind die öffentlichen Einrichtungen angeordnet. Im Norden das Dom Zdravlja (Haus der Gesundheit) und die Post, die einen flachen Rundbau in dem Warenhaus verwandten Formen hat.

BarPošta

Dahinter, wo freie Flächen für eine planvolle Erweiterung der Stadt gewesen wären, stehen die orthodoxe Kirche und eine große Sporthalle. Um alle Gebäude ist viel Platz und bei einer Schule aus über Eck gesetzten geraden Trakten sorgt ein parkartiger Bereich mit runden Sitzanlagen für zusätzliche Offenheit, weshalb das Straßenraster gar nicht so wichtig ist.

BarKleinerPark

Im Westen geht es zwischen niedrigerer Wohnbebauung, vorbei an der Polizei und dem Dom Revolucije (Haus der Revolution),

DomRevolucijeBar

das mit einer vorgesetzten Wand mit rundbögiger Öffnung als einziges ein historistisches Motiv hat, zum Hafen. Dort sind markante schmale Einzelgebäude, deren schräge Dächer noch über den freischwebenden Betonlamellen der Terrasse im zweiten Geschoß aufragen, in den verglasten Erdgeschossen und mit Brüstungsbändern zu größeren Komplexen verbunden.

BarLadenzeilen

Mit den so entstehenden geschwungegenen Ladenzeilen, in denen die Büros staatlicher Reisefirmen und Cafés untergebracht sind, öffnet sich die Stadt zu weiten platzartigen Bereichen mit Palmen in runden Beeten und zum Wasser.

BarBeimHafen

Auf einer Mole zwischen Sport- und Militärhafen steht der langestreckte zweigeschossige Bau des Putnički Terminal (Reiseterminal), der mal offen seine schrägen Stützen, mal blaue Verkleidung und größere oder kleinere Fensterflächen zeigt und mit einem runden, teils verglasten Türmchen endet.

PutničkiTerminalBar

Hier gelangt man zur Fähre nach Bari in Italien, das recht direkt jenseits der Adria liegt und von dem Bar seinen Namen hat.

Im Nordwesten bildet ein Park mit dem darin eingebetteten Dom Kulture (Kulturhaus) Vladimir Popović Španac die Verbindung zu Promenade und Strand.

DomKultureBar2

Die Gebäude des Kulturhauses sind bestimmt von vertikal geriffelten weißen Betonwänden, die oft geschwungen und oft, in der Luft oder am Boden, über die Gebäude hinaus fortgeführt sind, eine skulpturale Architektur.

KinoDomKultureBar

Im Schatten von Bäumen steht eine Büste des Namensgebers, des aus der Umgebung stammenden jugoslawischen Kommunisten Vladimir Popović, der wegen seiner Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg den Beinamen Španac, Spanier, trug.

VladimirPopovićŠpanacBar

Zwischen dem Hauptgebäude und der Freilichtbühne mit Kinoleinwand führt ein Weg hindurch zu einer gläsernen Orangerie.

DomKultureOrangerieBar

Sie gehört schon zum Garten eines Palasts, den sich der montenegrinische Fürst, später gar König, Nikola bauen ließ. Der Palast, eher eine recht bescheidene Villa aus dem späten 19. Jahrhundert, steht direkt an der Strandpromenade und beherbergt heute ein Museum.

PalastNikolaBar

Direkt am Ufer steht auch die Galerie des Kulturhauses mit ihren großen hellen Räumen, aber sie schaut nur zurückhaltend neben einem weiteren alten Gebäude hervor.

GalerijaBar

So gelingt es Bar sogar, daß einzige Alte, das es hat, aufzuheben.

Die Promenade führt zwischen Palmen und mediterranen Sträuchern vom Hafen hierher und noch weiter, wo aber nichts mehr kommt.

StrandpromenadeBar

Wenn man dann am Kieselstrand steht und nicht nur aufs Meer

StrandBar2

hinaussieht, spürt man aufs Neue, daß Bar eben nicht als Touristenstadt geplant war. Große Hotels am Ufer, deren Kennzeichen, sucht man vergeblich. Die von den Bergen gerahmte Bucht, an der die Stadt liegt, endet im Süden hinter dem Hafen mit einer Halbinsel voller runder Tanks,

StrandBar1

während im Norden eine andere Halbinsel den Blick auf den bei einem markanten Bergkegel gelegenen Ferienort Sutomore  versteckt.

StrandBar3

In den nördlichen Hängen sind außer Einfamilienhäusern auch einige höhere Wohnhäuser, die nicht selten Pensionen oder Appartments für Touristen sind, aber alle sind erst in jüngerer Zeit entstanden. Denn Bar war etwas anderes: eine Stadt des sozialistischen Jugoslawien. Der Hafen wurde in den Siebzigern ausgebaut und mit einer Bahnlinie durch die Berge Montenegros mit der Hauptstadt Belgrad verbunden. Bar selbst entstand als neue und geplante Stadt für die Arbeiter des Hafens.

Es ist eine Planung, die nichts herausragend Fortschrittliches hat, aber heute nach wie vor funktioniert. Ihr größter Mangel ist, daß sie zu sehr auf das Auto ausgerichtet war. Der Bulevar ist zu Fuß nur an wenigen Stellen zu überqueren. Viele der freien Flächen, die nun nach und nach zugebaut werden, waren einfach Parkplätze. Dazu paßt leider die marginale Lage des Bahnhofs. Weit abseits im Südwesten, von der eigentlichen Stadt durch Gewerbeanlagen und Einfamilienhäuser getrennt, wie in einer anderen Welt, liegt er. Zuerst der Busbahnhof, still zwischen Palmen, zwei Dächer aus dünnen Stahlstreben nur, ein niedrigeres für die Halle, ein höheres, bei dem die Stahlstreben filigrane umgedrehte Pyramiden bilden, für die Bahnsteige.

BusbahnhofBar

Dann der Bahnhof selbst, mehrere recht banale Gebäude und eine weite Schienenlandschaft, die aber schon allein einen Kontrapunkt zum Bergpanorama bildet und ein wenig vom Heroismus dieses jugoslawischen Infrastrukturprojekts behält.

BahnhofBar

Nach wie vor kann man mit dem Zug bis nach Belgrad fahren, langsamer natürlich als in der Entstehungszeit. So verdankt Bar alles, was es ist, dem jugoslawischen Staat und seine schiere Existenz ist ein Beispiel dafür, wieso dieser Staat gut war. Wenn Bar heute so leicht so trostlos wirken kann, liegt das auch daran, daß Jugoslawien fehlt.

Trafalgar Square Wien

Auch Wien hat seinen Trafalgar Square, wie auch Österreich seine Seehelden hat. Nun, genauer gesagt hat Österreich einen Seehelden: Wilhelm von Tegetthoff. Und so lächerlich sein Sieg bei Lissa (Vis) von der Propaganda aufgeblasen wurde, um ein wenig über das Desaster, das der Krieg 1866 für Österreich war, hinwegzutäuschen, so lächerlich nimmt sich auch sein Denkmal in Wien im Vergleich zu Nelson‘s Column, dem Londoner Vorbild, aus.

TegetthoffWien

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Auf einer steilen ovalen Treppenanlage steht ein ovaler Sockel, auf dem links und rechts aus Bronze eine weibliche und eine männliche Figur auf Wesen, die halb Pferd, halb Fisch sind, reiten. Dazwischen ragt auf einem quadratischen Sockel mit dem Namen Tegetthoffs eine hohe dorische Säule auf. Sie darf aber nicht einfach Säule sein, sondern wird an drei Stellen von den Rümpfen bronzener Galeeren durchdrungen (betrachtet man die weitere Geschichte der dann österreichisch-ungarischen Marine, drängt sich der Gedanke auf, daß sie vielleicht wirklich besser Galeeren statt militärisch ähnlich unnützer Dreadnoughts hätte verwenden sollen). Oben, so hoch oben, daß man ihn bloß etwas besser sieht als Nelson in London, steht Tegetthoff, scheint aber, wiewohl aus Bronze, eine Stütze unter dem Po zu brauchen, immerhin darin Nelson ähnlich.

Aus Goldman, Leonard/ Bartsch, Ernst: Grossbritannien, Leipzig 1961

Aus Goldman, Leonard/ Bartsch, Ernst: Grossbritannien, Leipzig 1961

Eine Touristenattraktion ist der Wiener Trafalgar Square nicht, er ist nur ein abweisender verkehrsumtoster Platz vorm Bahnhof Praterstern, das heißt auf dessen dem Prater abgewandten Seite. Im Sommer sitzen auf den Stufen des Denkmals manchmal Trinker, die in großen Zahlen vor dem Bahnhof herumhängen, da dort ein Supermarkt bis 22 Uhr und sogar sonntags geöffnet hat (sonst sind österreichische Supermärkte bestenfalls bis 20 Uhr offen). Sie sitzen dort und blicken in die Brandung der Autos, aber es sind gar nicht viele, die meisten bleiben lieber in der beruhigenden Nähe des Supermarkts, auf dem Festland gleichsam.

Das Beste am Trafalgar Square von Wien ist der Blick die unmerklich abfallende Praterstraße hinab zum Stephansdom.

BlickTegetthoffStephansdom

Dadurch ist er eine der wenigen Stellen, wo man diesem Bau nicht entweder zu nah oder zu fern ist und ahnen kann, wie er im Mittelalter auf Reisende gewirkt haben muß. Damit hat er dem Londoner Original, von dem man so wenig sieht wie überall sonst in dieser Stadt, schließlich doch noch etwas voraus.