Archiv der Kategorie: Kleinodien

Turiner Einzelheiten: Blau

Auffällige und beeindruckende Bauten, halbwegs hohe auch, gibt es in den Weiten von Turin viele. Etwa dieses zehngeschossige und 1970 errichtete Wohngebäude an der Corso Dante (Dante-Allee), die dann auf einer Brücke über die Gleislandschaft hinter dem Bahnhof Porta Nuova führt. Seine Fassade besteht ganz aus Balkonen und einem Rautenmuster aus Betonstreben und -balken. Vor jedem Balkon bildet ein Betonbalken den Handlauf des darunter verglasten Geländers und ein weiterer verläuft oben in entsprechendem Abstand von der Geschoßdecke, während vertikale Streben sie links und rechts in kleinem Abstand von den Balkonecken kreuzen.

Daß diese regelmäßige Struktur nie langweilig wird, liegt zum einen daran, daß mal mehrere der Rautenbalkone zusammengefügt und mal Abstände zwischen ihnen sind, was tiefe vertikale Furchen auf die Fassade zeichnet, und zum anderen daran, daß in den unteren vier Geschossen über den Läden im Erdgeschoß nur im breiten Mittelteil Balkone sind und die Wandflächen daneben nach hinten schräg verlaufen.

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So ist das Gebäude in den oberen fünf Geschossen weit breiter als unten und bekommt eine gewisse unwahrscheinliche Leichtigkeit, was viel zu seiner straßenprägenden Wirkung beiträgt. Noch wichtiger ist aber vielleicht, daß seine typisch italienischen Rolläden einen kräftigen Blauton haben. Wiewohl alle eigentlich baulichen Elemente weiß, grau oder transparent sind, nimmt man das Gebäude als ein blaues wahr und wenn man denn einen Grund hätte, es zu beschreiben, würde man es das blaue Hochhaus am Corso Dante nennen.

Ansonsten ist auch diese Gebäude im chaotisch gefüllten regelmäßigen Straßenraster Turins wie gehabt Teil der Blockrandbebauung. Links daneben ist in der abzweigenden Via Tommaso Grossi (Tommaso-Grossi-Straße) ein fünfgeschossiger Gebäudeteil mit weniger markanten, in Betonstreben aufgehängten Balkonen, der an die nächsten Gebäude anschließt.

An der anderen, über eine Hinterhoflandschaft zu erahnenden Seite hat es einfache Fenster-, Balkon- und Treppenhausöffnungen, von denen man bestenfalls dank der blauen Rolläden und den hier hinzutretenden blauen Markisen erkennen würde, daß sie zum selben Gebäude gehören.

Das Auffällige und Beeindruckende erschöpft sich in der werbeträchtigen Fassade zur großen Straße.

Paläste und Palasthaftigkeit in Gdynia

Daß Gdynia erst ab 1926 erbaut wurde, heißt leider nicht, daß dort nicht versucht wurde, Paläste zu bauen. Nach den in die Blockrandbebauung gepreßten manchmal historistischen und oft modernistischen Wohn- und Bürogebäuden der Zwischenkriegszeit, die sich gewiß gerne als Paläste sahen, war es, wie in den anderen sozialistischen Staaten auch, das kurze stalinistische Intermezzo der frühen Fünfziger, das sich entschieden um „Palasthaftigkeit“ (Karel Teige) bemühte.

Der stalinistische Teil von Gdynia ist glücklicherweise recht klein und völlig unscheinbar. Er besteht aus einigen Straßen, die parallel zu den Bahngleisen und der großen Aleja Wyzwolenia (Allee der Befreiung) verlaufen und sich etwas den Hang des Wzgórze Nowotki (Nowotko-Hügel, heute Wzgórze Św. Maksymiliana [Hügel des heiligen Maximilian]) hinaufziehen. Es sind unten sechsgeschossige Gebäude, weiter oben niedrigere, allesamt freistehend in großzügigen Grünflächen und mit nur leichter stalinesker Ornamentik.

Bald nach dem stadtseitigen Beginn der Bebauung versteckt sich ein Gebäude, das wohl das Zentrum sein will. Es steht etwas höher am Hang und hat in der Mitte einen zwei Geschosse hohen Durchgang mit eckigen Stützen, zu dem eine breite Treppe hinaufführt. Vor den Teilen beidseits davon sind breite Terrassenebenen, unter denen zur Straße hin zwischen Stützen Garagen sind.

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Hier ist alles um Monumentalität und Palasthaftigkeit bemüht. Das Gebäude hat zwar nur sechs Geschosse, wirkt aber viel höher, da die ersten beiden als Sockel mit Steinstruktur oder Durchgang mit Säulen gestaltet sind und da es höher am Hang steht. Man geht zu ihm hinauf wie zu einem Schloß oder einem Tempel und wird von der Architektur entsprechend eingeschüchtert. Allerdings hat die Monumentalität letztlich keinen Adressaten, da die Fassade über eine Grünanlage hinweg bloß zur Aleja Wyzwolenia und der Bahnstrecke zeigt. Niemand außer wenigen Fußgängern kommt je gerade auf sie zu und es ist schwer vorstellbar, daß die stalinistische Stadtplanung etwas anderes vorsah, weil jenseits von Straße und Bahn bald bloß ein Hügel folgt.

Die städtebaulich ungünstige Lage ist aus fortschrittlicher Sicht ein Glück, doch nicht einmal in sich das Gebäude gelungen. Auf die Terrassen, die auf derselben Höhe wie der Durchgang sind, kommt man von diesem nicht etwa ebenerdig, sondern weiter unten auf der Treppe über abzweigende Treppen.

Statt zu verbinden, trennen die Terrassen. Sogar abgesehen von seinen monumentalen stalinistischen Formen ist das Gebäude schlichtweg schlechte Architektur, was umso trauriger ist, wenn man um die erstaunlichen Höhen, die die fortschrittliche Architektur Gdynias am Vorabend des Kriegs ganz in der Nähe erreicht hatte, weiß.

Nachdem auch Gdynia Mitte der Fünfziger wieder von der stalinistischen Architektur abgekommen war, wurde nicht mehr versucht, Paläste zu bauen oder aber jedes Gebäude wurde im Le Corbusier’schen Sinne zum Palast. Und dann gibt es noch ein kleines Verwaltungsgebäude in der Einfamilienhausgegend von Redłowo, das man schwer sehen kann, ohne an einen Palast zu denken.

Es hat in recht weitem Abstand zueinander zwei zweigeschossige Trakte quer zur Legionów (Legionenstraße), die aus einfachen, beinahe provisorischen Betonfertigteilen bestehen. Die zur Straße zeigenden Schmalseiten sind etwas höhergeführt und haben in der Mitte die Gangfenster. An den Breitseiten sind lange horizontale Fenster, die durch dunkles Holz weiter zu Bändern verbunden sind. Zwischen den beiden Quertrakten ist bei ihren von der Straße entfernten Enden ein ebenfalls zweigeschossiger Trakt mit schmalen vertikalen Fensterschlitzen, die in beiden Geschossen leicht versetzt angeordnet sind. Wie man an den Seiten sieht, besteht er aus weißem Mauerwerk. Vor diesem Trakt ist etwas nach links der Mitte versetzt ein Eingangsbau, der von Weitem flach wirkt, tatsächlich aber noch ein Untergeschoß hat, da der Bereich zwischen den Quertrakten vertieft ist.

Zum Eingang in der Mitte führt über den Graben eine breite und etwas ansteigende Brücke, aufgehängt an beiden Seiten in großen A-förmigen Stützen, die auch das erst gerade, dann leicht schräg nach oben verlaufende Vordach tragen.

Was man hier sieht, ist eine mit einfachsten Mitteln geschaffene dreiflüglige Anlage wie bei einem barocken Schloß oder Palast. Auf typisch barocke Art sucht alles an dem Gebäude den Blick auf die Mitte zu lenken, wo vor dem Eingang sein einzig expressives, aber dennoch funktionales Element – Brücke, Stützen und Vordach – ist, Ehrenhof und Skulptur in einem. Ganz anders wäre die Wirkung des Gebäudes vielleicht, wenn es frei stünde, da hinter ihm kein ausgedehnter Park, sondern in der Mitte und rechts zwei weitere Quertrakte, die den übrigen entsprechen, anschließen.

Monumentalität oder Palasthaftigkeit fehlen dem Gebäude völlig und doch ist es weit mehr ein Palast als das traurige stalinistische Gebäude, das so gerne einer wäre. Während die Architekten dort vom Palast ein paar äußere einschüchternde Elemente übernahmen, reduzierten sie ihn hier auf das Wesentliche seiner Struktur. Daß sie nicht wußten, was sie taten, ist äußerst schwer vorstellbar, aber zugleich nicht wichtig, denn das Gebäude braucht keine Bezüge auf Barock, Paläste, was immer, um gelungen zu sein. Es ist ein Palast nur nebenbei und zuerst eine funktionale Lösung für ein architektonisches Problem.

Was man hier weiterhin sieht, ist ein vielleicht spezifisch polnisches Gespür für die Bedeutung von Eingängen und ihren Dächern als nicht monumentales, aber expressives Element, das ein Gebäude entscheidend prägen, ja, erst zu dem, was es ist, machen kann. Am Verwaltungsgebäude in Kielce oder der Wirtschaftsfakultät in Sopot war das bereits gut zu erkennen, hier, wo das Gebäude an sich noch schlichter ist, wird es weitergeführt.

Es handelt sich bei dem Gebäude um nicht weniger als ein kleines und bescheidenes Meisterwerk fortschrittlicher Architektur. Man könnte sagen, Gdynia braucht keine Paläste, aber hier hat es den Palast, den es verdient.

D‘Ieteren

Im Brüsseler Stadtteil Ixelles steht ein Autohaus, das diesen Namen verdient hat.

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Es ist ein langgezogener Bau in der schwer zu übersetzenden Rue du Mail (etwa: Straße eines Ballspiels aus dem 17. Jahrhundert) zwischen der unkomplizierten Rue Américaine (Amerikanischen Straße) und der wiederum schwierigen Rue du Prévôt (etwa: Straße eines belgisch-französischen Beamtentitels). Auf zwei Sockelgeschossen ragen hohe schwarze Stützen und zwei dickere Erschließungstrakte auf, die fünf weitere Geschosse tragen. Mit dunkelgolden verspiegelten Fenstern und ähnlicher Verkleidung, schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl und vor den zurückgesetzten Fenstern bei den beiden Treppenhäusern zusätzlichen horizontalen Lamellen wirkt der aufgestützte Teil wie ein schwebender Goldbarren.

Die Unterseite dieses Teils, gleichsam die Decke des freien Bereichs, ist mit einem regelmäßigen Kreismuster gestaltet. Selbstverständlich ist hier eine Parkfläche, zu der von rechts nach links parallel zur Straße eine prominente Rampe hinaufführt.

Die beiden Sockelgeschosse werden von außenliegenden Stahlpfeilern und -trägern gehalten, was rechts, wo eine Tankstelle ist, noch sinnlos zu sein scheint. Links jedoch dient es dazu, die gesamte Ecke zur Rue Américaine in Glas aufzulösen.

In den zwei oberirdischen und einem zusätzlichen unterirdischen Geschoß ist ein einziger großer Saal, in dem auf Plattformen, die an Stahlseilen von der Decke hängen und Marmorböden haben, die Autos stehen. Es sind Volkswagen, denn dieses Autohaus gehört dem VW-Händler D’Ieteren. Statt Autos nur zu verkaufen, ist es ein Tempel für Autos. Selbstverständlich hängt an einer Wand ein abstraktes Kunstwerk aus Stahl.

Heute werden hier auch VW-Derivate von Škoda und Seat verkauft und der Eingang, der nur ein schlichtes Vordach zwischen den Stahlpfeilern hatte, wurde durch eine weiße Torkonstruktion unnötig betont.

Aber insgesamt ist das Autohaus D’Ieteren seit seiner Erbauung im Jahre 1967 gänzlich unverändert und dient auch noch seinem ursprünglichen Zweck. Seine Architektur könnte ebensogut an eine Ausfallstraße passen, frühere und luxuriösere Version eines dieser beliebigen Autohäuser wie am Rande von Altenburg, doch hier steht es inmitten der Blockrandbebauung von Ixelles. Anders als etwa Autopon in Amsterdam versucht es nicht, durch besonders auffällige Architektur Werbewirkung zu erzielen, sondern konzentriert sich auf die Präsentation der Autos. Da es aber freisteht, wirkt es innerhalb der geschlossenen Brüsseler Straßenzüge umso auffälliger. Man merkt an ihm, wie selten solche Auflockerungen, solche winzigen Öffnungen in der alten Stadt sind. Hinter ihm ist heute fast der gesamte Block frei, ein unglaublicher Luxus scheinbar. Jedoch – dort sind bloß Parkdecks. Für die Stadt wäre es besser, wenn die Autos in ihrem Haus blieben.

Turiner Einzelheiten: Lila, Weiß und Grün

Ein typisches bürgerliches italienisches Wohngebäude aus den Fünfzigern oder Sechzigern, gelegen in einer der teureren Gegenden von Turin in den Hügeln jenseits des Po. Ein Eckbau links der ansteigenden Via Giovanni Boccaccio (Giovanni-Boccaccio-Straße), vier Obergeschosse auf dünnen runden Betonstützen, die das Erdgeschoß bis auf den weit zurückgesetzten und von der Straße aus gleichsam unsichtbaren Eingangsbereich auflösen. Der aufgestützte Baukörper ist ganz mit kleinen quadratischen cremefarbenen Kacheln verkleidet, zu denen als Kontrast in den Geländern der Eckbalkone und unter den großen Fensterflächen in der abzweigenden Via Guido Cavalcanti (Guido-Cavalcanti-Straße) ebensolche in kräftigem Lila kommen.

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Das Gebäude füllt in schnörkellos kubischer Form sein Grundstück aus, doch zur Via Boccaccio ist auch eine große Einbuchtung. Da sich um sie zu zwei Seiten laubengangartige Balkone legen, die links von einer fortgesetzten runden Stütze getragen werden, während rechts nur schmale Fensterbänder und geschoßhohe ornamental durchbrochene Betonblenden sind, wirkt sie wie ein zufällig offengelassener Hinterhof.

In diesem Bereich steht, ihn bis ins dritte Geschoß ausfüllend, ein immergrüner Baum in nach oben verjüngter Kegelform, wie er in Italien so häufig ist, eine Magnolie, die aber mit den schön- und kurzblühenden Zierbäumen nördlicher Vorgärten und Parks wenig zu tun hat. Sie ist wie der Höhepunkt des wohlgestalteten und ebenso exotischen Gartens unterhalb der aufgestützten Geschosse, zwischen den Betonstützen.

Diese Vegetation und diese Architektur gehören zusammen und sind sehr italienisch. Sie sind geschmackvoll und hübsch und sie sind hier so normal wie bei uns im Norden unbekannt. Ähnliche Gebäude gibt es in Turin zu dutzenden, wenn auch meist eher ohne die Le Corbusier’sch angehauchten Stützen. Gerade diese helfen jedoch, über die hübschen exotischen Oberflächen, in die man sich so gerne verlieben will, hinwegzusehen, denn sie sind für die Stadt ohne Bedeutung. Es handelt sich dennoch um Blockrandbebauung. Um den Garten verläuft eine Mauer mit horizontaler Steinverkleidung und ein Stahlzaun, ganz links neben der Brandmauer des Nachbarhauses ist eine Einfahrt, durch die man bloß in einen kleinen Hinterhof mit einigen Garageneinfahrten kommt.

So fern seine Formen auch davon sind, städtebaulich geht das Gebäude nicht über das 19. Jahrhundert hinaus. Es ist damit durchaus typisch für das kapitalistische Italien der Nachkriegszeit.

Perlen und Beton

Der Paarl-Hoeve (Perlenhof) steht im winzigen nordholländischen Örtchen Krabbendam als eines der wenigen Gebäude jenseits des am Deich verlaufenden Kanals. Schon deshalb ist er hervorgehoben.

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Von Weitem sieht man jenseits der Schafsweiden ein typisches nordholländisches Bauernhaus mit großen quadratischen Grundriß, einem backsteinernen Erdgschoß und hohem, ursprünglich reetgedecktem Zeltdach. Auf der einen Seite stehen hölzerne Ställe und auf der anderen hohe alte Bäume. Zwischen diesen, zu Wasser und Deich hin, verbirgt sich ein großer Garten und ein großer Anbau, im eigentlich ein weiteres Haus, in historistischen Backsteinformen.

Im holzverzierten Giebel, der von der Straße heute jedenfalls im Sommer kaum mehr zu sehen ist, steht auch der Name „Paarl-Hoeve“. Heute paßt er vielleicht noch besser als früher, als er sich einfach auf die Bauernfamilie Paarlberg, die die Gebäude 1901 errichtet hatte, bezog, denn versteckt wie eine Perle liegt der Hof.

Aber das, was ihn am außergewöhnlichsten macht und am meisten hervorhebt, zeigt er wiederum ganz offen: die Betonbrücke von der Straße auf dem Deich zu seinem Gelände. Bereits im abfallenden Ufer hat sie massive Blöcke, die zur eher schmalen und hohen Öffnung unter der eigentlichen Brücke schmaler werden.

Dem entspricht auf Straßenebene eine trichterförmige Verjüngung der Fläche, die von niedrigen Bordüren begrenzt ist, zur schmalen Brücke hin und die folgende Verbreiterung zu Garten und Haus, die auch etwas niedriger liegen.

Nur aus der Entfernung und bei genauerem Blick merkt man, daß die grundstückseitige Wand der Öffnung nach oben und hinten leicht schräg ist.

Die Betonbrücke des Paarl-Hoeve ist ein makelloser Zweckbau. Wo sich die das historistische Gebäude mit sinnloser Ornamentik schmückt, ist sie völlig funktional. Wo jenes allzu klar in eine Zeit einzuordnen ist, könnte diese irgendwann zwischen 1920 und 1970 entstanden sein oder sogar früher. Obwohl die Brücke kein Brutalismus, der rohen Beton zum Ornament reduziert, ist, merkt man ihr doch eine gewisse Freude am Material, das sie vom backsteinroten Einerlei so deutlich abhebt, an. Sie ist die eigentliche Perle.

 

Bürgerliches Iași

Während der Großteil der Häuser von Iași klein und bescheiden ist und im Sommer im Wein verschwindet, gibt es auch hier eine typisch großbürgerliche Architektur. Sie konzentriert sich im Stadtteil Copou bei der Universität, am oberen Teil der durch die Stadt führenden Achse, wo viele Parks sind, überhaupt alles großzügiger und ruhiger wird und eine Kaserne nicht weit ist, damit im Fall der Fälle rasch die Ruhe wiederhergestellt werden kann. Die Achse heißt hier Bulevardul Carol I. (Carol-I.-Boulevard) und aus der Regierungszeit dieses ersten rumänischen Königs (1866-1914) sind auch viele der bürgerlichen Villen. Einige interessantere kann man in der Aleea Copou (Copou-Allee), die vom Boulevard abzweigt und am Rande eines Parks entlangführt, betrachten.

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Zuerst freistehende bürgerliche Mietshäuser, zwei-, dreigeschossig und in allerlei historistischen Formen. Gebäude dieser Art könnten überall in Europa stehen, die Straße hat keinerlei lokales Element mehr, man könnte meinen, Iași, Rumänien, verlassen zu haben. Doch dann folgt ein Gebäude, das zwar ebenfalls überall stehen könnte, aber überall ungewöhnlich wäre und auffiele. Statt an der Straße steht es quer über ihr.

In der Mitte ist unten eine Durchfahrt auf dorischen Säulen, während darüber im zweiten Geschoß eine große und hohe Glasfläche mit seitlichen ionischen Säulchen und Rundbogen die Torform vollendet und vom überstehenden Satteldach mit einer ornamentalen Konstruktion aus Holzbalken beschirmt wird. In der Durchfahrt sind Nischen und zu beiden Seiten Eingänge, so daß der innere Aufbau des Gebäudes unklar bleibt.

Es bleibt ein historistischer Bau, doch er schafft mit der Durchfahrt zugleich einen sehr ungewöhnlichen städtischen Raum und läßt hinter dem Fenster einen prachtvollen Innenraum mit sehr ungewöhnlicher Aussicht erahnen. Solche Experimente, solche Extravaganzen sind das Beste, was man von historistischer Architektur erwarten kann, und daß sie so selten sind, ist nur ein weiteres Argument gegen sie.

Auf der anderen Seite der Durchfahrt verändert sich der Charakter der Straße völlig, man ist eine andere Zeit getreten, die Zwischenkriegs, in der verschiedene Könige regierten, zuletzt der umstrittene Carol II.

Nach wie vor sind dort großbürgerliche Häuser, doch statt historistischen Formen sind sie nun ganz schlicht und eckig, bauhausstilig, weiß verputzt. Das Haus über der Straße ist wie ein Tor zur modernistischen Architektur, die aber nur in den äußeren Formen fortschrittlicher ist. Versteckt hinter Bäumen überläßt es ihnen die weitere Straße völlig. Nach dem Bogen nach links, den die Aleea Copou macht, steht auf der linken Seite ein Haus, das Iașis großbürgerlicher Architektur der Zwischenkriegszeit, besonders gut repräsentiert.

Es ist zweigeschossig, gelblich verputzt, die Fenster in blaßblauem Holz gefaßt, sein Dach flach und leicht gestuft überstehend. Rechts ist der etwas niedrigere Eingangs- und Treppentrakt mit schmalen vertikalen Fensterbändern nach vorne und nach rechts. Der Mittelteil ist etwas vorgesetzt und am höchsten, links schließt wiederum zurückgesetzt und etwas niedriger ein weiterer Teil an. Vor diesen beiden Teilen verläuft ein Balkon, der rechts abgerundet beginnt, abgerundet um die Ecke verläuft und links abgerundet endet. Ursprünglich hatte er wohl nur horizontale Stahlrohrgeländer, doch schon lange ist er mit dünnen Scheiben und einem grünlichen Dach völlig verglast, was ebensogut, vielleicht besser, paßt. Es ist der Balkon, dieses Runde vorm Eckigen, der diese Villa so elegant macht.

Ganz wie die anderen Gebäude der Straße ist auch dieses Gebäude völlig ortlos und international. Es ist ein Kleinod, dem man nur das Beste wünschen kann in der Renovierung, die im Sommer 2018 offenbar anstand.

Was in Iași wirklich wichtig ist, das ist selbstverständlich, so interessant und hübsch das Haus über der Straße und das mit dem gläsernen Balkon sind, nicht in der Aleea Copou zu finden.

Bauen für die Zukunft

Es war einmal ein Vororthäuschen, das mehr sein wollte. Als es 1899 erbaut wurde, stand es in mindestens zweifacher Hinsicht am Rande: am Rande von Oliwa und mit diesem am Rande von Gdańsk, zu dem es noch nicht gehörte und von dessen polnischem Namen beide noch wenig ahnten. Doch es lag auch mit einer Handvoll anderer Häuschen, die zusammen nach einem kleinen Gasthaus auf älteren Karten Klein-Krug hießen, an der Chaussee nach Sopot und wenn schon Oliwa ein Villenvorort war, dann war Sopot geradezu mondän. Das wußte das Häuschen und dementsprechend zeigte es sich.

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Es hat bloß zwei Geschosse, von denen das obere bereits halb unter dem Satteldach liegt. Zum Nachbarhaus, das in nur geringem Abstand links steht, hat es eine Brandmauer, läßt es sich aber nicht nehmen, sie oben, vor der zur Straße zeigenden Hälfte der Dachschräge, mit einem Treppengiebel als irgendwie Gdańsker Zitat zu beschließen. Im linken Teil ist im Erdgeschoß wie im Obergeschoß je ein großes Fenster, wobei das obere als halbe Gaube aus dem Dach ragt. Der rechte Teil ist zur Straße hin leicht vorgesetzt und endet im Erdgeschoß als halbes Achteck. Im Obergeschoß ist darauf ein Balkon, hinter dem eine große rundbögige Fenster- und Türfläche ist. Das über diesem Teil quer gesetzte Satteldach beschirmt den Balkon und unter seinen Schrägen nehmen geschwungene Balken das Rund des Fensters wieder auf.

Und über all dem ist der Turm. Sein Ansatz hat dank einem gewalmten Teil des Dachs eine Pyramidenform, bevor es auf mit der Spitze zur Straße zeigender quadratischer Grundfläche weiter ansteigt. War er bisher mit rotem Blech verkleidet, so folgt nun ein hölzerner Teil, der mit nach außen geschwungenen Streben breiter wird und mit einem wiederum roten Kuppeldach abschließt. Noch darauf erhebt sich eine hohe Spitze, die über mehrere Kugelelemente immer schmaler wird. Erst weit oben findet sie und damit der Turm mit einer Wetterfahne, in der die Jahreszahl 1899 steht, ihr Ende, aber wie es scheint nur widerwillig, weil die Gesetze der Physik und der damaligen Bautechnik mehr nicht erlauben.

Es ist wirklich ein Turm, kein Türmchen, denn mit ihm verdoppelt das Häuschen seine Höhe beinahe. Architektonisch hat er keinerlei Funktion, aber für den Anspruch des Häuschens ist er entscheidend. Groß wollte es sein, hoch, repräsentativ, den Fuhrwerken auf der Chaussee von Bedeutung und Wohlstand künden. Nicht ein letztlich kleines Vororthäuschen am Rande des Rands, sondern ebenbürtig den Villen von Oliwa und Sopot wollte es sein. Sogar die Jahreszahl 1899 auf der Spitze wirkt symbolisch: das neue Jahrhundert möge kommen, das Häuschen ist fertig, es ist bereit.

Auf ganz anrührende Weise sieht man hier ein Bauen für die Zukunft, die anders als die Potenzierung des Gegenwärtigen aber nicht ansatzweise gedacht werden konnte: bevor ein Nachbar eine wirkliche Villa mit drei Geschosse oder auch bloß zwei vollen baut, muß das Häuschen wenigstens den höchsten Turm haben. Das gelang. Das Häuschen ist auch hundertzwanzig Jahre später noch auf weiter Strecke das repräsentativste auf seiner Straßenseite. Aber das ist nicht deshalb so, weil es den Wettbewerb gewann, sondern weil der Wettbewerb nie stattfand. Alles, worum es sich bemühte, wurde schon wenig später völlig bedeutungslos.

Vor allem rückte es noch mehr an den Rand. Zwar entstand ringsum eine polnische Trójmiasto (Dreistadt), die als Bandstadt viele Zentren oder keines hat, aber die Chaussee wurde zur vielspurigen Schnellstraße, die diesen neuen Stadtorganismus für Autos erschließt und in diesem Abschnitt Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) heißt. Anders als die Fuhrwerke fahren die Autos viel zu schnell, um das nah an der Fahrbahn stehende Häuschen auch nur wahrnehmen zu können, Turm hin oder her.

Und die Zukunft, die wirkliche Zukunft, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Form einiger schräg aufgereihter elfgeschossiger Wohnhochhäuser. Sie bemühen sich nicht darum, hoch zu wirken, sie sind es einfach. Sie wollen nichts repräsentieren, sondern nur ihre Funktion erfüllen. Erst im Vergleich mit dem Häuschen stehen sie für die Zukunft, aber sie vergleichen sich ja nicht mit ihm, sie wissen nichts von ihm, sie existieren in ganz anderen Dimensionen.

Es war einmal ein Vorstadthäuschen, das mehr sein wollte, aber es scheiterte so absolut, daß sogar sein Scheitern unsichtbar wurde.