Archiv der Kategorie: Kleinodien

Turiner Einzelheiten: Lila, Weiß und Grün

Ein typisches bürgerliches italienisches Wohngebäude aus den Fünfzigern oder Sechzigern, gelegen in einer der teureren Gegenden von Turin in den Hügeln jenseits des Po. Ein Eckbau links der ansteigenden Via Giovanni Boccaccio (Giovanni-Boccaccio-Straße), vier Obergeschosse auf dünnen runden Betonstützen, die das Erdgeschoß bis auf den weit zurückgesetzten und von der Straße aus gleichsam unsichtbaren Eingangsbereich auflösen. Der aufgestützte Baukörper ist ganz mit kleinen quadratischen cremefarbenen Kacheln verkleidet, zu denen als Kontrast in den Geländern der Eckbalkone und unter den großen Fensterflächen in der abzweigenden Via Guido Cavalcanti (Guido-Cavalcanti-Straße) ebensolche in kräftigem Lila kommen.

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Das Gebäude füllt in schnörkellos kubischer Form sein Grundstück aus, doch zur Via Boccaccio ist auch eine große Einbuchtung. Da sich um sie zu zwei Seiten laubengangartige Balkone legen, die links von einer fortgesetzten runden Stütze getragen werden, während rechts nur schmale Fensterbänder und geschoßhohe ornamental durchbrochene Betonblenden sind, wirkt sie wie ein zufällig offengelassener Hinterhof.

In diesem Bereich steht, ihn bis ins dritte Geschoß ausfüllend, ein immergrüner Baum in nach oben verjüngter Kegelform, wie er in Italien so häufig ist, eine Magnolie, die aber mit den schön- und kurzblühenden Zierbäumen nördlicher Vorgärten und Parks wenig zu tun hat. Sie ist wie der Höhepunkt des wohlgestalteten und ebenso exotischen Gartens unterhalb der aufgestützten Geschosse, zwischen den Betonstützen.

Diese Vegetation und diese Architektur gehören zusammen und sind sehr italienisch. Sie sind geschmackvoll und hübsch und sie sind hier so normal wie bei uns im Norden unbekannt. Ähnliche Gebäude gibt es in Turin zu dutzenden, wenn auch meist eher ohne die Le Corbusier’sch angehauchten Stützen. Gerade diese helfen jedoch, über die hübschen exotischen Oberflächen, in die man sich so gerne verlieben will, hinwegzusehen, denn sie sind für die Stadt ohne Bedeutung. Es handelt sich dennoch um Blockrandbebauung. Um den Garten verläuft eine Mauer mit horizontaler Steinverkleidung und ein Stahlzaun, ganz links neben der Brandmauer des Nachbarhauses ist eine Einfahrt, durch die man bloß in einen kleinen Hinterhof mit einigen Garageneinfahrten kommt.

So fern seine Formen auch davon sind, städtebaulich geht das Gebäude nicht über das 19. Jahrhundert hinaus. Es ist damit durchaus typisch für das kapitalistische Italien der Nachkriegszeit.

Perlen und Beton

Der Paarl-Hoeve (Perlenhof) steht im winzigen nordholländischen Örtchen Krabbendam als eines der wenigen Gebäude jenseits des am Deich verlaufenden Kanals. Schon deshalb ist er hervorgehoben.

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Von Weitem sieht man jenseits der Schafsweiden ein typisches nordholländisches Bauernhaus mit großen quadratischen Grundriß, einem backsteinernen Erdgschoß und hohem, ursprünglich reetgedecktem Zeltdach. Auf der einen Seite stehen hölzerne Ställe und auf der anderen hohe alte Bäume. Zwischen diesen, zu Wasser und Deich hin, verbirgt sich ein großer Garten und ein großer Anbau, im eigentlich ein weiteres Haus, in historistischen Backsteinformen.

Im holzverzierten Giebel, der von der Straße heute jedenfalls im Sommer kaum mehr zu sehen ist, steht auch der Name „Paarl-Hoeve“. Heute paßt er vielleicht noch besser als früher, als er sich einfach auf die Bauernfamilie Paarlberg, die die Gebäude 1901 errichtet hatte, bezog, denn versteckt wie eine Perle liegt der Hof.

Aber das, was ihn am außergewöhnlichsten macht und am meisten hervorhebt, zeigt er wiederum ganz offen: die Betonbrücke von der Straße auf dem Deich zu seinem Gelände. Bereits im abfallenden Ufer hat sie massive Blöcke, die zur eher schmalen und hohen Öffnung unter der eigentlichen Brücke schmaler werden.

Dem entspricht auf Straßenebene eine trichterförmige Verjüngung der Fläche, die von niedrigen Bordüren begrenzt ist, zur schmalen Brücke hin und die folgende Verbreiterung zu Garten und Haus, die auch etwas niedriger liegen.

Nur aus der Entfernung und bei genauerem Blick merkt man, daß die grundstückseitige Wand der Öffnung nach oben und hinten leicht schräg ist.

Die Betonbrücke des Paarl-Hoeve ist ein makelloser Zweckbau. Wo sich die das historistische Gebäude mit sinnloser Ornamentik schmückt, ist sie völlig funktional. Wo jenes allzu klar in eine Zeit einzuordnen ist, könnte diese irgendwann zwischen 1920 und 1970 entstanden sein oder sogar früher. Obwohl die Brücke kein Brutalismus, der rohen Beton zum Ornament reduziert, ist, merkt man ihr doch eine gewisse Freude am Material, das sie vom backsteinroten Einerlei so deutlich abhebt, an. Sie ist die eigentliche Perle.

 

Bürgerliches Iași

Während der Großteil der Häuser von Iași klein und bescheiden ist und im Sommer im Wein verschwindet, gibt es auch hier eine typisch großbürgerliche Architektur. Sie konzentriert sich im Stadtteil Copou bei der Universität, am oberen Teil der durch die Stadt führenden Achse, wo viele Parks sind, überhaupt alles großzügiger und ruhiger wird und eine Kaserne nicht weit ist, damit im Fall der Fälle rasch die Ruhe wiederhergestellt werden kann. Die Achse heißt hier Bulevardul Carol I. (Carol-I.-Boulevard) und aus der Regierungszeit dieses ersten rumänischen Königs (1866-1914) sind auch viele der bürgerlichen Villen. Einige interessantere kann man in der Aleea Copou (Copou-Allee), die vom Boulevard abzweigt und am Rande eines Parks entlangführt, betrachten.

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Zuerst freistehende bürgerliche Mietshäuser, zwei-, dreigeschossig und in allerlei historistischen Formen. Gebäude dieser Art könnten überall in Europa stehen, die Straße hat keinerlei lokales Element mehr, man könnte meinen, Iași, Rumänien, verlassen zu haben. Doch dann folgt ein Gebäude, das zwar ebenfalls überall stehen könnte, aber überall ungewöhnlich wäre und auffiele. Statt an der Straße steht es quer über ihr.

In der Mitte ist unten eine Durchfahrt auf dorischen Säulen, während darüber im zweiten Geschoß eine große und hohe Glasfläche mit seitlichen ionischen Säulchen und Rundbogen die Torform vollendet und vom überstehenden Satteldach mit einer ornamentalen Konstruktion aus Holzbalken beschirmt wird. In der Durchfahrt sind Nischen und zu beiden Seiten Eingänge, so daß der innere Aufbau des Gebäudes unklar bleibt.

Es bleibt ein historistischer Bau, doch er schafft mit der Durchfahrt zugleich einen sehr ungewöhnlichen städtischen Raum und läßt hinter dem Fenster einen prachtvollen Innenraum mit sehr ungewöhnlicher Aussicht erahnen. Solche Experimente, solche Extravaganzen sind das Beste, was man von historistischer Architektur erwarten kann, und daß sie so selten sind, ist nur ein weiteres Argument gegen sie.

Auf der anderen Seite der Durchfahrt verändert sich der Charakter der Straße völlig, man ist eine andere Zeit getreten, die Zwischenkriegs, in der verschiedene Könige regierten, zuletzt der umstrittene Carol II.

Nach wie vor sind dort großbürgerliche Häuser, doch statt historistischen Formen sind sie nun ganz schlicht und eckig, bauhausstilig, weiß verputzt. Das Haus über der Straße ist wie ein Tor zur modernistischen Architektur, die aber nur in den äußeren Formen fortschrittlicher ist. Versteckt hinter Bäumen überläßt es ihnen die weitere Straße völlig. Nach dem Bogen nach links, den die Aleea Copou macht, steht auf der linken Seite ein Haus, das Iașis großbürgerlicher Architektur der Zwischenkriegszeit, besonders gut repräsentiert.

Es ist zweigeschossig, gelblich verputzt, die Fenster in blaßblauem Holz gefaßt, sein Dach flach und leicht gestuft überstehend. Rechts ist der etwas niedrigere Eingangs- und Treppentrakt mit schmalen vertikalen Fensterbändern nach vorne und nach rechts. Der Mittelteil ist etwas vorgesetzt und am höchsten, links schließt wiederum zurückgesetzt und etwas niedriger ein weiterer Teil an. Vor diesen beiden Teilen verläuft ein Balkon, der rechts abgerundet beginnt, abgerundet um die Ecke verläuft und links abgerundet endet. Ursprünglich hatte er wohl nur horizontale Stahlrohrgeländer, doch schon lange ist er mit dünnen Scheiben und einem grünlichen Dach völlig verglast, was ebensogut, vielleicht besser, paßt. Es ist der Balkon, dieses Runde vorm Eckigen, der diese Villa so elegant macht.

Ganz wie die anderen Gebäude der Straße ist auch dieses Gebäude völlig ortlos und international. Es ist ein Kleinod, dem man nur das Beste wünschen kann in der Renovierung, die im Sommer 2018 offenbar anstand.

Was in Iași wirklich wichtig ist, das ist selbstverständlich, so interessant und hübsch das Haus über der Straße und das mit dem gläsernen Balkon sind, nicht in der Aleea Copou zu finden.

Bauen für die Zukunft

Es war einmal ein Vororthäuschen, das mehr sein wollte. Als es 1899 erbaut wurde, stand es in mindestens zweifacher Hinsicht am Rande: am Rande von Oliwa und mit diesem am Rande von Gdańsk, zu dem es noch nicht gehörte und von dessen polnischem Namen beide noch wenig ahnten. Doch es lag auch mit einer Handvoll anderer Häuschen, die zusammen nach einem kleinen Gasthaus auf älteren Karten Klein-Krug hießen, an der Chaussee nach Sopot und wenn schon Oliwa ein Villenvorort war, dann war Sopot geradezu mondän. Das wußte das Häuschen und dementsprechend zeigte es sich.

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Es hat bloß zwei Geschosse, von denen das obere bereits halb unter dem Satteldach liegt. Zum Nachbarhaus, das in nur geringem Abstand links steht, hat es eine Brandmauer, läßt es sich aber nicht nehmen, sie oben, vor der zur Straße zeigenden Hälfte der Dachschräge, mit einem Treppengiebel als irgendwie Gdańsker Zitat zu beschließen. Im linken Teil ist im Erdgeschoß wie im Obergeschoß je ein großes Fenster, wobei das obere als halbe Gaube aus dem Dach ragt. Der rechte Teil ist zur Straße hin leicht vorgesetzt und endet im Erdgeschoß als halbes Achteck. Im Obergeschoß ist darauf ein Balkon, hinter dem eine große rundbögige Fenster- und Türfläche ist. Das über diesem Teil quer gesetzte Satteldach beschirmt den Balkon und unter seinen Schrägen nehmen geschwungene Balken das Rund des Fensters wieder auf.

Und über all dem ist der Turm. Sein Ansatz hat dank einem gewalmten Teil des Dachs eine Pyramidenform, bevor es auf mit der Spitze zur Straße zeigender quadratischer Grundfläche weiter ansteigt. War er bisher mit rotem Blech verkleidet, so folgt nun ein hölzerner Teil, der mit nach außen geschwungenen Streben breiter wird und mit einem wiederum roten Kuppeldach abschließt. Noch darauf erhebt sich eine hohe Spitze, die über mehrere Kugelelemente immer schmaler wird. Erst weit oben findet sie und damit der Turm mit einer Wetterfahne, in der die Jahreszahl 1899 steht, ihr Ende, aber wie es scheint nur widerwillig, weil die Gesetze der Physik und der damaligen Bautechnik mehr nicht erlauben.

Es ist wirklich ein Turm, kein Türmchen, denn mit ihm verdoppelt das Häuschen seine Höhe beinahe. Architektonisch hat er keinerlei Funktion, aber für den Anspruch des Häuschens ist er entscheidend. Groß wollte es sein, hoch, repräsentativ, den Fuhrwerken auf der Chaussee von Bedeutung und Wohlstand künden. Nicht ein letztlich kleines Vororthäuschen am Rande des Rands, sondern ebenbürtig den Villen von Oliwa und Sopot wollte es sein. Sogar die Jahreszahl 1899 auf der Spitze wirkt symbolisch: das neue Jahrhundert möge kommen, das Häuschen ist fertig, es ist bereit.

Auf ganz anrührende Weise sieht man hier ein Bauen für die Zukunft, die anders als die Potenzierung des Gegenwärtigen aber nicht ansatzweise gedacht werden konnte: bevor ein Nachbar eine wirkliche Villa mit drei Geschosse oder auch bloß zwei vollen baut, muß das Häuschen wenigstens den höchsten Turm haben. Das gelang. Das Häuschen ist auch hundertzwanzig Jahre später noch auf weiter Strecke das repräsentativste auf seiner Straßenseite. Aber das ist nicht deshalb so, weil es den Wettbewerb gewann, sondern weil der Wettbewerb nie stattfand. Alles, worum es sich bemühte, wurde schon wenig später völlig bedeutungslos.

Vor allem rückte es noch mehr an den Rand. Zwar entstand ringsum eine polnische Trójmiasto (Dreistadt), die als Bandstadt viele Zentren oder keines hat, aber die Chaussee wurde zur vielspurigen Schnellstraße, die diesen neuen Stadtorganismus für Autos erschließt und in diesem Abschnitt Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) heißt. Anders als die Fuhrwerke fahren die Autos viel zu schnell, um das nah an der Fahrbahn stehende Häuschen auch nur wahrnehmen zu können, Turm hin oder her.

Und die Zukunft, die wirkliche Zukunft, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Form einiger schräg aufgereihter elfgeschossiger Wohnhochhäuser. Sie bemühen sich nicht darum, hoch zu wirken, sie sind es einfach. Sie wollen nichts repräsentieren, sondern nur ihre Funktion erfüllen. Erst im Vergleich mit dem Häuschen stehen sie für die Zukunft, aber sie vergleichen sich ja nicht mit ihm, sie wissen nichts von ihm, sie existieren in ganz anderen Dimensionen.

Es war einmal ein Vorstadthäuschen, das mehr sein wollte, aber es scheiterte so absolut, daß sogar sein Scheitern unsichtbar wurde.

Essen in Velké Meziříčí

Das beste Essen meiner tschechoslowakischen Reise 2018 hatte ich in Velké Meziříčí etwa im Jahre 1985.

Ein Flachbau am Hang beim Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), vorgesetzte Terrasse mit Hochbeet im Betongeländer, verglaste Vorderseite, von einem gemeinsamen Foyer in der Mitte erschlossen eine kleine coop Jednota-Kaufhalle rechts und das Bufet „U zastávky“ (Bei der Haltestelle) links, was oben unter dem Dach auch in weißen Rechtecken mit grünen Buchstaben als „Bufet“ und „Potraviny“ (Lebensmittel) ausgepriesen ist.

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Ein Raum mit holzgetäfelten Wänden, nicht klein, nicht groß, nicht eng, nicht geräumig, sondern genau so, wie er sein muß. Stühle mit rotem Kunstlederpolster und weißem Saum, auf Stahlstützen im Boden befestigte Tische mit roten und grünen Tischdecken. Direkt neben der Glastür die Theke, wo ein älterer Mann, Herr Pěchota, das Essen ausgibt, nicht unfreundlich, nicht freundlich, nicht abweisend, nicht jovial, sondern genau so, wie er sein muß. An der Wand hinter ihm steht das Essensangebot des Tages und vor ihm schon die Fleischstücke, damit er nur noch die Soße darüber gießen und die knedlíky (Semmelknödel) dazulegen muß. Ich bestellte svíčková (Lendenbraten), er verstand sekaná (Hackbraten), aber das war die bessere Wahl. Wohl da ich recht spät kam und nichts davon mehr sehr warm war, stellte er es kurz in eine riesige Mikrowelle der Firma National. Jede andere Mikrowelle hätte im tschechoslowakischen Jahr 1985 anachronistisch gewirkt, aber dieses Modell der heute besser als Panasonic bekannten japanischen Firma kann man sich als teuren Import aus dem kapitalistischen Ausland gut vorstellen. Gleiches gilt für die beiden softpornographischen Aufnahmen an der Holzvertäfelung nach dem Ende der Theke, gleich hinter dem Getränkeangebot aus bereitstehenden Dessertdrinks und zu zapfendem Bier, bloß die Schamhaare fehlten. In der Wand sind weiterhin noch die Durchreiche der Geschirrückgabe und die Tür zu den Toiletten.

Das Essen konnte in dieser Umgebung nur gut sein und das Publikum war so gemischt und unprätentiös, daß ich mit langem Haar und bunter Tasche wohl als Tscheche hätte gelten können, wenn ich denn Bier getrunken hätte. Die Lage mit Fensterfront auf die Terrasse, das Grün und die eingleisige Bahnstrecke hätte nicht besser sein können, doch wenn das Gebäude sich zur andere Seite öffnete, würde es einen einzigartigen Blick über die Stadt bieten. Kirchturm, Schloß und Autobahnbrücke lägen zum Greifen nahe vor einem.

Für die Tschechoslowakei wäre das vielleicht besser gewesen, aber das Bufet wäre dann auch so ein unverkennbar perfekter Ort, daß es sich das Jahr 1985 wohl kaum über dreißig lange Jahre Kapitalismus so unverfälscht bewahrt hätte.

Metamorphosen und Ausstrahlungen einer Schule

Nicht immer verraten Gebäude alles, nicht immer ist die Anschauung genug, sie wirklich zu verstehen. In der Żeromskiego (Żeromski-Straße) in Trzcianka beispielsweise:

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Gleich auf den ersten Blick ein Schulgebäude aus den Zwanzigern, zur Bauzeit und lange danach eines der modernsten Gebäude der Stadt. Drei Geschosse, die großen Fenster durch Backsteinflächen zu horizontalen Bändern zusammengefaßt. Über den beiden Eingängen dünne halbrunde Vordächer, die beidseits auf massiven, aber stark abgerundeten Backsteinwänden mit horizontaler Struktur ruhen.

Das könnte alles sein. Ein nicht herausragendes, aber makelloses Beispiel dafür, wie fortschrittliche Architekturmoden in die östliche Provinz unweit der damaligen Grenze zu Polen drangen. Auch der leidige deutsche Backsteinexpressionismus ist hier schon überwunden, es gibt keine monumentalen Elemente. So weit reicht die Anschauung. Einziger kleiner Punkt der Irritation könnte das leicht überstehende backsteinerne Gesims unterhalb des Flachdachs sein. Etwas an ihm ist zu ornamental und für ein solches Gebäude betont es das Dach zu sehr.

Nicht Aufklärung, die nie nötig schien, sondern einen ganz neuen Blick verschafft auf Polnisch, Englisch und Deutsch eine neue Informationstafel an der Seite des Gebäudes.

Die Schule, erfährt man, wurde ursprünglich 1895 in zweifelsohne historistischen Formen erbaut und bekam in den zwanziger Jahren ihre heutige Gestalt. Noch später, bereits zu polnischer Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wurde das große Walmdach durch das heutige Flachdach ersetzt. Damit wurde vollendet, was in den Zwanzigern begonnen worden war, denn die Gebäudeformen verlangen ein Flachdach. Das Gesims ist die letzte Spur des Alten.

Insgesamt also ist das Gebäude kein Neubau, sondern ein alter mit auf die Höhe der Zeit gebrachter Fassade. Es spricht für Trzcianka, dieses Bedürfnis nach wenigstens äußerlicher Modernität verspürt zu haben. Ansonsten findet man in der Stadt wenige Gebäude, die so weit gehen. Das meiste andere, was in den Zwanzigern entstand, ein Viertelkreis von Häusern am Straßenanfang beim Bahnhof etwa, ist in dem Formen weit konservativer, immer hohe Dächer, Treppengiebel. Weiter draußen gibt es viele satteldächige Einfamilienhäuser, die aus der Nazizeit sein könnten. Einzig ein Wohngebäude am Anfang der Sikorskiego (Sikorski-Straße) nach den Gleisen faßt seine Fenster auf ähnliche Art mit Backstein horizontal zusammen.

Und dann ist da noch ein kleines Häuschen in der Dąbrowskiego (Dąbrowski-Straße).

Es sieht aus wie die anderen Häuschen dort: ein einziges niedriges Geschoß parallel zur Straße, vier Fenster, Eingang in der Mitte, Satteldach, ein eigentlich dörflicher Haustyp, der kaum ins 20. Jahrhundert paßt, was man umso mehr merkt, als dahinter die fünfgeschossigen Bauten eines Wohngebiets aufragen. Aber etwas ist an ihm anderes.

Im dreieckigen Giebelfeld an der linken Schmalseite sind um ein dreieckiges Fensterchen ganz oben und zwei quadratische seitlich dunkle Rahmen gemalt, was noch nicht ungewöhnlich ist, aber zudem gibt es bloße Backsteinflächen beidseits des größeren Fensters in der Mitte – bandartige Verbreiterungen. Außerdem ist der Eingang mit seiner kleinen Treppe nicht bloß wie bei anderen Häuschen deutlich zurückgesetzt, sondern hat geschwungen zu ihm hin schmaler werdende Seitenwände.

Das sind nur kleine Details, doch die genügen, das Häuschen in eine Verbindung zum Schuldgebäude in der Parallelstraße, das von seiner Schwelle fast zu sehen ist, zu setzen. Ein Maurer habe sich das Häuschen gebaut, heißt es, und es ist gut vorstellbar, daß er am Umbau der Schule beteiligt war und als aufgeschlossener Arbeiter ein wenig von den dort kennengelernten neuen Formen für sein eigenes Heim verwandte.

Es ist eine hübsche Geschichte der Ausstrahlung von Architektur an die unwahrscheinlichsten Orte. Hier muß wieder die Anschauung genügen, eine Informationstafel hat das Häuschen nicht und wird es wohl nie haben. So wie das Schulgebäude nicht ganz war, was es zuerst schien, war auch seine Wirkung auf Trzcianka weit größer, als es zuerst scheinen mochte. Es gibt noch vieles, was auch dieses großpolnische Provinzstädtchen verraten könnte.

olivetti

Selbstverständlich ist der Showroom des Schreibmaschinenherstellers Olivetti am Markusplatz in Venedig ein Meisterwerk der Ladenarchitektur. Die großen dunkelgoldgerahmten Fenster mit leicht abgeschrägten Ecken. Das hölzerne Band zwischen den weißen Kapitellen der Procuratie Vecchie, in denen in einfachen Kleinbuchstaben aus blaßgoldenem Metall der Markenname steht.

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Erst recht der leicht erhöhte Innenraum mit Bodenmuster aus kleinen Quadraten, mit einer einst goldenen abstrakten Plastik von Alberto Viani in einem sehr flachen schwarzen Wasserbecken und mit einfachen Holzflächen zur Präsentation der Schreib- und Rechenmaschinen, die durch recht komplizierte Verstrebungen schräg nach unten und durch eine dünne Stange zur Decke so schwebend wirken.

Für olivetti, eine der berühmtesten italienischen Firmen ihrer Zeit, gab es gar keine andere Möglichkeit, als hier, an einem der berühmtesten Orte der Welt, ein Meisterwerk zu schaffen.

Seit 1958, als der Raum gestaltet wurde, scheint sich nichts verändert zu haben, aber das liegt daran, daß er später, als er musealer Ausstellungsraum für Design statt kommerzieller Verkaufsraum für Produkte wurde, behutsam zum Originalzustand  zurückgeführt wurde.

Doch fast noch besser als die transparente Ecke, die man sieht, wenn vom Platz unter die Arkaden getreten ist, ist die Wand, die sich einem als erstes darbietet, wenn man aus dem Gassengewirr der Stadt durch den eher dunklen Gang des Sotoportego del Cavalleto kommt. Hier nimmt die schlichte helle Steinverkleidung gar keine Rücksicht mehr auf die Gesimse und Pilaster des alten Gebäudes. Auf dem rauhen Stein rechts steht ein weiteres Mal der Markenname und daneben ist im glatten Stein und halb in einer um Unsichtbarkeit bemühten oder diese Bemühung behauptenden steinverkleideten Tür das Logo.

Es ist eine Art eckige Spirale, die links unten beginnt und deren Strich von der Mitte waagerecht wieder nach rechts hinausführt. Das Logo findet sich auch rechts des Schaufensters in der Wand des zurückgesetzten Eingangs, dort sogar aus dunkelgoldenem Metall und von hinten beleuchtet, doch bei der versteckten Tür, wo seine Reliefform mit abblätternder goldener Farbe gefüllt ist,  wirkt es eigentümlicherweise noch wirkungsvoller. Seine quadratische Form scheint sich hier auf das Quadrat des zugemauerten eckigen Bogens darüber zu beziehen. Aus der eckigen Spirale des Logos scheint die eher zufällige Form darüber zu erwachsen und auch der ebenfalls zugemauerte Rundbogen rechts scheint von einem Überbleibsel eines älteren Ladenraums zu einem gewollten geometrischen Element des neuen olivetti-Showrooms zu werden. Hier, wo es vom Neuen völlig überdeckt scheint, ist das Alte auf subtilere Art aufgehoben als vorne, wo die Kapitelle und Gesimse eher unbeholfen um das Holzband verbleiben. Hier, wo er eigentlich nur seine Hintertür hat, ist der Raum auch nach außen hin ganz er selbst.

Anders kann das bei einem Meisterwerk nicht sein.