Archiv der Kategorie: Kleinodien

Ein Kleinod in Bergen

An der südlichen Seite des Hafens von Bergen steht ein Kleinod:

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Auf einem großen quadratischen Grundriß mit abgerundeten Ecken hat es zwei Geschosse, das untere mit einigen großen Toren und wenigen Fenstern, das obere mit vielen Fenstern zwischen vertikalen Streben. Und zwischen beiden Geschossen verläuft ringsum ein enorm weit freischwebendes Vordach mit ebenso abgerundeten Ecken. Seine dünne Betonkonstruktion verdoppelt die vom Gebäude eingenommene Fläche beinahe, aber sie ist ja nicht eingenommen, sondern nur überdacht.

Alles erklärt sich aus diesem Vordach. Daß es da ist, ergibt sich aus der Funktion des auf einem rechteckig in den Hafen ragenden Pier gelegenen Gebäudes, in dem Werkstätten für Schiffe waren und teils noch immer sind. Einen möglichst großen geschützten, aber allseitig zugänglichen Bereich zu haben, ist hier gerade angesichts des unberechenbaren, meist regnerischen Bergener Wetters äußerst nützlich. Das ließe sich auch auf viele andere Arten erreichen, wie etwa das flügelartige Betondach des Gebäudes auf dem nächsten Pier zeigt,

aber nicht leicht in solcher Leichtigkeit und Eleganz. Aus seiner Funktion hervorgehend, bestimmt das Vordach auch die gesamte Form des Gebäudes. Es ist die Horizontale, die die beiden Geschosse teilt, und zugleich der Grund für die vertikalen Streben des Obergeschosses, da sie sich auf ihm fortsetzen, um es in seiner spektakulären Schwebe zu halten.

Wie so viele andere ist auch dieses Kleinod eher unauffällig und isoliert. Das Gebäude steht recht verloren zwischen aller möglichen vermischten Bebauung. Erst gegenüber der schmalen Hafenbucht, der Bergen alles verdankt, sind berühmtere Teile der Stadt: das hanseatische Viertel Bryggen und die Festung Bergenhus. Daß sie einmal ganz ähnlich funktional waren, bemerkt heute niemand mehr; sie sind Denkmäler geworden. Dieses Kleinod aber erfüllt bislang einfach nur seine Funktion.

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Eine Bank in Groningen

Das Gebäude, das 1958 für die Amsterdamsche Bank (Amsterdamer Bank) am Grote Markt (Großen Markt) in Groningen gebaut wurde, ist auch heute noch eines der markantesten der Stadt. In der Mitte der Nordseite des Platzes stehend, ist es das aber auf viel subtilere Weise als die monumentale Tempelfassade des Rathauses oder der hohe, in drei steinernen und zwei kupfernen Stufen ansteigende Turm der Martinikerk (Martinskirche), die seine Nachbarn sind.

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Die sechs vor dem leicht zurückgesetzten Erdgeschoß stehenden eckigen Stützen setzen sich hinter den großen Fensterflächen der drei weiteren Geschosse fort und tragen schließlich mit etwas Abstand zum obersten Geschoß ein dünnes leicht aufsteigendes und leicht überstehendes Betondach. Die weißgraue Steinverkleidung der Stützen im Erdgeschoß ist in den horizontalen Bändern, die die Geschosse optisch trennen, wieder aufgenommen. In der rechten Hälfte des zweiten Geschosses ragt ein kleiner quadratischer Balkon hervor und in regelmäßigem Abstand im vierten Geschoß drei weitere. Alle sind unten mit dem weißgrauen Stein verkleidet sind. Ansonsten sind da nur Glas und türkisgrüne Farbakzente, die einen Kontrast zu Stein und Beton bilden.

Schon im Vordach des links angeordneten Eingangs, in einigen der dünnen Fensterrahmen und in den dünnen Stahlgeländern der Balkone erscheint dieses Türkisgrün. Quadratische Flächen in derselben Farbe sind auch im überstehenden Dach und wenn man nahe genug herantritt, sieht man, daß auch die Gitterböden der Balkone so gefärbt sind und zu weiteren farbigen Quadraten werden.

Das Gebäude ist geradezu darauf ausgerichtet, von Nahem, mit hinaufgehendem Blick betrachtet zu werden. Heute, da der Grote Markt halbwegs vom Verkehr befreit ist, und man das Gebäude aus jeder beliebigen Entfernung so lange man will anschauen kann, erscheint das sinnlos, aber zur Entstehungszeit, als davor eine Straße und ein schmaler Gehsteig verliefen, war es das keineswegs. So erzählt die Architektur des Gebäudes nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die des umliegenden Stadtraums.

Daß dieses Gebäude und seine aus derselben Zeit stammenden Nachbarbauten überhaupt so gebaut wurden, hat wiederum mit der Geschichte der Kämpfe um die Stadt im April 1945 zu tun. In den Gebäuden der Nord- und Ostseite des Platzes hatten sich deutsche Truppen verschanzt und die kanadischen Befreiungstruppen hatten Panzer einsetzen müssen, um sie zu besiegen. Die beiden Platzseiten, nicht aber die nahe Kirche oder das Rathaus, wurden dabei völlig zerstört.

Die Amsterdamsche Bank wird sicher wenig darüber getrauert haben, daß ihre vorherige Filiale, ein expressiver Backsteinbau aus den Zwanzigern, durch eine neue, modischere ersetzt werden konnte. Sie zeigte sich dabei als ein architektonisch fortschrittlicherer Teil des Kapitals. Wie anders es hätte sein können – und damit die Beliebigkeit kapitalistischer Architektur – beweißt der backsteinverkleidete Eckbau rechts daneben, der sich mit einer Skulptur wohl auf die Kirche beziehen sollte.

Schließlich erzählt die Bankfiliale in Groningen noch die Geschichte der Konzentration des Bankwesens in den Niederlanden. Sie wurde errichtet für die Amsterdamsche Bank, doch diese schloß sich schon wenig später mit der Rotterdamsche Bank (Rotterdamer Bank) zur Amsterdam Rotterdam Bank, besser bekannt als AMRO, zusammen, aus der später die noch heute bestehende ABN AMRO wurde. Und fast scheint es, als habe das Gebäude nur darauf gewartet, denn seine türkisgrüne Farbakzente passen so gut zum gegenwärtigen Logo von ABN AMRO, daß sie fast wie Teil einer Corporate Identity wirken.

Architektonisch ist die Bank in Groningen nicht mehr und weniger als ein Bürohaus der Fünfziger, Teil der Blockrandbebauung, ein Kleinod, mit dem sich der Kapitalismus dieser Zeit repräsentierte. Es hat dabei eine Sensibilität für Details und ein Talent, vorgeblich sachliche Architektur edel wirken zu lassen, die es zum würdigen Vertreter ebendieser Architekturperiode machen.

Gerade wird das Gebäude umgebaut, ABN AMRO ist nach nebenan gezogen und schon verschwunden ist das Kleinod im Kleinod, das aus weißgrauem Stein gehauene abstrakte Relief im Balkon des zweiten Geschosses. Markant ist es noch immer.

Ein Kaufhaus in der Provinz

Manche Gebäude machen unsicher. Aus welcher Zeit stammt dieses Dom Služieb (Haus der Dienste) am Námestie SNP (Platz des SNP) im nordwestslowakischen Städtchen Rajec?

Hohe Schaufenster im Erdgeschoß, die in der Mitte, wo der Eingang ist, nach innen geschwungen sind. Eine Verkleidung aus vertikal gesetzten gelb-grauen Kacheln. Mittig vor den beiden Obergeschossen ein vorgesetzter Rahmen um Fenster und vertikale Streben aus Beton. Ganz rechts neben dem Schaufenster kleine vertikale und quadratische Fenster in unregelmäßiger Anordnung und in verschiedenen Farben.

Das alles könnte für die fünfziger Jahre sprechen, auch der Name klingt danach.

Aber dann kommt man in einen großen glasüberdachten Innenhof, um den in den Obergeschossen ovale Galerien mit Stahlgittergeländer verlaufen.

Und ist das nun ein Hof, eine Passage, eine Markthalle? Ist es groß oder klein, offen oder geschlossen? Etwas will nicht zum Sozialismus, der großzügig über städtischen Raum verfügen konnte, passen.

Nein, eher wirkt es, als habe hier ein Unternehmer versucht, auf einem letztlich kleinen Grundstück ein modernes, großstädtisches Gefühl zu erwecken. Es muß ein Gebäude aus der kapitalistischen ersten tschechoslowakischen Republik sein oder aus dem klerikalfaschistischen Tiso-Staat oder aus den paar halbkapitalistischen Jahren, die die wiedervereinigte Tschechoslowakei nach dem Krieg erlebte. Trotz der Schnörkellosigkeit der Formen bleibt dabei noch immer ein Nachgeschmack vom 19. Jahrhundert mit seinen nach innen gewandten Passagen.

Letztlich ist es ein Blick auf die Brandmauer an der Seite, wo ein Nachbarbau fehlt, und auf die Rückseite, der alle Gedanken an die Fünfziger verschwinden läßt.

Aber daß sie aufkommen konnten und auch jetzt noch etwas Unsicherheit bleibt, zeigt, was für ein eigenartiges, seltsam aus allen Zeiten gefallenes Gebäude dieses Kaufhaus ist, ein Kleinod. Manche Architektur kann nur in der Provinz entstehen.

Luxus

Eine Villa in der Hohen Tatra – wer hätte das nicht gern? Oder wer sollte das nicht gerne haben wollen, wenn er um diese Möglichkeit wüßte?

Groß sollte sie sein, aber nicht zu groß, modern, aber nicht zu modern. Vielleicht ein steinverkleidetes Sockelgeschoß, das auf der einen Seite nur sehr niedrig, auf der anderen Seite dank der Hanglage aber hoch genug für zwei Garagen und die übrigen Wirtschaftsräume ist.

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Darüber zwei schmucklose weiße Geschosse mit hölzernen Rolläden vor den Fenstern und ein leicht überstehendes Dach, das nicht ganz flach ist, aber meist so wirkt. Vor dem höher am Hang gelegenen Eingang ein Windfang aus Glasbausteinen und ein halbrund schwebendes Vordach, darüber vor dem Treppenhaus wieder Glasbausteine.

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Hineinführend eine nur durch ein rundes Fenster mit einem X aus dünnen Eisenstreben verzierte Tür.

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Im Inneren ein Treppenhaus mit schnörkellosen Gittergeländern und hölzernen Handläufen.

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Genügend Zimmer an einem erschließenden Gang, darunter ein schwarzgekacheltes Bad mit Wanne.

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Als Herz des Ganzen im erhöhten Erdgeschoß ein großes Kaminzimmer mit – so viel Rustikalität muß sein, damit man sich trotz all der Modernität als Burgherr fühlen kann – Kassettendecken, dunkler Holzverkleidung und einem spitzbögigen Durchgang ins Nebenzimmer.

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Doch es soll ja nicht irgendeine Villa, sondern eine in der Hohen Tatra sein. Das Entscheidende ist daher die Lage. Man will einen guten Blick auf die Berge und ins Tal, aber auch gute Infrastruktur. Da bietet sich der auf 1350 Metern Höhe gelegene Ferienort Štrbské Pleso  geradezu an. Straßen, die elektrische Eisenbahn und die Zahnradbahn führen hinauf. Außer Berg und Tal gibt es auch noch den namensgebenden Bergsee, auf den man also ebenfalls blicken will. Damit ist die Lage für die Villa auch schon beinahe vorgegeben. Da die Stellen im Süden zwischen See und Hang von großen Hotels eingenommen sind, bleibt nur ein schmaler Grat im Westen oberhalb des Sees. Und wirklich, genau so eine Villa, die Vila Limba, steht an an genau dieser Stelle in Štrbské Pleso.

Der Blick über den See ist es, um den sich das Gebäude am meisten bemüht. In der südöstlichen Ecke ist ein leicht abgesetzter Teil, der nur den Sockel und das Erdgeschoß umfaßt.

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Aus ihm öffnen sich vom Kaminzimmer lange vertikale Fenster gen See.

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Oben aber ist eine Dachterrasse.

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Eine kleine Stufe führt aus dem Obergeschoß hinaus, über einen Teil spannt sich noch das auf einer runden Stütze ruhende Dach, dann trennt einzig das schon aus dem Treppenhaus bekannte Gittergeländer den Blick von der Umgebung. Das scheinbar flache Tal vor der Niederen Tatra liegt zur einen Seite,

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der See vor dem Gebirgspanorama auf der anderen Seite.

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Die Villa ist kein herausragender Bau. In den Dreißigern war dergleichen in einem entwickelten kapitalistischen Industriestaat wie der Tschechoslowakei absolut nichts Besonderes. Sie ist bestenfalls Durschnitt. Auf ihre Lage geht sie kaum ein. Eine wirkliche Dachterrasse etwa, die einen offenen Rundumblick bietet, wäre nicht nur naheliegend, weil alle doch Le Corbusier gelesen hatten, sondern ob der Lage fast zwangsläufig. Doch die Villa Limba ist die einzige. So durchschnittlich ihre Architektur, so einmalig ist ihre Lage und die entscheidet alles. Sie hat keine Nachbarn. Sie steht nah an Štrbské Pleso, aber weit genug abseits, um das Gefühl zu wecken, sie stehe wirklich verloren in der majestätischen Natur.

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Die Blicke von ihren Fenstern und ihrer Terrasse gibt es von keinem anderen Ort. Von keinem anderen Ort muß man sich bloß umdrehen, um entweder den See oder das Tal zu sehen. Sie hat etwas, was niemand anderes hat. Und das, das ist Luxus.

Wie die Bilder vielleicht erahnen ließen, steht diese einmalige Villa in der Hohen Tatra heute leer.

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Das ist nur richtig, denn für diese Art von Luxus kann im vom sozialistischen Massentourismus geprägten und vom kapitalistischen Massentourismus fortgeführten Štrbské Pleso kein Platz sein. Wohlgemerkt ist es aber der Kapitalismus, der diesen ihm ureigenen Bau verfallen läßt. Abzuwarten, ob es ihm gelingen wird, die Villa als einen Ort uneinholbarer Exklusivität wiederzubeleben und zu vermarkten. Der Sozialismus hätte gut daran getan, sie als Aussichtspunkt und eine Art Museum der ersten tschechoslowakischen Republik zu gestalten. Gegenwärtig steht ihre Tür jedem, der gerne eine Villa in der Hohen Tatra hätte, offen.

Maria im Kino

Wie wenig es braucht, damit ein schöner und wiedererkennbarer Ort entsteht! Eine kleine Grünanlage in Pardubice, Bratranců Veverkových (Straße der Vettern Veverka), irgendwie zwischen einer kleinen gotischen Kirche, einem k.u.k. Schulklotz und einer Einkaufspassage, nichts besonderes. Doch ein Kunstwerk und ein architektonisches Kleinod genügen, um etwas daraus zu machen.

Zuerst eine barocke Marienplastik – ihr schlanker Körper zart aus dem Faltenwurf ihres Kleids, dessen Schnürung ihre Brust betont, emporwachsend, leicht zurückgelehnt, mit geöffneten Armen unendlich einladend dastehend und auf ihrem Gesicht ein Lächeln von großer Schönheit.

MariaBratrancůVeverkovýchPardubice

Angeblich soll diese Art der Mariendarstellung, eine Marie Karlovská, Maria schwanger zeigen, doch das würde man nie ahnen. Trotz dem vielsternigen Heiligenschein, der ihr aus dem Nacken wächst wie Antennen aus dem Kopf eines Marsmenschen, hat nichts an dieser Maria mit Religion oder Spiritualität zu tun, sondern nur mit völlig irdischer zärtlicher Liebe.

Am anderen Ende der Grünanlage steht am Anfang einer Häuserflucht aus der ersten Republik ein 1932 errichtetes Kino.

KinoJas70BratrancůVeverkovýchPardubice

Es ist vor allem eine hohe, fast leere Wandfläche, die rechts als pure Form beginnt, oben abgerundet und mit rundem Loch, sich nach links hin als freischwebender Streifen über den Saal legt und sich dann nach einem Schwung nach hinten und unten in dessen Seite fortsetzt. Davor ist rechts im zweiten Geschoß eine quadratische Terrasse und links daneben über den Eingangstüren ein gänzlich verglaster Foyerbereich, dessen Ecken leicht abgerundet sind. Weiter nach links sind weniger markante Bauteile vorgesetzt. Rechts ist über der Terrasse eine Leuchtreklame mit dem Namen des Kinos. Es heißt Jas 70, eine Verbindung des tschechischen Worts für Glanz und dem hochqualitativen 70-mm-Film, den es abspielen konnte. Kleingeschrieben und rot, das j länger und as und 70 verbindend, ist der Schriftzug ein wirkliches Logo. Die große leere Wand ist gleichsam die Leinwand, auf die Terrasse und Foyer als die eigentlichen Formen dieses Kinobaus gesetzt und noch um das Logo ergänzt sind.

Heute steht das Kino leer, keine Paare können mehr aus einer Vorstellung kommend am zärtlichen Lächeln der Maria vorbei zur Trolleybushaltestelle gehen. Aber ein schöner Ort bleibt es dank Staue und Kino doch, denn es braucht eben so wenig.

Architektonischer Humor

Humor gehört nicht in die Architektur, denn auch der beste Witz wird schnell alt, wenn man ihn zu oft hört, ein Gebäude aber will alt werden und oft gesehen werden. Wenn man also beim Anblick eines Gebäudes laut auflacht, spricht das schwerlich für dieses Gebäude.

Auf den ersten Blick wirkt folgendes Haus in der Straußengasse im 5. Bezirk angemessen humorlos und es gibt einem auch wenig Grund, es mit weiteren Blicken zu würdigen:

ARWTStraußengasse11Gesamt

zwischen einer Mietskaserne und einen Bau aus der Zwischenkriegszeit sechs Geschosse mit Fensterbändern und vorgesetzten schmalen Waschbetonbändern aus verschiedenen kleineren Platten. Im Erdgeschoß zwischen den Stützen eine Einfahrt und ein verglaster Eingang. Ein kleiner Bürobau aus den Sechzigern eben und was könnte weniger lustig sein?

Doch wieso ist da in der Wand links vom Eingang ein schmales horizontales Fenster, das mit seiner auffälligen Tiefe und dem seitlich und oben angebrachten Betonrand eher an die Schießscharte eines Bunkers erinnert?

ARWTStraußengasse11Eingang

Sogleich die Antwort: in dem Gebäude sitzt die Zentrale technische Produktdokumentation (ZTPD) des Amts für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT) des Bundesheers.

ARWTStraußengasse11Schießscharte

Da wohl kaum geplant war, das Gebäude durch die Schießscharte im nächsten Krieg im Häuserkampf zu verteidigen, kann es sich hier nur um einen gebauten Witz, um einen ironischen Kommentar zum Aufgabenbereich des Amts handeln. Noch lustiger ist, daß die Auftraggeber das vielleicht nicht einmal bemerkten. Man kann sich gut vorstellen, wie der Architekt die Schießscharte mit irgendwelchen haarsträubenden Architekturargumenten, gegen die keiner etwas zu sagen wagte, begründete und sich dann mit Freunden beim Heurigen über den gelungenen Scherz freute.

In solcher Subtilität kann architektonischer Humor sogar funktionieren.

Malmö Roddklubb

Es gibt Gebäude, die so perfekt an ihren Ort passen, daß man sie sich gar nirgends anders vorstellen kann. Der Sitz des Malmö Roddklubb (Ruderklub Malmö), errichtet 1942, als in anderen Teilen Europas dergleiche Baumaßnahmen eher keine Priorität genossen, ist ein solches Gebäude.

Wie eingezwängt steht er auf einem schmalen Grundstück zwischen dem Gleisgelände vorm Hauptbahnhof und einer großen Straße. Man kann ihn dort leicht übersehen, er bemüht sich auch nicht, auf sich aufmerksam zu machen, sogar die Reklame für den Kaffeehersteller Zoegas auf dem Dach verblasst schon.

MalmöRoddklubbGesamt

Er hat zwei Geschosse aus vom Verkehr angedunkeltem gelben Backstein. Zur Straße im Erdgeschoß kleine runde Fenster, im Obergeschoß in der rechten Hälfte unter einem leicht aufsteigenden Pultdach größere rechteckige Fenster und in der linken Hälfte eine große Terrasse mit einem Geländer aus glattem dunklen Holz. Der Übergang vom Obergeschoß zur Terrasse ist markiert durch ein größeres Fensterband bei der Ecke. An der rechten Schmalseite ist ein öffnungsloser halbrunder Teil, im Erdgeschoß ein Eingang und Fenster und im Obergeschoß ein kleiner Stahlgitterbalkon und Öffnungen mit Glasbausteinen.

MalmöRoddklubbEcke

Die Gleisseite entspricht fast der Straßenseite, doch sowohl die runden Fenster unten als auch die eckigen oben beginnen später und das Fensterband fehlt, während eine Treppe mit dunklem Holzgeländer am Erdgeschoß entlang auf die Terrasse führt. Die andere Schmalseite ist die schlichteste: im Obergeschoß eine Fahnenstange zwischen den Fenstern und Glastüren zur Terrasse, deren Geländer leicht abgeschrägt endet, im Erdgeschoß drei blaue Tore, die wie Garagentore aussehen.

MalmöRoddklubbWasser

Doch diese Seite öffnet sich zum Wasser. Von der Betonfläche vorm Gebäude führt ein Holzsteg hinab und bis weit aufs Wasser hinaus.  Hinter den Garagentoren ist die Halle mit den Booten, das Herz des Ruderklubs.

Das Gebäude muß an diesem Ort sein und es muß das Gebäude eines Ruderklubs sein. Entsprechend ist es architektonisch am schwächsten, wo es vom Wasser wegweist. Der halbrunde Teil ist noch durch ein Treppenhaus motiviert, aber der Balkon daneben ist nur noch bauhausstiliges Gimmick. Auch die Metallbuchstaben mit dem Namen, die unter dem Fensterband sind, passen zwar,

MalmöRoddklubbSchrift

aber sie wirken zu gesucht, zu kompliziert. Ihnen fehlt die ruhige Eleganz des ähnlichen und doch ganz verschiedenen Schriftzugs des Malmö Elverk (Elektrizitätswerk Malmö), der auf vielen roten Umspannungshäuschen prangt.

MalmöElverk

Doch wo das Gebäude auf das Wasser ausgerichtet ist, stimmt alles. Die Terrasse öffnet den Blick darauf, die Tore öffnen den Zugang dazu. Während es links unter einer Brücke hindurchgeht, verbreitert sich die Wasserfläche nach vorne langsam.

MalmöRoddklubbUmgebung

Offenes Wasser, das Meer gar, ist noch fern. Aufgrund seiner zentralen Lage in der nordöstlichen Ecke des Kanalsystems um den Stadtkern, ist es eher so, als sei das ganze Gebäude ein Tor zum Wasser und zugleich zu einem zweiten, vom Wasser statt von Straßen erlebten Malmö. Zur einfachen Brillianz des Gebäudes gehört es, daß es seine Verbindung zum Wasser nicht zuerst durch maritime Symbolik, obwohl man die finden könnte, sondern durch Funktionalität zeigt. Es zeigt außerdem, wie die Enge und ungünstige Lage eines Grundstücks durch die richtige Architektur nicht nur ausgeglichen, sondern zu einem Vorteil werden kann.

MalmöRoddklubbSeite