Chronogramm

Ein Chronogramm ist ein kurzer Text, in dem eine Jahreszahl versteckt ist. Dazu werden Buchstaben, die römische Ziffern sein können, durch Großschreibung hervorgehoben. Anders als bei normalen römischen Zahlen ist die Reihenfolge egal und es werden einfach alle Einzelziffern addiert. Das Chronogramm paßt damit gut zum Barock und seinem Hang zum Verspielten und Verrätselten. Er leistete damit auch dem späteren Betrachter seiner Bauten und Kunstwerke einen Dienst, denn ihm helfen Inschriften mit Chronogrammen zu deren genaueren zeitlichen Einordnung.

Aber auch noch um 1830, nachdem die antikisierende Strenge des Klassizismus mit solchen Spielereien vielerorts schon Schluß gemacht hatte, lebten Chronogramme und Barock an den Rändern, in der Provinz weiter. Hier zwei Beispiele aus dörflichen Teilen von Hradec Králové, die damals noch nicht geahnt hätten, daß sie einmal zu dieser Stadt gehören würden.

In Pouchov, nahe der nüchternen barocken Kirche, mit der ein weiter Bereich mit mehreren voneinander durch Mauern getrennten Friedhöfen endet, steht eine Statue des Johannes von Nepomuk.

Sie wirkt gänzlich barock, aber ihre Inschriften sind nicht auf Latein, sondern in einem alten Tschechisch verfaßt. Auf der Rückseite ist ein Chronogramm, das darunter bereits als 1829 aufgelöst ist, was aber erst bei der Restaurierung im Jahre 1906 geschehen sein mag.

Von [?] zu Ehren Gottes und des Heiligen Johannes von Nepomuk errichtet

Faszinierend ist hier, daß das W, ein Buchstabe, den weder das Lateinische noch das heutige Tschechisch kennen, als zwei Vs gezählt wird. So wird die Form des Chronogramms der Volkssprache angepaßt und noch verrätselter.

In einem ehemaligen Teil von Třebeš findet sich auf dem eng mit Gräbern bedeckten Hang zwischen dem hölzernen Glockenturm und der teils holzverkleideten und von hölzernen Arkaden umgebenen Kostel sv. Jana Křtitele (Johannes-der-Täufer-Kirche) das Grab von Wenzel und Anna Kohaut.

Es ist eines der wenigen deutsch beschrifteten Gräbern auf dem kleinen Friedhof, wobei die Germanisierung der Familie wohl noch nicht lange zurücklag, ist Wenzel doch die deutsche Form des sehr tschechischen Václav und bedeutet „kohout“ Hahn.

Es ist auch sonst ein eigenartiges Grab, das vorne im durchaus klassizistischen Rahmen aus Säulen und Dreiecksgiebel das Relief einer trauernden Frau zeigt und unten eine Inschrift in Schreibschrift hat, in der es mehr um die trauernde Tochter als um die Verstorbenen geht.

Erst auf der, allerdings zu den Arkaden zeigenden, Rückseite sind die Lebensdaten des 1834 verstorbenen Vaters und der 1835 verstorbenen Mutter genannt. Darunter ist eine weitere Inschrift, nun mit Chronogramm.

Es ist jedoch ein Chronogramm, das auf den ersten Blick keinerlei Sinn ergibt. Viele der hervorgehobenen Buchstaben, S, R, E, A und T, können keine römischen Ziffern sein. Nur, wenn man auch die Üs als Vs zählt, ergibt sich doch noch die Zahl 1837. Vielleicht hatte die Tochter nur noch ein ungefähres Gefühl dafür, was ein Chronogramm ist, und wollte die von ihr als mehr oder weniger arbiträr erlebte Verwendung großer und kleiner Buchstaben, die sie aus barocken Inschriften kannte, eher als Retroelement in das Grab ihrer Eltern einfügen. Vielleicht aber bilden die überschüssigen Buchstaben auch einen heute nicht mehr zu entschlüsselnden Code. S R E A E A T E E. Es ist unmöglich zu sagen. Hier erreicht die Gattung des Chronogramms seinen Höhepunkt und wird zugleich ad absurdum geführt – das Rätsel läßt sich nicht mehr lösen.

Bald darauf wurde der Barock dann auch von den Rändern verdrängt und Chronogramme entstanden keine mehr.

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