Archiv für den Monat März 2014

Brigittaplatz

Der Brigittaplatz könnte ein ganz typischer Platz sein, wie es ihn in den Mietskasernengegenden nicht nur Wiens, sondern auch vieler anderer Städte dutzendfach gibt: nicht mehr als eine rechteckige Aussparung in der dichten Bebauung, aber hochwillkommen dank des bißchen Grün, das in ihr Platz findet. Nichts, weder die Kirche in ihrer so norddeutsch wirkenden Neobacksteingotik noch das Amtshaus in seiner eigenartigen Jugendstilneorenaissance, würde ihn hervorheben oder darauf hinweisen, daß er in der Brigittenau, Wiens 20. Bezirk, ist.

Brigittaplatz

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Doch er ist viel mehr, da die fortschrittliche Architektur an ihm ihre ganze revolutionäre Kraft gezeigt hat. Sie tat es auf denkbar simple Weise: sie riß die Mietskasernen an der Westseite des Platzes und noch ein Stück weiter nördlich an der tangierenden Jägerstraße weg und ersetzte sie durch vier achtgeschossige Wohngebäude, die in weiten Abständen zueinander quer zur Straße gereiht sind.

JohannBöhmWohnhausanlage

Die Gebäude dieser Johann Böhm Wohnhausanlage von 1961 sind denkbar schlicht, das Dach annähernd flach, die eine Seite von Balkonen und die andere von Fenstern und dem trüben Plexiglas der Treppenhäuser bestimmt. Es sind Gebäude, die man kein zweites Mal ansehen muß, aber das ist egal, denn sie schaffen einen Raum, sie schaffen Offenheit, sie schaffen Platz. Dank ihnen ist der Brigittaplatz nicht mehr eine isolierte grüne Insel im grauen Meer der Mietskasernen, sondern Teil eines größeren und neuartigen städtischen Raums. Das Grün des Platzes setzt sich fort in den großzügigen Freiräumen zwischen den Achtgeschossern, hinter denen dann auch die Mietskasernen, die nach der nächsten Parallelstraße doch wieder folgen, viel freundlicher und menschlicher wirken.

In der Mitte der Wohnhausanlage, anschließend an die Nordseite des Platzes, also dort, wo früher eine Straße war, führt ein großzügiger Fußweg durch die Grünanlage in die angrenzenden Gegenden.

Weg

Nette Bärenskulpturen und ein Gedenkstein für ein Gasthaus, in dem die Gründung des Bezirks beschlossen wurde, stehen an diesem Weg.

Bär

Er führt auch zum Zweiten, was die fortschrittliche Architektur hier der Stadt schenkt: dem Hannovermarkt. Er ist nicht mehr als zwei, drei Reihen flacher Gebäude mit flügelartig aufsteigenden Dächern, die am anderen Ende der Wohngebäude zu recht schmalen Gassen angeordnet sind. In ihnen sind Läden, meist in der Art von Marktständen nach außen orientiert, Cafés und Restaurants untergebracht.

Hannovermarkt

Mehr ist auch nicht nötig. Das Revolutionäre braucht nicht spektakulär zu sein, es muß nur funktionieren. Und wie es funktioniert, ist hier ganz unmittelbar zu erleben. Die Grünflächen sind ganz selbstverständliche Aufenthaltsorte,

Grünfläche

der Weg wird ganz selbstverständlich genutzt

WegMitBlickZurKirche

und der Markt ist ganz selbstverständlich belebt, auch dank der türkischen und ex-jugoslawischen Bevölkerungsanteile, die an die Stelle der in der Brigittenau bis zu ihrer Vernichtung sehr zahlreichen Ostjuden getreten sind.

Was der Brigittaplatz und die ihn so grundlegend verwandelnde Johann Böhm Wohnhausanlage auch zeigen, ist, was Gemeindebau heißen könnte: nicht nur von der Gemeinde geschaffener günstiger Wohnraum, sondern darüber hinaus auch öffentlicher Raum zum Nutzen der gesamten Gemeinde. Der Brigittaplatz ist eine Keimzelle der neuen Stadt und zugleich lebendiger Beweis dafür, daß sie möglich und notwendig ist. Man muß allerdings nicht weit gehen, um zu sehen, daß aus dieser Keimzelle nie genug wachsen konnte: an ein weiteres achtgeschossiges Gebäude, mit dem und einem Kindergarten die Wohnhausanlage ihren Abschluß findet, ist ein anderer Gemeindebau von 1993 angebaut, der wieder ganz die überkommenen Blockrandstruktur mit, immerhin grünem, Hinterhof hat, ein Rückschritt in die zwanziger Jahre.

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Liberec

Liberec ist eine geschichtsvergessene Stadt, eine Stadt, die immer nach vorne, ins Neue wollte. Das galt, was heute oft vergessen wird, zwar bis mindestens 1900 für jede Stadt, die sich nicht ganz mit kleinstädtischer Bedeutungslosigkeit abgefunden hatte, aber für Liberec doch noch ein wenig mehr, ein wenig deutlicher. Es wollte das Neue noch unbedingter und noch stärker. In gewissem Maße war es damit ein ewiger Emporkömmling, der immer etwas beweisen wollte, nie in sich selbst ruhte.

Wenn man ganz Liberec in einem Bild zusammenfassen wollte, so wählte man das (in manchen Quellen wird es eine Photomontage genannt), auf dem man das alte Rathaus, einen bescheidenen Renaissancebau, direkt vor dem neuen Rathaus stehen sieht. Das alte Rathaus wurde dann abgerissen, wodurch erst der Platz, an dem nun das neue Rathaus aufragt, entstand.

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Es ist ein monumentaler historistischer Prachtbau, der es trotz seiner vorherrschenden Neorenaissancezüge schafft, stark an das neogotische Wiener Rathaus zu erinnern. Das war kein Zufall, denn 1893, als das neue Rathaus fertig war, orientierte sich das damalige Reichenberg, Zentrum der böhmischen Textilindustrie, zweitgrößte Stadt und größte mehrheitlich deutsche Stadt Böhmens, selbstverständlich an Wien. Das Rathaus war somit eine Art Denkmal, das die Liberecer Kapitalisten sich selbst bauten. Gleich dahinter ließen sie auch noch ein neobarockes Theater, das aussieht wie ein jedes Theater, das zu dieser Zeit in Österreich-Ungarn entstand, bauen.

Ist der obere Liberecer Platz, der heutige Náměstí E. Beneše (E.-Beneš-Platz), somit ganz Produkt der k. u. k.-Zeit, ist der untere, der heutige Soukenné náměstí (Tuchplatz), ganz von der kapitalistischen ersten tschechoslowakischen Republik geprägt. Rathaus und Theater hatte das Kapital schon, also baute es sich Büropaläste und Kaufhäuser, die man, jedenfalls im Vergleich zu allem vorherigen, schon gut Hochhäuser nennen kann. Wiederum entstand der Platz selbst erst mit den Gebäuden um ihn. An der östlichen Seite des Soukenné náměstí wurde so das Gebäude der Versicherungsgesellschaft Donau gebaut, das trotz seiner acht Geschosse, von denen die obersten beiden in Terrassenstufen zurückgesetzt sind, eher durch seine Horizontalen, die in abgerundeten Ecken enden, wirkt.

Gottwaldovo

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Auf der anderen Seite, zwischen zwei einmündenden Gassen, erhebt sich umso vertikaler und in einer nicht ganz zufällig faschistoid wirkenden Monumentalität das Gebäude der Assicurazioni Generali. Es hat eine mit grauem Stein verkleidete Fassade und sowohl unten, wo ein Café ist, als auch oben unter dem leicht überstehenden Dach, zwei hinter je vier massiven Pfeilern zurückgesetzte Geschosse, so das es auch auf den Kopf gestellt nicht anders aussehen würde. Wiewohl von der Versicherung erbaut, sind innen Wohnungen, wodurch das Gebäude, heute als Nisa oder Kavárna (Café) Nisa bekannt, auch das erste Wohnhochhaus der Stadt wurde.

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Liberec 1977

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Ústí nad Labem 1977

Das junge tschechoslowakische Kapital wollte dem österreichischen und italienischen nicht nachstehen, also baute sein herausragendster Vertreter, die Schuhfirma Baťa, in der nordöstlichen Ecke des Platzes ein Kaufhaus (zwei Bilder weiter oben auf der linken Seite). Neungeschossig, die Fassade ganz aufgelöst in Fensterbänder und weißgetünchte Geschoßränder, die Ecke abgerundet, die oberen drei Geschosse in zwei kleinen Terrassenstufen zurückspringend, ist es von einer solchen sachlichen Klarheit, daß man noch heute kaum glauben kann, daß es 1932 gebaut wurde – und damit ein typischer Baťa-Bau. Es blieb der Höhepunkt dieser Phase der Stadtentwicklung, der, ganz wie dem Rathaus, viel alte, schon damals denkmalgeschützte Bausubstanz weichen mußte.

Diese beiden Plätze verbindet die Pražská (Prager Straße), eine ziemlich enge und ziemlich steile Straße mit vermischter historistischer Bebauung, die man fast nicht sehen kann, weil so wenig Platz ist. Einzig das Kaufhaus Brouk + Babka, eine weitere tschechoslowakische Firma, mit seiner vertikal gegliederten gläsernen Fassade und den zwei vor dem weit zurückgesetzten Eingang angeordneten gläsernen Räumen, freistehende Schaufenster gleichsam, fällt darin auf. Bis in die frühen Achtziger, als sie mit den beiden Plätzen zur Fußgängerzone wurde, verlief hier auch die Straßenbahntrasse.

Eine andere ganz entscheidende Besonderheit von Liberec entdeckt man, wenn man, wozu selten ein Grund besteht, den Bereich westlich, links, der Pražská besucht. Hier, in einem von zwei Seiten von hohen, steilen Hügeln umgrenzten Tal, meint man in einer ganz anderen Stadt zu sein. In engen, schiefen Gassen und den Hang im Norden hinauf wechseln sich ärmliche Häuschen, oft noch aus Holz, mit ebenso ärmlichen zwei-, dreigeschossigen Mietskasernen und Spuren von Kleinindustrie ab. Noch heute sind diese Straßen geprägt von mehr oder weniger zwielichtigen Kneipen und den ärmsten Teilen der Bevölkerung. Man blickt auf die Rückseiten der Gebäude der Pražská, kann aber kaum begreifen, daß sie tatsächlich nur Meter entfernt ist. Diese ganze Gegend ist im wahrsten Sinne die Rückseite, die Kehrseite der innerstädtischen Pracht der beiden Plätze und der Straße zwischen ihnen, etwas wie ein einziger Hinterhof, wo all das abgeladen wurde, was für die Prachtentfaltung nötig ist, aber lieber unsichtbar bleiben soll. Auch das ist kennzeichnend für jede Stadt, aber selten kann man es so karikaturartig dicht beieinander sehen wie in Liberec. Es ist dies auch eine Frage der Geographie, denn Liberec, obwohl in einem weiten Tal zwischen Jizerské hory (Isergebirge) und den Ausläufern der Lužické hory (Lausitzer Gebirge) mit dem Ještěd gelegen, erstreckt sich über unzählige kleine und große Hügel, so daß kaum eine Straße gerade, kaum irgendwo das Straßennetz regelmäßig ist. So wie man tausendmal die Pražská entlanggehen kann, ohne je zu ahnen, welches Elend sich direkt hinter ihr verbirgt, kann man auch anderswo bloße Meter von einer Straße, die man gut kennt, gehen und sich doch ganz woanders glauben, da ein unerwartetes Tal, ein unerwarteter Hügel sie unerreichbar machen. Liberec, so sehr vom Kapitalismus geprägt, ist somit auch ein eklatantes Beispiel für das Chaos, das dieser städtebaulich immer bedeutet.

An Versuchen, dieses Chaos zu mindern, mangelte es nicht. Schon das Kapital des alten österreichischen Reichenberg beließ es nicht bei Rathaus und Theater. Vom Rande der alten Stadt bis zum Fuße der Jizerské Hory in nordöstlicher Richtung ließ es sich eine Prachtstraße mit großen Villen bauen, die heutige Masarykova třída (Masaryk-Allee). Damit diese so ganz zur nordböhmischen Variante der Wiener Ringstraße werde, wurden an einer Kreuzung in ihrer Mitte weitere Prunkbauten in verschiedenen historistischen Formen, das Severočeské Muzeum (Nordböhmische Museum), der Sitz der Handelskammer und ein Hallenbad, errichtet. Und nicht weil es nötig war, sondern als Prestigeobjekt, wurde auf dieser Straße die erste Straßenbahnlinie der Stadt angelegt. Diese hatte immerhin den Vorteil, daß sie auch die Arbeiter zum Stadtpark mit seiner großen Ausflugsgaststätte und dem späteren Zoo brachte. Dort, im heutigen Lidové sady (Volkspark), hatten schon 1890 an die 16000 von ihnen den ersten 1. Mai gefeiert.

Es dauerte noch fast 58 wechselhafte Jahre, bis der Sozialismus, für den die Arbeiter damals demonstriert hatten, im Februar 1948 auch in Liberec siegte. Er brachte der Stadt die vielleicht größten Veränderungen ihrer Geschichte. Neben den ausgedehnten Wohngebieten am Rande, die das von Kapitalismus und den geographischen Bedingungen verschuldete Chaos wenigstens ein wenig linderten, griff der Sozialismus auch ins Stadtzentrum ordnend ein. Er schloß an die letzten Neuerungen, den unteren Platz, den er in Gottwaldovo náměstí (Gottwald-Platz) umbenannte, an.

Das Gebäude, mit dem er das tut, ist das Obchodní Dům Ještěd (Kaufhaus Ještěd)  und alles an ihm zeigt, daß es Beginn einer neuen Art von Stadt sein will. Seine Form ist kompliziert und vielgestaltig, schwer in ihrer Gesamtheit zu erfassen: auf einer unregelmäßig vieleckig geformten Terrassenebene erheben sich drei ebenso unregelmäßige Trakte, die ersten beiden bis zu vier-, der dritte, der eine weitere kleinere Terrassenebene hat, bis zu fünfgeschossig. Daß es dennoch sofort als klare Einheit wirkt, verdankt das Kaufhaus seiner Fassade: sie wird bestimmt von leuchtend orangenen Kacheln und dunklem, fast schwarzen Stahlblech mit vertikaler Rillenstruktur, in das an manchen Stellen schmale vertikale Fenster mit abgerundeten Ecken und vorstehenden silbrigen Rahmen eingelassen sind. Dazu kommt manchmal, etwa an einem vorgesetzten Treppenhaustrakt, noch grünlich-milchiges Plexiglas.

Aus Vebr, Jaroslav: Soudobá architektura ČSSR, Praha 1980

Aus Vebr, Jaroslav: Soudobá architektura ČSSR, Praha 1980

Während das Kaufhaus dadurch schreiend auffällig wird, macht es seine schiere Funktionalität im Gegenteil sehr dezent, denn man bewegt sich darin und darum ganz intuitiv. Im Erdgeschoß wird es von einem Komplex von Passagen durchzogen, in denen kleinere pavillonartige Ladenräume und die Zugänge zu den Trakten angeordnet sind. Aber diese Passagen sind nicht einfach Ergänzungen des Stadtraums, sondern sein konstituierender Bestandteil. Um vom Gottwaldovo náměstí in Richtung Bahnhof zu kommen, wäre es widersinnig, um das Kaufhaus herumzugehen, also fließt der Fußgängerverkehr wie selbstverständlich durch die Passagen.

Verläßt man diese zur anderen Seite, kommt man auf einen kleinen Platz, der vom Dům Kultury (Kulturhaus) bestimmt wird. In seinem endgültigen Zustand mit Kino- und Restaurantflügeln hätte es sich in eckiger U-Form um den dieseitigen Abschluß des Kaufhauses legen sollen, aber es entstand bloß ein langer dreigeschossiger Trakt, dessen beiden breite Seiten nach außen schräg abfallen und aus bräunlich verspiegelten Fenster- und Metallflächen bestehen. Dieser steht parallel zur Lužická Nisa (Lausitzer Neiße), die direkt dahinter fließt. Zum einzigen Male wird dieser Fluß hier wichtiger Teil des Liberecer Stadtbilds, die fortschrittliche Planung zitiert ihn gleichsam. Von der Brücke blickt man nach links über das stark kanalisierte und von Rohren überspannte Bett der Nisa, vorbei an der spiegelnden Fassade des Dům Kultury und an einem zweigeschossigen Umgebindehaus aus Holz, Zitat des Alten, auf ein 28-geschossiges Hochhaus.

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Ústí nad Labem 1977

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Ústí nad Labem 1977

Es hat an zwei Seiten mittig leicht vorgesetzte Teile, die durch einen quer über das Dach verlaufenden mehrgeschossigen Aufbau verbunden sind. Sie bilden den Rahmen, der die quadratischen Geschosse mit ihrer Fassade aus Fensterbändern und blauer Verkleidung trägt. Diese Höhendominante des sozialistischen Liberec ließe die alten, den Rathausturm am oberen und die Hochhäuser am unteren Platz, zwergenhaft erscheinen, aber sie hat die Dezenz, sich, ihrer Wirkung dank der Sichtachse ohnehin sicher, weit von ihnen entfernt zu halten.

Jenseits der Nisa ist ein Park, nur ein sehr kleiner, aber in Liberec, das zwar eine so schöne nächste Umgebung wie nur wenige andere Großstädte, aber in seinem Zentrum sehr wenig Grün hat, ist auch das wertvoll. Geradeaus führt die Třída 1. Máje (Allee des 1. Mai) hinauf zum Bahnhof. Links der Straße ein zehngeschossiger Bürobau, an dem wenig bemerkenswert wäre, wenn nicht seine dem Park zugewandte aufgestützte Schmalseite aus mehreren schmalen vertikalen Streifen mit rötlich-brauner Kachelverkleidung, die mal vor, mal zurückspringen, bestünde. Mit ebensolcher Verkleidung an der Brandmauer des Hotel Imperial, verleibt es sich auch dessen im weiteren Verlauf der Straße stehenden Art Déco-Bau aus der ersten Republik ein. Rechts der Straße steht zuerst weiter zurückgesetzt ein dreizehngeschossiges Punkthochhaus und dann drei weitere aufgereiht näher an ihr. Abschluß der Straße ist auf dieser rechten Seite ein siebengeschossiges Bürogebäude mit Fensterbändern und dunkelblauer Verkleidung. An klaren Tagen kann man gut das Gefühl bekommen, daß die Třída 1. Máje geradewegs auf den Ještěd zuführt (und tatsächlich kommt man mit der Straßenbahn am Bahnhof vorbei auch bis unmittelbar zu seinem Fuße). Die ikonische Form des Bergs schwebt geradezu jenseits der Straße und ein kleines nach rechts aufsteigendes Vordach auf dem Dach des abschließenden Bürogebäudes scheint keine andere Funktion zu haben, als den Blick auf sie zu lenken.

BlickJeštěd

Noch vor diesem Gebäude ist rechts der Busbahnhof, während sich nach links ein weiter Blick über andere Teile der Stadt öffnet. Am wichtigsten aber ist der Tunnel, der durch diesen ansteigenden Hügel gebohrt wurde, denn er bringt die von Děčín nach Prag führende Autobahn direkt durch Liberec, ohne seine Straßen aber mit Durchgangsverkehr zu belasten. Er ist eine jener Infrastrukturmaßnahmen, deren Zwangsläufigkeit sich sofort erschließt.

Steht man dann vorm Bahnhof, der zwar am Ende der Třída 1. Máje steht, aber weder die k. u. k.-Pracht, noch die tschechoslowakische Brillianz hat, dessen wert zu sein, und blickt über den beschriebenen Zentrumsbereich von Liberec zurück, so sieht man, daß das Rathaus, das in der sozialistischen Zeit von einem Stern gekrönt war, noch immer seinen klaren Abschluß bildet, obwohl sich der Generali-Turm respektlos davorschiebt.

BlickRathaus

Aber man erahnt auch, gar nicht weit vom Rathaus, einen weiteren Turm, neogotisch, einen Kirchturm. Erst jetzt wird man sich vielleicht überrascht ins Gedächtnis rufen, daß man im ganzen Stadtzentrum keine einzige Kirche gesehen hat. Das hat weniger mit mangelnder Religiosität als eben mit der Liberecer Geschichtsvergessenheit und dem von Kapitalismus und Geographie bedingten städtebaulichen Chaos zu tun.

Denn während das heutige Zentrum sich vom Rathaus über den oberen Platz, die Pražská, den unteren Platz und die Třída 1. Máje in mehr oder weniger nord-südlicher Richtung erstreckt, verlief das alte Liberec quer dazu auf einem Hügelkamm in etwa west-östlicher Richtung. Es begann an der von der Nisa aufsteigenden Straße mit einer zweitürmigen barocken Kirche und setzte sich in einem langgestreckten rechteckigen Platz, dem heutigen Sokolovské náměstí (Sokolovo-Platz), an dessen Ende die von Weitem entdeckte Kirche steht, fort. Hier übersteigt die Liberecer Geschichtsvergessenheit noch nicht die anderer Städte. In einer, heutigen, Seitengasse stehen noch drei Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert, es gibt noch einen Barockpalast, sonst ist eben alles aus dem späten 19. Jahrhundert, als auch die Kirche ihre, vorsichtig gesagt, reizlosen neogotischen Formen bekam. Die Kirche steht nur noch Meter vom oberen Platz entfernt, ist von ihm aber unsichtbar, in einer anderen Welt. Über einen anders gearteten Platz mit dem so anderen Rathaus erstreckte sich das alte Liberec bis zum Schloß, denn auch so etwas hat es, im Osten, an das südlich eine barocke Siedlung anschloß. Sowohl Schloß als auch, weniger gut, Siedlung sind noch zu erkennen, aber sie sind für die heutige Stadt, so wohltuend auch das Grün der kleinen Reste des Schloßparks ist, einfach nicht besonders wichtig.

Liberec‘ Geschichtsvergessenheit setzt sich auch heute fort. War sie in der Vergangenheit oft ein Ausdruck des Fortschritts, so ist sie heute, im restaurierten Kapitalismus, eher einer der Zerstörung. Zwischen oberem Platz und Schloß wurde auf einer der wenigen Grünflächen ein Einkaufszentrum gebaut. Am unteren Platz wurde das Kaufhaus Ještěd abgerissen und durch ein weiteres Einkaufszentrum ersetzt. Damit wiederholte sich die Geschichte der beiden Rathäuser: ein zierlicher älterer Bau mußte dem bloß monumentalen, oder im Falle des Einkaufszentrums bloß großen, Neubau weichen. Aber die Stärke und Qualität des Kaufhauses zeigt sich noch heute darin, daß der Fußgängerstrom zwischen Platz und Bahnhof nun eben durch das Einkaufszentrum fließt, aber, und das ist der Unterschied, nur zu seinen Öffnungszeiten. Und wenn man weiß, wie sehr die Geschichtsvergessenheit Teil von Liberec ist und was für faszinierende Ergebnisse sie in der Vergangenheit oft zeitigte, kann man über die Zerstörungen der Gegenwart nur halb so traurig sein und hofft vorsichtig auf die, die eine irgendwann kommende Zukunft bringen könnte.

Dank an Georg Piltz

Daß ich dieses Blog nach einem Buch von Georg Piltz benannt habe und es ihm noch dazu gewidmet habe, liegt nicht nur daran, daß der Buchtitel genau das wiedergibt, worum es in den Texten hier geht, und auch nicht nur daran, daß ich Piltz für einen der größten architekturgeschichtlichen Autoren überhaupt halte, nein, es hat noch tiefergehende Gründe: ohne dieses Buch wären alle diese Texte gar nicht denkbar. Was ich Georg Piltz verdanke, ist nicht weniger als mein ganzes Verständnis von Architektur.

Erschienen im VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig 1976

Erschienen im VEB F. A. Brockhaus Verlag Leipzig 1976

Die Stadt, die gebaute Umwelt und also Architektur hatte mich zwar schon lange bevor ich ahnte, wer Georg Piltz ist, interessiert, aber im Suburbia einer westdeutschen Großstadt war es ein mehr impressionistisches Interesse. Immer suchte ich das Abseitige, das sonst Übersehene, die Stellen, wo Natur und Stadt zusammentreffen, die Ruinen oder Fastruinen, Orte erfüllt von einer „sweetness of decay“ (Pulp). Diese Romantik des Verfalls halte ich nach wie vor für einen wertvollen Antrieb, eben auf das zu achten, was um einen ist, aber sie hat doch auch etwas durch und durch Kleinbürgerliches. Hinzu kam eine Liebe zu den Hochhäusern, zum Modernen, zum Beton. Dies war vor allem eine Gegenreaktion gegen die Generation meiner Eltern, die die schönen Altbauten so mochte. So wie sie alles Neue verdammten, verdammte ich alles Alte. Wieder nur der Trotz der kleinbürgerlichen Jugend, aber ebenfalls nicht ganz ohne Wert.

Die Begegnung mit der Architektur der DDR in ihrer Hauptstadt Berlin zwang mich dann, systematischer über Stadt und gebaute Umwelt nachzudenken. Während dem Chaos des Kapitalismus die impressionistische Methode, die immer nur einzelne flüchtige Eindrücke und die Schönheit des Verfalls interessiert, ganz angemessen war, versagte sie völlig vor der Ordnung, die in der Stadt des Sozialismus auf jedem Schritt erlebbar war. Selbst die Begegnung von Natur und Stadt, die im Kapitalismus am besten im Efeu auf einer bröckelnden Fabrikmauer symbolisiert ist, wurde hier als geplante Harmonie möglich und war plötzlich überall.

Weiterhin, vielleicht umso mehr, aber haßte ich das Alte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal einem Freund sagte, der Bereich um den Fernsehturm wäre noch besser, wenn es Marienkirche und Rotes Rathaus nicht gäbe.

Wie völlig falsch ich lag, wie blind ich gewesen war, lernte ich von Georg Piltz. Im Kapitel über Potsdam in „In alten und neuen Städten“ beschreibt er zuerst Sanssouci als „geniale und, mit den Maßstäben der Zeit gemessen, betont progressive Verknüpfung von Kunst und Natur“ und dann das Neue Palais als „ein Schloß, so groß und so überladen, daß feudaler Wahnwitz die Pläne gezeichnet zu haben scheint“ und dessen „künstlerische Unzulänglichkeit schon damals niemandem verborgen blieb“. Das war neu. Nie zuvor hatte ich gelesen, wie jemand ein altes Gebäude kritisiert. Piltz aber schreibt weiter: „Reaktionäres steht dicht neben Progressivem: Das einzige, was sie gemeinsam haben ist die Patina des Alters. Und eben diese Patina verhindert, daß wir die Potsdamer Kunst so kritisch werten, wie sie es verdient. Wir erliegen der Versuchung, „alt“ mit „schön“ gleichzusetzten und begehen den Fehler, die Baugeschichte nach einer anderen Methode zu beurteilen als die Geschichte. Das ästhetische Behagen an der schönen Form schläfert unser sonst so waches Denkvermögen ein. Wir sehen nicht mehr die Beziehungen von Kunst und Historie, sondern nehmen alles, was wir sehen, als formvollendet hin.“

Piltz‘ Worte waren die Antwort auf eine Frage, die ich nie gestellt hatte. Alles daran stimmte, ich war sofort überzeugt. Nicht blinder Haß oder blinde Liebe, sondern kritisches Sehen, das ist die richtige Art, die alte Architektur zu behandeln, ja, jede Architektur, denn grundsätzlich ist es immer dasselbe Prinzip. Sehen lernte ich so von Georg Piltz, insbesondere durch seinen „Streifzug durch die deutsche Baukunst“, der, auch dank der hinreißenden Zeichnungen von Ruth und Rudolf Peschel, eine unnachahmlich gute Einführung in die Architekturgeschichte ist und nicht nur von Kindern, für die er geschrieben wurde, gelesen werden sollte.

Erschienen im Kinderbuchverlag Berlin

Erschienen im Kinderbuchverlag Berlin

In diesem Buch gibt Piltz zudem eine der schönsten Beschreibungen des Alexanderplatzes, die ich je gelesen habe. Spätestens durch sie fühlte ich mich als Schüler von Piltz, mit genau so viel Verständnis und Feingefühl und erfüllt von derselben kommunistischen Überzeugung wollte auch ich über alte wie neue Architektur schreiben.

Man kann über das Leben des Georg Piltz nachlesen, es ist nicht uninteressant und für einen Angehörigen seiner Generation vorbildlich, aber wichtiger ist sein Werk. Daß es in der DDR in Millionenauflagen verbreitet war, gereicht ihr zum Ruhm. Ihm und ihr verdanke ich alles.

Kielce, von seinem Busbahnhof aus gesehen

(siehe auch Kielce, von seinem Bahnhof aus gesehen)

Wenn man bei der Ankunft mit dem Bus in Kielce nicht aufmerksam war, gibt es nichts, was einen auf das Erleben seines Busbahnhofs vorbereiten könnte.

Der Bus hält auf einer etwas erhöhten Ebene an einem Busbahnsteig, über den sich ein von rückwärtigen Stahlträgern leicht aufsteigend in der Schwebe gehaltenes Dach aus einem dünnen Stahlgitterwerk und Plexiglas spannt. Bald wird man merken, daß dieses Dach einen Kreis um ein Gebäude bildet. Auch hat man bereits die beiden bestimmenden Farben kennengelernt: das Blau des Stahls und das Ockergelb von Plexiglas und Wandflächen. Das Gebäude hat ebenfalls einen kreisrunden Grundriß, zuerst sieht man von ihm zwei Geschosse, Fensterbänder, blaue Kunststoffverkleidung. Doch im begrünten Zwischenraum zwischen Bahnsteigdach und Gebäude schwingen sich aus Betonverankerungen mächtige Stahlträger zu diesem hin, um sein Dach zu tragen. Was eine recht flacht Kuppel ergeben könnte, ist nur die Basis für die eigentliche, weit höhere Kuppel. Hätte man den Busbahnhof schon von weitem gesehen, diese Kuppel, deren kupferverkleidete Fläche über und über mit kleinen weißen Glaskuppeln besetzt ist, hätte man vor allem bemerkt und vielleicht kaum glauben können, daß dort oben Dworzec PKS (Bahnhof der staatlichen Autobusbetriebe Polens) steht. Alles an dem Gebäude ist so sehr gelandetes Ufo oder eher noch Mondbasis, daß es fast surreal scheint, es in einer wenig berühmten Stadt mitten in Polen zu finden.

Busbahnhof

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Vom Bahnsteig führen zahlreiche von dünnen runden Stützen gehaltene Überdachungen in die Halle des Busbahnhofs hinein. Und geht man hinein, kann einem gänzlich surreal zumute werden. Unter einer Galerie, zwischen tragenden runden Stützen, die sich nach oben verbreitern und in der unteren Hälfte von einem silbrigen Stahlringe umgeben sind, tritt man in eine Halle, die weit größer ist als sie von draußen wirkt. Vor einer geschwungenen Wand führt eine Treppe auf die Galerie, die den gesamten Rand der Halle umläuft. Darüber wölbt sich, mit schmalen vertikalen Streifen in Gelb verkleidet, der erste Teil des Dachs, doch erst nach einem blaugetünchten Zwischenbereich beginnt die eigentliche Kuppel. Sie ist pure Konstruktion und doch ein Kunstwerk. Nicht mehr als ein Raster aus dünnen, zu Dreiecken angeordneten Stahlröhren und in jedem dieser Dreiecke eines der runden Oberlichte, aber wenn man auf einer der Holzbänke sitzt und hinaufschaut, bilden sich einem unablässig neue Kombinationen aus diesen Formen, die Kuppel scheint in ständiger Bewegung, als wolle sie mit dem staunenden Betrachter spielen. In der Mitte der Kuppel ist eine runde blaue Fläche, von der in unregelmäßiger Anordnung sieben zylinderförmige Lampen herabhängen. Der Besucher, der glaubte, an einem Busbahnhof anzukommen, findet sich in einem Weltraumbahnhof wieder. Schon das Licht paßt dazu, Tageslicht zwar, aber eigentümlich gefiltert, nicht unbedingt angenehm. Wieso außerhalb eher Kielce als eine sowjetische Marskolonie liegen sollte, ist nicht mehr nachvollziehbar.

Sich zu vergewissern, muß der Besucher eine Treppe in der Mitte der Halle hinabgehen. Dem Untergeschoß, von den genannten Stützen getragen, wo in zu wenig Licht weitere Schalter und Läden sind, wird er da keine Aufmerksamkeit mehr widmen wollen, aber er versteht immerhin, daß die orgelartigen Elemente in der Grünfläche oben Belüftungsröhren waren. Aufenthaltsort will der unterirdische Teil des Busbahnhofs auch nicht sein, durch zwei Gänge leitet er den Besucher hinaus in die Stadt. Wählt er den ersten, blickt er in Richtung Bahnhof. Wählt er den anderen, steht er vor dem Panorama von Kielce als sozialistischer Musterstadt und was, wenn es schon nicht ein ferner Planet ist, könnte besser passen?

BlickBusbahnhof

Zuerst ein Gebäude, auf dessen roter fensterloser Fassade man noch die Bezeichnung „Kino Romantyka“ erahnen kann. Sein langes Pultdach flacht nach hinten ab und steht so über, daß es die gelben Seiten rahmt. Dann nach links hin entlang der Straße ein langer Flachbau mit verglaster Fassade, dessen Dach aus einer Folge von Einzelabschnitten mit je einer emporgewölbten Ecke besteht, so daß es wirkt, als habe man Papierstücke aneinandergelegt, in die nun von rechts ein leichter Wind fährt. Dahinter drei schmale zehngeschossige Punkthäuser mit aufstrebenden Dachaufbauten. Schaut man genauer, sieht man noch mehr, die Rückseiten von Mietskasernen etwa, doch was ist das schon gegen dieses Ensemble, daß man aus so einer perfekten Perspektive sieht, wenn man aus dem Eingang des Busbahnhofs, dessen Seiten verglast sind, während das Dach den Schwung der Bahnsteigdächer aufgreift, heraustritt? Daher ist dieses Ensemble auch weniger Potemkinsches Dorf als Versprechen. Ein Versprechen im übrigen, das Kielce einzuhalten scheint, denn steht man vor dem Kino oder dem Flachbau des Super Sam, wie im sozialistischen Polen die Kaufhalle heißt, sieht man im weiteren Verlauf der Straße den Verwaltungskomplex, dessen Schönheit schon zu erahnen ist.

Während also der Bahnhof einem Kielce in seiner Gesamtheit zeigt, zeigt der Busbahnhof einem ein idealisiertes, sozialistisches Kielce. Es ist eine Idealisierung, die Kielce vielleicht nicht einmal nötig hat. Kein Weg jedenfalls, nicht nur symbolisch, sondern beinahe auch praktisch, führt vom Busbahnhof zu der backsteinernen Kirche, Gotik oder eher Neogotik, die doch direkt hinter ihm steht.

Venezia

Wie schreibt man von Venedig? Wie schreibt man von einer Stadt, die jeder kennt, die jeder gesehen hat, ob er nun da war oder nicht, und von der jeder, der halbwegs formulieren kann, schon geschrieben hat?

Wie Marcel Proust vielleicht, der auf einer Gondelfahrt durch kleine Kanäle ein orientalisches Märchenreich aus verwunschenen, plötzlich auftauchenden Gärten und Palästen sieht? Oder wie Thomas Mann, der in den stinkenden Kanälen und Gassen den Tod sieht? Oder vielleicht geht man darauf ein, was den heutigen Besucher wohl am meisten überrascht: daß Venedig eine ganz normale Stadt ist, kein Museum, nicht herausgeputzt, abseits einiger Gassen und Plätze nicht einmal besonders touristisch?

Nein, das kann es alles nicht sein. Man muß Venedig in der Tat behandeln wie jede andere Stadt und nicht impressionistische Eindrücke sammeln, mit denen man ohnehin immer Epigone von irgendwem bleiben würde, weshalb man sie, wenn es denn sein muß, besser in Städten, die niemand kennt, suche, sondern das an ihr finden, was in die Zukunft weist. Das Gewirr der Kanäle, Gassen und kleinen Plätze tut das nicht. Die neue Stadt kann nicht eng und verwinkelt sein, sie kann auch keine Geheimnisse haben. Zukunftsweisend an Venedig aber ist die Piazza San Marco, der Markusplatz.

Er ist wie ein Tor zur Stadt konzipiert, durch das der übers Wasser kommende Besucher in sie hinein geleitet wird. In der Mitte ist die große, aber nicht zu große Platzfläche, auf der zwei hohe Säulen stehen. Steht man zwischen ihnen und blickt zurück aufs Wasser der Lagune, sieht man vor sich einen Kranz kleiner Inseln mit großen Kirchen und davor regen Bootsverkehr. Oben auf der rechten ist die berühmte Bronzeplastik des geflügelten Löwen, Wappentier der Stadt, während auf der linken eine weit unbekanntere und auch recht langweilige Skulptur des heiligen Georg ist.

Rechts wird der Platz begrenzt vom Palazzo Ducale, dem Dogenpalast. Er ist das schönste Gebäude Venedigs, vielleicht eines der schönsten Gebäude überhaupt. Gotisch, aber anders als jedes gotische Gebäude, dem man anderswo begegnen könnte, so daß die Stilbezeichnung ganz irreführend scheint. Der Grundriß ist quadratisch und eine der beiden identisch strukturierten Fassaden ist dem Wasser zugewandt, die andere dem Platz. Was sogleich auffällt, ist der enorm unterschiedliche Charakter der unteren und oberen Hälften der Fassaden. Die untere Hälfte ist völlig in Arkaden aufgelöst. Während die Arkaden im Erdgeschoß noch breite Spitzbögen, zwischen denen die Wand geschlossen ist, haben, haben sie im Bereich darüber schmale Kielbögen, zwischen denen Fensterrosen die Wand völlig auflösen. Gleichsam schwebend und monolithisch geschlossen erhebt sich darüber die zweite Hälfte. Nicht die je sechs breiten spitzbögigen Fenster oder die Balkone in der Mitte, nicht die Öffnungen also, machen diese obere Hälfte aus, sondern die Wandfläche selbst, das Geschlossene. Aus glattem Stein, aus Marmor sicher, der hier seine dezenteste und eleganteste Anwendung erfährt, besteht diese Fläche und sie hat auf weißen Grund ein ganz simples, aber hinreißend schönes rotes Rautenmuster mit schwarzen Mittelpunkten. Die Balkonbereiche in der Mitte der oberen Hälfte sind als einzige mit Ornamenten geschmückt, Pilaster an den Seiten, allerlei Reliefs über dem eigentlichen Balkon und eine abschließende Skulptur auf dem Dach. Dazwischen erheben sich auf dem Dach außerdem zinnenartige Formen. Durch den Kontrast zur edlen Schlichtheit der Wandflächen gewinnt diese Ornamentik erst an Schönheit und Wert. Und während beim Balkonbereich der älteren Wasserfront die Pilaster noch mit gotischen Filialen enden, enden sie bei der neueren Platzfront mit kleinen Obelisken, die schon von der nahenden Renaissance künden.

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläste und Schlösser in Europa, Leipzig 1970

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläste und Schlösser in Europa, Leipzig 1970

Das Großartige am Dogenpalast ist, daß er in diesen knappen Worten auch schon im Wesentlichen beschrieben ist. Was ihn ausmacht, ist das Wechselspiel großer, klarer Formen, der offenen Unterhälfte und der geschlossenen Oberhälfte. Das macht ihn, vollendet vor 1400, so ungemein modern. Jeder aufgestützte kubische Baukörper der fortschrittlichen Architektur des 20. Jahrhunderts ist hier schon angelegt. Auf der Piazza San Marco kann man vielleicht besser als irgendwo sonst lernen, daß jede Architektur selbstverständlich in einer Tradition steht, daß Tradition aber niemals Nachahmung von Ornamentik bedeuten darf. Nicht gotische Formen oder so etwas machen den Dogenpalast aus, sondern die perfekte Proportionierung des Baukörpers. Auf der Piazza San Marco kann man auch lernen, daß Stilbezeichnungen nichts bedeuten. Diese venezianische Gotik, die ein so völlig horizontal wirkendes Bauwerk hervorbrachte, hat nichts mit jener französischen und deutschen Gotik, die immer vertikal wirken will, gemein. Gleiches gilt für die enorme Klarheit dieses Baus.

Alles, was zum Äußeren des Palazzo Ducale sonst noch zu sagen ist, sind Details, wunderschöne Details zum Teil, aber eben doch nur Details. So sind die drei sichtbaren Ecken durch Spiralsäulen nur ganz unmerklich betont und haben auf der Höhe der unteren Arkadenbögen Skulpturengruppen, die etwa Adam und Eva zeigen. Das bedeutendste skulpturale Element des Baus sind aber die Kapitelle der Säulen, die die unteren Spitzbögen tragen. Kein einziges ist wie das andere. Während sich bei den Kapitellen der Wasserfront solche mit Portraitbüsten und solche mit Laubwerk, zwischen dem kleine Figuren vermutlich Allegorisches tun, abwechseln, sind jene der Platzfront vielgestaltiger und irgendwie verspielter. Hier gibt es Kapitelle, die Jahreszeiten und Monate, Köpfe als Repräsentation all der Völker, mit denen die Venezianer zu tun hatten, Früchte oder reale und mystische Raubtiere mit Beute im Maul zeigen. Beide Fassaden des Dogenpalasts sind also in vielen Details verschieden, in den großen Zügen aber identisch und vor allem auch völlig gleichberechtigt.

Da der Bau so wie er ist so harmonisch und vollkommen wirkt, bemerkt man zuerst vielleicht gar nicht, daß etwas fehlt: ein deutlich abgesetzter Eingang. Dieses Fehlen ist etwas schlichtweg Revolutionäres, Ausdruck von Stärke, die keine billigen Einschüchterungs- oder Protzgesten braucht. Zwar gibt es den Eingang durchaus, er ist auch prunkvoll mit all seinen Skulpturen und Filialen, aber er ist eher versteckt am Ende der Platzseite, hinter deren Ecke noch. Er scheint mehr ein Zugeständnis an vulgäre Konventionen zu sein, das mit dem eigentlichen Gebäude nichts zu tun hat und neben dessen Fortschrittlichkeit gänzlich antiquiert wirkt. Ein typisches gotisches Portal eben, das auch zu einer Kirche gehören könnte, und es ist wohl kein Zufall, daß es zur anderen Seite an die Basilica di San Marco anschließt.

Im Inneren des Palasts ist ein großer quadratischer Innenhof, der Schönheiten ganz eigener Art beherbergt. Ein wenig des Inneren, das wohl einmal außen war, kann man auch durch die Transparenz der oberen Arkaden sehen: zwei Geschosse des Vorgängerbaus. Alles daran wirkt viel verwinkelter, mittelalterlicher, da sind hölzerne Balken und Arkaden, unregelmäßige Fenster. Daß der Dogenpalast insgesamt nicht ein einziger grandioser Entwurf, sondern Ergebnis jahrhundertelanger Bautätigkeit ist, sieht man auch daran, daß die ersten beiden Fenster an der rechten Seite der Wasserfront niedriger als alle anderen in der Wandfläche sitzen und Maßwerk haben. Doch weder diese noch andere kleine Unregelmäßigkeiten der Fassaden ändern irgendetwas an der Perfektion des Gesamtbaus.

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Links wird der Platz begrenzt von einem Bau völlig anderen Charakters, der Biblioteca Marciana. Anders als der Palazzo Ducale ist sie ein ganz typisches Beispiel, vielleicht sogar ein Lehrbuchbeispiel, ihres Stils. Ihre Fassade liegt der Platzfront des Dogenpalasts direkt gegenüber und tritt mit dieser noch dadurch zusätzlich in einen Dialog, daß sie ungefähr genauso lang ist wie sie. Aufgeteilt ist die Fassade in zwei gleichhohe Geschosse, deren unteres rundbögige Arkaden mit dorischen Säulen und deren oberes große rundbögige Fenster mit ionischen Säulen hat. Auf dem Dach stehen, vielleicht jeweils dort, wo die Säulen enden, Skulpturen, die ebenso wie der Rest der Fassade aus weißem Marmor sind. Es mag an der Nachbarschaft des einzigartigen Gebäudes, das der Dogenpalast ist, liegen, daß die Bibliothek wenig begeistern kann. Vielleicht liegt es daran, daß man schlechte Kopien italienischer Renaissance aus den Mietskasernenfassaden deutscher Kleinstädte kennt. Vielleicht liegt es auch, grundsätzlicher, daran, daß die Renaissance trotz ihrer fortschrittlichen Elemente wie der enorm großen Fenster durch den Bezug auf die Antike gleichsam zwangsläufig in vorgeschriebenen Säulenordnungen erstarren muß, während die Gotik als ahistorische Bauform überallhin führen kann. Oder vielleicht liegt es daran, daß jeder Stil seine interessantesten Ausformungen dort findet, wo er nicht originär heimisch ist. Deshalb wäre dann die ursprünglich französische Gotik in Italien am besten und die ursprünglich italienische Renaissance in Deutschland. Auch die skulpturale Gestaltung der Biblioteca Marciana kann nicht annähernd mit dem Palazzo Ducale mithalten. Die Reliefs in den Innenseiten der Bögen der Arkaden und die Skulpturen auf dem Dach mögen interessant sein, aber man kann sie sich kaum richtig ansehen.

Welche Leistungen die Renaissance zu vollbringen vermag, zeigt eindrucksvoll ein weiteres Gebäude auf der Piazza San Marco. Es steht ganz an ihrem Ende gegenüber der Öffnung zum Wasser, vielleicht direkt zwischen den beiden Säulen und ist im konkretesten Sinne Tor zum Rest der Stadt. Die Fassade des recht schmalen Baus ist in verschiedene Felder gegliedert, die den Geschossen entsprechen. Über einem hohen rundbögigen Tordurchgang ist zuerst das große Zifferblatt einer Vierundzwanzigstundenuhr, das mit goldenen Tierkreissymbolen verziert ist. Darüber ist eines der wohl ältesten Beispiele einer digitalen Uhr. Links wird in arabischen Ziffern die Stunde angezeigt und rechts in römischen Ziffern in Fünferschritten die Minuten. Darüber ist noch ein höheres Feld mit dem geflügelten Löwen Venedigs als Relief. Und auf dem flachen Dach steht eine große Glocke, die zu jeder vollen Stunde von zwei großen mechanischen Figuren geschlagen wird. Allein schon in technischer Hinsicht ist dieser Uhrturm ein Meisterwerk. Vervollkommnt wird er durch zwei Seitenflügel, die erst drei Geschosse hoch sind und dann, hinter einer Terrasse zurückgesetzt, um zwei weitere Geschosse ansteigen. Diese beiden letzten Geschosse sind erst eine weit spätere, barocke Ergänzung, die aber sehr gut paßt. Ohne an die Kühnheit des Dogenpalasts heranzureichen, wirkt auch dieses Gebäude sehr modern und es ist nicht überraschend, daß sich noch in den zwanziger Jahren ein Hochhaus in Leipzig von ihm inspirieren lassen konnte.

Das bislang Beschriebene ist nur ein Teil des Platzes, jener, der oft als Piazzetta (Kleiner Platz) bezeichnet wird, was aber irreführend ist, da es implizierte, es sei ein ganz anderer Platz. Der zweite Teil erstreckt sich nach der Biblioteca Marciana als langgezogene Fläche nach links, so daß sich für den Gesamtplatz eine L-Form ergibt. So viel größer dieser zweite Teil des Markusplatzes ist, so viel banaler ist seine Umbauung. Auf der einen Seite die Procuratie Nuove. Sie schließt quer an die Bibliothek an und sähe auch genauso aus, wenn sie nicht anstelle der Plastiken auf dem Dach noch ein drittes Geschoß mit korinthischen Säulen hätte. Auf der anderen Seite, aber nicht parallel, sondern vom Uhrturm aus schräg aus die Procuratie Nuove zulaufend, die Procuratie Vecchie, ebenfalls ein sehr ähnlicher Renaissancebau, dessen gotischen Ursprung man aber am Kreuzrippengewölbe der Arkaden noch ein wenig erkennen kann. Als Verbindungsbau am schmalen Ende des Platzes weit links noch die Ala Napoleonica (Napoleonischer Flügel), die nun gänzlich eine Jahrhunderte später gebaute Kopie der Biblioteca Marciana ist und doch nur vulgär wirkt.

Da all diese Gebäude so einförmig und unspektakulär sind, könne sie unweigerlich nicht mehr als ein Rahmen, ein blasser Hintergrund für den Glanz des Gebäudes an der rechten Seite dieses Platzteils sein: die Basilica di San Marco. Nach dieser riesigen Kirche hat der Platz seinen Namen und als sein auffälligstes Gebäude wird ihm wohl auch die meiste Aufmerksamkeit gewidmet. Die Basilica schließt an den Dogenpalast an und ragt deutlich weiter als dieser in den Platz vor, ohne aber irgendeine Wirkung für dessen zum Wasser geöffneten Teil zu haben. Sie ist ein Gebäude, das man kaum wirklich betrachten kann, weil es einfach zu viel von allem hat. Erst nach einer Weile wird man eine gewisse Struktur der Fassade auszumachen vermögen. Der untere Bereich hat fünf rundbögige Portale, von denen das mittlere besonders hoch ist. Doch was für ein verwirrendes Übermaß an Schmuckformen überall! Hier ein gotisches Maßwerkfenster, dort eine große romanische Säule, die dann vier kleinere aus weißem, schwarzem, grünem und rotem Marmor trägt, figürliche Reliefs in den Bögen, Mosaiks in den offenen Gewölbeflächen darunter. Der obere Bereich beginnt mit einer Terrasse und endet in kielförmigen Giebeln über den Portalen, deren ornamentaler und figürlicher Schmuck jeden Rahmen sprengt. Der mittlere Giebel hat ein großes rundbögiges Fenster, das ganz aussieht, als gehöre es zu einer Bahnhofshalle. Noch darüber erheben sich fünf Kuppeln, vier kleinere um eine größere in der Mitte angeordnet. Es ist ein wahnwitziges Gebäude. Byzantinisch, romanisch, gotisch, Renaissance werden die Stileinflüsse genannt, aber treffender scheint, es barock im negativsten Sinne des Wortes zu nennen: überladen, chaotisch, jedes Maß ignorierend.

Während der Dogenpalast ein Urvater aller fortschrittlichen Architektur des 20. Jahrhunderts ist, ist die Basilica di San Marco ein Vorfahre all des furchtbaren Historismus des 19. Jahrhunderts. So zeigt sich der eigentliche Konflikt auf der Piazza San Marco nicht zwischen Gotik und Renaissance, sondern zwischen Fortschritt und Reaktion. Und da stehen Palazzo Ducale und Biblioteca Marciana als Symbole für säkulare Herrschaft und Aufklärung auf der einen und die Basilica als Symbol für religiöse Herrschaft und Aberglauben auf der anderen Seite. Es ist fast schon erschreckend, wie ungeheuer klar sich diese beiden Seiten wiederspiegeln. Hier die zukunftsweisende Klarheit des Dogenpalasts, dort die protzhaft-monumentale Überladenheit der Basilica. In gewisser Weise gibt es so doch nicht eine Piazza San Marco, sondern zwei: eine offene, dem Meer, der Welt zugewandte, und eine geschlossene, in sich zurückgezogene.

Ein interessantes Detail hierzu ist, daß dort, wo die Ala Napoleonica heute den Platz abschließt, früher eine von Jacopo Sansovino, dem Architekten der Bibliothek, entworfene Kirche mit Tempelfassade stand. Gäbe es sie noch, so ständen sich auf der Piazza San Marco auch zwei verschiedene Entwürfe von Kirche gegenüber: die mittelalterlich-obskurantistische und die neuzeitlich-aufgeklärte. Diese zweite Piazza San Marco wäre eine ganz andere, hätte sie noch diesen faszinierenden Kontrast. Sie hätte vielleicht auch eine zweite, vielleicht sogar bedeutendere Öffnung zur Stadt, denn hinter der Kirche, wo ein Kanal verläuft, ging es in die Gassen der Stadt.

Ein letztes Gebäude auf der Piazza San Marco ist noch zu erwähnen: der Campanile, der frei neben der Ecke von Biblioteca Marciana und Procuratie Vecchie steht. Der heutige Turm ist ein erst hundert Jahre alter Neubau, der errichtet wurde, nachdem das Original 1902 eingestürzt war. Er sieht wohl aus wie viele andere italienische Campanile, quadratischer Grundriß, Backstein mit einigen rundbögig abgeschlossenen Vertiefungen, oben rundbögige Arkaden aus Marmor und ein spitzes Zeltdach. Allein schon durch seine Höhe von hundert Metern wird er zur vertikalen Dominante, die das so schöne wie spannungsvolle Ensemble des Markusplatzes abschließt.

Der Markusplatz hat die eigentümliche Situation, zwar Wahrzeichen von Venedig zu sein, aber zugleich eine Antithese zu allem, was es ausmacht. Die Stadt ist eng, verwinkelt, chaotisch, der Platz aber ist groß, offen, geplant. Nicht einmal einen Kanal gibt es auf ihm. Der Platz ist wie ein glänzendes Tor, das in dunkle Abgründe führt, wie ein wundervolles Versprechen, das die Stadt nicht einhalten kann. Die Bemühungen der Architekten der Renaissance, das Zentrum der Stadt vernünftig zu gestalten, sind daher sehr verwandt mit den Bemühungen fortschrittlicher Architekten des 20. Jahrhunderts, die gesamte Stadt vernünftig zu gestalten. Beide taten, was sie unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen tun konnten. Wenn man auf dem Markusplatz etwas lernen kann, dann, ein wenig von ihm in all jenen oft ignorierten Zentren fortschrittlicher Wohngebiete zu sehen, wo es eine vertikale Dominante, die vielleicht ein Wohnhochhaus sein könnte, ein Kunstwerk und ein großes Gebäude mit monolithischer fensterloser Fassade, vielleicht ein Kino, gibt. Denn der Campanile, die Säule mit dem venezianischen Löwen und der Palazzo Ducale sind nichts grundsätzlich anderes.

Krupp und Graffiti

Eine jener abgelegenen, vagen Gegenden, von denen es in dem amorphen Gebilde, das sich Berlin nennt, so viele gibt, Gradestraße, ganz egal, ob noch zu Tempelhof oder schon zu Neukölln gehörig, Industriegebiet, das nach und nach von Baumärkten und Büroblöcken überwuchert wird. Ganz eigenartige Wege durch Nichtorte, wo Bahnanlagen, Kleingärten und die Industriebetriebe, die es eben doch noch gibt, aufeinandertreffen, können hierher führen.

Dort, an der Straße, neben dem Hornbach-Parkplatz, stand das Krupp-Haus. Ein typisches Kleinod, ein ganz schlichter zweigeschossiger Bau mit verglastem Eingangsbereich, der höchstens dadurch auffiel, daß er ganz und gar mit blauen Kacheln verkleidet war. Wie lange er schon leerstand, erahnte man an der wahrhaft urwaldartigen Vegetation, in der er versank.

KruppHaus

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Das weiß aufgemalte „Krupp“ mit dem entsprechenden Logo blätterte schon ab, aber die Keramik der Fassade war unverwüstbar. Wie ein bizarres Artefakt einer, sicher außerirdischen, Zivilisation, irgendwo im tiefen Dschungel bot es sich dem Besucher dar und er mußte Archäologe werden, es zu erkunden.

Schwer machte es ihm das Krupp-Haus nicht, mehr über es zu erfahren; die Tür war nicht verschlossen. Schon von außen sah er in den Fenstern des Obergeschosses seltsame Hieroglyphen. Innen dann waren ganz Wände, teils bis auf die schimmelnden Teppiche ausgreifend, mit reich ornamentierten Schriftzügen versehen.

Kobe2

Der Besucher, der ja wußte, daß er kein Archäologe und bloß in Berlin war, wenn vor dem Fenster auch alles nach Urwald aussah, erkannte darin etwas Vertrautes: Graffiti. Doch fand er sich nun an einem Ort, wo er dieses auf völlig neue Weise erleben konnte.

Raum

Hier in den Innenräumen war es seiner einzigen Funktion beraubt: öffentlich zu sein, sichtbar, um den Fame, die Berühmtheit, seines Urhebers zu mehren.

Kobe1

Dieser Wiederspruch entging den hier vertretenen Sprayern nicht:

Bombing

Es sei offengelassen, ob Graffiti Kunst ist, aber im Krupp-Haus hatte es ein Museum.

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Jugoslawien im Thüringer Wald

Als die DDR in den frühen Sechzigern, nachdem auch offiziell alle gesamtdeutschen Vorstellungen abgelegt worden waren, beschloß, sie brauche ein internationalen Maßstäben genügendes Wintersportzentrum, wurde als dessen Standort das Örtchen Oberhof im Thüringer Wald im südlichen Bezirk Suhl, das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schon eine bescheidene touristische Tradition hatte, gewählt. Und was hätte besser zu diesen Ansprüchen von Internationalität und Wintersport passen können, als mit dem Bau einiger wichtigen Gebäude im neuen Oberhof Fachleute aus dem einzigen sozialistischen Staat, der einen Anteil an den Alpen hat, zu beauftragen: aus Jugoslawien?

Das erste jugoslawische Gebäude in Oberhof ist auch das berühmteste und sein Symbol: das Interhotel „Panorama“. Daß ein wichtiger Ort zuallererst ein symbolisches Gebäude braucht, war in den Sechzigern geradezu eine städtebauliche Doktrin in der DDR. Ob sie richtig war, sei dahingestellt, aber unstrittig ist, daß diese Symbole auch nach dem Ende der DDR weit stärker weiterwirken als vieles andere, was sie schuf. Das gilt auch für das Interhotel „Panorama“. Ganz im Norden Oberhofs erhebt es sich.

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Kürth, Herbert/Kutschmar, Aribert: Baustilfibel, Berlin 1978

Zeichnung von Ruth und Rudolf Peschel aus Kürth, Herbert/Kutschmar, Aribert: Baustilfibel, Berlin 1978

Auf einem verglasten Sockelgeschoß, das zur Straße hin flach, zum steilen Hang hin aber dreigeschossig ist, weit überstehende Betonbalken, die die zwei Bettenhäuser tragen. Sie beginnen mit einem zweigeschossigen Teil, steigen schräg  auf dreizehn Geschosse an und scheinen zueinander zu streben, ohne sich aber je berühren zu können, da sie bei ihren höchsten Stellen nebeneinander versetzt stehen. Wie zwei riesige Dreiecke aus Fensterbändern und dunklem Holz stehen sie dort in über 800 Meter Höhe mitten im Thüringer Wald.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1982

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1982

Ihre schrägen Dächer sollen an Skisprungschanzen erinnern, aber nimmt man sie zusammen, kann man in ihnen genausogut eine Anspielung auf traditionelle Satteldächer von Berghütten sehen.

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Egal, ob man mit dem Auto, dem Bus oder zu Fuß nach Oberhof kommt und sogar, wenn man bloß auf einem der umliegenden Berge ist, man wird immer zuerst dieses Hotel sehen. Seine Name bekommt so eine Doppelbedeutung, denn so wie es seinen Gästen ein Panorama bietet, verändert es selbst das Panorama seiner weiteren Umgebung. Seit 1969, pünktlich zum 20. Jahrestag, kündet es weithin sichtbar vom Wintersportzentrum der DDR.

Vom Interhotel „Panorama“ gelangt man auf dem leicht abschüssigen Bergkamm nach Süden ins Zentrum der Stadt, die Oberhof 1985 trotz seiner geringen Einwohnerzahl wurde. Die älteren Straßen, durch die man kommt, waren vielleicht nie sehr schön, die Gebäude sind auch allesamt nicht älter als hundert Jahre. Bloß noch vage erkennt man den Schiefer als Merkmal der traditionellen lokalen Architektur. Das Zentrum beginnt rechts der Straße mit dem zweiten, 1972 entstandenen jugoslawischen Gebäude Oberhofs: der Großgaststätte „Oberer Hof“. Sie ist ein dreigeschossiger Bau auf sehr unregelmäßigem Grundriß zwischen Straße und stark abfallendem Hang, der ganz aus seinem vielgestaltig spitzen Dach mit kleinen dreieckigen Gauben zu bestehen scheint.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

Dieses Dach nimmt die schiefergedeckten Dächer der älteren Häuser auf und verwandelt sie in eine Art abstrakte Skulptur. Nach Süden, zum Platz des Friedens hin, wird der „Obere Hof“ sehr schmal und sein Dach steigt schräg und spitz an. Sieben Gaststätten gab es dort, darunter, weiterer jugoslawischer Anklang, auch eine „Serbische Bauernstube“.

Der „Obere Hof“ leitete somit sehr schön zum Zentrum über, dessen wichtigste Gebäude südlich des Platzes der Freiheit standen. Links der Straße, tiefer gelegen, ist noch der Kurpark, aber der ist weniger auffällig. Bestimmt wurde das Zentrum von drei Gebäuden: dem FDGB-Erholungsheim „Fritz Weineck“ ganz rechts, einem in den abfallenden Hang gesetzten Plattenbau mit Satteldach eines Typs, der auch in Suhl und Oberwiesenthal verwendet wurde,

Aus Autorenkollektiv: Das neue Ferien- und Bäderbuch, Berlin 1986

Aus Autorenkollektiv: Das neue Ferien- und Bäderbuch, Berlin 1986

dem Ernst-Thälmann-Haus in der Mitte, einem etwas erhöht gelegenen großen Fachwerkbau,

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Suhl, Berlin 1989

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

und schließlich dem FDGB-Ferienheim „Rennsteig“ links, dem dritten jugoslawischen Bau Oberhofs.

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Mit seinen siebzehn Geschossen war es die Dominante des Zentrums. Seine Breitseite, die von Fensterbändern, Holzverkleidung und dünnen horizontalen Betonstreben bestimmt war, verjüngte sich nach oben hin leicht, um dann mit einem kleinen Satteldach zu enden. Diese Form sollte an die eines Rennsteigsteins, also einer der Markierungssteine am Rennsteig, dem berühmten Wanderweg durch den Thüringer Wald, erinnern.

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1978

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1978

Hinter dem siebzehngeschossigen Bettenhaus erstreckte sich der zweigeschossige Sockelbau. Dieses Gebäude erlangte zwar nie die symbolische Bedeutung des „Panorama“, aber es bildete den Abschluß sowohl des Oberhofer Stadtzentrums als auch des jugoslawischen Wirkens dort. Durch ein Wandbild von Walter Womacka im unteren Teil einer der Schmalseiten (im Bild sehr undeutlich zu erkennen) kam es sogar noch zu einer kleinen Synthese aus der Architektur Jugoslawiens und der Kunst der DDR.

Im Bereich südlich des Zentrums verbreitert sich der Kamm. Neben vermischter Einfamilienhausbebauung gibt es dort auch ein kleines Wohngebiet aus der DDR mit vier- und fünfgeschossigen Gebäuden, die mit überstehenden Satteldächern und einzelnen Holzapplikationen Elemente der lokalen Architektur aufnehmen, wie es ja überhaupt für Oberhof typisch ist.

Heute ist Oberhof noch immer vom Wintersport geprägt. Am Hang westlich des Hotels „Panorama“ sind die Skisprungschanzen, in der Nähe gibt es die Kunsteisrodelbahn

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

und die Biathlonstrecke und selbstverständlich bieten sich die umliegenden Berge so sehr wie je für den Skilanglauf an. Auch das Symbol der Stadt steht weiterhin und im „Oberen Hof“ gibt es vielleicht keine „Serbische Bauernstube“ mehr, aber Restaurants und Bars doch. Bloß seines Zentrums entledigte Oberhof sich in den auf die Ereignisse 1990 folgenden Jahren völlig. Nicht nur „Rennsteig“ und „Fritz Weineck“ sind verschwunden, auch vom Ernst-Thälmann-Haus, das doch mit seinem Fachwerk auch von den konservativeren Besuchern kaum als sehr störend empfunden werden konnte, blieb nur eine Treppe, die jetzt auf eine Brachfläche führt.

Nur noch wenig von dem, was Oberhof zu dem eigentümlichen jugoslawisch geprägten Wintersportzentrum machte, gibt es somit mehr. Auch seine jugoslawische Geschichte scheint die Stadt vergessen zu haben. Es ist nicht einmal einfach herauszufinden, wer die jugoslawischen Gebäude Oberhofs eigentlich entwarf, sogar der sonst so zuverlässige Architekturführer DDR nennt bloß jugoslawische Kollektive, zu denen nur beim „Panorama“ ein „K. Martinkovic“ hinzutritt. Bei diesem dürfte es sich um den vormaligen Belgrader Professor Krešimir Martinković handeln, dessen mehrbändige „Osnovi zgradarstva“ (Grundlagen des Bauwesens) noch heute ein Standardwerk zu sein scheinen, aber viel ist über ihn nicht zu erfahren. Immerhin die Baufirma Komgrap nennt Oberhof noch als Beispiel für ihre internationale Tätigkeit.

Wenn man heute durch die Straßen im Norden Oberhofs geht, sieht man denn alles erfüllt von der Vulgarität der billigeren Ferienorte kapitalistischer Staaten und es tröstet wenig, daß das auch in den Alpen Sloweniens nicht anders sein dürfte. So nah wie in Oberhof werden sich Jugoslawien und die DDR nicht mehr kommen.