Archiv für den Monat März 2015

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Cheb

Cheb hat einen Weltraumbahnhof. Das mußte vielleicht so sein in dieser Stadt ganz im Westen von Böhmen, mit deren Bahnhof sich die Tschechoslowakei 1962, kurz nach Sputnik und Gagarin, den von weiter westlich, das heißt aus Westdeutschland, kommenden Besuchern präsentierte.

NádražíChebBahnsteige

An den flügelartig schwebenden blauen Dächern der Bahnsteige merkt man noch nichts, solche gibt es oft. Doch wenn man durch die Unterführung den Bahnhof betritt, ist alles klar. Zu beiden Seiten öffnet sich die zweigeschossige Bahnhofshalle, im unteren Teil Schalter und Geschäfte, im oberen Teil nach vorne Fenster, nach hinten gewellte Plexiglaswände, an der Decke ein weiß-blaues Karomuster und am Ende jeweils Mosaike.

NádražíChebMosaik1

Sie scheinen erst gänzlich abstrakt, doch dann werden die weißen, gelben und orangenen geschwungenen Linien auf dem Untergrund aus Blautönen als Weltraumlandschaft, in der auch stilisierte Raumschiffe nicht fehlen, erkennbar.

NádražíChebMosaik2

In der Mitte, wo man zwischen zwei runden, nach oben hin breiter werdenden Stützen steht, ist die Halle etwas schmaler und niedriger.

Aus Cheb - Obrazový soubor 15 barevných listů v obálce, Praha o.J.

Aus Cheb – Obrazový soubor 15 barevných listů v obálce, Praha o.J.

Über dem Zugang zur Unterführung hing früher eine Uhr, jetzt eine digitale Abfahrtsanzeige.

NádražíChebEingang

Über dem gläsernen Ausgang, den ein weiteres Stützenpaar rahmt, ist ein buntes Glasbild, das inmitten von Formen, die denen der Mosaike ähneln, eine Frauengestalt zeigt.

NádražíChebGlasbild

Erst wenn man vor dem Bahnhof steht, merkt man, daß quer über die Hallenmitte ein fünf weitere Geschosse aufragender Bürotrakt gesetzt ist, der außen von zwei der runden Stützen getragen wird.

NádražíChebAußenVorne

Die Schmalseite über dem Eingang ist mit roten Kacheln verkleidet und dort hängt eine Plastik aus Metall, die noch einmal die Formen der Mosaike und des Glasbilds aufnimmt, aber außerdem, assymetrisch auf der rechten Seite, das Wappen der Stadt zeigt.

NádražíChebPlastik

Von außen ist der Bahnhof klar aufgebaut: vorne lange flache Trakte, die sich links als Kolonnaden öffnen, dahinter etwas später ansetzend und höher die Halle und in der Mitte quer und hoch aufragend der Bürotrakt, dessen Breitseiten durch vertikale Streben strukturiert sind und oben in Leuchtbuchstaben den Namen Cheb tragen.

NádražíChebAußenSeite

Über den weiten Vorplatz betrachtet, scheint der Bahnhof so selbst zur Rakete werden und abheben zu wollen.

Eng verwandt ist der Bahnhof Cheb dem Bahnhof Pardubice.

NádražíPardubiceAußen

Das ist kein Wunder, er entstand nur wenig später und unter der Verantwortung desselben Architekten. In Cheb sind die Elemente aus Pardubice – Halle und Hochhaus – wieder aufgenommen, aber neu und völlig anders zusammengefügt. Während sie in Pardubice in unpathetischer Funktionalität nebeneinanderstehen, steigern sie sich in Cheb zur Mitte hin, so daß eine sehr expressive Form entsteht. Während in Pardubice alle Eingänge der Halle gleichwertig sind, betont in Cheb alles den Haupteingang in der Mitte. Aus denselben Elementen entsteht also einmal ein funktionales und einmal ein expressives, man könnte sagen: monumentales Gebäude. Dieser Vergleich spricht erst einmal gegen den Bahnhof in Cheb, da er sich nicht begnügen mag, einfach seine Funktion zu erfüllen, sondern noch etwas darstellen will. Sicher kann man diesen Versuch, Weltraumbahnhof statt nur Bahnhof zu sein, leicht lächerlich finden. Aber zugleich ist er auch sympathisch. Und wie er von der Gebäudeform über eine Plastik draußen und ein Glasbild über dem Eingang bis hin zu zwei Mosaiken in der Halle alles der Weltraumthematik unterordnet, ist durchaus gelungen. Während die beiden Mosaike im Bahnhof Pardubice ohne Zusammenhang untereinander oder mit dem Gebäude sind, folgen die Kunstwerke im Bahnhof Cheb einer übergeordneten Konzeption. Sie zeigen auch, wie abstrakte Kunst, indem sie eine klare Thematik hat und Bezug sowohl auf den Ort (das Wappen) als auch auf den Menschen (die Frauengestalt) nimmt, mehr als bloß dekorativ wirken kann.

Am besten wird man dem Weltraumbahnhof Cheb gerecht, wenn man ihn als ein Experiment für eine neuartige Synthese von Architektur und bildender Kunst versteht, als ein Gesamtkunstwerk letztlich. Und da er darüber nie vergißt, daß er eben doch seine prosaische Funktion erfüllen muß – was spricht dagegen? Die Tschechoslowakei hätte sich an der Grenze zu Westdeutschland ein weit schlechteres Aushängeschild bauen können.

Advertisements

Wohnpark Alterlaa

Er ist die Skyline des Wiener Südwestens. Dort, wo die Vororte schon lange still ins Umland hineinfließen, reckt sich der Wohnpark Alterlaa gen Himmel und kündet davon, was Stadt sein könnte.

AlterlaaSkyline

Seine Formen sind schon von weither unverkennbar und simpel. Die bloßen, mit vertikal geriffeltem weißen Blech verkleideten Schmalseiten sind nicht mehr als zwei im sanften Schwung zueinander aufsteigende und dann parallel verlaufende Linien, die Form eines umgedrehten Cocktailglases oder des Ještěd.

AlterlaaSeite

Die Breitseiten bestehen aus einem unteren Teil, der dreizehn Geschosse in Terrassen aufsteigt, und einem oberen Teil, der neun oder dreizehn weitere Geschosse hat.

Es ist der untere Teil, der schon auf den ersten Blick das Großartige am Wohnpark Alterlaa erkennen läßt.

AlterlaaBalkone

Geschwungene weiße Wände, die den Schmalseiten entsprechen, trennen die Balkone der Wohnungen voneinander und sind das einzig Vertikale, was man sieht. Aber zuerst sieht man Grün, das aus Beeten in vor den Balkonen aufgehängten Kunststoffwannen sprießt. Alle Arten von meist immergrünen Sträuchern und Bäumen, manchmal auch Kletterpflanzen, lösen den unteren Teil in hängende Gärten auf. Der obere Teil ist mit weißen Platten verkleidet und besteht aus normalen Wohnungen zwischen den vertikalen Linien. Eine jede besteht aus einem geraden und einem schräg vorragenden Teil, so daß eine Wellenstruktur entsteht, deren Bewegung noch dadurch unterstützt wird, daß die nebeneinanderliegenden Wohnungen abwechselnd Fensterbänder und Loggien haben. Nur bei den Eingängen ist diese Struktur unterbrochen. Hier sind die halbrund endenden Trakte mit den Aufzügen und Treppen, weit zurückgesetzt, aber höher geführt und braun verkleidet. Auf den Flachdächern sind noch weitere Penthousewohnungen und aufgestützte Sonnenterrassen mit Schwimmbecken.

Angeordnet sind diese mit wenig zu vergleichenden Gebäude auf die einfachste und effizienteste Weise, die die fortschrittliche Architektur entwickelt hat: in Zeilenbebauung. Andernorts zur Erbauungszeit (1973 bis 1985) zurecht schon als potentiell monoton überwunden, zeigt sie bei den riesigen Gebäuden des Wohnparks, was sie kann. Die Blöcke A, B und C des Wohnparks sind also streng parallel zueinander angeordnet. Da sie aber quer zum Schwung der Anton-Baumgartner-Straße stehen, beginnen und enden sie nicht auf derselben Höhe. Zudem sind die einzelnen Blöcke eigentlich sechs in sich stark differenzierte Gebäude. Der Grundtyp hat zwei Aufzugstrakte, die einen längeren Mittelteil und zwei kürzere Seitenteile separieren. So beginnt Block A an der Straße 26-geschossig, wird dann beim Seitenteil 22-geschossig und bleibt es beim zweiten Gebäude. Block B hingegen beginnt mit einem 22-geschossigen Gebäude, das aus nur einem Aufzugstrakt und zwei kurzen Teilen besteht und so fast wie ein Punkthaus wirkt, und setzt sich fort mit einem drei Aufzugstrakte und zwei Mittelteile umfassenden Gebäude, das zur einen Hälfte 26- und zur anderen 22-geschossig ist. Block C entspricht Block A, doch hier ist das erste Gebäude durchgängig 26 und das zweite Gebäude durchgängig 22 Geschosse hoch.

Zwischen diesen Blöcken sind die beiden Parks, die dem Wohnpark seinen Namen geben.

AlterlaaPark

Tiefer noch als die ersten Geschosse gelegen und mit welligen Wiesen, geschwungenen Wegen und vielen Sitz- und Spielmöglichkeiten gestaltet, kann man sie auch als Täler zwischen den Bergen der Gebäude begreifen. Alles ist ruhig und friedlich wie vielleicht in einem abgelegenen Alpental vor Ankunft der Autos.

AlterlaaTal

Sanft und grün steigen diese Berge um einen an, um erst hoch oben zerklüftet und grau zu werden. Doch es sind menschengemachte Berge. Vom Tal in die Gipfel führt deutlich sichtbar der Aufzugstrakt. Im Inneren sind großzügige Foyers mit Bildern österreichischer Künstler sowie Saunen, Schwimmbäder und die verschiedensten Gemeinschaftsräume.

FoyerAlterlaa

Oben erwartet einen nicht eisiger Tod, sondern Terrassen mit Schwimmbecken, von denen man weit über die Stadt und zu anderen Bergen schauen kann.

AlterlaaPool

Die Innenstadt ist weit, aber die in Tiefgaragen unter den Gebäuden und Parks verbannten Autos und die U-Bahn schaffen eine schnelle Verbindung.

AlterlaaU-Bahn

Die Station Alterlaa der U6, die hier als Hochbahn fährt, ist beim Anfang von Block A.

Und ein wenig Stadt hat auch der Wohnpark selbst. Während die Wohngebäude und Parks sich quer zur Straße und von dieser fort erstrecken, sind die gesellschaftlichen Einrichtungen entlang von ihr, aber genauso losgelöst, angeordnet. Von der U-Bahn tritt man direkt in den Einkaufsbereich, sinnigerweise Kaufpark genannt. Man ist hier schon ein Geschoß über der Straße, merkt das aber nicht. Die Gebäude des Kaufparks wie der anderen Einrichtungen haben funktionale kubische Gebäude, weiße Verkleidung, die manchmal von vertikalen braunen Streifen unterbrochen ist, und braungerahmte Fensterbänder, doch auch das merkt man kaum. Man betritt nun entweder den inneren Einkaufsbereich oder geht unter Kolonnaden oberhalb der Straße an ihm vorbei. Das Innere öffnet sich bald mit einem Lichthof zum umlaufenden Obergeschoß. An der Decke ist ein weißes Quadratraster, durch das entweder Neonröhren oder die Sonne scheinen. Es folgt ein offener Einkaufsbreich, pavillonartige Läden unter einem durchgängigen Dach, in den Obergeschossen Arztpraxen und eine Bibliothek. Das Herz dieses Bereichs ist ein offener rechteckiger Platz, um den Kolonnaden aus gelben Stützen und milchigen Kunststoffdächern sind.

AlterlaaPlatz

Zwei Bäumen stehen hier wie als Stellvertreter des Parks und man schaut hinauf zu den Blöcken A und B. Auch eine Schule hat an diesem Platz einen Eingang und greift dann mit Höfen und einer großen runden Sporthalle bis weit in den Park aus.

Durch Block B führt ein Durchgang, von dem man eine weitere Schule erreicht.

AlterlaaDurchgang

Er ist vielleicht absichtlich kahl gehalten und nur von Oberlichtern erhellt, um das weite Panorama des zweiten Parks umso wirkungsvoller zu machen. Die Dominante ist hier der Kirchturm, der auch eine buddhistische Stupa sein könnte. Ergänzt werden die gesellschaftlichen Einrichtungen noch durch Tennishallen in den Zwischenräumen der Blöcke A und C und durch Kindergärten beidseits von Block A und bei der Kirche.

AlterlaaZentralerBereich

Der Wohnpark Alterlaa ist so etwas wie der große Bruder des Heinz Nittel-Hofs. Wohnen, Freizeit, Schule, Einkauf sind in ihm auf gelungenste Art verbunden. Die einzelnen Funktionen fließen ineinander, ohne einander aber je zu stören. In den Parks ahnt man nichts vom geschäftigen Treiben des Einkaufszentrums und kann doch binnen weniger Minuten dort sein. Und über allem thronen die Wohnungen. Doch wo der Heinz Nittel-Hof mit seiner Umgebung so eng verbunden ist, steht der Wohnpark ganz für sich. Die umliegende Stadt hat ihm auch nichts zu bieten, sie ist ja kaum mehr Stadt und er so stark. Das Beste seiner Umgbung, etwa den direkt hinter dem Ende von Block A vorbeifließenden Liesingbach oder die Osramgründe, die seine Parks jenseits von Block C fortsetzen, nimmt er selbstverständlich gerne auf, aber all die neueren Wohnanlagen wirken so lächerlich klein und alt neben ihm. So bleibt der Wohnpark Alterlaa auch von einer gewissen Melancholie erfüllt: die Stadt, die Welt, von der er kündet und in die er gehörte, wurde nie gebaut.

Odessa zwischen zwei Bahnhöfen

Odessa empfängt den Reisenden mit einem riesigen kuppelgekrönten Bahnhof. Lange Bahnsteige führen entlang der endenden Gleise darauf zu. Links begrenzt ein niedrigerer Bauteil mit Arkaden das Bahnhofsareal und zwingt den Blick noch stärker aufs Hauptgebäude mit seinen hohen Pilastern, seinen großen rundbögigen Fenstern und seiner Kuppel.

OdessaBahnhof

Große blaue Leuchtbuchstaben auf dem Dach begrüßen auf Ukrainisch in der Heldenstadt Одеса (Odesa), während etwas niedriger neben dem russischen Namen der Stadt, Одесса (Odessa), die den Heldenstädten verliehenen Orden sind, als sollten sie dem Bahnhof stellvertretend für die Stadt angeheftet werden.

OdessaHeldenstadt

Da paßt es, daß die hübsche sowjetische Bezeichnung die Stadt personalisiert und genauer übersetzt „Stadt-Held“ hieße. Das Nebeneinander der beiden Sprachen jedenfalls erzählt schon von den jüngst so blutig ausbrechenden Schizophrenien der Ukraine.

Der Orden ist der klarste Hinweis darauf, daß der Bahnhof ein stalinistischer Bau von 1952 und kein fünfzig Jahre älterer zaristischer ist. Doch stalinistische Architektur, so reaktionär sie war, konnte zugunsten von Prunk nicht ganz auf Funktionalität verzichten, und so ist der riesigen Kuppelhalle mit dem Kronleuchter ein zweites, ebenfalls hohes Geschoß eingezogen, wo ein ausgedehnter Wartebereich ist. Über den halb ionischen, halb palmblättrigen Kapitellen sind dort auf den Balken der Kassettendecke fünfzackige Sterne und weit oben an den Wänden hängen Bronzereliefs eines roten Soldaten und Matrosen und Ölgemälde mit Szenen aus der revolutionären Geschichte der Stadt, die den Blicken der Menschen so fern sind wie die Allegorien oder Herrscherbilder in älteren Bahnhöfen es waren. In der hohen Kassenhalle links, wo oben ebenfalls ein roter Soldat und ein roter Matrose aufgemalt sind, werden Hammer und Sichel, die Symbole der Sowjetmacht, als Teile der Kapitelle zu bloßen Ornamenten.

OdessaBahnhofOrnament

Einen traurigeren Ausdruck für den antisozialistischen, antisowjetischen Charakter der stalinistischen Architektur gibt es nicht.

Dem Vorplatz, der Stadt selbst, wendet der Bahnhof unterhalb der Kuppel eine große Figurengruppe zu, die wohl eine von Arbeitern, Soldaten und Matrosen flankierte Allegorie der Partei zeigen soll, aber die ist nicht nur fern der Menschen unten, sie scheint nicht einmal mit dem Gebäude organisch verbunden. Dennoch traurig, daß über all dem nur die ukrainische Fahne weht. Der Vorplatz hat dem Bahnhof auch wenig entgegenzusetzen. Zwei Unterführungen leiten die Menschenströme unter seinen Straßen hindurch.

Aus dem Stadtzentrum und ältesten Teil Odessas, der dahinter beginnt, ragen einige goldene Zwiebeltürmchen auf, doch die dazugehörigen Kirchen, banale Gebäude in einem orthodoxen Neostil, ordnen sich ganz dem Straßenraster unter. So ist es dieses Raster selbst, das die Stadt ausmacht: Odessa, 1794 an der Stelle einer türkischen Festung gegründet, ist eine geplante Stadt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Alle Straße verlaufen von Süden, wo der Bahnhof ist, nach Norden oder von Osten nach Westen. Alle sind sie breite und großzügige Alleen. Noch immer stammen weite Teile der Bebauung aus der Entstehungszeit der Stadt, es sind zweigeschossige Häuser mit bescheidener klassizistischer Ornamentik.

OdessaStraßeBahnhof

Die Alleebäume aber, größtenteils alte, weitausladende Platanen, ragen weit über diese Gebäude empor. So hat Odessa etwas Südliches, Mediterranes, ohne aber verwinkelt oder natürlich gewachsen zu sein. Es ist vom Plan gemäßigte Südlichkeit. Auch weitere Kirchen, Synagogen, Verwaltungsgebäude, Börse, Theater bleiben dem strengen Raster untergeordnet.

An einigen Stellen, häufiger nach Norden hin, treten an die Stelle der alten Häuschen höhere Miets- und Bürohäuser, die sich aller möglichen Neostile des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie des Jugendstils bedienen. Da sie meist unvermittelt aus der niedrigeren Bebauung aufragen, können sie leicht wie Hochhäuser wirken und wirkten vor hundert Jahren gewiß erst recht so. Überhaupt hat Odessa neben dem Südlichen etwas Amerikanisches. Wie die amerikanischen Städte ist es eine koloniale Gründung. Daß das zuvor türkische Neurußland etwas näher an Moskau ist als Neuengland an London, ist nur ein Detail. Wie die amerikanischen Städte wurde es von Einwanderern gebaut. Und nicht zuletzt ist dieses ungeordnete Emporwachsen aus einem rechtwinkligen Straßenraster hier wie dort dasselbe. Es ist nur wirtschaftlichen und geschichtlichen Umständen geschuldet, daß Odessa nie New York wurde. Es ist auch hervorzuheben, daß Odessa, wiewohl im zaristischen Rußland gegründet, eine gänzlich bürgerliche Stadtstruktur hat. Zwar gibt es im Westen einen breiten Boulevard und einen quadratischen Platz, aber sie sind für die Stadt nicht wichtig. Der größte und klassischste Platz ist am westlichen Rand des Stadtzentrums, wo das Straßenraster abschwenkt und nunmehr aus Straßen in südöstlich-nordwestlicher und nordöstlich-südwestlicher Richtung besteht. Grundsätzlich jedoch sind alle Straßen gleich groß und gleichwertig.

Eine der Straßen führt auf die Oper zu, die sich als für einen historistischen Prunkbau des späten 19. Jahrhunderts überraschend schlankes, an einen Schiffsrumpf erinnerndes Halboval, vor das noch ein offener zweigeschossiger Eingang gesetzt ist, den Blicken entgegenwölbt.

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 10, Nb – Plovd, Leipzig 1974

Aus Meyers Neues Lexikon: Band 10, Nb – Plovd, Leipzig 1974

Den Hauptteil ihres nun doch groß und mächtig wirkenden Baukörpers zeigt die Oper aber einem nach rechts leicht abfallenden Platz, auf und um den sich andere repräsentative Gebäude in klassizistischen Formen befinden. An der Säulenfront des Rathauses vorbei öffnet sich der Platz zum Schwarzen Meer. Hier beginnt der Meeresboulevard (Приморский бульвар), der dem Verlauf der Küste nach Nordwesten folgt.

Eine andere Straße führt auf einen kleinen Platz zu, auf dem dein Denkmal Katharinas II., die Odessa gründen ließ, steht. Von ihrem Sockel weist die bronzene Zarin nach rechts und dort, leicht versetzt zum Verlauf der Straße, öffnet sich die Stadt wiederum zum Meer.

OdessaDenkmalKatharina

Wie zwei geöffnete Hände wenden sich zwei viertelkreisförmig geschwungene zweigeschossige Gebäude beidseits der endenden Straße dem Meer zu. In der Mitte des so entstehenden halbkreisförmigen Platzes, der auch die Mitte des Meeresboulevards ist, steht ein zierliches Denkmal für den ersten Gouverneur der Stadt, den Grafen von Richelieu, das auch eine allegorische Gestalt, eine Freiheitsstatue von Odessa sein könnte. Die Statue blickt aufs Meer und mit ihr tut es die ganze Stadt.

Dort unten, weit unterhalb des Plateaus, auf dem die Stadt errichtet wurde, ist der Hafen von Odessa. Hinter Straßen, Bahnlinien und Lagerhäusern liegen vielerlei Schiffe in den drei Becken mit ihren Kränen und sonstigen Anlagen und weit dahinter ist die Bucht von Odessa.

OdessaHafen

Es ist eine Industrielandschaft, die sich dort direkt vor der Stadt ausbreitet, ganz nah und doch so fern, als handele es sich um riesige Spielzeuge. Dank der geographischen Bedingungen sind Stadt und Hafen auf einmalig glückliche Weise zusammengeführt. Sie bleiben für sich und bilden doch eine harmonische Einheit. So sehr sich der Hafen in den etwas mehr als zwei Jahrhunderten seit der Gründung Odessa verändert hat, die Wirkung bleibt dieselbe. Die Planer der Stadt wußten, was sie hier schaffen konnten, weshalb sie alle städtebauliche herausgehobenen Situationen für das Wichtigste aufhoben: das Aufeinandertreffen der Stadt mit Hafen und Meer. Und Höhepunkt all dessen ist die Treppe, die vom Platz, von der Füßen der Statue zum Hafen hinunterführt. Durch Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ ist sie auch zu filmischen Ruhm gekommen, aber das lenkt von ihrer stadtplanerischen Genialität eher ab.

OdessaTreppeWinter

Verschwenderisch und doch genau angemessen breit, fast zweihundert Stufen lang, die immer in regelmäßigen Abständen von ebenen Flächen unterbrochen sind, zieht sich die Treppe als sanfte Wellenform den steilen Hang hinab. Sie ist wie ein Teppich, den die Stadt allen, die da übers Meer herankommen mögen, ausrollt, um sie hinauf in ihre wohlgeordneten Straßen zu bitten, heute wie 1841, als sie gebaut wurde.

Hier nun, an dieser durch nichts zu verändernden oder zu verbessernden Treppe, knüpfte die sowjetische Architektur, die oben in der Stadt nur durch einige Hotelbauten bemerkbar ist, an. Früher stand am Fuße der Treppe eine Kirche, die Sowjetunion jedoch baute etwas unendlich viel Nützlicheres: ein Fährterminal. Die eigentliche Bezeichnung lautet gar Meeresbahnhof (Морвокзал). Jenseits der Straße gelangt man durch ein zweigeschossiges Gebäude auf eine breite aufgestützte Fläche, zu der von beiden Seiten auch Rampen für Autos führen. So geht man, über Gleise und andere Straßen hinweg, aufs Meer hinaus und auf das Bahnhofsgebäude zu, wo die Fläche, nun schon zwei Geschosse über dem Wasser, breiter wird. Es wendet der Stadt eine breite Fensterfront, die von unten schrägt nach oben und vorne ansteigt, zu. Im Inneren sind an beiden Seiten viergeschossige Bauteile, zwischen denen sich eine hohe verglaste Halle öffnet, deren Dach von schmalen, zu beiden Seiten nach außen ansteigenden Stützen getragen wird und um die im ersten Geschoß eine Galerie führt.

OdessaMeersbahnhofHalle

Durch die Glasflächen zu beiden Seiten blickt man hinaus in die Hafenanlagen. Sah man sie vom Boulevard oben klein wie Spielzeuge, ist man nun mitten zwischen ihnen.

OdessaMeeresbahnhofHafen

Vorne in der Mitte endet sie Halle mit einem weiteren Bauteil, an den die Glaswände von beiden Seiten schräg anschließen. Sowohl das Dach als auch die Fläche der Galerie setzen sich draußen neben der Halle und noch um den vorderen Bauteil herum fort. Nach vorne, zum Meer hin, wird das Dach fast freischwebend, gehalten nur von schräg nach vorne ragenden Stützen.

OdessaMeeresbahnhof

So entsteht ein so markantes wie funktionales Gebäude, das von der Stadt hinaus aufs Meer und vom Meer hinein in die Stadt führt und dabei wie nebenbei ihren raison d’être, den Hafen, präsentiert. Der Meeresbahnhof ist nichts anderes als die logische Fortsetzung der Treppe von Odessa. Er ist, am anderen Ende der Stadt gelegen, auch das fortschrittliche Gegenstück zum stalinistischen Bahnhof und gleichsam eine Entschuldigung der sowjetischen Architektur für diese Verfehlung.

Heute jedoch steht noch vor dem Meeresbahnhof ein Hotelhochhaus. Nicht nur ist es mit seinem billigen blauverspiegelten Glas ein Stück traurigster Architektur der traurigen Neunziger, vor allem stört es die Bewegung des Bahnhofs zum Meer, ganz wie früher die Kirche die Bewegung der Treppe zum Hafen störte. So zerstört der restaurierte Kapitalismus das, womit der Sozialismus eine frühere kapitalistische Stadtplanung vollendet hatte. Aber die Heldenstadt Odessa hat schon ganz anderes ausgehalten.

Fürnberg in Weimar

Louis Fürnberg, der größte deutschsprachige Dichter, den die Tschechoslowakei hervorbrachte, der große Kommunist und Schöpfer etwa des wundervoll zärtlichen „Lieds der Partei“, verbrachte die letzten Jahre seines kurzen Lebens (1909-1957) in Weimar.

Seine Wahlheimat DDR versäumte es auch nicht, ihn nach seinem Tode gebührend zu ehren. Sichtbarstes Zeichen davon ist sein Denkmal am Schloß, das trotz der darum gepflanzten Nadelsträucher noch heute sogar Touristen auffallen könnte.

LouisFürnbergDenkmalWeimar

Leider ist dieses 1960 vom tschechoslowakischen Bildhauer Martin Reiner geschaffene Werk recht mißlungen. Die Bronzebüste hat zu idealisierte Züge und wirkt auf der schmalen Stele durch ihre enorme Größe recht bizarr. Auch das Denkmal des polnischen Dichters Adam Mickiewicz, über den Fürnberg seine „Begegnung in Weimar“ schrieb, steht zu weit entfernt, um ihm zur Hilfe zu kommen.

Angemessen, wenn auch weit weniger prominent plaziert, ist Fürnbergs Grab auf dem alten Teil des Hauptfriedhof, nicht weit hinter der orthodoxen Kirche.

GrabLouisFürnbergLotteFürnbergWeimar

Es hat einen unebenen horizontal gelagerten Stein, auf dem in bronzenen Buchstaben seiner und seiner viel später gestorbenen Frau Lotte Namen, ihre Lebensdaten und ein bronzener Abguß seiner Todesmaske sind. Davor erinnern kleine Steine an Mitglieder seiner und ihrer Familie, die größtenteils in Auschwitz, Terezín (Theresienstadt) und im nahen Buchenwald ermordet wurden.

GrabJakobFürnbergHenrietteFürnbergWalterFürnberg GrabJosefPfefferkornAnnieWertheimer

Die schönste Weimarer Spur Fürnbergs aber findet sich dort, wo der Sozialismus der DDR am stärksten er selbst war und Fürnberg am besten hinpaßt: im Wohngebiet Dichterweg. Dessen sechsgeschossigen Gebäude verteilen sich locker am Hang oberhalb des Ilmparks und in der Mitte öffnet sich ein Grünbereich zu einem zweigeschossigen Dienstleistungsgebäude, das wie eine Membran zur Bodelschwinghstraße mit ihren Einfamilienhäusern, zu der es flach ist, wirkt.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Erfurt, Berlin 1979

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Erfurt, Berlin 1979

Dort steht die „Hommage à Louis Fürnberg“ von Lutz Hellmuth und Dietmar Lenz, deren prätentiöser Name ihr einziges Problem ist.

HommageÀLouisFürnbergWohngebiet

Auf einer glatten quadratischen Stele türmen sich rohe eckige Steine auf, aus denen auf beiden Seiten je eine große Platte herausgearbeitet ist.

HommageÀLouisFürnbergGesamt

Die eine ist vertikal, die andere horizontal angeordnet und beide zeigen sie einen nackten Menschen von hinten.

HommageÀLouisFürnbergHorizontal

Für sich genommen sagen diese Darstellungen nichts. Doch auf der Stele stehen die Worte von Fürnbergs Gedicht „Epilog“:

HommageÀLouisFürnbergEpilog

Man liest sie und der Stein erwacht zum Leben. Man sieht in der nackten Gestalt nun den Menschen, der mit dem Staub kämpft, den an seinem Ursprung Fremden, und sein nach oben gestreckter Arm bekommt die Bewegung des Maulwurfs, der die Erde über sich aufbrechen will. Mitten im vom Sozialismus geschaffenen neuen Leben des Wohngebiets das Kunstwerk mit dem Gedicht, das ein einziger Protest gegen den Tod und die Natur ist – so und nur so ist es Louis Fürnberg und Weimar angemessen.

Ein faschistischer Platz in Padua

Wenn man in Padua vom Bahnhof kommend fast das Herz der Altstadt erreicht hat, öffnet sich nach rechts die Via Emanuele Filiberto di Savoia. Es ist eine wenig auffällige Straße und daß sie erst in den frühen Zwanzigern angelegt wurde, merkt man kaum. Mit ihren reduziert historistischen Formen und den Arkaden im Erdgeschoß hätte sie ebensogut zwanzig Jahre früher entstanden sein können. Das einzig Überraschende an dieser Architektur ist, wie langweilig und konservativ sie ist.

Der Platz, der sich dann an dieser Straße öffnet, entstand in den Dreißigern und ist eindeutig Produkt des italienischen Faschismus.

PiazzaInsurrezionePadova

Zu drei Seiten stehen Bürohäuser, deren ursprüngliche Funktionen allein schon ein Bild der faschistischen Gesellschaft ergeben: An der Ostseite der Sitz des Consiglio Provinciale dell’Economia (eine Art Handelskammer), der Borsa (Börse) und der Versicherungsgesellschaft Istituto Nazionale delle Assicurazioni (INA),

INAPadova

an der Nordseite der Sitz der Großbrauerei Itala Pilsen

ItalaPilsenPadova

und an der Westseite der Sitz der Sozialversicherung Istituto Nazionale Fascista della Providenzia Sociale (INFPS).

INFPSPadova

Allen Gebäuden gemein sind die wuchtigen Dimensionen und die ins gänzlich unmenschliche gewachsenen Arkaden. Die historistische Ornamentik der Steinfassaden unterscheidet sich jeweils in Details, wobei sie beim Gebäude des INFPS zugunsten von kahler Monumentalität fast völlig in den Hintergrund tritt. Die drohende Wirkung wird hier durch Adler und Mütter mit Kind beim Eingang noch verstärkt. Hier handelt es sich um faschistische Architektur in ihrer Reinform. Damit das auch niemand übersehen kann, findet sich in den Arkaden ein Mosaik, das weiße Pferde, halbnackte Männer mit römischen Schildern, Schwert, Gewehr und Fasces (Rutenbündel mit Axt) und über ihnen eine römische Standarte, eine Totenkopfflagge und eine Göttin zeigt.

FaschistischesMosaikPadova

Das soll wohl eine Allegorie der römischen Tradition des Faschismus sein, aber in ihrer homoerotischen Comicästhetik ist sie heute kaum noch ernstzunehmen und wäre es wohl auch nicht, wenn das Mussolini-Zitat darunter noch lesbar wäre.

Die faschistische Architektur des Platzes selbst ist in keiner Weise originell oder neuartig. Sie steht fest in der Tradition der monumentalen Repräsentationsarchitektur des 19. Jahrhunderts, deren schlimmste und menschenfeindlichste Aspekte sie aufgreift, teils von Ornamentik reinigt und ins Extreme verstärkt. Von Leipzig 1913 nach Padua 1933 führt architektonisch eine direkte Linie.

Das vierte markante Gebäude des Platzes, das mit einigen älteren an der Südseite steht, entstand nicht in der Zeit des Faschismus, sondern nach 1948. Betrachtet man jedoch nur die unteren drei Geschosse, merkt man das gar nicht:

GrattacieloPadovaSockel

die hohen Arkaden der übrigen drei Gebäude sind in den Bögen der hellen Steinfassade aufgegriffen und den Abschluß bildet ein ebenfalls steinerner Balkon. Erst auf diesem monumentalen Sockel erhebt sich für weitere 13 Geschosse ein völlig anderes Gebäude:

GrattacieloPadova

ein Wohnhochhaus auf quadratischem Grundriß mit roter Kachelverkleidung und mittig vorgesetzten schwarzen Gitterbalkonen. Alle Ornamentik, aber auch alle Monumentalität fehlen hier völlig. Es ist ein schlichter und sachlicher Bau, der nur seine Funktion erfüllen will und nur durch seine Höhe wirkt. Wenn man in der Altstadt aus dem Palazzo della Ragione, einem großen Renaissancebau mit Marktpassagen und Versammlungssaal, tritt und jenseits der Piazza della Frutta (Obstplatz) dieses Hochhaus erblickt, scheint es tatsächlich wie ein Symbol von etwas ganz Neuem.

GrattacieloPiazzaDellaFruttaPadova

Erst auf dem faschistischen Platz sieht man, daß es ein Zwitter ist. Mit seinem Sockel ist es der Monumentalität der übrigen Gebäude verbunden, während seine Obergeschosse von Funktionalität geprägt sind.

PiazzaInsurrezionePadovaGrattacielo

Es stellt damit ganz entschieden keinen Bruch mit der Architektur des italienischen Faschismus dar, ja, es hätte genau so, mit seinen monumentalen wie auch seinen funktionalen Elementen, auch zehn Jahre früher entstehen können. So kann es die Unmenschlichkeit des Platzes auch kaum ausgleichen.

Der Platz übrigens hieß ursprünglich Piazza Spalato (Spliter Platz), wodurch sich der Anspruch des italienischen Imperialismus auf Dalmatien ausdrückte. Nach Kriegsende wurde er umbenannt in Piazza dell’Insurrezione 28 Aprile. Wenn schon die spätere Architektur nicht zu einem klaren antifaschistischen Akt fähig war, so war zumindest diese Benennung einer: Der Name erinnert an den Aufstand Ende April 1945, in dem die Partisanen die Stadt kurz vor dem Eintreffen der britischen Armee von den Deutschen und der faschistischen Repubblica Sociale Italiana (Italienische Sozialrepublik) befreiten.