Archiv für den Monat Oktober 2014

Neofaschistische Architektur am Karlsplatz

Eigentlich ist es nicht ganz richtig zu sagen, daß am Karlsplatz in Wien ein Beispiel neofaschistischer Architektur stehe. Es ist vielmehr ein Beispiel neofaschistischer Bauplastik.

Das Gebäude, um das es geht, könnte kaum banaler sein: Ein Sockel aus Glasflächen, ein Mittelteil aus vertikalen Streben und Fenstern, oben ein massiver, fast fensterloser Dachteil in jener beigen Steinverkleidung, die auch den Rest bestimmt. Es beherbergt die Bibliothek der Technischen Universität Wien und erfüllt seine Funktion so gut oder schlecht wie es die meisten anderen Gebäude tun würden.

Karlsplatz

Doch man bemerkt das Gebäude gar nicht, da es sich ganz der riesigen Plastik an seiner Ecke unterordnet, die alle Blicke auf sich zieht. In gelblichem Stein zeigt sie ein Wesen, das oben ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln ist, nach unten hin aber anthropomorph, um mit den Klauen eines Adlers auf einer Kugel, die von einer runden Stütze getragen wird, zu enden.

Hier sind die Merkmale faschistischer Bauplastik, die man als Potentialisierung der unmenschlichen Züge der Plastik des 19. Jahrhunderts und Fortsetzung der schlimmeren Formen des Jugendstils und Art Déco beschreiben kann, klar ausgeprägt: eine monumentale Vertikalität, die den Menschen vor sich klein machen, erdrücken will und eine Reduziertheit der Formen, damit kein potentiell gemütlicher Naturalismus in den Weg des Ausdrucks von Macht, der ihr Ziel ist, tritt. Wie genau hier faschistischen Vorbildern gefolgt wird, zeigt ein Vergleich zu einer Bauplastik, die an einem Gebäude in der Eberstadtstraße in Frankfurt am Main hängt.

FrankfurtEberstadtstraßeAdler

Auch sie zeigt einen Adler, auch sie ist an der Ecke des Gebäudes, dessen Funktion (es ist ein Bunker) aber ebenso egal und ihr ganz untergeordnet ist. Während sich die Plastik am Karlsplatz bloß diesem im schlechten Sinne amorphen und zergliederten städtischen Raum zuwendet, hat das Frankfurter Beispiel die klare Funktion, ein Gegengewicht zur menschlichen und fortschrittlichen Architektur der Siedlung Praunheim, an deren Rande das Gebäude steht, zu schaffen.

Aber gewiß, in Frankfurt mußte das Hakenkreuz aus dem Kranz herausgemeiselt werden, in Wien jedoch hielt der Adler immer nur eine Kugel in den Klauen. Denn natürlich ist das hier alles nicht so gemeint, das Gebäude ist schließlich nicht aus den Dreißigern, sondern aus den Achtzigern. Der Adler wirkt zu niedlich, zu sehr wie ein Huhn (er soll eine Eule sein) und seine monumentale Wirkung an der Ecke wird noch dadurch ad absurdum geführt, daß auf dem Dach in Verlängerung der Streben weitere kleine Adlerchen sitzen.

Allein das ändert nichts. Faschistische Architektur bleibt auch in ihrer Karikatur faschistische Architektur. Architektur, da sie nichts darstellt, kann auch nichts karikieren. Jedes Gebäude ist dadurch, daß es potentiell und dem Ziel nach für die Ewigkeit, jedenfalls aber für eine lange Zeit errichtet wurde, etwas unendlich Ernstes. Ernst bleibt es auch, wenn sein Architekt es nicht ernst meint, sondern als Scherz, als Karikatur. Das spricht dann bloß gegen ihn und gegen die, die ihn bauen ließen. In diesem spezifischen Fall ist umso schlimmer, daß nicht nur ein schlechter Witz, sondern ein Stück neofaschistischer Architektur, denn die Plastik bestimmt die Architektur, in die Stadt gesetzt wurde und den Weg für deren Akzeptanz bereiten kann.

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Der Weg der roten Fahne

Es gibt im Zentrum der Bezirkstadt Dresden zwei eng verwandte und gegensätzliche Kunstwerke. Beide sind Wandbilder, beide zeigen Wege. „Fürstenzug“, heißt das erste. An einer langen Wand an einem Teil des Schlosses der sächsischen Könige zeigt es die verschiedenen Herrscher in einem langen Zug. Aber der Zug geht in die Vergangenheit, von der damaligen Gegenwart, wo hinter dem König auch bürgerliche Honoratioren gehen dürfen, bis ins mystische Dunkel.

Aus Böhle, Karl-Heinz: Dresden in Farbe, Leipzig 1981

Aus Böhle, Karl-Heinz: Dresden in Farbe, Leipzig 1981

Der „Fürstenzug“ ist damit, wie Ludwig Renn und andere schöner ausgeführt haben, so etwas wie der Inbegriff des reaktionären Kunstwerks.

Nicht weit entfernt, an einer Wand des Kulturpalasts, den die DDR Ende der Sechziger sowohl dem renovierten Königsschloß als auch dem stalinistischen Altmarkt entgegensetzte, ist das zweite Wandbild: „Der Weg der roten Fahne“. Es ist so simpel und klar, wie ein großes Werk der sozialistischen Kunst sein muß. Zwei Arten von Stein: ein glatter für die Motive des Bilds, ein rauerer für die Inschriften. Vier Farben: Weiß, Grau, Schwarz und Rot.

Aus Klemm, Heinz und Helga: Dresdner Blätter, Rudolstadt 1973

Aus Klemm, Heinz und Helga: Dresdner Blätter, Rudolstadt 1973

In der linken Hälfte ist die Geschichte des Kampfs der Arbeiterbewegung dargestellt. „Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein”, sagt eine Inschrift. Man sieht, in einer Schlangenlinie angeordnet, die in Kontrast zu den horizontalen Linien der Schriftplatten steht, bewaffnete Kämpfer der Revolution von 1848, Karl Marx mit einem Plan in Händen, Friedrich Engels mit Gewehr, einen letzten Jungen auf den Barrikaden, Gefangene, die abgeführt werden, Kriegshandlungen im ersten Weltkrieg, Revolutionäre des Oktobers unter rotem Stern, Ernst Thälmann agitierend vor einer Menschenmenge, die Inschrift „Leben wird unser Programm”, Opfer des faschistischen Terrors, darniederliegend, einander stützend, die Inschrift „Trotz alledem”.

In der rechten Hälfte ist der sozialistische Aufbau in der DDR dargestellt. „Wir sind die Sieger der Geschichte”, lautet die einzige Inschrift. Befreiung und Aufbauhilfe durch die sowjetische Armee, Walter Ulbricht umringt von Jugendlichen mit FDJ-Fahne, ein Demonstrationszug, Menschen aller Klassen und Schichten, Arbeiter, Bauern, Soldaten und andere, die sich der großen Sache, hier durch das Hammer-und-Zirkel-Wappen symbolisiert, anschließen.

Aus Rach, Jürgen/Hartsch, Erwin und Inge: Dresden, Leipzig 1974

Aus Rach, Jürgen/Hartsch, Erwin und Inge: Dresden, Leipzig 1974

Und zwischen diesen beiden Seiten, die gesamte Höhe des Bilds einnehmend, ein wunderschönes Mädchen, in der hochgereckten rechten Hand die rote Fahne haltend, die andere offen zum unteren Bildrand ausgestreckt. Sie trägt eine schlichte Bluse und das Kopftuch einer Arbeiterin, ihr Blick ist ernst und entschlossen, sie wirkt, als biete sie dem Betrachter das alles dar, den Weg der roten Fahne und sein Ergebnis, den Sozialismus selbst, und wisse sehr genau um die Größe, Bedeutung und eben auch Ernsthaftigkeit dessen.

Die rote Fahne weht hinter ihr, aber sie durchweht das ganze Bild. Sie ist die rote Schärpe der Revolutionäre von 1848, sie ist das Band, das sie auch, als sie geschlagen abgeführt werden, zusammenhält, sie ist der rote Stern, sie ist die sowjetische Fahne hinter Thälmann, sie ist das Blut der von den Nazis Hingemordeten. Im rechten Bildteil schließlich ist sie überall, ob speziell als die Fahne mit dem Gesicht Lenins, vor der Ulbricht steht, oder allgemein als das Rot, das alle umgibt.

Von all den Werken der sozialistischen Kunst der DDR ist „Der Weg der roten Fahne“ eines der größten. Sein Name ist, anders als alle andere Schrift, gemalt auf ein Band, das ein kleines Mädchen etwas rechts der zentralen Figur trägt. Es beschränkt sich auch wirklich auf das, was dieser Name sagt, den Weg der roten Fahne durch die Geschichte hin zum Sozialismus der Gegenwart. Über die Zukunft sagt es nichts, aber es weist über sich selbst hinaus auf sie hin: die Zukunft ist eine Aufforderung an den Betrachter im Blick der Arbeiterin und die Zukunft ist das entstehende neue Dresden, an dessen Herz, dem Kulturpalast, es angebracht ist.

Ganz am rechten Rand, vertikal angeordnet, ist als weitere Inschrift noch der Hinweis, daß es zum XX. Jahrestag, 1969, geschaffen wurde und von wem: Gerhard Bondzin. Doch so sehr Bondzin zu rühmen ist, „Der Werk der roten Fahne“ ist nicht sein Werk, sondern das Werk eines Staats, der DDR, und einer Zeit, der späten Sechziger, als alles noch möglich war und die Welt in Richtung Sozialismus ging. Auch heute noch, in veränderter Zeit, dunkel verdreckt, von einem Netz bedeckt, leuchtet es.

Plauen – Stadtbild und Überhöhung

(siehe zuerst Plauen – Vom Oberen Bahnhof hinab in die Altstadt)

Zuerst überrascht das Einkaufszentrum direkt dort, wo die Altstadt beginnen sollte, aber schnell begreift man es als Teil einer Plauener Bautradition. Denn wenn man hinauf in die Altstadt geht, ob links durch das Einkaufszentrum und andere neuere Bebauung oder rechts durch einen kleinen Park, wo das Theater und eine kleine gotisch-barocke Kirche stehen, überall dominiert der riesige historistische Klotz des Rathauses, dessen brutaler Maßlosigkeit man ansieht, daß er kurz vor dem ersten Weltkrieg begonnen und erst danach fertiggestellt wurde.

Ein wenig entschärft wird diese martialische Architektur des neuen Rathauses durch die Bauteile an seinen beiden Enden. Den ersten sieht man sofort, wenn man den Park entlangblickt.

PlauenRathausAnbau

Zwischen Teilen des Rathauses, über einer Treppenanlage am Hang, ragt freischwebend ein Gebäudeteil anderer Art hervor. Seine Front verjüngt sich in einem hohen und zwei normalen Geschossen und besteht nur aus Glas, wenig blauer Verkleidung und vertikalen Streben, seine Seiten sind weiße Dreiecke. Offen und hell schwebt dieser Anbau zwischen der Finsternis des Rathauses und zeugt von einer neuen Welt. Nicht zufällig ahnt man hierin die Kühnheit tschechoslowakischer Architektur, in den siebziger Jahren wurde er von einem Kollektiv aus dem nahen Františkovy Lázně erbaut. Innen führt eine Treppe, die sich um eine sandsteinerne Wand windet, in den Vorbereich der Ratsäle, denen die großen Fenster gehören. Beim Gang um die Öffnung der Treppe kann man gut die Sandsteinreliefs im Abschluß der Wand betrachten.

PlauenDieMühenderEbene

Die Breitseiten zeigen vielerlei menschliche Gestalten, in den Schmalseiten stehen Worte Brechts, die die Devise aller sozialistischen Regierungsarbeit sind: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“

Auf der anderen Seite schließt an den Klotz des Rathauses das Alte Rathaus an.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR,  Leipzig 1979

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1979

Es wendet sich einem kleinen Platz zu und macht mit selbstbewußter Schönheit das Ding hinter sich vergessen: ein Renaissancebau, zwei, ob des Hangs an der einen Seite drei Geschosse mit vorhangbögigen Fenstern als einzigem Schmuck, darüber ein hoher gewellter Giebel, in dessen Mitte sich übereinander verschiedene Anzeigen einer astronomischen Uhr befinden. Die überdachte Treppe, etwas zu perfekt symmetrisch, wurde mit dem neuen Rathaus gebaut. Solcherlei zwischen schönen Beispielen alter und neuer Architektur ist das neue Rathaus nur halb so schlimm, aber aufgehoben zu werden ist es einfach zu schwer.

Eine eigentliche Altstadt hat Plauen nicht, das Zerstörungswerk, das das neue Rathaus begonnen hatte, führten allierten Bomben, die diese für die faschistische Rüstungsproduktion wichtige Industriestadt reichlich trafen, fort. Unweit des Rathauses steht noch die Johanniskirche ein großer Bau mit zwei massiven romanischen Türmen mit barocken Hauben.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR,  Leipzig 1979

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1979

Während an der Vorderfront das eine gotische Spitzbogenfenster wie ein Fremdkörper zwischen den dicken Wänden wirkt, ist das Langhaus mit Pfeilern und Spitzbögen schon viel gotischer, obwohl die Wände dick bleiben.

Was das alte Plauen im Mittelalter gewesen sein könnte, ahnt man am besten, wenn man unten am Ufer der Elster bei der Postsäule hinter der alten Steinbrücke steht: auf dem einen Hügel die Kirche und das Rathaus, direkt gegenüber auf einem anderen Hügel, dem Hradschin, die Reste eines alten Schlosses, die später in ein Gericht und Gefängnis integriert wurden. Für das neue Plauen ist der entsprechende Blick derjenige von der Bahnhofsterrasse. Der alte Blick ging hinauf, der neue geht hinab, Symbol der neuen Stellung des Menschen. Die Stadt jedoch ist weder so klar wie der eine noch wie der andere.

Abseits des perfekten Wegs vom Oberen Bahnhof, den zu erschließen eine der großen städtebaulichen Taten der DDR war, zeigt Plauen alle Merkmale, Mängel, Wunden einer großen kapitalistischen Industriestadt. Klarheit, Ordnung, findet man keine. Die Stadt wird zertrennt von Straßen, Tälern, Hügeln, und zusammengehalten von einem Straßenbahnnetz, das vorm Einkaufszentrum seine zentrale Haltestelle Tunnel hat. Die Industrie konzentriert sich entlang der Elster nach Osten und Westen, überhaupt in den niedriger gelegenen Bereichen, die so weitenteils innerstädtische Einöden sind, aber auch nördlich des Bahnhofs. Die Wohnbebauung, ausgedehnte Mietskasernengegenden mit oft breiten Straßen, nimmt hingegen meist die Hügel ein. Auffällig ist, daß sich die meisten Wohngebiete aus der DDR diesen Mietskasernenvierteln einfach anschließen, sowohl in der Ostvorstadt im Südosten, der Südvorstadt im Süden, im Norden hinter dem Bahnhof und auch Am Seehaus im Westen, wo es bürgerlichere Straßenzüge mit Vorgärten gibt. Die neue Bebauung ist jeweils nicht mehr als fünfgeschossig und meist konventionell in Reihen- und Kammformen angeordnet.

Am gelungensten ist dieses Prinzip in der Ostvorstadt angewandt. Die Mietskasernen nehmen den einen Teil des Hügels ein, den anderen das fortschrittliche Wohngebiet Mammenstraße, Fünfgeschosser mit für den Bezirk Karl-Marx-Stadt charakteristischen Wannendächern. Während erstere entlang der Stöckigter Straße aufsteigen, ist das Wohngebiet in einen niedrigeren und einen höheren Bereich gegliedert, zwischen denen bei einem kleinen Zentrum ein Park die Verbindung schafft. Zusammengeschlossen werden beide Teile der Ostvorstadt an der Stöckigter Straße, wo ein alter Schulklotz und eine Schule aus der DDR nebeneinanderstehen.

Das größte Wohngebiet der Stadt, Chrieschwitz, liegt in den Hügeln im Osten, weit draußen, aber mit gutem Bezug zum Kraftwerk und anderen Industrieanlagen an der Elster.

PlauenBlickAufChrieschwitz

Mit diesen Kentnissen der Stadt, die so gut sie kann hält, was sie verspricht, kann man zurückkehren in die Bahnhofshalle, wo sie das Versprechen ohne Pathos gemacht hatte, und nun doch näher das Kunstwerk an der Wand betrachten.

PlauenObererBahnhofWandbild

Man erkennt nun schon viel wieder. Die Metallstreifen bilden die Umrisse vieler Plauener Bauten, unten die Brücke, die Kirche, das Alte Rathaus, den Nonnenturm, weiter oben Industrieanlagen, Kräne, Hochspannungsleitungen, den Verwaltungsturm des VEB Weba, die Friedensbrücke, aber auch den Berliner Fernsehturm, den man in der Stadt vergeblich suchen würde. In diesem Gerüst der Stadt sind auf rechteckigen Metallplatten eingraviert Szenen der Arbeit, der Freizeit bei Tanz, Musik, Sport, Lesen, der Familie, und, Fahnenträger unter Tauben, der politischen Tätigkeit. Die Szenen des sozialistischen Lebens ergänzen kleineren Platten mit Sternen, Blume, Zahnrädern, Sonne, Atommodell, einer weiteren Taube und dem Wappen der Stadt. Ob man etwas von diesem Leben in Plauen noch findet, hängt von Wetter, Jahreszeit und einem selbst ab, die dazugehörige Gesellschaft, der Sozialismus, ist jedenfalls verschwunden und doch in dem, was sie hinterließ, als Versprechen, allgegenwärtig, es genügt ein Blick aus dem Fenster.

Bevor man sich vom Boulevard der neuen Stadt erneut hinab ins Zentrum tragen läßt, mag man in der Unterführung den anderen Ausgang nehmen und von dort oder direkt vom Bahnhof einmal hinaufgehen in den Stadtpark, der sich über den zwar 431 Meter hohen, von hier aber ganz niedrigen Bärenstein zieht. Dort, unterhalb des Gipfels, steht in einer Wiese ein Guß von Fritz Cremers Plastik „Aufsteigender“.

PlauenFritzCremerAufsteigender

Die nicht starke, nicht schwache, sondern einfach menschliche Gestalt steht mit den Zehen auf dem Boden, hat den Kopf in einem Ausdruck unendlicher Anstrengung an den rechten Oberarm gelehnt und greift mit der Hand schon in den Himmel über Plauen. Hinter ihm und vor dem Betrachter liegt die ganze Stadt. Im Vordergrund Bahnhof und Umgebung, links, schon weit entfernt, das Wohngebiet Chrieschwitz, rechts, näher, die Altstadt mit Rathaus- und Kirchtürmen, und im Hintergrund die Hügel der umgebenden vogtländischen Landschaft. Ein „Aufsteigender“ über der Stadt und so sehr wie sich Plauen vom Oberen Bahnhof hinunter bewegt, so sehr steigt sie auch auf aus wenig Mittelalter und viel Kapitalismus zum Sozialismus und, wie Cremers Plastik das sagt, unter großen Anstrengungen potentiell noch viel weiter. 1989 wurde dieser Guß dort aufgestellt, gerade so, als wolle eine Gesellschaftsordnung hier eine Vollendung verkünden, während sie eigentlich schon lange im Niedergang war und noch im selben Jahr die Bürger Plauens statt aufzusteigen lieber in die Kaufhäuser der dreißig Kilometer entfernten westdeutschen Stadt Hof fuhren.

Plauen – Vom Oberen Bahnhof hinab in die Altstadt

Nur wenige Städte empfangen einen so perfekt wie Plauen. Noch bevor man wirklich merkt, daß man die Stadt im Westen des Bezirks Karl-Marx-Stadt erreicht hat, hält der Zug auch schon an den Bahnsteigen, die genau in einer Biegung der Strecke liegen. Man geht hinab in die Unterführung, die man trotz Glasvitrinen und Leuchtbändern an den Seiten eben eine Unterführung glaubt.

PlauenImBahnhof

Doch statt zu einer anderen Treppe zu führen, verwandelt sie sich in den Gang des Bahnhofs. Zwischen ockerfarbener Steinverkleidung und eckigen Stützen sieht man schon überall Licht und weiß, daß man nun nie mehr irgendwo hinaufgehen werden muß. Rechts öffnet sich die Tür zu Busbahnhof und Straßenbahnhaltestelle, geradaus gelangt man in die Bahnhofshalle, die hoch und rechteckig links anschließt. Ihre lange Wand ist vertikal gewellt und die schmale Wand, auf die man blickt, wird von einem Kunstwerk aus Metallumrissen und Bronzeplatten eingenommen.

PlauenBahnhofshalle

Man ahnt, dieses Kunstwerk erzählt von der Stadt Plauen und dem Leben im Sozialismus, aber man ist geneigt, es nicht zu beachten, denn durch die gänzlich verglaste zweite Längsseite der Halle sieht man bereits ein weites Panorama von Plauen, das durch und durch vom Sozialismus geprägt ist.

PlauenBahnhofsterrasse

Unter einem großen Vordach verläßt man den Oberen Bahnhof, dessen Namen man nun versteht. Vor dem Gebäude, das von außen bloß ein großer dreigeschossiger Würfel aus Fensterbändern und türkiser Verkleidung ist, spannt sich eine weite Terrassenebene. Deutlich tiefer erst sind eine Kreuzung zweier großer Straßen und die übrige Bebauung.

PlauenVormOberenBahnhof

Nach links ziehen sich vier elfgeschossige Punkthochhäuser an der Bahnstrecke entlang, während an der hinabführenden Bahnhofstraße die Ausläufer eines Wohngebiets mit viergeschossigen Satteldachbauten sind. Rechts sind weit hinter der Straßenkreuzung zwei elfgeschossige Gebäude über Eck gesetzt, während direkt an dieser ein roter, fast fensterloser Flachbau steht. Neben der Terrasse führt eine Treppe herab. Bei ihrem Ende hängt eine Gedenktafel für den von den Nazis ermordeten Lokführer Paul Dittmann: „Er gab sein Leben für ein neues Deutschland.“

PlauenGedenktafelPaulDittmann

Eine ganz simple Gedenktafel mit Namen, Daten, rotem Winkel, wie man sie vielerorts sieht, aber durch ihre wohldurchdachte Plazierung an diesem Bahnhof des neuen Deutschland wird sie zu etwas Größerem.

Nun geht man wieder Stufen hinab in eine Unterführung. Wo sie sich gabelt, sind die Betonwände abgerundet und stehen drei runde, mit Metallgittern ummantelte Stützen.

PlauenUnterführungBahnhofstraße

Wieder sieht man schon Licht, wieder steht am Ende keine weitere Treppe. Wenn man geradeaus zurück ins Freie tritt, bemerkt man überrascht, daß man schon unter dem roten Gebäude, einem Restaurant, hindurch ist. Man steht am Beginn eines kleinen Boulevards, links üppiges Buschwerk, rechts an die Terrasse des Restaurants anschließend freistehende Laubengänge aus dünnen Stahlstreben und gewölbten Plastedächern, dazu das Betongrau des Bodens und der Wohnhäuser.

PlauenBoulevardBahnhofstraße1

Von der großen Straße sieht man, zweite Überraschung, gar nichts. Auf gleichsam fließende Weise wurde man vom Bahnsteig hierher geleitet.

Vor einem historistischen Plattenbau und einem Bürogebäude geht man zwar wieder an der Straße, aber das Neue und Harmonische bleibt.

PlauenBoulevardBahnhofstraße2

Bei der folgenden Kreuzung links ein zehn- und elfgeschossiger Bau und rechts eine hübsche kleine Grünanlage.

PlauenGrünanlageBahnhofstraße

Durch die Wiese schreitet freundlich blickend die Bronze eines nackten Mannes, hinter dem einige Steine gleich den Trümmern der alten Welt liegen. Im Hintergrund beginnt bei einer freistehenden Wendeltreppe ein Laubengang, der erst rankenbewachsen offen ist und sich dann mit Holzdach zwischen steinverkleideten Wänden um ein großes rundes Beet legt. Dieser, wiederum trotz der Nähe zur Straße, sehr intime Bereich bildet eine Membran, die ins Wohngebiet überleitet.

Jenseits der Straße geht man unter dem aufgestützten Teil eines achtgeschossigen Bürogebäudes hindurch und mag so fast übersehen, daß hier beidseits der Bahnhofstraße stalinistische Bebauung ist, einst als Tor zur Stadt gedacht, nun gänzlich aufgehoben.

PlauenEckbauBahnhofstraße

Hier wird die Straße zur Fußgängerzone, auf der nur die Straßenbahn fährt. Um die Haltestelle vielfach ineinandergesetzte rechteckige Hochbeete, über deren Betonumrandungen das Grün den leichten Hang hinabquillt.

PlauenFußgängerzoneBahnhofstraße

Daneben, wie um dem Stalinistischen zu zeigen, was fortschrittliche Architektur ist, eine Imbißstube aus einem kleinen Pavillon, einem Glasdach mit Theke und einem quadratischen Dach, das in einer mittigen Litfaßsäule beginnend völlig frei darüber schwebt.

PlauenImbiß

Jetzt erst wird die Bahnhofstraße zu einer typischen Geschäftsstraße, die von Büro- und Kaufhausgebäuden des 19. Jahrhunderts und wenig Neuerem geprägt ist. War sie vorher weitgehend gerade und fiel nur sanft ab, so führt sie nun in weitem Schwung den viel steileren Hang hinab.

PlauenFußgängerzone

Nach einer Weile sieht man in der Achse der Straße den hohen, irgendwie bunkerartigen Turm des Rathauses aufragen. Er steht schon leicht erhöht am nächsten Hang. Darunter der Nonnenturm, viel zierlicher, ein schlanker weißer Zylinder mit spitzem Dach, doch er verschwindet fast nebem dem riesigen Klotz des Einkaufszentrums, der sich gleichgültig vor die Altstadt schiebt.

PlauenBlickAufsEinkaufszentrum

(Fortsetzung in Plauen – Stadtbild und Überhöhung)

Dezente Architektur

Im Vorbeigehen sieht man in der Gersthofer Straße im 18. Bezirk vielleicht nur ein typisches zweigeschossiges Haus in Barockformen, wie es in der Wiener Umgebung nichts Besonderes ist.

BankGersthoferStraße143

Nie würde man ahnen, daß es lokal den Namen Maria-Theresien-Schlössel trägt, weil es Legenden zufolge einmal eine bessere Jagdhütte für die Kaiserin war, und wieso auch? Doch dahinter, wo einst der Hof war, blitzt ein anderes Gebäude auf, ein rückwärtiger Anbau nur.

BankGersthoferStraße143Anbau

Außen um seine rechteckige Form legen sich gürtelartige Träger aus Beton, die zwei kupferne Dächer tragen. Hängt das niedrigere an den Seiten unter den Trägern, so sitzt das höhere, das mit seinen Schrägen eine Aufnahme des Walmdachs des Barockbaus ist, in der Mitte auf ihnen. Im Inneren des Gebäudes, wo eine Bankfiliale ist, entsteht so ein großzügiger stützenloser Raum, der, obwohl er Fenster nur als vertikale Streifen in den Seitenwänden und als horizontale unter den Dächern hat, angenehm hell ist. Das zweite Geschoß unter dem Dach, das man vom Altbau, in dem ein Museum der Bank ist, betreten kann, scheint als Lagerraum zu dienen.

Dieses Kleinod ist eingezwängt zwischen einem Supermarktparkplatz und dem Hof eines weiter zurückgesetzten Wohngebäudes, neben dem eine Querstraße aufsteigt. Wirklich nur ein Anbau also, der, obwohl erst durch ihn der ursprüngliche Bau nutzbar wird, mit seiner dezenten Funktion zufrieden ist. Er ist damit auch das Gegenteil des banalen „Schlössels“ mit dem hochtrabenden Namen.

In Novi Sad an der Donau

Der Ort, von wo aus sich die Stadt Novi Sad im Norden Serbiens am besten begreifen läßt, ist auch der, wo alle Touristen ihre Photos machen und alle Einheimischen promenieren: das Donauufer. Breit erstreckt sich der Fluß und trennt die Stadt an seinem flachen westlichen Ufer vom hügeligen Umland im Osten. Dort, wo die Donau einen fast U-förmigen Bogen macht, steht auf einem Felsen und selbst wie ein Fels die Festung Petrovaradin. Sie kann nur dort stehen, ihre Lage ist strategisch völlig zwangsläufig. Zu sagen, Novi Sad läge im Schutze dieser Festung, wäre aber verfehlt. Vielmehr lag Novi Sad jedem heranrückenden Eroberer völlig schutzlos ausgeliefert, während die Festung die umliegenden Landesteile verteidigte. Bewohner von Novi Sad, die in früheren Zeiten am Ufer der Donau standen, sahen in dem heutigen Wahrzeichen mit seinen kahlen Wänden, keilförmigen Bastionen und dem kleinen Uhrturm also wohl weniger ein Zeichen der Macht als eine Erinnerung an mögliche Gefahren.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadPlastikBrücke

Nur an einen der Kriege, die Novi Sad erlebte, wird der Betrachter am Donauufer direkt erinnert: den zweiten Weltkrieg. Da sind zum einen die Betonstützen einer Eisenbahnbrücke, die auf die Festung zuführen. Laut einer Gedenktafel wurde sie von der jugoslawischen Armee bei ihrem Rückzug 1941 gesprengt, von den Deutschen später wieder aufgebaut und 1944 endgültig gesprengt.

Sichtbarer aber ist das Denkmal für die Opfer des Faschismus und insbesondere eines Massakers im Januar 1942. Seine rechteckige Fläche erstreckt sich neben der Uferpromenade und liegt direkt gegenüber der Festung.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadGesamt

So wie diese Fläche gleichsam zwangsläufig aus der Promenade erwächst, wächst das Denkmal auf der niedrigen Ziegelmauer von deren Umrandung heraus. Etwas vorgesetzt auf einem quadratischen Sockel ist eine schräge Bronzetafel, auf der man in kyrillisch geschriebenem Serbokroatisch liest, daß im Januar 1942 in der südlichen Bačka (der weiteren Region von Novi Sad) vom ungarischen Besatzer unter Beteiligung einer gewissen Zahl einheimischer Ungarn mehr als viertausend Serben, Juden und Zigeuner ins Eis von Donau und Tisa geworfen und ganze Familien so ausgelöscht wurden.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel1

Während auf dem Boden nun ein Beet mit niedrigen Sträuchern verläuft, sind auf der Umrandung selbst schräge Tafeln mit unzähligen Namen gesetzt, die in regelmäßigen Abständen von rechteckigen Blöcken mit Davidsternen und zwei verschiedenen Arten von Kreuzen unterbrochen sind.

Dieser Teil leitet über zu einem etwas höheren Beet, das dreieckig die Ecke der Denkmalfläche einnimmt. In den beiden Ecken stehen wiederum Sockel mit schrägen Tafeln, auf denen serbokroatisch und hebräisch beschrieben ist, daß die ungarische Soldateska mit Gehilfen in Novi Sad mehr als 1300 unschuldige Frauen, Kinder, Männer und Alte ermordete: „Ewiger Ruhm den Opfern des Massakers.“

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel2

Vom gesamten Massaker führt der Weg also nach Novi Sad. Zugleich aber führt er von der konkreten Nennung der Nationalitäten und der Auflistung der Namen der Opfer zur Erinnerung, zu etwas Allgemein-Menschlicherem, Abstrakterem. Entsprechend steht auf einem Sockel im Beet eine große Plastik, die eine Familie zeigt.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadPlastikFestung

Die Gestalten sind langgezogen und dünn, menschlich, aber leicht abstrahiert. Ihre Vertikalität wird unterbrochen und sie werden zusammengefügt durch den Arm des Kindes, die waagerecht zur Hand des Vaters geht und den Arm des Babys auf dem Arm des Vaters, der zur Schulter der Mutter geht. Politik ist keine mehr in diesen Figuren, die oberhalb des Wassers der Donau und neben der Festung stehen. „Ewiger Ruhm ihnen“, steht wiederum serbokroatisch und hebräisch auf dem Sockel, dazu die Zahlen „1941 – 1945“. In der Mauer zwischen den Tafeln, zu Füßen der Plastik aber steht auf lateinisch und kyrillisch geschriebenem Serbokroatisch, auf Ungarisch und Slowakisch: „Žrtvama fašisma * Жртвама фашисма * A fasizmus áldozatainak * Obetiam fašismu“ – „Den Opfern des Faschismus“.

Neben dem Beet und der rechten Tafel führt eine Treppe hinab auf eine tiefere Ebene am Ufer. Rechts der Treppe, Schlußpunkt des Denkmals, ist ein letzter Sockel mit serbokroatischer Inschrift, wieder kyrillisch, aber in einer anderen Schrift, die nicht zufällig an das Altkirchenslawisch der orthodoxen Bibel erinnert.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel3

Dort lies man: „Die Erinnerung ist ein Denkmal / härter als Stein / Wenn wir Menschen sind / müssen wir vergeben / vergessen dürfen wir nicht.“ So erzählt das Denkmal von einem schrecklichen Verbrechen auf eine letztlich sehr positive, versöhnliche Art. Die einheimischen Ungarn, zu Beginn als Mittäter genannt, sind zu Füßen der Plastik schon wieder integriert, indem auch ihre Sprache vorkommt.

Käme man ohne Vorwissen, aber mit einigen Sprachkenntnissen nach Novi Sad, dieses Denkmal ließe einen schon viel ahnen von der komplizierten Mischung der Nationalitäten, die die Stadt und die gesamte Vojvodina ausmacht. Doch das ist nur ein Nebeneffekt, das Denkmal richtet sich an ein jugoslawisches Publikum und sagt sicher viel über das Selbstbild des sozialistischen Vielvölkerstaats Jugoslawien. Auch ganz ohne Sprachen sieht man sofort, wie perfekt das Denkmal städtebaulich eingeordnet ist. Man kann es nicht sehen, ohne die Festung zu sehen, und man kann diese nicht sehen, ohne das Denkmal zu sehen. Auch die Brückenpfeiler im Hintergrund sind gewissermaßen einbezogen. Die Geschichte und die Erinnerung werden so zum notwendigen Bestandteil der Stadt und es entsteht nicht zuletzt ein wunderschöner Ort.

Nur richtig, daß sich dort an der Donau in Sommernächten die Jugend von Novi Sad trifft. Sie gehört schon zu einer Generation, die den Staat, der das Denkmal baute, nicht mehr erlebte. Auch der letzte Krieg, den Novi Sad erlitt und der die letzten, nurmehr traurigen Reste dieses Staats zerstörte, ist ihnen sicher fern, obwohl er erst 15 Jahre zurückliegt. In seinem Verlaufe zerstörten 1999 Kampfflugzeuge der Nato, darunter deutsche, sämtliche Brücken der Stadt. Auch das kann man heute fast übersehen, da bei der Festung eine elegant geschwungene neue Brücke gebaut wurde. Aber weiter nördlich steht noch immer eine behelfsmäßige Eisenbahn- und Straßenbrücke.

BehelfsbrückeNoviSad

Dahinter wird eine Brücke mit großen Betonbögen gebaut, ironischerweise mit EU-Förderung, aber es wird eben keine neue Brücke sein, sondern ein Wiederaufbau des 1961 errichteten Žeželjev Most (Žeželj-Brücke).

Geht man an der Donau entlang nach Süden, kommt man zu einer weiteren großen Brücke, dem Most Slobode (Brücke der Freiheit), deren Fahrbahnen von zwei hohen Pfeilern und Stahlseilen getragen werden. Auch dieses Bauwerk, das 1981 errichtet wurde, aber noch heute nirgends veraltet wirkte, mußte nach seiner Bombardierung neu aufgebaut wurden. Heute ist darunter ein Strand, von dem man außerdem auch die zerbombte Ruine des Fernsehsenders in den Hügeln am anderen Ufer sehen kann.

MostSlobodeNoviSad

Auf ein Denkmal werden diese Brücken von Novi Sad so lange warten wie so vieles andere, was in dieser Stadt im Laufe der Jahrhunderte zerstört wurde. Viel verrät einem also das Donauufer von Novi Sad, viel verschweigt er aber auch.

Europa-Allee

Eine Tragik des Städtebaus ist es, daß viele der wertvollsten Flächen in den besten Lagen der Städte erst frei wurden, als jede Ahnung davon, daß eine neue Art von Stadt entstehen müßte, vergessen war.

So wurde in Frankfurt in den Neunzigern der Güterbahnhof stillgelegt. Doch alles, was den Frankfurter Stadtplanern für diese riesige Tabula Rasa einfiel war: eine breite Straße zu bauen und sie Europa-Allee zu nennen.

Europa-Allee

Man muß sich dabei bewußt sein, daß diese Straße keine Verbindung zwischen irgendetwas schafft. Der Verkehr in das Stadtzentrum und aus ihm heraus nach Westen verläuft über die nahe Mainzer Landstraße und das soll sich auch nicht ändern. Die Europa-Allee führt zwar direkt auf die Bankhochhäuser des Zentrums zu, kommt aber nie dort an, da an ihrem Ende das Einkaufszentrum Skyline Plaza den Weg versperrt. Diese ganze riesige Straße ist nichts anderes als eine Zufahrt zu dem, was eben an ihr gebaut wird. Da dieser Zweck auch auf viele andere Arten erreicht werden könnte, ist ihre prominente Lage und Gestalt reiner Selbstzweck. Die Europa-Allee ist „la rue pour la rue“, eine Straße um der Straße willen.

Aber gut, so unerhört es ist, eine so große Straße zu bauen, ohne verschiedene Teile der Stadt verbinden zu wollen, es gibt viele Beispiele dafür, wie entlang großer Straßen gelungene neuartige Stadträume entstanden, die Leipziger Straße in Berlin etwa. Doch was fiel den Frankfurter Stadtplanern für die Europa-Allee weiter ein? Sie setzten in regelmäßigen Abständen Querstraßen, die nach europäischen Hauptstädten heißen, und füllten die Zwischenräume mit achtgeschossiger Bebauung. Während die Europa-Allee Straße um der Straße willen ist, sind diese Querstraßen eigentlich gar keine Straße, da sie nur als kleine Stummel zu den Tiefgaragen

Europa-AlleeQuerstraße

oder als Wege zu den Neo-Hinterhöfen führen.

Europa-AlleeHinterhof

Diese Hinterhöfe sind auch der einzige Berührungspunkt zur alten Bebauung daneben. Nirgends ist man weiter entfernt von der Europa-Allee als in der etwa parallel verlaufenden Kölner Straße.

KölnerStraßeFrankfurt

Wer dort aus dem Fenster einer der Mietskasernen blickt, wüßte wohl nicht zu sagen, ob nebenan nun Gleisanlagen oder neue Gebäude sind; jedenfalls kann es ihm egal sein. Nicht einmal mit der real existierenden europäischen Stadt will die Europa-Allee, die deren bizarre Simulation ist, als etwas zu tun haben. Sie genügt sich selbst, sie ist reine Ideologie. So muß die Straße da sein, müssen Querstraßen da sein, muß alles dazwischen zugebaut werden, da das im 19. Jahrhundert so war. Nun war der Städtebau des 19. Jahrhunderts nicht gut, aber er suchte doch Probleme zu lösen. Haussmanns Pariser Boulevards waren wichtig für den großstädtischen Verkehr, die Europa-Allee ist recht eigentlich gar nichts. Sie schafft keinen neuartigen Raum, sie gibt der Stadt nichts, sie ist einfach nur da.

Am Ende oder eher Anfang der Europa-Allee, wo eine Verbindung zur übrigen Stadt sein könnte, steht die Skyline Plaza, ein unendlich banales Einkaufszentrum. Auf dessen Dach jedoch versteckt sich ein kleiner Park namens Skyline Garden. Er ist ein gelungener Ort, ja, der einzige wirkliche Ort an der Europa-Allee.

SkylineGarden

An der einen Seite vor einem Café, Pflaster und Hochbeete, auf der anderen intimere Beete mit Rankengittern, sonst offene Wiesen, auch Tischtennisplatten, ein Schachspiel, und in der Mitte, wo in einem anderen Park ein Teich wäre, eine Öffnung hinab zum Einkaufszentrum. Doch von diesem trennen einen drei Parkhausebenen. Man ist hier fern von allem und noch ferner der Europa-Allee. Ein Garten vor wenigstens einem kleinen Teil der Frankfurter Skyline, der Name paßt.

SkylineGardenSkyline

Fast könnte man vergessen, daß dies kein öffentlicher Ort ist und nur zwei Aufzüge hier herauf führen. Dennoch ist ein solcher Ort das Beste, was einem der gegenwärtige Städtebau geben kann. Das übliche Schlechte ist die Europa-Allee.