Archiv für den Monat Dezember 2016

Johannes von Nepomuk in der Straßenbahn

Falls die Stele im Norden von Gdańsk barock ist, dann jedenfalls nicht auf die filigrane südliche Art.

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Sie hat auf rechteckigem Grundriß einen zweistufigen Sockel und einen massiven Hauptkörper, in dessen größerem oberen Teil vorne eine vertikale ovale Nische ist. Die Marienskulptur, die darin geschützt, aber beinahe auch versteckt steht, ist teils vergoldet, aber entschieden unterlebensgroß, eher Puppe als Statue.

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Oben ist eine von vier eckigen Säulen getragene beinahe orientalische Kuppel und unter ihr, ebenfalls geschützt, aber von allen Seiten zu sehen, steht ein Johannes von Nepomuk, nicht vergoldet, aber ebenso puppengleich klein wie die Maria.

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Oben auf der Kuppel ist ein Kreis mit einem Dreieck aus vergoldetem Metall, einfachstes Symbol des dreifaltigen Gottes. Unter und über der Mariennische sind noch Inschriftenfelder ohne Inschriften und den beiden schmalen Seiten der Stele kleinere runde Nischen ohne Inhalt.

Als sie nach 1766 errichtet wurde, stand die Stele wohl auf freiem Feld, an einer Landstraße, unweit des Parks des Pałac Opatów (Äbtepalasts), wohl an einer Brücke über den Potok Oliwski (Oliwaer Bach). Heute steht sie an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee), einer der verkehrsreichsten Straßen der Trójmiasto, durch die der Park abgeschnitten ist, während der Bach sie irgendwo unterirdisch durchfließt.

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Aber auch in einer ruhigeren Gegend  würde die Säule fast untergehen, weil hinter ihr kaiserzeitliche vorstädtische Mietshäuser stehen. Direkt dahinter ist zudem ein typischer Sklep spożywco-monopolowy (Lebensmittel- und Spirituosenladen) mit Bierwerbung.

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Nun könnte man sagen, daß dieses Nebeneinander von Marienbild und Schnapsladen ein recht gutes Symbol für das heutige Polen ist, doch mehr noch sagt die Situation der Stele über den gegenwärtigen polnischen Katholizismus aus. Wenn dieser nämlich irgendeine Spur von Geschmack hätte, irgendein Gespür für Welt oder Kunst, dann würde er diese Marien-Nepomuk-Stele in die Mitte des Straßenbahnknotens Oliwa versetzen. Er befindet sich direkt gegenüber auf der anderen Seite der Grunwaldzka.

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Das von Straßenbahnschienen umschlossene Rund seiner Grünfläche, in dem sich offener Rasen mit einigen Bäumen abwechselt, wäre ein perfekter Platz für die Stele. Statt von vorbeirasenden Autos ignoriert zu werden, könnten die Maria und der Johannes von Nepomuk von all den Menschen, die in Oliwa zwischen Straßenbahnen, Bussen und dem etwas entfernteren Bahnhof umsteigen, bemerkt, vielleicht gar betrachtet werden.

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Doch es scheint, als seien die gegenwärtigen starken Religionen, ob nun amerikanischer Protestantismus, wahhabitischer Islamismus oder eben polnischer Katholizismus ganz zwangsläufig Feinde des Schönen. So werden sie nach ihrem Absterben nicht einmal Kunst hinterlassen, dieses einzig wertvolle Abfallprodukt früherer Religionen, diese Krumen vom Tische des Aberglaubens.

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Für den kleinen Nepomuk an der Grunwaldzka kann einem das leid tun, doch weit bedauernswerter ist, daß auch der polnische Sozialismus in seiner Zeit nicht die Kraft hatte, dem Platz im Straßenbahnkreisel ein angemessenes Kunstwerk zu schenken, etwa eines für den hussitischen Zug zur Ostsee oder für Jean Rapp, den napoleonischen Gouverneur der Republik Danzig.

Wie eine Wandkarte aus der DDR einmal nett zu Polen war

An Wandkarten kann ich mich aus meiner Schulzeit nur noch vage erinnern und ob sie heute durch Beamer-Projektionen minderer Qualität ersetzt sind, weiß ich auch nicht. Ich bin aber glücklicher Besitzer einer großen Wandkarte „Zur deutschen Geschichte 1917-1939“, die von Dr. H. Fiala gestaltet und vom VEB Hermann Haack, dem kartographischen Verlag der DDR, herausgegeben wurde.

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Aus ihr kann man tatsächlich eine enorme Menge an Informationen über die deutsche Geschichte dieser Zeit, aber auch über die des europäischen Auslands erlangen. Wenn man etwa wissen will, wann es in einem Staat zur „Gründung einer kommunistischen Partei“ kam, zeigt es einem ein roter Stern mit Jahreszahl in einem Kreis.

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Und wenn man wissen will, wo sich ein „Zentrum der Kampfaktionen der deutschen Arbeiterklasse Januar 1918 bis Oktober 1918“ befand, erkennt man es an einem weißen Kreis.

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Es ist also immer deutlich, daß es sich um eine Karte aus einem sozialistischen Staat handelt, die die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in den Vordergrund rückt. Daß es sich um eine Karte aus der DDR handelt, kann daran erkennen, daß sie für deren Gebiet deutlich mehr Informationen bietet als für Westdeutschland oder für die ehemals deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße.

Interessant ist wie bei jeder Karte auch hier das, was sie nicht zeigt. Viel ist das nicht. Trotz ihrer klar parteiischen Sicht kann man der Karte nicht vorwerfen, irgendetwas falsch darzustellen. Ein wenig aber läßt sie weg und das betrifft vielleicht nicht zufällig immer Polen.

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Zuerst fällt auf, daß der Kartenausschnitt so gewählt ist, daß die Ostgrenze Polens zur Sowjetunion nicht zu sehen ist. Während sich noch sagen ließe, daß die dortigen Konflikte und Kriege mit der deutschen Geschichte nur indirekt zu tun haben, kann das für die Aufstände in Schlesien, die ebenfalls fehlen, kaum gelten, da sie erst die Grenze zwischen Deutschland und Polen nach dem ersten Weltkrieg bestimmten. Dafür könnte das Fehlen hier mit dem Fokus auf die Arbeiterbewegung begründet werden. Doch wieso fehlt in Polen die schwarze Flamme, die für die „Errichtung der faschistischen Diktatur“ steht? Ungarn hat sie und demokratischer als Horthy war Piłsudski kaum. Schließlich ist da die einzige eklatante und nicht zu entschuldigende Auslassung der Karte: die Teile der Tschechoslowakei, die sich Deutschland und Ungarn 1938 aneigneten, sind mit gestrichelten Linien eingezeichnet und entsprechend beschriftet, nicht aber der kleine Teil in Schlesien, den sich Polen herauspickte (und um den es schon 1920 einen Krieg geführt und verloren hatte).

Daß Polen 1938 gegenüber der Tschechoslowakei als Aggressor aufgetreten war, wurde den Schülern in der DDR vorenthalten. Vielleicht sollten sie einfach nicht davon abgelenkt werden, daß Polen ab 1939 unzweifelhaft neben der Sowjetunion größtes Opfer deutscher Aggression war (zufällig oder nicht scheint Deutschland auf der Karte ein aufgerissenes Maul zu haben, mit dem es Polen zu fressen droht). Es kann nur einen Schluß geben: Die Wandkarte wollte nett zu Polen sein. Ganz wie die gesamte Politik der DDR eigentlich.

Von Nilpferden und Rolltreppen

In seinem Kinderbuch „Rozprávky pre hrocha“ (Märchen für das Nilpferd) beschreibt Cyril Valšík, ein in den Siebzigern und Achtzigern in Bratislava tätiger tschechischer Rundfunkjournalist, wie das Nilpferd, das er im Zoo kennengelernt hat, sich an das Leben in der Stadt gewöhnen muß. Unter anderem ist es irritiert von den Rolltreppen in den Unterführungen. Man kann ihm das nicht verdenken, denn Unterführungen mit Rolltreppen gibt es ja nicht überall.

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Es dauerte eine Weile, bis sich das Nilpferd daran gewöhnte, daß es nicht in Afrika ist. Es fürchtete sich davor, auf der Straße zu gehen und die Fahrbahn zu überqueren. Und auf den Rolltreppen in den Unterführungen war es sich überhaupt nicht sicher. Afrika ist Afrika, die Stadt ist die Stadt. Da kann man nichts machen. Nachdem sich das Nilpferd an den Verkehr gewöhnt hatte, schaute es gerne PKWs und LKWs, Trolleybussen und Autobussen zu. Am liebsten hatte es aber die Straßenbahnen. Es gefiel ihm, wenn sie bimmelten. Damit es nicht denkt, daß alle Straßenbahnen gleich sind, habe ich ihm das Märchen Von der geschwätzigen Ruženka erzählt (aus Valšík, Cyril: Rozprávky pre hrocha, Bratislava 1985, Illustration von Peter Cpin)

Da das Buch in Bratislava spielt, wird der Autor vor allem an eine für das Nilpferd solchermaßen herausfordernde Unterführung gedacht haben: die am Trnavské mýto (Trnavaer Maut). Es handel sich um einen großen unterirdischen Bereich mit roten runden Stützen, vielen kleinen Verkaufsbuden und eben Rolltreppen zu den vielen Ausgängen.

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Obwohl Trnavské mýto eine große Kreuzung mit wichtigen Gebäuden wie der Tržnica (Markthalle) und dem Dom Odborov (Haus der Gewerkschaft) ist und die Unterführung diese und mehrere Bus- und Straßenbahnhaltestellen miteinander verbindet, erklärt das noch nicht ihre aufwendige Ausstattung.

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Man muß vielmehr wissen, daß Bratislava einmal eine U-Bahn hätte bekommen sollen.

Offiziell hieß sie rychlodráha (Schnellbahn) statt Metro, da nach der sowejtischen Städtebauorthodoxie erst Städte ab einer Million Einwohnern eine solche bekommen dürfen und davon war Bratislava damals so weit entfernt wie heute. Trnavské mýto hieß damals nach einem kommunistischen Politiker und Gewerkschaftsfunktionär, dessen Büste vorm Dom Odborov stand, Námestie Františka Župku (František-Župka-Platz) und hätte eine von zwei Umstiegsstationen zwischen den beiden bis 2030 geplanten Linien werden sollen.

Aber die Gelegenheit, in Bratislava U-Bahn fahren zu können, bekam das Nilpferd nie. Es kam das Jahr ´89, es kam die Konterrevolution, die bereits weit fortgeschrittenen Arbeiten wurden unterbrochen und nie wieder aufgenommen. Doch damit nicht genug: heute funktionieren auch die Rolltreppen nicht mehr oder nur selten.

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Das führt einem den aufgehaltenen Fortschritt drastisch vor Augen. Keine Rolltreppe wäre sogar noch besser als eine stillgelegte Rolltreppe, denn das Beleidigende ist, daß etwas so eindeutig Nützliches da ist, funktionieren könnte, funktioniert hat, aber nicht funktioniert. In der heruntergekommenen Unterführung am Trnavské mýto ist das vielleicht das geringste Problem, doch die Rolltreppen sind wie ein Symbol für den Niedergang, den das Ende des Sozialismus für eine Stadt wie Bratislava bedeutet hat.

Keine Rolltreppen, keine Metro, jahrelang trotz vorhandenen Schienen keine Straßenbahnverbindung zum Hauptbahnhof, wo einen auch jetzt noch eine weitere stillgelegte Rolltreppe nicht von der Haltestelle zur Bahnhofshalle bringt. Daß Bratislava in den letzten Jahren begonnen hat, wenigstens neue Straßenbahnen anzuschaffen, mag ein kleiner Trost sein. Valšíks Nilpferd allerdings, das das Bimmeln der Straßenbahnen mochte, fände es vielleicht schade.

Paläste an der Pomorska

Viele Kritik an fortschrittlicher Architektur entzündet sich an Gebäuden wie diesen an der Straße Pomorska in Gdańsk:

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lang und eckig, elf Geschosse hoch, regelmäßige Fensteröffnungen und kleine vorgesetzte Balkone. Unpersönlich, kalt, langweilig würden sie genannt werden und grau höchstens deshalb nicht mehr, weil sie eine teils gelbe Wärmedämmung bekommen haben. Solchen Plattenbauten, Betonklötzen etc. wird in weiten Teilen der westlichen Welt das Einfamilienhaus als Wohnideal entgegengesetzt. Diese werden dann eigenartigerweise immer als individualistische Villa Kunterbunts imaginiert, was mit der Realität eher wenig zu tun hat.

Doch etwas von der Kritik mag ja stimmen: auffällige oder ungewöhnliche Gebäude sind diese in der Trójmiasto nicht. Sie wollen es allerdings auch nicht sein. Wie immer bei fortschrittlicher Architektur ist zweitrangig, wie die einzelnen Gebäude aussehen, und entscheidend, was für Räume zwischen und um sie sind. In diesem Fall ist das einmal die Pomorska, die eben eine Straße ist, großzügig breit, Bäume, Straßenbahn. Zwischen den vier identischen Wohngebäuden, die leicht schräg an ihr aufgereiht sind, befinden sich drei lange flache Ladengebäude, die ebenfalls nicht völlig parallel zu ihr stehen, sowie Parkplätze.

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Auf der anderen Seite verläuft der Potok Oliwski (Oliwaer Bach). Er bildet mehrere Teiche, in denen teils Inseln sind, es gibt eine Art Wasserfall, Brücken überqueren ihn, Weiden lassen ihre Zweige in ihn hineinhängen. Es ist eine Parklandschaft, durch die der Bach sich da schlängelt, und man findet in ihr Enten, Möwen und Reiher.

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So etwas so nah zu haben, nur ein paar Stockwerke mit dem Aufzug hinunterfahren zu müssen, um mitten darin zu sein – das ist ein Luxus, den Einfamilienhäuser niemals so vielen Menschen bieten können. Einen solchen Park vor der Tür zu haben, war zuvor ein Privileg fürstlicher Paläste und, seltener schon, großbürgerlicher Villen. Durch die fortschrittliche Architektur, durch diese langweiligen normierten Gebäude, wird es potentiell immer mehr Menschen zugänglich. In diesem Sinne, dem Sinne Le Corbusiers und dem einzig bedeutenden, sind die Gebäude an der Pomorska Paläste. All die anderen Vorteile solcher fortschrittlicher Architektur, die Nähe aller Geschäfte, das Licht, die Aussicht, die in diesem Fall bis zum Meer reichen kann, sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt, aber nicht weniger luxuriös.

Selbstverständlich jedoch sind Gebäude wie diese nicht etwa das endgültige Ziel, sondern ein Schritt. Wie der nächste Schritt aussieht, kann man in Alterlaa in Wien betrachten, wo die Gebäude durch abgestufte Terrassen mit großen Pflanzenwannen einen der Vorteile von Einfamilienhäusern, also private Gärten, mit öffentlichen Parklandschaften vor der Tür verbinden.

AlterlaaBalkone

Wie weitere Schritte aussehen können, lohnt leider nicht einmal zu überlegen, da in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen schon der Schritt von Alterlaa nicht mehr getan wird und auch der von der Pomorska nurmehr selten.

Vielleicht wäre die Kritik an fortschrittlicher Architektur ernster zu nehmen, wenn sie dieser denn irgendetwas Besseres entgegenzusetzen hätte und nicht bloß aus dem ignoranten Gefühl erwüchse, daß bestimmte Gebäude eben nicht schön seien.

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