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Verkehr in Berlin: S-Bahnkämpfe

Noch immer unterliegen viele dem Irrtum, es gebe eine Stadt namens Berlin. Der Titel dieses Texts ist ein Zugeständnis an diesen Irrtum. Richtiger wäre, angelehnt an faszinierende alte Staatsnamen wie Königreich beider Sizilien, von „Verkehr in den Berlinen“ zu schreiben, wenn bloß der Plural nicht so schwerfällig und ungebräuchlich wäre. Jedenfalls ist Berlin keinesfalls nur eine Stadt.

„Was hieß ‚Spaltung‘ in einer Stadt, die seit langem so gründlich gespalten war, daß die Bewohner der Zehlendorfer Villen und der Mietskasernen in der Großen Hamburger Straße faktisch in zwei verschiedenen Erdteilen lebten? Die von Berliner Arbeiterbataillonen bewachte Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik trennt, was nie zusammengehört hat, sondern stets nur von wortgewandten bürgerlichen Journalisten zusammengelogen worden ist“, schreibt Georg Piltz in „In alten und neuen Städten“ als fulminanten Höhepunkt eines der seltenen Texte aus der DDR, die den Mauerbau nicht in einem, sicherlich richtigen Nebensatz als „Sicherung der Staatsgrenze zu Westberlin“ oder dergleichen abtaten, sondern ihn auf weit offensivere und originellere Weise verteidigten. Entsprechend diesem Text ist Berlin aber auch nicht unbedingt bloß als zwei Städte zu verstehen. Zwei relativ klar geschiedene Städte, Westberlin und Berlin, Hauptstadt der DDR, schälten sich erst im relativ kurzen Zeitraum zwischen 1948 und 1989 aus etwas heraus, was auch vorher nie nur eine Stadt gewesen war.

Die Trennungen zwischen Ost und West sind heute bloß die offensichtlichsten. Wie sie sich im Verkehr niederschlugen, zeigt ein kurzer Blick auf einen Liniennetzplan: Straßenbahnen gibt es, von einer späteren Verlängerung in den Wedding abgesehen, nur in der ehemaligen Hauptstadt der DDR, im hochsubventionierten Westberlin dafür viel mehr U-Bahnen.

Aber noch interessanter ist, was die Städte gerade in der Zeit ihrer deutlichsten Getrenntheit verband: das war die S-Bahn, die aufgrund komplizierter internationaler Vereinbarungen auch in Westberlin von der DDR betrieben wurde. Das Bedürfnis, diese Einflußmöglichkeit in der Nachbarstadt zu behalten, erklärt übrigens vielleicht auch, wieso die Staatsbahnen der DDR beim unschönen Namen „Deutsche Reichsbahn“, oft mit berechtigtem Scham zu „DR“ abgekürzt, blieben. Die Surrealität der Situation, daß ein wichtiges Verkehrsmittel in einer Stadt vom nicht gerade befreundeten Ausland betrieben wurde, kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Entsprechend war die Westberliner Verkehrspolitik ein einziger Kampf gegen die S-Bahn. So verläuft die U7 lange Zeit parallel zum südlichen und westlichen Teil der Ringbahn (S-Bahnstrecke, die die inneren Bezirke Berlins umgibt) und führt gar ins weit westlich gelegene Spandau. Auch der nördliche Teil der U8 entspricht älteren S-Bahnstrecken.

Vergessen ist heute eine zweite gegen die S-Bahn gerichtete Verkehrsmaßnahme: auf den Stadtautobahnen, die seit den Sechzigern genau neben den südlichen, westlichen und nördlichen Teilen der Ringbahn in Westberlin gebaut wurde, fuhren Schnellbusse. An einigen Stellen kann man noch die Treppenhäuser, die zur erhöhten oder tieferliegenden Ebene der Stadtautobahn führen, sehen.

Das aufwendigste Bauwerk dieses Bussystems fand sich beim Jakob-Kaiser-Platz, der kein Platz, sondern ein großer Kreisverkehr mit den Flaggen europäischer Länder und markanten Lampen aus kelchförmig angeordneten Leuchtelementen auf hohen Pfählen ist.

JakobKaiserPlatzBerlin

Unter der breiten aufgestützten Trasse der Stadtautobahn steht ein T-förmiger Bau, der mit seinem langen Teil zur querenden Straße zeigt.

BusstationJakobKaiserPlatzBerlinGesamt

Dort ist auch der Eingang, in dem eine Treppe und eine Rolltreppe ein Stück hinaufführen.

BusstationJakobKaiserPlatzBerlinEingang

Während der Eingang und ein Streifen unterm Dach bloßen Beton zeigen, ist das übrige Gebäude gänzlich mit orangenen Kacheln verkleidet. Auf den Seiten des langen Teils zeigen zwei große rote Pfeile mit der weißen Aufschrift „Bus“ zum Eingang, weiter rechts weisen weiße Buchstraben auf ein WC hin.

BusstationJakobKaiserPlatzBerlinWC

Wo sich die beiden Teile des Ts treffen, sind auf Schildern die verschiedenen Buslinien aufgeführt.

BusstationJakobKaiserPlatzBerlinSchilder

Von den beiden äußeren Enden des Ts führen dann schräge Treppentrakte zu beiden Seiten der Autobahn, wo aufgestützt die Wartebereiche der dortigen Bushaltestellen sind. Es ist ein Gebäude, das ganz aus seiner Funktion, die oberen mit der unteren Bushaltestelle zu verbinden entstanden ist, es gleicht einem Schlauch zur Leitung des Menschenflusses. Seinem Äußeren sieht man die inneren Wege sofort an. Es ist vielleicht die einzige Busstation, die Westberlin hatte. Obwohl sie ob ihrer Lage unter der Autobahn unmöglich irgendetwas stören konnte und ein wertvolles Denkmal einer spezifisch Berliner Verkehrsgeschichte war, wurde sie 2010 abgerissen (hier ein kleiner gezeichneter Nachruf).

Doch während Westberlin viel Geld für den Kampf gegen die Westberliner S-Bahn ausgab, investierte die DDR in ihrer besten Zeit sogar noch in sie. So entstand 1972 an der heute vergessenen Strecke nach Düppel die Station Zehlendorf Süd. Man kann sie nach wie vor besuchen. Von der Clauertstraße führt ein leicht ansteigender Weg zum Eingangsbau, der aus nicht mehr als einem breiten Betondach und braun-roten Backsteinmauern besteht.

S-BahnZehlendorfSüdBerlinEingang

Durch diesen hindurch kommt man auf die Betonfläche des Bahnsteigs.

S-BahnZehlendorfSüdBerlinBahnsteig

Auf zwei rostigen Stationsschildern sieht man das S-Bahnlogo und liest klein „Deutsche Reichsbahn“ und groß „Zehlendorf Süd“.

S-BahnZehlendorfSüdBerlinSchild

Über den Bahnsteig neigen sich in sanftem Schwung die schlanken Betonpfähle der Laternen.

S-BahnZehlendorfSüdBerlinLampen

Heute sind sie zwischen Bäumen kaum mehr zu sehen, auch die Gleise

S-BahnZehlendorfSüdBerlinSchienen

und die Geländer erobert sich die Natur zurück.

S-BahnZehlendorfSüdBerlinGeländer

Doch der Bahnsteig ist noch heute fast makellos glatt, was für die Qualität des Baus spricht. Eine einfache kleine Station also, funktional und unprätentiös. Daß sie gerade im reichen Zehlendorf, das Piltz nicht zufällig als Beispiel des bürgerlichen Berlins erwähnt, eröffnet wurde, war vielleicht ein eher symbolischer Akt, ein Dank für die Ostpolitik oder ein kleines Geschenk für die wenigen dort, die sich kein Auto leisten konnten. Viel wurde sie wohl nicht genutzt.

Schon 1980 wurde diese Station wieder geschlossen und mit ihr alle anderen, da ein großer Streik zur Einstellung des S-Bahnbetriebes in Westberlin führte. Im Jahre 1986 verkaufte die DDR die Westberliner S-Bahn dann an die Westberliner BVG (Berliner Verkehrsbetriebe). Das war einer der vielen Akte der Selbstaufgabe der DDR in dieser Zeit. Vordergründig stieß die DDR zwar nur ein unrentables Unternehmen ab, aber in der Konsequenz verzichtete sie damit auf einen verkehrspolitischen Einfluß in Westberlin, allgemein auf Einfluß in Westberlin, auf die Möglichkeit, ihr eigenes Schicksal mitzubestimmen, also letztlich: auf sich selbst.

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Gegen die preußische Schule

Die Johanna-Eck-Schule in Mariendorf, einem Bezirksteil im südlichen Westberlin, ist ein typischer preußischer Schulklotz.

JohannaEckSchuleBerlin

Einen Stil hat er kaum, er ist einfach nur groß und monumental. Von der gegenüberliegenden Seite der Ringstraße noch ist er so mächtig, daß er sich mit einem normalen Objektiv nicht vollständig aufs Bild bekommen läßt, von Nahem wirkt er schon auf einen Erwachsenen so einschüchternd und erdrückend, daß man sich nicht vorstellen mag, wie ein Kind ihn erlebt.

JohannaEckSchuleBerlinEingang

Wollte man alles Hassenswerte an Preußen und damit am deutschen Kaiserreich an einem Gebäude zeigen, es wäre eines wie dieses. Es handelt sich um ein Machwerk des Architekturbüros Reinhardt und Süßenguth, das sich auf diese Art preußischer Architektur spezialisiert hatte und für einige der widerwärtigsten Gebäude in Berlin und anderswo verantwortlich war. Entsprechend bauten die beiden Architekten in der Weimarer Republik nur noch wenig und in der Nazizeit waren sie zu alt.

Das Bundesrealgymnasium in der Krottenbachstraße im 19. Bezirk Wiens ist ein typischer österreichischer Schulklotz.

Bundesrealgymnasium19Wien

Vertikal gegliederte Fassade, die Formen ein neobarocker Jugendstil, über dem hohen Eingang ein Doppeladler. Es ist monumentaler, unmenschlicher Bau, aber so schlimm wie sein preußisches Pendant ist er nicht. Preußen verstand es eben, seine Schulklötze noch ein wenig monumentaler und klotziger zu gestalten als andere deutsche Gegenden, woran dann die Nazis nahtlos anknüpfen konnten.

In den Sechzigern oder Siebzigern bekamen beide Schulen Turnhallen, die rechts neben den Schmalseiten ihrer Eingangstrakte errichtet wurden, in Wien zur Cottagegasse hin,

Bundesrealgymnasium19WienMitTurnhalle

in Berlin zu den Kleingärten am Teltowkanal.

JohannaEckSchuleBerlinMitTurnhalle

Sie sind typische Beispiele der Architektur ihrer Zeit, ganz wie die Schulen solche der ihrigen sind.

 Bundesrealgymnasium19WienTurnhalle JohannaEckSchuleBerlinTurnhalle

Das Dach durch einen glatten Betonstreifen abgesetzt, darunter an den Schmalseiten rauer Beton, an der Rückseite Betonstützen und zur Schule hin ein niedrigerer Bauteil mit den Umkleidekabinen. Trotz kleinen Unterschieden – heller getünchter Dachstreifen und kleinere Betonplatten der Verkleidung in Wien, hinter den Stützen in Berlin Glasbausteine, in Wien vertikale Plexiglaspanele, der Berliner Bau etwas zierlicher und ausgewogener in seinen Proportionen – handelt es sich grundsätzlich um ein und dasselbe Gebäude.

Der Unterschied liegt im Bezug auf den Schulbau und die Bedeutung für diesen. Während die Wiener Turnhalle Abstand zur Schule hält oder mit einem neueren verglasten Teil auf Abstand gehalten wird, schließt sie in Berlin mit einem kleinen Trakt an die Schule an.

JohannaEckSchuleBerlinTurnhalleEingang

Zwischen diesem und dem flachen Umkleidetrakt ist ein vom glatten Betonstreifen überspannter Durchgang, der ein dezenter, leicht zu übersehender Gegenentwurf zum bedrohlichen Säulenportal des Schulbaus ist. Die gesamte Turnhalle, weit mehr als in Wien, ist ein fortschrittlicher Gegenentwurf zur preußischen Architektur. Es ist gar, als wolle sie dem Schulbau noch näher kommen. Da sie es aber nicht kann, schickt sie bunte Metallelemente, die vertikal angeordnet und leicht nach links abgeschrägt sind, an dessen Fassade hinauf, einen Farbverlauf, einen Regenbogen.

JohannaEckSchuleBerlinBunt

Sie ziehen sich, grün im Erdgeschoß, um an das dortige Beet anzuknüpfen, entlang der linken Seite der Fenster hinauf und verbinden diese, blau im zweiten, rot im dritten, gelb im vierten Geschoß, zu horizontalen Bändern. Diese simple Gestaltung, abstrakte Kunst im besten Sinne, gleicht einer Kletterpflanze, als die das Neue am Alten hinaufwächst und seine Wirkung etwas abmildert. Und während die Turnhalle in dichtem Gebüsch verschwindet, sind die Farben der Metallplatten zwar sicher nicht mehr so strahlend wie einst, aber doch unübersehbar, das Auffälligste mithin an der gesamten Schule.

Eigentlich hätte dieser Schulklotz zwar nichts anderes verdient, als abgerissen zu werden, aber was die Architekten und Gestalter der Turnhalle machten, war immerhin das Zweitbeste. In Wien bemühten sie sich darum nicht, sie bauten bloß eine Turnhalle. Aber sie mußten es auch nicht, da sie gegen etwas weit weniger Schlimmes anzukämpfen hatten. Das ist im übrigen auch der Unterschied zwischen Österreich und Preußen.

Antifaschistische Architektur auf dem Fehrbelliner Platz

Der Fehrbelliner Platz ist das größte erhaltene Ensemble von Naziarchitektur in Berlin. Er liegt an der Kreuzung von Hohenzollerndamm und Brandenburger Straße im Westberliner Bezirk Wilmersdorf. Wie so viele Orte, die Platz heißen, ist er nicht wirklich ein Platz, sondern eben eine große Kreuzung.

FehrbellinerPlatzBerlinGesamt2

Drei Gebäude bilden einen von Straßen unterbrochenen Halbkreis und sollten wohl Abschluß irgendeiner Achse werden. In allen sind noch heute diverse Verwaltungseinrichtungen untergebracht. Alle sind fünf Geschosse hoch und haben leicht überstehende Walmdächer.

Das rechte Gebäude ist hell verputzt und könnte genauso auch in der Kaiserzeit entstanden sein. Die drei anderen gehen den kleinen Schritt über das Schlechteste der kaiserzeitlichen Architektur hinaus, der die Naziarchitektur auszeichnet.

FehrbellinerPlatzBerlinGesamt1

Sie haben eine Verkleidung aus drohend dunklen Steinplatten, die vertikalen Fenster springen durch dicke Umrandungen hervor, an den Seiten sind massive Kolonnaden. Wie das bei Architektur, die nur einen einschüchternden Effekt erreichen will, Kulissenarchitektur mithin, üblich ist, beschränkt sich die Steinverkleidung auf die Vorderseite zum Platz hin. Schon in den Nebenstraßen sind die Fassaden schlichter, zu den Hinterhöfen sind sie dann gänzlich schmucklos.

FehrbellinerPlatzBerlinRückseite

Hinter dem Platz, Ecke Brandenburger Straße und Sächsische Straße, steht auch eines der wenigen innerstädtischen Wohnhäuser der Nazizeit.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraße

Es unterscheidet sich nur wenig von kaiserzeitlichen Mietshäusern. Bloß ist die Ornamentik der sandsteinernen Erker vielleicht etwas weniger verspielt und von oben droht das überstehende Dach mit nachgemachtem Kranzgesims, ein für nazistische wie faschistische Architektur unerläßliches antikisierendes Moment.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraßeErker

In einem der Erker hat sich der Architekt mit einem verlogen kollektivistischen Spruch nach Naziart, den er vielleicht originell fand, verewigt: „Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel aus wenig viel.“

Glücklicherweise stehen die Gebäude am Fehrbelliner Platz ansonsten allein, die Achse wurde nie gebaut und die späteren Gebäude schaffen ein gewisses Gegengewicht. Doch den Kampf gegen die menschenfeindliche Monumentalität der Naziarchitektur nahm ausgerechnet der U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, der im Rahmen der Westberliner U-Bahnlinie U7 im Jahre 1971 gebaut wurde, auf. Im weiteren Umkreis der Kreuzung des Platzes sind viele kleine Eingänge der U-Bahn, deren Gestaltung eine Variation anderer U7-Eingänge aus den frühen Siebzigern ist.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingang

Um die einfachen Treppen verläuft ein Mäuerchen aus Betonblöcken, auf dessen Seiten kurz vorm Ende eine rote Betonwand mit U-Bahnlogo beginnt und das abgerundete Ende schwebend nachvollzieht. Diese zierlichen und klaren Formen sind wie Farbtupfer auf dem Braun der Nazigebäude.

In der Mitte des Platzes oder vielmehr links von ihr, geht der U-Bahnhof mit einem eigenen Gebäude noch einen Schritt weiter.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingangsgebäude

Es besteht aus einigen Zylinderformen, die durch ein mehrfach versetztes und abgerundetes, mal Durchgänge, mal Räume überspannendes Flachdach verbunden sind, und es ist völlig mit kleinen roten Kacheln verkleidet. Es scheint in ständiger Bewegung, wellenähnlich, aus jeder Perspektive zeigt es sich anders.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinLampen

Die runden Formen setzten sich in gelbgefaßten Lampen, die im Durchgang herabhängen, in Licht- und Lampenschächten über den Treppen und auch ein wenig im Bahnsteig der U7 fort.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinBahnsteig

Die U3, die ebenfalls hier fährt, hat ihren Bahnsteig von 1913 behalten.

Das Gebäude ist ebenfalls also nur ein Eingang, aber auch noch etwas anderes. Es steht genau so, daß es den Blick auf den von zwei aus Lampen aufwachsenden Stangen markierten Eingang des größten Nazigebäudes des Platzes versperrt.

FehrbellinerPlatzBerlinEingang

Jeder Blick geht unweigerlich zu dem Eingangsgebäude, man kann den Fehrbelliner Platz nicht sehen, ohne es zu sehen. Es ist fast gänzlich horizontal, aber es scheut sich nicht, noch ein wenig aufzutrumpfen: auf dem nächst der Kreuzung stehenden Zylinder steht auf dem Dach eine grüne Metallkonstruktion aus vier schräg zueinander gesetzten flachen Streben, die zwischen zwei horizontalen Ringen rote Elemente mit U-Bahnlogo und Digitaluhren tragen.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinTurm

Dieser kleine Turm ist so sehr eine Geste wie er funktional ist.

Das U-Bahngebäude schafft also, obwohl es viel kleiner ist, nur durch seine kräftige rote Farbe, seine bewegte Form und seinen funktional-expressiven Turm, ein starkes Gegengewicht zur nazistischen Architektur, die es umgibt, ja, es überwiegt sie. Das ist ein Sieg Davids über Goliath, der Sieg einer dezenten fortschrittlichen Architektur über eine monumentale reaktionäre Architektur. Das ist eine architektonische Rückeroberung des Fehrbelliner Platzes von den Nazis. Das ist, ob es die Westberliner Architekten und Stadtplaner nun wußten und wollten oder nicht, ein antifaschistischer Akt.

Aufheben

Kein zweiter marxistischer Begriff ist für die Betrachtung von Architektur so wichtig wie der des Aufhebens. Wie wundervoll vielschichtig das Verb aufheben auch ist! Etwas aufheben, das kann heißen, daß man etwas außer Kraft setzt, oder, daß man etwas bewahrt, oder aber, daß man etwas emporhebt.

Was für die Architektur heißt, können die schönen Worte, die Georg Piltz über Unter den Linden in Berlin schrieb, zeigen: „Die Progressivität des märkischen Klassizismus Knobeldorffscher und Schinkelscher Prägung steht außer jedem Zweifel. Es war nicht die Schuld der Architekten, daß die Bourgeoisie nicht hielt, was das Opernhaus und das Alte Museum versprachen. Erst heute, nach der Beseitigung der Klassenherrschaft, erfüllen die Bauten jene soziale und geistige Aufgabe, welche sie nach dem Willen ihrer Schöpfer von Anfang an erfüllen sollten.“ Die Straße Unter den Linden wurde aufgehoben. Ihre Funktion als Prachtstraße der preußischen Monarchie wurde außer Kraft gesetzt, ihre wertvollen Gebäude wurden bewahrt und sie wurde als Teil des neuen Zentrums der Hauptstadt der DDR emporgehoben zu dem, was sie immer hätte sein sollen.

Noch leichter vielleicht läßt sich an der Marienkirche beim Fernsehturm zeigen, was architektonisches Aufheben bedeutet.

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute - Hauptstadt der DDR, Berlin 1977

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute – Hauptstadt der DDR, Berlin 1977

Dieser alte backsteingotische Bau wurde in seiner Geschichte mindestens zweimal aufgehoben. Einmal im späten 18. Jahrhundert, als er eine neue Haube bekam. Sie hat gotische Formen, die aber in Kupfer gegossen sind, wie es in der Gotik undenkbar gewesen wäre, und ist damit ein eigentümliches und seltenes Beispiel einer klassizistisch gedachten Neuinterpretation der Gotik, unendlich fern von der schematischen Neogotik des späteren 19. Jahrhunderts, die in Berlin und überall so viele häßliche Kirchenklötze zu verantworten hat. Durch diese Haube wurde die Kirche aus dem Mittelalter emporgehoben.

Doch erst der Sozialismus hatte die Kraft, sie so ganz und in jedem Sinne aufzuheben. Die protzigen historistischen Bürohäuser, mit denen sie der Kapitalismus umzingelt hatte,

Aus Volk, Waltraud: Historische Straßen und Plätze heute - Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1980

Aus Volk, Waltraud: Historische Straßen und Plätze heute – Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1980

wurden, soweit sie nicht im Krieg zerstört worden waren, weggerissen und sie bekam, zum vielleicht ersten Mal in ihrer Geschichte, die Möglichkeit, nach allen Seiten auf ihre Umgebung zu wirken. Ihre alte einschüchternde gotische Vertikalität wurde damit aufgehoben, sie wurde als Gebäude aufgehoben und sie wurde aufgehoben zu einem gleichberechtigten Teil eines neuartigen städtischen Raums.

Aus Kiesling, Gerhad/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhad/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Man könnte meinen, daß sie in diesen Raum nicht passe, da sie so schräg zu allem anderen steht. Aber gerade durch ihre in keine Symmetrie passende Lage bringt sie dem Raum eine wichtige Auflockerung, die bei ihrem Fehlen ein anderes Gebäude hätte bringen müssen. Außerdem nehmen die weißen Betonspitzen des Unterbaus des Fernsehturms sehr wohl einen klaren Bezug auf die Kirche, so daß sie von ihrer neuen Umgebung keineswegs ignoriert ist.

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute, Berlin 1988

Aus Autorenkollektiv: Berlin heute, Berlin 1988

In den interessantesten Dialog aber tritt der Turm der Marienkirche mit dem Fernsehturm selbst. Wenn man an der Ecke Spandauer/Karl-Liebknecht-Straße steht, wie das alle von Unter den Linden zum Alexanderplatz gehenden Besucher Berlins unweigerlich mal tun, sieht man die beiden Türme direkt nebeneinander. Der backsteinerne Kirchturm mit der klassizistischen Haube und der schlanke Betonschaft und die silberne Kugel des Fernsehturms, der Kontrast ist enorm, aber sie passen doch zusammen. Man spürt das auch ganz instinktiv und so ist eine beliebte Perspektive für Photos die, in der der Fernsehturm den Turm der Marienkirche fortzusetzen scheint (wobei solche Photos in Publikationen aus der DDR erstaunlich selten vorkommen, vielleicht wegen des Kreuzes auf der Turmhaube).

Aus Prang, Hans/Kleinschmidt, Horst Günter: Durch Berlin zu Fuß, Berlin/Leipzig 1984

Aus Prang, Hans/Kleinschmidt, Horst Günter: Durch Berlin zu Fuß, Berlin/Leipzig 1984

Nur wenige Bilder zeigen so prägnant, was das neue Zentrum Berlins und fortschrittliche Architektur allgemein auszeichnet. Damit hilft dieses eine Bild auch schon sehr, das Wort Aufhebung  zu erklären.

Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße

Das Wohngebiets Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße liegt im nördlichen Teil des Bezirks Lichtenberg von Berlin, der Hauptstadt der DDR. Obwohl eines der größten, erlangte es nie große Bekanntheit, denn seine Entstehungszeit liegt genau zwischen der Fertigstellung des Stadtzentrums um den Alexanderplatz, Vorzeigeprojekt der Ulbricht-Ära, und dem Baubeginn Marzahns, Vorzeigeprojekt des Wohnungsbauprogramms der Honecker-Ära. Es ist aber das einzige Wohngebiet seiner Größe in Berlin, das wirklich abgeschlossen war, als die DDR endete, weshalb es von ganz besonderem Interesse ist.

Aus Autorenkollektiv: Erich Honecker in Berlin, Berlin 1982

Aus Autorenkollektiv: Erich Honecker in Berlin, Berlin 1982

Anders als Marzahn, das sich bandartig erstreckt, dehnt sich das Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße sternförmig um einen Mittelpunkt aus. Dieser Mittelpunkt ist ein weißes Hochhaus. Es besteht aus zwei versetzten Teilen, der eine 23, der andere 25 Geschosse hoch, im zweigeschossigen Sockel sind Läden, darüber durchgehend Balkone. Vor ihm treffen sich im rechten Winkel die beiden Teile des Anton-Saefkow-Platzes, die in nördlicher und westlicher Richtung verlaufen. Seine Form bekommt der Platz durch ein dreizehngeschossiges Gebäude, das die Innenseite des Winkels einnimmt. Auch hier zwei Sockelgeschosse, das untere mit Läden, Cafés, Restaurants zurückgesetzt, das obere stark verglast mit einer Bibliothek und anderem. Die Südseite des Platzes nehmen ein würfelförmiges Kaufhausgebäude, das „konsument“, mit vier Geschossen und eine flache Kaufhalle ein. Beide, das Kaufhaus völlig, die Kaufhalle ums Dach, sind mit mattbraunen Metallwaben verkleidet. In der Mitte des Platzes, vor Hochhaus und Kaufhaus, steht ein großer Brunnen aus übereinandergeschichteten, aber wie freischwebenden Betonbalken, die seine beiden Teile symbolisch verbinden, aber auch wie eine Quelle des ganzen Wohngebiets sind.

Um diesen Platz mit seinen klaren eckigen Formen legt sich wie ein grünes Kissen von Osten und Süden etwas tiefer der Fennpfuhl-Park. In ihm ist alles bestimmt von den geschwungenen Formen der Wege, Wiesen und des namensgebenden Sees, der Fennpfuhls. Südlich und südöstlich des Platzes sind jenseits der größeren Teile des Sees weite, offene Wiesenbereiche, insbesondere eine leicht abfallende geschwungene Liegewiese an seinem Ufer. Von dort fast noch mehr als vom Platz wirkt das Hochhaus in seiner ganzen klaren, menschlichen Größe. Wie ein Vertreter des Hochhauses am See steht am platzseitigen Ufer das Restaurant „Seeterrassen“, ein weißer Eckbau, der in der Mitte drei Geschosse hat, an die zweigeschossige in Terrassen ansteigende Seitenflügel ausgehen.

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Auf dem Fennpfuhl selbst bietet im Sommer ein Bootsverleih Fahrten an und eine Fontäne spritzt das Wasser in die Höhe.

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Aus Funeck, Gottfried/Schönholz, Waltraud/Steinwasser, Fritz: Park- und Grünanlagen in Berlin, Berlin 1988

Östlich des Platzes, der sich nach hier auch durch den fast transparenten Bau einer Schwimmhalle öffnet, bietet der Park um den kleineren Teil des Sees intimere Bereiche wie etwa einen Rosengarten. In den Park sind zudem zwei ältere Gebäude eingebettet: eine kleine Villa im Süden, die als Kulturzentrum dient, und eine große Schule am östlichen Rand, die so ein wenig von ihrem wilhelminischen Schrecken verliert und durch ihre Uhr sogar einen Nutzen für alle Besucher des Parks bekommt.

PlanWohngebiet

Legende: 1 und 2

Das Wohngebietshauptzentrum am Anton-Saefkow-Platz und den Park, die teils ineinander verschwimmen, teils scharf abgetrennt sind, aber immer eine Einheit bilden, begrenzen die namensgebenden Straßen: die Leninallee im Norden und die Ho-Chi-Minh-Straße im Osten. Beide sind große vier- bis sechsspurige Verkehrsadern, die ganz dem Autoverkehr vorbehalten sind. Die auf der Leninallee vom Stadtzentrum im Westen herkommenden Straßenbahnlinien gabeln sich vor dem Wohngebiet und erschließen es auf kleineren Straßen an seinem nördlichen Rand, auf Oderbruch- und Hohenschönhauser Straße, und südlich des Anton-Saefkow-Platzes, auf der Karl-Lade-Straße. Kurz nach diesem verläßt die Straßenbahn die Straße gar und fährt auf einer alleeartigen Strecke am Rand des Parks entlang, bis sie die Ho-Chi-Minh-Straße kreuzt.

Die eigentlichen, dem Wohnen vorbehaltenen Teile des Wohngebiets schließlich erstrecken sich nördlich der Leninallee, östlich der Ho-Chi-Minh-Straße

PlanLeninallee

Legende: 1 und 2

und westlich und südlich des Wohngebietshauptzentrums.

PlanDuclosStraße

Legende: 1 und 2

Sie bestehen jeweils aus zehngeschossigen Gebäuden, die sich, teils geschwungen, um sehr große Hofbereiche legen, die von einem Netz von Fußwegen durchzogen sind und durch Erschließungsstraßen, vielerlei Grünanlagen mit Spielplätzen und Sportanlagen, Schulen und Kindergärten weiter strukturiert sind. Die einzelnen Teile des Wohngebiets haben vier weitere Wohngebietszentren: eins dort, wo die Straßenbahnlinie die Ho-Chi-Minh-Straße kreuzt und auf der Herzbergstraße weiterführt, ein zweites am Rande des Wohngebiets in der Jacques-Duclos-Straße, wie die südliche Verlängerung der Ho-Chi-Minh-Straße heißt, ein drittes am S-Bahnhof Storkower Straße (vormals Zentralviehhof) ebenfalls im Süden und ein viertes in der Verlängerung des nördlichen Teils des Anton-Saefkow-Platzes jenseits der Leninallee. Sie sind jeweils durch ein 19- und 21-geschossiges Doppelhochhaus markiert. Hinzu kommen noch einige weitere dieser Hochhäuser an wichtigen Stellen in der Nähe des Hauptzentrums, zehngeschossige Punkthäuser, die zwischen dem Ende des Parks und der Kreuzung Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße vermitteln, und je ein 18-geschossiges Hochhaus an der Leninallee ganz am westlichen Beginn des Wohngebiets und bei der nördlichen Verlängerung des Anton-Saefkow-Platzes.

Steigt man am S-Bahnhof Storkower Straße aus, gelangt man auf eine Promenade, einen nur für Fußgänger zu erlebenden Boulevard durchs Wohngebiet. Nach dem Zentrum das mit einer weiteren Schwimmhalle endet, geht man zwischen der zehngeschossigen Bebauung rechts und Schulgebäuden links bis man zwischen einem zweigeschossigen Apothekenbau und der viergeschossigen Poliklinik links, einem würfelförmigen Bau, dessen Fassade ganz aus Fensterbändern und hellblauer Kunststoffverkleidung besteht, auf die Karl-Lade-Straße, wo die Straßenbahn fährt, und, nach einem weiteren der 21-geschossigen Hochhäuser links, auf den Anton-Saefkow-Platz. Dessen Verlauf folgt man wie selbstverständlich und wird so weiter bis zur Leninallee und über diese hinaus in ein weiteres Wohngebietszentrum geführt. Durch einen breiteren, schon parkartigen Grünstreifen geht man weiter bis zur Hohenschönhauser Straße, wo die andere Straßenbahn fährt, und in den Volkspark Prenzlauer Berg, dessen bewaldeten Hand man schon von Weitem sah. So führt durch die sternförmige Struktur des Wohngebiets doch auch eine Radiale, aber sie ist äußerst subtil und nicht wichtiger als irgendeiner der anderen Wege durch das Wohngebiet.

Jedes der Wohngebietszentren besteht aus den gleichen drei Gebäudetypen, die auch anderswo in Berlin vorkommen: einer flachen Kaufhalle, einem zweigeschossigen Dienstleistungsgebäude mit vorgesetzter Treppe und Balkon vor dem Obergeschoß

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin - Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

und einem flachen Gaststättengebäude mit gewellten Betonschalendach.

Aus Pieper, Gerd/Rohatsch, Manfred/Lemme, Fritz: Grossküchen - Planung-Entwurf-Einrichtung, Berlin 1981

Aus Pieper, Gerd/Rohatsch, Manfred/Lemme, Fritz: Grossküchen – Planung-Entwurf-Einrichtung, Berlin 1981

Dennoch gleicht keines dem anderen. Während das Wohngebietszentrum an der Ho-Chi-Minh-Straße beinahe eng und beinahe im Schatten seines Hochhauses ist, ist das an der Leninallee völlig offen und voller Blickbeziehungen zum Anton-Saefkow-Platz und zum Volkspark Prenzlauer Berg. Sein Hochhaus flankiert es bloß beiläufig und alles Platzartige bekommt es durch eine locker von den Zentrumsbauten umspielte und in den Parkstreifen eingebettete gepflasterte Fläche, in deren Mitte der Vogelbrunnen steht.

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin - Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Aber der vielfältigen und abwechslungsreichen städtischen Räume, in den Zentren, in den reinen Wohnbereichen und in der Verbindung von beiden und mit Hauptzentrum und Park, gibt es noch zahllose weitere. Wie enorm viel sich aus nur wenigen industriell gefertigten Gebäudetypen machen läßt, das sieht man hier überall.

Der gesamte nordwestliche Teil des Wohngebiets öffnet sich zum Volkspark Prenzlauer Park schon dadurch, daß seine zur Leninallee noch zehngeschossige Bebauung dorthin fünfgeschossig wird. So ist das Wohngebiet gar mit zwei Parks gesegnet, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Ist der Fennpfuhlpark von menschlicher Hand gestaltet, dem Menschen die unterschiedlichsten und abwechslungsreichsten Erlebnisse von Natur und Architektur zu bieten, so ist der Volkspark Prenzlauer Berg, wiewohl sein Hügel aus aufgeschütteten Trümmern des zweiten Weltkriegs entstanden ist, eher waldartig und naturbelassen. Beides ist wertvoll, aber nur der Fennpfuhlpark gehört so ganz zum Wohngebiet. Es ist in seiner Gesamtheit wie eine Fortsetzung dessen, was in seinem Kern, in Anton-Saefkow-Platz und Park, angelegt ist: ein ständiges harmonisches Wechselspiel von Eckigem und Rundem, Hartem und Weichem, Geschlossenem und Offenem, Grünem und Grauem.

Ob seiner sternförmigen, potentiell unendlich erweiterbaren Struktur muß sich das Wohngebiet auch zu den anderen Seiten nicht abgrenzen, sondern will alles gutmütig in sich aufnehmen. Im Westen herrscht Bebauung aus den Zwanzigern vor, südlich der Leninallee geschlossenere, konservative, nördlich offene Zeilen. Im Süden bildet die S-Bahnstrecke die natürliche Grenze, bloß im weiteren Verlauf der Jacques-Duclos-Straße geht es in ältere Teile Lichtenbergs, nicht weit entfernt ist der alte Dorfanger, der Loeperplatz, mit seiner Kirche, den aber fortschrittliche fünfgeschossige Bebauung rahmt. Im Osten schließlich das weite Industriegebiet zwischen Leninallee und Herzbergstraße und nördlich der Leninallee schon bald das nächste Wohngebiet, mit dem es sich in eine, nun doch bandartige, Folge von Wohngebieten einfügt, die vom Alexanderplatz bis fast nach Marzahn reicht (das Wohngebiet Leninallee/Ho-Chi-Minh-Straße im Bild in der oberen Hälfte).

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus dem Industriegebiet ragt das große Elektrokohlewerk auf und die AWG (Arbeiterwohngenossenschaft) Elektrokohle Lichtenberg verwaltete denn auch große Teile des Wohngebiets.

Nicht nur größtes abgeschlossenes Wohngebiet der Hauptstadt der DDR, sondern auch ihr wohl schönstes ist dieses an Leninallee und Ho-Chi-Minh-Straße. Das eine hängt vielleicht mit dem anderen zusammen. Erst der Abschluß der Bautätigkeit erlaubte wohl kleine, aber wichtige Details wie die durchgängige Gestaltung von Straßenschildern, Wegweisern und vor allem Stadtplänen aus Emaille.

PlanHoChiMinhStraßeHerzbergstraße

Wie eng die Stadtpläne (Design: Klaus Stützner, Hans Michael Linke und Rolf König) mit ihren Standorten im Wohngebiet verflochten sind, zeigt sich daran, daß ihre isometrischen Darstellungen der Gebäude nicht nach Norden ausgerichtet sind, sondern dem Blickwinkel des vor ihnen stehenden Menschen entsprechen. Den ganzen Stolz und weltstädtischen Anspruch der Hauptstadt der DDR, die im heutigen provinziellen Berlin so völlig aus einer anderen Zeit wirken, kann man daran erkennen, daß die Pläne viersprachig, deutsch, russisch, englisch und französisch, beschriftet waren.

Leicht käme man in die Versuchung, das Wohngebiet vollendet zu nennen. Heimat von fünfzigtausend Menschen, von der Größe einer Mittelstadt also, aber doch mitten in Berlin und fest mit ihm verbunden, hat es auch wirklich fast alles, was man sich von einem Wohngebiet wünschen kann. Im Park wurde gar in den Achtzigern eine kleine Kirche errichtet. Kleine Mängel aber gibt es doch (womit die Kirche nicht gemeint sein soll). Zum einen wirken die beiden großen Verkehrsachsen, trotz einer Unterführung

UnterführungHoChiMinh

an der Ho-Chi-Minh-Straße, oft zu trennend. Insbesondere das Fehlen einer Brücke über die Leninallee vom Anton-Saefkow-Platz zum nördlich gelegenen Wohngebietszentrum, die in frühen Plänen noch vorkam, macht sich schmerzlich bemerkbar. Zum anderen fehlen Kunstwerke, die dem wohldurchdachten Namenskonzept, die großen Straßen nach wichtigen ausländischen Politikern, die kleineren aber nach Mitgliedern der Widerstandsgruppe um Anton Saefkow und Bernhard Bästlein zu benennen, entsprächen. In der DDR gab es durchaus Künstler, die in der Lage gewesen wären, den vietnamesischen Kommunisten Ho Chi Minh, den französischen Kommunisten Jacques Duclos und deutsche Kommunisten wie Saefkow und Bästlein, die im Kampf gegen die Nazis fielen, sogar gemeinsam in einem Kunstwerk zu würdigen, was dessen Nichtexistenz nur noch bedauerlicher macht.

Hier von den Zerstörungen, die das Wohngebiet, nunmehr Wohngebiet Fennpfuhl, seit 1990 erfahren hat, zu reden, führte zu nichts. Es sei einzig erwähnt, daß es den Blick vom Ufer des Fennpfuhls zum Hochhaus am Anton-Saefkow-Platz auch heute noch gibt. Im Sommer, wenn Berlin ohnehin schön ist, gibt es in der Stadt wenig schönere Stellen als diese perfekt geformte Uferwiese.

BlickFennpfuhl

Krupp und Graffiti

Eine jener abgelegenen, vagen Gegenden, von denen es in dem amorphen Gebilde, das sich Berlin nennt, so viele gibt, Gradestraße, ganz egal, ob noch zu Tempelhof oder schon zu Neukölln gehörig, Industriegebiet, das nach und nach von Baumärkten und Büroblöcken überwuchert wird. Ganz eigenartige Wege durch Nichtorte, wo Bahnanlagen, Kleingärten und die Industriebetriebe, die es eben doch noch gibt, aufeinandertreffen, können hierher führen.

Dort, an der Straße, neben dem Hornbach-Parkplatz, stand das Krupp-Haus. Ein typisches Kleinod, ein ganz schlichter zweigeschossiger Bau mit verglastem Eingangsbereich, der höchstens dadurch auffiel, daß er ganz und gar mit blauen Kacheln verkleidet war. Wie lange er schon leerstand, erahnte man an der wahrhaft urwaldartigen Vegetation, in der er versank.

KruppHaus

Das weiß aufgemalte „Krupp“ mit dem entsprechenden Logo blätterte schon ab, aber die Keramik der Fassade war unverwüstbar. Wie ein bizarres Artefakt einer, sicher außerirdischen, Zivilisation, irgendwo im tiefen Dschungel bot es sich dem Besucher dar und er mußte Archäologe werden, es zu erkunden.

Schwer machte es ihm das Krupp-Haus nicht, mehr über es zu erfahren; die Tür war nicht verschlossen. Schon von außen sah er in den Fenstern des Obergeschosses seltsame Hieroglyphen. Innen dann waren ganz Wände, teils bis auf die schimmelnden Teppiche ausgreifend, mit reich ornamentierten Schriftzügen versehen.

Kobe2

Der Besucher, der ja wußte, daß er kein Archäologe und bloß in Berlin war, wenn vor dem Fenster auch alles nach Urwald aussah, erkannte darin etwas Vertrautes: Graffiti. Doch fand er sich nun an einem Ort, wo er dieses auf völlig neue Weise erleben konnte.

Raum

Hier in den Innenräumen war es seiner einzigen Funktion beraubt: öffentlich zu sein, sichtbar, um den Fame, die Berühmtheit, seines Urhebers zu mehren.

Kobe1

Dieser Wiederspruch entging den hier vertretenen Sprayern nicht:

Bombing

Es sei offengelassen, ob Graffiti Kunst ist, aber im Krupp-Haus hatte es ein Museum.

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Was Hellersdorf sein müßte

Hellersdorf war das letzte große Wohngebiet, das in der Hauptstadt der DDR, Berlin, gebaut wurde. 1985 begannen die Arbeiten und konnten 1990 also noch schwerlich abgeschlossen sein. Vor allem das Zentrum und viele Freiflächen wurden erst im restaurierten Kapitalismus der Neunziger und entsprechend dessen gerade in Berlin besonders schlimmen Vorstellungen von Architektur gebaut. Aber das ist noch nicht einmal Hellersdorfs größtes Problem. Trotz seiner guten Erschließung durch mehrere Straßenbahnlinien und sogar die vom Tierpark verlängerte U-Bahn wirkt es immer irgendwie formlos und viel zu weitläufig, eine scheinbar unendliche Ansammlung sechsgeschossiger Gebäude, aus der nur sehr selten mal etwas Höheres herausragt. Die klaren städtebaulichen Strukturen, die man in Marzahn oder auch in allen anderen Wohngebieten Berlins, wo zehngeschossige Bebauung vorherrscht, noch heute recht leicht findet, in Hellersdorf fehlen sie oder sind jedenfalls nicht erlebbar.

Dabei hätte Hellersdorf so viel mehr sein können. Denn Hellersdorf wurde nicht nur wie schon Marzahn oder Hohenschönhausen von Bauleuten aus allen Bezirken der Republik erbaut, um dem schönen Gedanken, die Hauptstadt sei das Werk von Menschen aus der ganzen DDR, Ausdruck zu verleihen, nein, es wurden auch Gebäudetypen aus den verschiedenen Bezirken verwendet. Hellersdorf, das kurz nach Baubeginn schon ein eigener Stadtbezirk Berlins wurde, hätte so wirklich eine DDR im Kleinen, eine lebendige und dauerhafte Ausstellung der Vielfalt und Schönheit ihrer fortschrittlichen Architektur, die Texte wie diesen unnötig gemacht hätte, werden können. Aber mit fünf-, sechsgeschossiger Bebauung war das nicht möglich. Nicht, daß die entsprechenden Gebäudetypen nicht in allen Bezirken verschiedenen gewesen wären, aber diese Unterschiede sind nur schwer zu bemerken und selbst, wenn sie größer wären: mit solcher Bebauung läßt sich auf einer so ausgedehnten Fläche einfach kein wirklich gelungenes Wohngebiet schaffen.

Wie anders wäre das gewesen, wenn jeder Bezirk Hellersdorf seine besten Gebäudetypen hätte geben dürfen! Aus dem Bezirk Halle kämen jene Punkthochhäuser, die mit ihren 22 Geschossen und dem leicht abgesetzten würfelförmigen oberen Teils die vielleicht avanciertesten der DDR sind,

Aus Große, Gerald/Steinmann, Hans-Jürgen: Zwei an der Saale - Halle - Halle-Neustadt, Leipzig 1979

Aus Große, Gerald/Steinmann, Hans-Jürgen: Zwei an der Saale – Halle – Halle-Neustadt, Leipzig 1979

und die, auch im Bezirk Potsdam anzutreffenden, Turnhallen des Typs MT 90, die eine der formschönsten Anwendungen des gewellten Betonschalendachs sind.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Halle, Berlin 1977

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Halle, Berlin 1977

Aus dem Bezirk Schwerin kämen elfgeschossige Gebäude, die vielleicht in der für diesen Bezirk typischen Gasbetonbauweise errichtet sind und ein verglastes Café im Obergeschoß haben.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR - Bezirk Schwerin, Berlin 1984

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Schwerin, Berlin 1984

Aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt kämen die für Hanglagen gedachten Versorgungszentren, die erst zweigeschossig sind und dann, höher am Hang, flach einen kleinen Platz umschließen.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus dem Bezirk Dresden kämen die zehngeschossigen Gebäude des Typs IW 67 mit ihren charakteristischen vorgesetzten und verglasten Treppenhäusern.

Aus Autorenkollektiv: Dresden, Leipzig 1974

Aus Autorenkollektiv: Dresden, Leipzig 1974

Und aus allem Bezirken fänden sich noch weitere Beispiele.

Einzig die Bezirke Cottbus und Rostock sind mit ihrem Besten vertreten. Der Energiebezirk schenkte Hellersdorf Schulen eines Typs mit aufgestütztem Saaltrakt. Seine Geschichte zeigt, wie Gebäudetypen im industriellen Bauen idealerweise entstehen sollten: am Anfang stand ein einzelner Experimentalbau in Boxberg, dann folgte die Auswertung und erst als die erfolgreich war, wurden weitere solcher Schulen überall im Bezirk Cottbus und schließlich auch in Hellersdorf gebaut.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Dem Küstenbezirk schließlich blieb es vorbehalten, zu zeigen, was Hellersdorf hätte sein müssen. Er baute, bezeichnenderweise in einem frühen Teil des Wohngebiets, eines seiner elfgeschossigen Gebäude in einer angepaßten Variante der WBS 70 (Wohnbauserie 70) , die in Terrassenstufen enden. So hatte Hellersdorf doch noch ein wenig Glück, denn kaum ein Gebäudetyp zeigt so gut wie dieser aus Rostock, zu welchen Leistungen die industrialisierte Großplattenbauweise in der Lage war (im Bild ein Beispiel aus dem Wohngebiet Evershagen in Rostock).

Aus Witt, Horst/Raif, Friedrich Karl: Rostock, Rostock 1982

Aus Witt, Horst/Raif, Friedrich Karl: Rostock, Rostock 1982

Hellersdorf zeigt es sonst leider nirgendwo (und zeigt es nicht mal auf folgendem Bild, obwohl das hohe Gebäude in der Mitte das aus Rostock ist und an der anderen Seite die Terrassenstufen hat).

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987

Aus Kiesling, Gerhard/Jahn, Fritz: Berliner Farben, Leipzig 1987