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Hrubá Voda oder Der Jugendstilbahnhof

Jugendstilbahnhöfe sind selten. Als große Ausnahme könnten die Bahnhöfe der Wiener Stadtbahn genannt werden, aber Otto Wagner geht über den Jugendstil schon weit hinaus und zudem sind sie eben in Wien. In der Weite der Länder, die zu Österreich, Heimat des Jugendstils, gehörten, sieht man Jugendstilbahnhöfe fast nie. Manche möge Jugendstilelemente haben, aber immer vermischt mit Historistischem, Monumentalem, Volkstümlichem, nie in Reinform. Hrubá Voda ist daher etwas Besonderes: ein Bahnhof, der in so reinem Jugendstil errichtet wurde, wie es anderswo in Österreich auch eine Villa, ein Arbeiterhaus, ein Theater sein könnten.

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In seinem Aufbau – ein zweigeschossiges Gebäude mit breitem Vordach, das links noch um das Gebäude herum weiterläuft und einen offenen Bereich überspannt – unterscheidet er sich nicht von anderen Bahnhöfen an der Strecke, die von Olomouc nordwärts nach Schlesien führt. In Hrubá Voda sind es zwei durch das Vordach und die Halle verbundene Gebäudeteile und auf den offenen Bereich folgt noch ein Flachbau für das Restaurant. Typischer Jugendstil ist eben eine Fassadenarchitektur. Und die Fassade des Bahnhofs Hrubá Voda zeigt alle jugendstiligen Formen.

Wenn man von Olomouc kommt, bemerkt man zuerst die Schmalseite des Obergeschosses mit nur einem kleinen mittigen Fenster zwischen drei geraden und einer gewellten horizontalen Linie im hellen glatten Putz und einem weiten flachen Bogen über einen darüberliegenden Bereich mit dunklerem und gröberem Putz. Die zu den Gleisen zeigenden Seite ist ähnlich strukturiert, doch die Linien wie der Bogen sind zwischen sechs größeren Fenstern weniger markant. Dafür scheinen die kleinen Quadrate unter den Fenstern sich in zwei große, die zwischen ihnen hinunterragen und sie in drei Gruppen teilen, zu verwandeln.

Die Ecken sind pilasterartig mit Kreisformen und nach unten verlaufenden Linien gestaltet und ragen noch über die Dachlinie auf, wo sie nach innen abgeschrägt enden.

Der zweite Gebäudeteil wie auch die Erdgeschosse sind weniger markant. Eher ist es so, daß die rundbögigen Erdgeschoßfenster auf der zum Ort zeigenden Seite des ersten Gebäudeteils zu den vielfachen runden Formen des Obergeschosses überleiten. Der leicht vorgesetzte Mittelteil hat einen halbrunden Giebel, aus dem noch ein weiteres halbrundes Element mit Kleeblattmotiv ragt, während kleine dreieckige Fenster und der Putz darunter ein halbes Oval formen. Flankiert wird er von oben abgeschrägten Pilastern wie in den Ecken der Gleisseite, während ähnliche, aber kleinere Ornamente in den Ecken dieser Seite sind.

Beidseits des Mittelteils sind dann konventionell eckige Doppelfenster im umgebenden Putz kreisförmig erweitert, um runde Fenster, wie sie der Jugendstil liebte, zu simulieren.

Zwischen den beiden Gebäudeteilen ist der Eingang zur eher schmalen, aber hohen Bahnhofshalle. Zwei Säulen mit tiefeingeschnittenem horizontalen Rillenmuster im unteren Teil, ein spitzes Vordach aus Holz mit offener Balkenkonstruktion, ein trapezförmiges Fenster und noch vieles weitere lassen es wirken, als habe der Architekt einfach alles, was ihm einfiel, für den Eingang verwendet.

Dabei hätte auch viel weniger gereicht, denn das überraschendste und am Modernsten wirkende Element des gesamten Bahnhofs ist der in der Hallendecke vom Fenster ausgehende dreieckige Einschnitt, der keilartig schmaler wird.

Das ist so viel radikaler als die Jugendstilpilaster der Halle, daß man sich vorstellen könnten, er sei Ergebnis eines späteren Umbaus, wenn man sich denn vorstellen könnte, daß es einen solchen gegeben habe.

Am meisten Jugendstil und am meisten er selbst ist der Bahnhof in den drei großen runden Fenstern, die den überdachten Bereich links des Gebäudes zum Ort hin abschließen und öffnen.

Nachdem er solche Fenster an der Fassade noch simulieren mußte, hat er sie hier tatsächlich, obwohl sie im eigentlichen ein hohes Fenster und zwei schmalere abgerundete beidseits von ihm sind und ihnen zum Rund noch der untere Teil fehlt.

Dieses archetypische Jugendstilmotiv sieht man an vielen Gebäuden, doch hier tritt man ihnen plötzlich auf ebener Erde und halb im Freien gegenüber, ja, tritt durch das mittlere, in dem die Eingangstüren sind, sogar hindurch.

So sieht man diese Fenster anders, neu. Sie werden nicht sinnvoller, nicht weniger formale Spielerei wie so vieles am Jugendstil, aber man ist ihnen näher. Sie sind die Apotheose des Jugendstilfensters, fast schon vom Gebäude losgelöst, fast schon reine Kunstwerke.

Dieser Bahnhof nun, dieser seltene Jugendstilbahnhof, steht recht eigentlich im Nirgendwo. Einen Ort gibt es hier im engen bewaldeten Tal der Bystřice nicht, bloß ein Hotelareal. Das war auch nie anders, der Bahnhof wurde im Jahre 1908 für das Hotel erbaut. Während dabei das konkrete Gebäude den Gästen eine komfortable Anreise erlaubte, konnte seine modische Jugendstilarchitektur gut zu Werbezwecken eingesetzt werden, was das Entscheidende war.

Seiner absolut marginalen Lage verdankt es der Bahnhof, daß er seit seiner Erbauung fast unverändert ist. Die sozialistische Tschechoslowakei begnügte sich damit, die Beschilderung dem üblichen Corporate Design ihrer Bahnhöfe anzupassen. Vielleicht wurde er auch irgendwann neu gestrichen, aber sicher nicht oft. Der Putz blättert vielfach ab, ist eher gelblich als weiß, auch das Grün der Holzelemente ist oft nur noch zu erahnen. An einer Stelle kam der deutsche Name in einer Jugendstilschrift wieder zum Vorschein: „Grosswasser“ (Hrubá Voda heißt grobes Wasser, was einen interessanten Übersetzungsfehler in die eine oder andere Richtung ahnen läßt).

Bei allem Verfall ist der Bahnhof jedoch noch in ganz normalem Betrieb. Züge halten regelmäßig. Der Bahnhofsvorsteher wohnt mit seiner Familie im zweiten Gebäudeteil. Auch die Toiletten funktionieren: hölzerne Kabinen, runde Öffnungen und abzunehmende Deckel in hölzernen Sitzflächen und eine Rinne vor drei Wänden eines Raums als Pissoir.

Wer an der Toilettenkultur von 1908 interessiert ist, kann sie in Hrubá Voda also betrachten oder benutzen.

Der Bahnhof ist ein Denkmal, was Anfang 2018 auch durch eine Eintragung auf die Liste der národní památky (Nationalen Denkmäler) offiziell anerkannt wurde, aber ein merkwürdig lebendiges. Hier ist eine frühere Zeit nicht bewußt ausgestellt, sondern zufällig konserviert.

Auch das Hotel gibt es in veränderter Form noch. Es heißt Hluboký Dvůr, hat sich auf allerlei Wellness- und Freizeitaktivitäten spezialisiert und vermietet auch Bungalows. Die meisten Gäste erreichen es vermutlich per Auto. Der Kapitalismus einer früheren Zeit hatte einen Jugendstilbahnhof als Aushängeschild eines Hotels an diesen unwahrscheinlichen Ort gesetzt. Es steht abzuwarten, ob der gegenwärtige Kapitalismus irgendwann in der Lage sein wird, dieses Aushängeschild wieder herzurichten, und falls ja, was dann von ihm übrig bleibt. Gegenwärtig jedenfalls herrscht im Bahnhof Hrubá Voda noch immer fast das Jahr 1908.