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Ein geschlossener Schalter

Im Bahnhof Teplice nad Metují in den Bergen im Norden Ostböhmens kann man seit dem 12.6.2011 keine Fahrkarten mehr kaufen. Ein Schild im Fenster des Schalters weist darauf hin und das ist auch sinnvoll, denn der kleine Warteraum sieht nicht anders aus als in ungezählten anderen tschechoslowakischen Bahnhöfen, in denen man nach wie vor Fahrkarten kaufen kann. Der Innenraum ist dabei so unauffällig wie das k.k. Bahnhofsgebäude von außen. Graue quadratische Fließen auf dem Boden, gelbliche Farbe im oberen Teil der Wände und vertikale braune Holzverkleidung im unteren, die sich auch um das etwas niedrigere und etwas vorgesetzte Pult des Schalters fortsetzt.

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In diesem ist mittig die rechteckige Edelstahloberfläche des Drehmechanismus, in den man das Fahrtgeld zu legen hatte, um die Fahrkarte herausgegeben zu bekommen. Im Deckel der Öffnung, die erst etwa oval ist und sich dann nach innen zum Schalter hin verjüngt, steht in großen eingravierten Buchstaben in einer serifenlosen Schrift: „Geschlossen“.

Es steht dort auf deutsch. Beidseits der Öffnung steht kleiner und leicht zu übersehen weiterhin: „Kaufmannwerke *Vohwinkel* D.R.P.“

Es handelt sich somit, wie leicht herauszufinden ist, um ein deutsches Produkt der Firma J.C.F. Kaufmann aus Vohwinkel, die dafür ein Deutsches Reichspatent (D.R.P) hatte.

Nicht leicht zu beantworten ist die Frage, wann dieser patentierte Mechanismus dort eingebaut wurde. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, als die weitgehend deutsch besiedelte Gegend zu Österreich gehörte? In der Zeit zwischen 1918 und 1938, als sie zur Tschechoslowakei gehörte? In der Zeit zwischen 1938 und 1945, als sie als Teil des sogenannten Sudentlands zum indirekt erwähnten Deutschen Reich gehörte? Eine eindeutige Antwort läßt sich nicht geben, aber einiges spricht für die österreichische Zeit, da die ČSD (Tschechoslowakischen Staatsbahnen) zwar vielleicht ein deutsches Produkt, aber eher keines mit ausschließlich deutscher Aufschrift gekauft hätten, da Vohwinkel 1929 Teil des neugegründeten Wuppertal wurde, was vielleicht auch eine Änderung des Firmenschriftzugs nach sich zog, und da das Deutsche Reich nach 1938 wohl eher in Kriegsvorbereitungen als in Provinzbahnhöfe investierte.

Nur im ersten Moment erstaunt, daß das Gerät mit der deutschen Beschriftung sich noch immer dort im Bahnhof befindet. Seine Umgebung veränderte sich sehr. Nach 1945 wurden die Deutschen der Gegend ausgesiedelt und landeten größtenteils in Westdeutschland, vielleicht auch unweit von Wuppertal. Auch die heutige Raumgestaltung stammt offensichtlich aus der Zeit der sozialistischen Tschechoslowakei. Der alte Drehmechanismus wurde also in den neuen Schalter eingebaut. Hier zählte die politische Abneigung gegen das Deutsche offenbar und vernünftigerweise weniger als der Wert eines funktionierenden und beinahe unzerstörbaren Stücks Technik. Und am geöffneten Schalter war die Herkunft des Drehmechanismus auch kaum zu bemerken. Ohne Zweifel kauften dort Generationen von Tschechen und Touristen ihre Fahrkarten, ohne zu ahnen, daß sie dafür ein deutsche Produkt verwendeten. Erst heute, seit dem 12.6.2011, ist der Schalter „Geschlossen“ und seine Geschichte liegt offen da.

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