Archiv für den Monat Juli 2018

Ein Drache über Johannelund

Johannelund ist das größte fortschrittliche Wohngebiet von Linköping und das einzige so klar abgegrenzte, daß es als Satellitenstadt bezeichnet werden könnte, als sehr bescheidene Linköpinger Version einer Satellitenstadt allerdings.

Seine Lage ist perfekt gewählt, denn direkt jenseits des Stångån (Stångflusses) und einiger großer Straßen erstreckt sich das weite Fabrikgelände von Saab. In Linköping ist es der dem Flugzeugbau gewidmete Teil dieses Unternehmens, der mit Saab gemeint ist. Damit daran keine Zweifel bleiben, steht auf einem großen Parkplatz beim Haupttor ein Düsenjäger des Typs Saab 35 Draken auf einer schrägen Stange.

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Wie er dort im Aufstieg Richtung Johannelund und darüber hinaus begriffen scheint, ist er ein fast zu schönes Symbol für den schwedischen Wohlfahrtsstaat: dort die sozialen Errungenschaften, hier die Rüstungsindustrie, durch deren Einnahmen sie ermöglicht wurden.

Gleich dem Fabrikgelände ist Johannelund bandartig angelegt. Die Wohngebäude sind zumeist dreigeschossig und zu offenen Höfen angeordnet, vielfältig in den Formen, oft mit Satteldächern. Oft gibt es große Grünflächen und Öffnungen zum Wald. Nur am äußersten Ende gibt es einige siebengeschossige Gebäude, bevor das Wohngebiet in Einfamilienhäuser und gänzlich ländliche Bereiche übergeht. All das wäre bloß langweiligste und typischste schwedische Architektur der fünfziger, sechziger Jahre, die zudem nicht einmal an den Durchschnitt einer größeren Stadt wie Malmö heranreicht, wenn es nicht Johannelund Centrum gäbe. Wie der Name besagt ist es das Zentrum des Wohngebiets und liegt auch recht zentral in diesem.

Schon von weitem ist es an den vier elfgeschossigen Punkthochhäusern, die es bilden, zu erkennen. Deren Grundriß besteht jeweils aus einem längeren Teil, von dem an einem Ende je drei kurze Teile rechtwinklig in verschiedene Richtungen weisen. Die Erdgeschosse sind verglast oder unter den kurzen Teilen ganz in eckige Stützen aufgelöst. Die Fassaden mit verschiedengroßen Fenstern und Balkonen sind an manchen Seiten weiß, während an anderen graue Streifen und olivgrüne Flächen die Geschoßstruktur betonen.

Das obersten Geschoß schließlich ist weit zurückgesetzt und enthält wohl technische Räumlichkeiten. Die vier etwa im Quadrat stehenden Hochhäuser sind verbunden durch zweigeschossige Ladengebäude, die große Glasflächen und braune Verkleidung haben. Vor ihnen verlaufen schmale Vordächer mit einigen dünnen runden Stützen.

So wird erst eine schmale Ladenstraße und dann quer zu dieser ein größerer rechteckiger Platz gebildet.

Daß dies weit weniger schematisch wirkt als es klingen mag, liegt vor allem an den aufgestützten Teilen der Hochhäuser, die auch die Vordächer unterbrechen. Neben einigen Bänken gibt es auf dem Platz eine etwa erhöhte Fläche mit glattem graugesprenkeltem Steinpflaster, in der Beete und ein runder Brunnen sind. Beim Brunnen ragt in die Fläche eine etwa höhere rechteckige weiße Betonstele hinein und auf ihr ist die kleine Bronzeplastik eines Pferds mit Reiter. Die Zierlichkeit dieses Kunstwerks paßt gut zum geradezu intimen Charakter dieses Platzes.

Während in den Erdgeschossen sonst verschiedene Läden, Restaurants und eine Bibliothek sind, wird das Erdgeschoß des größten Gebäudes, das rechts neben dem Beet an der Breitseite des Platzes steht, von einem Supermarkt eingenommen und sein Obergeschoß von Versammlungsräumen. Eine Wendeltreppe aus Beton in einem runden Glasgehäuse und ein aufgestützter Verbindungstrakt erschließen diese Räume und schaffen zugleich eine Verbindung zum ersten Teil des Schulkomplexes.

Er beginnt ebenfalls zweigeschossig, mit Uhr und aufsteigendem Dach, und beendet dann mit einem weiteren aufgestützten Trakt diese Platzseite. Unter ihm ist der Eingang in den großen unregelmäßigen Schulhof, um den Kolonnaden verlaufen.

Die gesamte zweite Schmalseite des Platzes nimmt ein weiterer, etwa dreigeschossiger Teil der Schule ein, in dem unten links der Eingang und dann ein Fensterband sind, während auf der großen weißen Wandfläche darüber wenige Fensteröffnungen wie spielerisch verteilt sind. Da bietet ein rechteckiges Fenster Einblick zu einer Treppe, hinter einem großen vertikalen ist gewiß ein Saal und schmalere horizontale steigen in flachen Stufen an und fallen wieder ab.

Quer angeschlossen, Teil der zweiten Breitseite, steht die Kirche, ein kleiner Bau aus zwei halbrunden Teilen, einer aus weißgetünchtem Backstein, der andere aus rohem Beton.

Ein niedriges Betonmäuerchen gibt ihm seinen eigenen Raum und der seitlich stehende niedrige offene Glockenturm weist eher in die folgende weite Grünfläche hinaus als zum Platz.

Es ist wirklich ein Zentrum, das hier geschaffen wurde, ein wohlgestalteter und charakteristischer Ort, ein Ensemble, wie es die fortschrittliche Architektur zustandebringen kann. Bloß Zentrum von was? Das umgebende Wohngebiet ist wie erwähnt gänzlich banal. Hat Johannelund Centrum alles, was das Zentrum einer kleinen Stadt braucht, so fehlt Johannelund alles Städtische. Ein wenig steht es wie eine Insel oder ein Fels in einer gleichgültigen Umgebung. Johannelund Centrum tut dabei alles, sich dieser Umgebung zu öffnen. Es ist nie abweisend, immer durchlässig. Wie auch die Anlieferbereiche weder versteckt noch vernachlässigt sind und für ihre Vordächer dieselben Stützen wie um die um den Platz benutzen, ist sogar vorbildlich.

Aber auch seine besten Bemühungen helfen nichts, wenn das Wohngebiet auf sie einfach nicht eingehen kann. So weit aufzusteigen, wie es der Draken (Drache) vor Saab zu verkünden schien, vermag Johannelund nicht.

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Das exklusive Büro

An der Gdańsker Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) zwischen Alchemia und Olivia Business Center, um die Hala Olivia, gibt es viele Büros. Einige werden in der hyperbolischen Sprache der Immobilienbranche sicher aus als exklusiv angepriesen (oder alle?), aber das ist selbstverständlich immer eine Lüge. Auch ein Eckbüro mit Meerblick im zweiunddreißigsten Stock unterscheidet sich von einem im einunddreißigsten eben nicht genug, um wirklich exklusiv, alle Vergleiche und Annäherungen ausschließend zu sein.

Ein einziges Büro in dieser ganzen Bürogegend ist wahrhaft exklusiv. Es befindet sich nicht in einem der neuen gläsernen Gebäude, sondern in einem backsteinernen Stellwerkturm. Er steht dort, wo die Gleise der parallel zur Grunwaldzka verlaufenden Bahntrasse die Kołobrzeska (Kołobrzeger Straße) überbrücken, drei Geschosse, der Schaft fast fensterlos, das obere Geschoß, dessen vorderer Teil sowohl seitlich als auch über die Gleise vorsteht, hingegen mit einem dreiseitigen Fensterband und einem dünnen Vordach als Sonnenschutz.

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Der dunkle Backstein und der Betonboden des oberen Geschosses, die sachlichen kubischen Formen, des Fehlen des Historismus‘ früherer Gebäude dieser Art, aber auch der schwerelosen Leichtigkeit späterer, deuten darauf hin, daß es aus den Fünfzigern sein muß, als die Bahnstrecke zum Rückgrat der Trójmiasto wurde.

Bis vor nicht allzulanger Zeit war in dem Turm noch ein Stellwerk für den nahen Bahnhof Oliwa, dann stand er leer und erst vor kurzem fand er eine neue Nutzung für die Druckerei und Werbeagentur Printstacja. Im Erdgeschoß betreibt sie einen besseren Copyshop und im oberen, zu erreichen über eine Treppe am Bahndamm und eine Tür im zweiten Geschoß, hat sie ihr Büro.

Die Arbeit derer, die dort an ihren Computern sitzen, dient also letztlich den größeren Firmen in den größeren Gebäuden ringsum und unterscheidet sich von der der dortigen Angestellten nicht grundsätzlich.

Vielleicht beachten sie auch die unablässig vorbeifahrenden Züge und die Wartenden auf dem gegenüberliegebenden SKM-Bahnsteig Przymorze-Uniwersytet nicht und vor der Sonne ziehen sie wie alle anderen die Jalousien herunter, aber ein zweites Büro wie ihres gibt es eben nicht.

Ohne besonders hoch zu sein, ist es unerreichbar herausgehoben aus allen anderen Büros der Umgebung. Das ist Exklusivität.

Das Zikkurat von Elbląg

Von weither sieht man im Osten von Elbląg ein großes Schulgebäude aus den Zwanzigern. Es steht auf einem Hügel und hat an den Seiten vier, in der Mitte fünf Geschosse, wobei das Erdgeschoß durch horizontale Streifen als Sockel gestaltet ist. An den Seiten sind die großen vertikalen Fenstern im zweiten Geschoß noch einzeln und in einigem Abstand zueinander angeordnet, um in den obersten Geschossen zu zwei Vierergruppen beidseits eines einzelnen Fensters zusammenzurücken. In der Mitte rahmen solche Viererfenster ab dem zweiten Geschoß einen leicht zurückgesetzten Teil mit langgestreckten Balkonen, die zugleich etwas vorgesetzt sind und seitlich noch auf die Putzflächen neben den Fenstern ausgreifen. Da sie, außer über dem Erdgeschoß, wo die gemauerte Brüstung die Sockelstreifen fortführt, Gittergeländer haben, wirken sie fast nur wie drei horizontale Bänder.

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Nachdem das Gebäude schon von vier auf fünf Geschosse angestiegen ist, folgen in der Mitte über den Balkonen noch drei weitere Geschosse. Auf quadratischem Grundriß, das obere jeweils kleiner als das darunter, steigen sie in drei Stufen an und oben ragt noch ein schlanker Obelisk, der ursprünglich spitzer endete, auf. Diese Krönung des Schulgebäudes ist das Zikkurat von Elbląg. Nur das erste Zikkuratgeschoß enthält normale Räume, von denen man die großen Terrassen auf dem Dach des fünften Geschosses erreicht, während die anderen sich zu den umlaufenden Terrassen auf dem Dach des jeweils unteren und größeren öffnen. In der Mitte des ersten Zikkuratgeschoß ist eine ziffernlose Uhr, die von entsprechend weither zu sehen ist.

An der rechten Schmalseite sind zwei schmale vertikale Fensternbändern vor einem Treppenhaus und rückwärtig schließt hier ein zweigeschossiger Hallentrakt an. Auf der heute stark von Bäumen versteckten Rückseite ist der mittlere Teil leicht vorgesetzt und hat links und rechts wieder je zwei vertikale Fensterbänder vor den Treppen. Fast wirken sie als Treppenhaustürme, da zwischen ihnen im vierten Geschoß eine große Terrasse tief ins Gebäude hineinführt, ein weiterer Teil der Landschaft aus Dachterrassen.

Als wären die erhöhte Lage und das krönende Zikkurat noch nicht genug, führt eine breite Treppenanlage direkt auf die Mitte des Gebäudes zu. Ihren Beginn rahmen unten an der Straße zweigeschossige Wohngebäude mit hohen Walmdächern, die weit konservativer als die Schule wirken, aber mit schräg in die Ecke des zweiten Geschosses gesetzten verglasten Erkern deutlich zu ihr hin weisen.

Mit dieser städtebaulichen Einordnung bekommt die Schule die Funktion einer Taut’schen Stadtkrone. Sie sollte Zentrum und Höhepunkt einer, allerdings nur in Ansätzen errichteten, neuen Stadt sein. Dazu paßt die Zikkuratform, denn Zikkurate waren Mittelpunkte der babylonischen Städte.

Diese Architektur von 1929 ist erstaunlich dadurch, daß sie die Monumentalität, um die ihr offensichtlich zu tun ist, einzig durch die ansteigenden Bauformen und die Lage erreicht. In den Details ist nichts, was diese Monumentalität verstärkt. Es gibt keine unnötig vertikalen Elemente, auch der Eingang ist kaum besonders betont. So sieht man in Elbląg das seltene Beispiel einer Monumentalität, die nicht überwältigt oder einschüchtert, weil sie das nicht will. Von der fortschrittlichsten Architektur ihrer Zeit ist die Schule noch entfernt, die brauchte keine Zikkurate und Stadtkronen mehr, aber sie ist zugleich viel weiter entfernt vom präfaschistischen Backsteinexpressionismus, der sonst in Norddeutschland so stark war. Was für ein wichtiges Werk sie ist, zeigt der Vergleich mit einer anderen Schule in Elbląg aus demselben Jahr, die mit ihrem Backstein, ihren spitzen Giebeln, ihrem ganzen reduzierten Historismus noch aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint.

Für das Zikkurat von Elbląg gilt ganz wie für seine babylonischen Verwandte : gut, daß es es gibt, und gut, daß wir keine Zikkurate mehr bauen.

Doppelte Wallfahrt: Kommunistischer Teil

Die seltene Möglichkeit zu zwei Wallfahrten sehr verschiedener Art bietet sich in Bystřice pod Hostýnem. Nach der ersten, der katholischen, ist die zweite die unkonventionellere: die kommunistische.

Sie beginnt direkt am Bahnhof, wo der gelbe Wanderweg ausgeschildert ist. Dieser Cesta bojovníků za mír (Weg der Kämpfer für den Frieden) ist ein etwa zwanzig Kilometer langer Rundweg durch die Hostýnské vrchy (Hostýner Bergen). Von Bystřice führt er um den Hostýn herum und folgt dann ein längeres Stück weitgehend einer Straße durch die Täler zwischen den bewaldeten Bergen. Nach den touristischen Einrichtungen am Tesák, wo es Restaurants, Kneipen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt, die in ihrer unprätentiösen säkularen Art völlig anders sind als die auf dem Hostýn, geht es gänzlich in den Wald.

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Auf über 850 Metern erreicht der Weg auf dem Jehelník seine höchste Erhebung, was aber, da er zuvor bereits lange zwischen 600 und 800 Metern Höhe verlief, und es dort keine Aussicht gibt, nicht spürbar ist. Von dort geht es wieder zurück und meist hinab gen Bystřice, auf das sich manchmal weite Ausblicke öffnen.

In erster Linie ist der Cesta bojovníků za mír somit ein Wanderweg. Doch nicht nur nebenbei erzählt er die Geschichte der Partisanen, die hier 1944 und 1945 gegen die Deutschen kämpften. Sie sind die namensgebenden bojovníci za mír, Kämpfer für den Frieden. So wie der Weg auf den Hostýn von vielen Marienbildnissen gesäumt war, hat der kommunistische Pilgerweg verschiedene Stationen, die an das Wirken der Partisanen erinnern. Den Anfang macht auch gleich der Bahnhof mit der Gedenktafel für den dort gefallenen Partisanen Jan Marek. Hier wird einem die 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakische Partisanenbrigade „Jan Žižka“)  samt ihrem Symbol, gleichsam ihrem Logo, einem fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub, vorgestellt.

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

Erst tief in den Bergen, am Straßenrand kurz vor dem Tesák, findet sich die nächste Station, das Denkmal für die Partisanin Olga Bardinová. Es besteht aus einem Sockel aus grauem Stein und einem ebensolchen kleinen Obelisken, vor dem ein großes hölzernes Kreuz hängt.

Die Aufschrift auf dem Sockel in erhabenen weißen Buchstaben lautet: „Zde položila život na oltář vlasti partyzánka Olga Bardinová  2.5.1945 Čest její památce!“ (Hier legte die Partisanin Olga Bardinová ihr Leben auf den Altar des Vaterlands 2.5.1945 Ehre ihrem Andenken!).

Kreuz wie Wortwahl zeigen klar, daß es sich um ein Denkmal aus der frühen Nachkriegszeit, von vor dem Siegreichen Februar 1948, der die Kommunisten an die Macht brachte, handeln muß. Aber ganz so eindeutig bürgerlich war es offenbar nicht immer, da über dem Schwarz-Weiß-Photo der jungen Partisanin noch die Reste eines fünfzackigen Sterns zu erkennen sind.

Mitten im Wald, beim Gipfel Čerňava, ist das Denkmal für den Partisanen Ivan Petrovic Stěpanov. Sogar vom Weg sieht man es nicht. Links ist bloß ein Bereich mit vielen mehr oder weniger großen Felsblöcken. Versteckt darin ist an einem der Steine eine einfache Gedenktafel mit den Worten: „Komisař I. čsl. partyzánské brigády „Jana Žizky“ kpt. Ivan Petrovic Stěpanov zde padl 10.4.1945. Na paměť 25. výročí osvobození ČSSR.“ (Der Kommissar der I. tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žizka“ Kapitän Ivan Petrovic Stěpanov fiel hier am 10.4.1945. Zur Erinnerung an den 25. Jahrestag der Befreiung der ČSSR.) Versteckt in den Felsen, vielleicht im Feuergefecht mit den Deutschen, starb der sowjetische Partisan, der zur Unterstützung des tschechischen Widerstands in die Gegend gesandt worden war.

Wo er und seine Genossen wenigstens zeitweise lebten, zeigt die nächste Station des Wegs. „Partizánský bunkr“ (Partisanenbunker) heißt es noch auf der Karte, beim Abzweig aber schon „zemljanka“. Das zweite Wort, eine spezifisch russische Bezeichnung für einen Unterstand in der Erde, paßt besser zu dem, was man weiter unten am Hang findet: einen kleinen rechteckigen Bau aus Holzblöcken, der mehr als zur Hälfte in den Boden versenkt ist und im sichtbaren Teil eine kleine Einstiegsluke hat.

Von der Wehrhaftigkeit eines Bunkers ist da wenig, eher ist es ein Versteck. Außer einem großen Topf und einem kaum mehr lesbaren Metallschild mit Informationen ist weit und breit nur Wald, nunmehr ohne auch nur angedeutete Wege.

Auf dem Jehelník schließlich befindet sich das Denkmal für Ladislav Jaroš. Obwohl es bereits am Bahnhof auf dem Wegweiser genannt war, ist es nicht der Höhepunkt der Cesta bojovníků za mír, sondern bloß eine weitere seiner Stationen. Seine Gestaltung ist sogar eher unschön, ein Sockel aus zusammengeklebten Steinbrocken und einer schrägen glatten Steinplatte mit der Inschrift: „Vzpomeňte bratra Ladislava Jaroše starosty Sokola Holešov, ředitele reál. gymnasia, turisty, lyžaře a milovníka tohoto kraje  Byl zavražděn Němci 18.6.1942 v Brně  Sokol Holešov“ (Gedenkt Bruder Ladislav Jaroš, Direktor des Realgymnasiums, Wanderer, Skifahrer und Freund dieser Region  Er wurde von den Deutschen am 18.6.1942 in Brno ermordet  Sokol Holešov)

Dafür wird hier an jemanden erinnert, der die Gegend selbst als Wanderer, nicht als Partisan kannte, und es entsteht eine Verbindung zwischen der Enge des Walds und der weiteren Welt, da er in Brno ermordet wurde.

Bald darauf verläßt der Weg den Wald wieder. Der Ort Chvalčov, der sich vom Waldrand bis an den Stadtrand von Bystřice erstreckt, gibt es vor allem viele kleinere religiöse Denkmäler. Gleich das erste von ihnen, ein Kruzifix neben einer winzigen Kapelle aus den dreißiger Jahren, trägt jedoch die Zahl 1945 und die Inschrift: „K té svobodě osvobodil nás Kristus. Stůjte pevně tedy a nepodávejte se opět pode jho služebnost. Z epištoly sv. Pavla ke Gal.“ (Zu dieser Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und begebt euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft. Aus der Epistel des hl. Paulus an die Gal. [Galater 5.1]).

Es ist ein überraschendes und zwiespältiges Denkmal. Der gar nicht würdevoll, sondern einfach tot an seinem Kreuz hängende Jesus ist künstlerisch durchaus gelungen, mehr jedenfalls als alles auf dem Hostýn, aber die Aussage ist recht gewagt, insbesondere angesichts der Tatsache, daß in der nahen Slowakei ein katholischer Priester als Staatschef die Kollaboration mit den Deutschen übernommen hatte.

Im weiteren Verlauf von Chvalčov erinnert ein kleines Denkmal auf der großen Wiese vor der Grundschule wieder an die Partisanen, nun wieder mit dem vom Bahnhof bekannten Logo.

„Zur Erinnerung an die gefallenen Mitglieder der I. tschl. Partisanenbrigade ‚Jan Žižka‘ 1939-1945“

Es folgt noch eine Gedenktafel an einem Haus an der Grenze zu Bystřice.

Es sieht nicht anders aus als all die anderen dörflich-vorstädtischen Häuser, aber „Na těchto místech položili svůj život za nás a naši svobodu rotný Jan Bučák  vojín R.A. Peter Ivanovič  partyzán Josef Borák  5.5.1945“ (An diesem Ort gaben ihr Leben für uns und unsere Freiheit Korporal Jan Bučák  Soldat der Roten Armee Peter Ivanovič  Partisan Josef Borák  5.5.1945).

Die Erinnerung an diese Opfer von Kämpfen in den letzten Tagen des Kriegs ist zugleich die letzte Station des Wegs.

Ob die Wallfahrt auf dem Cesta bojovníků za mír lohnt, ist  nicht einfach zu beantworten. Man erlebt auf ihr die ganze Breite des Widerstands gegen die Deutschen. Obwohl die kommunistisch geführten und von der Sowjetunion mit Ausrüstung und Personal unterstützten Partisanen im Vordergrund stehen, kommt auch das bürgerliche Sokol-Mitglied nicht zu kurz. Und neben der Partisanin, für die oder deren Angehörige roter Stern und Kreuz keinen Widerspruch darstellten, findet man sogar einen Versuch des Katholizismus, sich zur Befreiung vom Faschismus zu positionieren. Der Höhepunkt der Wallfahrt ist jedoch auch ihr Ausgangs- und Endpunkt: der Bahnhof, der als funktionale Kapelle für den Partisanen Jan Marek verstanden werden kann. An ihn zu glauben, ist nicht schwer, da es ihn wirklich gab, und auch sonst bleibt die Schönheit der Architektur. Eine kommunistische Wallfahrt kann man also ebensogut mit dem Zug unternehmen.

Liebenserklärungen an Bänke(n)

Manchmal findet man auf Bänken kleine Plaketten mit Widmungen. Meist sind es Liebeserklärungen älterer Menschen an ihre Partner. Mögen die gewählten Wort auch trivial bis kitschig sein, so ist die Verbindung von etwas offenkundig Nützlichem wie einer Bank mit einer romantischen Geste doch hübsch. Wenn dann, wie an einer Bank im Gdańsker Park Oliwski (Oliwaer Park), der Text doch einmal interessanter ist oder die Bank am Lieblingsort einer genannten Person steht, kommt zum Ausblick, den man sitzend hat, noch ein kleiner Einblick in ein fremdes Leben.

„Dem Schmetterling, zur Erinnerung an gemeinsame Reisen und das Überschreiten vieler Grenzen. Danke!“

Und wenn, wie in den Dünen bei Schoorl im Norden Hollands, auf einer Bank nicht nur eine Plakette ist, sondern durch ein kreisrundes Loch an ihrem Rande noch ein Baum wächst, entsteht vielleicht so etwas wie Kunst und sicher ein schöner neuer Ort als Erinnerung an „Pim Zwart (1946-2015)“.

Eine andere Art von Plakette findet sich an einer Bank in einer stillen Allee am Rande von Oliwa, wo es schon beinahe in die Hügel übergangen ist.

Sie informiert neben dem Stadtwappen und dem Schriftzug des Straßen- und Grünflächenamts darüber, daß die Bank 2017 für 947,10 Złoty (223,31 Euro nach dem Kurs vom 1.8.2017) gekauft wurde.

Das ist etwas prosaischer als die romantischen Bankplaketten, aber in ein paar tausend Jahren wird es für unsere Nachfahren vielleicht so interessant sein wie für uns Keilschrifttexte über Kaufverträge, interessanter vielleicht noch als die Liebeserklärungen. In Anbetracht dessen hätte die Stadt die Plakette prominent vorne statt verschämt hinten anbringen sollen.

Doppelte Wallfahrt: Katholischer Teil

Die seltene Möglichkeit zu zwei Wallfahrten sehr verschiedener Art bietet sich in Bystřice pod Hostýnem. Die erste ist die konventionellere, katholische.

Wenn man sich der Stadt nähert, sieht man auf einem der niedrigen Berge einen riesigen Kuppelbau mit zwei Türmen. Der erste Gedanke ist selbstverständlich, daß es sich um eine Wallfahrtskirche handeln muß und, obwohl das Grau dieses Gebäudes und ein nahes Windrad kurz an ein unkonventionell plaziertes Kraftwerk denken lassen, ist der erste Gedanke richtig: es ist die Kirche Nanebevzetí Panny Marie (Mariä Himmelfahrt) und der Berg ist der Hostýn, an (wörtlich: unter) dem Bystřice liegt.

Am Bahnhof sind die Gedanken an Kirchen und katholische Wallfahrten erst einmal fern. Auch im Stadtzentrum ändert sich das kaum; der Hostýn oder seine Kirche sind von hier nicht zu sehen. Bloß auf dem Sockel der Johannes von Nepomuk-Statue neben der Stadtkirche ist ein eigenartiges Relief: es zeigt eine Maria mit einem Jesuskind im Arm, das mit der ausgestreckten Hand Blitze auf die Umgebung herunterschießt.

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Das, wird man später herausfinden, ist die Maria, die auf dem Hostýn verehrt wird.

Hinauf auf den Berg führen der blaue und der rote Wanderweg. Man passiert noch einige Darstellungen der nämlichen Maria, die allesamt neuer und kitschiger sind. Nach den letzten Häusern folgt Wald, die Wege werden steiler und beschwerlicher als man das beim nur 734 Meter hohen Hostýn erwarten würde, aber so muß das vielleicht sein. Denn was ist eine Wallfahrt, wenn nicht ein anstrengender Weg zu einem Ort, der einen in seinem Glauben bestärkt? Zuerst erreicht man die kleine barocke Vodní kaple (Wasserkapelle), dann, endlich, hat man am Ende einer langen Treppe die große Kirche vor sich.

Man befindet sich nun in einer Parallelwelt des tschechischen Katholizismus.

Bemerkenswert ist, wie wenig hier bemerkenswert ist. Die Kirche ist selbstverständlich barocken Ursprungs, hat ihre heutigen Formen, vor allem das große Marienmosaik über dem Eingang, jedoch aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert.

Weniger Jugendstil als leblosester Historismus prägen alles, wobei die Skulpturen sogar noch ein wenig schlechter als das Mosaik sind. Als der tschechische Katholizismus das gestaltete, war er offensichtlich schon im Abstieg. Er konnte keine wirklich großen Künstler mehr für sich gewinnen und wenn er es gekonnt hätte, hätte er sie nicht gewollt.

Um die Wiesen links der Kirche im Schatten des Windrads gibt es gleich zwei Kreuzwege.

Während der eine neobarock ist, hat der zweite in einem eigentümlichen Stil, der durch die Verwendung von bunt bemaltem Holz an die Kunst nordamerikanischer Ureinwohner erinnert.

In einem letzten Aufbäumen des Katholizismus wurde die große Treppe zur Kirche in den frühen Fünfzigern von Studenten des Olomoucer Priesterseminars neu errichtet. Man kann sich vorstellen, wie sie im Aufbaufieber der Zeit zeigen wollten, daß auch sie, nicht nur die Kommunisten, anpacken können. Aber das sie das zeigen wollten, zeigte nur, daß sie verloren hatten.

Heute ist der Katholizismus in Tschechien eine eher marginale Subkultur. Die geringe Bedeutung von organisierter Religion in dem Land verleitet manche dazu, es atheistisch zu nennen, doch das ist leider keineswegs wahr. An die Stelle des Christentums traten bloß allerlei esoterische Gruppierungen, die das Bedürfnis nach Aberglauben auf unkonventionellere Art stillen. Es bleibt abzuwarten, ob die Kirchenrestitution, in der die tschechische Regierung der katholischen Kirche eine Unmenge zuvor verstaatlichter Immobilien schenkte, zu einem Wiedererstarken des Katholizismus führen wird. Das große Poutní dům (Pilgerheim) vermag er immerhin noch zu füllen und auch in den vielen beidseits der Treppe angeordneten Ladenbuden mag manchmal mehr als nur die obligatorische Kneipe geöffnet sein.

In Ermangelung irgendwelcher künstlerisch oder architektonisch wertvollen Element lohnt eine Wallfahrt auf den Hostýn letztlich nur, wenn man an eine Maria mit blitzewerfendem Jesus glauben kann oder eine billige Übernachtungsmöglichkeit sucht. Aber Bystřice bietet eben noch die Möglichkeit zu einer zweiten Wallfahrt: einer kommunistischen.