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Der Papst im Kajak

Was man in Polen bald erfährt, ist die große Wertschätzung für den Papst. Papst, papież, das ist hier kein Amt mit wechselnden Inhabern, sondern eine Person: Jan Paweł II, Johannes Paul II., Karol Wojtyła. Die Wertschätzung für ihn ist nicht nur staatsoffiziell, sondern umfaßt weiter Teile der Gesellschaft. Auch unter weltoffenen, sogar nicht-religiösen jüngeren Menschen sollte man mit abfälligen Bemerkungen oder Scherzen über den Papst vorsichtig sein, wobei es andererseits auch eine ganze Internetsubkultur, die gerade mehr oder weniger herabwürdigenden Scherzen über den Papst gewidmet ist, gibt.

Zeugnisse der Verehrung des Papstes findet man im öffentlichen Raum ständig. Kaum ein Ort ohne Straßen, Plätze, Brücken, die nach ihm benannt sind, und wenn man nicht mehr als ein Denkmal für ihn findet, hält man sich wohl in einem Hort des Säkularismus auf. Das Jan-Paweł-II-Denkmal ist im heutigen Polen denn eine Kunstgattung für sich, die teils gelungene, teils mißlungene und teils nachgerade bizarre Ausformungen hat. Selten sieht man ein Papstdenkmal, das überrascht, denn trotz unterschiedlichsten Formen bleiben sie schematisch. Das allein gibt dem folgenden Beispiel aus dem Städtchen Łobez im ländlichen Nordwesten des Landes einen gewissen Wert.

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Im hübschen Park am Ufer des Flusses Rega steht ein Findling auf einem runden Sockel aus grauen Steinen und auf diesem ist eine rote steinerne Tafel mit dem Umriß Polens und einer Inschrift.

Man liest, daß der Stein 2012 zum fünfzigsten Jubiläum einer Kajaktour die Rega entlang zum Meer, die der damalige Krakówer Bischof Wojtyła 1962 mit einer Jugendgruppe unternommen hatte, aufgestellt wurde. Nun erkennt man in der polnischen Karte links oben auch Łobez und den Verlauf der Rega. Das gewählte Papstzitat „Wenn du die Quelle finden willst, mußt du in die Berge gehen, gegen den Strom. Kämpfe dich hindurch, suche, weiche nicht zurück“, wirkt angesichts einer Kajakfahrt durch völlig flaches Land und mit der Strömung zum Meer etwas unpassend, beinahe schon sarkastisch, aber das ist ja eher etwas Gutes. Zwei große Informationstafeln am Weg erzählen weiterhin äußerst detailliert von dem Ausflug und zeigen auch ein Bild des Papstes im Kajak.

Es gibt guten Grund, diese Art von Personenkult lächerlich zu finden, aber anders als so viele andere Papstdenkmäler stellt dieses immerhin einen Bezug zwischen der Person Karol Wojtyła und dem Ort Łobez her. Das Denkmal illustriert auch, daß der Möglichkeiten für Gedenkorte wirklich kaum Grenzen gesetzt sind, wenn man jedes kleinste Ereignis im Leben einer Persönlichkeit als erinnerungswürdig definiert. Daß nicht gerade diese Person das verdient hat, steht außer Frage, und daß es keine verdient hat, ließe sich gut argumentieren, aber die Verbindung von kleinen Lebensereignissen mit dem Gedenken an große Menschen ist ein interessanter Ansatz für die Denkmalgestaltung. Und für Łobez wie für überall gilt: der Papst im Kajak ist besser als der Papst im Vatikan.

Ein Ausschnitt aus dem Schild: „Pfarrer Karol Wojtyła („Onkel“) konnte mit seiner Begeisterung für aktive Freizeitgestaltung auch junge Leute anstecken. Die Ferienzeit widmeten sie gemeinsam dem Wandern, Zelten, Gesang am Lagerfeuer und auch dem Gebet, der Meditation, Gesprächen und der Hl. Messe.
Pfarrer Karol war ein begeisterter Kajakfahrer. Die erste Fahrt mit Seiner Beteiligung geschah im Jahre 1953 auf dem Fluß Brda. Danach unternahm er mit seinem Kajak, genannt „Gummistiefel“, 25 Fahrten auf schönen polnischen Flüssen.
Im Jahre 1962 fuhr Bischof Karol Wojtyła zusammen mit der Krakówer Jugendgruppe „Środowisko“ („Umwelt“) auf dem Fluß Rega von Świdwin über Łobez zur Ostsee.“