Archiv der Kategorie: Bergen (Noord-Holland)

Ferne Tote

Daß in einem großen Krieg wie dem zweiten Weltkrieg Soldaten fern ihrer Herkunftsländer sterben, das weiß man, das gehört zu einem solchen Krieg. Dennoch ist es noch einmal etwas anderes, an unerwarteten Orten daran erinnert zu werden. Noch faszinierender ist es, wenn die Toten keine Soldaten aus den großen kriegsführenden Staaten waren, die eben dort starben, wo deren Armeen kämpften, sondern solche, die erst ungewöhnlichere komplizierte Schicksale in die Armeen, für die die sie kämpften und starben, geführt hatte.

Auf einem alliierten Friedhof in Nordholland, etwa diesem in Bergen, erwartet man die vielen britischen, kanadischen, australischen und neuseeländischen Gräber.

Doch dazu finden sich auch oft polnische

und manchmal tschechoslowakische.

Mitten im gefühlten Westen ist da der gefühlte Osten, der dort scheinbar so gar nicht hingehört. Die polnischen Adler und tschechoslowakischen Löwen auf den schlichten weißen Steinen in Bergen sind eine Erinnerung an den Beitrag, den Piloten und Flugzeugbesatzungen aus diesen Ländern vom Westen her, mit der britischen Armee kämpfend, im Krieg gegen Deutschland erbrachten.

Im Osten kämpften polnische und tschechoslowakische Truppen an der Seite der sowjetischen Armee, wie ein Denkmal in Gdynia erinnert. Im Vorort Orłowo, abseits der durch die ganze Trójmiasto führenden großen Straße, die hier Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) heißt, bildet der rechteckige Stein mit Bronzetafel den Mittelpunkt einer kleinen Grünanlage.

Daß hier am 27.3.1945 bei der Befreiung von Gdynia drei Soldaten der polnischen 1. Panzerbrigade „Helden der Westerplatte“ fielen, wäre nur halb so interessant, wenn nicht der erstgenannte Petko Tanczew ein Bulgare wäre, weshalb unter dem Adler und dem fünfzackigen Stern auch eine bulgarische Inschrift folgt. Was Петко Танчев ochotnik, доъроволец, Freiwilligen werden ließ und wieso er der polnischen Brigade zugeordnet wurde, läßt sich wohl nur noch schwer herausfinden. In Gdynia war bis vor einigen Jahren auch noch eine Schule nach ihm benannt. Heute ist die Gedenktafel, so fern vom Schwarzen Meer und so nah an der Ostsee, eine von eher wenigen bulgarischen Spuren in der Trójmiasto.

An einen Kämpfer nicht an der Seite, sondern in der sowjetischen Armee erinnert eine Gedenktafel am Kulturhaus des ostslowakischen Dörfchens Kladzany.

Sein Name war Hans Jahn und er war, wie zu lesen ist, deutscher Antifaschist in den Reihen der roten Armee, der bei der Befreiung von Kladzany kämpfte und fiel.

Laut den verfügbaren Daten war er ein Wehrmachtssoldat, der zur sowjetischen Armee übergelaufen war und bei Kladzany starb, vielleicht, während er einen anderen rettete. Daß er nicht vergessen ist, verdankt sich der DDR, die das in Dessau stationierte Funkaufklärungsregiment „Hans Jahn“ nach ihm benannte, und dessen Soldaten, die mehr über ihren Namenspatron herausfinden wollten. Die 1979 angebrachte Tafel war somit eine freundliche Geste der Tschechoslowakei an die befreundete DDR, eine Erinnerung an die anderen Deutschen, die es erstaunlicherweise gab. In Kladzany ist Hans Jahn dadurch nicht ganz vergessen und erst Ende letzten Jahres führte das örtliche Laientheater ein Stück über ihn auf.

Was diese drei Beispiele, drei von sicher unzähligen, unter denen ebenso sicher noch weit eigentümlichere sind, zeigen, ist, daß der zweite Weltkrieg auch deshalb so genannt wird, weil in ihm alles zusammenhing. Polnische und tschechoslowakische Flieger in Holland, ein bulgarischer Freiwilliger an der polnischen Ostsee, ein deutscher Rotarmist in der slowakischen Provinz – das sagt viel über den zweiten Weltkrieg.

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Architektur der falschen Bescheidenheit

Bei Schoorl in Nordholland steht ein Haus, das aussieht, als wäre es nur gebaut worden, um in Architekturzeitschriften abgebildet zu werden.

HausSchoorl2

Es wirkt sehr bescheiden. Sein oberer Teil ist großflächig verglast wie einige berühmte Villen der Fünfziger, sein Sheddach erinnert gar an ein an Fabrikgebäude. Doch dieser gesamte obere Teil ist nur eine verschwenderisch große Wohnküche. Alle übrigen Räume befinden sich darunter in einem bunkerartig grasbewachsenen Sockelgeschoß, das sich mit einer Fensterfront zu einem großen Feld öffnet.

HausSchoorl1

Scheinbar könnte dieses Gebäude überall stehen, scheinbar hat es nichts spezifisch Niederländisches an sich. Doch wiewohl ihm jegliche Bezüge auf überkommene Zierformen fehlen, hat es viel mit traditionellen niederländischen Stadthäusern gemein. Diese haben ein großfenstriges, von der Straße gut einsehbares Erdgeschoß und darüber die übrigen Räume; hier ist es umgekehrt.

Zudem ist es ist ein Gebäude, das seine Größe versteckt und das sich bescheiden gibt. Auch das macht es zu einem sehr niederländischen Gebäude.

Geringe Größe, Bescheidenheit sind typische Merkmale überkommener niederländischer Häuser. In der mittelalterlichen Enge der Städte war das kaum anders möglich. Auf dem Land entstanden zwar größere Häuser, etwa die typischen nordholländischen Bauernhäuser mit großem quadratischen Grundriß und hohem, ursprünglich reedgedecktem Zeltdach,

BauernhausSchoorl

aber ihre Größe relativiert sich sehr, wenn man überlegt, daß sie nicht nur dem Wohnen mehrerer Generationen einer Familie, sondern auch noch als Stall und Lagerraum dienten. Auch als sich die alten Städte im 19. Jahrhundert vergrößerten, blieben die meisten der nun entstehenden Reihenhäuser klein und bescheiden, soziale Unterschiede lassen sich nur schwer auszmachen.

Es gab eine kurze Zeit, in der die niederländische Architektur auf ihre traditionelle Bescheidenheit verzichtete. Weder die historistische Backsteinvilla von circa 1900

VillaBergen

noch die sachlich-weiße Villa von 1932, beide in Bergen,

DokterswoningBergenDorpstraat

bemühen sich im geringsten bescheiden zu sein oder zu wirken. Sie zeigen durch ihre Größe im Gegenteil deutlich den sozialen Status ihrer Bewohner.

Lange währte dieses Phase der Ehrlichkeit in der niederländischen Architektur nicht. Mindestens seit 1945 ist sie bestimmt von vorgeblich egalitären Reihenhäusern und einzelnen darüber hinausgehenden Wohngebieten. Doch auch die Häuser der Reichen bemühen sich, ihre Größe möglichst zu verbergen. Dazu werden unter schräge Dächer drei, vier Geschosse untergebracht

VillaReedBergen

oder rustikal-ökologisch anmutende Ferienhäuschen bekommen riesige, aufwendig in den Poldersand gegrabene Kellergeschosse.

FerienhäuserSchoorl

Das eingangs beschriebene Gebäude ist nichts anderes als die, architektonisch sicherlich anspruchvollere, Fortsetzung dieser Entwicklung. Es ist Ausdruck einer Architektur der falschen Bescheidenheit.

Hochhäuser in Bergen

Was ein Berg ist und was ein Hochhaus ist, hängt immer von den Verhältnissen ab. Der nordholländische Ort Bergen hat seinen Namen wegen der bis zu vierzig, fünfzig Meter hohen Dünen, die ihn vom Meer trennen, da es weit und breit nichts Höheres gibt. Genauso ist in Bergen ein viereinhalbgeschossiges Punkthaus schon ein Hochhaus, weil es weit und breit nichts Höheres gibt.

HochhausBergenDeNegenNessen

Bergens Hochhäuser sind ganz einfach aufgebaut: in der Mitte die Treppenhäuser und Aufzüge, die Seitenwände der daran anschließenden vier- und viereinhalbgeschossigen Teile aus rotem Backstein, die Vorderseiten aus Fensterbändern und horizontalen blauen Holzflächen. Je vier von ihnen stehen in weiten Abständen an der Churchilllaan (Churchillallee) und der Schumanlaan (Schumanallee) und rahmen so das interessanteste Wohngebiet des Orts: De Negen Nessen ( Die Neun Landzungen).

Bei jedem der Hochhäuser beginnt eine Stichstraße, die bald mit einem tropfenförmigen Wendekreis endet, weshalb sie die Bezeichnung nes (Landzunge) trägt. An den Straßen stehen die Häuser, die den Hauptteil des Wohngebiets ausmachen.

DeNegenNessenBergenAnger

Alle sind zweigeschossig und bestehen ähnlich den Hochhäusern aus Backsteinwänden, bei manchen rot, bei manchen gelb, und Fensterbändern mit Holzflächen. Mal sind sie fast würfelförmige Einzelhäuser, mal längere Doppelhäuser. Verbunden sind sie durch flache Trakte mit Satteldach, in denen die Küchen und teils auch Garagen sind. Auffällig ist, wie verschwenderisch in dem Wohngebiet mit dem Raum umgegangen wurde.

DeNegenNessenBergenHäuser

Beidseits der Stichstraßen sind breite öffentliche Grünflächen, hinter denen die Häuser weit zurückgesetzt sind, und in der Mitte des Wendekreises ist eine große Grünfläche, die einem Anger gleicht. Die privaten Gärten der Häuser sind dagegen eher klein. Obwohl das Wohngebiet völlig repetitiv aufgebaut ist, gleicht dank der je unterschiedlichen Vegetation, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat, keiner dieser Straßenbereiche dem anderen.

DeNegenNessenBergenAnger2

In der Mitte des Wohngebiets verlaufen zwei parallele Kanäle, die dann durch einen weiteren verbunden sind. Umgeben vom Wasser ist der neunte, der Monnet-Nes, der als einziger nicht von Churchill- oder Schumanlaan, sondern vom quer dazu verlaufenden Landweg erschlossen ist und als einziger wirklich eine Art Landzunge bildet. Die Häuser hier haben exklusive Wasserzugänge.

DeNegenNessenWasser

Die städtebauliche Struktur entspricht also auch einer subtilen sozialen Differenzierung: außen die Hochhäuser, dann die normalen Häuser und in der Mitte die teuersten Häuser mit den Wassergrundstücken. Doch an den anderen Ufern der Kanäle und am verbindenden Kanal sind öffentliche Wege mit Grünflächen und Bänken. Es handelt sich eben um sozialstaatliche Stadtplanung der Sechziger: De Negen Nessen wurden ab 1967 sowohl für Einheimische, aber vor allem auch für die ausländischen Mitarbeiter des EURATOM-Forschungsreaktors im nahen Petten errichtet. Das erklärt, wieso die Straßen nach Politikern und sonstigen Persönlichkeiten benannt sind, die für die westeuropäische Einigung in der Nachkriegszeit wichtig waren und zur Bauzeit interessanterweise größtenteils noch lebten (neben Winston Churchill, Robert Schuman und Jean Monnet auch Gustav Stresemann, Paul-Henri Spaak, Walter Hallstein, Joseph Bech, Denis de Rougemont, Sicco Mansholt, vermutlich Christopher Dawson und Romano Guardini).

Entsprechend seiner Lage zwischen dem Landweg, einer großen Straße, die die inneren und äußeren Teile des Orts trennt, und der offenen Polderlandschaft ist das Wohngebiet ein Bereich, in dem Landschaft und Stadt in eins fließen, eine Art Pufferzone, die deren Aufeinandertreffen weniger abrupt macht. Entlang des Landwegs selbst sind heute abgesperrte Brachflächen. Früher war hier ein Supermarkt, eine Art Zentrum des Wohngebiet. Auf der anderen Seite der Churchilllaan, sind zudem einige andere wichtige Einrichtungen des wachsenden Bergen: die Europese School (Europäische Schule), das Hallenbad und der schon ältere Friedhof.

Für sich genommen ist das Wohngebiet De Negen Nessen nicht viel, aber für Bergen schon. Die Erweiterung des Orts über sein altes dörfliches Zentrum hinaus verlief nämlich ansonsten fast ausschließlich mittels eines einzigen Gebäudetyps: das zweigeschossige Reihenhaus. Die meisten sind aus Backstein und haben Satteldächer, die meisten sind durchaus funktional, die meisten haben durchaus auch öffentliche Grünflächen. Aber das Reihenhaus bleibt doch ein Gebäudetyp aus dem 19. Jahrhundert. Das Wohngebiet ist dank seiner Größe und Großzügigkeit, seinen locker verteilten, von den Straßen gänzlich losgelösten Häusern und nicht zuletzt seinen Hochhäusern immerhin ein Gegenentwurf, oder der Ansatz eines Gegenentwurfs, dazu. Alles hängt eben von den Verhältnissen ab.

Doktorenvilla Bergen

Inmitten des alten Bergen, nicht weit von Kirche und Platz, steht eine Villa, die schon durch ihren weißen Putz ihre radikale Geschiedenheit von den rotbacksteinernen Häusern ringsum erklärt.

DokterswoningBergenDorpstraat

Zur Dorpstraat (Dorfstraße) hin hat sie hinter einem niedrigen Mäuerchen mit zwei kleinen Toren einen zweigeschossigen Bauteil mit großen, bandartigen Fenstern im Erdgeschoß und nur schmalen horizontalen Fensterschlitzen im oberen Teil des Obergeschosses. Nach links schließt ein dünnes Vordach und ein Eingangsbereich an einen etwas kürzeren dreigeschossigen Bauteil an, der um kaum mehr als die Breite der Tür näher an der Straße steht. Rechts überspannt ein vertikales Fensterband mit bunten Glasmalereien, hinter dem offenkundig die Treppe nach oben führt, alle drei Geschosse, während links viel bloße Wandfläche und nur im Erdgeschoß ein Fenster ist.

DokterswoningBergenSintAntoniusstraat

Zur querenden Sint Antoniusstraat (Sankt-Anton-Straße) hin kommt zur kubischen Form des dreigeschossigen Bauteils, der hier im ersten und zweiten Geschoß Fenster hat, das Halbrund einer links daneben über einer Terrasse schwebenden Balkonbrüstung, das dem Schwung des Mäuerchen an der Straßenecke, mit dem das recht große Grundstück abgeschlossen ist, entspricht. Treppen führen auf den Balkon und weiter auf die Dachterrasse auf dem zweigeschossigen Bauteil, die schon von der Dorpstraat zu erahnen gewesen war.

DokterswoningBergenGartenseite

Auf der Gartenseite dann verläuft der Balkon über die gesamte Länge des Gebäudes vor dem zweiten Geschoß und die Räume öffnen sich zu ihm wie sie sich im Erdgeschoß zum Garten öffnen. Rechts hinter dem zweigeschossigen Bauteil schließt sich außerdem ein langer flacher Bauteil an, der seitlich eine eigene Tür hat, zu der das zweite der Gartentore führt – hier waren die Praxisräume des Arztes, dem 1932 diese Villa erbaut wurde.

Die Doktorenvilla ist ein Kleinod, vielleicht die schönste der Villen des Ortes, in der Ausgewogenheit ihrer Proportionen und Funktionen weit mehr als bloßer Bauhausstil. Überraschen sollte sie hier in der nordholländischen Provinz aber nicht. Denn Bergen, am Rande der zum Meer führenden Dünen gelegen und nicht allzuweit von Amsterdam, war ab Ende des 19. Jahrhundert zu einem Ort des gehobenen Tourismus geworden, in dem das städtische Großbürgertum seine Ferienvillen baute. Zuerst hatten sie noch monumentale historistische Formen, doch bereits während des ersten Weltkriegs entstand auch die Villenkolonie Meerwijk (Seeviertel). Ihre Gebäude verbinden traditionelle lokale Elemente wie das Reetdach mit einer von Van der Felde beeinflußten Expressivität. Mit ihren komplizierten, vielfach geschwungenen und abgeschrägten Formen bekommen sie, wie es sich auch in Namen wie „De Ark“ (Die Arche) ausdrückt, meist eine Schiffsymbolik.

DeBarkMeerwijkBergen

Das ist so faszinierend wie offenkundig bizarr, denn wenig ist trauriger als ein Schiff auf dem Trockenen. Meerwijk will eine Flotte sein, ist aber ein Schiffsfriedhof, es will die niederländische Seemacht und Tradition zelebrieren, kündet aber von deren baldigem Niedergang. Es will ein Weg fort von der historistischen Architektur sein und ist es auch, aber es ist ein Irrweg. Von diesem, der sogenannten Amsterdamer Schule, sollte sich die niederländische oder jedenfalls die Amsterdamer Architektur in der gesamten Zwischenkriegszeit kaum mehr erholen.

Für Bergen ist die Doktorenvilla daher zweierlei: einerseits die Ankunft der neuesten Architekturmode in einem architekturmodebewußten Ort, aber andererseits auch ein wertvolles Gegengewicht zur Amsterdamer Schule. All die Symbolik, all das kleinlich Niederländische, weicht einer funktionalen weißen Klarheit wie sie zur selben Zeit auch in anderen avancierten Industrieländern den Weg für wahrlich Neues freiräumte.

Bergens Zentrum

Der Ort Bergen im Norden von Holland hat ein doppeltes Zentrum. Es gibt zum einen das alte Zentrum, dessen Mittelpunkt eine gotische Kirche bildet. Sie war einst recht groß, doch seit ihrer Zerstörung durch protestantische Geuzen im Kampf gegen die katholischen Spanier im Jahre 1574 besteht sie zu mehr als der Hälfte nur noch aus den Außenmauern mit ihren backsteinernen Spitzbögen.

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Der verbleibende Teil der sogenannten Ruïnekerk (Ruinenkirche) hat in der Dachmitte ein Türmchen mit offenem Glockenspiel und einer für die niederländischen Sakralarchitektur typischen Haube, die eine Zwiebelform nur aus gebogenen Streben bildet. Um die Kirche ist eine Wiese, die früher der Friedhof war, und darum ein rechteckiger Platz mit kleinen, mehr oder weniger alten Backsteinhäuschen. Bloß das passend benannte bereits beinahe klassizistische „Huis met de pilaren“ (Haus mit den Pfeilern) von 1787 sticht aus dieser Bebauung heraus.

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Das ist der Kern des alten Dorfs Bergen.

Von der nordwestlichen Ecke des Platzes blickt man schon ins nahe neue Zentrum. Es nimmt eine Straßenecke ein und besteht nur aus einem einzigen Gebäudekomplex sowie dem Raum um diesen.

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Über dem Plein (Platz), wie er einfach heißt, ist ein zweigeschossiges Wohngebäude aufgestützt. Es beginnt an der Breelaan mit einer Schmalseite aus rötlichem Backstein und erstreckt sich auf schlichten quadratischen Stützen nach rechts. Vor der Schmalseite ist eine freistehende Betontreppe, die zu einem vorgesetzten Balkon auf der von der Straßenecke abgewandten Seite, von dem die Wohnungen erschlossen werden, führt. An dieser Seite besteht das erste Geschoß aus Holzverkleidung und Glas und das zweite aus Backstein mit Fenstern, die oben durch schmale horizontale Fensterschlitze verbunden sind.

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An der anderen Seite ist das erste Geschoß über der Betonfläche des Bodens völlig verglast, da auch die Balkonbrüstungen fast nur aus Glas bestehen, während das zweite weißgekachelte Balkonbrüstungen hat. Als markante vertikale Gliederung wirken hier die Backsteinwände, die die Wohnungen trennen.

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So ist der Plein in zwei Teile geteilt, aber doch ein Ganzes, da das Gebäude nicht als Hindernis, sondern als Durchgang wirkt.

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Kurz nach der Treppe steht quer zwischen den Stützen ein stark verglaster Flachbau, in dem früher das Fremdenverkehrsbüro VVV war. Erst bei seinem anderen Ende hat das Wohngebäude auch ein Erdgeschoß. Hier beginnt quer eine Ladenzeile mit breitem, von dünnen Stahlstützen getragenem Vordach.

BakemaflatBergenNHVordach

Dieses Vordach schließt an einen Restaurantpavillon an, wodurch der Platz an der Ecke auch zu dieser Seite einen durchlässigen Abschluß bekommt. Die weitere Ladenzeile, erst parallel zur Straße, dann wieder quer und schließlich, nun nah bei ihr, noch etwas weiter parallel, wird so zu einer Art Boulevard, der aus dem Platz entspringt. Das ist das Zentrum des heutigen, vom Tourismus geprägten Bergen.

Der so markante wie schlichte Gebäudekomplex, 1958 erbaut und nach seinem Architekten Jaap Bakema manchmal Bakemaflat (Bakema-Wohngebäude) genannt, ist für das neue Zentrum das, was die Ruïnekerk für das alte ist. Doch anders als sie bleibt er gänzlich allein. Schon in der nächsten Umgebung ist nichts, was seinem Anspruch auf eine neue, geplante Stadtstruktur nahe käme, dort stehen nur beliebige Wohn-, Hotel- und Einkaufsbauten, die nichts mit ihm oder miteinander zu tun haben. Das übrige Bergen ist ein einziges Suburbia, das zur einen Hälfte aus teuren Villen am Rande der Dünen und zur anderen Hälfte aus Reihenhäusern am Rande der Felder besteht. Hier wie dort gibt es einiges zu entdecken, aber nichts wie das Bakemaflat.

Zwischen altem und neuem Zentrum, nicht geographisch, sondern zeitlich, gibt es nur einen einzigen Ansatz von Stadtplanung: die Stationsstraat (Bahnhofsstraße). Breit, mit relativ großen Backsteinhäusern bebaut, will sie, wohl um die Jahrhundertwende entstanden, ganz Boulevard im Sinne des 19. Jahrhunderts sein. Auch ihre Entstehung hat schon mit dem Aufkommen des Tourismus zu tun. Ihr Name ist eine der wenigen Erinnerungen an die Kleinbahn, die zwischen 1905 und 1955 die nahe Stadt Alkmaar mit Bergen und seit 1909 auch mit dem Badeort Bergen aan Zee verband. Wiewohl sie dampfbetrieben war und größtenteils außerhalb der Ortschaften verlief, galt sie im damaligen Sprachgebrauch als Tram, ganz wie Prousts Bahn in Balbec. Die Haltestelle befand sich direkt vor dem Bakemaflat, doch die beiden verpaßten sich knapp und hätten auch nicht wissen können, daß sie Teil desselben Fortschritts waren.

Heute gehört Bergen den Autos und Fahrrädern. Man kann nur wünschen, daß seinem hübschen neuen Zentrum das Schicksal der halben Kirche und der ganzen Kleinbahn erspart bleibt.