Archiv für den Monat Juni 2016

Ganz Wien

Im Bahnhof Heiligenstadt, bei der Endstation der U4, gibt es zwischen dem Bahnsteig, von dem die U-Bahnen abfahren, und dem Bahnsteig, bei dem sie ankommen, noch einen weiteren kleinen und kurzen Bahnsteig.

KleinerBahnsteigHeiligenstadt

Er dient einzig dazu, daß der U-Bahnfahrer aussteigen, die U-Bahn in die automatische Wendeanlage schicken und an ihrem anderen Ende wieder einsteigen kann. Dieser Bahnsteig ist nur eine schlichte Betonplattform mit den technischen Anlagen zur Bedienung der Wendeanlage an einem Ende – und einem Mülleimer am anderen Ende. Es ist ein typischer Doppelmülleimer aus weißem Metall, wie er in den meisten Wiener U-Bahnstationen zu finden ist.

MülleimerHeiligenstadt

Dieser Mülleimer an diesem Ort sagt viel über Wien aus. Denn so gerne Wien von sich denkt, es sei „so herrlich hi-hi-hin“, in Wahrheit ist es eine Stadt, in der alles so gut funktioniert, daß es, sobald eine Straßenbahn eine Minute verspätet ist, eine Durchsage gibt, die betreffende Linie könne „zur Zeit nur unregelmäßig fahren“, und daß auch ein Bahnsteig, dessen tägliche Nutzerzahl sich im niedrigen zweistelligen Bereich bewegen dürfte, seinen Mülleimer hat.

Deshalb ist der Mülleimer, oder wie es hier heißt: der Mistkübel, ein gutes Symbol für Wien – aber ein Mülleimer steht für Sauberkeit, nicht für Dreck, für Ordnung, nicht für Chaos.

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Erkundungen auf Friedhöfen: Peterskirchhof Frankfurt

„In Betrachtung menschlicher Sterblichkeit“ – so beginnen die Inschriften auf einigen Steinen des Peterskirchhofs in Frankfurt. Er ist der zentralste Friedhof der Stadt und neben dem jüdischen auch der älteste, aber dennoch ist er ein seltsam abgelegener und obskurer Ort. Obwohl die heutige Entsprechung der Formulierung eher „in Anbetracht“ lautet, bietet es sich an, sie mißzuverstehen, denn auf dem Peterskirchhof steht man in Betrachtung der Sterblichkeit menschlicher Friedhöfe und Gräber.

Zwischen Bleichstraße und Stephanstraße gelegen, bildet der Friedhof ein Hufeisen um die wie erstere Straße etwas erhöhte Peterskirche, einen nichtigen Neosonstwasbau von 1894, die heute als jugend-kultur-kirche (sic!) um eine Existenzberechtigung heischt.

PeterskirchhofFrankfurtKirche

Rechts neben der Kirche, wo der Fußgängerverkehr entlangfließt, sind nur wenige Gräber. Vorne an der Stephanstraße ist eine Wiese, auf der eher als die Gräber in den Mauern eine große Kreuzigungsgruppe den Blick auf sich zieht.

PeterskirchhofFrankfurtKreuz

Sie wirkt barock, ist aber spätgotisch, was man am, wie es heute heißt, Hijab der Maria

PeterskirchhofFrankfurtMaria

und vor allem den winzigen Stifterfiguren zu ihren Füßen merkt.

PeterskirchhofFrankfurtStifterfiguren

Ebenfalls vorne, aber von einer Mauer abgetrennt, ist eine Wiese, auf der im Sommer Kinder spielen, für die es auch noch einen Spielplatz in der linken Ecke gibt.

PeterskirchhofFrankfurtSpielplatz

Der Bereich links der Kirche bildet eine vollständig geschlossene Senke unter hohen Bäumen, still und verlassen, potentiell eine Ruheinsel in der Stadt, praktisch eher Toilette und Mülleimer.

PeterskirchhofFrankfurtLinkerTeil

Die meist in den Wänden und Mauern eingelassenen Gräber aus dem 17. und 18. Jahrhundert erzählen vom reichsten Bürgertum der Reichsstadt Frankfurt. Einige Inschriften, die der bildungsbeflisseneren Bürger, sind lateinisch geschrieben, die meisten aber deutsch. Es gibt viele „Bürger-Kapitäne“, Räte, preußische oder österreichische Funktionäre oder Träger lange vergessener Adelstitel. Einige Gräber sind recht schlicht, Tafeln aus ortstypischem roten Sandstein oder grauem Stein, aber es gibt auch sehr prächtige, die mit Säulen und Bögen den Portalen barocker Paläste oder Kirche gleichen.

PeterskirchhofFrankfurtPrunkgrab

Die Inschriften sind nur selten nüchterne Aufzählungen von Daten, sondern meist kleine Erzählungen in ganzen Sätzen. Manche versuchen sich gar an Reimen. Die religiösen Bezüge sind nie überschwänglich, sondern geprägt von einer Selbstsicherheit, die sich ein reicher Bürger eben leisten konnte. „Die Auferstehung macht, daß ich den Tod nicht acht“, lautet ein typischer Spruch. Wenn einmal der religiöse Bezug der Namensnennung vorangestellt ist, wirkt das hysterisch, und wenn von einem „elenden betrübten Leben“ geschrieben steht, wirkt das depressiv. „18 Jahr 27 Tag in einer vergnügten Ehe gelebt und durch Gottes Segen 12 Kinder erzeugt“ zu haben, ist weit typischer.

PeterskirchhofFrankfurtGrabFrancken

(zum Vergrößern klicken)

Frauen und Kinder, aufgeteilt in geborene und überlebende, sind meist als Anhängsel des Mannes, dem der Grabstein hauptsächlich gilt, aufgeführt. Wenn, wie im Falle des Silberhändlers Philipp Henrich Schonling, der Mann tatsächlich all seine Gattinnen und sogar all seine Kinder und eine Enkelin überlebte, ist das auch naheliegend.

PeterskirchhofFrankfurtGrabSchonling

Doch es ändert sich auch dann nicht, wenn die Frauen ihre Männer überlebten. Eine etwa erklärt viele Jahre nach dem Tod ihres Gatten in geradezu verfälschender Verkürzung einer Bibelstelle: „Ich habe Lust abzuscheiden und bey Christo zu seyn.“

PeterskirchhofFrankfurtGrabRumpel

Einmal jedoch, beim Grab des Bürger-Leutenants Johann Conrad Sigling, verschiebt sich am Ende der Grabinschrift der Fokus. Nachdem er „ohne Leibes Erben“ verstarb, heiratete seine zweite Frau Maria Elisabeth Ackermannin gebohrne Zwickin (man beachte die weibliche Namensendung) ihrerseits zum dritten Mal, nämlich den Handelsman Johann Adam Petzel. Die Todesdaten fehlen, vielleicht teilt sie mit dem dritten Gatten ein anderes Grab in Frankfurt oder anderswo.

PeterskirchhofFrankfurtGrabSigling

Eine klare Ausnahme bilden die Gräber einiger Adelsfamilien, wie man das in größter Vollendung am Grab der Eheleute Steffan von Cronstetten sieht.

PeterskirchhofFrankfurtGrabCronstettenHynsperg

Eine hohe rechteckige Platte aus grauem Stein, am linken Rand die verschiedenen Wappen seines, am rechten die ihrer Familie, oben in der Mitte beider Hauptwappen mit Helm und Federn, darunter in einem als Vorhang gestalteten Rahmen die Inschrift.

PeterskirchhofFrankfurtGrabCronstettenHynspergDetail

Sie ist durch eine Linie ordentlich aufgeteilt in die linke Hälfte des Joh. Adolff Steffan von Cronstetten und die rechte Hälfte der Maria Catharina, die ebenfalls Steffan von Cronstetten, aber ganz entschieden auch gebohrne v. Hynsperg ist. Nur dort, wo ihre Heirat genannt ist, wird die Linie durchbrochen und die eine beiden geltenden Information verbindet die linke und die rechte Hälfte, bevor sie sich für die Todesdaten wieder trennen. Maria Catharina ist mehr als ein Anhängsel, sie ist sich bewußt, einen ihrem Gatten ebenbürtigen oder gar überlegenen Titel zu haben. Gerne will man denken, daß sie selbst darauf bestand, das auch auf dem Grabstein so resolut deutlich zu machen, und daß sie gar dessen brillante Gestaltung, fast mehr Layout als Bildhauerei, inspirierte. Dafür könnte sprechen, daß ihre Tochter, Justina Catharina Steffan von Cronstetten, niemals heiratete und das Familienvermögen als Steffan v. Cronstett- und Hynspergische Adelige Evangelische Stiftung zu Frankfurt am Main stiftete, die sich um alleinstehende Bürgerfrauen kümmern sollte und noch heute existiert.

Doch all das bisher Beschriebene entnimmt man nur den Inschriften, die dankbarerweise restauriert wurden oder erstaunlicherweise halbwegs leserlich die Zeiten überstanden haben. Gerade der rote Sandstein jedoch hielt den Witterungen oft nur schlecht stand. Oft erkennt man bloß noch die Umrisse der Gräber und alle Inschriften, Reliefs, Skulpturen verschwammen zu abstrakten Wellen.

PeterskirchhofFrankfurtAbstrakt

So wie von menschlichen Körpern nur Knochen bleiben, blieben auch von den Grabsteinen oft bloß die Memento Mori der Totenköpfe. Eine ganze kniende Großfamilie und der gekreuzigte Jesus ist kaum noch zu erkennen, der Totenkopf unten schon.

PeterskirchhofFrankfurtFamilie

Daß das Skelett in der Hand eine Sanduhr hält, vermutet man nurmehr, aber was es ist, steht außer Zweifel.

PeterskirchhofFrankfurtSkelett

Der ganze Peterskirchhof ist ein Memento Mori, noch ein wenig mehr als jeder andere Friedhof.

PeterskirchhofFrankfurtMemetoMori

Aber ringsum ist die Stadt, ist das Leben. Man kann dem Friedhof also etwas weniger Müll, Urin und Jugendgottesdienste in häßlichen Kirchen und mehr spielende Kinder wünschen, denn das macht die Betrachtung der menschlichen Sterblichkeit immerhin etwas vergnügter.

PeterskirchhofFrankfurtHochhäuser

Architektonischer Humor

Humor gehört nicht in die Architektur, denn auch der beste Witz wird schnell alt, wenn man ihn zu oft hört, ein Gebäude aber will alt werden und oft gesehen werden. Wenn man also beim Anblick eines Gebäudes laut auflacht, spricht das schwerlich für dieses Gebäude.

Auf den ersten Blick wirkt folgendes Haus in der Straußengasse im 5. Bezirk angemessen humorlos und es gibt einem auch wenig Grund, es mit weiteren Blicken zu würdigen:

ARWTStraußengasse11Gesamt

zwischen einer Mietskaserne und einen Bau aus der Zwischenkriegszeit sechs Geschosse mit Fensterbändern und vorgesetzten schmalen Waschbetonbändern aus verschiedenen kleineren Platten. Im Erdgeschoß zwischen den Stützen eine Einfahrt und ein verglaster Eingang. Ein kleiner Bürobau aus den Sechzigern eben und was könnte weniger lustig sein?

Doch wieso ist da in der Wand links vom Eingang ein schmales horizontales Fenster, das mit seiner auffälligen Tiefe und dem seitlich und oben angebrachten Betonrand eher an die Schießscharte eines Bunkers erinnert?

ARWTStraußengasse11Eingang

Sogleich die Antwort: in dem Gebäude sitzt die Zentrale technische Produktdokumentation (ZTPD) des Amts für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT) des Bundesheers.

ARWTStraußengasse11Schießscharte

Da wohl kaum geplant war, das Gebäude durch die Schießscharte im nächsten Krieg im Häuserkampf zu verteidigen, kann es sich hier nur um einen gebauten Witz, um einen ironischen Kommentar zum Aufgabenbereich des Amts handeln. Noch lustiger ist, daß die Auftraggeber das vielleicht nicht einmal bemerkten. Man kann sich gut vorstellen, wie der Architekt die Schießscharte mit irgendwelchen haarsträubenden Architekturargumenten, gegen die keiner etwas zu sagen wagte, begründete und sich dann mit Freunden beim Heurigen über den gelungenen Scherz freute.

In solcher Subtilität kann architektonischer Humor sogar funktionieren.

Hyllie

Hyllie, das war einst ein Wasserturm. Vier hohe runde Stützen, die oben fließend in einen großen Diskus übergehen, und als Abschluß ein kleinerer runder Teil mit umlaufendem Fensterband.

WasserturmHyllieUntenMalmö

Er war der markanteste von mehreren Türmen, die in den frühen Siebzigern in der Nähe von Malmös Inre Ringvägen (Innerem Ringweg), der im Halbkreis um die Hafenstadt führenden Autobahn, gebaut wurden.

HyllieWasserturmAutobahn

Ein fremdartiges weißes Ufo, zugleich Funktionsbau und Skulptur, war er zwangsläufig Symbol für irgendeine Zukunft. Allein und auch ganz selbstgenügsam stand er lange Jahre in den Feldern der Landschaft von Skåne (Schonen). Die Stadt rückte zwar näher, aber sie erreichte ihn nie. Diesen Zustand kann man auf einem kleinen Bild abseits des Nydalatorget (Nydalaplatz) im Süden der Stadt noch sehen.

BildWasserturmHyllieNydalatorgetMalmö

Den Blick des Bildes gibt es auch heute noch, doch man muß ihn suchen und kein Photo wird ohne weiteres die Veränderungen, die Hyllie erlebt hat, verbergen können.

WasserturmHyllieMalmö

Denn seit dem Jahre 2000 ist Hyllie das Tor zu Dänemark. Hier ist der letzte Bahnhof vor der Örseundbrücke, also vor Kopenhagen, und um diesen entstand und entsteht ein neuer Stadtteil von Malmö. Der Wasserturm steht nicht mehr allein auf dem Feld, sondern wurde Teil einer Skyline. Fast könnte man hoffen, die Zukunft des Wasserturms sei gekommen.

SkylineHyllieMalmö

Doch wie fern jeder Zukunft ist alles, was in Hyllie gebaut wurde! Allerlei Gebäude, Büros, Hotels, Wohnungen, ein Einkaufszentrum, eine Konferenzhalle. Manches sieht so, manches so aus, aber alles ist immer einem Straßenraster untergeordnet.

StraßeHyllieMalmö

Hyllie ist aufgebaut, als habe die Stadtplanung seit der Anlage von Łódź, Odessa oder der amerikanischen Kolonialstädte keine Fortschritte gemacht. Mittendrin ist ein Platz, der sich in Richtung der Brücke öffnet.

PlatzHyllieMalmö

Das Diskusrund des Bahnhofsdachs scheint vom Wasserturm wenigstens zu wissen. Aber er ist versteckt hinter der Konferenzhalle. Wenn man ihn sieht, schwebt er über dem neuen Hyllie und seine einfache markante Form scheint so viel stärker als dessen Beliebigkeit.

Auf seine Umgebung nimmt Hyllie keine Rücksicht, die Verbindungen in nahe Wohngebiete wie Kroksbäck sind mal mehr, mal weniger schlecht, aber auch an der Backsteinkirche des nahen Dorfs Bunkeflo hat es kein Interesse.

Bleibt die Öresundbrücke, Hyllies raison d’être. Am besten sieht man sie vom Dach des Einkaufszentrums Emporia.

ÖresundbrückeHyllieMalmö

Bei dieser Brücke, den zwei riesigen Pfeiler, den beiden Ebenen, die Autos und Züge über das Meer tragen, bei diesem Meisterwerk der Infrastruktur spürt man immerhin etwas Zukunft, wie sie der Künstler auch auf einem anderen Bild in Nydala imaginierte.

BilderWasserturmBrückeHyllieMalmö

Infrastrukturprojekte immerhin gelingen dem gegenwärtigen Kapitalismus noch manchmal, aber deshalb kann man ihm weder mediokre Stadtplanung noch sonst etwas verzeihen.

Was der Kapitalismus außerdem kann, können muß, sind Einkaufszentren. So ist Emporia auch das mit Abstand interessanteste Gebäude des neuen Hyllie. Das meiste an ihm ist selbstverständlich reine Mode. Daß es sich mit eingewölbten fließenden Glasflächen gelb zur Straße und blau zur Brücke öffnet – Mode und sogar eine, die schon langsam alt wird.

HyllieEmporiaMalmö

Daß die Treppen- und Rolltreppenbereiche im Inneren sehr unterschiedlich gestaltet und bis zu den Handläufen einzelnen Farben zugeordnet sind – Mode, aber immerhin gut für die Orientierung.

HyllieEmporiaBlauMalmö HyllieEmporiaGelbMalmö HyllieEmporiaRotMalmö

Daß im grünen Bereich eine großzügige Wendeltreppe, um die schlingpflanzenumrankte Seile hängen, zu einer verglasten Kuppel hinaufführt – eine noch junge Ökomode.

HyllieEmporiaGrünMalmö

Die Mode nun, die Dächer von Einkaufszentren als Parks zu gestalten, hat einen wirklichen Wert, weil dadurch ein neuer und potentiell sogar öffentlicher Raum entsteht. Das Dach des Emporia ist eine eckige Hügellandschaft mit eher karger Vegetation, wie sie gut zum ständigen Wind und zum Blick aufs Meer paßt.

HyllieEmporiaDachMalmö

Das ist nicht viel, aber es ist etwas. Das neue Hyllie wäre ein weit interessanterer und besserer Ort, wenn es nur aus einem Einkaufszentrum mit begrüntem Dach bestünde. Damit wäre es dem Wasserturm ein wenig gerecht geworden. Aber dazu war der Kapitalismus nicht in der Lage und vom Dach des Emporia blickt man in die traurigen Neo-Hinterhöfe der Wohnbebauung.

Hyllie heute, das ist also eine vertane Chance. Der Wasserturm träumt weiter von einer Zukunft.

Annäherung an die Ringstraße

Die Ringstraße, genauer gesagt das Ringstraßenensemble zwischen Heldenplatz und Schottentor, ist ein eigentümlicher, widersprüchlicher Stadtraum.

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Illustration von Siegfried Linke in Müller, Hans: Die Stadt – gestern und heute, Berlin 1989

Man kann die Ringstraße als ein Disneyland verstehen, als einen Themenpark, in dem man die architektonischen Attraktionen Europas besichtigen kann. Die Museen – etwas italienische Renaissance. Das Parlament – etwas griechische Antike. Das Rathaus – etwas flämische Gotik. Das Burgtheater – etwas Barock, immerhin österreichisch, wobei es von der Seite aussieht wie der Bahnhof einer neureichen Provinzstadt und so auch schöner ist als von vorne.

Alle Gebäude jedenfalls sind nach dem Prinzip der Übertreibung errichtet. An ihnen ist immer etwas zu groß und zu viel. Das Parlament hat gleich fünf Tempelportale und acht Quadrigen. Das Rathaus hat gleich fünf schlanke Türme, von denen der höchste fast hundert Meter hoch ist. Kunst- und Naturhistorisches Museum sind nicht ein, sondern zwei riesige Gebäude mit kuppelgekrönten Eingängen. Alle diese Gebäude sind schreckliche historistische Machwerke – jedenfalls für sich genommen. Aber dank dem Raum zwischen ihnen, den verschwenderisch großen Parkanlagen, muß man sie nie für sich nehmen.

Schlendert man durch diesen Raum, sieht man zwischen den Bäumen mal eine Quadriga,

QuadrigaParlamentWien

mal einen Turm,

RathausTurmWien

mal eine Kuppel.

MuseumKuppelWien

Wie losgelöst von ihren Gebäuden schweben sie dort, einen Moment nur, bevor etwas Neues in den Blick gerät. Zwischen den Bäumen ragen die Gebäude der Ringstraße hervor wie aus der Enge der Inneren Stadt die dortigen Türme und Kuppeln.

InnereStadtVolksgartenWien

Doch während einige Gebäude des alten Wien mehr Platz, der sie als Ganze erlebbar machte, verdient hätten, werden die Ringstraßenbauten erst dadurch erträglich, daß sie in der Vegetation nie ganz zu sehen sind. Der Park zwischen ihnen zerlegt sie in Einzelteile, die der Spaziergänger mit seinen Blicken fast beliebig wieder zusammensetzt. Der Park, könnte man sagen, lockert den schweren Historismus der Gebäude impressionistisch auf.

Mittelpunkt wider Willen ist der inmitten des Parks gelegene Theseustempel. Er hat als einziges der Gebäude des Ringstraßenensembles keinerlei Funktion – jedenfalls für sich genommen. Für das Ensemble aber wird er umso bedeutender, da er mit seinen zierlichen dorischen Säulen und dem niedrigen Dreiecksgiebel zeigt, was menschliches Maß ist. Einzig ihn kann und sollte man ganz und von Nahem sehen. Steht man zwischen seinen Säulen, helfen sie den Bäumen dabei, den Blick aufzuspalten.

SäulenTheseustempelWien

Seine menschlichen Proportionen erden alles ringsum. Der große offene Raum des Parks strahlt von ihm aus und erreicht die anderen Gebäude. Er hält sie auf Abstand. Durch diesen Raum werden die für sich genommen gänzlich unmenschlichen Gebäude der Ringstraße zwar noch nicht vermenschlicht, aber doch wenigstens für den Menschen erträglich.

Malmöer Wohngebiete: Högaholm

Högaholm liegt im Südwesten der Stadt, schon jenseits des Inre Ringvägen (Innerer Ringweg). Wenn man es dennoch schon von weither sieht, dann weil es aus acht sechzehngeschossigen Punkthochhäusern besteht, die an der etwas geschwungenen Munkhättegatan (Munkhättestraße) zu zwei Vierergruppen angeordnet sind.

HögaholmMalmöStraße

Es sind schlichte Gebäude: fast quadratischer Grundriß, Balkone bei den Ecken, sonst kleinere und größere Fenster, bei den Eingängen in der Mitte der Nordseite ein leichter Rücksprung für das Treppenhaus, die Balkone und Treppenhausverkleidung bei der einen Gruppe blau und bei der anderen grau.

HögaholmMalmöTreppenhaus

Städtebaulich ist Högaholm wenig gelungen, da zwischen den Hochhäusern vor allem Parkplätze sind, die Übergänge zur dreigeschossigen Bebauung, die auch hier nicht fehlen darf, wie zum Wohngebiet Almwik auf der anderen Straßenseite eher schlecht sind, und es statt eines Zentrums bloß einen verlorenen Laden gibt.

HögaholmMalmöDreigeschosser

Aber Högaholm ist etwas besonderes in Malmö, denn Punkthochhäuser gibt es nur hier. Damit ist Högaholm vielleicht auch der Schlüssel zur erstaunlichen Eintönigkeit der Malmöer Wohngebiete. Vielleicht ist das Problem gar nicht der immergleiche Wechsel zwischen Drei- und Acht-, Neun-, Zehngeschossigkeit oder die starre Rechtwinklingkeit. Vielleicht fehlen bloß die Punkthochhäuser zur Markierung wichtiger Punkte. Wohngebiete mit einem Wechsel von längeren niedrigeren Gebäuden und einzelnen Punkthochhäusern, wie sie sonst in den fortschrittlichen Wohngebieten der kapitalistischen wie der sozialistischen Staaten so üblich sind, gibt es in Malmö jedenfalls keine. Es wirkt, als haben die Malmöer Stadtplaner schlichtweg nicht gewußt, was sie mit Punkthochhäusern anfangen sollten und sie deshalb in Högaholm alle auf einen Haufen ausgekippt.

HögaholmMalmöBuch

Erkundungen auf Friedhöfen: Heldentod

Wenn man auf Wiener Friedhöfen das Wort „Heldentod“ liest, kann man meist getrost weitergehen. Steht es auf Gräbern aus dem ersten Weltkrieg, kann man noch das Jahr und den Ort des Todes oder ein etwaiges interessantes Detail lesen. Steht es auf einem Grab aus dem zweiten Weltkrieg, mag man vor dem Weitergehen noch gegen den imaginären Stahlhelm darauf treten. Beim Grab entschiedener Nazis wie Karl und Harry Groschner auf dem Friedhof von Mauer, wo die Eltern sich erdreisteten, ihren „guten und sonnigen Söhnen“ die Inschrift „Wir starben für euch weil wir an die Heimat geglaubt“ zu widmen, kann man sogar gegen einen echten Stahlhelm treten.

GrabGroschnerFriedhofMauerWien

Daß dieser verrostet ist, tröstet kaum, denn die deutsche Geisteshaltung, die er ausdrückt, ist es viel weniger.

Nur ganz selten liest man das Wort „Heldentod“ auf dem Grab eines Menschen, der wirklich und objektiv ein Held war. So auf dem Grab des Herbert Rosenberg auf dem älteren jüdischen Teil des Zentralfriedhofs. Eine ganze jüdische Wiener Familiengeschichte läßt sich auf dem Stein nachverfolgen. Oben „Unserer Mutter Maria Löwi“, dann „Unsere guten Eltern Kom. Rat. Rudolf u. Jella Löwi geb. Glaser starben im K.Z. Theresienstadt 1942“ und unten in anderer Schrift: „Unser einzig geliebtes Kind Herbert Rosenberg fand am 19. Juli 1944 im 22. Lebensjahr in der Engl. Armee bei Caen Normandie den Heldentod“.

GrabLöwiRosenbergZentralfriedhofWien

Im Kampf gegen die Nazis, ob nun bei der verlustreichen britischen Eroberung von Caen oder irgendwoanders auf der Welt, zu sterben, das war der einzige Heldentod, den es im zweiten Weltkrieg gab. Die, die den Grabstein zu formulieren hatten, die Generation zwischen den von den Nazis Ermordeten und dem im Kampf gegen die Nazis Gefallenen, sind schon anderswo begraben. Man könnte gut verstehen, wenn sie nicht einem Land bleiben wollten, wo Gräber wie das in Mauer errichtet und die dazugehörigen Gedanken gedacht werden dürfen. Wie ihr Sohn hatten sie vielleicht begriffen, daß auf die deutschen Verbrechen ein „Schalom“, wie es oben auf Hebräisch steht, nie die hinreichende Antwort ist.