Ještěd

Der Ještěd ist mehr als ein Berg. Das wird vielleicht auch von anderen Bergen gesagt und gemeint ist dann, daß dieser Berg eine besondere historische Bedeutung für eine bestimmte Region hat. Auch der Hausberg der nordböhmischen Metropole Liberec hat davon genug. Einst stand er für die Grenze zwischen dem deutschen Reichenberg (Liberec) und den tschechischen Gegenden südlich davon. Das gesamte Nationalitätenverhältnis im alten Österreich etwa ließe sich daran erklären, daß dem deutschen Gebirgsverein die Hütte auf dem Gipfel, dem tschechischen aber eine auf dem niedrigeren Bergrücken Pláně gehörte.

Aber nicht das soll hier damit gemeint sein, wenn es heißt, der Ještěd sei mehr als ein Berg, sondern etwas ganz Konkretes: der Ještěd ist ein Gebäude. Nachdem das alte Hotel und der Aussichtsturm abgebrannt waren, wurde 1969 ein neues Gebäude, zugleich Hotel und Fernsehturm, errichtet. Dieses Gebäude steht aber nicht einfach bezugslos auf dem kahlen steinernen Kegel des Gipfels des Ještěd, sondern nimmt seine Linien auf und setzt sie fort. Es hat die Form eines Rotationshyperboloiden: auf rundem Grundriß laufen die Wände in erst leichtem, dann immer stärkerem Schwung zur Mitte hin zusammen, um dann in einem schlanken hohen Mast zu enden.

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Liberec 1977

Aus Kabíček, Jan/Ovsík, Ladislav/Pikous, Jan: Liberec, Ústí nad Labem 1977

Nichts an diesem Gebäude gibt vor, Natur zu sein, seine perfekte Form, seine silberne Aluminiumverkleidung sind im Gegenteil von höchster technischer Klarheit, aber es schließt an eine natürliche Form, den Gipfel des Ještěd, an und vollendet sie. So war der Ještěd einmal bloß ein Berg, aber dieser Berg mit all seinen Geschichten und seiner geschichtlichen Bedeutung ist heute so verändert, daß er kaum mehr derselbe ist, er ist aufgehoben in dem Gebäude, das ihn vollendete. Berg und Gebäude sind in solchem Maße eine Einheit, daß man sie nicht getrennt denken kann. Die Bezeichnung „Fernsehturm, Hotel auf dem Ještěd“ ist sinnlos, da schon das bloße Wort Ještěd die Synthese von Berg und Gebäude bezeichnet. So wie der Ještěd auf alten Bildern bizarr und unfertig aussieht, zeigen auch Bilder, auf denen nur das Gebäude zu sehen ist, nicht genug, weil sie nicht erkennen lassen, daß seine Form keine architektonische Spielerei, sondern unabdingbare Notwendigkeit ist.

Aus Vebr, Jaroslav: Soudobá architektura ČSSR, Praha 1980

Aus Vebr, Jaroslav: Soudobá architektura ČSSR, Praha 1980

Stand der alte Ještěd für Trennendes und Unruhiges, so steht der neue für Harmonie. In der Verwandlung des Berges durch das Gebäude, in seiner Neuschöpfung durch Menschenhand, zeigte sich der Triumph des tschechoslowakischen Sozialismus. Weithin sichtbar, nicht nur für Liberec zu seinen Füßen, sondern bis weit hinein in die DDR und nach Polen, erhebt sich dieser neue Berg, der zugleich ein Gebäude ist, nicht mehr 1012, sondern 1104 Meter hoch.

Der Ještěd von Zittau aus gesehen

Der Ještěd von Zittau aus gesehen

Der Ještěd ist auch eines jener seltenen Gebäude, vergleichbar dem Berliner Fernsehturm, die nicht nicht Symbol sein können, da sie eine solch perfekte Lage und eine solch klare und einprägsame, in nur zwei Strichen zu zeichnende, Form haben. So konnte der Ještěd 1969 nicht nicht den Perret-Preis gewinnen, er konnte nicht nicht zum bedeutendsten tschechischen Gebäudes des 20. Jahrhunderts erklärt werden. Zwar kann und sollte nicht alle Architektur so sein, aber es macht Hoffnung, daß sich manchmal das unzweifelhaft Gute durchsetzt. Der Ještěd ist der schönste Berg der Welt.

Advertisements