Archiv der Kategorie: Kunst

Erkundungen auf Friedhöfen: Die konstruktivistische Porträtphotographie

Photographien auf Grabsteinen sind meist traurig. Zeigen sie alte Leute, so sind sie traurig, weil sie sie nicht in der Blüte ihres Lebens zeigen. Zeigen sie Kinder, so sind sie traurig, weil die Gezeigten die Blüte ihres Lebens nie erreichten. Zeigen sie jemanden irgendwo dazwischen, so sind sie traurig, weil sie sie unvorteilhaft oder banal wirken lassen, was zwar der Realität entsprechen mag, aber nicht sein sollte, wie an irgendwen öffentlich erinnert wird. Es ist sehr selten, daß man solch eine Photographie ohne zusätzliche Traurigkeit betrachten kann und deshalb muß hier von der 1936 verstorbenen Miladka Knotková auf dem Friedhof Klokoty in Tábor die Rede sein.

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Ihr Name (eigentlich Milada) ist in der Verniedlichungsform eingemeißelt, wie es oft bei Kindern geschieht, obwohl sie immerhin fünfundzwanzig Jahre alt wurde, und er ist der erste auf dem Stein, auf dem noch einige weitere Familienmitglieder folgen. Ihr Bild ist das einzige, weshalb es den Blick auf sich zieht. Es zeigt eine junge Frau in einem langärmligen schwarzen Kleid, die rechts mit leichter Neigung nach links sitzt, den linken Arm auf einen Tisch gelegt, den rechten angewinkelt darauf aufgestützt, so daß ihr Kinn auf dem ausgestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand ruhen kann. Ihr von kurzem dunklen Haar in leichten Wellen umrahmtes Gesicht ist halb in die Kamera gewendet.

Miladka Knotková war eine schöne Frau und wie sie sich auf dem Bild als moderne Frau der modernen Tschechoslowakei präsentiert, läßt hoffen, daß sie ihre Schönheit und das Leben für wenigstens ein paar Jahre genossen hatte und auch der Ring an ihrem linken Ringfinger sie nicht daran hinderte. Unterstrichen wird ihre Schönheit noch durch die ungewöhnliche künstlerische Qualität der Photographie. Links der Porträtierten ist an der Wand ein zu ihrem Kopf geöffneter Halbkreis, der noch weiter links von einem Rechteck durchdrungen wird. Das obere Ende des Halbkreises ist genau auf der Höhe ihres Scheitels, so daß der Bogen ihres Kopfs die Kreislinie weiterzuführen scheint, während das untere Ende wiederum an die Dreieckformen um ihren angewinkelten Arm anzugrenzen scheint. Die äußerst minimalistische geometrische Dekoration des Studios ergänzt die menschliche Form auf eine Weise, die das Auge eines vom Konstruktivismus beeinflußten Künstlers verrät.

Und Miladka Knotková und der Konstruktivismus, sie passen zusammen. Ob sie sich den Photographen bewußt ausgesucht hatte oder ob aus ihrem Porträt eher eine Zeit und ein Land, in denen das Moderne, Minimalistische, Konstruktivistische, Geometrische, Sachliche schon weitverbreitete Mode geworden waren, das weiß man nicht und es ist vielleicht nicht wichtig. Es besteht jedenfalls kein Zweifel, daß sie ihre Photographie zu Lebzeiten gemocht hatte und sie, so ungern sie dieses sähe, gerne auf ihrem Grab sähe. Heute, mehr als hundert Jahre schon nach ihrer Geburt, überstrahlt ihr Schwarz-Weiß den banalen Grabstein, der vom Konstruktivismus wenig weiß, und fast auch den Friedhof, um erst wieder in den vielen, vielen Türmen des barocken Klosters Klokoty, hinter dem er liegt, etwas Ebenbürtiges zu finden.

Wie traurig wäre es gewesen, wenn irgendein anderes Bild der Miladka Knotková sich auf ihrem Grabstein fände und wie viel Schönheit und schöne Photographien mögen sich hinter den anderen traurigen Grabphotographien verbergen!

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Genderlöwen

„Gender“ oder „ideologia gender“ (Genderideologie) ist eines der zentralen Schlagworte der polnischen Rechten und steht für so ziemlich alles Schlechte und die polnisch-katholische Familie Gefährdende von Abtreibung über Gleichberechtigung bis hin zu Homosexualität, ohne daß von der Wortbedeutung noch viel übrig bliebe. Verantwortlich gemacht wird dafür gerne der allgemeine Sittenverfall in der dritten Republik, der sozialistischen PRL (Volksrepublik Polen), was diese eher etwas mehr ehrt, als sie es verdient hat, denn die gegenwärtige Stärke der Reaktion in Polen hat auch mit der Halbherzigkeit und Schwäche des polnischen Sozialismus zu tun.

Wenn der Sozialismus aber tatsächlich so erfolgreich die bürgerliche Familie zerstört oder wenigstens die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht hätte, dann wäre das Symbol dafür das Gdańsker Wappen am Dom Kultury (Kulturhaus) im Arbeiterstadtteil Nowy Port. Das Gebäude selbst ist in traurigem stalinistischen Stil erbaut und braucht nicht abgebildet zu werden, aber das Wappen geht darüber hinaus. Es zeigt, wie es sich gehört, zwei auf den Hinterbeinen stehende Löwen, die zwischen sich ein Schild mit zwei übereinandergesetzten +-Kreuzen und einer Krone halten. Der kleine Unterschied ist, daß der linke der Löwen keine Mähne hat: es ist eine Löwin.

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Genau so könnte die polnische Rechte sich die kommunistisch-säkularistisch-jüdische Genderideologie, wie sie es sinngemäß, wenn nicht wörtlich nennen würde, vorstellen: das altehrwürdige Wappen wird im Namen der Gleichberechtigung abgeändert. Sie würde wohl auch nicht verstehen oder nicht lustig finden, wenn man einwenden wollte, ob es nicht gerade fragwürdig sei, daß statt einer traditionellen Familie zwei männliche Löwen da in so intimem Verhältnis zueinander und zum Wappen stehen… Aber das ist schon viel zu viel des Erwägens über die Gedankenwelt der Reaktion.

Hier eine ungegenderte, aber nicht unbedingt männlichere Version inmitten von trompe-l’œil-Intarsien in der Tür des Roten Saals im Rathaus (Simon Herle, Anfang 17. Jahrhundert)

Hübsch ist die Wappenvariation von Nowy Port allemal, mit oder ohne Gender. Zu dem Sandsteinrelief gehören noch ein stilisierter Adler im Hintergrund, dessen Kopf oben herausragt, und unten die Worte „Za zasługi dla Gdańska“ (Für Verdienste für Gdańsk). Es handelt sich um eine Abwandlung eines zwischen 1960 und 1974 an Bürger und Institutionen vergebenen Ehrenzeichens, das in der Ansteckerversion aber weit unscheinbarere Löwen mit weit unklarerem Geschlechtsunterschied hatte. Das Abzeichen wurde von Wiktor Tołkin entworfen und man kann annehmen, daß auch das Relief aus der Hand dieses wichtigen realistischen Künstlers der PRL stammt. Es ist fast überraschend, daß seit den Sechzigern niemand anderes dieselbe eigentlich simple Idee wie er hatte, aber so ist das eben mit der Kunst.

Der Papst im Kajak

Was man in Polen bald erfährt, ist die große Wertschätzung für den Papst. Papst, papież, das ist hier kein Amt mit wechselnden Inhabern, sondern eine Person: Jan Paweł II, Johannes Paul II., Karol Wojtyła. Die Wertschätzung für ihn ist nicht nur staatsoffiziell, sondern umfaßt weiter Teile der Gesellschaft. Auch unter weltoffenen, sogar nicht-religiösen jüngeren Menschen sollte man mit abfälligen Bemerkungen oder Scherzen über den Papst vorsichtig sein, wobei es andererseits auch eine ganze Internetsubkultur, die gerade mehr oder weniger herabwürdigenden Scherzen über den Papst gewidmet ist, gibt.

Zeugnisse der Verehrung des Papstes findet man im öffentlichen Raum ständig. Kaum ein Ort ohne Straßen, Plätze, Brücken, die nach ihm benannt sind, und wenn man nicht mehr als ein Denkmal für ihn findet, hält man sich wohl in einem Hort des Säkularismus auf. Das Jan-Paweł-II-Denkmal ist im heutigen Polen denn eine Kunstgattung für sich, die teils gelungene, teils mißlungene und teils nachgerade bizarre Ausformungen hat. Selten sieht man ein Papstdenkmal, das überrascht, denn trotz unterschiedlichsten Formen bleiben sie schematisch. Das allein gibt dem folgenden Beispiel aus dem Städtchen Łobez im ländlichen Nordwesten des Landes einen gewissen Wert.

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Im hübschen Park am Ufer des Flusses Rega steht ein Findling auf einem runden Sockel aus grauen Steinen und auf diesem ist eine rote steinerne Tafel mit dem Umriß Polens und einer Inschrift.

Man liest, daß der Stein 2012 zum fünfzigsten Jubiläum einer Kajaktour die Rega entlang zum Meer, die der damalige Krakówer Bischof Wojtyła 1962 mit einer Jugendgruppe unternommen hatte, aufgestellt wurde. Nun erkennt man in der polnischen Karte links oben auch Łobez und den Verlauf der Rega. Das gewählte Papstzitat „Wenn du die Quelle finden willst, mußt du in die Berge gehen, gegen den Strom. Kämpfe dich hindurch, suche, weiche nicht zurück“, wirkt angesichts einer Kajakfahrt durch völlig flaches Land und mit der Strömung zum Meer etwas unpassend, beinahe schon sarkastisch, aber das ist ja eher etwas Gutes. Zwei große Informationstafeln am Weg erzählen weiterhin äußerst detailliert von dem Ausflug und zeigen auch ein Bild des Papstes im Kajak.

Es gibt guten Grund, diese Art von Personenkult lächerlich zu finden, aber anders als so viele andere Papstdenkmäler stellt dieses immerhin einen Bezug zwischen der Person Karol Wojtyła und dem Ort Łobez her. Das Denkmal illustriert auch, daß der Möglichkeiten für Gedenkorte wirklich kaum Grenzen gesetzt sind, wenn man jedes kleinste Ereignis im Leben einer Persönlichkeit als erinnerungswürdig definiert. Daß nicht gerade diese Person das verdient hat, steht außer Frage, und daß es keine verdient hat, ließe sich gut argumentieren, aber die Verbindung von kleinen Lebensereignissen mit dem Gedenken an große Menschen ist ein interessanter Ansatz für die Denkmalgestaltung. Und für Łobez wie für überall gilt: der Papst im Kajak ist besser als der Papst im Vatikan.

Ein Ausschnitt aus dem Schild: „Pfarrer Karol Wojtyła („Onkel“) konnte mit seiner Begeisterung für aktive Freizeitgestaltung auch junge Leute anstecken. Die Ferienzeit widmeten sie gemeinsam dem Wandern, Zelten, Gesang am Lagerfeuer und auch dem Gebet, der Meditation, Gesprächen und der Hl. Messe.
Pfarrer Karol war ein begeisterter Kajakfahrer. Die erste Fahrt mit Seiner Beteiligung geschah im Jahre 1953 auf dem Fluß Brda. Danach unternahm er mit seinem Kajak, genannt „Gummistiefel“, 25 Fahrten auf schönen polnischen Flüssen.
Im Jahre 1962 fuhr Bischof Karol Wojtyła zusammen mit der Krakówer Jugendgruppe „Środowisko“ („Umwelt“) auf dem Fluß Rega von Świdwin über Łobez zur Ostsee.“

Der (fast) vereinigte Platz – Zweiter Teil

Es ist nicht so, daß das Leben des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), des Herzens von Iași, Symbole bräuchte, denn es ist immer offensichtlich. Bei schönem Wetter und im Sommer spätestens, wenn die Sonne nicht mehr zu hoch steht, ist jede Bank und manche Stufe des Vereinigungsdenkmals besetzt. Familien füttern die Tauben, die tagsüber auf dem glatten Pflaster und nachts auf den Dächern und Simsen zu Hause sind, Kinder jagen ihnen nach. Unzählige Passanten durchqueren den Platz. Dieses Leben ist der einfachste Beweis dafür, wie gelungen der Piața Unirii ist und was für großartige Orte die fortschrittliche Architektur zu schaffen vermag.

Der Platz ist ein recht typisches Beispiel für ein städtebauliches Ensemble aus den sechziger Jahren in einem sozialistischen Staat, das von der Rotterdamer Lijnbaan inspiriert ist, ähnlich wie etwa die Prager Straße in Dresden. Er macht dabei alles richtig, er ist ein großzügiger, offener, trotz vertikaler Dominante und überkommenem Denkmal nichthierarchischer, demokratischer Platz. Und er ist mehr als ein Platz.

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Schon der beschriebene Boulevard, der auf Stadtplänen seinen Namen trägt, ist zwar mit ihm verbunden, aber auch ein Ort für sich, und hinzu kommen viele weitere Verbindungen mit der Stadt.

Jenseits der Straße, die die Grundseite des Platzes bildet, folgt sein zweiter Teil. Hier stehen drei zehngeschossige Punkthochhäuser mit Wohnungen und zwischen ihnen sind zweigeschossige gläserne Pavillons.

Mit einem rechteckigen Raster ähnelt die Fassade der Punkthäuser der des Hotels, doch hier ist es auf schmale Streifen reduziert und die Fenster nehmen nicht die gesamte Fläche ein. Auch den rechteckigen Grundriß und die Ausrichtung der Schmalseiten zum Platz haben sie mit dem Hotel gemein. Auf den Dächern sind Terrassen mit Geländern und einem auf schmalen runden Stützen ruhenden umlaufenden Betonstreifen. In den zweigeschossigen Sockeln bilde eckige steinverkleidete Stützen Kolonnaden mit Läden.

Mit den Pavillons, in denen beispielsweise eine Buchhandlung ist, sind die Breitseiten der Punkthäuser durch Vordächer, eigentlich eher Betongitter mit unregelmäßig rechteckigen Öffnungen, verbunden.

Links schließt nach dem letzten der Punkthäuser das Cinema Victoria (Kino Victoria) den zweiten Teil des Platzes ab.

Es ist ein freistehender Pavillon anderer Art, höher, auf rechteckigem Grundriß und ganz aus meist vertikalen Streben zusammengesetzt, die teils Kolonnaden bilden oder aus denen wie schwebend kleine Balkone hervorstehen und die es doch nie monumental wirken lassen. Es ist wie ein Schmuckstück, ein Würfel in einem unbekannten Spiel, und was könnte für ein Kino besser passen?

Geht man zwischen den Punkthäusern und den Pavillons hindurch, führen Treppen ein Stück hinab in den Parcul Junimea (Park der Jugend).

Es sind nur Meter vom Platz dorthin und doch ist er ein Ort mit ganz eigenem Charakter, der zugleich auch Teil des weiteren Ensembles ist.

Hier ragen die Punkthäuser hinter hohen Bäumen auf, es gibt Skulpturen und Büsten rumänischer Persönlichkeiten, Spielplätze, viele Bänke und angrenzend stehen größere ältere Gebäude, nach denen dann ärmere Bereiche am Hang und im Tal des Bahlui folgen.

Rechts steht in der querenden und sich hier spaltenden Straße zwischen den beiden Platzteilen ein historistischer Eckbau mit großer Kuppel.

Entlang von ihm oder auch entlang des Hotels Traian links gelangt man in ältere Teile des Stadtzentrums mit vermischter Blockrandbebauung, in deren beliebigen, meist historistischen Formen sich die Bourgeoisie repräsentiert hatte. Und beide, Eckbau und Hotel, dürfen als Repräsentanten des Alten Teil des fortschrittlichen Ensembles werden.

Aber links, wo die Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße) schräg vom Platz abzweigt, ist die Blockrandbebauung schon deutlich aufgelockert. Sie ist eine Fußgängerzone und man merkt kaum mehr, daß sie  Teil der überkommenen Prunkachse durch die Stadt ist. Frei steht dort der Bau des Cinema Trianon, zuvor Republica (Kino Trianon/Republica), und frei steht auch ein kleiner historistischer Palast, einst Sitz des vereinigenden Fürsten Alexandru Ion Cuza und nun passenderweise Museul Unirii (das Museum der Vereinigung).

Ihm gegenüber ist ein großer runder Grünbereich, über den man zu einer Kirche blickt, während sich ein flaches Restaurantgebäude geschwungen um ihn legt.

Um das Eckgebäude rechts des Platzes neben dem Hotel gelangt man in einen Bereich, der zwar auch der Anlieferung der Läden und Restaurants dient, aber vor allem große Grünflächen mit Spielplätzen hat und an ein weiter hinter der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) zurückgesetztes historistisches Gebäude anschließt.

Auf der zweiten Ebene des Boulevards, gegenüber dem Ende des Hotelvorbaus, ist im Gebäude links ein aufgestützter Durchgang, durch den man in einen kleinen Park hinter dem Cinema Trianon und dem Museum, wo noch eine kleine Kirche steht, gelangt.

Der Fußgängerboulevard selbst führt zu einer großen Straße, die Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit) heißt, aber trotz weitgehend sozialistischer Bebauung ein Boulevard weit konventionellerer Art, einer aus dem 19. Jahrhundert, ist. Links öffnet sich der ebenfalls konventionellere Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) mit seinem Denkmal,

während rechts etwas verloren und äußerst bedeutsam der Turm von Sfântul Spiridon (Sankt Spyridon) steht.

So trägt der Piața Unirii seinen Namen in mehrfacher Hinsicht zurecht. Nicht nur erinnert er an die Vereinigung der beiden rumänischen Fürstentümer, sondern er vereinigt auch verschiedene Teile der Stadt. Wie ein wirkliches Herz wäre er wenig ohne die Blutbahnen im Stadtkörper. Er ist das beste und wichtigste städtische Ensemble in Iași.

Bloß eine neuartige Verbindung zum Bahnhof, zu dem es hinter dem Cinema Victoria nicht mehr weit ist, schafft der Piața Unirii nicht, aber das wäre auch eine städtebauliche Aufgabe für sich, das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der einzige wirkliche Mangel, den auch er, so gelungen er ist, hat, hat er wegen der Straße, wie das so oft der Fall ist. Sie trennt ihn letztlich in zwei Plätze, den eigentlichen beim Hotel und einen zweiten kleineren bei den Punkthäusern. Auf dem zweiten Teil sind zudem viele, zu viele Parkplätze, obwohl vor den Punkthäusern immerhin Bäume stehen und es vor dem Cinema Victoria immerhin einen Bereich mit Bänken und Hochbeeten gibt. Nun bemühte sich der Platz durchaus, seine beiden Teile zu verbinden, zu vereinigen. Es gibt eine Unterführung und mit ihren drei Eingängen, einem runden zentralen Raum um eine dicke runde Stütze und glatter sandfarben gemaserter Steinverkleidung ist sie sogar großzügig und angenehm gestaltet.

Ihr einziges Problem sind die Eingänge, die aus je zwei Treppen bestehen, aber großzügige offene Anlagen mit Rampen sein müßten.

Das Traurige, ja, das Tragische ist, daß dafür Raum genug gewesen wäre. Es wäre wirklich nur nötig gewesen, die Unterführung als wirklichen Teil des Platzes statt nur als Bindeglied, zu begreifen.

Nur sehr wenig hätte mithin gefehlt und der Piața Unirii wäre perfekt gewesen. Doch sein einziger Mangel schmälert seine Größe kaum. Er ist dennoch das Herz von Iași und die Stadt kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

Der (fast) vereinigte Platz – Erster Teil

Der Piața Unirii (Platz der Vereinigung) ist in mancher Hinsicht das Herz von Iași und er ist ganz ein Produkt des Sozialismus.

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Seine vertikale Dominante bildet das sechzehngeschossige Hotel Unirea, noch heute eines der höchsten Gebäude der Stadt. Es ist dabei ein eher kühler, distanzierter Bau auf rechteckigem Grundriß. Der etwa dreigeschossige Sockel hat an den Schmalseiten vier und an den Breitseiten fünf große quadratische Stützen, die unter dem dritten Geschoß durch ein horizontales Band verbunden sind, in dem Linien flache Dreiecksgiebel andeuten, während aus den Stützen ragende Elemente als stilisierte Kapitelle verstanden werden können. Diesen historistischen Anklängen tritt sofort das Vordach über dem Eingang, der rechts in der zum Platz zeigenden Schmalseite ist, entgegen. Auf der Höhe des zweiten Geschosses ruht er auf vorgesetzten Stützen, die aus geraden und schrägen Teilen bestehen, und ragt sehr weit in den Platz hinaus, wobei seine Unterseite stetig schmaler wird.

Hat der übrige Sockel, der früher offen, heute verglast ist, noch etwas Konservativ-Monumentales, so ist dieses Vordach schon der Flügel eines Raumschiffs. Rechts neben und L-förmig bis hinter den Hotelbau ist ein Trakt mit Restaurants und Sälen. Bis auf sein Dach, das in der Höhe und auch der Form an das Band zwischen den Stützen anschließt, besteht er ganz aus Glas und einer innenliegenden Stahlkonstruktion, so daß er ebenfalls weit neuer als das Hotel selbst wirkt. Abgeschlossen wird der Sockel des eigentlichen Baus von einem breiten Streifen mit Mustern aus teils geriffelten Kacheln in bunten, aber dunklen Farben, die wie Buchstaben einer fremden Schrift wirken.

Die folgenden Geschosse mit den Zimmern bilden ein regelmäßiges Raster aus vorgesetzten vertikalen und zurückgesetzten horizontalen Streben, unterbrochen außer bei der Eingangsseite durch geschlossene Flächen bei jeweils einer Ecke. Erst im obersten Geschoß ist heute ein Restaurant mit größeren Fenstern zwischen den Streben und leicht überstehendem Dach.

Vielleicht könnte man das Hotel Unirea als zu unentschlossenen, zu konservativen Bau bezeichnen, wenn es alleine stünde. Aber das tut es ja nicht, es ist nur ein Element des Piața Unirii und es ist bewußt nur als sein Höhepunkt, nicht aber als sein Mittelpunkt gestaltet.

Der Platz wird als weite, etwa dreieckige Form zum Hotel Unirea hin schmaler und setzt sich links von ihm als breiter Fußgängerboulevard fort. Nach einer Straße, die die Grundseite des Dreiecks bildet, beginnt er links mit dem schräg gesetzten historistischen Bau des Hotels Traian, an dem einzig die gußeisernen Doppelsäulen vor den großen verglasten Sälen im Erdgeschoß beachtenswert sind.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Auf der rechten Seite steht das erste Gebäude jenes sechsgeschossigen Typs, der das Rückgrat des Piața Unirii bildet und ihn im eigentlichen erst zum Platz macht.

Im Erdgeschoß hat der Gebäudetyp steinverkleidete eckige Stützen, die oben von schmalen horizontalen Streben gequert werden, und als Übergang zu Wohngeschossen ein Band derselben Steinverkleidung. Durch die leichten Höhenunterschiede im Platz kann das Erdgeschoß auch im selben Gebäude unterschiedlich hoch sein und zumeist sind darin Läden. Die Breitseiten der fünf Wohngeschosse sind durch Streifen zwischen den Geschossen klar horizontal strukturiert und haben abwechselnd einzelne rechteckige Fenster und doppelte geschoßhohe mit einer Brüstung aus einem dünnen Betonband und einem Metallgitter. Zum flachen Dach leitet ein weiteres steinverkleidetes Band über und weit zurückgesetzt sind auf der Dachterrasse Aufbauten mit freischwebenden Vordächern. An den Schmalseiten sind jeweils zwei lange, durch milchige Wände getrennte vertiefte Balkone mit Geländern aus Metall und grünem Plexiglas, die über dem Erdgeschoß vorragen.

Das erste dieser Gebäude also steht rechts. Es ist das ungewöhnlichste, da es ein Eckbau ist, der einen Teil an der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) hat, bevor er mit Kolonnaden die rechte Platzseite bildet.

Es endet dort kurz vorm Restaurant des Hotels Unirea, das bereits höher am Hang steht. In seiner Fortsetzung, sozusagen hinter dem Hotel, folgt ein weiteres Gebäude des Typs.

Links steht das erste der Gebäude nach der neben dem Hotel Traian einmündenden Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße). Entsprechend den beiden Stufen des Fußgängerboulevards, der sich nun öffnet, steigen die nächsten beiden Gebäude an, sind aber auch leicht nach rechts versetzt.

Während so links eine subtile Verengung vom Platz zum Boulevard hin entsteht, wird der Bereich rechts nach dem Hotel durch ein weiteres der Gebäude abgeschlossen.

Das ist der bauliche Rahmen des Piața Unirii. Keines der Gebäude ist für sich genommen weiter auffällig, aber das müssen sie auch nicht sein, sie müssen nur den Platz schaffen.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Etwa vor dem Hotel Traian, und damit bewußt nicht in der Mitte des Platzes, steht das Denkmal für die namensgebende Unirea (Vereinigung), das 1912 errichtet wurde. Auf einem irgendwie neoromanischen Steinsockel zeigt es in Bronze oben den Fürsten Alexandru Ion Cuza und niedriger einige Politiker, Kränze mit Daten und eine Urkunde mit sehr viel Text, der dank den Tauben nur noch mühevoll zu lesen ist, wenn das denn irgendjemand gewollt hätte. In der Tat lief die Vereinigung der rumänischen Fürstentürmer Moldawien und Walachei im Jahre 1862 wohl so ab; die Bevölkerung war nicht beteiligt.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Zum Denkmal kommen auf dem Platz drei runde Springbrunnenbecken, die zusammen ein Quadrat um die offene Platzmitte bilden. An jedes der Becken schließen umzäunte Grasflächen an, eine weitere kleinere ist beim Denkmal. Außer je einem Nadelstrauch sind sie jedoch leer, überhaupt ist die Vegetation spärlich und beschränkt sich auf Bäume vor dem Gebäude rechts und an der Ecke beim Anfang des Boulevards. Bänke gibt es dafür umso zahlreicher. Auf dem Boulevard gibt es ebenfalls Beete mit Gras und Sträuchern, die langgestreckt in seiner Richtung verlaufen, und in den Treppen zwischen den Ebenen sind gestufte Brunnen.

Der Boden des Platzes hat breite Streifen aus schwarzem und weißem quadratischen Kopfsteinpflaster in Richtung Boulevard und Hotel und schmalere Streifen aus schwarzem quer dazu, zwischen denen ebenfalls quer große rechteckige Flächen aus glattem Waschbeton sind.  Der Boden des Boulevards wurde in jüngster Zeit erneuert, so daß die billigen Steinplatten nun verdreckt sind, ein Schicksal, das dem übrigen Platz hoffentlich erspart bleibt.

Auf dem Boden nämlich befindet sich die künstlerische Gestaltung des Piața Unirii: Mosaike aus weißem, schwarzem, grauem und rotem glatten Stein. Die Steine sind meist nicht kleiner als das des übrigen Pflasters, weshalb die Motive zwangsläufig einfach und stilisiert sind. Ein erstes Band mit Pflastermosaik erstreckt sich kurz nach der Straße über den Platz, ein zweites ornamentales nach den hotelnäheren Beeten. Das entscheidende dann verläuft direkt vor der breiten Treppenanlage, die zum Boulevard und zum Hotel hinaufführt.

Spätestens hier wird deutlich, daß diesen Platz ein sozialistischer Staat baute. In den äußeren der rechteckigen Mosaiksegmente, zwischen denen noch kleinere Symbole sind, sieht man die Natur, ein Wildschwein links und einen Hirsch rechts, aber ansonsten ist da die sozialistische Gesellschaft: ein Traktor, Industriebetriebe, Kunst und, vielleicht am schönsten, direkt unter dem Vordach des Hotels Unirea ein Kran, der eine Großplatte aus Beton zu einem halbfertigen Wohngebäude hebt.

Ist hier die Baugeschichte des Piața Unirii selbst enthalten, so bezieht sich das Rechteck daneben auf seinen Namen: nebeneinander sind hier ein moldawischer Stier und ein walachischer Rabe/Adler gezeigt.

Ein weiteres großes Bodenmosaik ist zwischen den Grasflächen an der rechten Seite des Platzes. Es zeigt, wie sich ein keuleschwingender Reiter links und ein Stier rechts, über dem ein Vogel fliegt, aufeinander zu bewegen. Es ist das größte Mosaik und das einzige aus glattem Stein, doch hier scheitert die Anordnung auf dem Boden. Das liegt nicht etwa daran, daß das Maß an Details für die verwendete Technik zu groß ist, auch nicht daran, daß der historische Bezug nicht leicht verständlich ist, sondern einfach daran, daß man deutlich höher stehen müßte, um die Szene gut zu erfassen.

Dafür kann man an Sommerabenden erleben, wie diese große glatte Fläche, hinter der heute eine lateinamerikanische Bar ist, von den Paaren einer Tanzschule zum Bachatatanzen genutzt wird. Mag das Mosaik also künstlerisch gescheitert sein, so ist es immerhin ein schönes Symbol für das Leben auf dem Platz im Herzen von Iași.

Sowjetisches Gdańsk

Auch Gdańsk wurde von der sowjetischen Armee befreit, auch Gdańsk baute seinen Befreiern ein Denkmal, wie es in den sozialistischen Staaten selbstverständlich war, und auch in Gdańsk gibt es dieses Denkmal noch immer, wie es aufgrund der politischen Entwicklungen seit 1989 weniger selbstverständlich ist. Es steht nicht zentral, aber auch nicht am Rande, sondern in einer dieser eigentümlichen Lagen halbhoch in den Hügeln, von denen es in Gdańsk und der gesamten Trójmiasto durch die topographischen Umstände viele gibt.

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Fast steht es etwas versteckt hinter einem kleinen Friedhof, fast erkennt man es sogar im Vorbeigehen nur an den drei Fahnenmasten davor, an denen einzig zum Jubiläum der Befreiung Ende März Fahnen hängen. Sobald man es aber entdeckt hat, nimmt es einen in sich auf.

Hinter dem niedrigen Tor ist eine weite Fläche mit dunklem Steinpflaster, die sich nach vorne und nach links erstreckt, wohin sie sich verbreitert. Nach einigen niedrigen Stufen setzt sie sich dort etwas tiefer fort und geht in eine Wiese über, in der vor dem Hintergrund der Bäume neben drei weiteren Fahnenstangen eine hohe und schlanke Weide gleich einer Skulptur steht.

Rechts begrenzt eine Wiese die Fläche, in der vor dem Hintergrund der Bäume eine Plastik steht. Weit überlebensgroß zeigt sie zwei Frauen in langen Kleidern. Die linke mit gesenktem Kopf und streng zusammengebundenem Haar, mit der rechten Hand über der Brust in ihr Tuch greifend, als wolle sie sich damit die Tränen trocknen. Die rechte mit ebenso traurigem Gesicht, aber gefaßter, den Blick nach vorne gerichtet, wohin einen das Ehrenmal leitet, ihr kurzes Haar hinter ihr wehend.

Die beiden halten sich bei der Hand und werden eins. Auf dem niedrigen schwarzen Steinsockel ist das auf Russisch und Polnisch erklärt:

„Zwei Vaterländer/Zwei Mütter/Eine Erinnerung und (mütterliche [in der russischen Version]) Liebe“

Im Anschluß an die Wiese ist das Gräberfeld. Es ist vorne und an der linken Seite, an der man entlanggeht, von einer niedrigen Umrandung mit schwarzer Steinverkleidung umgeben, in derem leicht schrägen Teil von 909 bis 1 die Namen und Lebensdaten der Gefallenen aufgelistet sind, während in den beiden Ecken in niedrigeren schwarzen Fassungen Flammenschalen sind.

In dem Gräberfeld selbst stehen regelmäßig aufgereiht fünfzackige Sterne aus Metall. Sie bestehen aus einem leicht vorgewölbten pfeilspitzenähnlichen Element, an das oben zu beiden Seiten zwei dreieckige Elemente anschließen. Es sind unzweifelhaft fünfzackige sowjetische Sterne, die dort stehen, aber sie wirken durch ihre Ausführung dennoch wie etwas Neues, etwas ganz Unvertrautes.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Sieht man sie von der Seite, sind sie flach und unscheinbar, aber auf dem Feld wachsen sie dafür umso mehr ins Dreidimensionale. Geht man am Gräberfeld entlang weiter ins Ehrenmal hinein, scheinen die Sterne in Bewegung zu geraten, sie scheinen zu funkeln wie wirkliche Sterne am Nachthimmel.

Zum Weg zwischen den Gräbern rechts und dem betonumrandeten steilen Hang links geworden, endet die Fläche mit einer Treppe, die zu einer zweiten Ebene etwas höher am Hang führt. Hier steht eine hohe nach hinten gewölbte Mauer.

In der Mitte hat sie ein großes Steinrelief, das drei sowjetische Soldaten zeigt.

Sie stehen nah beieinander und breitbeinig, wiewohl in Bewegung nach links. Der linke Soldat, der in der nach links ausgestreckten Hand ein Gewehr hält, hat unter seinem großen Stahlhelm ein nach vorne gewandtes Gesicht mit asiatischen Zügen und hält mit der linken Hand den Oberarm des linken Armen, der auf dem nach links gewandten Kopf den Helm eines Piloten oder Panzerfahrers trägt und in der Hand des rechts angewinkelten Arms eine Granate hält. Zwischen beiden ist vielleicht ein Offizier, der unter seiner Pelzmütze nach rechts blickt und den einen Arm vor den linken Soldaten und den anderen hinter den rechten ausgestreckt hat. Hinter ihnen sind ein Panzer und unklar nach rechts wehende Flaggen. Die gewählten Formen sind einfach, geometrisch, stilisiert, aber zugleich realistisch. Die drei Soldaten wachsen im Bild beinahe zusammen, werden selbst zu einer Mauer.

Wichtiger sind aber die großen Inschriften auf eigenen horizontalen Steinflächen, die links  auf Polnisch und rechts auf Russisch besagen:

„Ihr habt einen großen Sieg davongetragen/Ihr wart furchtlos im Kampf/Ihr habt euer eigenes Leben für die gerechte Sache gegeben/Den sowjetischen Helden, die im Jahre 1945 bei der Befreiung von Gdańsk fielen/ Die Bewohner von Gdańsk“

Durch sie erst wird der ganzen vorangegangenen Anlage ein Sinn gegeben und man sieht sie anders, wenn man auf das Feld der Sterne unter einem zurückblickt.

Daß das Denkmalanlage hiermit noch nicht endet, merkt man im Sommer kaum. Ein links der erhöhten Ebene weiterführender Pfad ist zwischen dichter Vegetation fast verborgen. Im Winter aber sieht man, daß der gesamte links des Gräberfelds stehende Hügel durch einen spiralförmig um ihn hinaufführenden Weg und eine hohe Stele auf seinem höchsten Punkt zum Bestandteil des Denkmals gemacht wurde, seine heutige Form sogar erst durch dieses erhielt.

Die rechteckige Stele, die oben auf allen Seiten Reliefs und darüber eine offene Kugel aus Metallstreben hat, war ursprünglich die vertikale Dominante und schon von weither sichtbar, während sie heute das halbe Jahr über hinter hohen Bäumen versteckt ist. Leider ist sie aber einfach zu hoch, so daß die Reliefs, die einen Stern, Hammer und Sichel und noch zwei andere unklarere Symbole zeigen, auch ohne Bäume schlecht zu erkennen wären. Die gepflasterte Fläche um die Stele wirkt so recht verloren, zumal eine Tafel mit Inschriften an ihrem unteren Teil fehlt.

Fast gänzlich im Dickicht verschwunden ist schließlich ein Weg, der von hier weiter oberhalb der Ebene mit der zentralen Relief- und Inschriftwand zu einem kleinen zweiten Ausgang führt, was schade ist, da das Denkmal so zu einem kleinen Kreuzweg erweitert wurde.

Ganz wie die Gedenkstätten in den anderen Städten der Trójmiasto, Sopot und Gdynia, die kurz zuvor befreit wurden, ist das Gdańsker Denkmal den historischen Ereignissen angemessen. Auffällig ist bei ihm der Kontrast zwischen historisierenden Elementen wie dem Gesims und den imitierten Steinen der geschwungenen Mauer und neuer wirkenden wie den Sternen oder auch dem Relief auf der Mauer. Das ist nur teilweise dadurch zu erklären, daß die Sterne 1977 aufgestellt wurden, während die Mauer zu der ursprünglichen Konzeption aus den späten vierziger Jahren gehört, denn das Relief von Alfons Łowoski  entstand zur selben Zeit. Die Plastik der beiden Frauen, ausgeführt von Zygfryd Korpalski, kam erst 1984 hinzu, was die Denkmalanlage zum Projekt verschiedenster Zeiten des polnischen Sozialismus macht. Wie in Sopot und Gdynia liegt das Denkmal abseits, was es vielleicht vor der Zerstörung bewahrte. Angemessen ist es in der beschriebenen Form, aber vielleicht hätte die Befreiung von Gdańsk durch die sowjetische Armee außerdem noch ein zentrales, mitten im Leben der Stadt stehendes Denkmal, wie Gdynia es einst hatte, verdient.

Gdańsker Tore

In Gdańsk haben sich zwei deutlich verschiedene Typen von Stadttoren enthalten. Die Tore des ersten Typs entstanden als Teile der weiten Festungsanlagen um die Stadt im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Von dem zentral gelegenen Brama Wyżynna (Hohen Tor)

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

über das vom Autoverkehr umflossene Brama Żuławska (Żuławer Tor, historisch Langgartner Tor) am Rande

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bis hin zum in den übriggebliebenen Festungsteilen gelegenen Brama Nizinna (Niederen Tor, historisch Leegetor, von einem niederdeutschen Wort für niedrig)

– sie sind in einer Art martialische Renaissance, die recht eigentlich keine Stilbezeichnung braucht, gestaltet. Backstein und betont grauer Stein in horizontalen Blöcken, der aber nur der Dekoration dient, da die eigentliche Konstruktion aus Backstein ist, kaum Schmuck, die Jahreszahl, die Wappen. Diese Tore sollen nicht einladen, sondern abweisen. Vielleicht wollen sie den Krieg nicht, aber sie sind für ihn bereit.

Zur Festung gehört auch ein Tor, das zu keinem der Typen so wirklich paßt, aber für Gdańsk vielleicht wichtiger war als beide von ihnen.

Es nach den üblichen Definitionen vielleicht nicht einmal ein Tor, sondern, ja, was eigentlich? – ein befestigter Wasserweg letztlich.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dort, wo die Motława (Mottlau) in die Wasserflächen vor den Festungsanlagen mündet, ist sie an beiden Seiten von niedrigen Mauern aus grauen Steinen umgrenzt, die die Fahrtrinne vom umgebenden Wasser trennen.

Die Ränder dieser Mauern steigen schräg an, so daß sie als Dreiecksformen aus dem Wasser ragen.

Bei ihre Anfang und ihrem Ende, aber schon deutlich abgesetzt vom Ufer, stehen in ihr runde Türme, die nach einer vertieften und vorstehenden Bordüre mit Kuppeln enden, in denen als Abschluß verkleinerte Versionen dieser Zylinderform mit Kuppelabschluß sind.

Nach diesem Weg erst folgen die Schleusen, Tore im Wasser, die dieser Anlage den Namen Śluza Kamienna (Steinschleuse) zubrachten.

Mauern wie Türme der Schleuse sind wohl so sehr warnende Machtdemonstration wie die übrigen Festungstore, aber da sie im Wasser stehen, wirken sie doch völlig anders. Hier, über das Wasser, war der wichtigste Zugang in die Hafenstadt Gdańsk. Hier gelangten die Schiffe von der Wisła (Weichsel) in die Stadt und durch sie weiter in die Ostsee. Hier zeigt sich auch die Festungsarchitektur von ihrer besten Seite, hier setzte sie eine Toranlage für Schiffe ins Wasser. Während viele Städte ähnliche Festungsanlagen und Tore hatten, gehört die Steinschleuse, das Wassertor, ganz allein Gdańsk.

Die Gdańsker Tore des zweiten Typs sind älteren Ursprungs und zeigen auf andere Art die Verbindung von Stadt und Wasser. Alle großen Straßen von Gdańsks altem Kern, der sogenannten Główne Miasto (wörtlich Haupt-, historisch Rechtsstadt), die nicht mit der angrenzenden Stare Miasto (Altstadt) zu verwechseln ist, verlaufen parallel zueinander und mehr oder weniger gerade auf das Ufer der Motława zu. Und am Ende jeder dieser Straßen ist ein Tor, das sie von den Kaianlagen trennt und sie mit ihnen verbindet. Deutlicher könnte eine Stadt kaum zeigen, was ihr am Wichtigsten ist: das Wasser, der Hafen. Genau hier, vor den Stadttoren der Główne Miasto, legten die Schiffe, die durch die Steinschleuse gefahren waren, an.

Es ist nun auch keine Überraschung mehr, daß das markanteste und berühmteste dieser Stadttore am Wasser nur nebenbei ein Tor und hauptsächlich ein mächtiger Kran ist, dessen hölzerne Konstruktion in mehreren Stufen weit über die Kais ragt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Neben diesem Brama Żuraw (Krantor) sind die anderen Tore bescheidener, beinahe könnte man ihre spitzbögigen Durchgänge übersehen. Um Bedeutung heischt einzig noch das Brama Zielona (Grüne Tor), das über die wichtigste Brücke auf den Długi Targ (Langen Markt), den zentralen Platz der Główne Miasto führt und sich heute in lebloser wiederhergestellter Renaissance zeigt. Der Platz, eigentlich nur eine verbreiterte Straße, läuft wie alle anderen auf den Fluß zu und setzt sich in die andere Richtung als Ulica Długa (Lange Straße, historisch Langgasse) fort. An ihrem Ende steht das Brama Złota (Goldene Tor), das einzige erhaltene ältere Tor, das nicht zum Wasser zeigt und zugleich das prachtvollste und schönste.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dieser Torbau ist horizontal in zwei Hälften geteilt und vertikal durch vier vorgesetzte Säulenfolgen in drei Teile. In der Mitte der unteren Hälfte ist der große rundbögige Tordurchgang für Fuhrwerke, während die beiden schmaleren Seitenteile nur unten eher kleine rechteckige Durchgänge für Fußgänger haben. Durch alle gelangt man ins Innere des Tors, das von einer komplizierten Gewölbedecke abgeschlossen wird. In der oberen Hälfte sind vier große rundbögige Fenster. Offenkundig ist dort ein großer Saal, der durch einen an der rechten Seite schräg ansteigenden überdachten und geschlossenen Treppenbau erschlossen ist. Die Säulen ruhen selbst auf Sockeln und sind unter der oberen Hälfte und unter dem Dach mit Gesimsen, die bei ihnen vortreten, an das Gebäude angefügt. Um das flache Dach verläuft ein steinernes Geländer, so daß beinahe ein weiteres offenes Geschoß entsteht. All das ist dem Tor sofort abzulesen, beide Seiten sind identisch und auch, daß es aus Backstein gebaut und grauweiß verputzt ist, verheimlicht es nicht.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Der Schmuck, teils golden, woher es seinen Namen hat, stört die klare Konstruktion nicht. Die Kapitelle der unteren Säulen sind ionisch, die der oberen korinthisch. Auf den Steinwürfeln zwischen Kapitellen und Gesimsen sind unten die Fratzen von Löwen und oben die von Menschen, die aber als flache goldene Reliefs nicht abschreckend wirkend und es nicht einmal wirklich sein wollen. Unter dem Dach verläuft ein ornamentales Band, das ebensogut fehlen könnte. Auf den Abschlüssen der vier Säulen stehen schmale Sockel mit etwa lebensgroßen allegorischen Skulpturen, die zwar zu weit entfernt sind, um wirklich betrachtet werden zu können, aber auch nicht von oben herab drohen. Die übrige Ornamentik ist zumeist floral, vegetal, ohne je verschlungen zu sein. Die Schlußsteine der Fenster sind Blattformen und zwischen den mittleren Fenstern ist eine große vertikale Zapfenform unter einer halbgoldenen Halbkugel.

An einigen Stellen gibt es auch nachgeahmte Steine wie bei den Festungstoren, aber die sind goldgerahmt nurmehr Zitate von Wehrarchitektur ohne eigene martialische Wirkung.

Das wichtigste, mehr Information als Ornament, hebt sich das Brama Złota für die untere Hälfte auf. Im Schlußstein des Torbogens ist das Stadtwappen und in den Flächen um die Kapitelle der unteren Säulen sind Inschriften in großen goldenen Buchstaben. Die an der äußeren Seite ist auf Deutsch und lautet: „Es müsse wolgehen denen, die dich lieben, es müsse Friede sein inwendig in deinen Mauren und Glück in deinen Palästen Psa122.“ Damit vergleicht sich Gdańsk unbescheiden mit Jerusalem und wieso auch nicht. Die Inschrift richtet sich an die Ankommenden und wollte wirklich gelesen werden. Die an der inneren Seite ist auf Latein und lautet: „Concordia res publicæ parvæ crescunt, discordiæ magnæ concidunt“ (Durch Eintracht wachsen kleine Republiken, durch Zwietracht fallen große“. Sie war wohl eher eine Spielerei für gebildete Bürger der Stadt.

Mit dem 1612 errichteten Brama Złota repräsentierte sich Gdańsk in seiner Blütezeit als wichtigster Hafen der Rzeczpospolita (polnischen Adelsrepublik). Es ist ein Renaissancebau mit vollkommen menschlichem Maß, der Modernität und Weltoffenheit zeigen sollte. Es gehört heute mit großem Recht zu den berühmtesten Bauwerken der Stadt, mit deren steilen Backsteingotik ihre horizontalen Renaissanceformen jedoch nichts zu tun haben.

Dieses Brama Złota, dieses Goldene Tor nun steht in einer Linie mit dem weiter außen befindlichen Brama Wyżynna (Hohen Tor), doch man kann sie wegen der großen backsteinernen Turm- und Zwingeranlage zwischen ihnen kaum je zusammen sehen.

Sie sind auch so verschieden, daß sie auch verschiedenen Städten, Zeiten, Welten stammen könnten. Wo das Brama Wyżynna martialisch und grau ist, ist das Brama Złota zärtlich und hell. Wo jene abweisen und die Stärke der Stadt präsentieren will, will diese einladen und deren Kunstinnigkeit vorzeigen. Beide Tore wurden sogar in relativ geringem zeitlichen Abstand erbaut, aber sie dienten eben völlig verschiedenen Funktionen und zeigen das auch überdeutlich.

Zu einer Synthese finden die Gdańsker Tore der beiden Typen also nie, zu verschieden die Zeiten und Zwecke ihres Entstehens. Ihre beiden Höhepunkte aber sind ein Bau, der intim mit dem Gdańsk ausmacht verbunden ist – die Steinschleuse als Nichttor im Wasser – und einer, der radikal mit allem, was Gdańsk zuvor geprägt hatte, bricht – das Brama Złota. Irgendwo dazwischen ist Gdańsk.