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Französisches Gdańsk

Gdańsk und Frankreich haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Nur am Vorabend des zweiten Weltkriegs spielte die damalige Freie Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk eine prominente Rolle in nicht nur französischen Debatten. Was davon blieb, ist der letzte Satz eines Artikels des Politikers Marcel Déat, einer schillernden, sehr französischen Gestalt, die es vom unabhängigen Sozialisten und Pazifisten zum begeisterten Nazikollaborateur brachte. Er meinte in dem Text, vielleicht gingen die deutschen Forderungen zwar etwas weit: „Mais mourir pour Dantzig? Non.“ (Aber sterben für Danzig? Nein.)

Das war politisch so falsch wie rhetorisch großartig, denn es war wirklich nicht leicht zu argumentieren, daß Franzosen sehr wohl für eine obskure Stadt an der Ostsee sterben sollten. Nach dem Krieg wurde dann beschlossen, den zentralen Friedhof für die in Polen gestorbenen Franzosen im nunmehrigen Gdańsk einzurichten und es ist schwer vorstellbar, daß die dafür Verantwortlichen Déats Satz nicht zumindest im Hinterkopf hatten.

Der Friedhof liegt sehr versteckt in einem zentralen, aber dennoch abgelegenen Teil der Stadt am Rande  passenderweise des Wzgórze Focha (Foch-Hügels). Zwischen den Bäumen sieht man drei hohe Kreuze aus weißem Beton und einen Fahnenmast, an dem manchmal die französische Fahne hängt, aufragen. Man betritt ihn letztlich von hinten, neben einem Einfamilienhaus, und sieht zuerst ein weites Feld voller kleiner weißer Kreuze.

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Vor den drei hohen Kreuzen ist eine erhöhte Fläche, auf der links und rechts altarartige Steinblöcke stehen.

Direkt vor den Kreuzen ist im leicht schrägen Boden die Inschrift:

„À ses fils morts pour la France en Pologne/La République Française reconnaissante/1939-1945“ (Ihren für Frankreich in Polen gestorbenen Söhnen/Die dankbare Französische Republik/1939-1945)

Wenn man zwischen den kleinen Kreuzen geht, die durch den mittleren Weg und zwei Querwege in quadratische Felder aufgeteilt sind, spürt man nur, daß es viele sind.

Die kleinen Plastiktäfelchen nennen Name, Rang und Todesdatum. „Mort pour la France“ (Gestorben für Frankreich) steht jeweils darauf und das heißt auch: „Mort pour Dantzig.“

Sie weisen von den großen Kreuzen weg, was, wie die ganze Konzeption des Friedhofs, zeigt, daß sein Eingang eigentlich auf der anderen Seite sein müßte.

Man müßte erst das weite Gräberfeld durchqueren, vielleicht links und rechts ein paar Namen lesen, bevor man zu den großen Kreuzen und der zusammenfassenden Inschrift kommt.

So wäre es erst die pélerinage (Pilgerfahrt), von der eine kleine Tafel von 1965 in Bezug auf eine Reise ehemaliger belgischer und französischer Kriegsgefangener  spricht. Aber heute durchstreifen bloß noch die, die es wirklich sehr wollen, den ganzen Friedhof. Pilgerfahrten führen hierher keine mehr, die Gräber bleiben unbeachtet.

Dies gilt umso mehr für eine bestimmte Gruppe von Toten, die man auf dem leicht zu übersehenden Friedhof leicht übersehen kann. Inmitten der Kreuze stehen plötzlich andere Grabsteine.

Unten rechteckig, oben eine Art umgedrehte Herzform. Schon der Umriß läßt es erahnen und die Inschrift bestätigt es: arabische Soldaten muslimischen Glaubens. Auch sie „mort pour la France“, im oberen Teil des Grabsteins eine unklare arabische Inschrift. Auf dem Friedhof gibt es einige solcher Gräber, teils mehrere beisammen, teils einzeln. Wäre der Eingang noch dort, wo er sein müßte, könnte man sie nicht übersehen.

Meist sind es einfache Namen, X ben X, X Sohn des X, so wie es gewiß einfache Bauernsöhne aus Algerien, Marokko, Tunesien waren, die hier begraben sind. Die Frage, ob jemand für Gdańsk sterben solle, stellt sich in ihrem Fall noch einmal anders, denn sie starben für einen Staat, der ihnen nichts Gutes wollen konnte. Wie ihre Nachbarn unter dem Kreuz konnten sie sich auch nicht aussuchen, ob sie im Tod mit ihrer Religion assoziiert werden wollten, und beide konnten sich die Teilnahme an diesem Krieg nicht aussuchen. Dennoch war ihr Kampf ein guter. Für alle der auf diesem Friedhof Begrabenen gilt: „Mais mourir pour Dantzig? Pourquoi pas.“ (Aber für Danzig sterben? Wieso nicht.)

Alkmaarer Löwen

Daß Alkmaar sich in den Dreißigern entschloß, an die Ecke bei der Kirche beidseits einer Straße zwei riesige neogotische Backsteinklötze zu setzen, war selbstverständlich völlig reaktionär und damit für ein nordholländisches Provinzstädtchen ganz typisch.

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Daran ändert auch nichts, daß sie, das damalige Politiebureau (Polizeiwache) und das Bürogebäude Hooge Huys (Hohes Haus), nur im Vergleich zu den zwei, dreigeschossigen Häuschen der übrigen Stadt hoch sind. Daran ändert ebensowenig, daß die beiden Gebäude ihre neogotischen Bezüge einzig aus den hohen rechteckigen Fenstern, die mit grauem Stein abschließen, den grausteinigen Kranzgesimsen der überstehenden Satteldächer und vor allem den hohen Treppengiebeln beziehen, wobei beim rückwärtigen Giebel des Hooge Huys‘ der mittlere höchste Teil ein Schornstein ist.

Außer durch die Giebel sind nicht einmal die Vertikalen besonders betont und die Eingänge sind zwar unschön steinern, aber nicht weiter monumental. Statt gotisierender oder sonstiger Ornamentik trägt jedes der Gebäude einige Kunstwerke.

Über dem zur Kirche zeigenden Eingang in der Giebelseite des Politiebureau ist es ein recht konventionelles Relief des Alkmaarer Wappens – ein Turm auf einem von Löwen flankierten und mit einem Lorbeerkranz bekrönten Schild, darunter auf einem Band die Worte: „Alcmaria Victrix“ (Alkmaar die Siegerin).

Das Hooge Huys hat in der Mitte der Giebelseite eine runde Fläche, die ein schlechterer reaktionärer Architekt mit einem Rosettenfenster gefüllt hätte, dieser aber mit einem hellgrauen Steinrelief.

Auf ihm ist ein Pelikan, der in Rückgriff auf ein klassisches Mißverständnis biologischer Vorgänge, das zur Christussymbolik wurde, drei vor ihm sitzende Junge mit seinem eigenen Herz füttert. Die Szene ist frontal gezeigt und die aufgespannten Flügel der Pelikanmutter sowie die im Bogen sitzenden Pelikanjungen füllen den Kreis genau aus, während die Linien der vier zueinander zeigenden Schnäbel eine völlig regelmäßige ⅄-Form mit zusätzlichem Mittelstrich ergeben.

Bei seinem Ende hat das Hooge Huys einen zurückgesetzten Teil, so daß zum Nachbargebäude hin an der Straße ein kleiner Hof entsteht, und auf dessen beiden Torpfosten sitzen Löwenskulpturen aus hellem grauem Stein, die kleinere Wappenschilder halten. Das linke Wappen zeigt einen nach links blickenden roten Löwen mit gelber Zunge und gelben Krallen auf gelbem Grund, ist in der unteren Hälfte aber nur schwarz, das rechte zeigt denselben Löwen, aber ohne das Schwarz und mit einer horizontalen gelben Linie unterhalb des Kopfs. Wohl, weil hier Holland ist, mag man darin ein langsames Versinken im Wasser erkennen.

Die Löwenskulpturen, die spiegelbildlich die rechte beziehungsweise die linke Tatze auf die Wappenschilder legen, haben nichts von Wappentieren, sondern sind wie schon die Pelikane gehauen in einem zarten, leicht stilisierenden realistischen Stil, der das Weiche, Abgerundete, Fließende liebt, ohne es zu übertreiben.

Hier gelingt es, wappenschützende Löwen würdevoll und wachsam, aber ohne Aggressivität oder Brutalität zu zeigen, was  ausweislich einiger tschechoslowakischer Beispiele derselben Zeit nicht so selbstverständlich ist.

Diese Löwen sehen zwar nicht geradezu so aus, als ob man sie streicheln wollte, aber auch nicht, als ob sie einen gleich anspringen und fressen wollten.

Die bildhauerische Ausstattung des reaktionären Hooge Huys ist seiner Architektur somit weit voraus. Ihr liebenswerter Realismus erinnert am ehesten an spätere Kunst der sozialistischen Staaten.

Endgültig bestätigt wird das Können des belgischen Bildhauers Maurice Xhrouet durch ein horizontal sechseckiges Tonrelief, das unauffällig, fast versteckt im Backstein im Hof hängt. Es zeigt eine Henne, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln die Fläche ausfüllt und links und rechts ein Küken beschirmt.

Hier bekommt ein ganz alltägliches Tier eine stilisierte und symmetrische Form mit unaufdringlicher Symbolik. Vielleicht war es eine Vorübung für das Relief an der Giebelseite, die zugunsten der etwas repräsentativeren und viel bezugsreicheren Pelikanszene abgelehnt, aber wenigstens im Hof angebracht wurde. Wer weiß, was dieser Künstler erst bei besseren Auftraggebern vermocht hätte.

Als in anderen Teilen Alkmaars progressivere Architektur entstand, war die realistische Kunst schon verpönt und ein Xhrouet hätte wenig Chancen gehabt. Die Qualität der Kunstwerke ist wie eine Anklage an die Stadt, nicht schon in der Zwischenkriegszeit statt eines reaktionären Hooge Huys‘ Hochhäuser gebaut zu haben. Bis ins Zentrum kam die fortschrittliche Architektur auch nie so ganz, denn noch in den Sechzigern wurde neben den Hof des Hooge Huys‘ ein ähnlicher Backsteinbau, der Hof Van Teylingen, gebaut und das schlimme Erbe der Dreißiger fortgeführt wurde. Aber Xhrouets kleiner Zoo aus Pelikanen, Löwen und Hühnern tröstet über all das hinweg, ein klein wenig zumindest.

Ruinenspaziergang auf dem Datzeberg

Ganz am Rande des Neubrandenburger Wohngebiets Datzeberg beim Bogen von Uns Hüsung und Mudder-Schulten-Straße ist eine kleine Grünanlage, die mit den Großplatten abgerissener Wohngebäude aus der DDR gestaltet ist. Quer zwischen den beiden aufeinander zulaufenden Wegen liegen vier Fassadenplatten, auf deren Beton oder auf darauf angebrachten Holzflächen man sitzen kann, während die jeweils zwei Fensteröffnungen zu Hochbeeten wurden, aus denen Bäume wachsen.

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Einige der Platten zeigen nur die Kieselstruktur ihres Waschbetons, auf anderen sind große rechteckige Kacheln in Dunkelrot und Weiß. Kacheln in denselben Farben bedecken auch stelenartig aufgestellte Betonplatten am Anfang und am Ende der Grünanlage. Rechts, zum Hang hin, ist nur eine Bank aus einer Holzfläche vor einer versenkten Betonplatte. Links reihen sich eine schräg in die Erde gesetzte Platte aus glattem Beton mit Fenster- und Balkonöffnungen, eine Platte aus Waschbeton mit Fensteröffnungen und vier im Zickzack aufgestellte schmalere Platten mit einem vertikalen Muster aus orangenen Kacheln auf Waschbeton.

Wenn man vom Wohngebiet durch die Grünanlage geht, sieht man so die Entwicklung von der rohen Platte über den Waschbeton zur Kachelverzierung.

Und man sieht noch mehr, denn direkt hinter der orange-grauen Zickzackwand steht eines der L-Hochhäuser des Bezirks Neubrandenburg. Es besteht aus einem längeren elf- und einem kürzeren vierzehngeschossigen Teil, die im rechten Winkel zusammengefügt sind. Nach außen hat es Balkone mit einem horizontalen Muster orangener Kacheln, nach innen Fenster und jeweils einen mittig vorgesetzten Aufzugs- und Treppentrakt mit weißen Kacheln. Insbesondere aber sind die beiden Schmalseiten ganz von Kachelmustern bedeckt.

Aus einem eigentlich regelmäßigen Hintergrund aus vertikalen Streifen orangener und weißer Kacheln  treten komplizierte unregelmäßig gewellte Linienformen heraus, die an Wurzeln oder an Regentropfen, die eine Scheibe herunterrinnen, erinnern, gerade so, als wachse etwas über die Gebäudeseiten hinauf oder laufe an ihnen herunter. Hier werden die Kacheln vom Gebäudeschmuck zur abstrakten Kunst, die weit ins Wohngebiet und die flache Umgebung zu sehen ist.

Wenn man das Wohngebiet Datzeberg durchstreift, wird man die Betonplatten mit den Kacheln, die man in der Grünanlage als geschickt weiterverwendete Ruine kennenlernte, als lebendige Form an den Gebäuden wiedererkennen, denn viele von ihnen haben noch ihre Originalfassaden.

Wie der Name schon sagt, erstreckt sich die Bebauung des Wohngebiets auf dem Hügelplateau des Datzebergs im Norden der Bezirksstadt.

Seine Höhepunkte sind die L-Hochhäuser des beschriebenen Typs, von denen sich zwei am Ende sehr langer und leicht geschwungener fünfgeschossiger Gebäude am Hügelrand befinden, während vier an der zum Stadtzentrum zeigenden Ecke eine lockere Gruppe bilden.

Auf dem Hügel gelegen, mit den Hochhäusern als Türmen und den langen Gebäuden als Mauern, erweckt das Wohngebiet Datzeberg unweigerlich Assoziationen mit einer mittelalterlichen Burg.

In seinem Inneren jedoch gibt es weder Herrscher noch steinerne Enge. Zwischen den Gebäuden am Hügelrand bildet die fünfgeschossige Bebauung lange und offene, nie ganz rechteckige Höfe, um die sich die Straßen ringartig legen.

Wenn das Zentrum  des Wohngebiets heute etwas leer wirkt, dann weil ein Dienstleistungsgebäude und das zugehörige der L- Hochhäuser bereits abgerissen wurden. Auf der nunmehr zu großen und kahlen Grünfläche steht die Plastik einer Frau und eines Manns, die zwischen sich ein kleines sitzendes Kind in einem Tuch tragen.

Am Dach des Kaufhallengebäude sind halb noch die ursprünglichen Kunststoffwaben und halb rote Ziegel, im rückwärtigen Anbau sind ein Döner-Imbiß und eine Kneipe. Während das in der DDR geschaffene Zentrum abgerissen wurde, verblieb das desolate „Datzebergzentrum“ aus den Neunzigern, das bereits fast völlig leersteht und das zu erwähnen höchstens ist, weil sich so der hier befindliche Netto mit dem schwarzen Schnauzer direkt neben dem rot-gelben Netto in der Kaufhalle befindet.

Kindergärten und Schulen sind am Rand angeordnet, so daß ihre Höfe und Gärten am Hang liegen. Vor der Hochhausgruppe ist der Hang als Park mit großem Spielplatz und anderen Einrichtungen gestaltet, über die man zum Wohngebiet Reitbahnviertel im Tal blickt.

Es ist also ein recht typisches Wohngebiet aus der Blütezeit des Wohnungsbaus der DDR (erbaut zwischen 1976 und 1981), nicht außergewöhnlich, aber gelungen, etwas weit vom Zentrum entfernt, aber die topographischen Gegebenheiten großartig ausnutzend.

Aus Kirschner, Harald u. Uhl, Heidrun: Neubrandenburg, Leipzig 1989

Die Kachelmuster auf den nunmehrigen Hochbeeten der Grünanlage erkennt man an vielen der fünfgeschossigen Gebäude wieder: ein dunkelroter Rahmen um zwei Fenster und eine weiße Fläche zwischen ihnen.

Die Zickzackwand ihrerseits besteht aus ehemaligen Balkonbrüstungen, die dieselben Muster, nur eben horizontal, haben.

Wo abgetragene Gebäude, deren Einzelteile für die Grünanlage dienen, standen, erkennt man weniger an Lücken als an zu kahlen Wiesenstücken zwischen der Bepflanzung. Es ist ein wenig schade, daß die Großplattengrünanlage auf dem Datzeberg mit keinerlei Informationstafeln versehen ist. So wurde die Chance versäumt, die Ruinen nicht nur geschickt weiterzuverwenden, sondern didaktisch in einen Bezug zu den Gebäuden zu setzen, zu erklären mithin, was das eigentlich heißt: Plattenbau. Fast paßt es, daß sich nicht mehr herausfinden läßt, von wem sie im Jahre 2008 geplant wurde (ein paar Bilder aus der Zeit finden sich hier).

Neben den erhaltenen ursprünglichen Fassaden sind auch im Wohngebiet Datzeberg viele verändert, was vielsagende Kontraste schuf. Teilweise verschwanden sie unter Wärmedämmung.

Das kann aus ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden, insbesondere, wenn die neuen Fassaden bereits so verdreckt sind wie es Kacheln und Beton auch in weiteren vierzig Jahren nicht sein werden, aber immerhin erfüllt es eine eindeutige Funktion.

Anderswo wurden die Fassaden einfach in Pastellfarben übermalt.

Wo zuvor Beton mit Kachelmustern war, ist nun Beton unter einer dünnen Farbschicht und keinerlei Muster mehr. Das ist nichts anderes als so dummer wie trauriger Vandalismus, der durch keinerlei funktionale Erwägungen erklärt ist, er ist niedriger noch als das Graffiti, das immerhin als Ausdruck eines künstlerischen Impulses gelten kann. Auch auf so etwas hinzuweisen, könnte die Aufgabe der aus ihrer natürlichen Umgebung geholten Betongroßplatten der Grünanlage sein. Doch so viel mehr Potential sie auch hätte, sie ist das Beste, was den abgerissenen Gebäuden am Datzeberg passieren konnte.

Ein Spaziergang durch Ruinen ist ein jeder Spaziergang durch ein Wohngebiet der DDR in gewissem Maße, doch immer ist es auch schön zu erleben, wie viel Leben in diesen Ruinen noch ist.

Łobez – Zentrum

Das Zentrum von Łobez erstreckt sich beinahe bandartig etwa oberhalb des Flusses Rega. Zwei parallel verlaufende Straßen, von denen die weiter vom Fluß entfernte Niepodległości (Straße der Unabhängigkeit) die eigentliche Hauptstraße ist, ziehen sich hindurch und verbinden drei rechteckige Platzbereiche. Rechts, im Norden, ist der Bereich der Kirche, in der Mitte ist ein begrünter Platz am unscheinbaren historistischen Rathaus, links, im Süden, ist der längere Bereich des Stadtparks. Die Bebauung besteht etwa zur Hälfte aus überkommenen ein- oder zweigeschossigen Häuschen und zur Hälfte aus fünfgeschossigen fortschrittlichen Gebäuden. Daß letztere dominieren, liegt weniger an ihrer Zahl als an ihrer Größe und Höhe. Im Bereich der parallelen Straßen ist die alte Rasterstruktur weitgehend beibehalten, wofür die neuen Gebäude oft Läden im Erdgeschoß haben, erst abseits von ihnen wird sie aufgelockert.

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Dort sieht man dann die letzen Häuschen einer alten Straße aufgehoben zwischen neuen Gebäuden und ihren Grünflächen und an der leicht geschwungenen Komuny Paryskiej (Straße der Pariser Kommune) offene Zeilenbebauung.

Den ersten Weg vom Bahnhof nehmend geht man entlang der Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads) direkt auf den Bereich der Kirche zu, aber wenn man näher kommt, verschwindet der Turm erst einmal. Links stehen drei Punkthäuser oberhalb des Ufers und rechts ein Gebäude parallel zur Straße, die eine Art Tor zum Platz bilden.

Auf diesem ist die Kirche ringsum gerahmt von fortschrittlicher Bebauung. Ein Gebäude links der Obrońców Stalingradu mit Läden im Erdgeschoß, rechts von ihr und weiter in der Ecke der kreuzenden Niepodległości eine flache Ladenzeile, hinter der die Kirche aufragt, und ebenso auf deren anderer Seite, wo dahinter wieder Punkthäuser stehen.

Auch von Norden kommend öffnet sich der Blick zur Kirche erst nach einem leicht gestuft zurücktretenden Gebäude links und einem im Erdgeschoß aufgestützten rechts.

Die Kirche, die zumindest das höchste Gebäude des Zentrums blieb, ist ein neogotischer Bau, aber ein eigentümlicher, da er seine Formen einerseits den 1820er und andererseits den 1970er Jahren verdankt. Das hölzerne Maßwerk in den Fenstern des Turms erinnert daher geradezu an niederländische Architektur.

Von der älteren Stadtstruktur öffnen sich weiter südlich an der Niepodległości  zwei betonte Eingänge in den lockerer bebauten Teil. Der erste führt zwischen der aufgestützten Ecke eines Gebäudes und einem Beet mit großer Weide über eine breite Treppenanlage.

Der zweite ist eine Straße gegenüber dem Beginn des Parks, die rechts von einem Gebäude mit großem verglastem Erdgeschoßraum und links von einem Eckbau mit Läden flankiert wird. Dieser fünf- und sechgeschossige Eckbau, vielleicht das aufwendigste Gebäude aus sozialistischer Zeit in Łobez, ist einerseits beinahe Blockrandbebauung und hat oben leicht historisierende Dachschrägen, aber andererseits öffnet es sich mit einem Durchgang sofort zu einem großen rückwärtigen Grünbereich und hat jenseits der Schrägen große Dachterrassen.

Am Parkrand, direkt gegenüber dem beschriebenen Gebäude, steht schließlich ein Denkmal für die Befreiung. Es ist so etwas wie das säkulare Heiligtum der Stadt. Seine weiße Steinskulptur zeigt einen halbnackten bärtigen Mann mit aufgestütztem Schwert und Schild, über dem ein moderner Soldat mit ins Abstrakte verschwimmendem Körper und leicht nach oben gewandtem Kopf und geöffnetem Mund erwächst.

„Byliśmy, jesteśmy, będziemy“ (Wir waren, wir sind, wir werden sein) steht auf dem schmalen eckigen Sockel. Links daneben ist eine kleinere Stele in der Form eines schmalen Pyramidenstumpfs, auf der eine stilisierte Flammenschale und Grunwaldschwerter aus Blech sind, während oben in einer Schale tatsächlich eine Flamme brennen könnte. Am Rande des gepflasterten Bereichs des Denkmals stehen auf einer steinernen Tafel weiterhin die wichtigen Worte: „Żołnierzom polskim i radzieckim poległym w walce o wyzwolenie i przywrócenie ziemi łobeskiej do macierzy“ (Den polnischen und sowjetischen Soldaten, die im Kampf um die Befreiung und die Wiedereingliederung des Łobezer Lands in das Mutterland fielen).

Einzig der gekrönte Adler am Sockel ist eine neuere Ergänzung. Um das halbrunde Ende der Fläche verläuft ein Weg mit Bänken, von denen man auf die von hinten gänzlich abstrakte Skulptur, die Mieczysław Welter 1968 schuf, und in die neue Stadt blicken kann.

Man kann Łobez als eine typische polnische Kleinstadt verstehen. Kennzeichnend ist die konsequente Verbindung von Altem und Neuem in einem allerdings weitgehend vom Alten vorgegebenen Rahmen. Im Zentrum sind die Straßen die wichtigsten Wege, was in Łobez nur deshalb kein größeres Problem ist, weil es kaum Durchgangsverkehr gibt. Ärgerlich wird die konservative Orientierung an der Straße aber etwa bei der Ladenzeile in der Ecke bei der Kirche, hinter der grundlos ein nicht nutzbarer Unort geschaffen wurde, eine traurige Verschwendung städtischen Raums. Daß die Planer durchaus über die Straße hinauszudenken vermochten, zeigen der großartige Weg zwischen Bahnhof und Zentrum, der Park an der Rega und die offenen Bereiche abseits der Hauptstraße. Im besten Fall ergänzen und stärken Alt und Neu einander, werden einzelne alte Gebäude zu Akzenten in der neuen Stadt.

Der Vorwurf könnte nun lauten, daß das nur Zufall sei und bloß abgewartet worden sei, bis alle alten Gebäude abrißreif sind. Dagegen spricht etwa ein Betonlaubengang als Verbindung zwischen dem verglasten Sockelbau des neuen Gebäudes rechts der beim Park abzweigenden Straße und der Brandmauer eines alten, unter dem es in den gemeinsamen Grünbereich geht.

Die selbstbewußte, wenn auch manchmal zu zurückhaltende Einfügung des Neuen ins Alte, die Schaffung eines Wohngebiets mitten im Stadtzentrum, ist auf jeden Fall ein großer Gewinn für die Stadt. Sie ist kompakt, ohne eng zu sein, allzeit belebt, ohne voll zu sein, und hat kurze Wege, ohne monoton zu sein. Łobez hatte vermutlich Glück, daß sich in ihm alles so harmonisch und leicht zusammenfügt, die natürlichen Gegebenheiten wie die alte Stadtstruktur boten die besten Voraussetzungen. Wenn man die Stadt also nur nach ihrem Bahnhof beurteilen würde, läge man ganz richtig.

Łobez – Bahnhof und Wege ins Zentrum

Eine Stadt nach ihrem Bahnhof zu beurteilen, ist durchaus kein schlechter Ansatz. Łobez im spärlich besiedelten polnischen Nordwesten kann einem daher gefallen, noch bevor man es betreten hat.

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Sein Bahnhof ist ein Bau aus sozialistischer Zeit mit einem zweigeschossigen Trakt rechts und einem langen Flachbau links. Der höhere Teil hat konventionelle Fenster, die im ansonsten ockerfarbenen Putz durch rötliche Farbe zu Paaren zusammengefaßt sind, und zu den Gleisen hin ein sehr flaches Satteldach, das durch eine vorstehende Bordüre etwas vom übrigen Baukörper abgesetzt ist. Der flache Teil ist unter einem dünnen Vordach etwas zurückgesetzt und hat erst ganz links normale Räume, deren nach links weisendes Dach dem des höheren Teils entspricht. In der Mitte aber sind große Fenster und die Glastür des Wartesaals. Oben rechts in der der zu den Gleisen zeigenden Seite des höheren Teils steht in deutlich vor die Fassade gehängten Metallbuchstaben der Ortsname: Łobez.

Die dafür gewählte serifenlose Schrift ist mit fast rundem O und ansonsten schmalen Buchstaben so sachlich und zugleich charakteristisch wie der gesamte Bahnhof. Doch er begnügt sich nicht damit, den Namen seines Orts zu nennen, sondern bietet mit großen Stadtplänen und Umgebungskarten unter dem Vordach neben dem Wartesaal weitere Informationen. Der Boden des Wartesaals hat innerhalb eines roten Streifens an den Rändern ein großes grau-schwarzes Karomuster, während die Wände und die Decke neu gestrichen sind und bizarrerweise auch die aus schwarzem Stein bestehende Theke vor den, geschlossenen, Schaltern mit billigen Baumarktfließen verkleidet wurde.

Als in der Mitte durchlässige und durchsichtige Verbindung zwischen Bahn und Stadt sieht der Bahnhof bis auf die beiden gleisseitigen Metallstützen des Vordachs und die Fenster des hohen Teils von beiden Seiten identisch aus.

Ebenfalls noch vor der Stadt selbst sieht man die Umgebung des Bahnhofs. Ein großes Getreidesilo erhebt sich mit einer langen Reihe von Doppelzylindern aus Beton und einer Ahnung von rotem Putz jenseits der Gleise.

Ist der Bahnhof ein zierlicher und spezifisch Łobezer Bau, so ist das Silo ein Typenbau, wie er auch in Polen auf dem Land von der Industrialisierung der Landwirtschaft erzählt. Weiter rechts neben dem Bahnhof steht dann ein langer backsteinerner Lokschuppen, ein Funktionsbau aus einer früheren Zeit des Bahnwesens mit hohen rundbögigen Fenstern und von innen rußgeschwärztem Satteldach, den man heute besichtigen kann, weil in ihm ein Trödelladen mit Ware aus Deutschland ist.

Links des Bahnhofs ist eine kleine Grünanlage mit hohen Bäumen und einem alten rotweißgestreifen Fahnenmast aus Holz, in der früher gewiß auch Bänke standen.

Vor dem Bahnhof verläuft nach einer kleinen Straße ein Parkstreifen, in dem links ein achteckiges Brunnenbecken und der kleine Busbahnhof sind.

Er ist ein Bild der Einfachheit: ein Dach aus milchig gelbem gewelltem Kunststoff entlang der drei Bahnsteige und etwas höhere über diesen, eines davon grün, dazu eine kleine Bude für den Fahrkartenverkauf und ein asphaltierter Platz.

Ins Zentrum, dessen Panorama man über den Park bereits vom Bahnhofssaal sieht, gibt es nun zwei deutlich verschiedene Wege. Der erste  führt rechts an der größten historistischen Villa der Stadt, einem ansatzweise jugendstiligen Mietshaus und der preußisch-backsteinernen Post vorbei und mit der leicht abschüssigen Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads)  zum Fluß Rega hinab und ins Zentrum hinein. Die Straße trug diesen Namen noch bis vor kurzem, noch auf der Karte am Bahnhof, noch auf einer Supermarktreklame am Stadtrand.

Ein weiterer Versuch, aus dieser bürgerlichen Repräsentationsstraße eine sozialistische zu machen, stellt ein großes Wandbild, das von der Brandmauer des Jugendstilbaus über einen kleinen Kreisel zur Stadt zeigt, dar.

Auf ihm ist rechts ein aus dicken schwarzen Linien und einfachen Recht- und Dreieckformen zusammengesetztes lächelndes Männchen, von dessen gelüftetem Hut nach links ein regenbogenartiger Kreis mit vier Orange- und Gelbtönen ausgeht. In dessen weißer Fläche steht: „Rzemiosło Łobza świadczy usługi dla ludności, rolnictwa i gosp. uspołecznionej oraz – szkoli nowe kadry“ (Das Handwerk von Łobez erbringt Dienstleistungen für die Bevölkerung, die Landwirtschaft und die vergesellschaftete Wirtschaft und – schult neue Kader). Im Bauch des Männchens ist dazu noch schwach das weiterhin gebräuchliche Hammerlogo des Handwerkerverbands zu erkennen.

Das Wandbild ist ein Beispiel einer spezifisch polnischen Werbegrafik, die auch in einer Kleinstadt nicht fehlen darf.

Der zweite Weg führt links des Grünstreifens über eine Straße und durch eine breite Lücke der niedrigen, teils noch in Fachwerk ausgeführten Bebauung hinab zur Rega, wo eine kleine Fußgängerbrücke folgt.

Das Flußufer ist bis zur nächsten Brücke links und noch über die rechte Brücke der Obrońców Stalingradu hinaus als Park gestaltet. Zu den Mäandern des breiten und flachen, aber gut kajakgeeigneten Flüßchens kommen Bäume, Bänke und große halbabstrakte Betonplastiken.

Der Park an der Rega ist das grüne Herz der Stadt, ein Ort der Verbindung zwischen verschiedenen Stadtbereichen. Der vom Bahnhof abseits der Straßen zu ihm und weiter ins Zentrum führende Weg ist der neue, der sozialistische, und er braucht dazu keinen sozialistischen oder überhaupt einen Namen.

Erkundungen auf Friedhöfen: Das A und Ω des Graffiti

Auf einem der Friedhöfe der Jerusalems- und Neuen Kirche am Halleschen Tor in Berlin findet sich die Gruft der Familie Prächtel, die schön zeigt, was in Preußen so gebaut wurde, als anderswo der Jugendstil herrschte und schon manchmal über ihn hinausgegangen wurde. Der ganze Bau von 1904 besteht aus rauhen grauschwarzen Steinquadern und ist vertikal strukturiert. Um den Eingang sind glatte grauschwarze Streben mit angedeuteten Kapitellen, die nach oben hin näher aneinanderrücken und einen dreieckig endenden Steinblock tragen. Das Dach steht deutlich über und oben ragen zwei Zapfenornamente aus ihm, bevor es als Stufenpyramide ansteigt und in etwas endet, das gut als Altar für Menschenopfer dienen könnte. Nie war der Tod tödlicher als in dieser präfaschistischen Todesarchitektur und man muß froh sein, daß die schweren dunklen Pforten ins Gruftinnere verschlossen bleiben.

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Bloß in zwei quadratischen Feldern oben an der Vorderseite sind zwei Mosaike, die auf braungoldenem Grund in grünen Kränzen ein A und ein Ω in Blau zeigen. Auf dem linken Kranz, um den sich ein blaßlila Band windet, sind weiße Rosenblüten und auf dem rechten, der ein lila-weißes Band hat, kleine lila Beeren. Diese Mosaike bringen etwas Zartheit und Licht in das aggressive und dunkle Gebäude.

Passenderweise sind es genau die Farben der Mosaike – Weiß, Grün, etwas Blau und Braungold – die im Spätsommer 2019 auch das Graffiti an der rechten Seite hat. Es sind nur vermischte, scheinbar beliebig von der Friedhofsmauer aus gesprühte Tags, aber sie sind genau wie die Mosaike und auf derselben Höhe in einem vertieften Feld zwischen den dunklen Steinen angeordnet, so daß sie ihnen ganz entsprechen.

Ob Zufall oder nicht, für die Gruft sind Mosaik und Graffiti ähnlich wichtig und es ist auch wirklich nicht zu sagen, was davon das wertvollere Kunstwerk ist, wobei das nicht als großes Lob für eines von beiden mißzuverstehen ist.

Johannes von Nepomuk aus Blech

Während die gotische Kostel Nejsvětější Trojice (Dreifaltigkeitskirche) am zentralen Rand des ostböhmischen Hostinné mit weißgetünchtem Körper, mit Strebepfeilern, Rahmen und Simsen aus rotem Sandstein und mit schwarzen Schieferdächern vielleicht auch am Main, wo dieser Stein so typisch ist, stehen könnte, ist das barocke Portal in der umgebenden Mauer nur in einem der Kernländer der Gegenreformation wie Böhmen denkbar.

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Es ist im eigentlichen Sinne ein Gebäude für sich, daß von der Kirche hinter sich nicht viel weiß, nicht wissen will, und auch mit der Mauer nur aus Notwendigkeit verbunden ist.

Man könnte sagen, daß das große Tor eben von hohen Pfosten gerahmt ist, die jeweils drei eckige dorische Säulen, die mittlere weiter vorne als die anderen, imitieren und auf denen auf weiteren kapitellartigen Podesten zwei Heiligenfiguren zwischen kleinen Engeln stehen.

Doch das hieße, den barocken Kern des Portals zu übersehen, der darin besteht, daß die Mauer weit links und rechts der Pfosten mit Voluten langsam ansteigt, sich im sanften Schwung über kleine seitliche Tore legt und erst danach an die unteren Kapitelle der Pfosten anschließt. Über den seitlichen Toren sind schmale dreieckige Nischen, deren Unterseiten von den steinernen Torrahmen gebildet werden, während die parallel zur ansteigenden Mauern verlaufenden Oberseiten und die schmalen vertikalen Verbindungsseiten ganz aus geschwungenen Formen mit Voluten bestehen. Durch diese Nischen, die früher vielleicht Öffnungen waren, werden die zur Mitte hin ansteigenden Linien gleichsam von der eigentlichen Mauer losgelöst als wollten sie abheben. Wiewohl bei weitem nicht bis ganz nach oben reichend, mildert dieser Schwung die Vertikalität der Pfosten deutlich. In seiner Mitte sitzende Engel, deren Blick schräg nach oben zu den Gruppen auf dem Pfosten geht, vermitteln zusätzlich zwischen dem Betrachter und den Skulpturen.

Auch die oben stehenden Heiligen aber sind nicht der Höhepunkt, sondern nur Teile des Ganzen. Links mit nach oben gewandtem Blick, hochgerecktem Kruzifix und verzückt auf die Brust gelegtem Arm ist es vermutlich Norbert, dem die sitzenden Engel Bischofshut und -stab tragen. Rechts in ein aufgeschlagenes Buch in ihrem Arm zeigend ist es vermutlich Dorothea, der ein Engel einen Korb mit Apfeln hält. Sie bereiten das Folgende nur vor, weshalb sie schräg zur Mitte geschwungen stehen als werden sie von der Aufwärtsbewegung der Architektur mitgerissen. Die konkreten wie gedachten aufsteigenden Linien der steinernen Seitenteile werden in der Mitte über dem großen Tor von einer ornamentierten Metallkonstruktion fortgesetzt. Und an ihrem höchsten Punkt steht, nein, schwebt Johannes von Nepomuk.

Er hat eine selbst für diesen Heiligen ungewöhnlich exaltierte Haltung mit einer nach unten und einer nach oben abgespreizt ausgestreckten Hand, weshalb er auch keine Attribute halten kann und einzig am fünfsternigen Heiligenschein zu erkennen ist. Wie er den Höhepunkt der fließenden Linien bildet, scheint er auch aus den männlichen und weiblichen Heiligen neben ihm zusammengeflossen. Dennoch bleibt ob der verwaschenen Farben seines Bildnisses eine kleine Unsicherheit, ob nicht doch Maria gemeint ist, denn sogar für den Barock könnte die Pose vielleicht zu feminin wirken. Wie Johannes von Nepomuk und Maria ja ohnehin ganz fluid geschlechterübergreifend changierende Heilige sind, scheint es ebenfalls möglich, daß sich im Laufe der Jahrhunderte etwas vermischte.

Der Johannes von Nepomuk nämlich, der dieses barocke Portalbauwerk krönt, besteht aus Blech. Sein Körper ist auf eine dünne Platte in seinen (oder ihren?) Umrissen gemalt und schon von hinten, wo die Metallkonstruktion das Blech hält, ist er als bessere Schießbudenfigur zu erkennen.

Ob das die ursprüngliche barocke Version dieses Toraufbaus ist, läßt sich kaum mehr sagen, aber falls sie die Zeiten nicht überdauerte, würde es nicht erstaunen. Der heutige blecherne Nepomuk mag traurig erscheinen, aber er paßt durchaus zum Barock, der die Vorspiegelungen und Kulissen liebte, und zu Hostinné, wo die Umgebung der Kirche von heute verfallenden Fabrikhallen umstellt ist. Und obwohl er nur aus Blech ist, schmälert er auch die triumphal ansteigende, aber immer menschliche Form des steinernen Portals nicht. Er ist trotzdem keine Enttäuschung, sondern ein völlig angemessen barocker Höhepunkt.