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Maria in Drag

Wenn die Dreifaltigkeitssäule auf dem Zelný trh (Krautmarkt) in Brno nur Jesus, den heiligen Geist und Gott zeigen würde, wäre sie immer noch das bessere der beiden barocken Kunstwerke auf diesem Platz.

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Aber angesichts des unsäglichen Steinhaufens von einem Brunnen weiter unten auf der ansteigenden Platzfläche ist das kein großes Kompliment.

Budík, Miloš u. Samková, Eva: Brno – v 80 barevných fotografích, Praha 1976

Die Darstellung der Dreifaltigkeit, bei der Jesus und Gott nebeneinandersitzen und der heilige Geist als Taube in einem Strahlenkranz zwischen ihnen schwebt, ist eben weit weniger interessant als die das Gnadenstuhls, bei der Gott den gekreuzigten Jesus zwischen den Beinen hält. Sie wirkt eher wie ein Kaffeekränzchen bei Sonnenuntergang, während die zweite wirklich eine Ahnung vom komplizierten Einswerden dreier Teile, von Dreifaltigkeit, gibt. Auch hier, wo die beiden auf dem großen ionischen Kapitell der Säule und Wolken sitzen, während die Strahlen und die Taube an einem weiteren Teil, durch den die Säule eher zum Obelisk wird, hängt, wird das nicht anders.

Aber da ist noch mehr. Auf dem Sockel vor der flachen puttenbehafteten Säule stehen zwei weitere Figuren: vorne Maria, hinten Johannes von Nepomuk. Diese beiden Heiligen so nah beieinander, Rücken an Rücken, zu sehen, macht ihre Gemeinsamkeiten ungewöhnlich deutlich.

Für sich genommen sind die beiden Skulpturen ganz typisch. Maria in verzückter Verrenkung, die rechte Hand etwas nach unten ausgestreckt, die linke Hand auf der Brust, unter ihr die Weltkugel mit zertretener Schlange.

Johannes von Nepomuk in ganz ähnlicher Verrenkung, Kruzifix und Palmwedel im rechten Arm, die linke Hand seinerseits auf der Brust.

Was sie verbindet, sind ihre Heiligenscheine. Marias hat viele Sterne, Nepomuks nur fünf. Aber sie sind die einzigen beiden Heiligen, deren Heiligenscheine Sterne haben. In dieser Hinsicht steht Johannes von Nepomuk nur wenig unter Maria, der Mutter Gottes. In Brno stehen sie sogar auf einer Stufe, deutlich über den beiden anderen Heiligen, die links und rechts niedrigere Sockel haben.

Die Erbauer der Säule waren sich sicher bewußt, was sie taten, als sie beiden so heraushoben und beisammen zeigten. Ihnen würde es wohl zu weit gehen, würde man in Johannes von Nepomuk eine zweite Maria, eine Maria in Drag sehen wollen, und die beiden zusammen als eigentümliche Zweifaltigkeit. Aber heute ist es schwer, das nicht zu sehen.

U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

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So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagereks, wohl nach der Familie des ersten Eigentümers benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

Das neualte Hradec Králové

Die eigentümlichsten Gebäude in Hradec Králové stammen aus einer Zwischenzeit: den frühen zwanziger Jahren. Sie füllen einige Straßenzüge jenseits der Elbe gegenüber der Altstadt. Was genau an ihnen so eigentümlich ist, läßt sich zuerst kaum sagen. Es ist Blockrandbebauung, die Formen sind mit allerlei reduzierten Streben und Pilastern an historischen Mustern orientiert, ohne direkt historistisch zu sein – das sieht man häufig.

Plötzlich aber merkt man, was nicht stimmt: die Bebauung ist zu einheitlich, zu gleichmäßig. Eine ganze Straßenseite, noch eine Querstraße, vielleicht sogar die gegenüberliegende Seite können von Gebäuden mit den gleichen Schmuckformen eingenommen werden. Vielleicht gibt es Variationen, doch die bemerkt man kaum. Diese Einheitlichkeit paßt nicht in die kapitalistische Stadt, wo üblicherweise kein Gebäudes dem daneben gleicht, da jedes entsprechend den Wünschen eines privaten Eigentümers gestaltet wurde.

Die Erklärung dafür, daß es in diesem Teil von Hradec Králové anders ist, liegt eben in der Zwischenzeit, in der er entstand. Die Stadterweiterung von der Altstadt in Richtung der Arbeitervorstadt beim Bahnhof hatte in der österreichischen Zeit nur zaghaft begonnen, wie etwa die Jugendstilbauten in der Straße Havlíčková zeigen. Die sehr junge Tschechoslowakei forcierte sie dann. Die Entstehung dieses neues bürgerlich-demokratischen Staates aus den Resten der alten Monarchie erweckte Hradec Králové, sie war sogar wichtiger als es die nicht lange zurückliegende Schleifung der Festungsmauern. Vielleicht wegen Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, sicher aber auch durch massive Förderung durch Stadt und Staat, galten dabei für eine Weile die üblichen kapitalistischen Gesetze nicht mehr und es entstanden diese großen einheitlichen Straßenzüge.

Was so in sehr kurzer Zeit entstand, war jedoch keineswegs eine neue Architektur oder Stadtplanung. Die Blockrandbebauung, die Straßenstruktur und der Masarykovo náměstí (Masaryk-Platz) in der Mitte wären auch zehn Jahr zuvor unter österreichischen Bedingungen nicht anders geworden. Bloß hätte der Platz schon zu dessen Lebzeiten nach dem Kaiser gehießen statt nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk – ebenfalls zu dessen Lebzeiten.

Auch die Formen der Gebäude sind nicht eigentlich neu. Die einzige Sorge der Architekten scheint die Anordnung der Ornamente und Skulpturen zu sein. Sie finden dabei auch interessante Lösungen, wie etwa bei dem genannten großen Gebäude an den Straßen Klumparová und Střelecká. Seine Fassade ist von horizontalen und vertikalen dreieckig vorragenden Streben strukturiert und in einigen der dazwischen entstehenden Flächen sind Skulpturen, durchaus aber nicht in allen.

So haben die Skulpturen hier keine herausgehobenen Plätze, sondern müssen sie sich in der Fassadenstruktur gleichsam erst suchen. Ähnlich ist es bei einem anderen Gebäude, wo die angedeuteten Pilaster Vertiefungen sind, in denen Fruchtkörbe und nackte Frauen aus Stein stehen wie auch wirkliche Frauen oder Körbe stehen könnten.

Es ist, als würde hier ein Realismus in der Fassadengestaltung gesucht, den nie jemand vermißt hatte.

Letztlich ist dieser Teil damit eine bruchlose Fortführung des in den österreichischen Ländern so starken Postjugendstils der Vorkriegsjahre. Aber eben nicht von dessen fortschrittlichsten Aspekten. Er ist nicht Otto Wagner oder jedenfalls nicht Otto Wagner von 1910, sondern bestenfalls einer seiner mediokreren Schüler von 1890. Er ist eine verpaßte Gelegenheit, eine verspätete Fortführung des 19. Jahrhunderts in Städtebau wie Gebäudeformen. Doch die Zwischenzeit, in der er entstand, dauerte auch in Hradec Králové nicht lange, es wurde in ihr bloß ungewöhnlich viel gebaut.

Direkt an diese Bebauungt angrenzend, gar nicht weit vom Masarykovo náměstí, entstand ein weiterer Platz. Er bildet ein langgestrecktes Rechteck entlang einer großen Straße, die auf die Altstadt zuführt.

Die Eckbauten beidseits der Straße sind jeweils besonders hervorgehoben. An der näher bei der Altstadt liegenden Seite sind es mächtige sechsgeschossige Gebäude, die mit ihrer schnörkellosen kubischen Form, ihrem weißen Putz und ihren großen quadratischen Fenstern schon ein enormer Kontrast zur vorigen Bebauung sind.

An der anderen Seite sind es Hochhäuser oder wären das gerne.

Nach einem zweigeschossigen Sockel mit heller Steinverkleidung und großen Glasflächen markiert ein umlaufendes Vordach den Übergang zu fünf weißgetünchten Geschossen. Die Ecken des ansonsten kubischen Baukörpers sind dadurch betont, daß im dritten bis fünften Geschoß zur Straße hin ein abgerundeter Erker vorgesetzt ist, auf dem oben eine kleine Terrasse ist.

Diese Eckbauten sind Tore, durch die man die Vergangenheit verlässt und in die kapitalistische tschechoslowakische Gegenwart tritt.

Der Platz ist dann geprägt von nur zwei weiteren Gebäuden. Das erste steht in der Mitte der Seite, wo die Straße verläuft. Eine Verkleidung aus Sandsteinplatten, die Seiten satteldächig an die unscheinbaren Nachbarbauten anschließend, in der breiten Mitte ein vorgesetzter Erdgeschoßteil mit Balkon, der zwar stark verglast ist, aber eher durch den ihn rahmenden glatten Sandstein wirkt, darüber hohe vertikale und ebenfalls von glattem Sandstein gerahmte Fenster, zwei weitere Geschosse, die schon über den Beginn der Satteldächer hinausragen, und eine große horizontale Giebelfläche, in deren Mitte ein großes Sandsteinrelief hängt. Es zeigt allerlei Geschäftigkeit, die die Textilproduktion darstellen soll, unter dem Schutz von Merkur, dem Gott des Kapitalismus.

In dem Gebäude saß die Verwaltung des Textilunternehmens Steinský-Sehnoutka und es ist auch ein recht typisches tschechoslowakisches Bürogebäude seiner Zeit. Sein reduziert monumentaler Stil ist einer, mit dem sich konservative Teile des Kapitals immer gern schmücken.

Das wichtigste Gebäude des Platzes steht an seiner anderen Seite und es nimmt sie vollständig ein. Auf einem Sockel aus einem Erdgeschoß mit Geschäften, Vordächern aus Beton und Glasbausteinen und einem gänzlich verglasten zweiten Geschoß sitzen drei Geschosse mit horizontalen, fast schon als Bändern wirkenden Fenstern.

Es ist ein äußerst sachlicher und schlichter Bau, der in vielem das Gegenteil des Textilpalasts gegenüber ist. Vertikales fehlt hier völlig. Wollte man Ansätze von klassischer Monumentalität, so vielleicht darin, daß es symmetrisch aufgeteilt ist, ein weiter Teil des Obergeschosses leicht vorgesetzt ist, das Dach dort leicht übersteht und über dem in der Mitte liegenden Eingang ein großes Steinrelief ist.

Aber gerade die Eingangssituation zeigt den Kontrast zum gegenüberliegenden Bau. Glasflächen in einem mit glattem schwarzen Stein verkleideten Rahmen, darüber das Relief mit sechs allegorischen Figuren, darunter wieder Merkur, die teils Atlanten für den überstehenden Teil eher zu spielen scheinen, wie eine der beiden Frauen in der Mitte spielerisch mit einem geflügelten Rad über den halben Erdball zwischen ihnen zu fahren scheint. Während man hier noch aufblicken muß, hat man im Foyer direkt vor sich ein großes Glasbild, das in unaufdringlichem Realismus Szenen des Reisens mit der Eisenbahn, aber auch mit dem Schiff und sogar dem Flugzeug zeigt.

Monumental ist dieses Gebäude nur durch seine schlichte Länge und seine dominante Position auf dem Platz. Als eine Art horizontales Hochhaus ist es untrennbar mit der Platzfläche verbunden, beinahe ist es der Platz.

Kein Privatunternehmen, sondern die ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen), also der Staat selbst repräsentierten sich so. Der Platz hieß und heißt wieder Ulrichovo námestí (Ulrich-Platz) nach dem Bürgermeister František Ulrich, der über die Systeme hinweg von 1895 bis 1929 amtierte und entscheidend für die rasante Entwicklung der Stadt in der jungen Republik verantwortlich zeichnete.

Zwischen den beiden Plätzen, dem aus der Zwischenzeit und dem aus der reifen tschechoslowakischen Republik, liegen keine zehn Jahre. Von der Vergangenheit löste sich Hradec Králové was die Gebäudeformen anging also schnell. Noch immer aber blieb es der Blockrandbebauung verhaftet. Es entstand eine bemerkenswerte neualte Stadt. Und nur wenig später begann Hradec Králové gar, wahrhaft neu zu werden.

Ein Gebäude in Türkis

„Kommunistische“ Architektur sei grau, hört man oft. Dem gegenüber steht dann implizit die Buntheit des Kapitalismus. Völlig falsch ist das, wie die meisten anderen Vorurteile, nicht. In der Tat baute die fortschrittliche Architektur des Sozialismus gerne mit rohem grauen Beton. Doch das tat die fortschrittliche Architektur des Kapitalismus ebenfalls und es ist auch nicht ersichtlich, was am vielfältig nuancierten Grau von Beton schlechter sein sollte als etwa an dem Grau von Stein. Überdies liebte der Sozialismus auch die Farbe. Ein schwer zu übersehendes Beispiel steht in Brno an der Hněvkovského (Hněvkovský-Straße), einer großen Ausfallstraße im Süden.

Alle Gebäude dieses Bürokomplexes sind ganz und gar nicht grau, sondern türkisgrün. Sie verdanken das einer Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln, deren heller türkisgrüner Grundton von unregelmäßig eingestreuten dunkleren Kacheln variiert wird.

Es ist wirklich zuerst die Farbe, die man an diesem Gebäude sieht, so stark wirkt sie, ohne dabei grell zu sein. Sie begleitet einen auch, wenn man sich die Zeit nimmt, die Architektur näher zu erkunden.

Der Mittelpunkt ist ein parallel zur Straße stehendes neungeschossiges Bürohochhaus. Seine Breitseiten haben außer der Verkleidung nur Fensterbänder, doch etwas neben der Mitte sind Treppenhäuser leicht vorgesetzt. Sie haben nur an den Schmalseiten schmale Fenster und wirken so als vertikale türkisgrüne Streifen, die die vorherrschenden Horizontalen durchschneiden. Das oberste Geschoss ist fensterlos und mit vertikal strukturiertem dunklen Metall verkleidet. An der südlichen Schmalseite ist ein weiteres Treppenhaus, das aber im Gegensatz zu den anderen weit vorgesetzt ist und dank Glasflächen an den Breitseiten völlig transparent wirkt. Es mag an der alles bestimmenden Farbe liegen, daß das Glas einen leichten Türkisstich zu haben scheint. An der zur Stadt zeigenden nördlichen Schmalseite ist bloß in der Mitte ein vertikales Fensterband. Doch diese flankierend und dann wieder außen ist die Verkleidung in zwei breiten Streifen leicht vorgesetzt, so daß über dem transparenten Erdgeschoß die Vertikalen stark betont sind.

Der zweigeschossige Sockelbau verläuft erst parallel zur Straße, dann quer, wo mittig das Hochhaus an ihn stößt, und dann wieder parallel. Das Erdgeschoß hat dabei im letzten L-förmigen Teil große Schaufenster, während die Obergeschosse nur links und rechts deutlich zurückgesetzt aufragen. Durch vorgesetzte vertikale Verkleidungsstreifen, die denen der vorderen Schmalseite des Hochhauses entsprechen, wirken sie skulptural und wie vom Erdgeschoß losgelöst.

An der Ecke zu einer großen Querstraße rahmt dieser Sockelbau den kleinen Mariánské náměstí (Marienplatz). Er ist heute zuerst Parkplatz, doch in seiner Mitte ist noch immer ein runder Brunnen mit einer hohen stählernen Skulptur. Sie besteht aus zu einem Kreis angeordneten Scheiben, die oben treppenartig vorspringen.

Es ist ein abstraktes Kunstwerk, wie es für die Tschechoslowakei typisch ist. Zu den einfachen, aber markanten Formen und der Farbe des Gebäudes paßt es gut, während zum Namen des Platzes, vielleicht nicht zufälligerweise, kein Zusammenhang zu erkennen ist.

An der Südseite des Hochhauses führt ein verglaster Brückentrakt im zweiten Geschoß zu einem weiteren dreigeschossigen Bau, der mit seinen konventionellen Fensteröffnungen ganz banal wäre, wäre nicht auch er türkisgrün verkleidet und ragten aus dem Dach nicht mehrere große Parabolantennen.

Ein weiterer Brückentrakt verbindet dieses Gebäude mit einer quer zur Straße stehenden Halle.

Ihre hohe Schmalseite scheint ein einziger türkiser Block zu sein, auf dem leicht zurückgesetzt das Dach auf milchigen Glasflächen zu schweben scheint. Es ist erst flach, steigt aber dann in Richtung Hochhaus schräg an und seine Seiten – sind türkis verkleidet.

An der Seitenwand der Halle ist ein weiteres abstraktes Kunstwerk aus verschlungenen dickeren und dünneren Linien, in dem man, vielleicht wegen der dann folgenden Bahnstrecke, eine Gleislandschaft erkennen mag.

Zwischen den einzelnen Gebäuden sind Verkehrsflächen und Parkplätze, aber auch Wiesen mit großen Bäumen, die ihr eigenes, andersartiges Grün beisteuern.

Das Bemerkenswerteste an diesem Komplex ist letztlich nicht einmal die Farbe, sondern die Tatsache, daß die Farbe überall ist. Nicht nur das Hochhaus und die zur Straße zeigenden Seiten nämlich sind türkisgrün verkleidet, sondern alles. Die Rückseiten der Sockelbauten, die Flächen zwischen den rückwärtigen Toren der Halle, alles. Fast lächerlich oder aber selbstironisch wird es, wenn sogar ein kleiner Verteilerkasten nicht ohne die Verkleidung bleibt.

Erst ganz hinten im ersten Hof findet sich eine offenbar ältere Halle mit gelbbraunem Putz. Aber sogar hier ließen es sich die Architekten nicht nehmen, wenigstens den an die neuen Gebäude grenzenden Teile der Schmalseite in Türkisgrün nachzuzeichnen.

Man kann es übertrieben finden, daß hier alles mit dieser Verkleidung gleichsam übergossen ist, aber es sagt auch viel über den Sozialismus. Es gibt hier keine prunkvolle Schauseite und keine häßliche Rückseite. Was nur die dort tätigen Arbeiter sehen, ist nicht weniger wichtig als das, was die weitere Öffentlichkeit sieht. In der türkisgrünen Verkleidung drückt sich der Wunsch nach Ganzheit, nach Einheit aus. Der Kapitalismus kann das niemals verstehen und das zeigt er auch mit dem, was er an dem Gebäudekomplex veränderte. Die zur Stadt zeigenden Schmalseite nutzt er als riesige Plakatwand. Zudem verkleideten einige Geschäfte die Erdgeschoßflächen des Sockelbaus neu. Und die Farbe die sie dazu wählten war – grau.

Es gibt manches über die Buntheit des  Kapitalismus zu sagen. Das banalste, an diesem Gebäude schön zu exemplizieren, wäre, daß es eben die Buntheit der Reklame ist. Weniger banal ist Ronald M. Schernikaus Aussage: „Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen“.  Aber, und das ist an diesem Gebäude noch besser zu zeigen, oft ist sie nicht einmal bunt.

Chronogramm

Ein Chronogramm ist ein kurzer Text, in dem eine Jahreszahl versteckt ist. Dazu werden Buchstaben, die römische Ziffern sein können, durch Großschreibung hervorgehoben. Anders als bei normalen römischen Zahlen ist die Reihenfolge egal und es werden einfach alle Einzelziffern addiert. Das Chronogramm paßt damit gut zum Barock und seinem Hang zum Verspielten und Verrätselten. Er leistete damit auch dem späteren Betrachter seiner Bauten und Kunstwerke einen Dienst, denn ihm helfen Inschriften mit Chronogrammen zu deren genaueren zeitlichen Einordnung.

Aber auch noch um 1830, nachdem die antikisierende Strenge des Klassizismus mit solchen Spielereien vielerorts schon Schluß gemacht hatte, lebten Chronogramme und Barock an den Rändern, in der Provinz weiter. Hier zwei Beispiele aus dörflichen Teilen von Hradec Králové, die damals noch nicht geahnt hätten, daß sie einmal zu dieser Stadt gehören würden.

In Pouchov, nahe der nüchternen barocken Kirche, mit der ein weiter Bereich mit mehreren voneinander durch Mauern getrennten Friedhöfen endet, steht eine Statue des Johannes von Nepomuk.

Sie wirkt gänzlich barock, aber ihre Inschriften sind nicht auf Latein, sondern in einem alten Tschechisch verfaßt. Auf der Rückseite ist ein Chronogramm, das darunter bereits als 1829 aufgelöst ist, was aber erst bei der Restaurierung im Jahre 1906 geschehen sein mag.

Von [?] zu Ehren Gottes und des Heiligen Johannes von Nepomuk errichtet

Faszinierend ist hier, daß das W, ein Buchstabe, den weder das Lateinische noch das heutige Tschechisch kennen, als zwei Vs gezählt wird. So wird die Form des Chronogramms der Volkssprache angepaßt und noch verrätselter.

In einem ehemaligen Teil von Třebeš findet sich auf dem eng mit Gräbern bedeckten Hang zwischen dem hölzernen Glockenturm und der teils holzverkleideten und von hölzernen Arkaden umgebenen Kostel sv. Jana Křtitele (Johannes-der-Täufer-Kirche) das Grab von Wenzel und Anna Kohaut.

Es ist eines der wenigen deutsch beschrifteten Gräbern auf dem kleinen Friedhof, wobei die Germanisierung der Familie wohl noch nicht lange zurücklag, ist Wenzel doch die deutsche Form des sehr tschechischen Václav und bedeutet „kohout“ Hahn.

Es ist auch sonst ein eigenartiges Grab, das vorne im durchaus klassizistischen Rahmen aus Säulen und Dreiecksgiebel das Relief einer trauernden Frau zeigt und unten eine Inschrift in Schreibschrift hat, in der es mehr um die trauernde Tochter als um die Verstorbenen geht.

Erst auf der, allerdings zu den Arkaden zeigenden, Rückseite sind die Lebensdaten des 1834 verstorbenen Vaters und der 1835 verstorbenen Mutter genannt. Darunter ist eine weitere Inschrift, nun mit Chronogramm.

Es ist jedoch ein Chronogramm, das auf den ersten Blick keinerlei Sinn ergibt. Viele der hervorgehobenen Buchstaben, S, R, E, A und T, können keine römischen Ziffern sein. Nur, wenn man auch die Üs als Vs zählt, ergibt sich doch noch die Zahl 1837. Vielleicht hatte die Tochter nur noch ein ungefähres Gefühl dafür, was ein Chronogramm ist, und wollte die von ihr als mehr oder weniger arbiträr erlebte Verwendung großer und kleiner Buchstaben, die sie aus barocken Inschriften kannte, eher als Retroelement in das Grab ihrer Eltern einfügen. Vielleicht aber bilden die überschüssigen Buchstaben auch einen heute nicht mehr zu entschlüsselnden Code. S R E A E A T E E. Es ist unmöglich zu sagen. Hier erreicht die Gattung des Chronogramms seinen Höhepunkt und wird zugleich ad absurdum geführt – das Rätsel läßt sich nicht mehr lösen.

Bald darauf wurde der Barock dann auch von den Rändern verdrängt und Chronogramme entstanden keine mehr.

Gočárův okruh – Schnellstraßen in Hradec Králové

Abseits des Busbahnhofs, am Rande des Industriegebiets, zwischen den Gebäuden von Fachschulen, steht in Hradec Králové ein unscheinbarer viergeschossiger Bau und in der Mitte seines Eingangs hat er ein Sandsteinrelief.

Typisch tschechoslowakisch, abstrakt, irgendeine Schleifenform, scheint es.

Doch dann erkennt man, daß es die Kleeblattkreuzung einer Autobahn darstellt. Erst zweifelt man kurz, vielleicht ist es ja nur ein Zufall, doch schnell ist es klar. Das Autobahnkreuz ist nicht ganz von oben, sondern aus einer leicht schrägen Vogelperspektive gezeigt. Auf einmal wird auch das Gebäude interessanter, der Wechsel zwischen braungekachelten Wandteilen an den Ecken und Fensterbändern, die Garageneinfahrten, der quadratische Grundriß mit offenbar einem Innenhof in der Mitte.

Aber was es mit Autobahnen zu tun hat, verrät es nicht.

Hradec Králové ist indes eine Stadt, die eine enge Beziehung zum Straßenbau hat. Es besitzt einen vierspurigen Schnellstraßenring, der sich als beinahe perfekter Kreis um seine inneren Teile legt. Vergleichbares gibt es in keiner anderen tschechoslowakischen Stadt dieser Größe (etwa 100 000 Einwohner). Daß gerade Hradec Králové diesen Ring hat, liegt zum einen an der unproblematischen Topographie – die einzige Erhebung ist der Hügel, auf dem die Altstadt liegt – und zum anderen daran, daß die städtebaulichen Planungen dafür bis ins Jahr 1928 zurückreichen. Die Ausführung blieb in den Jahren 1967 bis 1980 dem tschechoslowakischen Sozialismus vorbehalten, was eine bemerkenswerte Kontinuität über die Zeiten und Systeme hinweg ist. Nach dem für Hradec Králové ungemein wichtigen Architekten Josef Gočár, von dem die ersten Pläne stammen, wird der Schnellstraßenring auch Gočárův okruh, Gočárring, genannt.

Kreuzungsfrei allerdings ist er nicht und Kleeblattkreuze hat er erst recht nicht, dafür ist die Stadt doch zu klein. Immerhin wurden für ihn zwei Brücken über die Elbe, eine über die Orlice und eine über eine größere Querstraße im Osten gebaut.

Letztere, beinahe eine kurze Hochstraße füllt den gesamten Raum einer Mietskasernenstraße, was einen Eindruck beinahe amerikanischer Großstädtigkeit schafft,

und legt eine geschwungene Auffahrt um das Grün eines Platzes, was wiederum eigenartig idyllisch wirkt.

Auch sonst wurde durchaus alles dafür getan, sie so ein einladend zu machen, wie eine Straßenbrücke zwischen dichter Wohnbebauung eben sein kann.

Sie ruht weit auskragend auf nur je zwei dicken runden Stützen, bei der Auffahrt sogar nur auf einer, was ihr eine gewisse Leichtigkeit gibt, die allerdings von den seitlichen Stützen eines neueren Lärmschutzdachs wieder konterkariert wird.

Am Ring entstanden viele Unterführungen, unter anderem eine besonders gelungene im Zentrum, und auch die Elbbrücken sind mit einer gewissen Berücksichtigung des Fußgängerverkehrs gebaut. Bei der südlichen von ihnen, ursprünglich Most Obrancův míru (Brücke der Verteidiger des Friedens), führen von den Gehwegen neben den Fahrbahnen geschwungene Rampen, die von V-Stützen getragen werden, zum Uferweg hin.

Es ist gerade so, als haben die Planer die geschwungenen Abfahrten der Kleeblattkreuze, die zu bauen ihnen verwehrt geblieben war, stattdessen für den Fußgänger gebaut.

Neben der nördlichen der Brücken, ursprünglich Most Antonína Zápotockého (Antonín-Zápotocký-Brücke) führen Treppen zum Uferweg, aber sie verbreitern sich nach unten leicht und leiten so an den vertikal geriffelten Betonwänden vorbei unter die Brücke.

Es ist, als solle dem Fußgänger freundlich nahegelegt werden, ihre Konstruktion, die weiten sanften Bögen unter den Fahrbahnen und die als schräg übers Wasser ragende Wände ausgeführten Stützen, zu bewundern.

Die Treppen selbst bekommen durch die oben und unten unterschiedlichen Breiten, die steinernen Stufen und die Nadelbüsche daneben etwas Südliches, Antikes.

Durch kleine Details wie diese, die schön sind, ohne dekorativ zu sein, zeigt Hradec Králové, wie stolz es auf seine Brücken und seinen Schnellstraßenring ist. Nur passend also, daß es einer Autobahnkreuzung ein Kunstwerk widmet.

Der redselige Johannes von Nepomuk

Johannes von Nepomuk ist für Verschwiegenheit bekannt, schließlich ging er lieber in den Tod als das Beichtgeheimnis zu verletzen. Für die meisten seiner skulpturalen Darstellungen gilt das nicht und ganz gewiß nicht für die auf der Ostrow Tumski (Dominsel) in Wrocław. Sie wollen so viel erzählen, wie Skulptur, Sockel und Inschrift erlauben, und die in Wrocław ist dabei noch etwas redseliger.

Dieser Johannes von Nepomuk steht an der Katedralna (Kathedralenstraße), der schmalen Straße, die durch das klerikale Herz der Stadt auf die beiden mächtigen Türme des backsteingotischen Doms zuführt, aber nicht direkt in dieser Achse, sondern etwas seitlich. Vielleicht ist das Absicht, denn Sockel und Skulptur erheben sich haushoch, so daß sogar die Strebepfeiler einer anderen backsteingotischen Kirche dahinter zu schrumpfen scheinen.

Der Sockel ist zuerst ein großer Quader mit an den Ecken schräg vorgesetzten Teilen, dann ein schlankerer vertikaler Quader mit allerdings leicht eingewölbten Seiten und schließlich nach einer überstehenden Plattform ein noch schlankerer Pyramidenstumpf. Ganz oben steht Johannes von Nepomuk, in typischem Priestergewand, kurzbärtig, mit Birett, fünffachbesternt, das Kruzifix im ausgestreckten Arm in die Höhe gehalten und der ins Ungefähre gerichtete Blick nicht besonders intelligent. Zu seinen Füßen ballen sich Wolken und tummeln sich Putten mit teils erschreckend alten Gesichtern. Auf den runden Voluten in den Ecken des Pyramidenstumpfs sind goldene Sternformen. Größere Engeln tragen als Atlanten die Ecken der Plattform. Putten sitzen auch auf den eckigen Voluten, die auf die Ecken des niedrigeren Sockelteils zum Betrachter hinabrollen, aber immer noch über der Hohe seines Kopfes bleiben.

Eine der Putten hält zum Zeichen der Verschwiegenheit einen Finger vor den Mund, während alles an dem Denkmal so laut ist. Da ist viel Überladenheit, viel Geschmacklosigkeit, viel Monumentalität, Barock von seiner schlechtesten Seite. Doch dazwischen, gerahmt davon, ist noch etwas anderes, mit dem das Denkmal etwas erzählt, was es wert ist, gehört zu werden: große Reliefs an den vier Seiten des Sockels.

Beginnend mit der linken Seiten erzählen sie im Uhrzeigersinn die Legende des Johannes von Nepomuk. Über den halbrund endenden Reliefs sind jeweils längsovale Felder mit lateinischen Inschriften, so daß es eine Art barocker Comic ist, den man hier betrachten kann.

Auf dem linken Relief sieht man die Königin kniend bei der Beichte, mit Krone, in langem Kleid, das einen Fuß freigibt, wodurch ihr Knien etwas beinahe Laszives bekommt. Ihr Gesicht ist von der Trennwand des Beichtstuhls halb verdeckt und auch das zu ihr geneigte des Priesters, der Johannes von Nepomuk selbst ist, ist nicht zu erkennen, da er sich ein Tuch vor den Mund hält.

Auf dem hinteren Relief sieht man Nepomuk, nun an seiner Kleidung klar erkennbar, auf dem Weg hügelan zu einer kleinen Kapelle. In der einen Hand hat er einen Wanderstock und in der anderen einen Rosenkranz mit Kreuz und sein Birett, das er vielleicht ob der Anstrengung abgenommen hat.

Auf dem rechten Relief sieht man Nepomuk vor dem König. Jener fordert ihn vom Thron herab mit geöffnetem Mund und ausgestrecktem Arm zum Reden auf, doch er legt den Finger auf den Mund, während er das Birett zum Zeichen des Respekts in der Hand hält.

Auf dem vorderen Relief schließlich sieht man, wie Nepomuk von Soldaten von einer Brücke gestürzt wird. Kopfüber stürzt er, sein Birett liegt bereits im Wasser. Man sieht die Bewegung des Hineinwerfens, man sieht den Mord eingefroren im Moment seines Geschehens. Statt im Wasser zu landen, steht Johannes von Nepomuk zum Heiligen geworden riesenhaft oben auf dem Sockel.

Während ringsum alles so überladen ist, sind die Reliefs ganz auf das Nötigste reduziert. Alles was da ist, muß da sein. Den Figuren und wenigen Kulissen bleibt viel Platz auf der Relieffläche. Die Geschichte, die sich im frühen 15. Jahrhundert zugetragen haben soll, scheint dabei in der Gegenwart des Jahres 1731 zu spielen. Von der Kleidung über die Einrichtung bis zur Architektur ist fast alles in den Reliefs barock. Einzig die Rüstungen der Soldaten sind aus der früheren Zeit. Auch die Brücke könnte tatsächlich die gotische Prager Karlsbrücke, von der Nepomuk gestürzt wurde, sein, aber der Brückenbau hatte in der Zwischenzeit ohnedies keine großen Fortschritte gemacht.

Geradezu zärtlich sind die in den Reliefs gezeigten Architekturen. Die Kapelle hat unten einen niedrigen Sockel aus Steinblöcken und eine erst halbrund, dann vorhangartig abgeschlossene Tür, darüber korinthische Pilaster an den Ecken, schmale rundbögige Fenster und ein niedrig gewölbtes Dach, aus dem in der Mitte ein kleiner Turm ragt. Auch der Beichstuhl ist eher ein Bauwerk als ein Möbelstück. Die vier Stützen, die die niedrige runde Kuppel tragen, sind einzige Voluten, die sich in einer langgezogenen S-Form hinaufschwingen. Die Zierlichkeit dieser imaginierten barocken Gebäude ist auch ein Gegengewicht sowohl zur barocken Monumentalität des umgebenden Kunstwerks als auch zur gotischen Monumentalität der nahen Kirchen.

Wir können wohl froh sein, daß Johannes von Nepomuk zwar nie verriet, was die Königin ihm gesagt hatte, aber von seiner Verschwiegenheit so gerne und ausführlich erzählte. Wenn wie hier in Wrocław zwischen unzähligen Ausschmückungen ein einfacher und gar nicht uninteressanter Kern leibt, ist es besonders schön. Und wie mit diesem Johannes von Nepomuk ist es mit der barocken Kunst insgesamt.