Archiv der Kategorie: Kunst

Olsztyner Höhepunkte: Planetarium

Der erste der Olsztyner Höhepunkte ist das Planetarium, das seinerseits zum wichtigsten Platzensemble aus der sozialistischen Zeit gehört. Links nach der Kreuzung der von der Altstadt kommenden Aleja Zwycięstwa (Allee des Siegs, heute Aleja Piłsudskiego, Piłsudski-Allee) und der vom Bahnhof kommenden Kościuszki (Kościuszko-Straße) steht quer ein achtgeschossiges Bürogebäude mit großem Sockelbau und Terrassen unter aufgestützten Leisten an den Seiten des Dachs, heute wie zur Erbauungszeit Sitz einer Bank.

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Davor öffnet sich nach einer Querstraße links der großen Straße ein Platz, der von einem langgestreckten viergeschossigen Verwaltungsbau, hinter dem es bereits in neuere Wohngebiete geht, abgeschlossen ist, heute Sitz der Stadtverwaltung, früher der PZPR (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei).

Heute ist der Platz als Plac Solidarności (Solidarnośc-Platz) vor allem ein Parkplatz, in den erst im oberen Teil am ansteigenden Hang ein kahler Bereich mit Bänken und Denkmal gesetzt ist, das mit weißem Adler und „Bóg, honor, ojczyzna“ (Gott, Ehre, Vaterland) ein denkbar uninspirierter Ausdruck des polnischen Nationalismus ist.

Rechts der Straße war früher ein Park, während gegenwärtig ein Einkaufszentrum gebaut wird. Besonders gelungen war der Platz leider wohl nie, immer war er zu sehr von der großen Straße zerrissen.

Höher am Hang auf der rechten Seite, oberhalb des Parks und nur etwas unterhalb der Hügelkuppe, steht das Planetarium, das bei der Eröffnung 1973 den schönen Namen Planetarium Lotów Kosmicznych (Raumflugplanetarium) trug. Breite Treppenanlagen führen entlang der Straße zwischen Nadelsträuchern zu ihm hin.

Es ist einfaches zweigeschossiges Gebäude mit steinverkleidetem Erdgeschoß und leicht überstehendem Obergeschoß, aus dem oben die große Kuppel ragt, Rundes auf Eckigem. Neben dem breiten Eingang steigt eine Treppe nach rechts zu einer Terrassenebene höher am Hang an, wo nunmehr flache Anbauten des Planetariums sind. Zwischen dem eigentlichen Planetarium links und einem verglasten Teil rechts, wo heute eine Bibliotheksfiliale ist, führt ein Durchgang unter schmalen Betonlamellen in einen Innenhof. Und auf einmal sind da nur noch Farben und Formen.

Die ganze gegenüberliegende Wand ist eingenommen von einem großen Kunstwerk aus unterschiedlich großen quadratischen weißen Emailleplatten mit größeren und kleineren halbrunden Vorwölbungen oder flachen Flächen, die mit konzentrischen Kreisen in verschiedenen Farben bemalt sind.

Es sind diese Farben, die so erstaunen, Farben, die auch an den grauesten Tagen leuchten, Farben oft, die man aus der Natur nicht kennt, aber auch aus Photographien nicht, Neonfarben, wie man sie in Ermangelung einer besseren Alternative nennen will. Rechts ist dieses unregelmäßige abstrakte Muster auf etwa zwei Dritteln der Länge von einer Szene auf glatten Platten unterbrochen: Oben eine grüne und unten eine blaue rechteckige Fläche, die zueinander hin dunkler werden, und darin im rechten Drittel zwei übereinandergesetzte rosa Kreisflächen, die an der Grenze der eckigen Flächen so aufeinandertreffen, daß ihnen jeweils ein Stück fehlt. Darauf zeigen von links oben ein kleiner roter und von mittig unten ein größerer grüner Pfeil, unter dem ein rosa vertikaler Streifen und ein nach rechts abfallendes vielfarbiges Wellenmuster bis zum unteren Rand verlaufen.

Die größten Teile des Kunstwerks sind im besten Sinne abstrakt. Die bunten Kreisformen sind äußerst dekorativ und man findet in ihnen durch die Anbringung im Planetarium dennoch sofort Astronomisches, sieht Ringplaneten und ferne Sonnen. In der zentralen Szene wird es dann beinahe gegenständlich, denn in ihr muß man geradezu einen Sonnenunter- oder -aufgang über dem Meer sehen. Das Kunstwerk hat etwas vage Psychedelisches, Poppiges, das man so in Polen nicht erwartet. Der gut lesbare Name unten im rosa Streifen lautet Stefan Knapp und eine Tafel daneben erläutert, daß er ein in England arbeitender polnischer Künstler war. Das paßt, das Kunstwerk kann man sich leicht im Swinging London vorstellen.

Knapp war nach dem Krieg aus antikommunistischer Überzeugung in England geblieben, hatte sich dort zum Künstler ausgebildet und in den Fünfzigern eine Technik entwickelt, Emaille auf Stahlplatten aufzutragen. Er war auch ein dezidiert westlicher, bürgerlicher, kapitalistischer Künstler. Seine bekanntesten Werke dienten zur Dekoration von Alexander’s-Kaufhäusern in New Jersey und New York. Hatte er in den Fünfzigern noch im damals populären Stil des abstrakten Expressionismus gearbeitet, so fand er in den frühen Sechzigern zu den auch in Olsztyn zu beobachtenden Formen, die der damals populären Op Art zugeordnet wurden. Das Kunstwerk im Planetarium schenkte Knapp, der seiner alten Heimat offenbar verbunden blieb, der Stadt Olsztyn zum fünfhundertsten Geburtstag von Kopernikus im Jahre 1973. So konnte man damals in New York und Olsztyn ganz ähnliche öffentliche Kunstwerke betrachten.

Die Stadt zeigte sich des Geschenks würdig. Nachdem man den Schock der Farben überwunden hat, kann man feststellen, daß der ganze Innenhof die Vorgaben des Kunstwerks aufgreift.

In der Mitte ist eine runde Pflasterfläche, in der drei verschieden große glatte Steinkugeln stehen und im Sommer einen Springbrunnen offenbaren, alle Beete haben abgerundete und gewellte Formen und sogar das schmiedeeiserne Tor des Hofs besteht aus einem Quadratraster mit runden Formen.

Dazu ragt links die Kuppel des Planetariums auf.

Was von außen eine ganz sachliche Verbindung war, wird hier zum umfassenden künstlerischen Programm: das Runde im Eckigen.

Man kann den oberen Teil des Planetariums auch als Tempel begreifen, der dem Kunstwerk als einer aus der Fremde gekommenen und nur halb verstandenen Reliquie gebaut wurde. Er verbindet das beste beider Welten und beiden tut es gut, der kapitalistischen Kunst die sozialistische Architektur und andersherum. Stefan Knapps Werk erging es in dieser Umgebung auch besser als an den New Yorker Kaufhausfassaden, denn die betreffenden Gebäude wurden nach dem Konkurs der Kette in den Neunzigern abgerissen und die einzelnen Emailleplatten bestenfalls in private Sammlerhände zerstreut. Es ist geradezu ironisch: Knapps Technik erlaubte es, beinahe unzerstörbare Kunst zu schaffen, doch der Kapitalismus zerstört alles vor seiner Zeit. Die Kunst braucht den Sozialismus.

Das Olsztyner Planetarium ist ein Höhepunkt der Stadt, aber sie endet mit ihm noch nicht. Wenn man nämlich auf der Terrassenebene um seine oberen Teile weitergeht, sieht man jenseits einer als Park gestalteten Senke auf dem nächsten Hügel die ersten Gebäude eines fortschrittlichen Wohngebiets. Es ließe sich sagen, daß das neue Olsztyn mit dem Planetarium erst beginnt und so sollte es ja mit jedem Höhepunkt sein.

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Hotel Palcát

Daß das Hotel Palcát in Tábor kein herausragendes Gebäude ist, kann man ihm nicht vorwerfen, denn es will ja aus dem überkommenen Stadtorganismus gerade nicht herausragen. Wiewohl siebengeschossig und beim Übergang von der im 19. Jahrhundert entstandenen Neustadt zur Altstadt, sieht man es nie von weiter her, da vor ihm zur Straße 9. Května hin einiger Platz ist. Der Sockel ist zweigeschossig und hat durchgehende Glasflächen beziehungsweise ein hohes Fensterband sowie eine verglaste Ecke mit Treppe. Nach einer Terrasse mit zurückgesetztem Geschoß folgen auf Stützen vier Geschosse mit Fensterbändern.

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Daß die jüngste Renovierung und Wärmedämmung seine Formen und Farben noch banaler macht und man die Eleganz der typisch tschechoslowakischen Steinverkleidung nur noch an wenigen Stellen sieht, kann man dem Hotel schon eher vorwerfen, aber so ist das eben.

Daß es aber das an der Ecke in einem Hochbeet vor ihm stehende Kunstwerk, einen großen palcát (Streitkolben) aus Beton offenbar, Jan Žižkas ikonische Waffe, nach der es heißt, bis fast ganz oben mit Werbeplanen verhüllte, das ist ihm unbedingt vorzuwerfen, dafür ist es zu verdammen.

Denn es war dieses Betonobjekt, das das architektonisch wenig bedeutende Hotel zusammen mit seinem Namen zu einer Art hussitischem Gesamtkunstwerk, das der Stadt Tábor gerecht wurde, gemacht hatte.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Das einzig Gute an dieser schier unbegreiflichen Verhüllung ist, daß man so träumen kann, wie der untere Teil des Kunstwerks in Worten und Reliefs eine einmalig überzeugende Verbindung von Hussitentum zu Sozialismus herstellt, die aus politischen Gründen nicht mehr öffentlich gezeigt werden kann. Dann, und nur in diesem angesichts vieler Kunst der ČSSR leider unwahrscheinlichen Fall, dann wäre die Verhüllung, die keine Zerstörung ist, im Gegenteil ein dankenswerter Dienst für eine Zukunft, in der der sozialistische Betonstreitkolben von Tábor wieder enthüllt werden kann. Und vielleicht könnte dann ja auch das Hotel Palcát ein paar Geschosse mehr bekommen. Leider ist für diesen Traum die Plane wiederum nicht lückenlos genug: das Kunstwerk zeigt – keineswegs nur! – einen Streitkolben.

Das Hotel Palcát hat sich ohne Not selbst kastriert.

Forum Gdańsk

Daß Wichtigste an Gdańsks neustem und größtem Einkaufszentrum kann man auch am leichtesten übersehen: es wurde über die Gleisanlagen unweit des Hauptbahnhofs gebaut. Schon allein deshalb verdient es Beachtung.

Was die Formen der verschiedenen Bauteile angeht, ist Forum Gdańsk gänzlich reaktionär. Wiewohl alle zugleich erbaut worden, lügen sie eine Vielfalt vor. Rechts vorne die Kunszt Wodny (Wasserkunst) mit dunkelgrauer Metallverkleidung, großen Fensterflächen, einem spitz zur Straße weisenden Teil, noch das hübscheste Gebäude und gegenwärtig leerstehend oder noch nicht fertig, vielleicht beides.

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Links vorne ein hoher verglaster Bau, der in den Linien im Glas und der vieleckigen Form des grauen Dachs Asymmetrien vortäuscht. Dahinter dann billigste neohistoristische Dinge in Backstein und Glas, wie sie in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland überall gebaut wurden. Irgendwo auch nachgeahmte Satteldächer. Dazwischen ein Backsteinbau aus der Kaiserzeit, da Gebäude wie dieses immer gerne als Beispiel des Alten erhalten werden, ohne daß sie es irgendwie verdient hätten.

Weit besser ist der zwischen all dieser architektonischen Nichtigkeit entstehende Raum, denn Forum Gdańsk liegt direkt gegenüber dem alten Stadtkern, bloß eine, allerdings vielspurige Straße, trennt es von dem Brama Wyżynna (Hohen Tor). Von dort kommt man durch eine schon vorher bestehende und nur umdekorierten Unterführung erst auf einen kleinen tiefergelegten Platzteil und dann über eine breite Treppenanlage weiter links auf den größeren ebenerdigen Platzteil.

Dieser ist groß und frei, mag ohne Menschen auch bloß trostlos und leer wirken, aber er ist zur alten Stadt geöffnet und das genügt.

Der Blick auf die Tore und Türme von Gdańsk ist großartig und kann nur großartig sein. Die nichtige Architektur um einen ist leicht vergessen, wenn man aus ihr auf das wiedererbaute architektonische Erbe vieler Jahrhunderte schauen kann.

Das Forum Gdańsk hätte sich wirklich bemühen müssen, um in dieser Nachbarschaft nicht einen einigermaßen gelungenen Platz zu schaffen. Als Ausdruck dieses Bemühens hängte es an den asymmetrisch verglasten Bauteil einen riesigen irgendwie stilisierten, aber dennoch bedrohlichen Löwen aus braunem Blech. Mittlerweile haben auf seinem rostigen Haupt immerhin Tauben einen Nistplatz gefunden.

Grundsätzlich weiß das Forum aber offenbar, daß es viel mehr als den Blick aufs Alte nicht bieten kann und fügte in die Treppen größere holzverkleidete Stufen als Sitzbereiche ein. Man sitzt dort wie in einem Theater mit Blick auf die Kulisse von Gdańsk und das durch den unteren Platz fließende Leben.

Sogleich wurden diese Sitzplätze der beliebteste Ort des Forums. Daran sieht man zugleich, daß es zu wenige solcher Orte gibt und man ahnt, wie eine fortschrittliche Gestaltung dieses Raums hätte aussehen können.

Quer durch den oberen Platzteil fließt in einer Senke der Kanał Raduni (Radunia-Kanal), den an dieser Stelle wieder sichtbar zu machen die große, und ja nicht schlechte Idee von Forum Gdańsk ist. Auf ihn bezieht sich die Kunszt Wodny rechts, unter der er hindurchfließt, und er fließt auch schon durch das eigentliche Einkaufszentrum weiter links.

Dessen zentraler Teil ist architektonisch ziemlich schlicht, nicht mehr als ein weites gläsernes Dach und zwei gläserne Wände zwischen den anderen Bauten der linken Platzseite. Sein Inneres wirkt wie ein Außenraum und ist auch so gedacht. An Stahlelementen aufgehängte Brücken spannen sich darüber und einige große Balkone, auch manche mit silbrig verkleideten Unterseiten, hängen hinein.

Unten in der Mitte fließt der Kanal und wird das vielleicht irgendwann auch sichtbar tun; gegenwärtig ist er verdeckt und daß die Gestaltung der Bedeckung bereits variiert wurde, deutet wohl darauf hin, daß das noch länger so bleiben wird. Seine nächste Umgebung ist als nachgeahmter Stadtraum gestaltet, es gibt Straßenlaternen, Kopfsteinpflaster und auch eine Brücke, die so tut, als wäre sie aus Backstein. So lächerlich und billig vieles hier ist, der eigentliche Raum ist in seiner Größe und Offenheit durchaus angenehm und besser als in den allermeisten anderen Einkaufszentren. Es ist sogar leicht, zu vergessen, daß man in einem Einkaufszentrum ist, was das Potential dieser Gebäudeform zeigt.

Der nach links entlang der Straße verlaufende Bereich des Forums Gdańsk schließlich wurde als eine Art künstlicher Hügel gestaltet.

Zwischen schrägen Beeten führen lange Treppe zu einer Terrassenebene, die mit dem obersten, dem Food Court- und Kinoeingangsbereich des Einkaufszentrums verbunden ist. Von hier nun hat man einen ganz neuen Blick auf Gdańsk. Hier sieht man nicht mehr nur wie vom Platz unten die Altstadt, sondern weit darüber hinaus.

In mittlerer Entfernung beim Bahnhof die Hochhäuser und direkt vor einem die Straße, die aus dieser Perspektive nicht mehr bloß ärgerliches Hindernis, sondern mit der geschwungen um die Ecke führenden Brücke und dem Tunnel als wichtiges Verkehrsbauwerk zu erkennen ist.

Hier benutzt das Forum nicht bloß die Nähe der Altstadt, sondern schafft einen ganz eigenen Raum, den es vorher nicht gab.

Fast unnötig zu erwähnen, daß keiner der drei beschriebenen Teile von Forum Gdańsk – Hügel, Innenraum, Platz – ein wirklich öffentlicher Raum ist. Die Treppen zur Terrasse können abgesperrt werden, der verglaste Innenraum ist eben doch der eines Einkaufszentrum und auch auf dem Platz mit Altstadtblick, der immer zugänglich ist, hat die private Betreiberfirma Hausrecht.

Doch all das, all das Abwägen positiver und negativer Aspekte, ist letztlich egal, weil das Forum Gdańsk nicht das leistet, was ob seiner Lage seine entscheidende Leistung sein müßte: vorher getrennte Teile der Stadt auf neue Arten zu verbinden. Die Voraussetzungen wären da, schließlich ist es über die Gleise gebaut, was bereits in Deutschland, wo es schwer genug ist, auch nur Bahnhöfe über Gleise zu bauen, kaum denkbar ist. Daß es die Straße zur Altstadt nicht überbrückt, nicht einmal die Unterführung verändert, kann man ihm verzeihen und auch noch, daß die Unterführung zum SKM-Bahnhof Śródmieście rechts der gesamten Anlage lang und ohne guten Zugang ist. Aber auf die Verbindung zu den Bereichen jenseits der überbauten Gleise käme es an. Vom Platz aus führt sogar eine Treppe geradeaus und weiter ein Weg. Doch  nach links blickt man über ein kieselbedecktes Dach, unter dem die Gleise sind.

Aus bizarren Gründen ist gerade hier weder ein Weg noch ein Gebäude. Dann endet der Weg abrupt an der nächsten Straße und Treppen führen seitlich hinab auf den Gehsteig. Nicht einmal eine Ampel leitet in direkter Fortsetzung über die Straße.

Die eigentlich so nahen Bereiche bleiben so fern wie eh. Ihnen wendet Forum Gdańsk bloß sein Parkhaus oder andere Wände zu. Von hier aus gesehen ist es eine Mauer zur Altstadt und der schlecht zu erreichende Weg wie ein Hohn.

Trotz all seinem Potential scheiterte Forum Gdańsk dort, wo es wichtig wäre. So groß es ist, so gut seine Lage, es bleibt eben ein Stück kapitalistischer Architektur, das die Stadt weder grundsätzlich verändert noch verändern kann.

Sprachen bei Nepomuk

Heute ist Nepomuk der wichtigste Orte in der Gegend südwestlich von Plzeň und es verdankt das allein seinem heiligen Johannes. Noch, daß der Bahnhof nach Nepomuk heißt, obwohl er eigentlich im einige Kilometer entfernten Örtchen Dvorec liegt, zeugt davon. Früher, zu Zeiten von Johannes von Nepomuk im 14. Jahrhundert und auch noch später, waren das Zisterzienserkloster im passend benannten Ort Ort Klášter und insbesondere das Schloß Zelená Hora weit wichtiger. Noch heute ist es auf dem in der Tat Grünen Berg, nach dem es heißt, die eindeutige Dominante der Gegend, auch wenn der Berg eher ein Hügel ist und der heutige barocke Bau mit entsprechendem Turm und Haube nicht ungewöhnlich imposant ist.

Am Beginn der Allee, die oberhalb von Nepomuk zu ihm hinaufführt, steht eine große barocke Skulptur, der tote Jesus in den Armen der trauernden Maria, eine Pietà.

Künstlerisch ist sie wohl nicht schlecht, wobei besonders die hohen Kronen der beiden Figuren, die heute an altmodische Kochmützen erinnern, auffallen. Die Krone des ansonsten durchaus angemessen schlaff und, nun, tot in Marias Armen hängenden Jesus steht dabei in zweifelhafter Befolgung der Gesetze der Schwerkraft fast horizontal ab.

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Doch was dem Denkmal seinen Wert gibt, sind die Inschriften an der Seite seines hohen Sockels. Die vordere ist auf Latein, wie das üblich ist:

„Dolorosae Virgini ac Gratiosae Matri Saschinensi ex singulari devotione obvaria beneficia percepta ericitecit Josephus Franciscus Ludl Director Grunberg a die XXV marti Vt Io sa Virgo InteurIs gressVs nostros DirICat atoVe In hora MortIs nobIs pro­­pItIa sVCCUrat“

Wenn man ohne Sprachkenntnisse auch wenig versteht, so sieht man doch, daß auf Tag und Monat, XXV Marti, keine Jahreszahl, sondern ein Satz mit einigen großen Buchstaben folgt: ein Chronogramm.  Es ergibt die Zahl 1741. Chronogramme gehören zur barocken Kunst und an diesem ist bestenfalls auffällig, daß es weder im gesamten Text versteckt ist, noch die Jahreszahl bloß wiederholt, sondern im Text genau die Stelle der Zahl einnimmt.

Die Inschrift auf der rechten Seite ist Tschechisch:

„Bolestne Pannie a Milostiwe Matceboži Sassinske z obwzlasstni pobožnosti za rozlične dosahnute dobrodini postawiti dal Iozef Francz Ludl Sprawce Zeleno Horski dne XXV. Brzezna abI ta sVata panna krokI nasse rzIDIa a przI sMrtI sVaV przIVIetIVostI nas V boha ChranILa“

Der Inhalt dürfte derselbe sein und wieder folgt auf Tag und Monat, XXV. Brzezna, das Chronogramm, doch die Zahl 1741 setzt sich aus anderen Ziffern zusammen. Die Sprache ist sehr altertümlich, aber verständlich, und die Rechtschreibung sehr weit vom heutigen Standard entfernt. So gibt es außerhalb des Chronogramms W statt V und wo heute Y wäre, ist immer I. Von den spezifisch tschechischen Zeichen sind Č und Ž bereits vorhanden, während Ř als RZ und Š als SS wiedergegeben ist.

Die Inschrift auf der linken Seite ist auf Deutsch:

„Der Schmertzhafften Iungfrauen und Gnadenreichen Saschner Mutter Gottes aus sonderbarer andacht wegen vielfaeltig erhaltenen gnaden hat aufrichten lassen Joseph Frantz Ludl Verwalder in Grunberg den XXV marti auf das Die Gottes gebaehrerIn Vnsere sChritt beVartn VnD beI Vns bIs In Letzte stVnD VoLte Verharren“

Wieder sind Inhalt und Chronogramm identisch. Wie weit Sprache und Rechtschrebung vom aktuellen Standard abweichen, kann jeder selbst beurteilen. Die Auflösung des Chronogramms wird dadurch erschwert, daß bei einer Restaurierung leider einige Buchstaben nicht und andere am Ende, wo der Restaurator wohl keine Lust mehr hatte, sich anzustrengen, beliebig falsch ausgemalt wurden.

Daß dieses Schicksal nicht nur der Mehrsprachigkeit der Sockelinschriften geschuldet ist, sieht man daran, daß auf der tschechischen Seite ein sinnloses „breezna“ statt dem korrekten „brzezna“ ausgemalt wurde.

Ohne es vielleicht zu wollen, hinterließ Josephus Franiscus/Jozef Francz/Joseph Frantz Ludl, der Director/Sprawce/Verwalder von Grunberg/Zelená Hora neben dem Marienbildnis auch einen potentiellen Rosettastein, der die Schlüssel zu drei Sprachen birgt. Es sind Latein, die Sprache der Kirche, Deutsch, die Sprache des Staats, und Tschechisch, die Sprache des Volks. Daß Ludl ein deutscher Name ist, sagt noch nichts darüber aus, welcher Sprache sich der Erbauer am nächsten fühlte, obwohl man annehmen kann, daß es nicht Latein war. Daß Tschechisch überhaupt vertreten ist, deutet im Gegenteil darauf hin, daß Ludl es entweder selbst sprach oder ihm zumindest sehr wichtig war, auch von der tschechischen Bevölkerung verstanden zu werden. Häufig nämlich ist das Beieinander beider Sprachen auf Denkmälern keineswegs, so nah Tschechen und Deutsche in Böhmen auch beieinander lebten.

Während für den tschechischen Bauern in früheren Zeiten, der etwas nach Zelená Hora hinaufzuliefern hatte, die Ludl’sche Pietà der erste Vorbote des Schlosses war, ist sie für den heutigen Besucher auch der Endpunkt. Bald danach sperrt ein rostiges grünges Tor die Allee ab, es folgt ein militärischer Bereich, der aber auch nicht mehr viel genutzt scheint.

„Zámek Zelená Hora/Schloß Grünberg/Greenhill castle“ steht dort, ein Echo der Sprachen auf dem Sockel. Das Englische hat Latein ersetzt, was auch deshalb paßt, weil eine hohe weiße Säule an der Wegkreuzug noch vor der Skulptur an im Jahre 1620 auf dem Schloß einquartierte und wenig später besiegte protestantische englische Soldaten erinnert, ohne daß Inschriften in irgendwelchen Sprachen das jedoch erläutern.

Nepomuk, Stadt wie Heiligen, hat man am Rande von Zelená Hora so bereits vergessen, denn nicht allem ist man bei seinem Ursprung am nächsten.

Cmentarz ofiar hitleryzmu na Zaspie

Der Friedhof der Opfer des Hitlerismus in Zaspa liegt am Rande des gleichnamigen Gdańsker Wohngebiets, zu drei Seiten locker umgeben von dessen Bebauung, zur vierten an der Straße Bolesława Chrobrego mit kleinindustriellem Gelände. Man sieht ihm nicht mehr an, daß er älteren Ursprungs ist und hier ab 1939 die im nahen KZ Stutthoff und dessen Außenlagern ermordeten Menschen begraben wurden.

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Die heutige Gestaltung des Friedhofs hat eigentlich nur zwei Elemente. Das erste ist die umgebende Mauer aus großen +-förmigen Betonteilen auf einer Basis aus Beton.

Zwei von ihnen stehen jeweils aufeinander, aber immer nach vorne oder hinten und durch kleinere Betonwürfel in der Höhe versetzt, so daß die Mauer trotz ihren einfachen Bestandteilen unregelmäßig und bewegt erscheint. Man kann in den +-Formen christliche Kreuze sehen, aber eher sind es die beiden so geformten Kreuze, die auch im Gdańsker Wappen übereinander angeordnet sind – man muß sich bloß die beiden rahmenden Löwen und die Krone darüber hinzudenken.

Das zweite Element sind die eigentlichen Grabsteine aus Beton. Sie bestehen aus einer breiten brusthohen Stele, die in der Mitte einen vertikalen Einschnitt hat, und einem kurz unterhalb ihres Abschlusses angefügten horizontalen Balken, der nach vorne und zu den Seiten leicht übersteht. Vorne sind darauf in einem Relief, das die Fläche auslöst, der Name und das Todesdatum genannt.

Links stehen kleiner in die Fläche eingeschnitten Geburtsdatum, Geburtsort und Beruf.

Rechts stehen Datum, Ort und Art des Todes sowie bei Insassen von Stutthoff deren Häftlingsnummer. Auf der Rückseite ist auf der Höhe des horizontalen Balkens außerdem ein quadratisches Relieffeld, das ein Wappen oder ein anderes Symbol zeigt. Auch in diesen Grabsteinen kann wer will christliche Kreuze sehen, aber sie sind es nicht so eindeutig, daß sich Nicht- oder Andersgläubige beleidigt fühlen müßten, eine für den polnischen Sozialismus sehr typische Dezenz.

Die Grabsteine stehen in regelmäßigen Reihen und dicht an dicht, aber sie sind immer zu mehr oder weniger großen Gruppen angeordnet, die recht frei und oft leicht schräg zueinander in dem weiten Gelände des Friedhofs verteilt sind.

Obwohl es einen Hauptweg gibt, sind die anderen Wege ihm nicht untergeordnet und verlaufen selten im rechten Winkel zu ihm. Neben den Gräberfeldern gibt es auch weite freie Flächen, was wohl darauf hindeuten soll, daß dort weit mehr Tote begraben sind als es Grabsteine gibt.

Beschattet wird der Friedhof von recht hohen Bäumen, die vielleicht gepflanzt wurden, als er 1987 angelegt wurde, und einigen noch größeren älteren Bäumen. Es gibt zudem weitere Gedenksteine und größere Denkmalelemente, unter anderem ein neueres aus Backstein für die Toten der Poczta Polska (Polnischen Post). Keines jedoch ist das zentrale Monument des Friedhofs, so daß er mit den locker verteilten Gräbergruppen unhierarchisch und dezentral ist. Alle der Toten, scheint er betonen zu wollen, sind gleichwertig als Opfer des Hitlerismus.

Die meisten der hier Begrabenen sind Polen, das Relief auf der Rückseite ihrer Steine zeigt einen polnischen Adler in einer recht hübsch stilisierten Version.

Die nächstgrößere Gruppe sind Sowjetbürger symbolisiert durch einen fünfzackigen Stern.

Ein auf der Spitze stehendes Dreieck, der in der DDR-Symbolik so wichtige rote Winkel, und ein kleines D bezeichnet deutsche Antifaschisten.

Tschechoslowaken mit dem sterngekrönten Löwen der ČSSR

teilen sich ein Feld mit wenigen Österreichern, deren zum Adler stilisiertes A (für Austria) das vielleicht schönste, gewiß aber eigentümlichste Symbol auf dem Friedhof ist.

Recht häufig ist ein NN für Opfer unbekannter Herkunft, wobei die Namen meist jüdisch oder deutsch klingen. Schließlich gibt es noch ein Feld für alle übrigen, die durch die offiziellen Wappen ihrer Länder ausgewiesen sind: Ungarn, Jugoslawen, nicht wenige Niederländer,

ein Italiener

und ein Franzose (das jener aus Nizza stammte und Frisör war, mag man amüsant finden).

Bei aller Internationalität ist der Friedhof ein zwangsläufig polnischer Ort. Die Vornamen und teils auch die Nachnamen der slawischen Toten sind in polonisierter Form geschrieben. Auch die Ortsnamen und Berufsbezeichnungen sind polnisch, so daß nicht für jeden Besucher sofort klar sein wird, daß etwa Heinz Hösch, aus Norymberga und marynarz, ein Seemann aus Nürnberg war.

Der Friedhof in Zaspa war das letzte der großen Friedhofsprojekte in Gdańsk und in seiner offenen, nicht hierarchischen Anlage ist er vielleicht auch das gelungenste. Hier konnte der Bildhauer Wiktor Tołkin noch besser als in Puck zeigen, was er konnte. Allein deshalb muß man froh sein, daß der Sozialismus in Polen nicht schon früher endete. Bedauerlich ist einzig, daß sich der Friedhof mit seiner, wenn auch wichtigen und schönen, Mauer von der Wohnbebauung Zaspas abschirmt. Es würde gut zu ihm passen, auch dort Eingänge zu haben und die Erinnerung an die Opfer des Hitlerismus mitten ins Leben zu tragen.

Erkundungen auf Friedhöfen: Die konstruktivistische Porträtphotographie

Photographien auf Grabsteinen sind meist traurig. Zeigen sie alte Leute, so sind sie traurig, weil sie sie nicht in der Blüte ihres Lebens zeigen. Zeigen sie Kinder, so sind sie traurig, weil die Gezeigten die Blüte ihres Lebens nie erreichten. Zeigen sie jemanden irgendwo dazwischen, so sind sie traurig, weil sie sie unvorteilhaft oder banal wirken lassen, was zwar der Realität entsprechen mag, aber nicht sein sollte, wie an irgendwen öffentlich erinnert wird. Es ist sehr selten, daß man solch eine Photographie ohne zusätzliche Traurigkeit betrachten kann und deshalb muß hier von der 1936 verstorbenen Miladka Knotková auf dem Friedhof Klokoty in Tábor die Rede sein.

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Ihr Name (eigentlich Milada) ist in der Verniedlichungsform eingemeißelt, wie es oft bei Kindern geschieht, obwohl sie immerhin fünfundzwanzig Jahre alt wurde, und er ist der erste auf dem Stein, auf dem noch einige weitere Familienmitglieder folgen. Ihr Bild ist das einzige, weshalb es den Blick auf sich zieht. Es zeigt eine junge Frau in einem langärmligen schwarzen Kleid, die rechts mit leichter Neigung nach links sitzt, den linken Arm auf einen Tisch gelegt, den rechten angewinkelt darauf aufgestützt, so daß ihr Kinn auf dem ausgestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand ruhen kann. Ihr von kurzem dunklen Haar in leichten Wellen umrahmtes Gesicht ist halb in die Kamera gewendet.

Miladka Knotková war eine schöne Frau und wie sie sich auf dem Bild als moderne Frau der modernen Tschechoslowakei präsentiert, läßt hoffen, daß sie ihre Schönheit und das Leben für wenigstens ein paar Jahre genossen hatte und auch der Ring an ihrem linken Ringfinger sie nicht daran hinderte. Unterstrichen wird ihre Schönheit noch durch die ungewöhnliche künstlerische Qualität der Photographie. Links der Porträtierten ist an der Wand ein zu ihrem Kopf geöffneter Halbkreis, der noch weiter links von einem Rechteck durchdrungen wird. Das obere Ende des Halbkreises ist genau auf der Höhe ihres Scheitels, so daß der Bogen ihres Kopfs die Kreislinie weiterzuführen scheint, während das untere Ende wiederum an die Dreieckformen um ihren angewinkelten Arm anzugrenzen scheint. Die äußerst minimalistische geometrische Dekoration des Studios ergänzt die menschliche Form auf eine Weise, die das Auge eines vom Konstruktivismus beeinflußten Künstlers verrät.

Und Miladka Knotková und der Konstruktivismus, sie passen zusammen. Ob sie sich den Photographen bewußt ausgesucht hatte oder ob aus ihrem Porträt eher eine Zeit und ein Land, in denen das Moderne, Minimalistische, Konstruktivistische, Geometrische, Sachliche schon weitverbreitete Mode geworden waren, das weiß man nicht und es ist vielleicht nicht wichtig. Es besteht jedenfalls kein Zweifel, daß sie ihre Photographie zu Lebzeiten gemocht hatte und sie, so ungern sie dieses sähe, gerne auf ihrem Grab sähe. Heute, mehr als hundert Jahre schon nach ihrer Geburt, überstrahlt ihr Schwarz-Weiß den banalen Grabstein, der vom Konstruktivismus wenig weiß, und fast auch den Friedhof, um erst wieder in den vielen, vielen Türmen des barocken Klosters Klokoty, hinter dem er liegt, etwas Ebenbürtiges zu finden.

Wie traurig wäre es gewesen, wenn irgendein anderes Bild der Miladka Knotková sich auf ihrem Grabstein fände und wie viel Schönheit und schöne Photographien mögen sich hinter den anderen traurigen Grabphotographien verbergen!

Genderlöwen

„Gender“ oder „ideologia gender“ (Genderideologie) ist eines der zentralen Schlagworte der polnischen Rechten und steht für so ziemlich alles Schlechte und die polnisch-katholische Familie Gefährdende von Abtreibung über Gleichberechtigung bis hin zu Homosexualität, ohne daß von der Wortbedeutung noch viel übrig bliebe. Verantwortlich gemacht wird dafür gerne der allgemeine Sittenverfall in der dritten Republik, der sozialistischen PRL (Volksrepublik Polen), was diese eher etwas mehr ehrt, als sie es verdient hat, denn die gegenwärtige Stärke der Reaktion in Polen hat auch mit der Halbherzigkeit und Schwäche des polnischen Sozialismus zu tun.

Wenn der Sozialismus aber tatsächlich so erfolgreich die bürgerliche Familie zerstört oder wenigstens die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht hätte, dann wäre das Symbol dafür das Gdańsker Wappen am Dom Kultury (Kulturhaus) im Arbeiterstadtteil Nowy Port. Das Gebäude selbst ist in traurigem stalinistischen Stil erbaut und braucht nicht abgebildet zu werden, aber das Wappen geht darüber hinaus. Es zeigt, wie es sich gehört, zwei auf den Hinterbeinen stehende Löwen, die zwischen sich ein Schild mit zwei übereinandergesetzten +-Kreuzen und einer Krone halten. Der kleine Unterschied ist, daß der linke der Löwen keine Mähne hat: es ist eine Löwin.

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Genau so könnte die polnische Rechte sich die kommunistisch-säkularistisch-jüdische Genderideologie, wie sie es sinngemäß, wenn nicht wörtlich nennen würde, vorstellen: das altehrwürdige Wappen wird im Namen der Gleichberechtigung abgeändert. Sie würde wohl auch nicht verstehen oder nicht lustig finden, wenn man einwenden wollte, ob es nicht gerade fragwürdig sei, daß statt einer traditionellen Familie zwei männliche Löwen da in so intimem Verhältnis zueinander und zum Wappen stehen… Aber das ist schon viel zu viel des Erwägens über die Gedankenwelt der Reaktion.

Hier eine ungegenderte, aber nicht unbedingt männlichere Version inmitten von trompe-l’œil-Intarsien in der Tür des Roten Saals im Rathaus (Simon Herle, Anfang 17. Jahrhundert)

Hübsch ist die Wappenvariation von Nowy Port allemal, mit oder ohne Gender. Zu dem Sandsteinrelief gehören noch ein stilisierter Adler im Hintergrund, dessen Kopf oben herausragt, und unten die Worte „Za zasługi dla Gdańska“ (Für Verdienste für Gdańsk). Es handelt sich um eine Abwandlung eines zwischen 1960 und 1974 an Bürger und Institutionen vergebenen Ehrenzeichens, das in der Ansteckerversion aber weit unscheinbarere Löwen mit weit unklarerem Geschlechtsunterschied hatte. Das Abzeichen wurde von Wiktor Tołkin entworfen und man kann annehmen, daß auch das Relief aus der Hand dieses wichtigen realistischen Künstlers der PRL stammt. Es ist fast überraschend, daß seit den Sechzigern niemand anderes dieselbe eigentlich simple Idee wie er hatte, aber so ist das eben mit der Kunst.