Archiv der Kategorie: Kunst

Der Heilige in der Kiste

Eine beschädigte Skulptur ist traurig, aber eine mit einer Holzkiste ummantelte Skulptur ist noch etwas trauriger. Zwar verspricht die Verhüllung Schutz vor dem Winterwetter oder eine baldige Restauration, aber man kann sie eben nicht sehen, ja, nicht einmal wissen, was sie darstellt.

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Eine solche Kiste steht am Beginn des Wegs hinauf zur Burg Pernštejn im Örtchen Nedvědice nordwestlich von Brno. Es ist ein quälendes Rätsel, was für ein offenbar recht stattliches Kunstwerk sich dort verbirgt. Mähren ist eine von der Gegenreformation geprägte Gegend, also muß es aller Wahrscheinlichkeit nach barock sein und einen Heiligen zeigen, aber ganz sicher kann man nicht sein. Welcher Heilige ist es? Oder vielleicht doch ein antikisierendes Motiv? Die Skulptur aus „L’année dernière à Marienbad“? Die Plastik aus „The Breakfast Club“ gar?

Vor Pernštejn läßt sich das Rätsel glücklicherweise halbwegs befriedigend lösen, da die vorderen Bretter der Kiste etwas verschoben sind und man durch einen Spalt hineinsehen kann. Überraschend ist die Lösung ganz und gar nicht. Man erkennt den verzierten Saum eines Rocks und ein kleines Kruzifix auf Brusthöhe – es ist Johannes von Nepomuk. Aber mehr läßt sich nicht sagen. Wie genau der Johannes von Nepomuk am Fuße von Pernštejn aussieht und wie die Inschrift auf dem großen Sockel lautet, weiß man nicht.

Oben, aber noch im weiten Vorhof unterhalb der eigentlichen Burg, wartet ein weiterer Johannes von Nepomuk.

Die Skulptur ist sehr einfach, aber daß sie in der Mitte eines Brunnens steht, paßt gut, weil Nepomuk in der Vltava ertränkt wurde. Von seinem Platz vor einem abgeflachten Fels mit nach außen zeigendem halben Turm blickt er in Richtung der Burg, ohne sie je wirklich gut sehen zu können.

Für das, was unten das Holz verdeckt, ist der obere Johannes von Nepomuk aber nur eine kleine Entschädigung. Bestimmt, so denkt man, ist diese Skulptur viel besser und interessanter. Ist also auch die größte Qual des Nichtwissens gelindert, bleibt der Heilige in seiner Kiste doch ein trauriger Anblick. Daß auf das Holz schon das gelbe Symbol eines Wanderwegs gemalt wurde, spricht dafür, daß dieser Johannes von Nepomuk noch eine Weile so eingesperrt bleiben wird.

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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bystřice pod Hostýnem

Dieser Text könnte auch heißen: „Der Bahnhof des Partisanen“. Einen solchen Bahnhof nämlich findet man Bystřice pod Hostýnem im östlichen Mähren.

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Zu den Gleisen hin hat die Bahnhofanlage ein langes blaues Vordach, das auf mittigen runden Stützen ruht und von diesen kurz nach außen und länger nach innen zu den Gebäuden ansteigt. Es wirkt, wiewohl aus Stahl und Blech, eher leicht, schwerelos, vielleicht auch, weil die Stützen sehr dünn und mit ihrer braunen Farbe um Unsichtbarkeit bemüht sind. Links steht dahinter zuerst ein kleiner Flachbau mit technischen Räumen. Nach einer kurzen Lücke beginnt der eigentliche zweigeschossige Bahnhofsbau, der teils grauen Putz und teils rotbraune Kacheln hat, vor dem Flachdach aber wieder einen blauen Streifen. Auch er zieht sich langgestreckt parallel der Gleise hin. Der Großteil der Länge wird von verschiedenen Betriebsräumen für Güter- und Personenverkehr eingenommen.

Erst ganz rechts öffnet sich das Gebäude mit großen Glasflächen und -türen, die in die Halle führen, ganz dem Reisenden. Aber das Vordach endet noch nicht mit dem Gebäude, sondern setzt sich, nun an der gleisabgewandten Seite zusätzlich von drei dünnen runden Stützen getragen, noch etwas fort und verwandelt sich am Bahnsteigende sogar. Es wird zu einem dickeren Betondach mit blauem Rand, das den Reisenden alternativ oder ergänzend zur Halle hinausgeleitet.

Der sich rampenartig absenkende Bahnsteig verläuft ein Stück zwischen eckigen Stahlstützen und Glasflächen. Während links der offene Ausgang folgt, verläuft das Glas rechs weiter und noch um die Ecke der abschließenden Wand, die danach aus Beton besteht.

Die Bahnhofshalle ist dann quer zu den Gleisen, fast von ihnen wegstrebend, angeordnet.

Auf ihrer linken Seite ist im unteren Teil schwarz-grau-weiß gemaserte glatte Steinverkleidung, was man aber kaum merkt, da ein so großer Teil von den Fenstern der Schalter und den Eingänge des Restaurants und der Toiletten eingenommen wird. Rechts sind unten erst die Eingänge, dann wird die Wand auf ihrer gesamtem Höhe in eine durchgehende Glasfläche aufgelöst. Der obere Teil der Halle hat ansonsten weiße Wandflächen, auf denen nur an der Gleisseite eine ziffernlose goldene Uhr hängt.

Beim Beginn der Glaswand dienen sieben dünne Stangen, die vom Boden bis zur Decke reichen, als Raumteiler. Unten sind die durch den hellbraunen Holzkasten einer Heizung zusammengefaßt, darüber sind an ihnen je zwei vertikale drehbare Metallwalzen für Fahrplainformationen aufgehängt, bevor nach quadratischen Holzelementen nur noch das bloße Metall aufragt. So wird die Halle subtil in einen kleineren Durchgangsbereich zwischen den Ausgängen und einen größeren Aufenthaltsbereich mit hölzernen Sitzbänken aufgeteilt.

Zu diesem, aber auch in die übrige Halle, zeigt ein abstraktes Kunstwerk von Jaroslav Blažek, das raumhoch die Mitte der rückwärtigen Wand einnimmt. Auf rechteckigen vertikalen Tonplatten sind allerlei Vertiefungen und eingelassene Steine, aber am Auffälligsten sind die vertikale Rille in der Mitte, die an einen Schnitt erinnert, und der blau glasierte Fleck unten rechts (einige Bilder aus der Entstehungszeit findet man auf der Seite des Künstlers).

Von der Stadt her kommt man direkt auf die Bahnhofshalle zu. Rechts ist teilweise verdeckt von einem Baum die Glasfläche, links ist über den Eingängen ein blaues Vordach und noch darüber ein Wabenmuster im Beton der Wand. Nicht in der Mitte über dem Eingang, sondern deutlich am rechten Rand sind auf dem Vorach eine aufgestütze quadratische Uhr und auf dem Dach ein geflügeltes Rad als blau-weißes Leuchtsymbol.

Links ergänzt der Abschluß des Bahnsteigsdachs die Halle. Zwischen den Eingängen und dem dickeren Dach stehen vor den drei runden Stützen niedrige Nadelsträuche, wodurch diese fast die Anmutung von Säulen bekommen und ein kurzer antiker, tempelartiger Eindruck entstehen kann. Wie ein L legt sich die Bahnhofsanlage so um einen Wendekreis für Busse.

Der Bahnhof wird zu einer Art Schleuße zwischen der Stadt und den Gleisen, das heißt dem Rest der Welt, offen, einladend, funktional und schön.

Eine Gedenktafel am Bahnsteig neben den Eingängen zur Halle erdet dieses neue Gebäude schließlich in der nicht fernen Vergangenheit. Üblicherweise wird an solchen Stellen an Eisenbahner, die in den Besatzungsjahren 1938 bis 1945 umkamen, erinnert, aber hier ist es etwas anders. Unter fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub als Symbol der 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žižka“) wird auf der glatten schwarzen Steinplatte in weißen Buchstaben vom Tod eines Partisanen erzählt:

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

„An diesem Ort“, ja, aber nichts an diesem Ort sieht mehr aus wie im Januar 1945. Leutnant Marek würde nichts wiedererkennen, wenn ein gütiger kommunistischer Gott ihn wieder zum Leben erweckte. Und genau so muß das sein, so würde er das gewollt haben. „Er kämpfte für uns, damit wir leben können…“, steht oben auf der Tafel. Der ganze Bahnhof ist ein Beweis dieses Lebens und das schönste Denkmal, das einem Partisanen errichtet werden könnte.

Österreichische Tage

In Gdańsk sind gerade Dni Austrii (Östtereichtage) und warum auch nicht, schließlich hat diese Stadt an der Ostsee keinerlei Bezüge zu Österreich und hatte auch in ihrer Geschichte, als sie noch Danzig hieß, keine.

Teil dieser Tage, die am 26.9.2017 begannen und einen Monat dauern, ist eine Ausstellung mit dem originellen Titel Dialog. Sie besteht aus einigen großformatigen Plakaten am Zaun des Park Oliwski (Oliwaer Parks) an der großen Straße Opata Jacka Rybińskiego. Außer reproduzierten Werken vierer Künstler, drei aus Gdańsk, eine aus Österreich, sind darauf auch jeweils deren Namen und die Logos der Veranstalter abgebildet.

Vom Straßenbahnwendekreis Oliwa aus gesehen passiert man zuerst die Arbeiten von Noemi Staniszewska, Photographien von gläsernen Fassaden und den Lichtspiegelungen darin. Das ist harmlos dekorativ und auch schon der Höhepunkt der Ausstelllung. Es folgen zwei billige Computergraphiken von Cezary Paszkowski, zu denen es mehr nicht zu sagen gibt. Dann Bilder von Adriana Majdzińska, die das schwarze Geäst von Bäumen oder auch einer Menora zeigen. Natur und Juden geht immer, wird die Künstlerin zurecht gedacht haben und damit ist dieser handwerklichste Beitrag wohl auch der kommerziell verwertbarste. Den Abschluß bilden verpixelte Collagen von Daniela Litto, die bunt genug sind, um an einer großen Wand in einer teuren Altbauwohnung einen Farbakzent zu setzen und sonst wenig.

Kurz vor dem nächsten Eingang zum Park kann man noch Kurzbiographien der Künstler und Beschreibungen dessen, was ihr Schaffen ausmacht, lesen. Aus ersteren entnimmt man erschreckt, daß die Computergraphiken von einem beinahe siebzigjährigen Professor stammen, dank zweiteren würde man sich wünschen, kein Polnisch zu verstehen, wenn man nicht wüßte, daß diese leeren Worte über leere Kunst in jeder Sprache ähnlich lachhaft klängen.

Am interessantesten jedoch ist vielleicht der Ort der Ausstellung. Er scheint so gewählt, daß sie möglichst wenige Besucher auf möglichst unangenehme Art erleben können.

Der Park mit seinem Palast ist zwar ist einer der beliebtesten und schönsten Orte der Stadt, aber der ist jenseits des Zauns. Wollte man einen Bezug zwischen den Werken und ihrer Umgebung suchen, so fände man ihn zwischen den Bildern von Majdzińska und den aus verschlungenen Zweigen gebildeten Gängen des Parks. Man könnte über Inspiration, den Zusammenhang zwischen Kunst und Natur, was auch immer nachdenken, aber das erübrigt sich, weil man sie niemals zusammen sehen kann.

Draußen, direkt vor dem Zaun, verläuft ein Fahrradweg und nach einem sehr schmalen Streifen für Fußgänger beginnt die vielbefahrene Straße. Durch diese Lage werden auch die interaktiven Elemente der Ausstellung noch interaktiver: wenn man mit der heruntergeladenen App an die Bilder herantritt, um Ton oder Video zu hören oder zu sehen, kann man noch dazu von Fahrrädern über den Haufen gefahren werden.

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Als Resumé (bitte eine der drei Varianten wählen):

a) Wenn alle Aktionen dieser Gdańsker Österreichtage so gelungen sind, werden sie ein voller Erfolg.

b) Immerhin kann man nach diesem Ausstellungsbesuch in den Park gehen, wo man innerhalb der Gartenarchitektur Plastiken und Skulpturen aus der sozialistischen Zeit hat. Diese mal abstrakte, mal gegenständliche Kunst ist vielleicht auch nicht immer besser als die am Zaun, aber zumindest angenehmer zu betrachten.

c) Bleibt zu hoffen, daß die Österreicher für das Ganze gezahlt haben.

Ein Sturz im Park Reagana

In Gdańsk gibt es einen Park Prezydenta Ronalda Reagana (Präsident-Ronald-Reagan-Park) und in diesem gibt es ein Kunstwerk, das Ronald Reagan und den Papst zeigt.

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Papież (Papst) ist in Polen ein Synonym für Jan Paweł II. (Johannes Paul II.) und in Kunstwerken wird er tausendfach dargestellt, weshalb es vielleicht zutreffender ist, daß dieses den Papst und Ronald Reagan zeigt, nicht andersherum.

Es handelt sich um überlebensgroße Bronzeplastiken, die ein in Miama im Jahre 1987 entstandenen Pressephoto nachahmen. Papst und Präsident nebeneinander gehend, miteinander sprechend.

Das Kunstwerk steht an einem wichtigen Weg, der von Przymorze und einer Bushaltestelle zum Strand führt. Es steht nicht auf diesem Weg, aber auch nicht von ihm abgetrennt. Die Plastiken gehen ohne Sockel auf demselben Boden wie der Betrachter.

Erst seitlich sind niedrige abgeschrägte Betonmäuerchen mit schlecht lesbaren, weil stark spiegelnden Tafeln aus dunklem Stein. „Wdzięczni za niepodłegłość Polacy” (Die für die Unabhängigkeit dankbaren Polen), steht dort groß und kleiner Hinweise auf das Photo und die Sponsoren des Denkmals.

Hinzu kommen drei Fahnenmasten, an denen zwei polnische Flaggen und eine von Johannes Paul II., aber keine amerikanische hängen.

Denkmalplastiken in realistischen Formen und angeordnet in realistischen Situationen zu zeigen, ist ein typisches Merkmal der reifsten Strömungen des sozialistischen Realismus, von dem auch die zeitgenössische polnische Propagandakunst zehrt. Ein schlechtes Kunstwerk ist diese im Park Reagana, so reaktionär der Inhalt, also nicht.

Was seine Schöpfer aber nicht bedachten, war die enorme Verehrung, die viele Menschen in Polen dem Papst entgegenbringen. Sie wollen ihn, wie groß auch immer, nicht im Gang und im Gespräch mit irgendeinem bloßen Menschen sehen und gewiß nicht auf einer Ebene mit sich selbst. Sie wollen zu ihm aufblicken, ihn anbeten, ihm Opfer bringen. Kein Wunder also, daß jemand Blumenkästen im Halbkreis vor die Plastiken aufstellte, damit ein Ort entstehe, wo Kerzen, Kreuze und Kränze zu ihren Füßen abgelegt werden können.

Das zeigt ein großes Unverständnis, ja, Desinteresse an diesem Kunstwerk, denn es soll ja gerade freistehen, keinen Sockel, keine Barrieren haben. Aber es geht diesen Papstgläubigen eben nicht um Kunst, sondern um den Papst.

Daher sieht es nun im Park Reagana so aus, als seien ein riesiger Papst und ein riesiger Ronald Reagan kurz davor, allerlei Devotionalien zu zertrampeln und dann über Blumenkästen zu stolpern.

Religiöser Eifer veränderte hier staatstragende Propagandakunst so, daß auch der kommunistische Betrachter etwas an ihr finden kann. Alle sind zufrieden, könnte man sagen, aber stimmen würde es natürlich nicht.

Maria in Drag

Wenn die Dreifaltigkeitssäule auf dem Zelný trh (Krautmarkt) in Brno nur Jesus, den heiligen Geist und Gott zeigen würde, wäre sie immer noch das bessere der beiden barocken Kunstwerke auf diesem Platz.

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Aber angesichts des unsäglichen Steinhaufens von einem Brunnen weiter unten auf der ansteigenden Platzfläche ist das kein großes Kompliment.

Budík, Miloš u. Samková, Eva: Brno – v 80 barevných fotografích, Praha 1976

Die Darstellung der Dreifaltigkeit, bei der Jesus und Gott nebeneinandersitzen und der heilige Geist als Taube in einem Strahlenkranz zwischen ihnen schwebt, ist eben weit weniger interessant als die das Gnadenstuhls, bei der Gott den gekreuzigten Jesus zwischen den Beinen hält. Sie wirkt eher wie ein Kaffeekränzchen bei Sonnenuntergang, während die zweite wirklich eine Ahnung vom komplizierten Einswerden dreier Teile, von Dreifaltigkeit, gibt. Auch hier, wo die beiden auf dem großen ionischen Kapitell der Säule und Wolken sitzen, während die Strahlen und die Taube an einem weiteren Teil, durch den die Säule eher zum Obelisk wird, hängt, wird das nicht anders.

Aber da ist noch mehr. Auf dem Sockel vor der flachen puttenbehafteten Säule stehen zwei weitere Figuren: vorne Maria, hinten Johannes von Nepomuk. Diese beiden Heiligen so nah beieinander, Rücken an Rücken, zu sehen, macht ihre Gemeinsamkeiten ungewöhnlich deutlich.

Für sich genommen sind die beiden Skulpturen ganz typisch. Maria in verzückter Verrenkung, die rechte Hand etwas nach unten ausgestreckt, die linke Hand auf der Brust, unter ihr die Weltkugel mit zertretener Schlange.

Johannes von Nepomuk in ganz ähnlicher Verrenkung, Kruzifix und Palmwedel im rechten Arm, die linke Hand seinerseits auf der Brust.

Was sie verbindet, sind ihre Heiligenscheine. Marias hat viele Sterne, Nepomuks nur fünf. Aber sie sind die einzigen beiden Heiligen, deren Heiligenscheine Sterne haben. In dieser Hinsicht steht Johannes von Nepomuk nur wenig unter Maria, der Mutter Gottes. In Brno stehen sie sogar auf einer Stufe, deutlich über den beiden anderen Heiligen, die links und rechts niedrigere Sockel haben.

Die Erbauer der Säule waren sich sicher bewußt, was sie taten, als sie beiden so heraushoben und beisammen zeigten. Ihnen würde es wohl zu weit gehen, würde man in Johannes von Nepomuk eine zweite Maria, eine Maria in Drag sehen wollen, und die beiden zusammen als eigentümliche Zweifaltigkeit. Aber heute ist es schwer, das nicht zu sehen.

U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

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So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagereks, wohl nach der Familie des ersten Eigentümers benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

Das neualte Hradec Králové

Die eigentümlichsten Gebäude in Hradec Králové stammen aus einer Zwischenzeit: den frühen zwanziger Jahren. Sie füllen einige Straßenzüge jenseits der Elbe gegenüber der Altstadt. Was genau an ihnen so eigentümlich ist, läßt sich zuerst kaum sagen. Es ist Blockrandbebauung, die Formen sind mit allerlei reduzierten Streben und Pilastern an historischen Mustern orientiert, ohne direkt historistisch zu sein – das sieht man häufig.

Plötzlich aber merkt man, was nicht stimmt: die Bebauung ist zu einheitlich, zu gleichmäßig. Eine ganze Straßenseite, noch eine Querstraße, vielleicht sogar die gegenüberliegende Seite können von Gebäuden mit den gleichen Schmuckformen eingenommen werden. Vielleicht gibt es Variationen, doch die bemerkt man kaum. Diese Einheitlichkeit paßt nicht in die kapitalistische Stadt, wo üblicherweise kein Gebäudes dem daneben gleicht, da jedes entsprechend den Wünschen eines privaten Eigentümers gestaltet wurde.

Die Erklärung dafür, daß es in diesem Teil von Hradec Králové anders ist, liegt eben in der Zwischenzeit, in der er entstand. Die Stadterweiterung von der Altstadt in Richtung der Arbeitervorstadt beim Bahnhof hatte in der österreichischen Zeit nur zaghaft begonnen, wie etwa die Jugendstilbauten in der Straße Havlíčková zeigen. Die sehr junge Tschechoslowakei forcierte sie dann. Die Entstehung dieses neues bürgerlich-demokratischen Staates aus den Resten der alten Monarchie erweckte Hradec Králové, sie war sogar wichtiger als es die nicht lange zurückliegende Schleifung der Festungsmauern. Vielleicht wegen Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, sicher aber auch durch massive Förderung durch Stadt und Staat, galten dabei für eine Weile die üblichen kapitalistischen Gesetze nicht mehr und es entstanden diese großen einheitlichen Straßenzüge.

Was so in sehr kurzer Zeit entstand, war jedoch keineswegs eine neue Architektur oder Stadtplanung. Die Blockrandbebauung, die Straßenstruktur und der Masarykovo náměstí (Masaryk-Platz) in der Mitte wären auch zehn Jahr zuvor unter österreichischen Bedingungen nicht anders geworden. Bloß hätte der Platz schon zu dessen Lebzeiten nach dem Kaiser gehießen statt nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk – ebenfalls zu dessen Lebzeiten.

Auch die Formen der Gebäude sind nicht eigentlich neu. Die einzige Sorge der Architekten scheint die Anordnung der Ornamente und Skulpturen zu sein. Sie finden dabei auch interessante Lösungen, wie etwa bei dem genannten großen Gebäude an den Straßen Klumparová und Střelecká. Seine Fassade ist von horizontalen und vertikalen dreieckig vorragenden Streben strukturiert und in einigen der dazwischen entstehenden Flächen sind Skulpturen, durchaus aber nicht in allen.

So haben die Skulpturen hier keine herausgehobenen Plätze, sondern müssen sie sich in der Fassadenstruktur gleichsam erst suchen. Ähnlich ist es bei einem anderen Gebäude, wo die angedeuteten Pilaster Vertiefungen sind, in denen Fruchtkörbe und nackte Frauen aus Stein stehen wie auch wirkliche Frauen oder Körbe stehen könnten.

Es ist, als würde hier ein Realismus in der Fassadengestaltung gesucht, den nie jemand vermißt hatte.

Letztlich ist dieser Teil damit eine bruchlose Fortführung des in den österreichischen Ländern so starken Postjugendstils der Vorkriegsjahre. Aber eben nicht von dessen fortschrittlichsten Aspekten. Er ist nicht Otto Wagner oder jedenfalls nicht Otto Wagner von 1910, sondern bestenfalls einer seiner mediokreren Schüler von 1890. Er ist eine verpaßte Gelegenheit, eine verspätete Fortführung des 19. Jahrhunderts in Städtebau wie Gebäudeformen. Doch die Zwischenzeit, in der er entstand, dauerte auch in Hradec Králové nicht lange, es wurde in ihr bloß ungewöhnlich viel gebaut.

Direkt an diese Bebauungt angrenzend, gar nicht weit vom Masarykovo náměstí, entstand ein weiterer Platz. Er bildet ein langgestrecktes Rechteck entlang einer großen Straße, die auf die Altstadt zuführt.

Die Eckbauten beidseits der Straße sind jeweils besonders hervorgehoben. An der näher bei der Altstadt liegenden Seite sind es mächtige sechsgeschossige Gebäude, die mit ihrer schnörkellosen kubischen Form, ihrem weißen Putz und ihren großen quadratischen Fenstern schon ein enormer Kontrast zur vorigen Bebauung sind.

An der anderen Seite sind es Hochhäuser oder wären das gerne.

Nach einem zweigeschossigen Sockel mit heller Steinverkleidung und großen Glasflächen markiert ein umlaufendes Vordach den Übergang zu fünf weißgetünchten Geschossen. Die Ecken des ansonsten kubischen Baukörpers sind dadurch betont, daß im dritten bis fünften Geschoß zur Straße hin ein abgerundeter Erker vorgesetzt ist, auf dem oben eine kleine Terrasse ist.

Diese Eckbauten sind Tore, durch die man die Vergangenheit verlässt und in die kapitalistische tschechoslowakische Gegenwart tritt.

Der Platz ist dann geprägt von nur zwei weiteren Gebäuden. Das erste steht in der Mitte der Seite, wo die Straße verläuft. Eine Verkleidung aus Sandsteinplatten, die Seiten satteldächig an die unscheinbaren Nachbarbauten anschließend, in der breiten Mitte ein vorgesetzter Erdgeschoßteil mit Balkon, der zwar stark verglast ist, aber eher durch den ihn rahmenden glatten Sandstein wirkt, darüber hohe vertikale und ebenfalls von glattem Sandstein gerahmte Fenster, zwei weitere Geschosse, die schon über den Beginn der Satteldächer hinausragen, und eine große horizontale Giebelfläche, in deren Mitte ein großes Sandsteinrelief hängt. Es zeigt allerlei Geschäftigkeit, die die Textilproduktion darstellen soll, unter dem Schutz von Merkur, dem Gott des Kapitalismus.

In dem Gebäude saß die Verwaltung des Textilunternehmens Steinský-Sehnoutka und es ist auch ein recht typisches tschechoslowakisches Bürogebäude seiner Zeit. Sein reduziert monumentaler Stil ist einer, mit dem sich konservative Teile des Kapitals immer gern schmücken.

Das wichtigste Gebäude des Platzes steht an seiner anderen Seite und es nimmt sie vollständig ein. Auf einem Sockel aus einem Erdgeschoß mit Geschäften, Vordächern aus Beton und Glasbausteinen und einem gänzlich verglasten zweiten Geschoß sitzen drei Geschosse mit horizontalen, fast schon als Bändern wirkenden Fenstern.

Es ist ein äußerst sachlicher und schlichter Bau, der in vielem das Gegenteil des Textilpalasts gegenüber ist. Vertikales fehlt hier völlig. Wollte man Ansätze von klassischer Monumentalität, so vielleicht darin, daß es symmetrisch aufgeteilt ist, ein weiter Teil des Obergeschosses leicht vorgesetzt ist, das Dach dort leicht übersteht und über dem in der Mitte liegenden Eingang ein großes Steinrelief ist.

Aber gerade die Eingangssituation zeigt den Kontrast zum gegenüberliegenden Bau. Glasflächen in einem mit glattem schwarzen Stein verkleideten Rahmen, darüber das Relief mit sechs allegorischen Figuren, darunter wieder Merkur, die teils Atlanten für den überstehenden Teil eher zu spielen scheinen, wie eine der beiden Frauen in der Mitte spielerisch mit einem geflügelten Rad über den halben Erdball zwischen ihnen zu fahren scheint. Während man hier noch aufblicken muß, hat man im Foyer direkt vor sich ein großes Glasbild, das in unaufdringlichem Realismus Szenen des Reisens mit der Eisenbahn, aber auch mit dem Schiff und sogar dem Flugzeug zeigt.

Monumental ist dieses Gebäude nur durch seine schlichte Länge und seine dominante Position auf dem Platz. Als eine Art horizontales Hochhaus ist es untrennbar mit der Platzfläche verbunden, beinahe ist es der Platz.

Kein Privatunternehmen, sondern die ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen), also der Staat selbst repräsentierten sich so. Der Platz hieß und heißt wieder Ulrichovo námestí (Ulrich-Platz) nach dem Bürgermeister František Ulrich, der über die Systeme hinweg von 1895 bis 1929 amtierte und entscheidend für die rasante Entwicklung der Stadt in der jungen Republik verantwortlich zeichnete.

Zwischen den beiden Plätzen, dem aus der Zwischenzeit und dem aus der reifen tschechoslowakischen Republik, liegen keine zehn Jahre. Von der Vergangenheit löste sich Hradec Králové was die Gebäudeformen anging also schnell. Noch immer aber blieb es der Blockrandbebauung verhaftet. Es entstand eine bemerkenswerte neualte Stadt. Und nur wenig später begann Hradec Králové gar, wahrhaft neu zu werden.