Archiv der Kategorie: Kunst

Jesus in Javorník

Jesus gibt es in Javorník viermal, während es Orte dieses Namens, der sich von javor (Ahorn) ableitet, viele gibt. In dem hier gemeinten nordostböhmischen Dorf steht Jesus jeweils an der einen Straße, die zwischen den locker verstreuten, teils noch aus Holz gebauten Häusern verläuft. Dreimal hängt er steinern an einem steinernen Kreuz auf einem mehr oder weniger hohen steinernen Sockel, auf dem noch seine Mutter Maria im Relief und eine deutschsprachige Inschrift sind. Die Denkmäler sind wohl barocker oder nachbarocker Herkunft, aber das ist schwer zu sagen, da sie oft renoviert und umgebaut wurden, was auch oft auf ihnen erwähnt ist.

Das größte ist das erste am Ortseingang an der Ecke zur Landstraße, bei ihm liegt auf einem höheren Teil des Sockels noch ein Lamm und vor dem Kreuz ein Totenkopf, „Es ist vollbracht“.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Das im schlechtesten Zustand ist das mittlere, hier hängt Jesus schon arg verstümmelt da, hat keine Beine mehr.

Das schönste ist das letzte, weil hier das Kreuz im Unterschied zum grauen Sockel aus rotem Stein gefertigt ist.

Der vierte Jesus ist ein Relief, er steht in langem Gewand und mit Heiligenschein über ein kleines Kreuz geneigt, auf dem oben ein Stahlhelm ist. Er gehört zu einem kleinen Denkmal für den ersten Weltkrieg, in dem unter einem gestuften Abschluß „1914-1918“ und auf einem vorgesetzten Quader „Der Heimat Dank ihren Söhnen“ steht.

Man kann vielleicht viel über die Geisteshaltung der örtlichen Deutschen daran erkennen, wie einfach hier Religion und Krieg verbunden sind, aber das war ja nirgendwo schwer. Unverständlich ist, wieso zwar später „1939-1945“ hinzugefügt, aber keine neue Inschrift ergänzt wurde. Ob diese Hinzufügung gar noch von den in den Nachkriegsjahren ausgesiedelten Deutschen stammt, eine Art vergiftetes Abschiedsgeschenk an die Tschechoslowakei, die in den im Münchner Abkommen zwischenzeitlich verlorenen Gegenden sonst „1938-1945“ schrieb?

Auf den Stahlhelmjesus blickt von der anderen Straßenseite Johannes von Nepomuk.

Aber nein, er achtet auf ihn gar nicht, er hat den geneigten Kopf an den Querbalken des Kruzifixes, das er im linken Arm hält, geschmiegt.

Bei ihm ist Jesus domestiziert, abstrahiert, kein Körper am Kreuz mehr, sondern ein Symbol. Johannes von Nepomuk ist Abwechslung vom Einerlei der Jesusse, Marien und Stahlhelme, ein Glück für Javorník wie für jeden Ort.


Ergänzend die Inschriften, die ich mir aus meinen Bildern rekonstruieren kann.

Erster Jesus Vorderseite:

Sieh Mensch wie Kristus
          für dich stirbt
Und liebend dir das Heil erwirbt
O mach dich dieser Liebe werth
Das ist’s was Er von dir begert
Renovirt 1884 A.R.

Erster Jesus Rückseite:

Diese Statua Ließ
Aloisius Rücker Müller
Meister in Mohrn im
Jahr 1816 Errichten.

Renovirt vom Sohn Alois Rücker
1857

Opraveno [ausgebessert, P.E.] 2013

Letzter Jesus:

Durch deinen Schmerz, durch deinen Tod
Hilf Jesu mir in aller Noth,
Lass Deine Marter, Deine Pein
Doch nicht an mir verloren sein !

Nepomuk:

St. 
Johannes 
bitte für uns
___.___
Renovirt
Von
Wohthätern
1880

ANNO 1755
DEN 7 NOVEMBRIS

Torgauer Traditionen

Das sozialistische Torgau erzählt in einem Wandbild aus seiner Geschichte. Auf der langgestreckten orange-gelben Fläche sieht man zwei Gruppen von Menschen: rechts Ritter, teils zu Fuß, teils zu Pferd, in Rüstungen, mit Schwertern und Hellebarden und dem Stadtwappen als Wimpel.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Links Menschen der DDR-Gegenwart, alte, junge, teils stehend, teils sitzend, ein Bauarbeiter, einer mit Gitarre, hinter ihnen ein noch kleiner, aber geschmückter Baum.

Auf einem Steinblock ganz links ist die Signatur „Kratsch 1987“.

In der Mitte treffen sich zwei Vertreter der beiden Gruppen, rechts einer der Ritter, links ein junger Mann mit rotblondem Vokuhila und ähnlichfarbiger Sportjacke.

Der Ritter will dem Mann ein Schwert übergeben, doch der lehnt es mit freundlicher Geste ab. Über ihnen fliegt eine weiße Taube, rechts davon weitere und überhaupt sind die beiden Gruppen nicht so geschieden, wie es im ersten Moment scheinen mag. Ganz rechts steht ein kleiner Junge mit Hund vor den Rittern und blickt nach vorne, als posierte er mit den eigentümlichen Besuchern aus der Vergangenheit für die Kamera.

Mittig vor den Rittern steht ein kleines Mädchen und winkt nach links, als wolle es die anderen auf ihre kuriose Entdeckung hinweisen.

Und mittig links steht ein Ritter mit zwar eingestecktem Schwert, aber auch einer aufgestellten Lanze, um die blühende Schlingpflanzen wachsen und die von der anderen Seite ein kleiner Junge mit Trompete hält.

Gezeigt ist auf diesem Wandbild des Künstlers Joachim Kratsch, wie der Sozialismus mit der Tradition umgeht: liebevoll, aber selbstbewußt, das Gute aufhebend, das Schlechte zurückweisend. Die Ritter sind den Kindern spielerisch-staunend wahrgenommene Folklore. Aus der Lanze wächst ein Baum. Das Schwert, die kriegerische Tradition, lehnt der ganz im Geschmack der späten achtziger Jahre gekleidete DDR-Bürger ab, er braucht sie nicht, es ist Sozialismus und Frieden. Ganz so sah die DDR die Welt und sie fand dafür unzählige überraschend schöne Bilder wie dieses.

Vielleicht täuschte sie sich. Bezeichnenderweise hat der Frieden im Bild seine Symbole, der Sozialismus aber nicht. Leicht könnte es einfach pazifistisch verstanden werden. Daß die DDR den deutschen Militarismus zurückwies, war richtig, aber daß sie zwei Jahre später zu ihrer Verteidigung nicht das Schwert zücken konnte, war tragisch. Das Ergebnis sieht man um das beschriebene Wandbild.

Es symbolisch zu nennen, daß über die zentrale Szene ein großes grünes Hakenkreuz gemalt wurde, wird dem heutigen Torgau gewiß nicht gerecht, eher paßt es, daß der einstige Saal des Restaurants „Torgau Nordwest“, in dem das Wandbild ist, heute voller zerschlagener Möbel und allerlei anderen Mülls liegt, während die Fensterflächen verbarrikadiert sind. Beides, Neofaschismus und wirtschaftlicher Niedergang, hängt miteinander zusammen.

Der flache Restaurantbau befindet sich ganz am Ende des Wohngebiets Torgau Nordwest, dessen Name noch in blauen Leuchtbuchstaben auf dem Dach steht. Sogar ein Logo – einen Kreis, in dem ein spitzes Dreieck kompaßnadelgleich in die linke obere, die nordwestliche, Ecke zeigt – hatte das Wohngebiet.

Heute zeigt es sich wie so viele kleinere Wohngebiete der ehemaligen DDR. Hinter dem Restaurant beginnt eine breite, leicht geschwungene Grünachse, zu der sich links fünfgeschossige Bebauung mit großzügigen Höfen öffnet, während rechts eine Schule mit großer Turnhalle, ein Kindergarten und dahinter aufgereihte fünfgeschossige Gebäude älteren Typs mit flachem Satteldach stehen.

Am Ende der Achse ist rechts ein Kaufhallengebäude, dessen vorderer Teil ein Wellendach und einen hinter einer Stütze in der Ecke zurückgesetzten verglasten Eingang hat,

und links eine kleine Poliklinik mit Pelikanapotheke, die sich mit einem zur braunen Kachelverkleidung  des Sockelgeschosses und des Dachbandes passenenden abstrakten Kachelrelief schmückt.

Fast alle Gebäude sind neugestaltet und andere, besonders vor dem Restaurant, wurde abgerissen. In der Kaufhalle ist ein vietnamesischer Laden, die Poliklinik stark umgebaut. Für das heutige Wohngebiet ist wohl am wichtigsten, daß es zwischen den beiden letztgenannenten Gebäuden entlang des einzigen unveränderten Wohnbaus, der auch als einziges bei ebenfalls fünf Geschossen einen Aufzug hat, zur herumführenden Straße mit Bushaltestelle und weiter zu einem Einkaufszentrum um einen großen Parkplatz und zu McDonald’s geht.

Schlecht war das Wohngebiet Torgau Nordwest im Bezirk Leipzig seiner Konzeption nach nicht und daß all seine Gemeinschaftseinrichtungen verfallen würden, konnte niemand ahnen. Vielleicht aber war es auch nicht gut genug. Es liegt letztlich zu weit vom Zentrum seiner ohnedies nicht großen Stadt entfernt und hat anders als das ältere Wohngebiet an der Straße des Friedens nicht einmal ein bescheidenes Hochhaus. Radikaler und selbstbewußter wäre es gewesen, direkt auf der anderen Seite der Elbe, gegenüber von Altstadt und Schloß Hartenfels, ein neues Wohngebiet zu bauen. Platz wäre genug, denn hinter den Flutwiesen sind dort nur versteckte Teile der Festungsanlagen, in denen heute immerhin ein alternatives Kulturzentrum ist. Wäre es so gekommen, hätten sich Alt und Neu direkt gegenüberliegen können. Dieses theoretische Torgau Ost oder Torgau Brückenkopf, wie die einzubeziehenden Festungsreste heißen, wäre auch der angemessenere Ort für das Wandbild, das statt an einer Restaurantinnenwand dreifach größer an einer Außenwand hätte hängen müssen, um die ringsum offensichtlichen Torgauer Traditionen zu kommentieren.

Osoblaha

Ist Osoblaha ein Dorf oder ist es eine Stadt? Es ist der größte Ort in seinem nördlich nach Polen hineinragenden Zipfel Tschechiens, aber das heißt wenig, da er nur klein ist. Es hat einen Bahnanschluß, aber das heißt wenig, da es nur eine Schmalspurbahn ist, die nie stillgelegt wurde, weil das in Tschechien nicht geschieht.

Am Rande ist es klar dörflich, ältere Bauernhöfe wechseln sich mit tschechoslowakischen Einfamilienhäusern ab. Ob man das Zentrum als städtisch empfindet, hängt von den Kategorien, die man anlegt, ab, doch jedenfalls gleicht es keiner typischen tschechischen Kleinstadt, da die gesamte Bebauung aus der sozialistischen Zeit stammt. Obwohl sie nur eine einzige Straße bildet, läßt sie sich leicht in zwei Teile, einen alten und bunten und einen neuen und weißen, gliedern.

Selbstverständlich ist der alte Teil keineswegs alt, sondern wurde in den Fünfzigern nach dem Stalinismus oder jedenfalls unbeeinflußt von ihm gebaut. Er heißt Na náměstí (Auf dem Platz) und so ist in der Mitte ein kleiner Platz mit Grünanlagen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Von der schmalen Platzseite aus gesehen, mit der das Zentrum beginnt, ist auf der linken Seite ein langes dreigeschossiges Gebäude mit Walmdach und Läden im Erdgeschoß, die mal mit braunen Kacheln, mal mit schwarzem Schiefer verkleidet sind. Auf der rechten Seite steht erst das Kulturní Dům (Kulturhaus), dann ein dreigeschossiger Eckbau. Vielleicht ist der alte bunte Teil so wenig bunt wie alt, aber die Gebäude sind rot und gelb verputzt, was sie von denen des zweiten Teils unterscheidet.

Nach einer Querstraße folgt links zuerst eine Kaufhalle mit großem Schaufenster und vor das Dach gesetzten Dreiecksformen, bevor die Wohnbebauung beginnt. Ihre Fenster sind jeweils durch dunkelgraue Betonteile verbunden, während der übrige Beton ein fast weißes Hellgrau hat. Links steht nach der Kaufhalle das höchste Gebäude der Stadt, das sechs Geschosse in zwei zueinander versetzten Bauteilen hat.

Danach steht ein längerer viergeschossiger Bau mit vier Teilen, die abwechselnd ferner und näher an der Straße stehen. Rechts stehen parallel zur Straße zwei gerade viergeschossige Gebäude (im folgenden Bild seitenverkehrt).

Am Ende dieser Zentrumsachse ist eine Grünanlage und ein offener, aber teils von niedrigen Mauern umgebener Platz. Dahinter, an der nächsten Querstraße, sind zwei Schulgebäude, von denen eines ein nicht mehr als solches zu erkennendes altes ist, und dann noch ein deutlich altes, das zum dörflichen Rand überleitet, denn der ist ja nie weit weg, Osoblaha ist nur klein. Vereinfacht gesagt nimmt das städtische Zentrum mit seiner einen Straße und seinen zwei Plätzen einen Hügelkamm ein, während das Dorf sich darum erstreckt. Außer den Straßen führen noch einige Fußwege mit Treppen hinauf, vom Bahnhof im Süden einer an einer alten Mauer entlang, von Norden zwei über kleine stählerne Brücken über einen kleinen Bach.

Doch wie kommt es nun, daß es im Kern von Osoblaha nichts Altes mehr gibt? Die Antwort geben die beiden Plätze und die beiden Kunstwerke auf diesen. Auf dem alten Platz steht ein gußeiserner Brunnen, an dessen eckiger Basis zu zwei Seiten halbrunde Becken sind, bevor er in sich kompliziert verjüngenden runden Formen, aus denen Wasserhähne über die Becken ragen, in ein großes rundes Becken übergeht. Noch darin steht die Plastik einer Frau mit einer Amphore auf der Schulter, aus der ein weiteres kleines rundes Becken ragt.

Dieser Brunnen zeigt, daß Osoblaha einmal anders aussah, denn er entstammt offenkundig der bürgerlichen Kunst des 19. Jahrhundert und nicht nur im relativ nahen Branná steht ein fast identischer.

Der neue Platz am Ende der Straße öffnet seinen repräsentativen Teil, der rückwärtig von einer nicht ganz regelmäßigen niedrigen Mauer mit hellgrauer Steinverkleidung umgeben ist, nach rechts. Die großen schwarzen Rechtecke des Pflasters sind hier unterbrochen und ein Weg nur in Weiß, den vier quadratische Betonhochbeete flankieren, führt auf eine niedrige Sockelplatte mit drei Sandsteinskulpturen zu.

Die mittlere, etwas weiter vorne stehende zeigt auf einem kleinen Sockel mit der Inschrift „Poděkování a lásku Vám“ (Euch Dank und Liebe) eine Frau, die die Arme nach oben gereckt hat und eine fließende Form, eine Fahne sicher, die aber eins mit ihrem Haar ist, hält.

Rechts steht eine Stele mit geschwungen hinaufführender Rille, die sich in der Mitte als Fläche mit breiten horizontalen Wellenlinien verbreitert. Darin halten sich zwei Hände zum Gruß und über der rechten ist ein fünfzackiger Stern.

Links steht eine ähnliche, aber nicht identische Stele, in deren Mitte zwei von unten geöffnete Hände eine Taube aufsteigen lassen.

Während die querenden Wellen rechts wirken, als sei ein Knoten in die Stele gemacht, den der Handschlag besiegelt, scheinen sie links Wolken zu sein, vor denen die Taube fliegen kann. Hinter der Sockelplatte, fast versteckt, sind quer einige rechteckige Grabplatten mit fünfzackigem Stern.

Links von ihr, unübersehbar und eigentlicher Mittelpunkt des Platzes, steht auf einer schräg in die Grenze zwischen Pflaster und Wiese gesetzten niedrigen Betonplatte eine in den Himmel gerichtete sowjetische Flugabwehrkanone des Typs 52-K.

In Fortsetzung der Achse der Straße, während diese weiter links verläuft und das Denkmalensemble rechts steht, sind in der Mitte des Platzes Beete.

Durch die Grünanlage, die ihn zur etwas niedriger liegenden Ecke abschließt, führt nach links eine Treppe hinab

und leicht rechts geradeaus ein Weg.

Mittig in der Wiese ist ein runder gepflasterter Teil mit einem Steinquader, der heute altarartig funktionslos scheint, aber vielleicht als Rednerpult gedacht war.

Hinzu kommen Fahnenmasten und auch der eckige Turm der an der nächsten Querstraße stehenden Feuerwache wirkt als vertikales Element in den Platz hinein.

Dieser 1975 eröffnete Náměstí Osvobození (Platz der Befreiung), über den ein Bronzeschild hinten an der Mauer informiert, ist ein großartiges Denkmalensemble, das das Gedenken nicht irgendwo abseits, sondern mitten in den städtischen Raum, mitten ins Zentrum von Osoblaha setzt, es mit ihm förmlich verwebt.

„Grundstein zum Denkmal der Roten Armee/Enthüllt am 21.3.1945“

All seine Elemente, die drei Skulpturen, die Worte, das Kriegsgerät, sind von größter Einfachheit und meisterlich komponiert zusammengefügt. In solchen Platzensembles zeigt sich die Größe des tschechoslowakischen Städtebaus.

Indirekt erzählt der Platz auch davon, daß in Osoblaha in der Endphase des zweiten Weltkriegs schwere Kämpfe tobten. Als die sowjetische Armee es am 22. März 1945 als ersten Ort des tschechischen Teils der Tschechoslowakei befreit hatte, war die Stadt fast vollständig zerstört. Das ist ein für tschechoslowakische Orte durchaus seltenes Schicksal, weshalb es wenige vergleichbare Stadtzentren gibt. Man sieht, daß es der Tschechoslowakei gar nicht einfiel, etwas Altes zu rekonstruieren, sondern daß sie sich völlig selbstbewußt etwas Neues baute, das sie als sich angemessen empfand.  Ob es das ist, bleibt immer die Frage, aber es ist zumindest ein Stadtraum voller Offenheit und ohne Hindernisse. Jedes Gebäude ist von allen Seiten betrachtbar und erreichbar, überall sind Wege für Fußgänger.

Noch etwas anderes ist in Osoblaha auffällig: die unterschiedliche Bevölkerung in seinen verschiedenen Teilen. Im dörflichen Teil und im „alten“ Teil des Zentrums wohnen weiße Tschechen, während im neuen Teil Roma wohnen. So steht dort das Weiß der Architektur und das Grün der Vegetation in einem Kontrast zur dunklen Haut der Bewohner, was einen eigenartig schönen Eindruck von überraschender Exotik ergibt. Den ethnischen Unterschieden entsprechen in Tschechien, wie auch andernorts, immer soziale, so daß man mit weißen Tschechen im Restaurant in der Ecke rechts vom Platz sitzen kann, während an der Flugabwehrkanone Romakinder klettern. Das ist wohlgemerkt nicht so absolut, wie es sich eben vielleicht las, sondern nur ein oberflächlicher Eindruck. Gewiß gibt es in der Bewohnerstruktur der verschiedenen Teile Durchmischungen und in der Kneipe beim Kulturhaus und auf den Spielplätzen treffen sich Tschechen und Roma auch, Osoblaha ist nur klein.

Vielleicht sind es alle diese Kontraste – zwischen dörflichem Rand und städtischem Zentrum, zwischen altem und neuem Teil des Zentrums, zwischen überkommener bürgerlicher Kunst auf dem einen und sozialistischer Kunst auf dem zweiten Platz, zwischen den Hautfarben – Kontraste, die allesamt von typisch tschechischer Kleinstadtidylle so fern sind, durch die Osoblaha zur Stadt wird.

Französisches Gdańsk

Gdańsk und Frankreich haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Nur am Vorabend des zweiten Weltkriegs spielte die damalige Freie Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk eine prominente Rolle in nicht nur französischen Debatten. Was davon blieb, ist der letzte Satz eines Artikels des Politikers Marcel Déat, einer schillernden, sehr französischen Gestalt, die es vom unabhängigen Sozialisten und Pazifisten zum begeisterten Nazikollaborateur brachte. Er meinte in dem Text, vielleicht gingen die deutschen Forderungen zwar etwas weit: „Mais mourir pour Dantzig? Non.“ (Aber sterben für Danzig? Nein.)

Das war politisch so falsch wie rhetorisch großartig, denn es war wirklich nicht leicht zu argumentieren, daß Franzosen sehr wohl für eine obskure Stadt an der Ostsee sterben sollten. Nach dem Krieg wurde dann beschlossen, den zentralen Friedhof für die in Polen gestorbenen Franzosen im nunmehrigen Gdańsk einzurichten und es ist schwer vorstellbar, daß die dafür Verantwortlichen Déats Satz nicht zumindest im Hinterkopf hatten.

Der Friedhof liegt sehr versteckt in einem zentralen, aber dennoch abgelegenen Teil der Stadt am Rande  passenderweise des Wzgórze Focha (Foch-Hügels). Zwischen den Bäumen sieht man drei hohe Kreuze aus weißem Beton und einen Fahnenmast, an dem manchmal die französische Fahne hängt, aufragen. Man betritt ihn letztlich von hinten, neben einem Einfamilienhaus, und sieht zuerst ein weites Feld voller kleiner weißer Kreuze.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Vor den drei hohen Kreuzen ist eine erhöhte Fläche, auf der links und rechts altarartige Steinblöcke stehen.

Direkt vor den Kreuzen ist im leicht schrägen Boden die Inschrift:

„À ses fils morts pour la France en Pologne/La République Française reconnaissante/1939-1945“ (Ihren für Frankreich in Polen gestorbenen Söhnen/Die dankbare Französische Republik/1939-1945)

Wenn man zwischen den kleinen Kreuzen geht, die durch den mittleren Weg und zwei Querwege in quadratische Felder aufgeteilt sind, spürt man nur, daß es viele sind.

Die kleinen Plastiktäfelchen nennen Name, Rang und Todesdatum. „Mort pour la France“ (Gestorben für Frankreich) steht jeweils darauf und das heißt auch: „Mort pour Dantzig.“

Sie weisen von den großen Kreuzen weg, was, wie die ganze Konzeption des Friedhofs, zeigt, daß sein Eingang eigentlich auf der anderen Seite sein müßte.

Man müßte erst das weite Gräberfeld durchqueren, vielleicht links und rechts ein paar Namen lesen, bevor man zu den großen Kreuzen und der zusammenfassenden Inschrift kommt.

So wäre es erst die pélerinage (Pilgerfahrt), von der eine kleine Tafel von 1965 in Bezug auf eine Reise ehemaliger belgischer und französischer Kriegsgefangener  spricht. Aber heute durchstreifen bloß noch die, die es wirklich sehr wollen, den ganzen Friedhof. Pilgerfahrten führen hierher keine mehr, die Gräber bleiben unbeachtet.

Dies gilt umso mehr für eine bestimmte Gruppe von Toten, die man auf dem leicht zu übersehenden Friedhof leicht übersehen kann. Inmitten der Kreuze stehen plötzlich andere Grabsteine.

Unten rechteckig, oben eine Art umgedrehte Herzform. Schon der Umriß läßt es erahnen und die Inschrift bestätigt es: arabische Soldaten muslimischen Glaubens. Auch sie „mort pour la France“, im oberen Teil des Grabsteins eine unklare arabische Inschrift. Auf dem Friedhof gibt es einige solcher Gräber, teils mehrere beisammen, teils einzeln. Wäre der Eingang noch dort, wo er sein müßte, könnte man sie nicht übersehen.

Meist sind es einfache Namen, X ben X, X Sohn des X, so wie es gewiß einfache Bauernsöhne aus Algerien, Marokko, Tunesien waren, die hier begraben sind. Die Frage, ob jemand für Gdańsk sterben solle, stellt sich in ihrem Fall noch einmal anders, denn sie starben für einen Staat, der ihnen nichts Gutes wollen konnte. Wie ihre Nachbarn unter dem Kreuz konnten sie sich auch nicht aussuchen, ob sie im Tod mit ihrer Religion assoziiert werden wollten, und beide konnten sich die Teilnahme an diesem Krieg nicht aussuchen. Dennoch war ihr Kampf ein guter. Für alle der auf diesem Friedhof Begrabenen gilt: „Mais mourir pour Dantzig? Pourquoi pas.“ (Aber für Danzig sterben? Wieso nicht.)

Alkmaarer Löwen

Daß Alkmaar sich in den Dreißigern entschloß, an die Ecke bei der Kirche beidseits einer Straße zwei riesige neogotische Backsteinklötze zu setzen, war selbstverständlich völlig reaktionär und damit für ein nordholländisches Provinzstädtchen ganz typisch.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Daran ändert auch nichts, daß sie, das damalige Politiebureau (Polizeiwache) und das Bürogebäude Hooge Huys (Hohes Haus), nur im Vergleich zu den zwei, dreigeschossigen Häuschen der übrigen Stadt hoch sind. Daran ändert ebensowenig, daß die beiden Gebäude ihre neogotischen Bezüge einzig aus den hohen rechteckigen Fenstern, die mit grauem Stein abschließen, den grausteinigen Kranzgesimsen der überstehenden Satteldächer und vor allem den hohen Treppengiebeln beziehen, wobei beim rückwärtigen Giebel des Hooge Huys‘ der mittlere höchste Teil ein Schornstein ist.

Außer durch die Giebel sind nicht einmal die Vertikalen besonders betont und die Eingänge sind zwar unschön steinern, aber nicht weiter monumental. Statt gotisierender oder sonstiger Ornamentik trägt jedes der Gebäude einige Kunstwerke.

Über dem zur Kirche zeigenden Eingang in der Giebelseite des Politiebureau ist es ein recht konventionelles Relief des Alkmaarer Wappens – ein Turm auf einem von Löwen flankierten und mit einem Lorbeerkranz bekrönten Schild, darunter auf einem Band die Worte: „Alcmaria Victrix“ (Alkmaar die Siegerin).

Das Hooge Huys hat in der Mitte der Giebelseite eine runde Fläche, die ein schlechterer reaktionärer Architekt mit einem Rosettenfenster gefüllt hätte, dieser aber mit einem hellgrauen Steinrelief.

Auf ihm ist ein Pelikan, der in Rückgriff auf ein klassisches Mißverständnis biologischer Vorgänge, das zur Christussymbolik wurde, drei vor ihm sitzende Junge mit seinem eigenen Herz füttert. Die Szene ist frontal gezeigt und die aufgespannten Flügel der Pelikanmutter sowie die im Bogen sitzenden Pelikanjungen füllen den Kreis genau aus, während die Linien der vier zueinander zeigenden Schnäbel eine völlig regelmäßige ⅄-Form mit zusätzlichem Mittelstrich ergeben.

Bei seinem Ende hat das Hooge Huys einen zurückgesetzten Teil, so daß zum Nachbargebäude hin an der Straße ein kleiner Hof entsteht, und auf dessen beiden Torpfosten sitzen Löwenskulpturen aus hellem grauem Stein, die kleinere Wappenschilder halten. Das linke Wappen zeigt einen nach links blickenden roten Löwen mit gelber Zunge und gelben Krallen auf gelbem Grund, ist in der unteren Hälfte aber nur schwarz, das rechte zeigt denselben Löwen, aber ohne das Schwarz und mit einer horizontalen gelben Linie unterhalb des Kopfs. Wohl, weil hier Holland ist, mag man darin ein langsames Versinken im Wasser erkennen.

Die Löwenskulpturen, die spiegelbildlich die rechte beziehungsweise die linke Tatze auf die Wappenschilder legen, haben nichts von Wappentieren, sondern sind wie schon die Pelikane gehauen in einem zarten, leicht stilisierenden realistischen Stil, der das Weiche, Abgerundete, Fließende liebt, ohne es zu übertreiben.

Hier gelingt es, wappenschützende Löwen würdevoll und wachsam, aber ohne Aggressivität oder Brutalität zu zeigen, was  ausweislich einiger tschechoslowakischer Beispiele derselben Zeit nicht so selbstverständlich ist.

Diese Löwen sehen zwar nicht geradezu so aus, als ob man sie streicheln wollte, aber auch nicht, als ob sie einen gleich anspringen und fressen wollten.

Die bildhauerische Ausstattung des reaktionären Hooge Huys ist seiner Architektur somit weit voraus. Ihr liebenswerter Realismus erinnert am ehesten an spätere Kunst der sozialistischen Staaten.

Endgültig bestätigt wird das Können des belgischen Bildhauers Maurice Xhrouet durch ein horizontal sechseckiges Tonrelief, das unauffällig, fast versteckt im Backstein im Hof hängt. Es zeigt eine Henne, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln die Fläche ausfüllt und links und rechts ein Küken beschirmt.

Hier bekommt ein ganz alltägliches Tier eine stilisierte und symmetrische Form mit unaufdringlicher Symbolik. Vielleicht war es eine Vorübung für das Relief an der Giebelseite, die zugunsten der etwas repräsentativeren und viel bezugsreicheren Pelikanszene abgelehnt, aber wenigstens im Hof angebracht wurde. Wer weiß, was dieser Künstler erst bei besseren Auftraggebern vermocht hätte.

Als in anderen Teilen Alkmaars progressivere Architektur entstand, war die realistische Kunst schon verpönt und ein Xhrouet hätte wenig Chancen gehabt. Die Qualität der Kunstwerke ist wie eine Anklage an die Stadt, nicht schon in der Zwischenkriegszeit statt eines reaktionären Hooge Huys‘ Hochhäuser gebaut zu haben. Bis ins Zentrum kam die fortschrittliche Architektur auch nie so ganz, denn noch in den Sechzigern wurde neben den Hof des Hooge Huys‘ ein ähnlicher Backsteinbau, der Hof Van Teylingen, gebaut und das schlimme Erbe der Dreißiger fortgeführt wurde. Aber Xhrouets kleiner Zoo aus Pelikanen, Löwen und Hühnern tröstet über all das hinweg, ein klein wenig zumindest.

Ruinenspaziergang auf dem Datzeberg

Ganz am Rande des Neubrandenburger Wohngebiets Datzeberg beim Bogen von Uns Hüsung und Mudder-Schulten-Straße ist eine kleine Grünanlage, die mit den Großplatten abgerissener Wohngebäude aus der DDR gestaltet ist. Quer zwischen den beiden aufeinander zulaufenden Wegen liegen vier Fassadenplatten, auf deren Beton oder auf darauf angebrachten Holzflächen man sitzen kann, während die jeweils zwei Fensteröffnungen zu Hochbeeten wurden, aus denen Bäume wachsen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Einige der Platten zeigen nur die Kieselstruktur ihres Waschbetons, auf anderen sind große rechteckige Kacheln in Dunkelrot und Weiß. Kacheln in denselben Farben bedecken auch stelenartig aufgestellte Betonplatten am Anfang und am Ende der Grünanlage. Rechts, zum Hang hin, ist nur eine Bank aus einer Holzfläche vor einer versenkten Betonplatte. Links reihen sich eine schräg in die Erde gesetzte Platte aus glattem Beton mit Fenster- und Balkonöffnungen, eine Platte aus Waschbeton mit Fensteröffnungen und vier im Zickzack aufgestellte schmalere Platten mit einem vertikalen Muster aus orangenen Kacheln auf Waschbeton.

Wenn man vom Wohngebiet durch die Grünanlage geht, sieht man so die Entwicklung von der rohen Platte über den Waschbeton zur Kachelverzierung.

Und man sieht noch mehr, denn direkt hinter der orange-grauen Zickzackwand steht eines der L-Hochhäuser des Bezirks Neubrandenburg. Es besteht aus einem längeren elf- und einem kürzeren vierzehngeschossigen Teil, die im rechten Winkel zusammengefügt sind. Nach außen hat es Balkone mit einem horizontalen Muster orangener Kacheln, nach innen Fenster und jeweils einen mittig vorgesetzten Aufzugs- und Treppentrakt mit weißen Kacheln. Insbesondere aber sind die beiden Schmalseiten ganz von Kachelmustern bedeckt.

Aus einem eigentlich regelmäßigen Hintergrund aus vertikalen Streifen orangener und weißer Kacheln  treten komplizierte unregelmäßig gewellte Linienformen heraus, die an Wurzeln oder an Regentropfen, die eine Scheibe herunterrinnen, erinnern, gerade so, als wachse etwas über die Gebäudeseiten hinauf oder laufe an ihnen herunter. Hier werden die Kacheln vom Gebäudeschmuck zur abstrakten Kunst, die weit ins Wohngebiet und die flache Umgebung zu sehen ist.

Wenn man das Wohngebiet Datzeberg durchstreift, wird man die Betonplatten mit den Kacheln, die man in der Grünanlage als geschickt weiterverwendete Ruine kennenlernte, als lebendige Form an den Gebäuden wiedererkennen, denn viele von ihnen haben noch ihre Originalfassaden.

Wie der Name schon sagt, erstreckt sich die Bebauung des Wohngebiets auf dem Hügelplateau des Datzebergs im Norden der Bezirksstadt.

Seine Höhepunkte sind die L-Hochhäuser des beschriebenen Typs, von denen sich zwei am Ende sehr langer und leicht geschwungener fünfgeschossiger Gebäude am Hügelrand befinden, während vier an der zum Stadtzentrum zeigenden Ecke eine lockere Gruppe bilden.

Auf dem Hügel gelegen, mit den Hochhäusern als Türmen und den langen Gebäuden als Mauern, erweckt das Wohngebiet Datzeberg unweigerlich Assoziationen mit einer mittelalterlichen Burg.

In seinem Inneren jedoch gibt es weder Herrscher noch steinerne Enge. Zwischen den Gebäuden am Hügelrand bildet die fünfgeschossige Bebauung lange und offene, nie ganz rechteckige Höfe, um die sich die Straßen ringartig legen.

Wenn das Zentrum  des Wohngebiets heute etwas leer wirkt, dann weil ein Dienstleistungsgebäude und das zugehörige der L- Hochhäuser bereits abgerissen wurden. Auf der nunmehr zu großen und kahlen Grünfläche steht die Plastik einer Frau und eines Manns, die zwischen sich ein kleines sitzendes Kind in einem Tuch tragen.

Am Dach des Kaufhallengebäude sind halb noch die ursprünglichen Kunststoffwaben und halb rote Ziegel, im rückwärtigen Anbau sind ein Döner-Imbiß und eine Kneipe. Während das in der DDR geschaffene Zentrum abgerissen wurde, verblieb das desolate „Datzebergzentrum“ aus den Neunzigern, das bereits fast völlig leersteht und das zu erwähnen höchstens ist, weil sich so der hier befindliche Netto mit dem schwarzen Schnauzer direkt neben dem rot-gelben Netto in der Kaufhalle befindet.

Kindergärten und Schulen sind am Rand angeordnet, so daß ihre Höfe und Gärten am Hang liegen. Vor der Hochhausgruppe ist der Hang als Park mit großem Spielplatz und anderen Einrichtungen gestaltet, über die man zum Wohngebiet Reitbahnviertel im Tal blickt.

Es ist also ein recht typisches Wohngebiet aus der Blütezeit des Wohnungsbaus der DDR (erbaut zwischen 1976 und 1981), nicht außergewöhnlich, aber gelungen, etwas weit vom Zentrum entfernt, aber die topographischen Gegebenheiten großartig ausnutzend.

Aus Kirschner, Harald u. Uhl, Heidrun: Neubrandenburg, Leipzig 1989

Die Kachelmuster auf den nunmehrigen Hochbeeten der Grünanlage erkennt man an vielen der fünfgeschossigen Gebäude wieder: ein dunkelroter Rahmen um zwei Fenster und eine weiße Fläche zwischen ihnen.

Die Zickzackwand ihrerseits besteht aus ehemaligen Balkonbrüstungen, die dieselben Muster, nur eben horizontal, haben.

Wo abgetragene Gebäude, deren Einzelteile für die Grünanlage dienen, standen, erkennt man weniger an Lücken als an zu kahlen Wiesenstücken zwischen der Bepflanzung. Es ist ein wenig schade, daß die Großplattengrünanlage auf dem Datzeberg mit keinerlei Informationstafeln versehen ist. So wurde die Chance versäumt, die Ruinen nicht nur geschickt weiterzuverwenden, sondern didaktisch in einen Bezug zu den Gebäuden zu setzen, zu erklären mithin, was das eigentlich heißt: Plattenbau. Fast paßt es, daß sich nicht mehr herausfinden läßt, von wem sie im Jahre 2008 geplant wurde (ein paar Bilder aus der Zeit finden sich hier).

Neben den erhaltenen ursprünglichen Fassaden sind auch im Wohngebiet Datzeberg viele verändert, was vielsagende Kontraste schuf. Teilweise verschwanden sie unter Wärmedämmung.

Das kann aus ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden, insbesondere, wenn die neuen Fassaden bereits so verdreckt sind wie es Kacheln und Beton auch in weiteren vierzig Jahren nicht sein werden, aber immerhin erfüllt es eine eindeutige Funktion.

Anderswo wurden die Fassaden einfach in Pastellfarben übermalt.

Wo zuvor Beton mit Kachelmustern war, ist nun Beton unter einer dünnen Farbschicht und keinerlei Muster mehr. Das ist nichts anderes als so dummer wie trauriger Vandalismus, der durch keinerlei funktionale Erwägungen erklärt ist, er ist niedriger noch als das Graffiti, das immerhin als Ausdruck eines künstlerischen Impulses gelten kann. Auch auf so etwas hinzuweisen, könnte die Aufgabe der aus ihrer natürlichen Umgebung geholten Betongroßplatten der Grünanlage sein. Doch so viel mehr Potential sie auch hätte, sie ist das Beste, was den abgerissenen Gebäuden am Datzeberg passieren konnte.

Ein Spaziergang durch Ruinen ist ein jeder Spaziergang durch ein Wohngebiet der DDR in gewissem Maße, doch immer ist es auch schön zu erleben, wie viel Leben in diesen Ruinen noch ist.

Łobez – Zentrum

Das Zentrum von Łobez erstreckt sich beinahe bandartig etwa oberhalb des Flusses Rega. Zwei parallel verlaufende Straßen, von denen die weiter vom Fluß entfernte Niepodległości (Straße der Unabhängigkeit) die eigentliche Hauptstraße ist, ziehen sich hindurch und verbinden drei rechteckige Platzbereiche. Rechts, im Norden, ist der Bereich der Kirche, in der Mitte ist ein begrünter Platz am unscheinbaren historistischen Rathaus, links, im Süden, ist der längere Bereich des Stadtparks. Die Bebauung besteht etwa zur Hälfte aus überkommenen ein- oder zweigeschossigen Häuschen und zur Hälfte aus fünfgeschossigen fortschrittlichen Gebäuden. Daß letztere dominieren, liegt weniger an ihrer Zahl als an ihrer Größe und Höhe. Im Bereich der parallelen Straßen ist die alte Rasterstruktur weitgehend beibehalten, wofür die neuen Gebäude oft Läden im Erdgeschoß haben, erst abseits von ihnen wird sie aufgelockert.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Dort sieht man dann die letzen Häuschen einer alten Straße aufgehoben zwischen neuen Gebäuden und ihren Grünflächen und an der leicht geschwungenen Komuny Paryskiej (Straße der Pariser Kommune) offene Zeilenbebauung.

Den ersten Weg vom Bahnhof nehmend geht man entlang der Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads) direkt auf den Bereich der Kirche zu, aber wenn man näher kommt, verschwindet der Turm erst einmal. Links stehen drei Punkthäuser oberhalb des Ufers und rechts ein Gebäude parallel zur Straße, die eine Art Tor zum Platz bilden.

Auf diesem ist die Kirche ringsum gerahmt von fortschrittlicher Bebauung. Ein Gebäude links der Obrońców Stalingradu mit Läden im Erdgeschoß, rechts von ihr und weiter in der Ecke der kreuzenden Niepodległości eine flache Ladenzeile, hinter der die Kirche aufragt, und ebenso auf deren anderer Seite, wo dahinter wieder Punkthäuser stehen.

Auch von Norden kommend öffnet sich der Blick zur Kirche erst nach einem leicht gestuft zurücktretenden Gebäude links und einem im Erdgeschoß aufgestützten rechts.

Die Kirche, die zumindest das höchste Gebäude des Zentrums blieb, ist ein neogotischer Bau, aber ein eigentümlicher, da er seine Formen einerseits den 1820er und andererseits den 1970er Jahren verdankt. Das hölzerne Maßwerk in den Fenstern des Turms erinnert daher geradezu an niederländische Architektur.

Von der älteren Stadtstruktur öffnen sich weiter südlich an der Niepodległości  zwei betonte Eingänge in den lockerer bebauten Teil. Der erste führt zwischen der aufgestützten Ecke eines Gebäudes und einem Beet mit großer Weide über eine breite Treppenanlage.

Der zweite ist eine Straße gegenüber dem Beginn des Parks, die rechts von einem Gebäude mit großem verglastem Erdgeschoßraum und links von einem Eckbau mit Läden flankiert wird. Dieser fünf- und sechgeschossige Eckbau, vielleicht das aufwendigste Gebäude aus sozialistischer Zeit in Łobez, ist einerseits beinahe Blockrandbebauung und hat oben leicht historisierende Dachschrägen, aber andererseits öffnet es sich mit einem Durchgang sofort zu einem großen rückwärtigen Grünbereich und hat jenseits der Schrägen große Dachterrassen.

Am Parkrand, direkt gegenüber dem beschriebenen Gebäude, steht schließlich ein Denkmal für die Befreiung. Es ist so etwas wie das säkulare Heiligtum der Stadt. Seine weiße Steinskulptur zeigt einen halbnackten bärtigen Mann mit aufgestütztem Schwert und Schild, über dem ein moderner Soldat mit ins Abstrakte verschwimmendem Körper und leicht nach oben gewandtem Kopf und geöffnetem Mund erwächst.

„Byliśmy, jesteśmy, będziemy“ (Wir waren, wir sind, wir werden sein) steht auf dem schmalen eckigen Sockel. Links daneben ist eine kleinere Stele in der Form eines schmalen Pyramidenstumpfs, auf der eine stilisierte Flammenschale und Grunwaldschwerter aus Blech sind, während oben in einer Schale tatsächlich eine Flamme brennen könnte. Am Rande des gepflasterten Bereichs des Denkmals stehen auf einer steinernen Tafel weiterhin die wichtigen Worte: „Żołnierzom polskim i radzieckim poległym w walce o wyzwolenie i przywrócenie ziemi łobeskiej do macierzy“ (Den polnischen und sowjetischen Soldaten, die im Kampf um die Befreiung und die Wiedereingliederung des Łobezer Lands in das Mutterland fielen).

Einzig der gekrönte Adler am Sockel ist eine neuere Ergänzung. Um das halbrunde Ende der Fläche verläuft ein Weg mit Bänken, von denen man auf die von hinten gänzlich abstrakte Skulptur, die Mieczysław Welter 1968 schuf, und in die neue Stadt blicken kann.

Man kann Łobez als eine typische polnische Kleinstadt verstehen. Kennzeichnend ist die konsequente Verbindung von Altem und Neuem in einem allerdings weitgehend vom Alten vorgegebenen Rahmen. Im Zentrum sind die Straßen die wichtigsten Wege, was in Łobez nur deshalb kein größeres Problem ist, weil es kaum Durchgangsverkehr gibt. Ärgerlich wird die konservative Orientierung an der Straße aber etwa bei der Ladenzeile in der Ecke bei der Kirche, hinter der grundlos ein nicht nutzbarer Unort geschaffen wurde, eine traurige Verschwendung städtischen Raums. Daß die Planer durchaus über die Straße hinauszudenken vermochten, zeigen der großartige Weg zwischen Bahnhof und Zentrum, der Park an der Rega und die offenen Bereiche abseits der Hauptstraße. Im besten Fall ergänzen und stärken Alt und Neu einander, werden einzelne alte Gebäude zu Akzenten in der neuen Stadt.

Der Vorwurf könnte nun lauten, daß das nur Zufall sei und bloß abgewartet worden sei, bis alle alten Gebäude abrißreif sind. Dagegen spricht etwa ein Betonlaubengang als Verbindung zwischen dem verglasten Sockelbau des neuen Gebäudes rechts der beim Park abzweigenden Straße und der Brandmauer eines alten, unter dem es in den gemeinsamen Grünbereich geht.

Die selbstbewußte, wenn auch manchmal zu zurückhaltende Einfügung des Neuen ins Alte, die Schaffung eines Wohngebiets mitten im Stadtzentrum, ist auf jeden Fall ein großer Gewinn für die Stadt. Sie ist kompakt, ohne eng zu sein, allzeit belebt, ohne voll zu sein, und hat kurze Wege, ohne monoton zu sein. Łobez hatte vermutlich Glück, daß sich in ihm alles so harmonisch und leicht zusammenfügt, die natürlichen Gegebenheiten wie die alte Stadtstruktur boten die besten Voraussetzungen. Wenn man die Stadt also nur nach ihrem Bahnhof beurteilen würde, läge man ganz richtig.