Archiv für den Monat August 2017

Renaissance über Gotik

Die Kościół Św. Brigidy (Brigittenkirche) kann man beim Gang durch die älteren Teile von Gdańsk leicht übersehen, da sie zwar unweit der zentralen Ulica Rajska (Paradiesstraße) steht, aber direkt hinter der weit größeren Kościół Św. Katarzyny (Katharinenkirche) steht. Während diese wie viele andere Gdańsker Kirchen das Bedürfnis nach monumentaler Backsteingotik eher übererfüllt, ist die Brigittenkirche bescheidener. An ihrem dennoch stattlichen backsteinernen Baukörper kann man typische Aspekte der örtlichen Gotik besonders gut ablesen. Dabei hilft, daß sie, anders als viele ihrer Schwestern, viel Platz um sich hat und man sie recht gut in ihrer Gesamtheit erfassen kann.

Der Platz ist weitgehend Parkplatz, aber direkt vor der Kirche ist Pflaster in großem Schachbrettmuster, das auf Wegen durch den Parkplatz und zur Grünanlage an den Straßen Mniszki und Stolarska strukturierend in die weitere Umgebung ausgreift.

Auf dem schlichten Bau mit den großen und breiten spitzbögigen Fenstern sitzen drei Satteldächer, die an den Schmalseiten mit je drei Giebeln enden. Diesen bleibt es, neben dem ornamentalen Band über den Fenstern, überlassen, für Repräsentation und Schmuck zu sorgen. Das tun sie mit allerlei Bögen und Öffnungen in von schlanken Pfeilern gegliederten Treppenformen, die bei jedem Giebel leicht variiert sind. An der Ostseite, zur Ulica Mniszki hin, ist vor den mittleren Giebel, aber nicht direkt in die Mitte, ein niedrigerer Eingangsbau gesetzt, der einen eigenen, noch etwas prunkvolleren Giebel hat.

An der Westseite ist der mittlere Teil als Chor über die seitlichen Teile weitergeführt, so daß sich an den Ecken kleine Freiräume bilden und man die drei Giebel nie nebeneinander sehen kann. Der des Chors ist durch eine kleine Haube noch zusätzlich betont. Zudem hat der Chor zwischen den Fenstern vorgesetzte Strebepfeiler, bleibt aber doch wie die gesamte Kirche eine einfache rechteckige Halle, ohne die sonst oft typische Rundung.

Fast scheint die Architektur der Kirche näher an profanen als an sakralen Bauten. Wenn man nur die Giebel der Ostseite sieht, könnte man auch meinen, es mit Bürgerhäusern zu tun zu haben. Wie ein Ausschnitt aus einer Stadtsilhouette scheint es, wenn links des linken Giebels ein ferner Turm mit großer barocker Kupferhaube steht.

Aber der Turm ist nicht fern, sondern Teil der Kirche, direkt hinter dem Gieibel. In das Dach gesetzt ist er er ein fast würfelförmiger Aufbau mit drei Geschossen. In jedem kleine Fenster, erst rund-, dann spitzbögig, und kleine Pilaster. Abschließend die geschwungen in einem offenen Teil ansteigende und schlank auslaufende Haube.

Dieser Turm gehört in eine andere Welt. Er ist ein Werk der Renaissance, das sich selbstbewußt auf den gotischen Körper der Kirche gesetzt hat. Der Kontrast ist enorm: unten das dunkle Rot des Backsteins, oben gelber Putz und weiße Pilaster. Hier die verschachtelten ahistorischen Ornamente der Gotik, dort die auf die Antike zurückweisende, wenn auch nicht klar dorische Abfolge der Pilaster. Und ist dieser Bauteil überhaupt ein Turm? Besonders hoch ist er nicht. Und gehört er wirklich zur Kirche? Eher wirkt es, als sei ein zierliches Schloß in eine rohe rote Felsenlandschaft gesetzt worden. Äußerst anschaulich jedenfalls sieht man hier den Fortschritt, den die Renaissance gegenüber der Gotik bedeutete. Die Renaissance erhebt sich hier im wahrsten Sinne über die Gotik. Dem Barock blieb es da nur, mit der Haube einen letzten Akzent zu setzen.

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Przymorze – Der Falowiec

Der Falowiec in Gdańsk sollte eines der berühmtesten Gebäude in Polen sein. Als achthundert Meter langes Wellenhaus, wie die annähernde Übersetzung lautet, ist er das längste Gebäude des Landes und eines der längsten Europas.

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Er ist so etwas wie das horizontale Gegenstück zum Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, der lange das höchste Gebäude Polens war. So wie an den Pałac Kultury denkt, wer an Warschau denkt, sollte an den Falowiec denken, wer an Gdańsk denkt. Da der Falowiec aber nicht im Stadtzentrum, sondern im Wohngebiet Przymorze im Norden steht, ist er nicht so berühmt wie er sein sollte. Während der Pałac Kultury noch heute ein vielleicht ungeliebtes, aber unübersehbares Wahrzeichen Warschaus ist, ist der Falowiec, immerhin oder sogar, das Wahrzeichen eines anderen Gdańsk.

Denn architektonisch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Pałac Kultury ist bloß ein riesiges Beispiel des stalinistischen Irrwegs in der Architektur des Sozialismus, der Falowiec jedoch ein Beispiel ihrer kühnsten und fortschrittlichsten Leistungen. Entsprechend ist er auch nicht nur einer, sondern viele, nicht nur ein Gebäude, sondern ein Gebäudetyp. Zum längsten Falowiec an der Obrońców Wybrzeża (Straße der Verteidiger der Küste) kommen noch sechs weitere kürzere. Gemeinsam bilden sie das Grundgerüst von Przymorze.

Seinen Namen hat der Falowiec, das heißt ein Gebäude dieses Typs, dadurch, daß er nicht einfach gerade ist, sondern seine elfgeschossigen Teilstücke leicht schräg aneinandergesetzt sind, so daß sich eine Wellenform ergibt. Er zeichnet sich durch zwei sehr verschiedene Breitseiten aus.

Die eine Seite besteht ganz aus offenen Laubengängen, von denen die Wohnungen erschlossen sind. Durch die breiten Betonbrüstungen wirkt diese Seite vlig horizontal, wie aufeinandergeschichtete Bänder, während die vertikalen Streben des tragenden Betongerüsts fasst unsichtbar schmal sind. Einzige Vertikalen sind die vollständig verglasten Treppenhäuser, die unten bei den überdachten Eingängen beginnen und oben mit den Aufbauten der Aufzüge enden.

Die andere Seite besteht ganz aus den vorragenden Balkonen der Wohnungen. Hier sieht man, daß sich das Wellenhafte des Wellenhauses nicht in der Anordnung seiner Baukörper erschöpft. Denn die Balkone ragen als kleinere und größere Dreiecke leicht hervor, kein Geschoß gleicht dem anderen, die Fassade scheint in ständiger Bewegung.

Dies wird noch dadurch unterstützt, daß manche der Balkone Geländer aus Beton haben, andere aber aus Metallgittern. Von der Laubengangseite ist der Falowiec somit sachlich und nüchtern, beinahe kahl, von der Balkonseite aber lebhaft und verspielt, ein Mosaik unzähliger Wohnungen, in denen unzählige Menschen leben. Die äußere Form entspricht der inneren Funktion. Von der Nüchternheit des halböffentlichen Laubengangs tritt man in die Individualität des privaten Wohnraums.

Doch das deutet auch auf ein Problem des Falowiec hin. Zum Laubengang nämlich zeigen die Küchen und teilweise sogar Zimmer, was die Privatsphäre der Wohnungen beeinträchtig. Das ist allerdings ein Problem aller Laubenganggebäude und ein nur schwer zu lösendes. Und entschädigt wird man in jeder Wohnung durch großartige Ausblicke, die oft bis zum Meer auf der einen

und zu den Hügeln auf der anderen Seite reichen.

Der Falowiec ist, wenn er schon nicht berühmt ist, zumindest das angemessen besondere Gebäude für den besonderen Ort, der Przymorze ist. Und wer ihn gesehen hat, wird ihn vielleicht bemerkenswerter als alles andere in Gdańsk finden.

Maria in Drag

Wenn die Dreifaltigkeitssäule auf dem Zelný trh (Krautmarkt) in Brno nur Jesus, den heiligen Geist und Gott zeigen würde, wäre sie immer noch das bessere der beiden barocken Kunstwerke auf diesem Platz.

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Aber angesichts des unsäglichen Steinhaufens von einem Brunnen weiter unten auf der ansteigenden Platzfläche ist das kein großes Kompliment.

Budík, Miloš u. Samková, Eva: Brno – v 80 barevných fotografích, Praha 1976

Die Darstellung der Dreifaltigkeit, bei der Jesus und Gott nebeneinandersitzen und der heilige Geist als Taube in einem Strahlenkranz zwischen ihnen schwebt, ist eben weit weniger interessant als die das Gnadenstuhls, bei der Gott den gekreuzigten Jesus zwischen den Beinen hält. Sie wirkt eher wie ein Kaffeekränzchen bei Sonnenuntergang, während die zweite wirklich eine Ahnung vom komplizierten Einswerden dreier Teile, von Dreifaltigkeit, gibt. Auch hier, wo die beiden auf dem großen ionischen Kapitell der Säule und Wolken sitzen, während die Strahlen und die Taube an einem weiteren Teil, durch den die Säule eher zum Obelisk wird, hängt, wird das nicht anders.

Aber da ist noch mehr. Auf dem Sockel vor der flachen puttenbehafteten Säule stehen zwei weitere Figuren: vorne Maria, hinten Johannes von Nepomuk. Diese beiden Heiligen so nah beieinander, Rücken an Rücken, zu sehen, macht ihre Gemeinsamkeiten ungewöhnlich deutlich.

Für sich genommen sind die beiden Skulpturen ganz typisch. Maria in verzückter Verrenkung, die rechte Hand etwas nach unten ausgestreckt, die linke Hand auf der Brust, unter ihr die Weltkugel mit zertretener Schlange.

Johannes von Nepomuk in ganz ähnlicher Verrenkung, Kruzifix und Palmwedel im rechten Arm, die linke Hand seinerseits auf der Brust.

Was sie verbindet, sind ihre Heiligenscheine. Marias hat viele Sterne, Nepomuks nur fünf. Aber sie sind die einzigen beiden Heiligen, deren Heiligenscheine Sterne haben. In dieser Hinsicht steht Johannes von Nepomuk nur wenig unter Maria, der Mutter Gottes. In Brno stehen sie sogar auf einer Stufe, deutlich über den beiden anderen Heiligen, die links und rechts niedrigere Sockel haben.

Die Erbauer der Säule waren sich sicher bewußt, was sie taten, als sie beiden so heraushoben und beisammen zeigten. Ihnen würde es wohl zu weit gehen, würde man in Johannes von Nepomuk eine zweite Maria, eine Maria in Drag sehen wollen, und die beiden zusammen als eigentümliche Zweifaltigkeit. Aber heute ist es schwer, das nicht zu sehen.