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Košljun

Nach Košljun waren wir zweimal gefahren.

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Das erste Mal war es die erste Fahrt mit dem gemieteten Kajak, dessen grüne Farbe Robert gewählt hatte und das „Iris“ zu taufen uns erst nachträglich eingefallen war. Als wir auf der Klosterinsel ankamen, hieß uns ein alter Mann von der Kasse her, unsere Oberkörper zu bedecken, was recht ironisch war, da seine Mitfranziskaner direkt daneben ebenso halbnackt im Meer badeten. Da wir kein Geld dabeihatten, blieb uns nichts anderes, als um die Insel herum zum Zeltplatz am Rande von Punat zu fahren. Als wir wieder ankamen, war der Mann nicht da und wir sparten uns das Eintrittsgeld. „Karma“, meinte Robert, „der heilige Franziskus“, sagte ich.

Jetzt hatten wir Košljun für uns, die kleine, fast kreisrunde Insel in der Bucht von Punat auf der Insel Krk an der kroatischen Adriaküste.

Einen perfekteren Ort für irgendeine Art von Befestigung oder Herrschersitz kann es kaum geben und so ist hier also ein Franziskanerkloster, das weit ältere Klostertraditionen fortsetzt.

Von der Anlegestelle an der meeresabgewandten Seite führt ein gerader Weg auf den Klosterkomplex zu.

Wohngebäude links, andere rechts, die Kirche mit Turm geradeaus und in der Mitte der quadratische Kreuzgang, der alles zusammenfaßt und verbindet. In seinen regelmäßigen schmucklosen Rundbögen und dem mittigen Brunnen erst ist die bis auf die Renaissance zurückgehende, aber eigentlich alterslose Architektur mehr als bloße Mauern und rote Dächer, hier erst verwandelt sich der allgegenwärtige Stein von Krk.

Der Kreuzgang ist wirklich Herz des Klosters, nicht nur Anhängsel, sondern funktionaler Kern, von dem alles andere erschlossen ist, still und friedlich auf der stillen und friedlichen Insel.

Robert fühlte sich im Kreuzgang an „Game of Thrones“ und Kings‘ Landing erinnert, ich hatte ob der geschnitzten Querbalken unter dem Satteldach der Kirche skandinavische Assoziationen.

Im Kreuzgang und in der Kirche sind alte Gräber mit lateinischen Inschriften, aber ansonsten ist die meiste künstlerische Ausstattung eher medioker. Weshalb eine Kopie der altkirchenslawisch beschrifteten Bašćanska ploča (Baškaer Tafel), die aus der Stadt Baška im Süden von Krk stammt und in Zagreb aufbewahrt wird,  in den Kreuzgang gestellt wurde, ist unklar. Bei der Anlegestelle steht eine neue Plastik des heiligen Franziskus mit einem Hund, in der Kirche mischt sich Barock mit teils sehr Neuem und in zwei Kapellen des Kreuzwegs sind Wandbilder aus den Siebzigern, die in einem kitschig realistischen Stil Religiöses wie tatsächliche Mönche der Zeit zeigen und sicher von einem von ihnen stammen.

Abgeschiedenheit, sieht man hier, ist künstlerischer Qualität oder Geschmack nicht zuträglich.

Aber da ist die Insel selbst. Sie ist von urwaldartig dichtem Wald, durch den vielerlei Pfade führen, bedeckt. Man spürt, daß sich die Vegetation hier anders als auf dem übrigen Krk ungestört entwickeln konnte, schon von dort besehen ist sie grüner als die steinigen Hänge der Bucht.

Am Rande sind niedrigere Sträucher und als Abschluß eine Mauer aus gestapelten Steinen, die mehr gegen die Gezeiten als gegen eventuelle ungebetene Besucher schützen soll.

Darüber, welche Abenteuer die örtliche Jugend mit der nahen und doch abgeschiedenen Klosterinsel erleben kann, spekulierten wir beim Schlendern durch den Wald viel.

An der Rückseite des Klosterkomplexes ist der Friedhof. Zu den ältesten und faszinierendsten der erhaltenen Grabsteine gehören zwei Gräber von Frauen, was auf der Insel eines Männerklosters erst einmal überrascht; sie sind den Müttern von Mönchen gewidmet sind.

Das Grab der Margerita Vitezić von 1859 ist auf serbokroatisch, das der Luigia Fischthaler von 1877 ist italienisch beschriftet, was zugleich ein Hinweis auf die damaligen Nationalitätenverhältnisse im Kloster ist.

An der Wand hängt ein großes Mosaik in Blautönen mit abstrakten Formen. Zwar hat es einen kreuzförmigen Umriß, aber ansonsten ist der Inhalt mit einem T-Kreuz, einem kleinen Gesicht im Profil und einem Hasen (?) nur vage religiös und erinnert etwa an die Weltraummosaike im Bahnhof von Cheb. Seitlich neben ihm hängen weitere Mosaiken mit einigen Zeilen aus Franz von Assisis Sonnengesang in Altkirchenslawisch und Serbokroatisch in lateinischen Buchstaben, während darunter ein RIP für all die hier begrabenen Mönche steht.

„Gelobt seist Du, mein Herr, durch alle deine Geschöpfe. Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, den körperlichen Tod, dem kein Sterblicher entgehen kann. Selig, wen du durch deinen heiligsten Willen aufnimmst.“

Daß das Altkirchenslawische, eine ansonsten nur noch in der orthodoxen Liturgie gebrauchte Sprache, hier von einem katholischen Kloster gepflegt wurde, ist vielleicht die größte Überraschung auf der Insel. Zudem rettet es die Ehre des Klosters, daß es sich hier mit ein wenig  jugoslawischer Kunst höherer Qualität aus den sechziger oder siebziger Jahren schmückte.

Als wir Košljun zum zweiten und letzten Mal verließen und es hinter uns kleiner werden sahen, waren wir so zufrieden, wie wir es nach nur einem Besuch nie gewesen wären.

Eine Kirche für die Ewigkeit

Auf der Insel Krk an der kroatischen Adriaküste, an der größten und deshalb in der Saison sehr stark befahrenen Straße, unweit des Orts Punat, zwischen Beachbars, Melonenständen und Leuten, die Zimmer vermieten wollen, steht ein eigentümliches kleines Bauwerk. Sieht man es im Vorbeifahren, weiß man nicht zu sagen, ob es neu oder alt, aus Beton oder Stein, ein Bunker oder eine Star-Wars-Kulisse ist. Alles scheint möglich, nichts würde einen auf dem Balkan überraschen. Beim Näherkommen erst sieht man: es ist eine Kirche aus dem elften Jahrhundert, die Crkva svetog Dunata (Kirche des heiligen Donatus).

KirchePunatVorne1

Sie ist ein winziger und eigentlich ganz simpler Bau: ein Teil mit Tonnendach, der von einem zweiten gequert wird, so daß eine Kreuzform entsteht. Keine Öffnungen außer der Tür und einer Art Schießscharte, die zum Meer zeigt.

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Aber markant ist die Kuppel, die in der Mitte aufragt. Statt der ordentlich behauenen Quader des unteren Teils sind hier rohe, spitz herausragende Steine aneinandergefügt, so daß die resultierende Form an eine Ferrero-Rocher-Praline oder das Dach der Sezession in Wien erinnert, bloß mit einem runden Fenster, das ihr zusätzlich etwas von einem riesigen zyklopischen Auge gibt.

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Die Kirche wirkt dadurch roh und archaisch, obwohl der Bau dieser Kuppel eigentlich eine große architektonische Leistung war. So verloren und unbeachtet sie heute dasteht, so stolz waren ihre Erbauer vor vielen Jahrhunderten sicher auf sie. Sie ist das einzige, was aus dieser Zeit blieb, stabil, einfach und raffiniert wie eh. Sie ist wie aus der Natur der kargen felsigen Insel, auf der es außer Steinen nicht viel gibt, herausgewachsen. Aber die sonst überall bloß herumliegenden Steine bekommen in ihr einen Sinn, sie ist die Überhöhung der Natur der Insel.

Während diese Kirche mit Krk verwachsen ist und doch darüber hinausweist, steht der nächstgelegene Sakralbau, das Kloster Košljun, in einer anderen Welt. Es ist nur weniger hundert Meter entfernt, aber losgelöst vom steinigen Krk auf einer idyllisch bewaldeten Insel in der Bucht von Punat, wie ein Atlantis, das in bessere Gefilde fortschwimmen möchte.

PunatKlosterKošljun

Vielleicht aber ist alles, was man über die kleine Kirche denkt, auch nur romantische Täuschung. Vielleicht war sie einst außen mit teurerem Stein verkleidet und hatte im heute kahlen Inneren prächtige Mosaike.

KirchePunatInnen

Vielleicht ist ihre heutige Gestalt das Ergebnis der Renovierungen vieler Jahrhunderte, die in ihr schon den naturverwachsenen schlichten Bau sehen wollen und sie erst zu einem solchen machten. Aber wenn man sie heute sieht, hat man doch das Gefühl, sie werde dort auch noch stehen, wenn es keine Straße und keinen Tourismus mehr gibt, ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist.