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Schönheit des Irrwegs oder Reihenhäuser in Gdańsk

Einfamilienhäuser wurden in der PRL (Volksrepublik Polen) viele gebaut, was davon zeugt, wie schwach der Sozialismus in diesem Staat war. Auch Reihenhäuser wurden recht viele gebaut als ein schwacher Versuch, das Wohnen in individuellen Häusern zu kollektivieren. Sie erstrecken sich in Gdańsk in vielen Randlagen und sind zumeist recht trostlos anzusehen, oft ist nicht einmal klar, ob sie vor oder nach 1990 entstanden und es ist auch egal. Wie reizvoll eine Straße mit Reihenhäusern sein kann, wenn städtebauliche Einordnung wie architektonische Ausgestaltung stimmen, kann man in der Kręta (Gewundenen Straße) betrachten, die in Wrzeszcz liegt, aber mit dem typischen Wrzeszcz nichts zu tun hat.

Entscheidend ist, daß an ihrer rechten Seite höher am Hang vier viergeschossige Wohngebäude stehen. Sie sind denkbar klar gestaltet: im Erdgeschoß Garageneinfahrten und vor den oberen Geschossen durchgehende vorgesetzte Balkone, deren Geländer mal aus braunem Holz, mal aus grauem Kunststoff, mal aus Platten mit kleinen quadratischen Kacheln bestehen. Beim Gebäude an der Ecke zur den Hang hinaufführenden Jarowa (Schluchtstraße) laufen die Terrassen der beiden obersten Geschosse zusätzlich um die Ecke. Zwischen den Gebäuden sind im steil ansteigenden Hang üppige Gärten und die teils über Treppen zu erreichenden Eingänge. Daran und an den breiten Fenstern der nicht unterteilten Balkone ist zu erkennen, daß in den Gebäuden pro Geschoß nur eine Wohnung ist, in den beiden obersten womöglich sogar nur eine doppelgeschossige.

Die Reihenhäuser auf der linken Straßenseite bestehen jeweils aus einem breiteren zweigeschossigen Teil und einem schmaleren flachen, der erst weiter hinten wieder zweigeschossig wird. Die flachen Teile zeigen abwechselnd nach rechts und nach links, so daß die einzelnen Häuser mit ihnen aneinanderstoßen und die Reihe etwas aufgelockert wird. Die Erdgeschosse sind jeweils weiß verputzt, die Obergeschosse sind mit dunklem Holz verkleidet und die Linien der etwas höher als die Flachdächer geführten Seitenwände der zweigeschossigen Teile bestehen aus rotem Backstein. Da die Reihenhäuser in schmalen Vorgärten etwas niedriger als die Straße stehen, führen Stege aus Beton zu den mittig gelegenen Eingängen. Diese kleinen versenkten Gärten genügen, mehr üppiges Grün zu den drei Farben der Gebäude zu bringen.

Von der anderen Seite hat jedes der Reihenhäuser in zwei Geschossen durchgehende Balkone mit hölzernen Brüstungen und ein Erdgeschoß mit Garage, das sich zu einem Garten öffnet.

So wird die Hanglage hier voll ausgenutzt.

Was diese Reihenhausstraße von anderen in Gdańsk abhebt, ist vor allem, daß sie nicht nur aus Reihenhäusern besteht, dann, daß die Gebäude so klar und einprägsam gestaltet sind und diese Gestaltung noch keinen Umbauten zum Opfer fiel, und nicht zuletzt, daß die topographischen Gegebenheiten berücksichtigt sind, um allen Wohnungen und Häusern gleichberechtigte Blicke über das Królewska Dolina (Königstal) zu eröffnen.

Das ist zweifelsohne schön und gelungen. Eine solche Straße würde auch in der Tschechoslowakei, etwa in den Hügeln von Brno oder Liberec, nicht auffallen. Aber ebensogut wäre sie in irgendeinem wohlhabenderen Vorort irgendeiner westdeutschen Großstadt denkbar. Das zeigt, falls es nicht ohnehin klar ist, daß Reihenhäuser, ob nun in Polen, der Tschechoslowakei oder sonstwo, eine bürgerliche Wohnform sind. Man kann die stille Kręta nicht entlanggehen, ohne zu spüren, daß sie immer eine privilegierte Lage war. Wer hier in großen Wohnungen oder kleinen Häusern wohnte, hatte mehr als die Bewohner von Przymorze oder von Morena, dessen Hochhäuser über das Tal zu sehen sind.

Daß diese Straße so gelungen ist, ist gerade das Problem, denn sie hätte in einem sozialistischen Staat, der für alle baut, nie eine Priorität sein dürfen. Gerade die besten Reihenhäuser zeigen, wieso es Reihenhäuser nicht geben sollte. Einzig mehr- und vielgeschossige Wohnbauten, die möglichst vielen Menschen nützen und eine möglichst weitgehende Vergesellschaftung der Haushaltsfunktionen erlauben, können wirklich fortschrittliche Architektur sein. Wenn diese dann außerdem die Vorzüge von Reihenhäusern aufgreifen, entstehen Wunderwerke, die wir uns noch kaum vorstellen können.

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Forum Gdańsk

Daß Wichtigste an Gdańsks neustem und größtem Einkaufszentrum kann man auch am leichtesten übersehen: es wurde über die Gleisanlagen unweit des Hauptbahnhofs gebaut. Schon allein deshalb verdient es Beachtung.

Was die Formen der verschiedenen Bauteile angeht, ist Forum Gdańsk gänzlich reaktionär. Wiewohl alle zugleich erbaut worden, lügen sie eine Vielfalt vor. Rechts vorne die Kunszt Wodny (Wasserkunst) mit dunkelgrauer Metallverkleidung, großen Fensterflächen, einem spitz zur Straße weisenden Teil, noch das hübscheste Gebäude und gegenwärtig leerstehend oder noch nicht fertig, vielleicht beides.

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Links vorne ein hoher verglaster Bau, der in den Linien im Glas und der vieleckigen Form des grauen Dachs Asymmetrien vortäuscht. Dahinter dann billigste neohistoristische Dinge in Backstein und Glas, wie sie in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland überall gebaut wurden. Irgendwo auch nachgeahmte Satteldächer. Dazwischen ein Backsteinbau aus der Kaiserzeit, da Gebäude wie dieses immer gerne als Beispiel des Alten erhalten werden, ohne daß sie es irgendwie verdient hätten.

Weit besser ist der zwischen all dieser architektonischen Nichtigkeit entstehende Raum, denn Forum Gdańsk liegt direkt gegenüber dem alten Stadtkern, bloß eine, allerdings vielspurige Straße, trennt es von dem Brama Wyżynna (Hohen Tor). Von dort kommt man durch eine schon vorher bestehende und nur umdekorierten Unterführung erst auf einen kleinen tiefergelegten Platzteil und dann über eine breite Treppenanlage weiter links auf den größeren ebenerdigen Platzteil.

Dieser ist groß und frei, mag ohne Menschen auch bloß trostlos und leer wirken, aber er ist zur alten Stadt geöffnet und das genügt.

Der Blick auf die Tore und Türme von Gdańsk ist großartig und kann nur großartig sein. Die nichtige Architektur um einen ist leicht vergessen, wenn man aus ihr auf das wiedererbaute architektonische Erbe vieler Jahrhunderte schauen kann.

Das Forum Gdańsk hätte sich wirklich bemühen müssen, um in dieser Nachbarschaft nicht einen einigermaßen gelungenen Platz zu schaffen. Als Ausdruck dieses Bemühens hängte es an den asymmetrisch verglasten Bauteil einen riesigen irgendwie stilisierten, aber dennoch bedrohlichen Löwen aus braunem Blech. Mittlerweile haben auf seinem rostigen Haupt immerhin Tauben einen Nistplatz gefunden.

Grundsätzlich weiß das Forum aber offenbar, daß es viel mehr als den Blick aufs Alte nicht bieten kann und fügte in die Treppen größere holzverkleidete Stufen als Sitzbereiche ein. Man sitzt dort wie in einem Theater mit Blick auf die Kulisse von Gdańsk und das durch den unteren Platz fließende Leben.

Sogleich wurden diese Sitzplätze der beliebteste Ort des Forums. Daran sieht man zugleich, daß es zu wenige solcher Orte gibt und man ahnt, wie eine fortschrittliche Gestaltung dieses Raums hätte aussehen können.

Quer durch den oberen Platzteil fließt in einer Senke der Kanał Raduni (Radunia-Kanal), den an dieser Stelle wieder sichtbar zu machen die große, und ja nicht schlechte Idee von Forum Gdańsk ist. Auf ihn bezieht sich die Kunszt Wodny rechts, unter der er hindurchfließt, und er fließt auch schon durch das eigentliche Einkaufszentrum weiter links.

Dessen zentraler Teil ist architektonisch ziemlich schlicht, nicht mehr als ein weites gläsernes Dach und zwei gläserne Wände zwischen den anderen Bauten der linken Platzseite. Sein Inneres wirkt wie ein Außenraum und ist auch so gedacht. An Stahlelementen aufgehängte Brücken spannen sich darüber und einige große Balkone, auch manche mit silbrig verkleideten Unterseiten, hängen hinein.

Unten in der Mitte fließt der Kanal und wird das vielleicht irgendwann auch sichtbar tun; gegenwärtig ist er verdeckt und daß die Gestaltung der Bedeckung bereits variiert wurde, deutet wohl darauf hin, daß das noch länger so bleiben wird. Seine nächste Umgebung ist als nachgeahmter Stadtraum gestaltet, es gibt Straßenlaternen, Kopfsteinpflaster und auch eine Brücke, die so tut, als wäre sie aus Backstein. So lächerlich und billig vieles hier ist, der eigentliche Raum ist in seiner Größe und Offenheit durchaus angenehm und besser als in den allermeisten anderen Einkaufszentren. Es ist sogar leicht, zu vergessen, daß man in einem Einkaufszentrum ist, was das Potential dieser Gebäudeform zeigt.

Der nach links entlang der Straße verlaufende Bereich des Forums Gdańsk schließlich wurde als eine Art künstlicher Hügel gestaltet.

Zwischen schrägen Beeten führen lange Treppe zu einer Terrassenebene, die mit dem obersten, dem Food Court- und Kinoeingangsbereich des Einkaufszentrums verbunden ist. Von hier nun hat man einen ganz neuen Blick auf Gdańsk. Hier sieht man nicht mehr nur wie vom Platz unten die Altstadt, sondern weit darüber hinaus.

In mittlerer Entfernung beim Bahnhof die Hochhäuser und direkt vor einem die Straße, die aus dieser Perspektive nicht mehr bloß ärgerliches Hindernis, sondern mit der geschwungen um die Ecke führenden Brücke und dem Tunnel als wichtiges Verkehrsbauwerk zu erkennen ist.

Hier benutzt das Forum nicht bloß die Nähe der Altstadt, sondern schafft einen ganz eigenen Raum, den es vorher nicht gab.

Fast unnötig zu erwähnen, daß keiner der drei beschriebenen Teile von Forum Gdańsk – Hügel, Innenraum, Platz – ein wirklich öffentlicher Raum ist. Die Treppen zur Terrasse können abgesperrt werden, der verglaste Innenraum ist eben doch der eines Einkaufszentrum und auch auf dem Platz mit Altstadtblick, der immer zugänglich ist, hat die private Betreiberfirma Hausrecht.

Doch all das, all das Abwägen positiver und negativer Aspekte, ist letztlich egal, weil das Forum Gdańsk nicht das leistet, was ob seiner Lage seine entscheidende Leistung sein müßte: vorher getrennte Teile der Stadt auf neue Arten zu verbinden. Die Voraussetzungen wären da, schließlich ist es über die Gleise gebaut, was bereits in Deutschland, wo es schwer genug ist, auch nur Bahnhöfe über Gleise zu bauen, kaum denkbar ist. Daß es die Straße zur Altstadt nicht überbrückt, nicht einmal die Unterführung verändert, kann man ihm verzeihen und auch noch, daß die Unterführung zum SKM-Bahnhof Śródmieście rechts der gesamten Anlage lang und ohne guten Zugang ist. Aber auf die Verbindung zu den Bereichen jenseits der überbauten Gleise käme es an. Vom Platz aus führt sogar eine Treppe geradeaus und weiter ein Weg. Doch  nach links blickt man über ein kieselbedecktes Dach, unter dem die Gleise sind.

Aus bizarren Gründen ist gerade hier weder ein Weg noch ein Gebäude. Dann endet der Weg abrupt an der nächsten Straße und Treppen führen seitlich hinab auf den Gehsteig. Nicht einmal eine Ampel leitet in direkter Fortsetzung über die Straße.

Die eigentlich so nahen Bereiche bleiben so fern wie eh. Ihnen wendet Forum Gdańsk bloß sein Parkhaus oder andere Wände zu. Von hier aus gesehen ist es eine Mauer zur Altstadt und der schlecht zu erreichende Weg wie ein Hohn.

Trotz all seinem Potential scheiterte Forum Gdańsk dort, wo es wichtig wäre. So groß es ist, so gut seine Lage, es bleibt eben ein Stück kapitalistischer Architektur, das die Stadt weder grundsätzlich verändert noch verändern kann.

Bauen für die Zukunft

Es war einmal ein Vororthäuschen, das mehr sein wollte. Als es 1899 erbaut wurde, stand es in mindestens zweifacher Hinsicht am Rande: am Rande von Oliwa und mit diesem am Rande von Gdańsk, zu dem es noch nicht gehörte und von dessen polnischem Namen beide noch wenig ahnten. Doch es lag auch mit einer Handvoll anderer Häuschen, die zusammen nach einem kleinen Gasthaus auf älteren Karten Klein-Krug hießen, an der Chaussee nach Sopot und wenn schon Oliwa ein Villenvorort war, dann war Sopot geradezu mondän. Das wußte das Häuschen und dementsprechend zeigte es sich.

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Es hat bloß zwei Geschosse, von denen das obere bereits halb unter dem Satteldach liegt. Zum Nachbarhaus, das in nur geringem Abstand links steht, hat es eine Brandmauer, läßt es sich aber nicht nehmen, sie oben, vor der zur Straße zeigenden Hälfte der Dachschräge, mit einem Treppengiebel als irgendwie Gdańsker Zitat zu beschließen. Im linken Teil ist im Erdgeschoß wie im Obergeschoß je ein großes Fenster, wobei das obere als halbe Gaube aus dem Dach ragt. Der rechte Teil ist zur Straße hin leicht vorgesetzt und endet im Erdgeschoß als halbes Achteck. Im Obergeschoß ist darauf ein Balkon, hinter dem eine große rundbögige Fenster- und Türfläche ist. Das über diesem Teil quer gesetzte Satteldach beschirmt den Balkon und unter seinen Schrägen nehmen geschwungene Balken das Rund des Fensters wieder auf.

Und über all dem ist der Turm. Sein Ansatz hat dank einem gewalmten Teil des Dachs eine Pyramidenform, bevor es auf mit der Spitze zur Straße zeigender quadratischer Grundfläche weiter ansteigt. War er bisher mit rotem Blech verkleidet, so folgt nun ein hölzerner Teil, der mit nach außen geschwungenen Streben breiter wird und mit einem wiederum roten Kuppeldach abschließt. Noch darauf erhebt sich eine hohe Spitze, die über mehrere Kugelelemente immer schmaler wird. Erst weit oben findet sie und damit der Turm mit einer Wetterfahne, in der die Jahreszahl 1899 steht, ihr Ende, aber wie es scheint nur widerwillig, weil die Gesetze der Physik und der damaligen Bautechnik mehr nicht erlauben.

Es ist wirklich ein Turm, kein Türmchen, denn mit ihm verdoppelt das Häuschen seine Höhe beinahe. Architektonisch hat er keinerlei Funktion, aber für den Anspruch des Häuschens ist er entscheidend. Groß wollte es sein, hoch, repräsentativ, den Fuhrwerken auf der Chaussee von Bedeutung und Wohlstand künden. Nicht ein letztlich kleines Vororthäuschen am Rande des Rands, sondern ebenbürtig den Villen von Oliwa und Sopot wollte es sein. Sogar die Jahreszahl 1899 auf der Spitze wirkt symbolisch: das neue Jahrhundert möge kommen, das Häuschen ist fertig, es ist bereit.

Auf ganz anrührende Weise sieht man hier ein Bauen für die Zukunft, die anders als die Potenzierung des Gegenwärtigen aber nicht ansatzweise gedacht werden konnte: bevor ein Nachbar eine wirkliche Villa mit drei Geschosse oder auch bloß zwei vollen baut, muß das Häuschen wenigstens den höchsten Turm haben. Das gelang. Das Häuschen ist auch hundertzwanzig Jahre später noch auf weiter Strecke das repräsentativste auf seiner Straßenseite. Aber das ist nicht deshalb so, weil es den Wettbewerb gewann, sondern weil der Wettbewerb nie stattfand. Alles, worum es sich bemühte, wurde schon wenig später völlig bedeutungslos.

Vor allem rückte es noch mehr an den Rand. Zwar entstand ringsum eine polnische Trójmiasto (Dreistadt), die als Bandstadt viele Zentren oder keines hat, aber die Chaussee wurde zur vielspurigen Schnellstraße, die diesen neuen Stadtorganismus für Autos erschließt und in diesem Abschnitt Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) heißt. Anders als die Fuhrwerke fahren die Autos viel zu schnell, um das nah an der Fahrbahn stehende Häuschen auch nur wahrnehmen zu können, Turm hin oder her.

Und die Zukunft, die wirkliche Zukunft, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Form einiger schräg aufgereihter elfgeschossiger Wohnhochhäuser. Sie bemühen sich nicht darum, hoch zu wirken, sie sind es einfach. Sie wollen nichts repräsentieren, sondern nur ihre Funktion erfüllen. Erst im Vergleich mit dem Häuschen stehen sie für die Zukunft, aber sie vergleichen sich ja nicht mit ihm, sie wissen nichts von ihm, sie existieren in ganz anderen Dimensionen.

Es war einmal ein Vorstadthäuschen, das mehr sein wollte, aber es scheiterte so absolut, daß sogar sein Scheitern unsichtbar wurde.

Cmentarz ofiar hitleryzmu na Zaspie

Der Friedhof der Opfer des Hitlerismus in Zaspa liegt am Rande des gleichnamigen Gdańsker Wohngebiets, zu drei Seiten locker umgeben von dessen Bebauung, zur vierten an der Straße Bolesława Chrobrego mit kleinindustriellem Gelände. Man sieht ihm nicht mehr an, daß er älteren Ursprungs ist und hier ab 1939 die im nahen KZ Stutthoff und dessen Außenlagern ermordeten Menschen begraben wurden.

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Die heutige Gestaltung des Friedhofs hat eigentlich nur zwei Elemente. Das erste ist die umgebende Mauer aus großen +-förmigen Betonteilen auf einer Basis aus Beton.

Zwei von ihnen stehen jeweils aufeinander, aber immer nach vorne oder hinten und durch kleinere Betonwürfel in der Höhe versetzt, so daß die Mauer trotz ihren einfachen Bestandteilen unregelmäßig und bewegt erscheint. Man kann in den +-Formen christliche Kreuze sehen, aber eher sind es die beiden so geformten Kreuze, die auch im Gdańsker Wappen übereinander angeordnet sind – man muß sich bloß die beiden rahmenden Löwen und die Krone darüber hinzudenken.

Das zweite Element sind die eigentlichen Grabsteine aus Beton. Sie bestehen aus einer breiten brusthohen Stele, die in der Mitte einen vertikalen Einschnitt hat, und einem kurz unterhalb ihres Abschlusses angefügten horizontalen Balken, der nach vorne und zu den Seiten leicht übersteht. Vorne sind darauf in einem Relief, das die Fläche auslöst, der Name und das Todesdatum genannt.

Links stehen kleiner in die Fläche eingeschnitten Geburtsdatum, Geburtsort und Beruf.

Rechts stehen Datum, Ort und Art des Todes sowie bei Insassen von Stutthoff deren Häftlingsnummer. Auf der Rückseite ist auf der Höhe des horizontalen Balkens außerdem ein quadratisches Relieffeld, das ein Wappen oder ein anderes Symbol zeigt. Auch in diesen Grabsteinen kann wer will christliche Kreuze sehen, aber sie sind es nicht so eindeutig, daß sich Nicht- oder Andersgläubige beleidigt fühlen müßten, eine für den polnischen Sozialismus sehr typische Dezenz.

Die Grabsteine stehen in regelmäßigen Reihen und dicht an dicht, aber sie sind immer zu mehr oder weniger großen Gruppen angeordnet, die recht frei und oft leicht schräg zueinander in dem weiten Gelände des Friedhofs verteilt sind.

Obwohl es einen Hauptweg gibt, sind die anderen Wege ihm nicht untergeordnet und verlaufen selten im rechten Winkel zu ihm. Neben den Gräberfeldern gibt es auch weite freie Flächen, was wohl darauf hindeuten soll, daß dort weit mehr Tote begraben sind als es Grabsteine gibt.

Beschattet wird der Friedhof von recht hohen Bäumen, die vielleicht gepflanzt wurden, als er 1987 angelegt wurde, und einigen noch größeren älteren Bäumen. Es gibt zudem weitere Gedenksteine und größere Denkmalelemente, unter anderem ein neueres aus Backstein für die Toten der Poczta Polska (Polnischen Post). Keines jedoch ist das zentrale Monument des Friedhofs, so daß er mit den locker verteilten Gräbergruppen unhierarchisch und dezentral ist. Alle der Toten, scheint er betonen zu wollen, sind gleichwertig als Opfer des Hitlerismus.

Die meisten der hier Begrabenen sind Polen, das Relief auf der Rückseite ihrer Steine zeigt einen polnischen Adler in einer recht hübsch stilisierten Version.

Die nächstgrößere Gruppe sind Sowjetbürger symbolisiert durch einen fünfzackigen Stern.

Ein auf der Spitze stehendes Dreieck, der in der DDR-Symbolik so wichtige rote Winkel, und ein kleines D bezeichnet deutsche Antifaschisten.

Tschechoslowaken mit dem sterngekrönten Löwen der ČSSR

teilen sich ein Feld mit wenigen Österreichern, deren zum Adler stilisiertes A (für Austria) das vielleicht schönste, gewiß aber eigentümlichste Symbol auf dem Friedhof ist.

Recht häufig ist ein NN für Opfer unbekannter Herkunft, wobei die Namen meist jüdisch oder deutsch klingen. Schließlich gibt es noch ein Feld für alle übrigen, die durch die offiziellen Wappen ihrer Länder ausgewiesen sind: Ungarn, Jugoslawen, nicht wenige Niederländer,

ein Italiener

und ein Franzose (das jener aus Nizza stammte und Frisör war, mag man amüsant finden).

Bei aller Internationalität ist der Friedhof ein zwangsläufig polnischer Ort. Die Vornamen und teils auch die Nachnamen der slawischen Toten sind in polonisierter Form geschrieben. Auch die Ortsnamen und Berufsbezeichnungen sind polnisch, so daß nicht für jeden Besucher sofort klar sein wird, daß etwa Heinz Hösch, aus Norymberga und marynarz, ein Seemann aus Nürnberg war.

Der Friedhof in Zaspa war das letzte der großen Friedhofsprojekte in Gdańsk und in seiner offenen, nicht hierarchischen Anlage ist er vielleicht auch das gelungenste. Hier konnte der Bildhauer Wiktor Tołkin noch besser als in Puck zeigen, was er konnte. Allein deshalb muß man froh sein, daß der Sozialismus in Polen nicht schon früher endete. Bedauerlich ist einzig, daß sich der Friedhof mit seiner, wenn auch wichtigen und schönen, Mauer von der Wohnbebauung Zaspas abschirmt. Es würde gut zu ihm passen, auch dort Eingänge zu haben und die Erinnerung an die Opfer des Hitlerismus mitten ins Leben zu tragen.

Reste von Matarnia

Heute ist Matarnia vor allem ein großes Einkaufsareal an der Obwodnica, der Autobahn, die sich um die Trójmiasto (Dreistadt) legt. Dort gibt es IKEA, Obi, Media Markt und viele andere Geschäfte um große Parkplätze.

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Für den aufmerksamen Reisenden zum Gdańsker Flughafen ist Matarnia auch noch ein Bahnhof an der erst 2015 eröffneten Bahnstrecke.

Das alte Dorf Matarnia aber liegt genau dazwischen, versteckt oberhalb der Autobahn und nur zu erahnen von der Bahnstrecke.

Wäre nicht das Rauschen des Verkehrs, man könnte auf dem unebenen Kopfsteinpflaster des Wegs unter alten Bäumen leicht vergessen, daß irgendwo in der Nähe eine Stadt ist, daß Matarnia gar Teil von einer ist.

Denn Matarnia gehört heute zu Gdańsk, aber der Wald und die Hügel bilden eine natürliche Barriere zu dessen am Meer gelegenen Stadtteilen. Es überrascht nicht, daß hier in der Zwischenkriegszeit die Grenze zwischen Polen, in dem Matarnia lag, und der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk verlief.

Frei auf einem weiten Grundstück steht das große Gutshaus. Es ist ganz historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts und könnte auch als Villa in Lichterfelde oder irgendwo stehen.

Der niedrigere Teil endet mit einem Giebel in Neorenaissanceformen, während der höheren Teil Fachwerk, vielerlei geschnitzte Holzelemente vor dem Dach und neogotische Anklänge in der Steinbrüstung eines Balkons hat.

Etwas spezifisch Ländliches und Herrschaftliches ist am ehesten noch in der vorgesetzten überdachten Terrasse aus Holz.

Der Weg führt an diesem Grundstück und einigen neueren Häusern links vorbei auf die kleine Kirche zu, die ihm einen Backsteingiebel zeigt.

War man zuerst noch auf einer Höhe mit ihr, verläuft der Weg dann etwas nach unten und im Bogen links um das Kirchengelände herum, das damit einen eigenen niedrigen Hügelteil einnimmt.

Die Kirche ist ein ländlicher Bau, dem man seine Umbauten und Bauphasen gut ansieht. Die Mauern der Breitseiten bestehen teils aus unregelmäßigen Feldsteinen, teils aus Backstein.

Die jetzigen Fenster haben leicht abgerundete Bögen, was auf einen barocken Umbau hinweist, aber an einer Stelle ist noch ein spitzbögiges Portal zu erkennen. Rechts in der Mitte ist ein kleiner Anbau aus Fachwerk und links hinten ein größerer mit nach außen niedriger werdendem Pultdach.

Die Vorderseite ist ganz aus Backstein und hat einen Treppengiebel, in dem in der Mitte eine rundbögige Nische und oben ein offener Rundbogen, in denen jeweils Glocken hängen, sind.

Etwas an dieser Seite ist bei allem Bemühen um Gotik zu ungotisch. Die Formen sind zu eckig und zu rund, die komplizierte Ornamentik im Backstein zu perfekt.

An der Rückseite, die vom Weg her zu sehen war, ist links ein schräg und rechts ein gerade vorstehender Strebepfeiler aus Backstein. Im unteren Teil sind drei putzgefüllte Spitzbögen im Backstein, der Giebel ist dann eine noch einfachere Version von dem auf der Vorderseite. Er hat nur zwei Stufen, eigentlich nur eine niedrigere und höhere Wand, und dafür in der Mitte zwei rundbögige Nischen und oben zwei offene Rundbögen.

Hier ist der Kontrast zwischen der tatsächlichen Gotik unten und dem neueren Teil oben offensichtlich.

Aber vielleicht muß man den neuen Teilen der kleinen Kirche zugute halten, daß sie sich gar nicht bemühen, neogotisch zu sein. Vielleicht setzte in ihnen wie in der backsteinernen Mariensäule am Weg zum Eingang einfach ein örtlicher Maurer seine ganz unakademischen Vorstellungen davon, wie die Kirche weitergebaut werden sollte, um. Letztlich passen diese Formen so gut in die 1880er wie in die 1920er Jahre. Es ist schwer vorstellbar, daß der Umbau irgendeinen anderen Grund hatte als den Repräsentationswunsch des Gutsbesitzers, denn klein war Matarnia immer und eine geschichtliche Bedeutung hatte es selbst in seiner Zeit als Grenzort kaum. Und von wo sollte man die Kirche auch sehen? Sie hat tatsächlich erst ein Publikum, seit direkt vor ihr die Bahnstrecke verläuft. Ein wenig ist es, als hätte sie sich immer auf diesen Moment vorbereitet.

Ihren gegenwärtigen Zustand hingegen verdankt die Kirche einer Renovierung wohl in den siebziger Jahren, wie am grauen Putz, aber auch an den gleichsam archäologisch herausgearbeiteten Bauphasen zu erkennen ist. Aus dieser Zeit hat sie auch zwei hübsche Laternen mit runder Stange und in einer eckigen, etwas breiter werdenden Form gefaßtem Leuchtelement. Eine steht vor der Rückseite, die zweite an einem auf die rechte Seite zuführenden Weg. Wie er nach dem kleinen Tor mit einigen Steinplatten beginnt, dann in der Wiese verschwindet, aber dank zwei niedrigen Büschen, der Laterne und dem zugemauerten Bogen doch erkennbar bleibt, ist überraschend schön.

Der minimale Garten, die neue Laterne und das alte Gebäude werden zu einer harmonischen Einheit. Hier merkt man, daß diese Laternen aufzustellen ein nicht weniger schöpferischer Akt als Bau und Umbau der Kirche war.

Genutzt wird die kleine Kirche heute besonders von einem Storchenpaar.

Schon im Winter bemerkt man das große Nest links auf dem rückwärtigen Giebel und man könnte meinen, daß es die Symmetrie bricht. Doch im Sommer, wenn es bewohnt ist, scheint es eher, als unterstützte es sie, denn dann sitzen zwei Störche über zwei backsteinernen Bögen.

So hat das alte Matarnia mehr, als man von der Autobahn, und ein wenig mehr, als man von der Bahn erahnen kann. Zu dem, was man sieht, kommt das, was man nicht sieht. Hinter dem Gutshaus sind einige umgebaute Wirtschaftsgebäude, aber wie die Leute, die dort arbeiteten, lebten, das sieht man nicht mehr. Ihre Häuser waren wohl aus Holz und sie sind spurlos verschwunden. Wie meist, wenn man das Alte sieht, sieht man es nur in Resten, sieht nur das Alte der Reichen und Mächtigen. Man sieht nie alles, ob von der Autobahn oder vom Kopfsteinpflaster, aber das ist in Ordnung, solange man es weiß.

Möbel in Gdańsk

Geschichte liegt auf der Straße, im übertragenen wie im konkreten Sinne. Etwa die Möbel in den Straßen von Gdańsk, bei den Hauseingängen, bei den Müllplätzen.

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Es handelt sich um typischen halbwilden Sperrmüll, der daraus resultiert, daß Wohnungen renoviert werden.

Fast alle Möbel stammen daher noch aus der sozialistischen Zeit, aus der PRL (Volksrepublik Polen).

In der ehemaligen DDR wäre das meist anders, da die Menschen dort schon in den Neunzigern genug Geld hatten, sich zeitgemäße neue Billigmöbel zu kaufen.

In Polen hingegen war es den meisten nicht möglich, funktionierende Möbel einfach wegzuwerfen. Erst jetzt, da Leute die in den Siebzigern, Achtzigern eingerichteten Wohnungen ihrer verstorbenen oder anderswo abgestellten Großeltern übernehmen, füllen sich die Straßen.

Man kann hier wirklich alles finden, was man zur Einrichtung einer Wohnung bräuchte, von verschiedensten Schränken, Betten, Tischen, Stühlen für Wohn-, Schlaf-, Eß-, Kinderzimmer, Bad, Küche bis hin zu Haushaltsgeräten wie Kühlschränken.

Auch Türen sieht man und sogar eines der breiten und stabilen Fensterbretter, die zu den großen Vorzügen der Falowiec-Wohnungen gehören, stand einmal neben dem Aufzug.

Bei den Haushaltsgeräten scheint die Retromode noch nicht angekommen zu sein, obwohl es doch kaum einen größeren Ausdruck von Luxus gäbe als einen Kühlschrank der Marke „Szron“ (Tau) mit stilisiertem Tannenlogo und gewiß enormem Stromverbrauch bei geringer Leistung.

Vieles andere ließt sich in Berlin gewiß gut als Vintage verkaufen und gewiß haben findige Unternehmer in grenznäheren Städten dieses Potential schon lange erkannt.

Es ist eine wahre Freiluftgalerie der Designgeschichte, durch die man hier geht.

Der vielfach variierte Grundton ist das Braun von furniertem Holz, zu dem oft kräftige Farbakzente von Bezugsstoffen kommen.

Die Formen sind minimalistisch und funktional, allein die Stühle und Sessel erlauben sich manchmal expressivere Elemente. Schnörkel oder auch nur Blumenmuster sind selten. Wer sich mit dem Thema besser auskennt, wird in den Gdańsker Möbeln vielleicht Parallelen zu IKEA-Modellen der gleichen Zeit finden, denn bekanntlich hatte diese Firma ihre Produktion schon in den Siebzigern nach Polen outgesourct, was ihren Gründer reich und zum Alkoholiker machte.

Auf den Rückseiten der Möbel sind oft noch Aufkleber in gelblich verblichenem Papier, die neben technischen Daten den Herstellungsbetrieb und -ort, manchmal auch aufgestempelt Verkaufspreis und -jahr verraten.

Sie sind sich alle ähnlich, aber nie identisch. Sehr selten kommt zur Schrift ein Logo hinzu.

Es tut sich hier eine recht verwirrende Fülle von Betriebsformen auf, die zu verstehen man eine tiefere Kenntnisse der Wirtschaftsstruktur im sozialistischen Polen und deren Veränderungen über einen Zeitraum von immerhin vierzig Jahren bräuchte.

Fabryki meble (Möbelfabriken) scheinen sich von selbst zu erklären, aber am häufigsten ist die spółdzielna pracy (Arbeitsgenossenschaft), was offenbar einfach der sozialistisch angehauchte Name für eine nicht-staatliche Firma ist.

Oft sind dabei die Betriebe aus einem Ort einem zweiten aus einem anderen, größeren untergeordnet und über alles legt sich irgendwann der Krajowy Związek Spółdzielni Meblarskich (Landesverband der Möbelgenossenschaften) mit Sitz in Warschau.

Die Form eines przedsiębiorstwo państwowe (staatlichen Betriebs) ist selten, öfter noch gibt es die spółdzielna inwalidów (Invalidengenossenschaft), eine spezifisch polnische Betriebsform, die sogar heute noch in irgendeiner Form fortexistiert.

Die Herstellungsorte zeigen, daß die Möbelindustrie im sozialistischen Polen stark regional gegliedert war. Fast alle stammen aus Orten, die nicht mehr als hundertfünfzig Kilometer von Gdańsk entfernt liegen, ein nicht kleiner Teil sogar direkt aus der Trójmiasto (Dreistadt) oder unmittelbar angrenzenden Orten. Oft sind es sehr kleine Orte, was auf sehr kleine Betriebe hindeutet.

Umso faszinierender sind daher Importe aus anderen sozialistischen Ländern, die man ausschließlich an den Aufklebern, niemals am Design erkennt.

Ein Kühlschrank der ungarischen Marke „Lehel“ (eine halbmystische Gestalt der magyarischen Frühgeschichte) gibt sich auf dem ansonsten ungarischsprachigen Schild weltgewandt als „Made in Hungary“.

Ein russischsprachiger Aufkleber wurde mit dem eines polnischen Betriebs überklebt, so daß sich der Herstellungsort in der Sowjetunion leider nicht mehr feststellen läßt.

Am häufigsten vertreten ist die DDR. Da ist der VEB (K) Holzindustrie Barth-Mecklenburg mit einer hübschen Kommode im Logo.

Da ist ein „Export: VR Polen“ des VEB Holzindustrie Halberstadt, der sogar zweisprachig beschriftet ist. Bei einzelnen Worten ist die Übersetzung ins Polnische noch tadellos oder wenigstens verständlich, aber an der Formulierung „Produkt entspricht dem vom DAMW geprüften und bestätigten Muster“ scheitert sie völlig.

Und da ist der „VEB Vereinigte Möbelf“, wie auf dem halb abgerissenen Aufkleber noch zu erkennen ist.

Auch dieser Aufkleber ist zweisprachig und die polnische Übersetzung enthält einen markanten Fehler: „artykół” statt „artykuł“. Da ó und u im Polnischen denselben Lautwert haben (sogenanntes geschlossenes und offenes u), ist dies ein Fehler, der besonders Muttersprachlern und anderen, die zuerst wußten, wie Worte klingen und erst danach lernten, wie sie geschrieben werden, unterläuft. Wer Polnisch im Ausland als Fremdsprache lernte, kannte hingegen das Schriftbild wohlmöglich schon vor dem Klang und würde eher nicht das fremdartige ó an die Stelle des vertrauten u setzen. Sofort spekuliert man über die Geschichte des Übersetzers. Ein Deutscher vielleicht, der in einer Stadt des polnischen Korridors der Zwischenkriegszeit etwas Polnisch gelernt hatte und später ausgesiedelt wurde? Oder ein Jude, der irgendwo in Galizien ein paar Klassen einer polnischen Schule besucht hatte und später in den Wirren von Krieg und Nachkrieg in die DDR gelangt war? Die wahrscheinlichste Identität des Übersetzers ist etwas prosaischer: ein polnischer Arbeiter im betreffenden DDR-Betrieb. Dafür spricht, daß der Hersteller vermutlich vollständig VEB Vereinigte Möbelfabriken Frankfurt/Oder hieß und direkt an der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR lag. Man kann sich gut vorstellen, wie irgendein Manager ihm einen Stoß Papiere in die Hand drückte: „Hey, du bist doch Pole, übersetz das mal schnell!“ Daß Sprachkenntnisse allein noch nicht zum guten Übersetzen befähigen, kann man so vierzig Jahre später in den Straßen von Gdańsk nachlesen.

Zur Geschichte kommen eben immer auch die kleinen, meist nur zu erahnenden Geschichten. Auch die Möbelstücke selbst können sie erzählen, denn neben der industriellen Fertigung gab es die individuelle Umgestaltung. Man kann beispielsweise das massive Unterteil eines Küchenschrank finden, das gewiß noch von vor dem zweiten, wenn nicht dem ersten Weltkrieg stammt, aber den Moden der sechziger, siebziger Jahre angepaßt wurde. Seine Seiten und Füße wurden dazu zitronengelb und seine Türen in hellem Türkis gestrichen, auch neue Griffe bekam er und die weißen Schubladen sind noch neuer. Wenn sein Schicksal nur ein wenig anders verlaufen wäre, würde er vielleicht restauriert werden, um wieder wie vor hundert Jahren auszusehen, doch er wartet auf dem Sperrmüll.

Oder man sieht einen Küchenhängeschrank aus der sozialistischen Zeit, an den jemand liebevoll neue Türen aus modischer furniertem Holz anbrachte, was ihn aber auch nicht rettete.

Schließlich gibt es noch die Möbel, die einfach so schön sind, daß ich sie nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

Was bleibt auch anderes übrig bei einem Sofa mit strahlend orangenem Bezug und braunen kunstledernen Armlehnen? Noch dazu, wenn es bis hin zum grünbedruckten Aufkleber des Herstellerbetriebs Dąb (Eiche) aus Gdynia mit dem dreidimensionalen d-Logo perfekt ist.

Es ist zudem kein Sofa, sondern ein kanapo-tapczan, wie die mit starkem PRL-Beiklang behaftete Bezeichnung, eine Mischung aus kanapa (Sofa) und tapczan (Liege), lautet. Liegesofas dieses Typs mit einfachem, aber robustem Klappmechanismus und abnehmbaren Armlehnen lernte ich dank meinem kanapo-tapczan überall und in allen Farben oder Mustern erkennen.

Ein Teil von mir würde all die Möbel retten wollen, Möbelhändler werden, in einem Lagerhaus wohnen, aber mir bleiben nur die Worte. Das freudigste Erlebnis war es deshalb, als ich einmal merkte, daß ich mit meinem Interesse an den abgestellten Möbeln nicht allein bin. Denn die hellblaue Stehlampe der Firma zaos gefiel mir selbstverständlich sehr – ganz aus Metall, nicht mehr mehr als eine runde Standfläche, eine dünne, oben leicht schräge Stange und eine nach unten geöffnete Halbkugel für die Glühbirne. Ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen, aber ich gönne sie der Frau, die ein paar Momente schneller bei ihr war und dank der die Geschichte nun weitergehen kann.

Genderlöwen

„Gender“ oder „ideologia gender“ (Genderideologie) ist eines der zentralen Schlagworte der polnischen Rechten und steht für so ziemlich alles Schlechte und die polnisch-katholische Familie Gefährdende von Abtreibung über Gleichberechtigung bis hin zu Homosexualität, ohne daß von der Wortbedeutung noch viel übrig bliebe. Verantwortlich gemacht wird dafür gerne der allgemeine Sittenverfall in der dritten Republik, der sozialistischen PRL (Volksrepublik Polen), was diese eher etwas mehr ehrt, als sie es verdient hat, denn die gegenwärtige Stärke der Reaktion in Polen hat auch mit der Halbherzigkeit und Schwäche des polnischen Sozialismus zu tun.

Wenn der Sozialismus aber tatsächlich so erfolgreich die bürgerliche Familie zerstört oder wenigstens die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht hätte, dann wäre das Symbol dafür das Gdańsker Wappen am Dom Kultury (Kulturhaus) im Arbeiterstadtteil Nowy Port. Das Gebäude selbst ist in traurigem stalinistischen Stil erbaut und braucht nicht abgebildet zu werden, aber das Wappen geht darüber hinaus. Es zeigt, wie es sich gehört, zwei auf den Hinterbeinen stehende Löwen, die zwischen sich ein Schild mit zwei übereinandergesetzten +-Kreuzen und einer Krone halten. Der kleine Unterschied ist, daß der linke der Löwen keine Mähne hat: es ist eine Löwin.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Genau so könnte die polnische Rechte sich die kommunistisch-säkularistisch-jüdische Genderideologie, wie sie es sinngemäß, wenn nicht wörtlich nennen würde, vorstellen: das altehrwürdige Wappen wird im Namen der Gleichberechtigung abgeändert. Sie würde wohl auch nicht verstehen oder nicht lustig finden, wenn man einwenden wollte, ob es nicht gerade fragwürdig sei, daß statt einer traditionellen Familie zwei männliche Löwen da in so intimem Verhältnis zueinander und zum Wappen stehen… Aber das ist schon viel zu viel des Erwägens über die Gedankenwelt der Reaktion.

Hier eine ungegenderte, aber nicht unbedingt männlichere Version inmitten von trompe-l’œil-Intarsien in der Tür des Roten Saals im Rathaus (Simon Herle, Anfang 17. Jahrhundert)

Hübsch ist die Wappenvariation von Nowy Port allemal, mit oder ohne Gender. Zu dem Sandsteinrelief gehören noch ein stilisierter Adler im Hintergrund, dessen Kopf oben herausragt, und unten die Worte „Za zasługi dla Gdańska“ (Für Verdienste für Gdańsk). Es handelt sich um eine Abwandlung eines zwischen 1960 und 1974 an Bürger und Institutionen vergebenen Ehrenzeichens, das in der Ansteckerversion aber weit unscheinbarere Löwen mit weit unklarerem Geschlechtsunterschied hatte. Das Abzeichen wurde von Wiktor Tołkin entworfen und man kann annehmen, daß auch das Relief aus der Hand dieses wichtigen realistischen Künstlers der PRL stammt. Es ist fast überraschend, daß seit den Sechzigern niemand anderes dieselbe eigentlich simple Idee wie er hatte, aber so ist das eben mit der Kunst.