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Hala Olivia

Expressive Betonformen in der Architektur haben unweigerlich das Schicksal mit irgendetwas anderem verglichen zu werden. So geht es auch der Hala Olivia (Olivia-Halle), einer Eissporthalle in Gdańsk, wie am Namen zu erkennen in seinem nördlichen Stadtteil Oliwa.

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Die Vergleiche gehen wegen der Nähe der Ostsee immer zu allerlei Maritimem. Und wenn man will, kann man in ihrer schräg nach vorne ansteigenden Straßenfront sicher einen Bootskiel oder eine Welle sehen. Oder einen Schwertfisch oder Hai in ihren Seiten mit dem weiten Schwung des Dachs, der von der niedrigeren Rückseite zu hohen vorragenden Straßenseite führt.

Aber eigentlich genügt es zu sagen, daß die Hala Olivia ein typischer Hallenbau ihrer Zeit, der frühen Siebziger ist, wie er auch fernab des Meeres errichtet wurde. Die expressive Form ist dabei sicher gewollt, aber auch einfach die, die sich ergibt, wenn zwischen zwei sich gegenüberliegende ansteigende Tribünen ein Dach gespannt wird und die anderen Seiten als Glasflächen milchig-transparent bleiben. So ist die Hala Olivia, wie all ihre Schwestern im Geiste und Beton, ein zugleich markanter und funktionaler Bau. Anderswo würde sie mit einem Felsen oder einer Sprungschanze verglichen werden oder gleich mit einem Raumschiff.

Was die Hala Olivia nicht ist, ist Teil eines städtischen Raums. Zumal heute steht sie isoliert inmitten von weiten Parkplätzen an der großen Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee). Mit einem McDonald’s und Universitätsgelände links und den Büroanlagen des Olivia Business Center rechts wirkt sie wie ein zu nichts anderem passender Teil einer kapitalistischen Suburbialandschaft. Ob es einmal anders war, ist schwer zu sagen.

Zur Straße hin, überragt von der großen Welle aus Beton, sind zwei viel nüchternere Geschosse in eckigen Formen und mit viel Glas. Vor dem oberen von ihnen verläuft eine breite Terrassenebene, die das wichtigste städtebauliche Elemente der Halle ist.

Sie ruht auf wandartigen, nach oben hin schmaler werdenden Stützen, die quer zur Straße stehen, und hohen flachen Betonbalken, die parallel zu ihr verlaufen. Ihr Geländer ist ein breiter oben abgerundeter Betonstreifen auf kleineren Versionen der Stützen. Aber wo die Halle endet, endet auch sehr bald die Terrasse. Statt die Halle mit ihrer Umgebung zu einem größeren Komplex zu verbinden, bleibt ein bloßer Zugang mit breiten Treppen links und rechts. Auch die großen Parkdecks beidseits der Halle sind eben den Autos vorbehalten.

In der Linie, die die Terrasse nach rechts fortsetzt, ist noch ein ebenso breiter Weg entlang des Parkdecks zu erkennen. Und er setzt sich nach einer kleinen Querstraße mit Zebrastreifen sogar im Durchgang des Olivia Gate genannten Teils des Olivia Business Centers fort.

Diese städtebauliche Feinfühligkeit der nichtigen Investorenarchitektur, die in ihrem Formen internationalen Trends von vor fünfzehn Jahre folgt, überrascht, hilft aber auch nicht. Denn im klaustrophobischen Innenhof zwischen den Glasbauten gibt es nicht einmal für die Angestellten der dortigen Outsourcingfirmen viel und dahinter geht es erst recht nicht in die umliegenden Gegenden weiter.

Ursprünglich war zumindest der durchaus große Bereich zwischen Halle und Straße als öffentlicher Ort gedacht. Er liegt etwas niedriger als seine Umgebung und hat Treppen und begrenzende Mäuerchen aus rotbraunem Backstein. Doch er war wohl immer zu leer und ist schon lange Parkplatz, erobert von den Autos.

Bleiben schließlich zwei vergleichsweise kleine, aber wichtige Details der Hala Olivia. Das erste ist ihr Logo im linken Teil der schräg überragenden Straßenseite. Als flaches Linienrelief im Beton zeigt es in der Mitte zwei stehende gelbe Löwen, die mit ausgestreckten Armen zwei übereinander angeordnete plusförmige rote Kreuze schützen, über denen eine kleine gelbe Krone schwebt. Das ist das Wappen von Gdańsk. Darüber ist etwas kleiner und blau ein stilisierter frontaler Schiffskiel flankiert von zwei stilisierten S- und t-Form, zu denen wieder die gestapelten Kreuze und die Krone gehören. Das ist das Logo des Sportvereins Stocznowiec (Werftarbeiter), aber eine Art erweiterte Form, bei der ein Kiel in die Mitte rückt und das eigentliche Logo aus Gründen der Symmetrie links normal und rechts gespiegelt gezeigt ist. Darunter steht in serifenlosen blauen Kleinbuchstaben „olivia“. Das ist der Name der Hala.

Das Stadtwappen ist, wiewohl auf einfache Formen reduziert, ein historischer Bezug, das erweiterte Logo bildet eine Art neues, sozialistisches Wappen, aber der Schriftzug ist es, der den Anspruch der Halle, etwas ganz Neues und Fortschrittliches zu sein, so wirklich hervorhebt. Die drei Elemente verbinden sich zu einem neuen Logo, das dem, was die Halle sein könnte, angemessen ist, angemessener als ihre Umgebung leider.

Das zweite Detail ist die schlanke Betonstele, die im rechten Teil der Straßenseite eine von der Terrasse herabführende vorgesetzte Treppe trägt. Wie das Logo ist sie genau an der richtigen Stelle angeordnet, um zu verhindern, daß die lange Fassade monoton wirkt. Breit, unten getragen von einem einzelnen der flachen Betonbalken, führt sie auf eine große Plattform, um sich dann zu wenden und weiter unter die Terrassenebene zu führen.

Die Plattform scheint zu schweben und statt nur als Bestandteil der Treppe, kann man sie sich als Rednertribüne über dem davorliegenden Platz vorstellen. Die Stele steht vor ihrer Mitte, aber mit deutlichem Abstand, als sollte das von der schmalen tragenden Verbindungsstrebe ablenken. Ab deren Höhe steigt sie schlank und nach oben schlanker werdend auf, beinahe ein ungewöhnlich filigraner Obelisk aus Beton.

Sie ist einerseits eine selbständige klare Form vor dem Hintergrund der Hallenschräge und hat andererseits die ganz konkrete Funktion eines Fahnenmasts. Das Bemerkenswerte ist nun, daß vor der Hala Olivia nur eine einzelne Fahnenstele ist. In der DDR und der Tschechoslowakei traten Fahnenmasten immer mindestens paarweise auf, einer für die Staatsflagge und einer für die sowjetische Flagge. Dafür ist hier kein Platz, hier ist eine Entscheidung nötig und wie die ausfallen würde, ist klar. Leicht kann man in der Stele also eine kleine antisowjetische Spitze sehen. Im heutigen Polen ist das egal, da es zwar immerhin für die Renovierung der Hala Olivia sorgte, aber doch so wenig Interesse an ihr hat, daß dort die weiß-rote so wenig wie die rote Fahne je aufgezogen werden.

Mit oder ohne Fahne, ob Schiff oder Raumschiff, die Hala Olivia ist zweifelsohne eines der bedeutsamsten Gebäude aus der sozialistischen Zeit in Gdańsk und gerade deshalb fehlt ihr der Sozialismus so sehr, umso mehr, als er ihr nie die Umgebung gab, die sie verdient und gebraucht hätte. So schön und markant sie ist, sie ist allein.

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Nachruf auf einen McDonald’s

McDonald’s kam erst mit dem Kapitalismus nach Polen. Es hätte anders sein sollen, der Sozialismus hätte zu McDonald’s kommen und ihn in die ganze Welt hinaustragen sollen. Was hätte schließlich besser gepaßt als das standardisierte massengefertige Essen eines VEB McDonald’s? Aber so war es nicht und ausgerechnet McDonald’s kam als Symbol des Kapitalismus in die ehemals sozialistischen Staaten.

In Polen hatte er es nicht gar so eilig, erst 1992 eröffnete die erste Filiale. Die Bilder von ihrer sehr polnischen Eröffnung mit segnenden Priestern kursieren heute im Internet und letztes Jahr wurde das fünfundzwanzigste Jubiläum gefeiert, „super tu być“, lautete der Slogan, „super, hier zu sein“.

In Gdańsk ist McDonald’s seit 1993, als im Bahnhof die erste Filiale entstand. Kurz darauf, 1994, folgte eine zweite, nicht gleichfalls im Zentrum, aber auch nicht am Rande, sondern in Wrzeszcz, ziemlich in der Mitte des langgestreckten Stadtköpers, nahe der Aleja Grunwaldzka, der wichtigsten Verkehrsachse der Trójmiasto. Dieser zweite Gdańsker McDonald’s hatte ebenfalls kein eigens errichtetes Gebäude, sondern zog in ein zweigeschossiges und mehr zufällig freistehendes Backsteinhaus, das er mit gläsernen Vorbauten seinen Bedürfnissen anpaßte.

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Die Jahre vergingen, der McDonald’s wurde Teil der Stadt, er war der Ort erster Dates und vieler anderer Ereignisse in vieler Menschen Leben. Die Umgebung veränderte sich, das Einkaufszentrum Manhattan und eine abgeschottete teure Wohnhochhausanlage entstanden daneben. Inzwischen gab es viele weitere McDonald’s-Filialen, in den Wohngebieten Morena und Przymorze, in den Einkaufszentren und anderswo an der Grunwaldzka, wo sie besser mit dem Auto zu erreichen waren. Im Jahre 2013 dann wurde der zweite McDonald’s von Gdańsk geschlossen. Ein paar Jahre stand das Gebäude leer, nur noch Spuren erinnerten an seine Geschichte.

Im letzten Jahr erst zog eine Filiale eines Warschauer Restaurants dort ein: „Aïoli – Inspired by Gdańsk“.

Der Wechsel von McDonald’s zum hippen Restaurant zeigt die Entwicklung des Kapitalismus in Polen. 1992 war Polen dank den Jahren des Sozialismus noch eine Gesellschaft ohne größere Klassenunterschiede. McDonald’s paßte dazu. Sein egalitäres Essen war die Art von bescheidenem Luxus und Internationalität, die die ersten, die es sich leisten konnten, wollten. Inzwischen haben sich die Klassen wieder stärker differenziert und es gibt eine prekäre Mittelschicht, die um Distinktion bemüht ist. Ihr ist McDonald’s, der wohlgemerkt nach wie vor nicht bilig ist, zu vulgär, sie will etwas anderes und kriegt die Filiale eines anderen Restaurants.

McDonald’s war nie „inspired by Gdańsk“ (inspiriert von Gdańsk), sondern dort genauso wie überall sonst – das war das Schöne an McDonald’s. Die Zukunft gehört auf absehbare Zeit den „Aïolis“ der Welt.

Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.

Zwei Winter in Oliwa oder Elektrifizierter Barock

Was hätte der Barock gemacht, wenn er Elektrizität gehabt hätte? Wie wäre es gewesen, wenn er mit elektrischem statt bloß mit natürlichem Licht hätte arbeiten können? Vielleicht ein wenig so, wie man es im Dezember 2016 und Januar 2017 im Park Oliwski (Oliwaer Park) in Gdańsk betrachten konnte.

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Beidseits der zentralen Allee des Parks bilden hohe zurechtgeschnittene Bäume so etwas wie Wände und diese wurden in jenem Winter über und über mit Lichtern bedeckt. Die Wände der Allee, die im Sommer grün sind, leuchteten in Winternächten. Die architektonisch genutzte Natur des Parks wurde mit Licht nachgeformt, unzählige kleine Leuchten ersetzten das Laub. Es war ein eigentümliches Erlebnis so zwischen enormen leuchtenden und blinkenden Wänden zu gehen, nicht nur angenehm, aber gewiß sehr barock. Leuchtende Blätter, das wäre der Traum eines jeden Gartenarchitekten des Barock gewesen.

Leider knüpfte die weitere Lichtgestaltung letztes Jahr nicht daran an. Schon die hohe schmale Allee war nur zur Hälfte derart erleuchtet und dort, wo sich ihre Achse als langes Wasserbassin fortsetzt, war das Licht schon fern. Dabei erstrecken sich beidseits des Bassins zwei andere Alleen, die mit oben aneinandertreffenden verwachsenen Bäumen im Sommer grüne Gänge bilden. Auch ohne Blätter, vielleicht noch schneebedeckt, sind diese einerseits so in eine menschengewollte Form gepreßten und andererseits so zufällig wachsenden Bäume faszinierend und barock. Wie sie beleuchtet aussähen, kann man nicht wissen, da nur ein zu kleiner Teil des Parks feinfühlig nachgezeichnet wurde

Ansonsten fehlt letztes Jahr für den Barock, ob nun seine Architektur oder seine Parks, jedes Gespür, wie der Vorbereich des Pałac Opatów (Äbtepalast), auf den die Allee schräg zuführt. zeigte.

Statt die großen runden Büsche einzubeziehen, wurden dazwischen eigenartige leuchtende Schmetterlingsformen gesetzt. Statt die beiden Skulpturen einzubeziehen, wurde aus Leuchtschnüren eine entfernt menschenähnliche Monstrosität mit Schirm gebaut. Statt die Wasserflächen einzubeziehen, wurde die schlechte leuchtende Imitation eines Springbrunnens aufgebaut. Und als ob das noch nicht genug des Kitschs wäre, wurde auch auf den Palast selbst ein florales Muster projiziert, was den zurückhaltenden, nur in den Kapitellen rokokohaft verspielten Barockbau zur Leinwand herabwürdigte.

In diesem Jahr nun ließ die Lichtgestaltung vom Palast ab, was gut ist, und wendete sich dem Wasser zu. Auf dem langen geraden Wasserbassin sind diesmal stilisierte Schiffe aus Lichtern. Sie stehe versetzt einmal links und einmal rechts am Rand, so daß man von den Ende des Bassins über eine ganze leuchtende Flotte blickt. Das ist nicht schlecht, sogar hübsch, da es in der leeren Fläche des Wassers eine geeignete Leinwand oder Bühne findet. Nicht so, aber so ähnlich hätte es vielleicht ein elektrifizierter Barock gemacht. In die aus Bäumen gebildeten Tunnel beidseits des Wassers fällt das Licht der Schiffe, gibt den Stämmen lange Schatten und betont manchmal einige der verschlungenen Formen der Äste.

Das Herzstück der Lichter im Park Oliwski, die leuchtende Allee, scheint von weitem unverändert, ist es aber nicht. Einwände der Denkmalschutzbehörde verbaten in diesem Jahr das Anbringen der Lichter an den Bäumen. Statt nun die Rücksichtslosigkeit zu haben, das zu ignorieren, oder den Anstand, auf diesen Teil der Beleuchtung zu verzichten – beides Haltungen, die man respektieren könnte – wurde in die Allee ein stählernes Gerüst gebaut, an dem die Lampen hängen.

Das Ergebnis ist eine bösartige Karikatur der eigentümlichen Schönheit des Vorjahrs. Statt zwischen Bäumen mit leuchtenden Blättern geht man durch eine Baustelle. Um das Gerüst mit Stahlseilen zu halten, wurden jenseits der Alleebäume Betonklötze aufgestellt und die dort verlaufenden Wege großflächig mit niedrigen Gittern abgesperrt, auf die wie zum Hohn Tannenzweige und rote Schleifen geklebt wurden.

Wenn letztes Jahr wenigstens in Ansätzen das Thema „Elektrifizierter Barock“ zu erkennen war, dann ist es diesmal offenbar „Weihnachtsbaustelle“, was eine Beleidigung für Weihnachten und erst recht für Baustellen ist. Man weiß nicht ganz, was man davon halten soll, daß dieses Thema zumindest konsequent durchgehalten wurde. Die tannenzweiggeschmückten Absperrzäune wurden auch auf dem Vorplatz des Palasts

und an den Enden des Wasserbassins aufgestellt, dort wohl, damit niemand beim Selfiemachen ins schienbeinhohe Wasser falle.

Als kleiner Akzent wurden sogar einige in den Weg ragende Äste der Alleen neben dem Bassin mit rot-weißem Absperrband umwickelt.

Wer das wirklich sehen will, hat dazu noch bis Ende Januar Zeit. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr, aber wie ein wirklicher elektrifizierter Barock ausgesehen hätte, werden wir natürlich nie erfahren.

Bunker in Zaspa

An der Ecke der großen Straßen Aleja Rzeczypospolitej (Allee der Republik) und Aleja Jana Pawła II. (Johannes-Paul-II.-Allee) im Gdańsker Stadtteil Zaspa steht eine Gruppe von sechs neuen grauen Wohnhochhäusern. Auf dem ersten von ihnen verkündet das blaue Logo von inpro, von welchen der großen Developer der Trójmiasto sie errichtet wurden. Daß sie sich City Park nennen und zwischen 2012 und 2015 entstanden, muß man nicht unbedingt wissen.

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Es sind elfgeschossige kurze Gebäude mit grauem Putz und versetzt angeordneten Fensteröffnungen, die manchmal die Ecken umlaufen. Die Treppenhäuser haben vertikale Fenster und dunkelgraue Steinverkleidung. Damit das nicht so langweilig wirkt, ragen aus diesen Baukörpern viele kleine und große Balkone hervor und sind teils mit silbergrauer Verkleidung rahmenartig zusammengefaßt. Als kleiner Farbakzent sind drei übereinanderliegende Balkone im siebten, achten und neunten Geschoß einmal gelb, einmal rot und einmal grün verkleidet. Die Farben sind jedoch so blaß, daß man sie leicht übersehen kann und ohnedies nur bei den vorderen drei Gebäuden, die man von der Straßenecke sieht, vorhanden. Diese drei Gebäude sind nebeneinander aufgereiht, ein weiteres bildet an der Rzeczypospolitej den Abschluß und die letzten beiden stehen aufgereiht gegenüber den ersten drei, aber versetzt.

Typische Architektur mithin, aktuellen Moden entsprechend, keines zweiten Blickes würdig. Doch die Gebäude sitzen auf einem verbindenden zweigeschossigen Sockelbau, der öffnungslos ist und eine Verkleidung aus rauhem grauen Stein hat. Um diese kahle Fläche etwas zu strukturieren, sind die horizontalen Verkleidungsplatten unterschiedlich groß und auf ihnen teils schmale Streifen aus glattem schwarzen Stein angeheftet.

Hinauf auf den Sockel führen tief eingeschnittene Treppen und steile schräge Rasenflächen, die teils als Beete gestaltet sind.

Das nun ist vielversprechend. Das Grün kontrastiert angenehm mit dem Grau und die Treppen laden nach oben ein. Dort, zwei Geschosse über dem Erdboden, scheint auch erst einmal alles in Ordnung: vor den Gebäuden private Gärten und in der Mitte Grünflächen mit Wiesen, Beeten und Bänken.

Doch das ist auch schon alles. Es folgt kein großer Grünbereich zwischen den sechs Gebäuden, sondern nur eine nächste Treppe hinab. In der Mitte zwischen den Gebäuden ist: eine Straße. Auch zu ihr zeigen von beiden Seiten das schroffe Grau oder das schräge Grün der Sockel, dazu Eingänge in die Gebäude und Einfahrten in die Garagenanlagen.

Das Problem ist hier also weniger ein rein architektonisches als ein städtebauliches. Die Gebäude sind für sich genommen zwar langweilig, aber nicht weiter schlimm, während die Gestaltung des Raums zwischen ihnen geradezu pervers ist. Wo ein öffentlicher Ort, ein Herz dieser Wohnanlage, sein könnte, ist eine Straße, die noch dazu breit ist, obwohl sie nirgendwohin führt, und Parkplätze hat, obwohl es die Garagen gibt.

Das Schlimme ist, wie einfach es hier wäre, einen gelungenen, menschenwürdigen Raum zu schaffen. Es würde genügen, die beiden Sockel zu einem einzigen mit einer größeren Garage zu machen und die vier winzigen Grünflächen auf ihnen zu einer einzigen größeren zusammenzufassen, wie das in den Siebzigern etwa im Wiener Alterlaa geschah. Wenn das zu aufwendig sein sollte, könnten wenigstens Brücken über die Erschließungsstraße geführt werden, wie das in den Sechzigern etwa im Malmöer Kroksbäck geschah. Aber die inpro-Architektur schafft nicht nur keine guten Räume, sie bemüht sich aktiv, ihre Entstehung zu verhindern. Es soll hier keine Orte der Begegnung geben, nein, es sollen alle in die Enge und Privatheit ihrer Wohnungen gedrängt werden.

Das zeigt sich auch darin, wie die Wohnanlage mit ihrer Umgebung interagiert. Zur Straßenecke hin sind die Sockel besonders abweisend, obwohl es hier winzige Läden gibt, und zur dort gelegenen Straßenbahnhaltestelle gibt es statt eines Wegs eine Brachfläche, in der auf einem großen Billboard das neueste Projekt von inpro beworben wird. Auf der anderen Seite liegt der Park, der sich zur Straßenbahnstation Zaspa und damit nach Przymorze erstreckt. Die schräg hinaufführenden Wiesen des Sockels sind ein Bezug zum Grün des Parks, der lobenswert wäre, wenn er denn nicht bloß optisch bliebe: zwischen Wohnanlage und Park verläuft ein Zaun.

Hier merkt man dann, daß die schrägen Wiesen im Grau nicht einladend, sondern abweisend sind. Es sind die Wiesen auf Festungsanlagen oder Bunkern. Der Sockel, der etwas Gutes sein könnte, ist ein Wall, mit dem sich die teuren Wohnhäuser vor ihrer Umgebung schützen. Fehlen allein die Schießscharten für die Maschinengewehre und der Stacheldraht.

Diese Bunker von Zaspa sind ein gutes Symbol für die gegenwärtige kapitalistische Architektur: sogar dort, wo sie ausnahmsweise fortschrittliche Elemente aufgreift, wendet sie sie gegen den Fortschritt.

Selbstverständlich wirken Zäune und Bunker immer in beide Richtungen, da sie die einen nicht hineinlassen und die anderen nicht hinaus. So kann man in der Wohnanlage eine Treppe hinabgehen und vor sich den Weg in den Park versperrt sehen.

Beim Spielplatz gibt es wenigstens ein Tor, so daß die Kinder vielleicht manchmal Exkursionen in das Land der Anderen unternehmen können. Gerade für die Kinder ist diese Bunkerarchitektur eine Art Drill in Klassengesellschaft, die auch nötig ist, da vierzig Jahre Sozialismus sie in Polen doch arg zerrüttet hatten.

Dennoch ist diese nicht die schlimmste der gegenwärtigen Architektur, denn wenn diese Bunker einst gestürmt sind, wird man sie immerhin leicht zu etwas Besserem umgestalten können. Vielleicht ist das schon das Beste, was sich heute von Architektur erwarten läßt.

Hussiten am Meer

Jan Hus wäre im heutigen katholischen Polen wenig beliebt, wenn dort denn irgendjemand wüßte, wer Jan Hus war. Noch weniger beliebt wären die Hussiten, die die Ideen des großen tschechischen Reformators in Tschechien durchsetzten und mit Wagenburg, Pistole und Haubitze in die umliegenden katholischen Gegenden hinaustrugen. Bei einem dieser Beutezüge kamen sie im Jahre 1433 bis an die Ostsee und zwar etwas nördlich von Gdańsk. Da Obskurität vor Zensur schützt, gibt es hier noch immer zwei Straßen, die nach Jan Hus

und den Hussiten benannt sind.

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Die Ulica Jana Husa (Jan-Hus-Straße) ist eine stille Straße durch eine Gegend mit unauffällig historisierenden Gebäuden aus den Zwanzigern. Sie führt nicht genau, aber ungefähr auf das Kloster Oliwa zu, das die Hussiten vor ihrem Besuch am Meer niedergebrannt hatten.

Die Ulica Husytów (Hussitenstraße) ist heute nur noch ein Straßenschild im Niemandsland bei einem desolaten Bolzplatz und der neuen Veranstaltungshalle Ergo Arena.

Im nahen Wohngebiet Żabianka heißt sie schon anders, so daß niemand in ihr wohnen kann, und auch der bewachte Parkplatz, der an ihr liegt, wird nicht mehr benutzt. Ihre Fortsetzung in die andere Richtung ist hinter dem Bolzplatz von Kleingartenanlagen versperrt, doch gäbe es sie, führte sie genau auf der Grenze zwischen Gdańsk und Sopot geradewegs aufs Meer zu, wo ein weißes Hotelhochhaus aufragt.

Das kann kaum Zufall sein und so muß man annehmen, daß die Hussiten auf diesem Weg zu diesem Teil des Ostseestrands gelangten.

Sehr viel also blieb in Gdańsk nicht von den Hussiten. Während die Husytów, früher Hussitenweg, wohl eine alte Flurbezeichnung ist, in der die Erinnerung an das Jahr 1433 fortlebte, handelt es sich bei der weit prominenter gelegenen Jana Husa, früher Hardenbergstraße, einen hübschen Ausdruck der polnisch-tschechoslowakischen Freundschaft. Als nach dem Krieg ein Komitee der jungen Volksrepublik Polen (PRL) neue Straßennamen auszuwählen hatte, entschied es sich hier für einen kleinen Gruß an die wichtigste und fortschrittlichste Episode der frühen tschechischen Geschichte,

Verdient hätten die Hussiten weit mehr, größere Straßen, Wanderwege, die ihre Bewegungen durch die Region nacherlebbar machen, Informationstafeln, Denkmäler. Letztere müßten dann auch erwähnen, daß es der katholische polnische König war, der die tschechischen Ketzer zur Unterstützung gegen den katholischen Deutschen Orden angeheuert hatte, und damit dem vorherrschenden nationalistischen Mythus vom christlichen Polen widersprechen.

Ein Tor nach Wrzeszcz

Die neueren Bereiche des Gdańsker Stadtteils Wrzeszcz beginnen kurz hinter der Bahnstrecke mit der Aleja Hallera (Haller-Allee), die dann lang und weitgehend gerade bis ans Meer in Brzeżno führt. Gleich bei ihrem Anfang gibt es eine leicht zu übersehende architektonische Torsituation.

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Links steht ein konkav geschwungenes viergeschossiges Wohngebäude. Es ist wie ein schnörkelloses weißes Kreissegment hinter einem kleinen Grünbereich zwischen der Hallera und der abzweigenden Wyspianskiego (Wyspianski-Straße). Einziger Schmuck sind die backsteinernen Umrandungen der beiden Eingänge. Die Ecken sind betont durch Läden im Erdgeschoß, über denen schmale Simse verlaufen, und dadurch, daß an den Breitseiten erst wieder im obersten Geschoß Fenster sind, was deren sonst regelmäßige Abfolge unterbricht.

Rechts steht ein ebenfalls viergeschossiges und schlichtes Gebäude, das die Linie des anderen jenseits der Straße gerade fortsetzt.

Um die beiden Ecken der Vorderseite laufen im zweiten Geschoß vorgesetzte Gitterbalkone und in der zur Straße zeigenden Ecke ist vorne ein etwas niedrigeres fünftes Geschoß. Das könnte wie ein konventionell schmückender Turm wirken, wenn es nicht ein wie natürlich aus dem Gebäude wachsender Kubus mit schmalen horizontalen Fenstern, die fast bandartig um die Ecke führen, wäre. Auch bei diesem Gebäude sind an den Rändern fensterlose Putzflächen.

Hier aber ist die linke Fläche unter der erhöhten Ecke mit einem Relief geschmückt.

Es zeigt eine links sitzende ältere Frau, der eine rechts stehende jüngere Frau ein Baby in den Arm legt. Die erste hat die Arme ausgebreitet, die zweite hat den Körper schon etwas zu ihr hingebeugt.

Die einfache Szene in einfachen realistischen Formen wird erst durch die verwandte Relieftechnik besonders: das Relief besteht nur aus schwarzen Linien im roten Backstein, der aber nur bei den Umrissen der Figuren unverputzt gelassen ist. Durch das Kunstwerk blickt man in die Konstruktion des Gebäudes hinein. Nur mit den Linien im Backstein wird zudem ein sehr plastischer Effekt erreicht und sogar, wen man direkt vorm Gebäude stehend hinaufblickt, ist alles deutlich und gleichsam nah zu erkennen.

Vielleicht liegt es an der komplizierten polnisch-deutschen jüngeren Geschichte von Gdańsk, daß man bei den Gebäuden wie bei dem Kunstwerk erst schwer zu sagen weiß, von wann sie sind. Fortschrittliche Zwischenkriegszeit? Davon gab es in der damaligen Freien Stadt Danzig wenig und wenn doch, dann in lokalem roten Backstein statt in internationalem weißen Putz. Erstes Polnisches direkt nach dem Krieg? Dergleichen ungebrochene Fortsetzung der Zwischenkriegsarchitektur gab es in der weitgehend unzerstörten und reichen Tschechoslowakei, aber im zerstörten, ohnedies armen und von den Deutschen völlig ausgeplünderten Polen ist sie schwer vorstellbar. Schon in die Fünfziger wollen die Gebäude dann nicht mehr passen.

Unzweifelhaft ist nur, daß es eine selbstbewußte Architektur ist, die hier sehr bestimmt einen neuen Eingang, ein Tor, nach Wrzeszcz schafft. Hinter dem linken Gebäude ragt noch der Backsteingiebel eines wilhelminischen Schulklotzes auf, doch jede monumentale Wirkung ist ihm geraubt.

Hinter dem rechten Gebäude folgt auf das neue Tor ein neuer Stadtraum: entlang der Hallera ein langer Parkstreifen, der sich von der Straße weg leicht verbreitert, und neben diesem ein ebensolanges dreigeschossiges Wohngebäude, das kaum merklich geschwungen von der Straße weg verläuft.

Mit seinen backsteinumrandeten Eingängen, großen vertikalen und kleineren horizontalen Fenstern und einfachen weißen Formen setzt es fort, was zuvor begonnen war.

Ein Durchgang in der Mitte führt zu Straßen mit satteldächigen Reihenhäusern. Diese sind schon eindeutig aus der Zwischenkriegszeit und dasselbe gilt auch für das Torensemble am Eingang nach Wrzeszcz. Es entstand um 1930, das rechte Gebäude war Schwesternwohnheim für das nahe Krankenhaus, worauf auch das Kunstwerk von Bruno Paetsch bezug nimmt. Obwohl weitergehende Planungen entlang der Aleja Hallera, die damals Ostseestraße hieß, nie realisiert wurden, ist es doch das fortschrittlichste städtebauliche Erbe der kurzlebigen Freien Stadt Danzig.