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Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.

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Zwei Winter in Oliwa oder Elektrifizierter Barock

Was hätte der Barock gemacht, wenn er Elektrizität gehabt hätte? Wie wäre es gewesen, wenn er mit elektrischem statt bloß mit natürlichem Licht hätte arbeiten können? Vielleicht ein wenig so, wie man es im Dezember 2016 und Januar 2017 im Park Oliwski (Oliwaer Park) in Gdańsk betrachten konnte.

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Beidseits der zentralen Allee des Parks bilden hohe zurechtgeschnittene Bäume so etwas wie Wände und diese wurden in jenem Winter über und über mit Lichtern bedeckt. Die Wände der Allee, die im Sommer grün sind, leuchteten in Winternächten. Die architektonisch genutzte Natur des Parks wurde mit Licht nachgeformt, unzählige kleine Leuchten ersetzten das Laub. Es war ein eigentümliches Erlebnis so zwischen enormen leuchtenden und blinkenden Wänden zu gehen, nicht nur angenehm, aber gewiß sehr barock. Leuchtende Blätter, das wäre der Traum eines jeden Gartenarchitekten des Barock gewesen.

Leider knüpfte die weitere Lichtgestaltung letztes Jahr nicht daran an. Schon die hohe schmale Allee war nur zur Hälfte derart erleuchtet und dort, wo sich ihre Achse als langes Wasserbassin fortsetzt, war das Licht schon fern. Dabei erstrecken sich beidseits des Bassins zwei andere Alleen, die mit oben aneinandertreffenden verwachsenen Bäumen im Sommer grüne Gänge bilden. Auch ohne Blätter, vielleicht noch schneebedeckt, sind diese einerseits so in eine menschengewollte Form gepreßten und andererseits so zufällig wachsenden Bäume faszinierend und barock. Wie sie beleuchtet aussähen, kann man nicht wissen, da nur ein zu kleiner Teil des Parks feinfühlig nachgezeichnet wurde

Ansonsten fehlt letztes Jahr für den Barock, ob nun seine Architektur oder seine Parks, jedes Gespür, wie der Vorbereich des Pałac Opatów (Äbtepalast), auf den die Allee schräg zuführt. zeigte.

Statt die großen runden Büsche einzubeziehen, wurden dazwischen eigenartige leuchtende Schmetterlingsformen gesetzt. Statt die beiden Skulpturen einzubeziehen, wurde aus Leuchtschnüren eine entfernt menschenähnliche Monstrosität mit Schirm gebaut. Statt die Wasserflächen einzubeziehen, wurde die schlechte leuchtende Imitation eines Springbrunnens aufgebaut. Und als ob das noch nicht genug des Kitschs wäre, wurde auch auf den Palast selbst ein florales Muster projiziert, was den zurückhaltenden, nur in den Kapitellen rokokohaft verspielten Barockbau zur Leinwand herabwürdigte.

In diesem Jahr nun ließ die Lichtgestaltung vom Palast ab, was gut ist, und wendete sich dem Wasser zu. Auf dem langen geraden Wasserbassin sind diesmal stilisierte Schiffe aus Lichtern. Sie stehe versetzt einmal links und einmal rechts am Rand, so daß man von den Ende des Bassins über eine ganze leuchtende Flotte blickt. Das ist nicht schlecht, sogar hübsch, da es in der leeren Fläche des Wassers eine geeignete Leinwand oder Bühne findet. Nicht so, aber so ähnlich hätte es vielleicht ein elektrifizierter Barock gemacht. In die aus Bäumen gebildeten Tunnel beidseits des Wassers fällt das Licht der Schiffe, gibt den Stämmen lange Schatten und betont manchmal einige der verschlungenen Formen der Äste.

Das Herzstück der Lichter im Park Oliwski, die leuchtende Allee, scheint von weitem unverändert, ist es aber nicht. Einwände der Denkmalschutzbehörde verbaten in diesem Jahr das Anbringen der Lichter an den Bäumen. Statt nun die Rücksichtslosigkeit zu haben, das zu ignorieren, oder den Anstand, auf diesen Teil der Beleuchtung zu verzichten – beides Haltungen, die man respektieren könnte – wurde in die Allee ein stählernes Gerüst gebaut, an dem die Lampen hängen.

Das Ergebnis ist eine bösartige Karikatur der eigentümlichen Schönheit des Vorjahrs. Statt zwischen Bäumen mit leuchtenden Blättern geht man durch eine Baustelle. Um das Gerüst mit Stahlseilen zu halten, wurden jenseits der Alleebäume Betonklötze aufgestellt und die dort verlaufenden Wege großflächig mit niedrigen Gittern abgesperrt, auf die wie zum Hohn Tannenzweige und rote Schleifen geklebt wurden.

Wenn letztes Jahr wenigstens in Ansätzen das Thema „Elektrifizierter Barock“ zu erkennen war, dann ist es diesmal offenbar „Weihnachtsbaustelle“, was eine Beleidigung für Weihnachten und erst recht für Baustellen ist. Man weiß nicht ganz, was man davon halten soll, daß dieses Thema zumindest konsequent durchgehalten wurde. Die tannenzweiggeschmückten Absperrzäune wurden auch auf dem Vorplatz des Palasts

und an den Enden des Wasserbassins aufgestellt, dort wohl, damit niemand beim Selfiemachen ins schienbeinhohe Wasser falle.

Als kleiner Akzent wurden sogar einige in den Weg ragende Äste der Alleen neben dem Bassin mit rot-weißem Absperrband umwickelt.

Wer das wirklich sehen will, hat dazu noch bis Ende Januar Zeit. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr, aber wie ein wirklicher elektrifizierter Barock ausgesehen hätte, werden wir natürlich nie erfahren.

Bunker in Zaspa

An der Ecke der großen Straßen Aleja Rzeczypospolitej (Allee der Republik) und Aleja Jana Pawła II. (Johannes-Paul-II.-Allee) im Gdańsker Stadtteil Zaspa steht eine Gruppe von sechs neuen grauen Wohnhochhäusern. Auf dem ersten von ihnen verkündet das blaue Logo von inpro, von welchen der großen Developer der Trójmiasto sie errichtet wurden. Daß sie sich City Park nennen und zwischen 2012 und 2015 entstanden, muß man nicht unbedingt wissen.

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Es sind elfgeschossige kurze Gebäude mit grauem Putz und versetzt angeordneten Fensteröffnungen, die manchmal die Ecken umlaufen. Die Treppenhäuser haben vertikale Fenster und dunkelgraue Steinverkleidung. Damit das nicht so langweilig wirkt, ragen aus diesen Baukörpern viele kleine und große Balkone hervor und sind teils mit silbergrauer Verkleidung rahmenartig zusammengefaßt. Als kleiner Farbakzent sind drei übereinanderliegende Balkone im siebten, achten und neunten Geschoß einmal gelb, einmal rot und einmal grün verkleidet. Die Farben sind jedoch so blaß, daß man sie leicht übersehen kann und ohnedies nur bei den vorderen drei Gebäuden, die man von der Straßenecke sieht, vorhanden. Diese drei Gebäude sind nebeneinander aufgereiht, ein weiteres bildet an der Rzeczypospolitej den Abschluß und die letzten beiden stehen aufgereiht gegenüber den ersten drei, aber versetzt.

Typische Architektur mithin, aktuellen Moden entsprechend, keines zweiten Blickes würdig. Doch die Gebäude sitzen auf einem verbindenden zweigeschossigen Sockelbau, der öffnungslos ist und eine Verkleidung aus rauhem grauen Stein hat. Um diese kahle Fläche etwas zu strukturieren, sind die horizontalen Verkleidungsplatten unterschiedlich groß und auf ihnen teils schmale Streifen aus glattem schwarzen Stein angeheftet.

Hinauf auf den Sockel führen tief eingeschnittene Treppen und steile schräge Rasenflächen, die teils als Beete gestaltet sind.

Das nun ist vielversprechend. Das Grün kontrastiert angenehm mit dem Grau und die Treppen laden nach oben ein. Dort, zwei Geschosse über dem Erdboden, scheint auch erst einmal alles in Ordnung: vor den Gebäuden private Gärten und in der Mitte Grünflächen mit Wiesen, Beeten und Bänken.

Doch das ist auch schon alles. Es folgt kein großer Grünbereich zwischen den sechs Gebäuden, sondern nur eine nächste Treppe hinab. In der Mitte zwischen den Gebäuden ist: eine Straße. Auch zu ihr zeigen von beiden Seiten das schroffe Grau oder das schräge Grün der Sockel, dazu Eingänge in die Gebäude und Einfahrten in die Garagenanlagen.

Das Problem ist hier also weniger ein rein architektonisches als ein städtebauliches. Die Gebäude sind für sich genommen zwar langweilig, aber nicht weiter schlimm, während die Gestaltung des Raums zwischen ihnen geradezu pervers ist. Wo ein öffentlicher Ort, ein Herz dieser Wohnanlage, sein könnte, ist eine Straße, die noch dazu breit ist, obwohl sie nirgendwohin führt, und Parkplätze hat, obwohl es die Garagen gibt.

Das Schlimme ist, wie einfach es hier wäre, einen gelungenen, menschenwürdigen Raum zu schaffen. Es würde genügen, die beiden Sockel zu einem einzigen mit einer größeren Garage zu machen und die vier winzigen Grünflächen auf ihnen zu einer einzigen größeren zusammenzufassen, wie das in den Siebzigern etwa im Wiener Alterlaa geschah. Wenn das zu aufwendig sein sollte, könnten wenigstens Brücken über die Erschließungsstraße geführt werden, wie das in den Sechzigern etwa im Malmöer Kroksbäck geschah. Aber die inpro-Architektur schafft nicht nur keine guten Räume, sie bemüht sich aktiv, ihre Entstehung zu verhindern. Es soll hier keine Orte der Begegnung geben, nein, es sollen alle in die Enge und Privatheit ihrer Wohnungen gedrängt werden.

Das zeigt sich auch darin, wie die Wohnanlage mit ihrer Umgebung interagiert. Zur Straßenecke hin sind die Sockel besonders abweisend, obwohl es hier winzige Läden gibt, und zur dort gelegenen Straßenbahnhaltestelle gibt es statt eines Wegs eine Brachfläche, in der auf einem großen Billboard das neueste Projekt von inpro beworben wird. Auf der anderen Seite liegt der Park, der sich zur Straßenbahnstation Zaspa und damit nach Przymorze erstreckt. Die schräg hinaufführenden Wiesen des Sockels sind ein Bezug zum Grün des Parks, der lobenswert wäre, wenn er denn nicht bloß optisch bliebe: zwischen Wohnanlage und Park verläuft ein Zaun.

Hier merkt man dann, daß die schrägen Wiesen im Grau nicht einladend, sondern abweisend sind. Es sind die Wiesen auf Festungsanlagen oder Bunkern. Der Sockel, der etwas Gutes sein könnte, ist ein Wall, mit dem sich die teuren Wohnhäuser vor ihrer Umgebung schützen. Fehlen allein die Schießscharten für die Maschinengewehre und der Stacheldraht.

Diese Bunker von Zaspa sind ein gutes Symbol für die gegenwärtige kapitalistische Architektur: sogar dort, wo sie ausnahmsweise fortschrittliche Elemente aufgreift, wendet sie sie gegen den Fortschritt.

Selbstverständlich wirken Zäune und Bunker immer in beide Richtungen, da sie die einen nicht hineinlassen und die anderen nicht hinaus. So kann man in der Wohnanlage eine Treppe hinabgehen und vor sich den Weg in den Park versperrt sehen.

Beim Spielplatz gibt es wenigstens ein Tor, so daß die Kinder vielleicht manchmal Exkursionen in das Land der Anderen unternehmen können. Gerade für die Kinder ist diese Bunkerarchitektur eine Art Drill in Klassengesellschaft, die auch nötig ist, da vierzig Jahre Sozialismus sie in Polen doch arg zerrüttet hatten.

Dennoch ist diese nicht die schlimmste der gegenwärtigen Architektur, denn wenn diese Bunker einst gestürmt sind, wird man sie immerhin leicht zu etwas Besserem umgestalten können. Vielleicht ist das schon das Beste, was sich heute von Architektur erwarten läßt.

Hussiten am Meer

Jan Hus wäre im heutigen katholischen Polen wenig beliebt, wenn dort denn irgendjemand wüßte, wer Jan Hus war. Noch weniger beliebt wären die Hussiten, die die Ideen des großen tschechischen Reformators in Tschechien durchsetzten und mit Wagenburg, Pistole und Haubitze in die umliegenden katholischen Gegenden hinaustrugen. Bei einem dieser Beutezüge kamen sie im Jahre 1433 bis an die Ostsee und zwar etwas nördlich von Gdańsk. Da Obskurität vor Zensur schützt, gibt es hier noch immer zwei Straßen, die nach Jan Hus

und den Hussiten benannt sind.

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Die Ulica Jana Husa (Jan-Hus-Straße) ist eine stille Straße durch eine Gegend mit unauffällig historisierenden Gebäuden aus den Zwanzigern. Sie führt nicht genau, aber ungefähr auf das Kloster Oliwa zu, das die Hussiten vor ihrem Besuch am Meer niedergebrannt hatten.

Die Ulica Husytów (Hussitenstraße) ist heute nur noch ein Straßenschild im Niemandsland bei einem desolaten Bolzplatz und der neuen Veranstaltungshalle Ergo Arena.

Im nahen Wohngebiet Żabianka heißt sie schon anders, so daß niemand in ihr wohnen kann, und auch der bewachte Parkplatz, der an ihr liegt, wird nicht mehr benutzt. Ihre Fortsetzung in die andere Richtung ist hinter dem Bolzplatz von Kleingartenanlagen versperrt, doch gäbe es sie, führte sie genau auf der Grenze zwischen Gdańsk und Sopot geradewegs aufs Meer zu, wo ein weißes Hotelhochhaus aufragt.

Das kann kaum Zufall sein und so muß man annehmen, daß die Hussiten auf diesem Weg zu diesem Teil des Ostseestrands gelangten.

Sehr viel also blieb in Gdańsk nicht von den Hussiten. Während die Husytów, früher Hussitenweg, wohl eine alte Flurbezeichnung ist, in der die Erinnerung an das Jahr 1433 fortlebte, handelt es sich bei der weit prominenter gelegenen Jana Husa, früher Hardenbergstraße, einen hübschen Ausdruck der polnisch-tschechoslowakischen Freundschaft. Als nach dem Krieg ein Komitee der jungen Volksrepublik Polen (PRL) neue Straßennamen auszuwählen hatte, entschied es sich hier für einen kleinen Gruß an die wichtigste und fortschrittlichste Episode der frühen tschechischen Geschichte,

Verdient hätten die Hussiten weit mehr, größere Straßen, Wanderwege, die ihre Bewegungen durch die Region nacherlebbar machen, Informationstafeln, Denkmäler. Letztere müßten dann auch erwähnen, daß es der katholische polnische König war, der die tschechischen Ketzer zur Unterstützung gegen den katholischen Deutschen Orden angeheuert hatte, und damit dem vorherrschenden nationalistischen Mythus vom christlichen Polen widersprechen.

Ein Tor nach Wrzeszcz

Die neueren Bereiche des Gdańsker Stadtteils Wrzeszcz beginnen kurz hinter der Bahnstrecke mit der Aleja Hallera (Haller-Allee), die dann lang und weitgehend gerade bis ans Meer in Brzeżno führt. Gleich bei ihrem Anfang gibt es eine leicht zu übersehende architektonische Torsituation.

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Links steht ein konkav geschwungenes viergeschossiges Wohngebäude. Es ist wie ein schnörkelloses weißes Kreissegment hinter einem kleinen Grünbereich zwischen der Hallera und der abzweigenden Wyspianskiego (Wyspianski-Straße). Einziger Schmuck sind die backsteinernen Umrandungen der beiden Eingänge. Die Ecken sind betont durch Läden im Erdgeschoß, über denen schmale Simse verlaufen, und dadurch, daß an den Breitseiten erst wieder im obersten Geschoß Fenster sind, was deren sonst regelmäßige Abfolge unterbricht.

Rechts steht ein ebenfalls viergeschossiges und schlichtes Gebäude, das die Linie des anderen jenseits der Straße gerade fortsetzt.

Um die beiden Ecken der Vorderseite laufen im zweiten Geschoß vorgesetzte Gitterbalkone und in der zur Straße zeigenden Ecke ist vorne ein etwas niedrigeres fünftes Geschoß. Das könnte wie ein konventionell schmückender Turm wirken, wenn es nicht ein wie natürlich aus dem Gebäude wachsender Kubus mit schmalen horizontalen Fenstern, die fast bandartig um die Ecke führen, wäre. Auch bei diesem Gebäude sind an den Rändern fensterlose Putzflächen.

Hier aber ist die linke Fläche unter der erhöhten Ecke mit einem Relief geschmückt.

Es zeigt eine links sitzende ältere Frau, der eine rechts stehende jüngere Frau ein Baby in den Arm legt. Die erste hat die Arme ausgebreitet, die zweite hat den Körper schon etwas zu ihr hingebeugt.

Die einfache Szene in einfachen realistischen Formen wird erst durch die verwandte Relieftechnik besonders: das Relief besteht nur aus schwarzen Linien im roten Backstein, der aber nur bei den Umrissen der Figuren unverputzt gelassen ist. Durch das Kunstwerk blickt man in die Konstruktion des Gebäudes hinein. Nur mit den Linien im Backstein wird zudem ein sehr plastischer Effekt erreicht und sogar, wen man direkt vorm Gebäude stehend hinaufblickt, ist alles deutlich und gleichsam nah zu erkennen.

Vielleicht liegt es an der komplizierten polnisch-deutschen jüngeren Geschichte von Gdańsk, daß man bei den Gebäuden wie bei dem Kunstwerk erst schwer zu sagen weiß, von wann sie sind. Fortschrittliche Zwischenkriegszeit? Davon gab es in der damaligen Freien Stadt Danzig wenig und wenn doch, dann in lokalem roten Backstein statt in internationalem weißen Putz. Erstes Polnisches direkt nach dem Krieg? Dergleichen ungebrochene Fortsetzung der Zwischenkriegsarchitektur gab es in der weitgehend unzerstörten und reichen Tschechoslowakei, aber im zerstörten, ohnedies armen und von den Deutschen völlig ausgeplünderten Polen ist sie schwer vorstellbar. Schon in die Fünfziger wollen die Gebäude dann nicht mehr passen.

Unzweifelhaft ist nur, daß es eine selbstbewußte Architektur ist, die hier sehr bestimmt einen neuen Eingang, ein Tor, nach Wrzeszcz schafft. Hinter dem linken Gebäude ragt noch der Backsteingiebel eines wilhelminischen Schulklotzes auf, doch jede monumentale Wirkung ist ihm geraubt.

Hinter dem rechten Gebäude folgt auf das neue Tor ein neuer Stadtraum: entlang der Hallera ein langer Parkstreifen, der sich von der Straße weg leicht verbreitert, und neben diesem ein ebensolanges dreigeschossiges Wohngebäude, das kaum merklich geschwungen von der Straße weg verläuft.

Mit seinen backsteinumrandeten Eingängen, großen vertikalen und kleineren horizontalen Fenstern und einfachen weißen Formen setzt es fort, was zuvor begonnen war.

Ein Durchgang in der Mitte führt zu Straßen mit satteldächigen Reihenhäusern. Diese sind schon eindeutig aus der Zwischenkriegszeit und dasselbe gilt auch für das Torensemble am Eingang nach Wrzeszcz. Es entstand um 1930, das rechte Gebäude war Schwesternwohnheim für das nahe Krankenhaus, worauf auch das Kunstwerk von Bruno Paetsch bezug nimmt. Obwohl weitergehende Planungen entlang der Aleja Hallera, die damals Ostseestraße hieß, nie realisiert wurden, ist es doch das fortschrittlichste städtebauliche Erbe der kurzlebigen Freien Stadt Danzig.

Fischerhäuser in Jelitkowo

Jedem sei verziehen, wenn er beim Gdańsker Stadtteil Jelitkowo zuerst an den Strand und den Park denkt. Das ist das heutige Jelitkowo eben. Aber direkt neben dem Park und nur eine Reihe hinter dem Strand verläuft ein stilles Sträßchen, in dem man noch Spuren eines anderen Jelitkowo findet. Dort stehen noch einige Fischerhäuser.

Es sind langgestreckte Reihenhäuser mit einem sehr niedrigen, teils in den Boden versenkten Erdgeschoß und einem umso höheren Satteldach. Die individuellen Häuser mögen nicht einmal sehr alt sein, aus dem späten 19. oder sogar frühen 20. Jahrhundert, doch es ist offenkundig, daß es sich hier um einen einfachen volkstümlichen Gebäudetyp handelt, der auch hunderte Jahre zuvor nicht anders ausgesehen hätte. Diese übriggebliebenen Fischerhäuser erzählen davon, wie die Menschen in Jelitkowo vor gar nicht langer Zeit lebten. Sie waren arme Fischer, die nah am Meer und vom Meer lebten. Ihre Häuser vergraben sich fast, um den Elementen weniger Angriffsfläche zu geben.  Die hohen Dächer dienten, wie die Klappen an den Giebelseiten andeuten, wohl als Lagerräume.

Die Straße zeigt zugleich eine Veränderung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor sich ging. Denn der Großteil der übrigen Bebauung besteht aus freistehenden kaiserzeitlichen Mietshäusern, die für sich genommen bloß klein, aber im Vergleich zu den Fischerhäuern riesig sind. Sie erzählen davon, wie sich Jelitkowo vor gar nicht so kurzer Zeit vom Fischerdorf zum Ausflugsort wandelte. Schon vor über hundert Jahren begann Jelitkowo das zu sein, was es heute ist. Die neuen Häuser wurden gebaut, der Park angelegt. Auch die Straßenbahn, die seit 1908 und noch heute nach Jelitkowo fährt, gehört zu dieser touristischen Infrastruktur, da es erst so möglich wurde, daß nicht nur einzelne Privilegierte, sondern die Masse der städtischen Bevölkerung ans Meer fahren konnte.

Anders als die Fischerhäuser boten die neuen Häuser eine Aussicht auf Strand und Meer. Den Fischern wäre es, auch wenn sie die ökonomischen Möglichkeiten dazu gehabt hätte, anders zu bauen, wohl nie eingefallen, darauf wert zu legen, hatten sie doch mit dem Meer bei ihrer Arbeit mehr als genug zu tun. So wurde auch der Strand in gewisser Weise erst damals erfunden.

Österreichische Tage

In Gdańsk sind gerade Dni Austrii (Östtereichtage) und warum auch nicht, schließlich hat diese Stadt an der Ostsee keinerlei Bezüge zu Österreich und hatte auch in ihrer Geschichte, als sie noch Danzig hieß, keine.

Teil dieser Tage, die am 26.9.2017 begannen und einen Monat dauern, ist eine Ausstellung mit dem originellen Titel Dialog. Sie besteht aus einigen großformatigen Plakaten am Zaun des Park Oliwski (Oliwaer Parks) an der großen Straße Opata Jacka Rybińskiego. Außer reproduzierten Werken vierer Künstler, drei aus Gdańsk, eine aus Österreich, sind darauf auch jeweils deren Namen und die Logos der Veranstalter abgebildet.

Vom Straßenbahnwendekreis Oliwa aus gesehen passiert man zuerst die Arbeiten von Noemi Staniszewska, Photographien von gläsernen Fassaden und den Lichtspiegelungen darin. Das ist harmlos dekorativ und auch schon der Höhepunkt der Ausstelllung. Es folgen zwei billige Computergraphiken von Cezary Paszkowski, zu denen es mehr nicht zu sagen gibt. Dann Bilder von Adriana Majdzińska, die das schwarze Geäst von Bäumen oder auch einer Menora zeigen. Natur und Juden geht immer, wird die Künstlerin zurecht gedacht haben und damit ist dieser handwerklichste Beitrag wohl auch der kommerziell verwertbarste. Den Abschluß bilden verpixelte Collagen von Daniela Litto, die bunt genug sind, um an einer großen Wand in einer teuren Altbauwohnung einen Farbakzent zu setzen und sonst wenig.

Kurz vor dem nächsten Eingang zum Park kann man noch Kurzbiographien der Künstler und Beschreibungen dessen, was ihr Schaffen ausmacht, lesen. Aus ersteren entnimmt man erschreckt, daß die Computergraphiken von einem beinahe siebzigjährigen Professor stammen, dank zweiteren würde man sich wünschen, kein Polnisch zu verstehen, wenn man nicht wüßte, daß diese leeren Worte über leere Kunst in jeder Sprache ähnlich lachhaft klängen.

Am interessantesten jedoch ist vielleicht der Ort der Ausstellung. Er scheint so gewählt, daß sie möglichst wenige Besucher auf möglichst unangenehme Art erleben können.

Der Park mit seinem Palast ist zwar ist einer der beliebtesten und schönsten Orte der Stadt, aber der ist jenseits des Zauns. Wollte man einen Bezug zwischen den Werken und ihrer Umgebung suchen, so fände man ihn zwischen den Bildern von Majdzińska und den aus verschlungenen Zweigen gebildeten Gängen des Parks. Man könnte über Inspiration, den Zusammenhang zwischen Kunst und Natur, was auch immer nachdenken, aber das erübrigt sich, weil man sie niemals zusammen sehen kann.

Draußen, direkt vor dem Zaun, verläuft ein Fahrradweg und nach einem sehr schmalen Streifen für Fußgänger beginnt die vielbefahrene Straße. Durch diese Lage werden auch die interaktiven Elemente der Ausstellung noch interaktiver: wenn man mit der heruntergeladenen App an die Bilder herantritt, um Ton oder Video zu hören oder zu sehen, kann man noch dazu von Fahrrädern über den Haufen gefahren werden.

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Als Resumé (bitte eine der drei Varianten wählen):

a) Wenn alle Aktionen dieser Gdańsker Österreichtage so gelungen sind, werden sie ein voller Erfolg.

b) Immerhin kann man nach diesem Ausstellungsbesuch in den Park gehen, wo man innerhalb der Gartenarchitektur Plastiken und Skulpturen aus der sozialistischen Zeit hat. Diese mal abstrakte, mal gegenständliche Kunst ist vielleicht auch nicht immer besser als die am Zaun, aber zumindest angenehmer zu betrachten.

c) Bleibt zu hoffen, daß die Österreicher für das Ganze gezahlt haben.