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Die Klassengesellschaft im Food Court

Die Galeria Metropolia ist ein gescheitertes Einkaufszentrum im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz. Es hatte nie eine wirkliche Chance, da alle wichtigen Geschäfte bereits in der weit größeren und als erstes Einkaufszentrum der Trójmiasto (Dreistadt) fest etablierten Galeria Bałtycka direkt jenseits der Gleise waren.

Was es bei seiner Eröffnung Ende 2016 hervorhob, war, daß es mit einem Eingang in der Unterführung, einer Brücke und einem eigenen Bahnsteig, dank dem die nach Norden fahrenden Züge der SKM (Stadtschnellbahn) von zwei Seiten betreten werden können, direkt an den Bahnhof Wrzeszcz anschließt.

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Falls es sich damit für nicht-motorisierte Besucher aus dem Umland interessant machen wollte, war diese Chance spätestens zwei Jahre später hinfällig, als mit dem riesigen Forum Gdańsk, das nicht nur nah am SKM-Bahnhof Śródmieście, sondern auch an der Altstadt liegt, das nächste Einkaufszentrum öffnete. In den wenigen Jahren seiner Existenz schlossen fast alle ursprünglichen Geschäfte und an ihre Stelle traten bizarrerweise vor allem Möbelläden oder auch, wieso nicht, eine Go-Kart-Bahn. Die Fassade wurde derweil immer mehr mit Werbung beklebt, wie ein Vergleich zwischen dem Zustand Ende 2016 und Mitte 2018 zeigt.

Der einzige Teil der Galeria Metropolia, der von Anfang an offenkundig gut lief, war der Food Court im zweiten Geschoß, der auch von ihrem neben dem Bahnsteig besten architektonischen Element profitieren konnte: einer riesigen eingewölbten Fensterfront mit Blick auf die ältere Bebauung von Wrzeszcz beidseits der erhöhten Gleise.

Unweigerlich zog es die Besucher an diese Fenster, um zu ihrem Essen auch diese bei Tag wie Nacht großartige Aussicht zu genießen. Neben vertrauten Ketten wie Burger King, Subway oder Pizza Hut und allerlei Cafés siedelte sich hier auch ein Hummus-Restaurant, das sich an das gesundheitsbewußte Hipsterpublikum der nahen Straße Wajdeloty richtet, und eine Filiale des „berlin-inspirierten“ (Eigenwerbung) Kult Gemüse Kebab an. Ein wenig entstand hier die Atmosphäre eines luxuriösen, aber unprätentiösen Bahnhofsrestaurants. Es ist sogar möglich, am Fenster sitzend die SKM näherkommen zu sehen, aufzustehen und rechtzeitig am einkaufszentrumseigenen Bahnsteig zu sein, um einzusteigen.

Angesichts dieser Situation schien es nur angemessen, daß die Verantwortlichen an die beiden einzigen Qualitäten der Galeria Metropolia – Bahnsteig und Food Court – anzuknüpfen suchten. Im Laufe des Jahres 2019 wurde der Bahnhofscharakter durch digitale Anzeigetafeln bei den Ausgängen betont und im dritten Geschoß ein zweiter Food Court namens „Stacja Food Hall“ eröffnet. Anders als der etablierte Food Court darunter richtet dieser sich ganz an ein anspruchsvolleres oder sich für anspruchsvoller haltendes Publikum und hat Filialen angesehener Gdańsker Restaurants. Er ist Aiolï statt McDonald’s, Alma statt Biedronka.

Doch bei der Gestaltung dieses Raums wurde seine spezifische Qualität völlig mißachtet: der Blick auf die riesige Fensterfront ist fast vollständig von farbigen matten Scheiben in schwarzer Fassung verdeckt, so daß ein ständiges Zwielicht herrscht.

Aus einem Aussichtspunkt wurde ein Keller gemacht. Der Popularität der „Stacja Food Hall“ scheint das erst einmal keinen Abbruch zu tun, was fast noch trauriger ist als die schlechte Innenarchitektur.

So herrscht in der Galeria Metropolia eine Situation, die ein gutes Bild für die gesellschaftliche Situation im kapitalistischen Polen und anderswo ist: die verzweifelt um Distinktion ringende klasa średnia (Mittelschicht) sitzt oben im Dunkeln, alle anderen unten im Licht.

Französisches Gdańsk

Gdańsk und Frankreich haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Nur am Vorabend des zweiten Weltkriegs spielte die damalige Freie Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk eine prominente Rolle in nicht nur französischen Debatten. Was davon blieb, ist der letzte Satz eines Artikels des Politikers Marcel Déat, einer schillernden, sehr französischen Gestalt, die es vom unabhängigen Sozialisten und Pazifisten zum begeisterten Nazikollaborateur brachte. Er meinte in dem Text, vielleicht gingen die deutschen Forderungen zwar etwas weit: „Mais mourir pour Dantzig? Non.“ (Aber sterben für Danzig? Nein.)

Das war politisch so falsch wie rhetorisch großartig, denn es war wirklich nicht leicht zu argumentieren, daß Franzosen sehr wohl für eine obskure Stadt an der Ostsee sterben sollten. Nach dem Krieg wurde dann beschlossen, den zentralen Friedhof für die in Polen gestorbenen Franzosen im nunmehrigen Gdańsk einzurichten und es ist schwer vorstellbar, daß die dafür Verantwortlichen Déats Satz nicht zumindest im Hinterkopf hatten.

Der Friedhof liegt sehr versteckt in einem zentralen, aber dennoch abgelegenen Teil der Stadt am Rande  passenderweise des Wzgórze Focha (Foch-Hügels). Zwischen den Bäumen sieht man drei hohe Kreuze aus weißem Beton und einen Fahnenmast, an dem manchmal die französische Fahne hängt, aufragen. Man betritt ihn letztlich von hinten, neben einem Einfamilienhaus, und sieht zuerst ein weites Feld voller kleiner weißer Kreuze.

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Vor den drei hohen Kreuzen ist eine erhöhte Fläche, auf der links und rechts altarartige Steinblöcke stehen.

Direkt vor den Kreuzen ist im leicht schrägen Boden die Inschrift:

„À ses fils morts pour la France en Pologne/La République Française reconnaissante/1939-1945“ (Ihren für Frankreich in Polen gestorbenen Söhnen/Die dankbare Französische Republik/1939-1945)

Wenn man zwischen den kleinen Kreuzen geht, die durch den mittleren Weg und zwei Querwege in quadratische Felder aufgeteilt sind, spürt man nur, daß es viele sind.

Die kleinen Plastiktäfelchen nennen Name, Rang und Todesdatum. „Mort pour la France“ (Gestorben für Frankreich) steht jeweils darauf und das heißt auch: „Mort pour Dantzig.“

Sie weisen von den großen Kreuzen weg, was, wie die ganze Konzeption des Friedhofs, zeigt, daß sein Eingang eigentlich auf der anderen Seite sein müßte.

Man müßte erst das weite Gräberfeld durchqueren, vielleicht links und rechts ein paar Namen lesen, bevor man zu den großen Kreuzen und der zusammenfassenden Inschrift kommt.

So wäre es erst die pélerinage (Pilgerfahrt), von der eine kleine Tafel von 1965 in Bezug auf eine Reise ehemaliger belgischer und französischer Kriegsgefangener  spricht. Aber heute durchstreifen bloß noch die, die es wirklich sehr wollen, den ganzen Friedhof. Pilgerfahrten führen hierher keine mehr, die Gräber bleiben unbeachtet.

Dies gilt umso mehr für eine bestimmte Gruppe von Toten, die man auf dem leicht zu übersehenden Friedhof leicht übersehen kann. Inmitten der Kreuze stehen plötzlich andere Grabsteine.

Unten rechteckig, oben eine Art umgedrehte Herzform. Schon der Umriß läßt es erahnen und die Inschrift bestätigt es: arabische Soldaten muslimischen Glaubens. Auch sie „mort pour la France“, im oberen Teil des Grabsteins eine unklare arabische Inschrift. Auf dem Friedhof gibt es einige solcher Gräber, teils mehrere beisammen, teils einzeln. Wäre der Eingang noch dort, wo er sein müßte, könnte man sie nicht übersehen.

Meist sind es einfache Namen, X ben X, X Sohn des X, so wie es gewiß einfache Bauernsöhne aus Algerien, Marokko, Tunesien waren, die hier begraben sind. Die Frage, ob jemand für Gdańsk sterben solle, stellt sich in ihrem Fall noch einmal anders, denn sie starben für einen Staat, der ihnen nichts Gutes wollen konnte. Wie ihre Nachbarn unter dem Kreuz konnten sie sich auch nicht aussuchen, ob sie im Tod mit ihrer Religion assoziiert werden wollten, und beide konnten sich die Teilnahme an diesem Krieg nicht aussuchen. Dennoch war ihr Kampf ein guter. Für alle der auf diesem Friedhof Begrabenen gilt: „Mais mourir pour Dantzig? Pourquoi pas.“ (Aber für Danzig sterben? Wieso nicht.)

Um die Hala Olivia

Die Hala Olivia (Olivia-Halle), Gdańsks mit stolzer Spitze aufsteigende Eissporthalle, wurde durch die Zufälligkeiten der kapitalistischen Stadtentwicklung zum Mittelpunkt des Büroviertels der Stadt. Rechts neben ihr ist das Olivia Business Center, schräg links von ihr auf der anderen Straßenseite Alchemia, alles unauffällige sechs- bis zehngeschossige Glasklötze ohne höhere architektonische Ansprüche. Hier sitzen all die outgesourcten Abteilungen internationaler Firmen, amerikanisches, deutsches, skandinavisches Kapital. Die sozialistische Hala Olivia ist mithin Mittelpunkt eines dieser für den polnischen Kapitalismus sehr typischen Orte, eines der Orte, durch den Polen den Beinamen „Mexiko Europas“ (richtiger und schmeichelhafter wäre vielleicht „Costa Rica Europas“) erhalten hat.

Die Verbindungen zwischen der Halle und den beiden Bürokomplexen sind jedoch bestenfalls rudimentär wie überhaupt eine Stadtplanung kaum vorhanden ist. Alles ist zerrissen von der bis zu sechsspurigen Aleja Grunwaldzka (Grunwald-Allee), der größten Verkehrsachse der Trójmiasto (Dreistadt), und einer nur wenig kleineren Kreuzung. Während das Olivia Business Center sich mit einem engen Hof etwas von der Straße abwendet, ist Alchemia stur an ihr aufgereiht und zur anderen Seite von der Bahnstrecke eingezwängt. Sogar, von einem Büroviertel zu reden, ist letztlich übertrieben, da dies ein Minimum an Zusammenhang impliziert.

Zwei der jüngeren Gebäude von Alchemia und Olivia Business Center bemühen sich zumindest auf je unterschiedliche Weise, auf die Hala Olivia Bezug zu nehmen und die Anwesenheit dieses mit Abstand markantesten Gebäudes der Gegend anzuerkennen. Beim direkt an der großen Kreuzung stehenden Alchemia-Eckgebäude geschieht das durch die Gestaltung der Freiflächen an der abzweigenden Straße. Neben runden Bänken aus Beton, aus deren Mitte Bäume wachsen, gibt es dort große aus dem Boden ragenden eckige Elemente mit unregelmäßig dreieckigen Seitenflächen, von denen jeweils zwei aus Beton und eine aus einem Rasenbeet besteht. Die Beete sind verbunden durch ebenfalls unregelmäßig dreieckig geformte schräge Metallspaliere für Kletterpflanzen.

Der Beton und die Spitzen sind offenkundig von der schräg gegenüberliegenden Hala Olivia inspiriert. Das ist hübsch, aber ein angenehmer öffentlicher Ort wird hier, auch wenn die Pflanzen gewachsen sind, nie entstehen, da die Straßen viel zu nah und zu stark befahren sind.

Im Olivia Business Center wuchs im Laufe des Jahres 2017 ein 35-geschossiges und etwa 160 Meter hohes Hochhaus namens Olivia Star (Olivia Tower war bereits vergeben) heran.

Es ist die Dominante nicht nur der Outsourcinggebäude bei der Hala Olivia, sondern als höchstes Gebäudes der Trójmiasto auch sonst von weither zu sehen. Architektonisch ist es so anspruchs- wie immerhin auch harmlos wie seine niedrigeren Nachbarn,  ein verglaster Bau auf quadratischem Grundriß, der als Gimmick außerdem mit LEDs versehen wurde. Doch ganz oben hat es einen schräg zur Straße hin aufsteigenden Aufbau mit entsprechend dreieckigen Seitenflächen, was durch eine auch nach unten schräge Abstufung in der Fassadenstruktur noch unterstützt wird. Das wirkt, als sei den Architekten spät eingefallen, daß sie doch noch irgendetwas Interessantes mit ihrem Hochhaus machen müssen. Dafür ließen sie sich von der Hala Olivia, der einzig erwähnenswerten Architektur weit und breit, inspirieren.

Wenn man von links an der Hala Olivia vorbei- oder auf ihrer Terrasse geht, ergibt sich aus dem Beieinander der beiden aufsteigenden Formen in der Tat ein sehr hübscher Effekt, fast ein wenig, als werde der Schwung des Hallendachs hoch oben im Hochhausdach fortgesetzt.

Zugleich wird so auch der Unterschied zwischen beiden Gebäuden offenbar: hier die ikonische, aus der Funktion gewonnene Form, dort eine ziemlich beliebige Dachstruktur. So viel kleiner sie ist, bleibt die Hala Olivia das Größte in der Umgebung, während Olivia Star eben das Höchste ist und das auch mit einem ehrlicheren Flachdach wäre. Statt dessen, was wichtig wäre, der Stadtplanung, hat der Kapitalismus der Hala Olivia und uns allen nur wohlfeile formale Bezüge zu bieten – immerhin.

Dörfliche Weihnacht

Der schönste Weihnachtsbaum von Gdańsk steht natürlich in Przymorze. Man findet ihn genauer gesagt etwa auf der halben Länge der Jagiellońska (Jagiellonischen Straße). Wenn man abends vor den Geschäften an der Straße entlang und auf die lichtergeschmückte Tanne zugeht, während jenseits der Straße der spitze Turm der für polnische Verhältnisse kleinen Kirche hinzukommt, kann man sich leicht wie in einem Dorf zur Weihnachtszeit fühlen.

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Aber auch am Tag, besonders, wenn es geschneit hat oder ein fliegender Händler unter Einbeziehung des Straßenhandel verbietenden Schilds den neuesten Weihnachtskitsch verkauft, kommt die dörfliche Weihnachtsstimmung leicht auf.

„Straßenhandel verboten ! Privatgrundstück Wohnungsgenossenschaft ‚Przymorze'“

Denn es ist ja eine Art von Dorf, durch das man geht. Da ist die Hauptstraße mit Biedronka-Discountsupermarkt, Café, Bankfilialen, Bäcker, kleineren Lebensmittelläden, Bar Mleczny (Schnellrestaurant), Goldschmied/Uhrmacher/Pfandleiher, Wäscherei, Apotheke und Bibliothek auf der einen und Schulen und Poliklinik auf der anderen Seite. Da ist die Kirche. Da ist der zentrale Platz mit dem Weihnachtsbaum und der Bushaltestelle. Bloß wohnen die bis zu fünftausend Einwohner dieses Dorfs nicht in verstreuten Einfamilienhäusern, sondern im elfgeschossigen Falowiec (Wellenhaus), der sich als der mit etwa 800 Metern zweitlängste seiner Art hinter den niedrigen Ladenbauten mäandernd an der Straße erstreckt.

Und dieses Dorf ist nicht irgendwo auf dem Land gelegen, sondern Teil des großen Wohngebiets Przymorze, das wiederum Teil von Gdańsk und mit diesem Teil der Trójmiasto (Dreistadt) ist. So führt durch den Platz, quer zur Straße, in die eine Richtung unter dem Falowiec hindurch und in die andere Richtung an der Kirche vorbei in niedrigere Wohnbebauung hinein, ein großzügiger Fußgängerboulevard, wie ihn kein Dorf kennt. Ihn gehend eröffnen sich weitere Blicke auf den Weihnachtsbaum, dem man sich entweder langsam nähert oder den man nach der Durchquerung des Falowiec plötzlich vor sich hat.

Doch wie das Dorf also nicht nur ein Dorf ist, so ist auch der Weihnachtsbaum mehr, denn er steht das gesamte Jahr über in seinem runden Hochbeet auf dem offenen Platz. In der Weihnachtszeit, einen Monat pro Jahr, kann der Baum leuchten und wird mit seinem Schmuck zum Weihnachtsbaum, aber das ist nur eine Aufgabe, die er zur Freude aller übernimmt, nicht sein Existenzzweck.

In Dörfern wie diesem und mit Weihnachtsbäumen wie diesem läßt es sich gut aushalten.

Ein Rätsel aus Beton (und seine Lösung)

Die Stadt als unerschöpfliches Rätselheft ohne hinten nachzuschlagende Lösungen.

Die Stadt: Eine stille Gegend an einem Rande von Gdańsk, wo Mietskasernen und Bebauung aus der Zwischenkriegszeit auf Industriegelände treffen, nicht weniger abgelegen dadurch, daß man entlang des Angielska Grobla (Englischen Damms) in der Ferne das Żuraw (Krantor) in der Altstadt und entlang des Długa Grobla (Langen Damms) das Brama Żuławska (Żuławer Tor), das die einstige Ausdehnung der Festungsanlagen markiert, sieht.

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Ein Gebäude des Industriegeländes, das aber der Abschluß älterer Gebäude am Angielska Grobla ist und zu einer Art Platz im Kreuzungspunkt der Straßen zeigt.

Der linke dreigeschossige Teil ist aus Backstein und unauffällig, ein Industriebau unklarer und unwichtiger Herkunft eben. Aber etwas rechts der Mitte ragt  aus dem Obergeschoß ein halbrunder Erker, der wie ein Türmchen noch höher als das Dach wird – und er ist aus Beton. Auf der dünnen Betonfläche seines Bodens stehen Betonstreben, zwischen denen nur unten etwas Backstein ist, darüber aber Glas.

Völlig aus Beton ist auch der offene rechte Teil des Gebäudes.

Zwei parallele eckige Betonstützen links und weiter rechts zwei parallele schräge Stützenpaare, deren Stützen unten weiter auseinander stehen als oben, tragen ein dünnes Dach, das nach rechts freischwebend noch über das Gebäude hinausragt. Um die äußere rechte schräge Stütze windet sich eine Treppe nach oben. Sie beginnt außen links neben der Stütze, erreicht rechts auf halber Geschoßhöhe eine halbrund abgeschlossene Plattform, die nur von zwei Querstreben getragen wird, und führt innen zwischen den Stützen weiter nach links zu einer entsprechenden Plattform im zweiten Geschoß, die auf einem Raum im Erdgeschoß aufliegt, das aber nicht müßte. Das wiederholt sich zwischen diesem und dem dritten Geschoß, wo eine durchgehende Fläche und eine nach rechts überstehende Plattform sind.

Die Treppe wie die Flächen haben stählerne Geländer mit Pfosten aus zwei parallel nebeneinanderstehenden und zueinander leicht abgeschrägten runden Teilen, in denen oben runde Handläufe und unten ein entsprechendes rundes Band sind. Hinzu kommen flache schmale Stahlstreifen, unten drei, mit etwas Abstand ein weiterer.

Und das ist alles. Der Beton bildet wirklich nur Flächen, Stützen, Treppen und Streben, der Stahl bildet wirklich nur das Geländer. Der rechte Teil des Gebäudes ist somit völlig offen und wirkt völlig schwebend. Obwohl offen ablesbar ist, was trägt, scheint alles schwerelos.

Das Rätsel: Welchem Zweck könnte diese Konstruktion gedient haben und aus welcher Zeit könnte sie sein?

Gehört der Beton rechts überhaupt ursprünglich zum Backstein links? Den Übergang bildet der Erker, aber er gibt keine Antworten. Was könnte der Zweck sein? Die Konstruktion wirkt gänzlich technisch und funktional. Vermutlich erlaubte die breite Treppe auch, Waren schneller in die oberen Stockwerke zu tragen, aber ist die Konstruktion dafür nicht viel zu aufwendig, wäre ein Aufzug nicht sinnvoller? Wiewohl technisch und funktional ist der Betonteil doch an einer nach außen zeigenden Stelle und das Geländer ist bei aller Einfachheit doch so aufwendig, daß man es repräsentativ nennen könnte. Aber Eingang oder Schauseite ist hier wiederum ebenfalls nicht. Vielleicht eine Reklame, ostentative Modernität, um eine Firme zu bewerben?

Weil der Zweck so unklar bleibt, fällt auch die zeitliche Einordnung so schwer. Zwanziger, dreißiger Jahre vielleicht, Freie Stadt? Oder doch fünfziger, sechziger Jahre, Volkspolen? Das Problem ist, daß es aus keiner Zeit etwas auch nur entfernt Ähnliches gibt. Wenn die Konstruktion noch älter wäre, verdiente sie eine Erwähnung in Architekturgeschichtsbüchern. Äußerst ungewöhnlich ist sie auf jeden Fall.

Klar ist einzig, wie zeitlos schön dieses Bauwerk ist. Inmitten von Backstein und Putz ist der rohe Beton das Andere und Neue. So wenig sein Zweck ersichtlich ist, so offensichtlich sind die Möglichkeiten, die diese Bauweise eröffnet. Es erging dem Betonteil zudem besser als den verfallenden älteren Gebäude am Angielska Grobla. Zwar ist auch sein Geländer teils verborgen und auch auf seinem Dach wächst eine Birke, aber die Konstruktion ist so vollständig wie am ersten Tag und wird es wohl noch lange bleiben.

In Falle dieses städtischen Rätsels bietet das Internet glücklicherweise schnell eine Lösung, auch wenn sie unwahrscheinlich klingt.

Die Lösung: Die Betonkonstruktion war der Ausgang eines Kinos und stammt aus den Sechzigern. Das Industriegelände wurde 1894 als Städtischer Schlachthof erbaut und später zu den Zakłady Mięsne w Gdańsku (Fleischbetrieben in Gdańsk), die in einem Flügel ihrer kaiserzeitlichen Backsteinbauten das Kino Związku Zawodowego Pracowników Przemysłu Mięsnego (Kino der Gewerkschaft der Beschäftigten der Fleischindustrie) „Piast“, kurz Kino Piast, einrichteten. Während im Erdgeschoß neben Büros die Bibliothek und im zweiten Geschoß die Kantine waren, befand sich das Kino im dritten Geschoß und der Betonerker gehörte zum Projektionsraum.

Der Eingang für die Allgemeinheit war am Angielska Grobla und für die Arbeiter des Betriebs von dessen Gelände. Der rückwärtige Ausgang samt der Betonkonstruktion wurde auch deshalb gebaut, damit niemand einerseits für mehrere Vorstellungen im Saal bleiben und andererseits auf das Betriebsgelände gelangen konnte.

Fast kann man sich vorstellen, wie des Abends die Besucher aus dem Saal des Kino Piast die Betonstufen der Treppe hinabgingen, wie die einen sich Zigaretten anzündeten, die anderen noch der Filmhandlung nachsannen, wie Paare eine Weile an die Stahlgeländer gelehnt auf der schwebenden Plattform verharrten, während ein leichter Fleischgeruch in der Luft lag.

Aber nur fast. Ein Kino, ob in Betrieb oder nicht, das ist entweder sein spezifisches Gebäude oder, eher noch, seine Leuchtreklame mit seinem Namen. Die Reklame fehlt hier und der Betonbau hat nichts, was eher an ein Kino als einen Schlachthof denken ließe.

Anfang der Neunziger wurde mit dem Betrieb auch das Kino Piast stillgelegt. Das einstige Schlachthofgelände geriet in den Besitz einer spanischen Firma, die darauf wartete, daß die denkmalgeschützteren Bauten, die am Angielska Grobla eine Art Tor bilden, einstürzen, was auch halb geschah.

Vor kurzem verkündete ein neuer Investor aufwendige Pläne für eine Wohnanlage, in die auch die  backsteinernen Eingangsgebäude wiederum integriert werden sollen. Was tatsächlich kommt, bleibt abzusehen, und ob für den Betonvorbau des einstigen Kinoausgangs darin Platz sein wird, auch.

Gegenwärtig zumindest ist der Beton das Wichtigste, was vom Schlachthof blieb. Als ungelöstes Rätsel ließ er träumen, wie einst das unwahrscheinliche Kino, das die traumhafte Lösung des Rätsel ist, und schön bleibt er auch als gelöstes Rätsel.

Die verspätete Kirche

Ein nicht unwesentlicher Aspekt der Gdańsker Geschichte ist, daß die Stadt protestantisch und deutsch, das Umland aber katholisch und polnisch geprägt war, wiewohl beide zur Rzeczpospolita, der polnischen Adelsrepublik, gehörten. Für den Katholizismus nun war es im 17. und 18. Jahrhundert sehr wichtig, seine Macht durch barocken Prunk darzustellen. Das prominenteste Beispiel dafür im einstigen Umland von Gdańsk ist der Äbtepalast des Klosters in Oliwa mit seinem Park. Er ist ein großartiges und vielseitiges Ensemble des späten Barock, das gerade noch fertig wurde, bevor Gdańsk wie Oliwa an Preußen kamen und es mit der katholischen wie polnischen Macht vorbei war.

Ein weiteres Beispiel ist die jesuitische Kirche im ehemaligen Dorf Alt-Schottland südlich der Stadt. Sie steht weither sichtbar am bewaldeten Hang oberhalb des Kanał Raduni (Radunia-Kanals). Nach hinten hat ihr Bau bloße Backsteinmauern mit großen rundbögigen Fenstern und halbrundem Chor, während vorne eine verputzte Fassade mit hohen Pilastern, einigen Nischen und hohem Giebel ist.

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Ungefähr so, bloß mit steinernen Fassaden, sehen die monumentalsten barocken Kirchen in Kraków oder Rom aus. Dort jedoch passen sie in der Größe einigermaßen in die umgebende Bebauung, ganz anders als vor den Toren von Gdańsk. Da von dem Dorf keine älteren Gebäude erhalten blieben, wirkt die riesige Kirche völlig isoliert und fehl am Platz, aber zu groß war sie immer schon. Sie muß als Ausdruck jesuitischen Größenwahns kurz vor dem Ende der Macht des Ordens verstanden werden.

1755 fertiggestellt war die Kirche, die selbstverständlich nach Ignatius von Loyola heißt, auch architektonisch eher altmodisch, ganz anders als der Äbtepalast in Oliwa. Zudem wirkt sie bei allem Willen zur Pracht roh und unfertig. Der Giebel unterscheidet sich kaum vom Teil darunter und seine Schwünge sind schwerfällig. In den Nischen stehen kleine, offenkundig viel neuere Skulpturen, aber schon die Nischen selbst waren immer viel zu klein für die riesige Fassade. Die Kirche wirkt wie die Billigversion einer Jesuitenkirche.

Daß ihr Türme fehlen, wiegt weniger schwer, da diese die Maßstablosigkeit des Baus unweigerlich noch vergrößert hätten. Und von Nahem bemerkt man, daß es sehr wohl einen Turm gibt. Er steht rechts, auf dem Vorplatz und ist wie der kleine Bau neben ihm aus dunkelrot bemaltem Holz. Achteckig, mit vertikalen hölzernen Streben in Weiß als einziger Dekoration und ebenfalls hölzerner offener Glockenhaube ist er kaum halb so hoch wie die Kirche und architektonisch völlig andersartig.

Oben steht auf ihm die Jahreszahl 1777 und sie erklärt alles: der Turm, ebenfalls barock, aber ein schlichter, unmonumentaler, ein dörflicher Barock, ein Armeleutebarock fast, wurde nach der ersten polnischen Teilung von 1772, die den Anschluß der Gegend an Preußen bedeutete, und dem Verbot der Jesuiten von 1773 gebaut.

Ist die Kirche noch ein letzter Ausdruck katholischer Macht in diesen Breiten, so steht der Turm für deren Ende. Vielleicht war er gleichsam als Platzhalter für einen in besseren Zeiten zu errichtenden eigentlichen Turm aus Stein gedacht, aber diese Zeiten kamen letztlich nie oder falls doch, war jedenfalls das Bedürfnis für eine riesige Kirche am dörflichen Stadtrand entfallen. Der kleine hölzerne Glockenturm ist aber ein Glücksfall für die Kirche, die ohne ihn bloß ein verspäteter und etwas skurriler Klotz wäre. Er hat fast mehr mit der mennonitischen Kirche, die vierzig Jahre später näher an der Stadt oberhalb des Kanał Raduni erbaut wurde, gemein als mit seiner eigenen Kirche. Erst in der Schwäche gelang es dem Katholizismus hier, etwas leichtere, menschlichere Architektur zu schaffen, ein nicht untypisches Phänomen.

Systemvergleich per Schaukel

Dort, wo in Gdańsk die Ausläufer des Park Reagana (Reagan-Parks) auf die Straße Piastowska treffen, neben der letzten Bebauung vorm Strand, stehen auf der Wiese zwei Schaukeln.

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Die erste hängt in einem hohen und engen roten Stahlkäfig, die zweite in einem grauen Stahlrahmen und mit Ketten am Boden befestigt. Frei schaukeln, also wirklich schaukeln, kann man auf keiner von beiden.

Die Symbolik ist simpel: die erste Schaukel ist der Sozialismus, der den Schaukelnden gut sichtbare Grenzen setzt, die zweite ist der Kapitalismus, der den Schaukelnden scheinbar alle Freiheit läßt, sie aber mit kaum sichtbaren Banden hält. Das Ergebnis ist dasselbe.

Es ist zutiefst pessimistischer, fatalistischer Systemvergleich, der der Künstler  hier auf der Wiese mit Hilfe von Schaukeln anstellt. Ob er fair ist, ob er den Erfahrungen der Menschen im einen wie im anderen System entspricht, mag jeder für sich selbst entscheiden. Als Kommunist kann man ihm zumindest insoweit zustimmen, als der Sozialismus ehrlich war und die Grenzen der Schaukelfreiheit nicht verbarg, während der Kapitalismus lügt und eine unendliche Schaukelfreiheit verspricht. Das macht ihn so verlockend für die, die bloß schaukeln wollen.