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Über Fahrradwege

Ob das Fahrradfahren eine besonders sinnvolle Fortbewegungsart ist, mag man bezweifeln. Es ließe sich sagen, daß es die Nachteile des Autofahrens hat, nämlich die Abhängigkeit von einem selbst zu steuernden Gerät, aber nicht dessen Vorteile, nämlich Komfort und Geschwindigkeit, und ebenfalls die Nachteile des Gehens, nämlich die Anstrengung, aber nicht dessen Vorteile, nämlich die völlige Ungebundenheit und die Möglichkeit der Kontemplation.

Da es aber augenscheinlich Menschen gibt, die am Fahrradfahren Freude haben, müssen auch dieser Fortbewegungsart Wege geschaffen werden. Keinesfalls können das dieselben Wege sein, die von Fußgängern benutzt werden, da die Geschwindigkeiten und damit die Machtverhältnisse zu unterschiedlich sind, und aus demselben Grund ebensowenig die Wege der Autos. Nötig ist vielmehr eine strikte Trennung der Geschwindigkeiten. Wie eine solche auf recht klassisch Le Corbusier’sche Art aussehen kann, läßt sich in den Niederlanden betrachten.

Unbedingt ist in Abwandlung von Le Corbusiers wichtigem Postulat, daß der beste städtische Raum dem Wohnen vorbehalten sein muß (Punkt 23 der „Charte d’Athènes“ [Charta von Athen]), zu fordern, daß die besten Wege dem Fußgänger vorbehalten sein müssen, da nur er zumindest die Möglichkeit hat, aus seiner Umgebung ästhetischen Genuß zu ziehen. Ein negatives Beispiel dafür, wie ein besonders schöner Weg dem Fußgänger geraubt und einer anderen Fortbewegungsart, dem Fahrradfahren, zugeordnet wurde, findet man im Zentrum von Gdańsk.

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Zwischen Hucisko und Błędnik verläuft oberhalb der Bahngleise ein kleiner Parkstreifen. Man ist noch nicht sehr hoch, aber doch so hoch, daß man die backsteinernen Türme und bunten Hochhäuser als Silhouette, als Skyline aus der niedrigeren Bebauung aufragen sieht.

Zugleich ist diese Silhouette noch nicht in abstrakter Ferne, sondern scheinbar zum Greifen nah. Man ist der Stadt nah und fern zugleich, auf einer faszinierenden Zwischenhöhe.

Es ist einer der schönsten Orte des Gdańsker Stadtzentrums. Noch zentral, leitet er zugleich in äußere Teile der Stadt über, etwa hinauf in die ehemaligen Festungsanlagen. Hier, über der Geschäftigkeit der Bahnstrecke und ihr enthoben, müßten Bänke oder vielleicht sogar eine sommerliche Bar zum Verweilen einladen. Stattdessen führt durch den Park ein neuer Fahrradwege, der sogar teils auf einem Steg über den Gleisen verläuft,  während der Fußgänger auf die anderen Seite der 3. Maja (Straße des 3. Mai) verbannt ist.

Nicht nur die Fußgänger verlieren dadurch, sondern ebenso die Fahrradfahrer, für die es keine Nachteile bedeuten würde, wenn ihr Weg auf der anderen Seite der Straße verliefe und sie anhalten könnten, um den schönen Ort zu genießen. Die Stadt verliert. Das ist ein Beispiel für den verheerenden Effekt einer schlechten Stadtplanung, die einen Weg einer unpassenden Fortbewegungsart zuordnet. Ob man Fahrradfahren also sinnvoll findet oder nicht: es kommt immer darauf an, ob die Fahrradwege an den richtigen Stellen sind.

Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

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Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.

Alt und Neu an der Pomorska

Es ist ein sehr fotogener Kontrast: vor den zehngeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden ein einziges kleines Einfamilienhaus.

Es hat einen akkurat umzäunten Garten mit Garage, einigen Bäumen und Marienschrein. Es ist also ein ganz normales polnischen Häuschen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie man es von den Vorstädten bis in die Dörfer überall finden könnte. Allein hier, im nördlichen Gdańsker Wohngebiet Żabianka, auf der rechten Seite der Straße Pomorska, wo es sonst kein anderes Einfamilienhaus gibt, wird es auffällig. In dieser Umgebung wirkt es wie ein Exponat in einem Freilichtmuseum. „Seht, so haben unsere Vorfahren gelebt!“ scheint es dem kopfschüttelnd Vorbeikommenden sagen zu wollen.

Diese Rolle, als Schaustück aus einer überwundenen Vergangenheit, wäre dem Haus an der Pomorska auch zu wünschen. Selbstverständlich müßte es dann tatsächlich ein Museum sein und niemand dürfte dort wohnen. Doch so ist es ja leider nicht. Allzuviele, die das Haus in dieser Umgebung sehen, sehen wohl leider nicht das etwas verquere Alte inmitten des besseren Neuen, die Hütte vor den egalitären Palästen, sondern etwas Erstrebenswertes, das Ziel alles kleinbürgerlichen Luxusstrebens.

Den selbstgebauten Schrein mit der massengefertigen Marienfigur könnte man für sich genommen als harmlosen Ausdruck eines noch volkstümlichen Glaubens, als ein wenig aus dem litauischen, ukrainischen oder auch kleinpolnischen Dorf in die große nachdeutsche Stadt mitgebrachte Ländlichkeit, begreifen. Doch leider weiß man, daß der polnische Katholizismus stärker denn je ist und politisch wie künstlerisch tagtäglich weit Schlimmeres anrichtet.

So ist das Häuschen an der Pomorska leider nicht bloß eine rührende Erinnerung an schlechtere Zeiten, sondern eine traurige Erinnerung an den gegenwärtigen schlechten Zustand der Welt.

Das Ende des Dom Technika

Das Dom Technika (Haus des Technikers) ist die Perle der Ulica Rajska (Paradiesstraße) im Zentrum von Gdańsk. Es steht kurz hinter dem Kanał Raduni (Raduni-Kanal), genau dort, wo das alte Gdańsk in das neue übergeht, bescheiden aber unübersehbar

Vier Geschosse, etwa quadratischer Grundriß, backsteinerne Brüstungsbänder, die Fenster zwischen vertikalen Betonstreben leicht zurückgesetzt, auf vorstehenden Betonbalken ruhende vertikal geriffelte Betonbänder oder –geländer um das Dach, um den im ersten Geschoß vorne und rechts umlaufenden Balkon und um eine Terrasse, die an der rechten Seite durch das leicht abfallende Gelände ermöglicht wird. Links zwischen zwei Treppenhäusern eine Backsteinwand mit einem Muster hervorragender kleiner quadratischer Steine. Die beiden Treppenhäuser sind gleich groß, haben den gleichen rechteckigen Grundriß und bei beiden sind die schmalen Seiten backsteinverkleidet, während die breiten Seiten hinter horizontalen Betonlamellen verglast sind.

Da aber das eine parallel vor die Wand gesetzt ist und so nur eine verglaste Wand hat, während das andere quer gesetzt ist und so zwei verglaste Wände hat, wirken sie völlig verschieden.

Der Eingang befindet sich im rechten Teil der Vorderseite und wird bloß durch ein Muster aus kleinen und größeren Kreisen und Kreishälften in der roten Wandverkleidung markiert.

Dieselben Muster finden sich, nun abwechselnd mit heller Holzverkleidung, auch im Inneren. Direkt hinter dem Eingang führt eine Treppe durch alle vier Geschosse nach oben. Ihre Stufen und die Böden sind aus hellem glatten Stein, ihr Geländer und die der größer werdenen Öffnungen sind aus dunklem Stahl und hellem Holz, oben im Dach sind zwei Reihen quadratischer Oberlichter und nach ihrem Abschluß ist eine freistehende Wand mit einem der Wandverkleidung verwandten Glasmuster.

Ohne daß es von außen zu erahnen wäre, wird so ein repräsentativer, aber zugleich funktionaler Aufgang geschaffen. Zugleich setzt die innere Treppe das Spiel der beiden vorgesetzten Treppenhäuser auf andere Weise fort.

Das Dom Technika ist ein Gebäude, daß es schafft, einerseits durch den Backstein Bezug auf das Alte zu nehmen und andererseits in seinen Formen und durch den Beton klar etwas Eigenes zu sein. Zudem steht es frei, weit von der Straße und dem Kanal abgesetzt. Seine Umgebung, die Wiese auf der einen und die Grünanlage auf der anderen Seite, sind so wichtig wie das Gebäude selbst und verbinden es auf vielfältige Art mit weiteren Stadt.

So war das 1973 erbaute Dom Technika nicht nur ein neues Gebäude, sondern ein neuer städtischer Raum.

Bis Ende 2016 blieb auch alles so wie beschrieben und auf der obigen Zeichnung von 1980 zu sehen. Weiterhin sitzen im Dom Technika verschiedene technische Fachverbände, auch wenn die Księgarnia techniczno-naukowa (Technisch-wissenschaftliche Buchhandlung) im Erdgeschoß durch einen Biedronka-Supermarkt ersetzt wurde. Und auch der städtische Raum blieb erhalten, erkennbar jedenfalls, obwohl rechts daneben schon seit längerem eine abgezäunte Baugrube war. Vor wenigen Monaten dann wuchs der Zaun weiter und nahm auch die Wiese vor dem Gebäude ein. Hinzu kam ein großes Schild, das androhte, daß die Ecke auf unendlich banale Weise zugebaut werde. Wie um die Drohung zu unterstreichen, wurden in die Grube zwei kleine Kräne gestellt.

Sobald es warm genug war, kamen richtige Kräne und es wird tatsächlich gebaut.

Das Dom Technika wird in einen Hinterhof verbannt sein.

So geschieht einem der besten Gebäude der Ulica Rajska, was ihrem besten Kunstwerk, dem Heweliusz-Denkmal, bereits geschehen ist. Nichts Besonderes also, typische kapitalistische Zerstörung all dessen, was in der Stadt gut und fortschrittlich war. Man muß wohl froh sein, daß das Dom Technika überhaupt noch fortexistieren wird und, was fast wichtiger ist, auch der Grünbereich mit dem Heweliusz-Denkmal. Zukünftig wird es eine Perle in einer häßlichen und erdrückend engen Schale sei.

Straßenbahnstation Zaspa

Straßenbahnen fahren meist auf der Straße und man könnte das natürlich finden, schließlich heißen sie so. Auch die östlich der SKM-Strecke  von der Gdańsker Innenstadt bis nach Oliwa führende Straßenbahnlinie verläuft auf Straßen und meist in deren Mitte. In älteren Teilen mit kleineren Straßen, noch in Wrzeszcz also, ist das vielleicht unausweichlich. Aber in neuen Teilen, in Zaspa, Przymorze und Żabianka, gäbe es viele Alternativen. Man würde das vielleicht nicht einmal bemerken, gäbe es nicht die Straßenbahnstation Zaspa, die entgegen ihrem Namen fast schon in Przymorze liegt.

Bevor man sie erreicht, fallen die Schienen kaum merklich ab, während die Straße auf beiden Seiten kaum merklich ansteigt.

Dann geht es unter der niedrigen Brücke der abzweigenden Straßenspuren hindurch, die mit ihrer Länge und ihren Betonwänden fast wie ein Tunnel wirkt.

Und auf einmal ist alles anders.

Keine Straße mehr. Wo sie verläuft, sieht man nur einen Hang mit Gras und Büschen.

Davor drei Bahnsteige und, auf einer dreiseitigen Stufenanlage in den Hang gesetzt, ein kleines Gebäude, das unter einem von dünnen runden Stützen getragenen dicken brauen Flachdach links einen offenen Warteraum und rechts Fahrkartenschalter hat.

Auf der anderen Seite blickt man über den weiten Wendekreis der Straßenbahn zu Schuppen vor einem Park und in das parkartige Grün zwischen den ersten elfgeschossigen Wohngebäuden, darunter dem ersten Falowiec, von Przymorze.

Wege führen durch die Wiese des Wendekreises und an der anderen Seite gibt es zwei weitere Bahnsteige.

Es ist, als habe die Straßenbahn eine ihr feindliche Umwelt verlassen und sei in ihrem natürlichen Lebensraum angekommen. Überdeutlich ist das Gefühl der Erleichterung, der Befreiung: hier, genau hier muß die Straßenbahn sein. Befreit ist sie von der Straße, die sie sich mit den Autos teilen muß. Die Straßenbahnstation Zaspa gehört ganz ihr und dem Fußgänger. Sie zeigt, daß alles auch ganz anders sein könnte. Sie zeigt, daß die Straße gerade nicht der richtige Ort für die Straßenbahn ist. Auch das Wort Straßenbahn scheint auf einmal ganz ungeeignet und es ist ja auch bloß eine Eindeutschung des englischen Tramway, Tram, das viel weniger einschränkend ist.

In der Straßenbahnstation Zaspa zeigte der fortschrittliche polnische Städtebau, daß er grundsätzlich verstand, wie sinnvoll und notwendig die Trennung der verschiedenen Verkehrsmittel ist. Doch sie ist nur eine kleine Oase. Nach kurzem Halt muß die Straßenbahn durch den nächsten Tunnel wieder hinaus auf die Straße.

Mennonitenkirche Gdańsk

Wenn man sich mit dem Zug von Süden her dem Hauptbahnhof von Gdańsk nähert, etwa auf der Höhe der SKM-Station Śródmieście, sieht man am Hang über den Gleisen ein kleines weißes Gebäude.

Zwischen den kaiserzeitlichen Mietskasernen, die sich den Biskupia Górka (Bischofsberg) hinaufdrängen, sticht es durch seine große Schlichtheit hervor.

Es hat einen rechteckigen Grundriß, an den Breitseiten je fünf große und hohe rundbögige Fenster, schmale Pilaster mit winzigen ionischen Kapitellen, ein leicht gestuft überstehendes und elegant geschwungenes Walmdach, das so wohlproportioniert ist wie das ganze Gebäude.

Soviel sieht man bereits vom Zug und wenn man näher kommt, wird es kaum mehr. Der Eingang an der zur Straße zeigenden Schmalseite ist irgendwie vorgesetzt, an der anderen Seite ist irgendein neuerer Anbau, aber das ist egal.

Radikale Einfachheit, die sich ihrer letzten Ornamente fast schämt, zeichnet das Gebäude aus. Es wurde 1819 gebaut und würde so dem Klassizismus zuzuordnen sein, gar als ein mustergültiger Ausdruck dieses Stils gelten. Aber viel wichtiger ist es, zu betrachten, was dieses Gebäude war: eine mennonitische Kirche.

Weiß man dies, wird die Stileinordnung sinnlos, denn sakrale Architektur, die freiwillig oder aus äußerem Zwang, von größter Kargheit geprägt war, gab es schon lange vorher. Immer waren es die Minderheiten, die so bauten, meist also die Juden. Daher ist es kein Zufall, daß diese mennonitische Kirche nicht viel anders aussieht als etwa die Synagoge in Włodawa, deren Erbauung noch in den Barock fällt. Selbstverständlich war die Situation von Anhängern radikaler protestantischer Sekten und Juden in vielem verschieden, aber beide standen sie außerhalb der protestantischen oder katholischen Staatsreligionen ihrer Zeit.

Auch die Lage der Kirche am Rand der Stadt paßt dazu. Als die Mennoniten, Teil der Wiedertäuferbewegung der Reformationszeit und benannt nach einem friesischen Priester, aus ihren süddeutschen und niederländischen Kerngebieten flüchten mußten, siedelten sie sich unter anderem bei Gdańsk an, da die polnische Rzeczpospolita ihnen Religionsfreiheit gewährte. Eigennützig war das nicht, denn die Mennoniten galten als talentierte und fleißige Bauern und Handwerker. Und wohlgemerkt lebten sie bei Gdańsk, nicht in, denn Bürger der Stadt konnten sie erst ab 1800 werden. Ihre neue Kirche bauten sie an dieser Stelle, weil sie so sowohl für die in den Vororten lebenden Mennoniten als auch für die, die ihre neuen Möglichkeiten nutzten und nach Gdańsk zogen, gut erreichbar war.

Es ist eine gewisse Ironie, daß das so zurückhaltende Gebäude durch die später angelegte Bahnstrecke in eine exponierte Lage versetzt wurde und nunmehr gerade durch seine schlichte weiße Gestalt auffällt. Doch selbst das gilt nur im Winter; in den warmen Jahreszeiten versteckt es sich hinter hohen Bäumen.

Die Rückseite von Oliwa

Die Klosterkirche von Oliwa im Norden von Gdańsk ist ein vom Barock veränderter gotischer Bau. Gotik und Barock sind eine häufige, aber schwierige Kombination. Häufig jedenfalls in diesen Breiten, wo die Kirchen in der Gotik gebaut und im Barock umgebaut wurden, während es kaum sakrale Architektur der Renaissance gibt. Schwierig, weil Gotik und Barock so unterschiedlichen Prinzipien folgen. Die Gotik ist bestimmt von der Kühnheit und Klarheit der Konstruktion und monumental, vertikal, der Barock hingegen von der Vielfalt der Schmuckformen und verspielt, horizontal. Dies gilt jedenfalls grundsätzlich, obwohl es auch klarst konstruierten Barock und horizontalste Gotik gibt. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten des Aufeinandertreffens von Gotik und Barock und alle drei kann man am Kloster Oliwa erleben.

Die Vorderseite der Klosterkirche zeigt die ungünstigste Möglichkeit.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Zwischen zwei hohen dünnen Backsteintürmchen bleibt dem Barock nur eine hohe und schmale Fläche, mit der er gar nichts anzufangen weiß. Er rundet die Spitze des einen gotischen Fensters ab, klebt puttenumringte goldene Marien- und Jesus-Monogramme auf, schlägt zwei weitere geschwungene Fenster hinein, schreibt noch schnell das Datum 1771 hinzu und beendet das Ganze mit einem kleinen Giebel.

So nimmt der Barock dem Gotik die Klarheit und die Gotik zwingt den Barock ins Monumentale. Auch das schon 1688 errichtete Portal schafft es nicht, dieser Fassade ein wenig menschliches Maß zu geben.

Alle Bemühungen des Barock sind hier vergebens und wirken so verzweifelt wie die kleine Maria und der kleine Jesus, die sich in den namensgebenden Olivenbaum eines Reliefs geflüchtet zu haben scheinen, ohne daß ihnen das Gold ihrer Kronen dort noch viel nützte.

Die Längsseite der Klosterkirche zeigt die wohl typischste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock.

Vor dem gotischen Baukörper stehen ein kleiner Eingangsbau und eine größere Kapelle aus dem Barock, aber sie interessieren sich überhaupt nicht für ihn, sie bemühen sich nicht im geringsten, auf ihn Bezug zu nehmen, sie stehen einfach in selbstbewußter Gleichgültigkeit davor. Hier verbinden sich Gotik und Barock überhaupt nicht, sondern stehen bloß beieinander.

Der Rückseite der Klosterkirche bleibt es denn vorbehalten, die beste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock zu zeigen. Auf dieser Seite sind die einzigen beiden Strebebögen in Oliwa, diese markantesten Elemente der gotischen Baukunst.

Sie schwingen sich von den niedrigen Pfeilern des Chorumgangs schräg zu den beiden hintersten Pfeilern des Chors auf,  die eine Fläche mit spitzbögigem Fenster rahmen. Dieses Fenster nun nahm der Barock auf. Wie bei den anderen Fenstern des Schiffs ließ er die Form unangetastet, aber krönte seine Spitze noch mit einem kleinen Kreuz in einem eigens dafür angebrachten weißen Putzstreifen. Statt nur mit neuen Fenstern füllte er diese spitzbögige Fläche auf seine eigene Art. Unten ist ein großes und rundes Fenster, ganz wie der Barock es mag, und darüber ist ein weißes Relief. Es zeigt rechts einen Greif, der nach links gewandt an einer Art Pult mit Wappen, Bischofshut und -stab, einem Altar vielleicht, steht und oben etwas links der Mitte einen weiteren Olivenbaum, in dem diesmal Gott und Jesus sitzen.

Alles ist hier in Bewegung, die Seiten des Pults geschwungen und zu beiden Seiten dünne Ranken, die auch aufspritzende Wellen sein könnten. Hier greift der Barock feinfühlig das Beste der Gotik, die Strebebögen, auf und verwandelt es mit seinem Kunstwerk.

Zuerst mag es überraschen, daß dies hier geschieht, an der Rückseite. Wieso befindet sich dieses Kunstwerk, das so viel gelungener und lebendiger wirkt als alles an der Vorderseite, gerade hier, wo es doch keiner sehen kann? Die Antwort ist einfach: einer konnte es sehen. Die Rückseite ist nicht einfach eine Rückseite, sondern die Seite, die zum Abtspalast zeigt. Durch eine Mauer getrennt, aber direkt daneben ist ein Vorplatz des Palasts. Er ist ein recht einfacher Barockbau, zwei Geschosse mit großen Fenstern, im mittigen Giebel ein Fenster, dessen Form dem an der Vorderseite der Kirche ähnelt, und die Pilaster auf rokokohafte Rankenornamente reduziert, die denen im Relief an der Rückseite ähneln.

Der Abt Jacek Rybiński, der die Klosterkirche barock umbauen ließ, ließ sich auch diesen Palast errichten. Er steht genau so, daß er die Kirche zu seinem rechten Seitenflügel macht, und genau deshalb befindet sich dort das Relief.

Während die monumentale Vorderseite und auch die nonchalante Längsseite für das Publikum, das gemeine kirchenbesuchende Volk gedacht waren, existierte diese Rückseite nur zum Privatvergnügen des Abts Rybiński. Erst dadurch, daß er das Schönste an der Kirche gleichsam zum Teil seines Palasts machte, zeigte sich Rybiński so wirklich als Kirchenfürst. Daraus ergibt sich dann die Interpretation des Reliefs: das Wappen auf dem Altar ist Rybińskis, darauf liegen die Isignien seines Rangs, der Altar und der daraus wachsende Olivenbaum sind das Kloster und der so selbstbewußt stehende Greif, das ist doch wohl er selbst, Abt von Oliwa.

Rybiński war der letzte, der sich so fühlen konnte, und er erlebte noch, wie sehr er sich mit seiner Selbsteinschätzung getäuscht hatte. Er war der letzte polnische Abt von Oliwa und der letzte, der zugleich weltlicher Herrscher war, da die Gegend 1772 in der ersten polnischen Teilung Preußen eingegliedert, der Klosterbesitz verstaatlicht und das Kloster 1831 schließlich aufgehoben wurde. So überrascht es auch nicht, daß der Blick auf diese gotisch-barocke Symbiose heute von großen Bäumen fast verdeckt ist.

Darin eine bewußte antikatholische Maßnahme der preußischen Landschaftsarchitektur zu sehen, wäre so verlockend wie zweifelsohne übertrieben. Eher zeigt es einfach, wie leicht das Gefühl für architektonische Zusammenhänge, die in der Erbauungszeit offensichtlich waren, verloren geht.

Kirche und Palast, als Einheit gedacht, sind heute auseinandergerissen, gehören in verschiedene Welten. Wenn man vor der Kirche steht, ahnt man vom Palast nichts, und wenn man vorm Palast steht, ahnt man nicht, was die Strebebögen beim Chor bergen.

Was einst Privatvergnügen des Abts war, ist heute Vergnügen all derer, die genau genug hinschauen.