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Tiere im Falowiec

Die Vorstellung, daß einen das Leben in hohen Gebäuden von der Natur entfernte, ist ganz falsch. Es kommt bei allen Gebäuden, niedrigen wie hohen, vor allem darauf an, wie die Umgebung aussieht. Wenn diese wie in fortschrittlichen Wohngebieten aus üppigen Parklandschaften besteht, bringt einen das Leben in hohen Gebäuden der Natur im Gegenteil näher.

In meiner Wohnung im neunten Stock eines Falowiec (Wellenhauses) in Gdańsk-Przymorze ist die Tierwelt nie weit. Schon, wenn ich aufwache, ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich eine Taube auf meiner Balkonbrüstung sitzen sehe oder, seltener, eine Elster oder einen Spatzen. Wenn ich aufstehe und hinausblicke, gehören die Lüfte über Przymorze ganz den großen Silbermöwen und Nebelkrähen, zu denen sich noch die kleinen Lachmöwen gesellen. Im Sommer sind auch Schwalben zu sehen, aber die, klein, schnell, hochfliegend, gehören in eine andere Welt. Da es kein Wasser gibt, verirren sich Enten nur selten hierher, am ehesten hört man nachts ihren schnatternden Flug. Unten in den Grünanlagen gehen Leute mit ihren Hunden spazieren und vor allem abends kommen Katzen, die hier halb wild leben, hervor, doch auch der Boden gehört letztlich den Vögeln. Sie gehen hier ihrem Tageswerk nach: der Nahrungssuche, dem Überleben.

Ist das Artenvielfalt? Vermutlich nicht. Es wäre zweifelsohne interessant zu sehen, welchen Einfluß ein Greifvogel, etwa der Sperber, der im Frühling mal auf meinem Balkon saß, auf die Vogelwelt hätte und Papageien gäben einen hübschen Farbakzent, aber wenig ist auch das Vorhandene nicht. Es sind alles Tiere, die mit dem, durch den Menschen leben. Was ihr natürlicher Lebensraum sein mag, interessiert sie wenig, sie leben hier in dem, was wir für uns geschaffen haben. Für die Elstern, Spatzen, Dohlen stehen im Mittelpunkt recht konventionell die Bäume. Die Krähen sind ohnehin nur zu Besuch und überall wie nirgendwo. Die Möwen mögen die Dächer der niedrigeren Gebäude und die Laternen. Die Tauben bewohnen den Falowiec, der mit seinen vielen Balkonen und den dort im Laufe der Zeit von den menschlichen Bewohnern geschaffenen Winkeln und Nischen besser für sie geeignet ist als mancher natürliche Fels.

Die verschiedenen Vogelarten leben gemeinsam und nebeneinander in Przymorze. Gemeinsam fressen sie die Brotreste, die ihnen hingeworfen werden, oder was auch immer einer Krähe aus einem Mülleimer zu holen gelang, aber sie konkurrieren dabei auch immer. Wo die Krähen ihre Intelligenz und die Silbermöwen ihre schiere Größe und Aggressivität einsetzen, müssen die anderen sich auf die richtige Mischung aus Vorsicht und Risikobereitschaft verlassen. Meister darin, falls das kein Widerspruch in sich ist, sind die Tauben.

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Überhaupt die Tauben. Von allen Tieren passen sie am besten zur fortschrittlichen Architektur: sie sind grau, einfach, naheliegend, aber haben auch einen überraschenden Moment schillernder farbiger Schönheit. Da sie sich am liebsten auf den Balkonen, Brüstungen, Fensterbänken aufhalten und auch nicht davor zurückschrecken, durch offene Balkontüren zur Erkundung in Wohnungen zu gehen, wird man sie beim Leben in der Höhe am besten von allen Tieren kennenlernen. Die ständigen Bewegungen des Kopfs, um möglichst alles zu sehen. All die Zeichnungen des Gefieders und die stetig changierenden Farben der Halsfedern in verschiedenen Lichtsituationen. Der Flug, vom flatternden Aufsteigen über den eleganten Segelflug bis zum waghalsigen Sprung vom Balkongeländer ins Leere, der für sie so normal ist wie für uns unvorstellbar. Das Gurren der Balz. Die immer nur kurzen Kämpfe mit Picken und Flügelschlagen. Das stille und schicksalsergebene Dasitzen in der Dunkelheit, plötzlich ganz frei von der Angst und Vorsicht, die sie durch den Tag gebracht hatten.

Nicht nur näher bringt einen das erhöhte Leben der Natur, sondern es eröffnet auch ganz neue Perspektiven auf sie. Im kleinbürgerlichen Einfamilienhaus mag man sie in einzelnen Einblicken erleben, hier oben im poor man’s penthouse (Penthouse des armen Mannes) hat man sie im Überblick. Es ist gar nicht möglich, auf dem Balkon zu sitzen, ohne wenigstens aus den Augenwinkeln verschiedenste Vögel im Flug zu erleben. Vögel sind von hier gesehen nicht mehr etwas, das fern über einem ist, sondern etwas im weiten Bereich vor einem. Oder ganz nah bei einem. Nichts eigenartiger Schönes, als vom Balkon im neunten Stock aus die Lachmöwen zu füttern, ihnen Krumen hinzuwerfen und sie von ihnen aufgeschnappt zu sehen, während sie vor einem in der Luft gleichsam stehen. Oder oft gar unter einem. Nichts Majestätischeres als der Anblick einer Silbermöwe, die viele Stockwerke unter einem langsam am Gebäude entlangsegelt.

Die Schönheit und Majestät ist jedoch nicht die des Vogels im Flug, sondern die des Menschen, dessen Größe diesen Anblick ermöglicht. Aus einem hohen Gebäude kann die Natur nah und schön sein, aber immer als etwas, das vom Menschen gestaltet, also recht eigentlich erst geschaffen ist.

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„Polnisch-französische Küche“

Hohe und niedrige Küche existieren immer nebeneinander und sind auf vielfältige, später oft nicht mehr zu ergründende Weise verbunden, was alte Spuren dieser Verbindungen so faszinierend macht.

Wer heute in Polen gutes Essen sucht, wird in Restaurants verschiedenster Preisklassen sicher fündig und auch Pierogi bekommt er dort. Wer aber authentisches Essen sucht (denn es ist ein Irrtum, daß gut und authentisch immer dasselbe seien), der kommt um eine Bar Mleczny nicht herum. Diese Milchbars sind ein Produkt des Sozialismus der PRL (Polnischen Volksrepublik), aber noch immer so verbreitet, daß man in Polen beim Wort „bar“ eher an einen Ort, wo man Pierogi ißt, als an einen, wo man Cocktails trinkt, denkt. In Gdańsk gibt es noch einige von ihnen, auch wenn schon einige schlossen. Auch sie liegen preislich wie in der Gestaltung recht weit auseinander, aber vom Sozialismus ist nicht mehr viel zu spüren. In der angemessen benannten Bar Turystyczny (Touristischen Bar) im Zentrum kann man bereits mit Karte zahlen und von den resoluten Frauen hinter der Theke in Ansätzen von Englisch kommunizieren, aber auch die Bar Mleczny przy Rynku (Milchbar am Markt) in Przymorze hat Einrichtung wie aus einem IKEA-Prospekt.

Wirklich authentische Versionen solcher nachsozialistischen Schnellrestaurants findet man am ehesten noch in der Provinz, in den Kleinstädten. In Wejherowo etwa gibt es die Społem Bar Expresso. Schon der Name ist eine hübsche Schöpfung, die man nicht mißverstehen sollte, denn während man einen Kaffee wohl bekommen könnte, sollte man mit einem Espresso nicht rechnen.

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Das Lokal befindet sich in einem Wohnhaus, das noch heute dem örtlichen Zweig der Genossenschaft Społem gehört und neben einem Laden gibt es auch eine Gedenktafel für Alfons Chmielewski, den Gründer der Vorläufergenossenschaft Zgoda (Eintracht) im Jahre 1919.

Alfons Chmielewski
1849 – 1934
Leidenschaftlicher Patriot und gesellschaftlicher Aktivist. Unermüdlicher Fürsprecher der Verbreitung des Genossenschaftsgedankens.
Organisator der Konsumgenossenschaft „Zgoda“ [Eintracht] in Wejherowo ab dem Jahr 1919.
Kämpfer für den polnischen Charakter der kaschubischen Länder.
1924 mit dem Orden „Polonia Restituta“ ausgezeichnet.
Ehren seinem Andenken!
Wejherowo, April des Jahres 1969

Innen sind die billige weiße Einrichtung und die beunruhigenderweise bis zur Decke reichenden weißen Kacheln zwar aus den Neunzigern, aber die schwarze Speisetafel mit den weißen Plastikbuchstaben doch wohl aus der PRL. Gleiches gilt auch für die Menschen von den schnell wechselnden Speisenden über den sicher stadtbekannten Spinner, der weniger durch das Wolfsweatshirt als durch die graublonden Locken in Polen, wo mehr als zentimeterlange Haare bei Männern äußerst selten sind, als solcher ausgewiesen ist, bis zu der sympathischen Frau hinter der Theke, die mit allen plaudert und zum Abschied ein Lächeln und ein „miłego popołudnia!“ (Schönen Nachmittag!) von ganz südlicher Herzlichkeit schenkt. (weiter nach der Preisliste)

Datum der Berechnung 04 02 – 2019 Preisliste
Preisliste Preis Gewicht Datum  28 02 – 2019 Preis Gewicht
Kutteln Tee
Tomatensuppe mit Nudeln Kaffee
Ukrainischer Borschtsch Senf
Schweinerippchen Zucker
Brathähnchen Brötchen
Bigos Zwiebelsoße
Bohnensuppe auf bretonische Art Frischer Krautsalat
Schnitzel Eingelegter Krautsalat
Fleischbällchen in Soße Gebratenes Kraut
Schweinegulasch Karotte
Kotelett vom Geflügel Karottensalat
Schweinebraten Salat aus Roter Beete
Frikadelle mit Soße Rote Rüben
Frikadelle Tomatensoße
Gekochte Hachse Kartoffeln
Gebratener Truthahn Filet vom Dorsch
Gulasch vom Herz Rührei
Klöße mit Fleischfüllung Frikadelle
Hering

In den Bar Mleczny Polens nun gibt es, neben vielem anderen, etwas, das manchmal als „Devolay“ angepriesen ist, eine Art spindelförmige panierte Hähnchenroulade mit Butter- und Kräuterfüllung. In den meisten Fällen liest man statt der lautmalerischen, aber trotzdem erkennbar nicht polnischen Schreibung korrekt: „De volaille“ oder auch, wie in der Społem Bar Expresso, „Kotlet de volaille“ (Kotelett vom Geflügel). Wie genau diese halbfranzösische Bezeichnung auf polnische Speisekarten kam und auf denen der Milchbars auch verblieb, ist schwer festzustellen. Eindeutig ist die Herkunft aus der Haute Cuisine.

Einen indirekten Hinweis liefert eine Werbeanzeige des Gdyniaer Hotels Słupski in einigen Ausgaben der sozialdemokratischen Tageszeitung „Danziger Volksstimme“ in ihrem letzten Jahrgang 1936. Daß diese Zeitung sich auch an die damaligen deutschsprachigen Bevölkerungsteile Polens richtete, erkennt man daran, daß ihr Preis als „20 P oder 20 Groszy“ (der Gulden der Freien Stadt Danzig war an den polnischen Złoty, wörtlich Goldener, gekoppelt, die kleinere Einheit waren Pfennig und Grosz) ausgewiesen ist und neben dem „Schiffsverkehr im Danziger Hafen“ auch, kleiner gedruckt, der „Schiffsverkehr im Gdingener [Gdyniaer] Hafen“ notiert ist. Daß die Zeitung noch 1936 erscheinen konnte, weist darauf hin, daß die Freie Stadt eben nicht zu Deutschland gehörte und sich die lokale NSDAP bei der Gleichschaltung etwas mehr Zeit lassen mußte.

In der Anzeige des Hotels Słupski in der jungen polnischen Nachbarstadt wird noch vor „gut gepflegten Bieten, guten Getränken, soliden Preisen“ und „erstklassiger Bedienung“ die „polnisch-französische Küche“ ausgepriesen. Was genau es dort zu essen gab, weiß man nicht, aber es steht außer Zweifel, daß „De volaille“ dazugehörte.

Das Gebäude des früheren Hotels Słupski steht noch immer beim Gdyniaer Bahnhof. Allerdings würde man ihm sogar, wenn es noch ein Hotel wäre, kaum ansehen, daß es einst eines der ersten Häuser am Platz war, da es mit seinen drei Geschossen schon Ende der Dreißiger von höheren Bauten der schnellwachsenden Großstadt in die Zwinge genommen wurde.

Die letzten Reste der polnisch-französischen Küche des Hotels Słupski und anderer polnischer Hotels seiner Zeit aber sind volkstümlich geworden und leben in den Bar Mleczny weiter. Während Mitte der Dreißiger deutsche Ausflügler in Gdynia darüber rätseln mochten, was denn ein „De volaille“ sein könnte, tun es heute vielleicht deutsche Touristen in einer Bar Mleczny.

Die Herkunft des Gerichts ist übrigens eine etwas andere als man denken könnte: es handelt sich zwar tatsächlich um eine Erfindung der französischen Küche, allerdings nicht der in Frankreich, sondern der in Rußland im späten 19. Jahrhundert, weshalb das Gericht im Rest der Welt als Hühnchen Kiew mehr oder weniger bekannt ist. Das ist jedoch letztlich egal, denn international und französisch genug ist das allemal und daß Polen der französische Bezug lieber ist als ein russischer oder ein ukrainischer es wären, ist bloß eine weitere Wendung in der kulinarischen Geschichte.

 

 

Gang durch einen fehlenden Park

Der Park Oliwski (Oliwaer Park) will zum Meer. Da das etwa dreieinhalb Kilometer entfernt ist, gelingt ihm das nicht, aber er will es zumindest, wie alle barocken Parks das Absolute wollen, die völlige Verwandlung und Ordnung der Welt. Seinen Willen zeigt er dadurch, daß seine zentrale Allee zwischen Wänden aus Bäumen erst in ein langes Bassin übergeht und gerade fortgesetzt bei Przymorze aufs Meer stieße.

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Was der Park will, gelingt dem Potok Oliwski (Oliwaer Bach) ganz natürlich. In den Hügeln des Walds, an dessen Rand der Park liegt, entspringt er, dem Bassin leiht er sein Wasser und in Jelitkowo mündet er ins Meer, weshalb er auch Potok Jelitkowski (Jelitkowoer Bach) heißt.

Die Verbindung zwischen Wald und Meer durch einen Grünzug aber ist nicht nur eine barocke Wunschvorstellung, sondern eine städtebauliche Notwendigkeit. Sie müßte selbstverständlich dem Lauf des Bachs folgen und nicht etwa die barocke Allee fortsetzen. Die Schaffung einer solchen Verbindung ist so naheliegend wie wenige andere städtebauliche Fragen. Martin Kießling beschrieb es 1929 so: „Aus der Ferne sei nur für dieses Gebiet noch einmal die Mahnung gestattet, die Parkverbindung zwischen Oliva [Oliwa] und der See nicht zu vergessen, und nicht in den nie wieder gut zu machenden Fehler Zoppots [Sopots] zu verfallen, die Verbindung zwischen Wald und Seebad durch ein verworrenes Häusermeer zu verriegeln. Diese Verbindung, für die ja in Oliva durch den Glettkaubach [Potok Jelitkowski] […] alle Grundlagen gegeben sind, kann nicht breit genug sein.“ Kein Zweifel, daß folgende Generationen ganz ähnliche, nun polnische, Worte dafür fanden. Und es gibt diese Parkverbindung ja auch fast. In diesem „fast“ allerdings liegt das Problem. Dieses „fast“, das sind drei große Hindernisse, von denen 1929 noch wenige geahnt hätten.

Das erste und größte ist direkt am Rande des Parks die Aleja Grundwaldzka (Grunwald-Allee). Diese vierspurige Straße ist die wichtigste Verkehrsader und städtebauliche Geisel von Gdańsk und der gesamten Trójmiasto (Dreistadt). Beim Park Oliwski zerreißt sie die Verbindung zum nächsten Park, den es ja gibt, der gleich auf der anderen Straßenseite ist. Der Bach ist hier zu einem großen Teich erweitert, ringsherum stehen große Bäume und in der warmen Jahreszeit ist in der Mitte eine große Fontäne.

Um vom Park Oliwski aus dem Bach zu folgen, müßte man über einen Zaun klettern und über die Straße rennen oder geduckt durch einen langen Kanal waten.

Einzig gangbar ist ein zehn Minuten langer Umweg über drei Ampeln. Entsprechend sind an diesem Teich nie viele Menschen und wohl keine von diesen kamen aus dem gegenüberliegenden Park. Nur selten sieht man städtebauliche Möglichkeiten, nein, Zwangsläufigkeiten, so verschwendet. Um dieses Hindernis zu beseitigen, wäre mindesten ein neuer Parkausgang und eine neue Ampel nötig, obwohl es noch besser wäre, wenn die Straße hier aufgestützt geführt würde, um den Fußgängern ungebremsten Durchgang zu erlauben.

Auf der anderen Seite des Teichs fließt ein betongefaßter Wasserfall in einen kleineres Becken mit einem runden Inselchen, bevor der Bach seinen Lauf durch weitere Parklandschaft fortsetzt.

Bald folgt das zweite Hindernis: die Bahnstrecke. Während der Bach unter ihr hindurchfließen darf, ist der Fußgänger zu einem Weg entlang der Straße Pomorska gezwungen. Obwohl der Umweg nicht groß ist und man den Park nur kurz verlassen muß, wäre es unbedingt notwendig, den Fußgängern beidseits des Bachs Pfade unter der Bahnlinie zu schaffen, damit er, wie dieser fließt, zwischen Kleingärten und Hundeübungsplatz weitergehen kann.

Von nun an ist lange alles, wie es sein soll. Für ein wundervolles Stück gibt es parallel zur Pomorska genau den Parkstreifen, den die Stadt braucht.

Zuerst ein weiterer langgestreckter Teich, dann nach einem weiteren Wasserfall auf Beton große Bäume, Wiesen und, wieso nicht, einige Kleingärten um den mäandernden Lauf des Bachs, nach links zwischen vier quergesetzten Wohngebäuden Öffnungen ins Wohngebiet Żabianka und schließlich noch ein Teich mit Insel.

Hier zeigte der Sozialismus, wozu er fähig ist, obwohl das rechts angrenzende Einfamilienhausgebiet zugleich die Mängel seiner halbherzigen polnischen Variante offenbart.

Erst nach diesem langen Abschnitt folgt als letztes Hindernis die große Straße Chłopska. Wieder ist der nötige Umweg zur nächsten Ampel nicht allzugroß. Man kann dann weiter der Pomorska folgen und obwohl man auf deren Gehsteig angewiesen ist, wirkt der Weg dank dem Lauf des Bachs rechts und hohen Bäumen auch auf dem breiten Mittelstreifen sowie dem hier eher geringen Verkehr halbwegs parkartig. Der Bach erreicht unter mehreren Brücken und durch einen letzten Teich hindurch den Park Jelitkowski (Jelitkowoer Park) und bald darauf den Strand, wo er ins Meer mündet, während die Fußgänger dafür auf Zebrastreifen die kleine, aber stark befahrene Straße Kapliczna überwinden müssen.

Doch es gäbe eine noch weitere, bessere Alternative. Wenn man geradeaus über die Chłopska ginge, was nicht möglich ist, ohne über einen Zaun der Straßenbahnstrecke zu klettern, käme man zwischen einem bewachten Parkplatz und einer Schule in den Park Przymorze (Przymorze-Park).

Durch diesen und seine Fortsetzung bietet sich ein weit großzügigerer und verkehrsfreier Weg Richtung Park Jelitkowski und Meer. Deshalb wäre es  auch hier sinnvoll, mindestens einen weiteren Übergang mit Ampel anzulegen oder besser noch die Straße aufgestützt zu führen und den Boden für die Fußgänger freizuhalten

Dieser letzte Teil des Wegs zwischen Oliwa und dem Meer ist der, der sich am leichtesten zum einheitlichen Park zusammenfügen ließe, weil er fast ausschließlich aus Grünflächen besteht, doch er ist zugleich der, in dem die ärgerlichsten Hindernisse sind: neue teure Einfamilienhäuser abseits der Chłopska, die den Bach für ein Stück völlig zwischen ihren Grundstücken einhemmen. Hier zeigt der Kapitalismus, wie entschlossen er ist, wie sehr es zu seinem Wesen gehört, jeden „nie wieder gut zu machenden Fehler“ zu wiederholen.

Noch aber ist es nicht zu spät. Irgendwann wird der barocke Traum des Park Oliwski in Erfüllung gehen und er wird in verwandelter, gänzlich unbarocker Weise das Meer erreichen, wie es der Bach schon immer tat, die Zivilisation wird die Natur einholen.

LOT

LOT ist einer der letzten Überlebenden in Gdańsk, eines der letzten Gebäude aus sozialistischer Zeit in zentraler Lage. Es steht neben dem Brama Wyżynna (Hohen Tor), wo die gleichnamige wichtige Straßenbahnhaltestelle ist, und es ist nicht zu übersehen.

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Ein langgestreckter Bau parallel zur Straße, zwei Geschosse, das leicht zurückgesetzte Erdgeschoß völlig verglast, im Obergeschoß ein hohes Fensterband zwischen zwei schmalen Bändern aus einer Kunststoffverkleidung in vertikalen Leisten. Das unter der Verkleidungsbänder ist blaßorange, das obere ist weiß und trägt die großen, wiederum orangen Buchstaben, die LOT erst zu LOT machen. Dreimal, an den Seiten und in der Mitte, ist das LOT-Logo in seiner ganzen Einfachheit: die Buchstaben kursiv, das O unten mit dem L und oben mit dem T verbunden. Dazwischen steht links „Polish Airlines“ und rechts „Polskie Linie Lotnicze“, was nicht mehr ist als eine Erläuterung dessen, was LOT ist: die Polnischen Fluglinien. Daß LOT trotz der Großschreibung keine Abkürzung, sondern ein eigenständiges Wort mit der Bedeutung Flug ist, bleibt Nebensache.

So, Glas, Verkleidung, Logo, steht LOT links neben dem wehrhaften und abweisenden Brama Wyżynna. Rechts von ihr steht ein backsteinernes Bankgebäude aus der preußischen Zeit mit fünf Geschossen und historistischen Formen. Vor dem Krieg stand auch an der Stelle von LOT ein ähnlicher Bau, ein Hotel aber. Es lohnt, die beiden Seiten des Brama Wyżynna zu vergleichen.

Rechts der preußische Klotz, der in den Formen an Gdańsker Altes anknüpfen will, aber den Blick auf alles Alte wie Neue ringsum versperrt. Links LOT, das mit seinen Formen voller Selbstbewußtsein in seine Zeit gehören will, wiewohl die orangene Farbe durchaus auf das Backsteinrot des Alten Bezug nimmt. Vor allem aber ist der preußische Eckbau Teil der Blockrandbebauung, eine Mauer neuer Art, während LOT freisteht, ganz wie das von den Mauern befreite Tor. Die zur großen Straße zeigende Seite ist nur eine von vieren. Die Schmalseiten entsprechen dieser, haben aber nur Platz für die polnische Version des Namens. Vor die zur Stadt zeigende Seite ist rechts ein vertiefter Bereich gegraben und links ein großes Treppenhaus mit vorgewölbter Außenwand gesetzt, das sich mit einer großen verglasten Ecke weiter nach links, zum vom Stadttor am Zwinger vorbeiführenden Weg, öffnet.

Um diese Seite legen sich Grünanlagen, die zum Platzbereich des Targ Węglowy (Kohlenmarkt), der leider zu sehr Parkplatz ist, überleiten.

Und um wie über LOT ist das Panorama der Stadt: die Kuppel des neuen Teatr Wybrzeża (Theaters der Küste), die Giebel der Altstadt, die Türme von Kirchen und Rathaus, der Bau der Bractwo Św. Jerzego (Sankt-Georg-Bruderschaft). Und all das ist auf Wegen um das Gebäude zu erreichen. Denn bei allem Selbstbewußtsein ist LOT bescheiden, es braucht nicht groß zu sein, um seinen Platz zu behaupten, sondern zeigt seine Größe dadurch, daß es großzügigerweise Platz um sich läßt.

LOT ist ein Überlebender aus einer Zeit, die an sich glaubte, ein wenig jedenfalls, und im Bewußtsein lebte, etwas Neues zu schaffen, ein wenig jedenfalls. Errichtet 1961 als repräsentativer Möbelsalon stand es für wachsenden Wohlstand und als Gebäude der staatlichen, also einzigen, Fluggesellschaft LOT stand es mit der englischen Aufschrift vor der polnischen für Weltoffenheit, für die Verbindung von Gdańsk in die Welt. Es war selbst wie ein Flugzeug, das auch überall sonst in der Welt stehen könnte und doch oder gerade deshalb ganz zu Gdańsk gehörte.

Der Sozialismus, der es erbaute, wurde besiegt und auch die Tage von LOT sind früher oder später gezählt. Neben einem LOT-Reisebüro, das erstaunlicherweise überlebt hat, sind dort heute Kebabläden und Drogerien und hinten ein Nachtclub. Seine Bedeutung für die Stadt aber ist daran abzulesen, daß „pod LOT-em“ (beim LOT) ein typischer Treffpunkt ist.

Auf der zur Stadt zeigenden Seite, über dem Treppenhaus, blieb nach dem LOT-Logo nur noch „Po“, was „nach“ bedeutet und leider paßt, da die Zeit nach dem LOT nicht mehr fern ist.

„Jest po LOcie“ wird man dann sagen, aber wegen der deklinationsbedingten Veränderung der Abkürzung kaum schreiben können, „mit dem LOT ist es vorbei“. Dann wird an seine Stelle ein neuer Klotz treten, der alle Blicke versperren und das Brama Wyżynna wieder in die Zwinge nehmen wird.

Mit LOT wird eines der letzten zentral gelegenen und sichtbaren Zeugnisse der sozialistischen Zeit verschwinden. Wer nun meinte, daß damit ein alter Stadtorganismus wieder geheilt würde, der irrt, denn zum einen stammte das vorherige Gebäude bloß aus dem späten 19. Jahrhundert, zum anderen, auch wenn sich das dem oberflächlichen Blick entzieht: das gesamte alte Zentrum von Gdańsk wurde in der sozialistischen Zeit wiedererbaut und LOT ist ein integraler Bestandteil. LOT ist noch ein langes Überleben zu wünschen.

Schönheit des Irrwegs oder Reihenhäuser in Gdańsk

Einfamilienhäuser wurden in der PRL (Volksrepublik Polen) viele gebaut, was davon zeugt, wie schwach der Sozialismus in diesem Staat war. Auch Reihenhäuser wurden recht viele gebaut als ein schwacher Versuch, das Wohnen in individuellen Häusern zu kollektivieren. Sie erstrecken sich in Gdańsk in vielen Randlagen und sind zumeist recht trostlos anzusehen, oft ist nicht einmal klar, ob sie vor oder nach 1990 entstanden und es ist auch egal. Wie reizvoll eine Straße mit Reihenhäusern sein kann, wenn städtebauliche Einordnung wie architektonische Ausgestaltung stimmen, kann man in der Kręta (Gewundenen Straße) betrachten, die in Wrzeszcz liegt, aber mit dem typischen Wrzeszcz nichts zu tun hat.

Entscheidend ist, daß an ihrer rechten Seite höher am Hang vier viergeschossige Wohngebäude stehen. Sie sind denkbar klar gestaltet: im Erdgeschoß Garageneinfahrten und vor den oberen Geschossen durchgehende vorgesetzte Balkone, deren Geländer mal aus braunem Holz, mal aus grauem Kunststoff, mal aus Platten mit kleinen quadratischen Kacheln bestehen. Beim Gebäude an der Ecke zur den Hang hinaufführenden Jarowa (Schluchtstraße) laufen die Terrassen der beiden obersten Geschosse zusätzlich um die Ecke. Zwischen den Gebäuden sind im steil ansteigenden Hang üppige Gärten und die teils über Treppen zu erreichenden Eingänge. Daran und an den breiten Fenstern der nicht unterteilten Balkone ist zu erkennen, daß in den Gebäuden pro Geschoß nur eine Wohnung ist, in den beiden obersten womöglich sogar nur eine doppelgeschossige.

Die Reihenhäuser auf der linken Straßenseite bestehen jeweils aus einem breiteren zweigeschossigen Teil und einem schmaleren flachen, der erst weiter hinten wieder zweigeschossig wird. Die flachen Teile zeigen abwechselnd nach rechts und nach links, so daß die einzelnen Häuser mit ihnen aneinanderstoßen und die Reihe etwas aufgelockert wird. Die Erdgeschosse sind jeweils weiß verputzt, die Obergeschosse sind mit dunklem Holz verkleidet und die Linien der etwas höher als die Flachdächer geführten Seitenwände der zweigeschossigen Teile bestehen aus rotem Backstein. Da die Reihenhäuser in schmalen Vorgärten etwas niedriger als die Straße stehen, führen Stege aus Beton zu den mittig gelegenen Eingängen. Diese kleinen versenkten Gärten genügen, mehr üppiges Grün zu den drei Farben der Gebäude zu bringen.

Von der anderen Seite hat jedes der Reihenhäuser in zwei Geschossen durchgehende Balkone mit hölzernen Brüstungen und ein Erdgeschoß mit Garage, das sich zu einem Garten öffnet.

So wird die Hanglage hier voll ausgenutzt.

Was diese Reihenhausstraße von anderen in Gdańsk abhebt, ist vor allem, daß sie nicht nur aus Reihenhäusern besteht, dann, daß die Gebäude so klar und einprägsam gestaltet sind und diese Gestaltung noch keinen Umbauten zum Opfer fiel, und nicht zuletzt, daß die topographischen Gegebenheiten berücksichtigt sind, um allen Wohnungen und Häusern gleichberechtigte Blicke über das Królewska Dolina (Königstal) zu eröffnen.

Das ist zweifelsohne schön und gelungen. Eine solche Straße würde auch in der Tschechoslowakei, etwa in den Hügeln von Brno oder Liberec, nicht auffallen. Aber ebensogut wäre sie in irgendeinem wohlhabenderen Vorort irgendeiner westdeutschen Großstadt denkbar. Das zeigt, falls es nicht ohnehin klar ist, daß Reihenhäuser, ob nun in Polen, der Tschechoslowakei oder sonstwo, eine bürgerliche Wohnform sind. Man kann die stille Kręta nicht entlanggehen, ohne zu spüren, daß sie immer eine privilegierte Lage war. Wer hier in großen Wohnungen oder kleinen Häusern wohnte, hatte mehr als die Bewohner von Przymorze oder von Morena, dessen Hochhäuser über das Tal zu sehen sind.

Daß diese Straße so gelungen ist, ist gerade das Problem, denn sie hätte in einem sozialistischen Staat, der für alle baut, nie eine Priorität sein dürfen. Gerade die besten Reihenhäuser zeigen, wieso es Reihenhäuser nicht geben sollte. Einzig mehr- und vielgeschossige Wohnbauten, die möglichst vielen Menschen nützen und eine möglichst weitgehende Vergesellschaftung der Haushaltsfunktionen erlauben, können wirklich fortschrittliche Architektur sein. Wenn diese dann außerdem die Vorzüge von Reihenhäusern aufgreifen, entstehen Wunderwerke, die wir uns noch kaum vorstellen können.

Forum Gdańsk

Daß Wichtigste an Gdańsks neustem und größtem Einkaufszentrum kann man auch am leichtesten übersehen: es wurde über die Gleisanlagen unweit des Hauptbahnhofs gebaut. Schon allein deshalb verdient es Beachtung.

Was die Formen der verschiedenen Bauteile angeht, ist Forum Gdańsk gänzlich reaktionär. Wiewohl alle zugleich erbaut worden, lügen sie eine Vielfalt vor. Rechts vorne die Kunszt Wodny (Wasserkunst) mit dunkelgrauer Metallverkleidung, großen Fensterflächen, einem spitz zur Straße weisenden Teil, noch das hübscheste Gebäude und gegenwärtig leerstehend oder noch nicht fertig, vielleicht beides.

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Links vorne ein hoher verglaster Bau, der in den Linien im Glas und der vieleckigen Form des grauen Dachs Asymmetrien vortäuscht. Dahinter dann billigste neohistoristische Dinge in Backstein und Glas, wie sie in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland überall gebaut wurden. Irgendwo auch nachgeahmte Satteldächer. Dazwischen ein Backsteinbau aus der Kaiserzeit, da Gebäude wie dieses immer gerne als Beispiel des Alten erhalten werden, ohne daß sie es irgendwie verdient hätten.

Weit besser ist der zwischen all dieser architektonischen Nichtigkeit entstehende Raum, denn Forum Gdańsk liegt direkt gegenüber dem alten Stadtkern, bloß eine, allerdings vielspurige Straße, trennt es von dem Brama Wyżynna (Hohen Tor). Von dort kommt man durch eine schon vorher bestehende und nur umdekorierten Unterführung erst auf einen kleinen tiefergelegten Platzteil und dann über eine breite Treppenanlage weiter links auf den größeren ebenerdigen Platzteil.

Dieser ist groß und frei, mag ohne Menschen auch bloß trostlos und leer wirken, aber er ist zur alten Stadt geöffnet und das genügt.

Der Blick auf die Tore und Türme von Gdańsk ist großartig und kann nur großartig sein. Die nichtige Architektur um einen ist leicht vergessen, wenn man aus ihr auf das wiedererbaute architektonische Erbe vieler Jahrhunderte schauen kann.

Das Forum Gdańsk hätte sich wirklich bemühen müssen, um in dieser Nachbarschaft nicht einen einigermaßen gelungenen Platz zu schaffen. Als Ausdruck dieses Bemühens hängte es an den asymmetrisch verglasten Bauteil einen riesigen irgendwie stilisierten, aber dennoch bedrohlichen Löwen aus braunem Blech. Mittlerweile haben auf seinem rostigen Haupt immerhin Tauben einen Nistplatz gefunden.

Grundsätzlich weiß das Forum aber offenbar, daß es viel mehr als den Blick aufs Alte nicht bieten kann und fügte in die Treppen größere holzverkleidete Stufen als Sitzbereiche ein. Man sitzt dort wie in einem Theater mit Blick auf die Kulisse von Gdańsk und das durch den unteren Platz fließende Leben.

Sogleich wurden diese Sitzplätze der beliebteste Ort des Forums. Daran sieht man zugleich, daß es zu wenige solcher Orte gibt und man ahnt, wie eine fortschrittliche Gestaltung dieses Raums hätte aussehen können.

Quer durch den oberen Platzteil fließt in einer Senke der Kanał Raduni (Radunia-Kanal), den an dieser Stelle wieder sichtbar zu machen die große, und ja nicht schlechte Idee von Forum Gdańsk ist. Auf ihn bezieht sich die Kunszt Wodny rechts, unter der er hindurchfließt, und er fließt auch schon durch das eigentliche Einkaufszentrum weiter links.

Dessen zentraler Teil ist architektonisch ziemlich schlicht, nicht mehr als ein weites gläsernes Dach und zwei gläserne Wände zwischen den anderen Bauten der linken Platzseite. Sein Inneres wirkt wie ein Außenraum und ist auch so gedacht. An Stahlelementen aufgehängte Brücken spannen sich darüber und einige große Balkone, auch manche mit silbrig verkleideten Unterseiten, hängen hinein.

Unten in der Mitte fließt der Kanal und wird das vielleicht irgendwann auch sichtbar tun; gegenwärtig ist er verdeckt und daß die Gestaltung der Bedeckung bereits variiert wurde, deutet wohl darauf hin, daß das noch länger so bleiben wird. Seine nächste Umgebung ist als nachgeahmter Stadtraum gestaltet, es gibt Straßenlaternen, Kopfsteinpflaster und auch eine Brücke, die so tut, als wäre sie aus Backstein. So lächerlich und billig vieles hier ist, der eigentliche Raum ist in seiner Größe und Offenheit durchaus angenehm und besser als in den allermeisten anderen Einkaufszentren. Es ist sogar leicht, zu vergessen, daß man in einem Einkaufszentrum ist, was das Potential dieser Gebäudeform zeigt.

Der nach links entlang der Straße verlaufende Bereich des Forums Gdańsk schließlich wurde als eine Art künstlicher Hügel gestaltet.

Zwischen schrägen Beeten führen lange Treppe zu einer Terrassenebene, die mit dem obersten, dem Food Court- und Kinoeingangsbereich des Einkaufszentrums verbunden ist. Von hier nun hat man einen ganz neuen Blick auf Gdańsk. Hier sieht man nicht mehr nur wie vom Platz unten die Altstadt, sondern weit darüber hinaus.

In mittlerer Entfernung beim Bahnhof die Hochhäuser und direkt vor einem die Straße, die aus dieser Perspektive nicht mehr bloß ärgerliches Hindernis, sondern mit der geschwungen um die Ecke führenden Brücke und dem Tunnel als wichtiges Verkehrsbauwerk zu erkennen ist.

Hier benutzt das Forum nicht bloß die Nähe der Altstadt, sondern schafft einen ganz eigenen Raum, den es vorher nicht gab.

Fast unnötig zu erwähnen, daß keiner der drei beschriebenen Teile von Forum Gdańsk – Hügel, Innenraum, Platz – ein wirklich öffentlicher Raum ist. Die Treppen zur Terrasse können abgesperrt werden, der verglaste Innenraum ist eben doch der eines Einkaufszentrum und auch auf dem Platz mit Altstadtblick, der immer zugänglich ist, hat die private Betreiberfirma Hausrecht.

Doch all das, all das Abwägen positiver und negativer Aspekte, ist letztlich egal, weil das Forum Gdańsk nicht das leistet, was ob seiner Lage seine entscheidende Leistung sein müßte: vorher getrennte Teile der Stadt auf neue Arten zu verbinden. Die Voraussetzungen wären da, schließlich ist es über die Gleise gebaut, was bereits in Deutschland, wo es schwer genug ist, auch nur Bahnhöfe über Gleise zu bauen, kaum denkbar ist. Daß es die Straße zur Altstadt nicht überbrückt, nicht einmal die Unterführung verändert, kann man ihm verzeihen und auch noch, daß die Unterführung zum SKM-Bahnhof Śródmieście rechts der gesamten Anlage lang und ohne guten Zugang ist. Aber auf die Verbindung zu den Bereichen jenseits der überbauten Gleise käme es an. Vom Platz aus führt sogar eine Treppe geradeaus und weiter ein Weg. Doch  nach links blickt man über ein kieselbedecktes Dach, unter dem die Gleise sind.

Aus bizarren Gründen ist gerade hier weder ein Weg noch ein Gebäude. Dann endet der Weg abrupt an der nächsten Straße und Treppen führen seitlich hinab auf den Gehsteig. Nicht einmal eine Ampel leitet in direkter Fortsetzung über die Straße.

Die eigentlich so nahen Bereiche bleiben so fern wie eh. Ihnen wendet Forum Gdańsk bloß sein Parkhaus oder andere Wände zu. Von hier aus gesehen ist es eine Mauer zur Altstadt und der schlecht zu erreichende Weg wie ein Hohn.

Trotz all seinem Potential scheiterte Forum Gdańsk dort, wo es wichtig wäre. So groß es ist, so gut seine Lage, es bleibt eben ein Stück kapitalistischer Architektur, das die Stadt weder grundsätzlich verändert noch verändern kann.

Bauen für die Zukunft

Es war einmal ein Vororthäuschen, das mehr sein wollte. Als es 1899 erbaut wurde, stand es in mindestens zweifacher Hinsicht am Rande: am Rande von Oliwa und mit diesem am Rande von Gdańsk, zu dem es noch nicht gehörte und von dessen polnischem Namen beide noch wenig ahnten. Doch es lag auch mit einer Handvoll anderer Häuschen, die zusammen nach einem kleinen Gasthaus auf älteren Karten Klein-Krug hießen, an der Chaussee nach Sopot und wenn schon Oliwa ein Villenvorort war, dann war Sopot geradezu mondän. Das wußte das Häuschen und dementsprechend zeigte es sich.

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Es hat bloß zwei Geschosse, von denen das obere bereits halb unter dem Satteldach liegt. Zum Nachbarhaus, das in nur geringem Abstand links steht, hat es eine Brandmauer, läßt es sich aber nicht nehmen, sie oben, vor der zur Straße zeigenden Hälfte der Dachschräge, mit einem Treppengiebel als irgendwie Gdańsker Zitat zu beschließen. Im linken Teil ist im Erdgeschoß wie im Obergeschoß je ein großes Fenster, wobei das obere als halbe Gaube aus dem Dach ragt. Der rechte Teil ist zur Straße hin leicht vorgesetzt und endet im Erdgeschoß als halbes Achteck. Im Obergeschoß ist darauf ein Balkon, hinter dem eine große rundbögige Fenster- und Türfläche ist. Das über diesem Teil quer gesetzte Satteldach beschirmt den Balkon und unter seinen Schrägen nehmen geschwungene Balken das Rund des Fensters wieder auf.

Und über all dem ist der Turm. Sein Ansatz hat dank einem gewalmten Teil des Dachs eine Pyramidenform, bevor es auf mit der Spitze zur Straße zeigender quadratischer Grundfläche weiter ansteigt. War er bisher mit rotem Blech verkleidet, so folgt nun ein hölzerner Teil, der mit nach außen geschwungenen Streben breiter wird und mit einem wiederum roten Kuppeldach abschließt. Noch darauf erhebt sich eine hohe Spitze, die über mehrere Kugelelemente immer schmaler wird. Erst weit oben findet sie und damit der Turm mit einer Wetterfahne, in der die Jahreszahl 1899 steht, ihr Ende, aber wie es scheint nur widerwillig, weil die Gesetze der Physik und der damaligen Bautechnik mehr nicht erlauben.

Es ist wirklich ein Turm, kein Türmchen, denn mit ihm verdoppelt das Häuschen seine Höhe beinahe. Architektonisch hat er keinerlei Funktion, aber für den Anspruch des Häuschens ist er entscheidend. Groß wollte es sein, hoch, repräsentativ, den Fuhrwerken auf der Chaussee von Bedeutung und Wohlstand künden. Nicht ein letztlich kleines Vororthäuschen am Rande des Rands, sondern ebenbürtig den Villen von Oliwa und Sopot wollte es sein. Sogar die Jahreszahl 1899 auf der Spitze wirkt symbolisch: das neue Jahrhundert möge kommen, das Häuschen ist fertig, es ist bereit.

Auf ganz anrührende Weise sieht man hier ein Bauen für die Zukunft, die anders als die Potenzierung des Gegenwärtigen aber nicht ansatzweise gedacht werden konnte: bevor ein Nachbar eine wirkliche Villa mit drei Geschosse oder auch bloß zwei vollen baut, muß das Häuschen wenigstens den höchsten Turm haben. Das gelang. Das Häuschen ist auch hundertzwanzig Jahre später noch auf weiter Strecke das repräsentativste auf seiner Straßenseite. Aber das ist nicht deshalb so, weil es den Wettbewerb gewann, sondern weil der Wettbewerb nie stattfand. Alles, worum es sich bemühte, wurde schon wenig später völlig bedeutungslos.

Vor allem rückte es noch mehr an den Rand. Zwar entstand ringsum eine polnische Trójmiasto (Dreistadt), die als Bandstadt viele Zentren oder keines hat, aber die Chaussee wurde zur vielspurigen Schnellstraße, die diesen neuen Stadtorganismus für Autos erschließt und in diesem Abschnitt Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) heißt. Anders als die Fuhrwerke fahren die Autos viel zu schnell, um das nah an der Fahrbahn stehende Häuschen auch nur wahrnehmen zu können, Turm hin oder her.

Und die Zukunft, die wirkliche Zukunft, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Form einiger schräg aufgereihter elfgeschossiger Wohnhochhäuser. Sie bemühen sich nicht darum, hoch zu wirken, sie sind es einfach. Sie wollen nichts repräsentieren, sondern nur ihre Funktion erfüllen. Erst im Vergleich mit dem Häuschen stehen sie für die Zukunft, aber sie vergleichen sich ja nicht mit ihm, sie wissen nichts von ihm, sie existieren in ganz anderen Dimensionen.

Es war einmal ein Vorstadthäuschen, das mehr sein wollte, aber es scheiterte so absolut, daß sogar sein Scheitern unsichtbar wurde.