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Österreichische Tage

In Gdańsk sind gerade Dni Austrii (Östtereichtage) und warum auch nicht, schließlich hat diese Stadt an der Ostsee keinerlei Bezüge zu Österreich und hatte auch in ihrer Geschichte, als sie noch Danzig hieß, keine.

Teil dieser Tage, die am 26.9.2017 begannen und einen Monat dauern, ist eine Ausstellung mit dem originellen Titel Dialog. Sie besteht aus einigen großformatigen Plakaten am Zaun des Park Oliwski (Oliwaer Parks) an der großen Straße Opata Jacka Rybińskiego. Außer reproduzierten Werken vierer Künstler, drei aus Gdańsk, eine aus Österreich, sind darauf auch jeweils deren Namen und die Logos der Veranstalter abgebildet.

Vom Straßenbahnwendekreis Oliwa aus gesehen passiert man zuerst die Arbeiten von Noemi Staniszewska, Photographien von gläsernen Fassaden und den Lichtspiegelungen darin. Das ist harmlos dekorativ und auch schon der Höhepunkt der Ausstelllung. Es folgen zwei billige Computergraphiken von Cezary Paszkowski, zu denen es mehr nicht zu sagen gibt. Dann Bilder von Adriana Majdzińska, die das schwarze Geäst von Bäumen oder auch einer Menora zeigen. Natur und Juden geht immer, wird die Künstlerin zurecht gedacht haben und damit ist dieser handwerklichste Beitrag wohl auch der kommerziell verwertbarste. Den Abschluß bilden verpixelte Collagen von Daniela Litto, die bunt genug sind, um an einer großen Wand in einer teuren Altbauwohnung einen Farbakzent zu setzen und sonst wenig.

Kurz vor dem nächsten Eingang zum Park kann man noch Kurzbiographien der Künstler und Beschreibungen dessen, was ihr Schaffen ausmacht, lesen. Aus ersteren entnimmt man erschreckt, daß die Computergraphiken von einem beinahe siebzigjährigen Professor stammen, dank zweiteren würde man sich wünschen, kein Polnisch zu verstehen, wenn man nicht wüßte, daß diese leeren Worte über leere Kunst in jeder Sprache ähnlich lachhaft klängen.

Am interessantesten jedoch ist vielleicht der Ort der Ausstellung. Er scheint so gewählt, daß sie möglichst wenige Besucher auf möglichst unangenehme Art erleben können.

Der Park mit seinem Palast ist zwar ist einer der beliebtesten und schönsten Orte der Stadt, aber der ist jenseits des Zauns. Wollte man einen Bezug zwischen den Werken und ihrer Umgebung suchen, so fände man ihn zwischen den Bildern von Majdzińska und den aus verschlungenen Zweigen gebildeten Gängen des Parks. Man könnte über Inspiration, den Zusammenhang zwischen Kunst und Natur, was auch immer nachdenken, aber das erübrigt sich, weil man sie niemals zusammen sehen kann.

Draußen, direkt vor dem Zaun, verläuft ein Fahrradweg und nach einem sehr schmalen Streifen für Fußgänger beginnt die vielbefahrene Straße. Durch diese Lage werden auch die interaktiven Elemente der Ausstellung noch interaktiver: wenn man mit der heruntergeladenen App an die Bilder herantritt, um Ton oder Video zu hören oder zu sehen, kann man noch dazu von Fahrrädern über den Haufen gefahren werden.

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Als Resumé (bitte eine der drei Varianten wählen):

a) Wenn alle Aktionen dieser Gdańsker Österreichtage so gelungen sind, werden sie ein voller Erfolg.

b) Immerhin kann man nach diesem Ausstellungsbesuch in den Park gehen, wo man innerhalb der Gartenarchitektur Plastiken und Skulpturen aus der sozialistischen Zeit hat. Diese mal abstrakte, mal gegenständliche Kunst ist vielleicht auch nicht immer besser als die am Zaun, aber zumindest angenehmer zu betrachten.

c) Bleibt zu hoffen, daß die Österreicher für das Ganze gezahlt haben.

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Die Türme des Politechnika

Viel gibt es zur Architektur des Politechnika Gdańska (Gdańsker Politechnikum) nicht zu sagen. Monströse kaiserzeitliche Neorenaissance in rotem Backstein, wie sie zwischen 1880 und 1914 für alle Repräsentationsbauten der Stadt gewählt wurde. Kaum anders könnten die Gebäude einer Institution aussehen, die 1904 als Technische Hochschule zu Danzig gegründet wurde und 1945 zum Politechnika wurde.

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Im Hauptgebäude findet diese unmenschliche Monumentalität naheliegenderweise ihren Höhepunkt und es ist nur den großen Bäumen der darauf zuführenden Allee zu verdanken, daß man sie nicht schon von der Aleja Grunwaldzka, einer zentralen Achse der Trójmiasto, sieht. Durch die Alleebäume auch bemerkt man von Weitem das gleichsam filigrane Türmchen, das von Nahem nur verloren hoch über den abweisenden roten Mauern sitzt.

Aber es ist ein anderer Turm des Politechnika, der entlarvend viel über diese Architektur aussagt. Aus der Entfernung sieht man seine halbrunde Backsteinform. Schmale vertikale Fenster im Schaft, nach kleinen Stufen weiter vorstehend der obere Teil mit nun umlaufenden Fensterschlitzen und darauf ein spitzes rotes Ziegeldach. Daß der Turm wirklich das irgendwie alte Bauwerk sei, das er zu sein vorgibt, glaubt man ihm nie, bestenfalls wirkt er wie ein historistischer Wasserturm. Und zudem ist da der große Schornstein, der noch über das Dach aufragt.

Bereits, wenn man vor dem Hauptgebäude stehend seitlich auf den Turm blickt, merkt man, daß sich das zuvor zu sehende Halbrund zu keinem Ganzen schließt – es ist ein halber Turm.

Von anderen Stellen im Gelände des Politechnika, wenn man seine Rückseite sieht, merkt man, daß sogar das nicht stimmt. Denn es ist vor allem ein Schornstein, ein ganz gewöhnlicher Schornstein, wie ihn jede Fabrik hat, an den vorne eine Turmfassade angeklebt ist – es ist ein potemkinscher Turm.

Was der Turm in so dankenswerter Klarheit zeigt, trifft auf alle Gebäude des Politechnika und auf alle historistische Architektur zu: sie spiegelt etwas vor, sie klebt Fassaden auf Gebäude, die zu deren Funktion einfach nicht passen. Man bedenke gerade in diesem Fall die Lächerlichkeit dieses Vorgehens: da ist eine der modernsten Technik geweihte Lehr- und Forschungsanstalt, aber sie hält es für nötig, sogar den Fabrikschornstein, dieses Symbol der Industrie, die die modernste Technik hervorbringt, hinter nachgemachtem Alten zu verstecken!

Noch einen weiteren Turm hatte das Politechnika. Er war weniger hoch und aufgrund seiner Funktion als Kühlturm aus Stahl. Um ihn dennoch so gut wie möglich zu verstecken, setzte man ihn hinter die Maschinenhalle, zu der der Schornstein gehört, und zwang ihm eine verzierte Kuppelhaube aus Kupfer auf.

Es ist, als ob er von dort aus verächtlich oder eher bedauernd auf den als Turm verkleideten Schornstein blickt. In den neunziger Jahren wurde der Kühlturm abgebaut und übrig blieb bei einer Informationstafel ausgerechnet die verzierte Haube, während sein Schaft, der nichts als ein schlanker Zylinder aus Stahl war, verschwunden ist.

Daß das Politechnika heute dennoch etwas Architektur hat, deren Formen ihrem Inhalt entsprechen, verdankt sich späteren Bauten aus der polnischen sozialistischen Zeit. Sie sind hoch und groß, aber dabei zurückhaltend und menschlich. Türme brauchen sie keine mehr.

Ein Sturz im Park Reagana

In Gdańsk gibt es einen Park Prezydenta Ronalda Reagana (Präsident-Ronald-Reagan-Park) und in diesem gibt es ein Kunstwerk, das Ronald Reagan und den Papst zeigt.

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Papież (Papst) ist in Polen ein Synonym für Jan Paweł II. (Johannes Paul II.) und in Kunstwerken wird er tausendfach dargestellt, weshalb es vielleicht zutreffender ist, daß dieses den Papst und Ronald Reagan zeigt, nicht andersherum.

Es handelt sich um überlebensgroße Bronzeplastiken, die ein in Miama im Jahre 1987 entstandenen Pressephoto nachahmen. Papst und Präsident nebeneinander gehend, miteinander sprechend.

Das Kunstwerk steht an einem wichtigen Weg, der von Przymorze und einer Bushaltestelle zum Strand führt. Es steht nicht auf diesem Weg, aber auch nicht von ihm abgetrennt. Die Plastiken gehen ohne Sockel auf demselben Boden wie der Betrachter.

Erst seitlich sind niedrige abgeschrägte Betonmäuerchen mit schlecht lesbaren, weil stark spiegelnden Tafeln aus dunklem Stein. „Wdzięczni za niepodłegłość Polacy” (Die für die Unabhängigkeit dankbaren Polen), steht dort groß und kleiner Hinweise auf das Photo und die Sponsoren des Denkmals.

Hinzu kommen drei Fahnenmasten, an denen zwei polnische Flaggen und eine von Johannes Paul II., aber keine amerikanische hängen.

Denkmalplastiken in realistischen Formen und angeordnet in realistischen Situationen zu zeigen, ist ein typisches Merkmal der reifsten Strömungen des sozialistischen Realismus, von dem auch die zeitgenössische polnische Propagandakunst zehrt. Ein schlechtes Kunstwerk ist diese im Park Reagana, so reaktionär der Inhalt, also nicht.

Was seine Schöpfer aber nicht bedachten, war die enorme Verehrung, die viele Menschen in Polen dem Papst entgegenbringen. Sie wollen ihn, wie groß auch immer, nicht im Gang und im Gespräch mit irgendeinem bloßen Menschen sehen und gewiß nicht auf einer Ebene mit sich selbst. Sie wollen zu ihm aufblicken, ihn anbeten, ihm Opfer bringen. Kein Wunder also, daß jemand Blumenkästen im Halbkreis vor die Plastiken aufstellte, damit ein Ort entstehe, wo Kerzen, Kreuze und Kränze zu ihren Füßen abgelegt werden können.

Das zeigt ein großes Unverständnis, ja, Desinteresse an diesem Kunstwerk, denn es soll ja gerade freistehen, keinen Sockel, keine Barrieren haben. Aber es geht diesen Papstgläubigen eben nicht um Kunst, sondern um den Papst.

Daher sieht es nun im Park Reagana so aus, als seien ein riesiger Papst und ein riesiger Ronald Reagan kurz davor, allerlei Devotionalien zu zertrampeln und dann über Blumenkästen zu stolpern.

Religiöser Eifer veränderte hier staatstragende Propagandakunst so, daß auch der kommunistische Betrachter etwas an ihr finden kann. Alle sind zufrieden, könnte man sagen, aber stimmen würde es natürlich nicht.

Renaissance über Gotik

Die Kościół Św. Brigidy (Brigittenkirche) kann man beim Gang durch die älteren Teile von Gdańsk leicht übersehen, da sie zwar unweit der zentralen Ulica Rajska (Paradiesstraße) steht, aber direkt hinter der weit größeren Kościół Św. Katarzyny (Katharinenkirche) steht. Während diese wie viele andere Gdańsker Kirchen das Bedürfnis nach monumentaler Backsteingotik eher übererfüllt, ist die Brigittenkirche bescheidener. An ihrem dennoch stattlichen backsteinernen Baukörper kann man typische Aspekte der örtlichen Gotik besonders gut ablesen. Dabei hilft, daß sie, anders als viele ihrer Schwestern, viel Platz um sich hat und man sie recht gut in ihrer Gesamtheit erfassen kann.

Der Platz ist weitgehend Parkplatz, aber direkt vor der Kirche ist Pflaster in großem Schachbrettmuster, das auf Wegen durch den Parkplatz und zur Grünanlage an den Straßen Mniszki und Stolarska strukturierend in die weitere Umgebung ausgreift.

Auf dem schlichten Bau mit den großen und breiten spitzbögigen Fenstern sitzen drei Satteldächer, die an den Schmalseiten mit je drei Giebeln enden. Diesen bleibt es, neben dem ornamentalen Band über den Fenstern, überlassen, für Repräsentation und Schmuck zu sorgen. Das tun sie mit allerlei Bögen und Öffnungen in von schlanken Pfeilern gegliederten Treppenformen, die bei jedem Giebel leicht variiert sind. An der Ostseite, zur Ulica Mniszki hin, ist vor den mittleren Giebel, aber nicht direkt in die Mitte, ein niedrigerer Eingangsbau gesetzt, der einen eigenen, noch etwas prunkvolleren Giebel hat.

An der Westseite ist der mittlere Teil als Chor über die seitlichen Teile weitergeführt, so daß sich an den Ecken kleine Freiräume bilden und man die drei Giebel nie nebeneinander sehen kann. Der des Chors ist durch eine kleine Haube noch zusätzlich betont. Zudem hat der Chor zwischen den Fenstern vorgesetzte Strebepfeiler, bleibt aber doch wie die gesamte Kirche eine einfache rechteckige Halle, ohne die sonst oft typische Rundung.

Fast scheint die Architektur der Kirche näher an profanen als an sakralen Bauten. Wenn man nur die Giebel der Ostseite sieht, könnte man auch meinen, es mit Bürgerhäusern zu tun zu haben. Wie ein Ausschnitt aus einer Stadtsilhouette scheint es, wenn links des linken Giebels ein ferner Turm mit großer barocker Kupferhaube steht.

Aber der Turm ist nicht fern, sondern Teil der Kirche, direkt hinter dem Gieibel. In das Dach gesetzt ist er er ein fast würfelförmiger Aufbau mit drei Geschossen. In jedem kleine Fenster, erst rund-, dann spitzbögig, und kleine Pilaster. Abschließend die geschwungen in einem offenen Teil ansteigende und schlank auslaufende Haube.

Dieser Turm gehört in eine andere Welt. Er ist ein Werk der Renaissance, das sich selbstbewußt auf den gotischen Körper der Kirche gesetzt hat. Der Kontrast ist enorm: unten das dunkle Rot des Backsteins, oben gelber Putz und weiße Pilaster. Hier die verschachtelten ahistorischen Ornamente der Gotik, dort die auf die Antike zurückweisende, wenn auch nicht klar dorische Abfolge der Pilaster. Und ist dieser Bauteil überhaupt ein Turm? Besonders hoch ist er nicht. Und gehört er wirklich zur Kirche? Eher wirkt es, als sei ein zierliches Schloß in eine rohe rote Felsenlandschaft gesetzt worden. Äußerst anschaulich jedenfalls sieht man hier den Fortschritt, den die Renaissance gegenüber der Gotik bedeutete. Die Renaissance erhebt sich hier im wahrsten Sinne über die Gotik. Dem Barock blieb es da nur, mit der Haube einen letzten Akzent zu setzen.

Przymorze – Der Falowiec

Der Falowiec in Gdańsk sollte eines der berühmtesten Gebäude in Polen sein. Als achthundert Meter langes Wellenhaus, wie die annähernde Übersetzung lautet, ist er das längste Gebäude des Landes und eines der längsten Europas.

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Er ist so etwas wie das horizontale Gegenstück zum Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, der lange das höchste Gebäude Polens war. So wie an den Pałac Kultury denkt, wer an Warschau denkt, sollte an den Falowiec denken, wer an Gdańsk denkt. Da der Falowiec aber nicht im Stadtzentrum, sondern im Wohngebiet Przymorze im Norden steht, ist er nicht so berühmt wie er sein sollte. Während der Pałac Kultury noch heute ein vielleicht ungeliebtes, aber unübersehbares Wahrzeichen Warschaus ist, ist der Falowiec, immerhin oder sogar, das Wahrzeichen eines anderen Gdańsk.

Denn architektonisch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Pałac Kultury ist bloß ein riesiges Beispiel des stalinistischen Irrwegs in der Architektur des Sozialismus, der Falowiec jedoch ein Beispiel ihrer kühnsten und fortschrittlichsten Leistungen. Entsprechend ist er auch nicht nur einer, sondern viele, nicht nur ein Gebäude, sondern ein Gebäudetyp. Zum längsten Falowiec an der Obrońców Wybrzeża (Straße der Verteidiger der Küste) kommen noch sechs weitere kürzere. Gemeinsam bilden sie das Grundgerüst von Przymorze.

Seinen Namen hat der Falowiec, das heißt ein Gebäude dieses Typs, dadurch, daß er nicht einfach gerade ist, sondern seine elfgeschossigen Teilstücke leicht schräg aneinandergesetzt sind, so daß sich eine Wellenform ergibt. Er zeichnet sich durch zwei sehr verschiedene Breitseiten aus.

Die eine Seite besteht ganz aus offenen Laubengängen, von denen die Wohnungen erschlossen sind. Durch die breiten Betonbrüstungen wirkt diese Seite vlig horizontal, wie aufeinandergeschichtete Bänder, während die vertikalen Streben des tragenden Betongerüsts fasst unsichtbar schmal sind. Einzige Vertikalen sind die vollständig verglasten Treppenhäuser, die unten bei den überdachten Eingängen beginnen und oben mit den Aufbauten der Aufzüge enden.

Die andere Seite besteht ganz aus den vorragenden Balkonen der Wohnungen. Hier sieht man, daß sich das Wellenhafte des Wellenhauses nicht in der Anordnung seiner Baukörper erschöpft. Denn die Balkone ragen als kleinere und größere Dreiecke leicht hervor, kein Geschoß gleicht dem anderen, die Fassade scheint in ständiger Bewegung.

Dies wird noch dadurch unterstützt, daß manche der Balkone Geländer aus Beton haben, andere aber aus Metallgittern. Von der Laubengangseite ist der Falowiec somit sachlich und nüchtern, beinahe kahl, von der Balkonseite aber lebhaft und verspielt, ein Mosaik unzähliger Wohnungen, in denen unzählige Menschen leben. Die äußere Form entspricht der inneren Funktion. Von der Nüchternheit des halböffentlichen Laubengangs tritt man in die Individualität des privaten Wohnraums.

Doch das deutet auch auf ein Problem des Falowiec hin. Zum Laubengang nämlich zeigen die Küchen und teilweise sogar Zimmer, was die Privatsphäre der Wohnungen beeinträchtig. Das ist allerdings ein Problem aller Laubenganggebäude und ein nur schwer zu lösendes. Und entschädigt wird man in jeder Wohnung durch großartige Ausblicke, die oft bis zum Meer auf der einen

und zu den Hügeln auf der anderen Seite reichen.

Der Falowiec ist, wenn er schon nicht berühmt ist, zumindest das angemessen besondere Gebäude für den besonderen Ort, der Przymorze ist. Und wer ihn gesehen hat, wird ihn vielleicht bemerkenswerter als alles andere in Gdańsk finden.

Über Fahrradwege

Ob das Fahrradfahren eine besonders sinnvolle Fortbewegungsart ist, mag man bezweifeln. Es ließe sich sagen, daß es die Nachteile des Autofahrens hat, nämlich die Abhängigkeit von einem selbst zu steuernden Gerät, aber nicht dessen Vorteile, nämlich Komfort und Geschwindigkeit, und ebenfalls die Nachteile des Gehens, nämlich die Anstrengung, aber nicht dessen Vorteile, nämlich die völlige Ungebundenheit und die Möglichkeit der Kontemplation.

Da es aber augenscheinlich Menschen gibt, die am Fahrradfahren Freude haben, müssen auch dieser Fortbewegungsart Wege geschaffen werden. Keinesfalls können das dieselben Wege sein, die von Fußgängern benutzt werden, da die Geschwindigkeiten und damit die Machtverhältnisse zu unterschiedlich sind, und aus demselben Grund ebensowenig die Wege der Autos. Nötig ist vielmehr eine strikte Trennung der Geschwindigkeiten. Wie eine solche auf recht klassisch Le Corbusier’sche Art aussehen kann, läßt sich in den Niederlanden betrachten.

Unbedingt ist in Abwandlung von Le Corbusiers wichtigem Postulat, daß der beste städtische Raum dem Wohnen vorbehalten sein muß (Punkt 23 der „Charte d’Athènes“ [Charta von Athen]), zu fordern, daß die besten Wege dem Fußgänger vorbehalten sein müssen, da nur er zumindest die Möglichkeit hat, aus seiner Umgebung ästhetischen Genuß zu ziehen. Ein negatives Beispiel dafür, wie ein besonders schöner Weg dem Fußgänger geraubt und einer anderen Fortbewegungsart, dem Fahrradfahren, zugeordnet wurde, findet man im Zentrum von Gdańsk.

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Zwischen Hucisko und Błędnik verläuft oberhalb der Bahngleise ein kleiner Parkstreifen. Man ist noch nicht sehr hoch, aber doch so hoch, daß man die backsteinernen Türme und bunten Hochhäuser als Silhouette, als Skyline aus der niedrigeren Bebauung aufragen sieht.

Zugleich ist diese Silhouette noch nicht in abstrakter Ferne, sondern scheinbar zum Greifen nah. Man ist der Stadt nah und fern zugleich, auf einer faszinierenden Zwischenhöhe.

Es ist einer der schönsten Orte des Gdańsker Stadtzentrums. Noch zentral, leitet er zugleich in äußere Teile der Stadt über, etwa hinauf in die ehemaligen Festungsanlagen. Hier, über der Geschäftigkeit der Bahnstrecke und ihr enthoben, müßten Bänke oder vielleicht sogar eine sommerliche Bar zum Verweilen einladen. Stattdessen führt durch den Park ein neuer Fahrradwege, der sogar teils auf einem Steg über den Gleisen verläuft,  während der Fußgänger auf die anderen Seite der 3. Maja (Straße des 3. Mai) verbannt ist.

Nicht nur die Fußgänger verlieren dadurch, sondern ebenso die Fahrradfahrer, für die es keine Nachteile bedeuten würde, wenn ihr Weg auf der anderen Seite der Straße verliefe und sie anhalten könnten, um den schönen Ort zu genießen. Die Stadt verliert. Das ist ein Beispiel für den verheerenden Effekt einer schlechten Stadtplanung, die einen Weg einer unpassenden Fortbewegungsart zuordnet. Ob man Fahrradfahren also sinnvoll findet oder nicht: es kommt immer darauf an, ob die Fahrradwege an den richtigen Stellen sind.

Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

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Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.