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Dworzec PKS Gdańsk

Gdańsk hat keine U-Bahn, aber es hat etwas, das architektonisch einer U-Bahnstation sehr nahe kommt: den Busbahnhof und dessen Verbindung zu Bahnhof und Innenstadt.

Sein Gebäude, Eingang der Station, befindet sich im Bereich oberhalb der Bahnstrecke, wo der Hügel dann zu ausgedehnten Festungsresten ansteigt, eine gute Lage, da nah an der Innenstadt, aber keine wertvollen Flächen beanspruchend. Es hat ein dickes, nach vorne ansteigendes und weit überstehendes Dach, auf dem rechts in gelben Leuchtbuchstaben „Dworzec PKS“ (PKS-Bahnhof, wobei PKS das staatliche Busunternehmen ist) steht, und ist ansonsten verglast. Vorne sind links ein Laden, rechts ein Imbiß und in der Mitte der Eingang.

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Tritt man ein, so ist man nur auf einer Galerie, während der eigentliche Raum ein Geschoß tiefer liegt. Es gibt hier Schalter, weitere Läden, Anzeigetafeln und eine Karte des Busnetzes der Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg sowie ein altes Panorama von Gdańsk.

Aus dem hohen Raum gelangt man unter dem Eingang in einen niedrigeren Bereich unterhalb der Straße, der sich aber sogleich wieder öffnet, diesmal nach unten.

Eine Rolltreppe flankiert von zwei breiten Treppen führt hinab. Die seitlichen Wände sind mit glattem graugemaserten Stein verkleidet, nach vorne läßt eine Glasfläche mit horizontalen Lamellen die Bahnanlagen erahnen und der links auf gleicher Ebene verlaufende Weg wird zur Galerie, die weniger zum Straßenbahnzugang als zu einem hoch in der Wand über der Treppenanlage befindlichen Kontrollraum zu führen scheint. Es sind die kugelförmigen Lampen, die an den Seiten an stählernen Stangen schräg über die Treppe hängen, die den Eindruck einer U-Bahnstation vervollkommnen, irgendeine unklare Ahnung von Moskau ist in ihnen.

Statt zu einem U-Bahnsteig kommt man unten in einen breiten Gang, von dem Treppen hinauf zu den Bahnsteigen des Bahnhofs führen. Die abzweigenden Treppenaufgänge sind subtil durch längliche schwarze Streifen im graugesprenkelten Stein des Bodens und den unregelmäßig grau und weiß gemaserten glatten Steinplatten der Wände betont.

Am Ende dieses Gangs führt eine Treppe nach oben an die große Straße oder ein Quergang rechtszu einem weiteren Gang unter dieser hindurch in die Innenstadt. Dieser Gang ist nunmehr von Geschäften und Schaltern gesäumt und hat Aufgänge zur Straßenbahn. So viel wie diese Gänge verbinden, es würde wirklich nicht überraschen, wenn auch irgendwo eine U-Bahnstation wäre.

Heute ist der Busbahnhof, wiewohl viel genutzt, in einem recht desolaten Zustand, der Bahnsteiggang wurde vor kurzem umgebaut, wobei an die Stelle der Steinverkleidung graue Böden und Wände traten, aber immerhin Rolltreppen zu den Bahnsteigen eingebaut wurden, und der Gang unter der Straße wird vielleicht irgendwann geschlossen und durch eine banale Ampel ersetzt werden. Die großartige funktionale Verbindung von Busbahnhof, Bahnhof und Innenstadt wird aber bleiben, auch wenn die Ahnungen von U-Bahnen und damit einer Zukunft nach und nach verschwinden.

Universität Gdańsk

Der Campus der Uniwersytet Gdański (Gdańsker Universität, UG) ist ein trauriger Ort. Vielleicht müßte das nicht so sein. Denn der 1970 gegründeten Universität einen eigenen Campus im Gefüge der Trójmiasto (Dreistadt) zu geben, war offenkundig die richtige Entscheidung. Er liegt etwa gleich weit von den alten Stadtteilen Wrzeszcz und Oliwa und den neuen Wohngebieten Zaspa und Przymorze entfernt und ist mit seinem eigenen Bahnhof der SKM (Stadtschnellbahn) gut auch von der Innenstadt von Gdańsk, aber auch von Sopot und Gdynia zu erreichen. Doch wenn man diesen Bahnhof, der heute den Namen Przymorze-Uniwersytet trägt, verläßt, ist es einem verziehen, rings um die große Kreuzung mit der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) zuerst die elegante Hala Olivia oder die neuen gläsernen Bürobauten der internationalen Firmen, in denen die Studenten nach nutzlosen Polonistik-, Ökonomie- oder Chemiestudien – leidlichen Fremdsprachenerwerb vorausgesetzt – unweigerlich landen, zu bemerken.

Zur Grunwaldzka hin legt sich vor den Campus ein Streifen mit Baumärkten, Autohändlern, Fast-Food-Restaurants und Tankstellen. An der abzweigenden Bażyńskiego (Jan-Bażyński-Straße) zeigen sich die ersten Fakultäten, Gebäude aus den Neunzigern mit grauer Verkleidung, verspiegelten Fenstern in blauer Fassung, unnötigen Schrägen und Metallkonstruktionen, die bis in jedes Detail billig und trostlos wirken. Das wäre jedoch nur halb so schlimm, wenn nicht fast der gesamte Freiraum von Parkplätzen und Zufahrtsstraßen eingenommen wäre, die dennoch nie wenigstens den trostlosen suburbanen Charme von Baumarktparkplätzen erlangen, sondern einfach nur unangenehm sind. Es rettet diesen Teil des Campus auch nicht mehr, daß an der nächsten Ecke das neure Rektorat sich immerhin satisfaktionsfähigeren internationalen Architekturmoden anpaßte und sogar Ansätze von öffentlichen Freiflächen hat.

Wenn man sich zwischen diesen Gebäuden durchgekämpft hat, öffnet sich vor einem etwas, was man als Campussucher guten Willens als Park bezeichnen kann, doch in dessen Mitte steht die Bibliothek.

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Sie mag sogar recht große Fensterflächen haben, sieht aber doch nur wie ein riesiger grauverkleideter Klotz aus, dem aus irgendeinem Grund an den Breitseiten einige Elemente in Düsen- oder Pistolenkugelform angehängt wurden. Beides sind Dinge, die Gebäude nicht brauchen, doch hier sind es überdies Düsen, die das Gebäude nie zum Abheben leicht wirken lassen, und Kugeln, die nur die Tödlichkeit dieser Architektur hervorheben.

All das müßte wie gesagt vielleicht nicht so verheerend sein, wie es bisher leider zu beschreiben war. Schon die Fakultäten, die den Campus zur Abrahama (Antoni-Abraham-Straße) im Süden abschließen, sind architektonisch wie städtebaulich weniger schlimm, wenn auch ohne beschreibenswerte Qualitäten.

Die Möglichkeit des Anderen erlebt man denn, wenn man sich dem Campus mit der Straßenbahn nähert. Da die parallel zur Grunwaldzka verlaufende Wita Stwosza (Veit-Stoß-Straße) etwas höher als der Campus liegt, geht man in der Haltestelle Uniwersytet (seit kurzem Uniwersytet Gdański) Treppen hinab in einen Tunnel, verläßt diesen aber ebenerdig.

Der Campus öffnet sich vor einem wie mit einem Tor. Links und rechts erstrecken sich entlang der Straße lange viergeschossige Gebäude. Sie haben Fensterbänder, verglaste Treppenhäuser und Putz in Weißgrau und Hellblau. Auf dem rechten, das noch einen schrägen Dachaufbau hat, steht oben weiß auf blau neben dem UG-Logo: „Wydział Matematyki, Fizyki i Informatyki“ (Fakultät für Mathematik, Physik und Informatik). Auf dem linken steht blau auf weiß „Wydział Historyczny“ (Historische Fakultät) und auf seinem zurückgesetzten zweiten Teil „Wydział Germanistyki“ (Germanistische Fakultät). Natur- und Geisteswissenschaften flankieren den Eingang zum Campus. Wenn man zwischen den Gebäuden hindurchgeht, sieht man auch die Seiten der flachen Hörsaalvorbauten, die sich mit Pultdächern und Fensterfronten in den Campus hinein öffnen.

Hier wurde mit ganz einfacher Architektur in Verbindung mit durchdachter Stadtplanung unendlich viel mehr erreicht als in anderen Teilen des Campus mit unnötig aufwendiger Architektur. Und auf der anderen Seite des Tunnels, wo eine Treppe ist, führt ein Weg an einer Universitätssporthalle und zwischen Kleingärten zu Wohnheimen der Universität, so daß eine Art Fußgängermagistrale auf das Tor zum Campus zuläuft. Doch leider folgt auf das Tor nichts, sondern man hat nur wieder den grauen Klotz der Bibliothek vor sich.

So ist der Campus der UG also ein trauriger Ort und das liegt schlechthin daran, daß der polnische Sozialismus nicht dazu kam, seine zweifelsohne besseren Pläne umzusetzen. Um zu wissen, was er vermocht hätte, braucht man nicht erst zu großartigen Campusanlagen wie dem Miasteczko Akademickie (Akademischen Städtchen) in Lublin schauen, nein, schon die Wirtschaftsfakultät dieser selben Gdańsker Universität im nahen Sopot genügt. Der Campus müßte nicht so traurig sein, wie er ist.

Dreimal Polen

Abseits der Straße Długie Ogrody (Lange Gärten) östlich der Gdańsker Innenstadt treffen drei Zeiten aufeinander.

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Am Ende der parallel verlaufenden Erschließungsstraße stehen einige backsteinerne Mietskasernen. Schon in der deutschen Zeit lebten dort Arme, im sozialistischen Polen wurde es kaum besser und erst recht heute kann man in der ewig offenen Tür und auf der matschigen Straße spielende Kinder sehen, eine Szene, die man von alten Photos oder aus Fernsehberichten über Dritte-Welt-Länder kennt.

Dann folgen quer zur Straße stehende zwölfgeschossige Wohnhäuser. Diese fortschrittliche Architektur wird in Deutschland fälschlich mit Armut verbunden, ist in Polen aber einfach die typischste Wohnform. Die Grünflächen zwischen den Gebäuden sind weit und breit das Einzige, was dem Straßennamen gerecht wird.

Davor, entlang der der Straße, ist schließlich eine neue Wohnanlage, die erst im letzten Jahr fertiggestellt wurde. Sie nennt sich nach den Długie Ogrody, aber von Gärten oder Grün gibt es keine Spur. Stattdessen handelt es sich um eine Art Neoblockrandbebauung aus durchgehenden Teilen zur Straße und regelmäßigen Quertrakten um winzige erhöhte Höfe. Von ihrer Umgebung schottet sich diese Architektur hermetisch ab, der ganze Erdgeschoßbereich zur Erschließungsstraße ist eine öffnungslose Mauer mit Backsteinverkleidung.

Auf engem Raum sieht man hier also die Architektur des deutschen Kapitalismus, des polnischen Sozialismus und des polnischen Kapitalismus. Das Nebeneinander zeigt klar, welche die beste ist und wie groß der Rückschritt seit 1989. Ob man will oder nicht, hier sieht man die Gegenwart und Polen.

Städtebau und Coronavirus oder Wann ist ein Park ein Park?

Für mich war es der sprichwörtliche Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, als am 1.4.2020 in Polen die Strände und Parks geschlossen wurden. Denn so sehr es mir fehlte, am städtischen Leben wenn schon nicht viel teilzunehmen, so es doch in Großraumbüros, Straßenbahnen und Fast-Food-Restaurants wenigstens zu erleben, alle sicher sinnvolle Einschränkung war halb so schlimm, wenn zehn Minuten von meiner Wohnung in Gdańsk-Przymorze der Strand von Jelitkowo wartete und fünf Minuten von ihr der Park Reagana (Reagan-Park). Aber darauf verzichten? – Nein! Ich trat, da das als Insel der Normalität jenseits des Meeres lockende Schweden die Schließung der polnischen Strände womöglich nicht als zwingenden Einreisegrund akzeptiert hätte, die Reise nach Deutschland an – „Home is where when you go there, they have to let you in“ (John Dolans Paraphrase einer Zeile von Robert Frost).

Dabei hatte ich es noch gut, denn direkt vor meiner Wohnung, keine Minute mit dem Aufzug oder der Treppe, habe ich eine großzügige Grünfläche, in der im polnischen Frühjahr Forsythiensträucher und Kirschbäume blühten und Weiden ihren Anspruch, zu den immergrünen Bäumen gezählt zu werden, deutlich machten, während auch alle anderen Pflanzen erste Knospen bekamen. Ich wohne in einem blühenden sozialistischen Wohngebiet. Ein Park ist die Grünfläche vor meinem Gebäude nicht, dem Namen nach nicht und nicht nach Definition der polnischen Behörden. Aber selbst wenn, wie wollte man sie sperren, wenn sie so eng mit der Gesamtstruktur des Wohngebiets verwoben ist, daß sie sich nur auf bizarren Umwegen vermeiden ließe?

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Es stellt sich die Frage, was einen Park zum Park macht. Groß genug, um mit einem wohlklingenden Namen versehen grüne Lunge einer enger bebauten Gegend zu sein, ist meine Grünfläche allemal. Hier aber ist sie nur ein winziger Teil der Grünflächen des Wohngebiets Przymorze und der fast nahtlos im Süden und im Norden anschließenden Wohngebiete Zaspa und Żabianka. Auch ohne die offiziellen Parks, die es auch hier gibt, haben die Bewohner dieser Gegenden alle Vorteile von Parks direkt vor der Haustür. Überkommene Bezeichnungen wie Park – und in geringerem Maße auch Platz oder Straße – werden, wie man merkt, in solchen neuartigen und fortschrittlichen Stadträumen geradezu unsinnig. Ein Nebeneffekt des offenen Städtebaus von Wohngebieten wie diesen und unzähligen anderen, die einst in sozialistischen wie kapitalistischen Staaten entstanden, ist, daß er durchaus coronagerecht ist. Andere Aspekte, etwa die Aufzüge, die offiziell nur noch einzeln benutzt werden dürfen, verursachen zwar wiederum Probleme, aber heute mehr denn je ist es ein Glück, in solch einem Wohngebiet zu wohnen. Den Park kann uns keiner nehmen.

Nicht zuletzt zeigen die parkartigen Grünflächen vor meinem Gebäude und darüber hinaus, wie widersinnig die polnischen Schließungsmaßnahmen sind: sie treffen die offenen Räume, wo sich Menschen gut aus dem Weg gehen können, während die engen Gehsteige insbesondere in Gegenden mit dichter Blockrandbebauung weiter benutzt werden müssen und bloß noch voller werden. Dies war auch der eigentliche Grund für meine Abreise, denn ich kann zwar überall Vieles hinnehmen, aber meine Vernunft kann ich mir auch gleich in meiner Muttersprache beleidigen lassen.

Die Klassengesellschaft im Food Court

Die Galeria Metropolia ist ein gescheitertes Einkaufszentrum im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz. Es hatte nie eine wirkliche Chance, da alle wichtigen Geschäfte bereits in der weit größeren und als erstes Einkaufszentrum der Trójmiasto (Dreistadt) fest etablierten Galeria Bałtycka direkt jenseits der Gleise waren.

Was es bei seiner Eröffnung Ende 2016 hervorhob, war, daß es mit einem Eingang in der Unterführung, einer Brücke und einem eigenen Bahnsteig, dank dem die nach Norden fahrenden Züge der SKM (Stadtschnellbahn) von zwei Seiten betreten werden können, direkt an den Bahnhof Wrzeszcz anschließt.

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Falls es sich damit für nicht-motorisierte Besucher aus dem Umland interessant machen wollte, war diese Chance spätestens zwei Jahre später hinfällig, als mit dem riesigen Forum Gdańsk, das nicht nur nah am SKM-Bahnhof Śródmieście, sondern auch an der Altstadt liegt, das nächste Einkaufszentrum öffnete. In den wenigen Jahren seiner Existenz schlossen fast alle ursprünglichen Geschäfte und an ihre Stelle traten bizarrerweise vor allem Möbelläden oder auch, wieso nicht, eine Go-Kart-Bahn. Die Fassade wurde derweil immer mehr mit Werbung beklebt, wie ein Vergleich zwischen dem Zustand Ende 2016 und Mitte 2018 zeigt.

Der einzige Teil der Galeria Metropolia, der von Anfang an offenkundig gut lief, war der Food Court im zweiten Geschoß, der auch von ihrem neben dem Bahnsteig besten architektonischen Element profitieren konnte: einer riesigen eingewölbten Fensterfront mit Blick auf die ältere Bebauung von Wrzeszcz beidseits der erhöhten Gleise.

Unweigerlich zog es die Besucher an diese Fenster, um zu ihrem Essen auch diese bei Tag wie Nacht großartige Aussicht zu genießen. Neben vertrauten Ketten wie Burger King, Subway oder Pizza Hut und allerlei Cafés siedelte sich hier auch ein Hummus-Restaurant, das sich an das gesundheitsbewußte Hipsterpublikum der nahen Straße Wajdeloty richtet, und eine Filiale des „berlin-inspirierten“ (Eigenwerbung) Kult Gemüse Kebab an. Ein wenig entstand hier die Atmosphäre eines luxuriösen, aber unprätentiösen Bahnhofsrestaurants. Es ist sogar möglich, am Fenster sitzend die SKM näherkommen zu sehen, aufzustehen und rechtzeitig am einkaufszentrumseigenen Bahnsteig zu sein, um einzusteigen.

Angesichts dieser Situation schien es nur angemessen, daß die Verantwortlichen an die beiden einzigen Qualitäten der Galeria Metropolia – Bahnsteig und Food Court – anzuknüpfen suchten. Im Laufe des Jahres 2019 wurde der Bahnhofscharakter durch digitale Anzeigetafeln bei den Ausgängen betont und im dritten Geschoß ein zweiter Food Court namens „Stacja Food Hall“ eröffnet. Anders als der etablierte Food Court darunter richtet dieser sich ganz an ein anspruchsvolleres oder sich für anspruchsvoller haltendes Publikum und hat Filialen angesehener Gdańsker Restaurants. Er ist Aiolï statt McDonald’s, Alma statt Biedronka.

Doch bei der Gestaltung dieses Raums wurde seine spezifische Qualität völlig mißachtet: der Blick auf die riesige Fensterfront ist fast vollständig von farbigen matten Scheiben in schwarzer Fassung verdeckt, so daß ein ständiges Zwielicht herrscht.

Aus einem Aussichtspunkt wurde ein Keller gemacht. Der Popularität der „Stacja Food Hall“ scheint das erst einmal keinen Abbruch zu tun, was fast noch trauriger ist als die schlechte Innenarchitektur.

So herrscht in der Galeria Metropolia eine Situation, die ein gutes Bild für die gesellschaftliche Situation im kapitalistischen Polen und anderswo ist: die verzweifelt um Distinktion ringende klasa średnia (Mittelschicht) sitzt oben im Dunkeln, alle anderen unten im Licht.

Französisches Gdańsk

Gdańsk und Frankreich haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Nur am Vorabend des zweiten Weltkriegs spielte die damalige Freie Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk eine prominente Rolle in nicht nur französischen Debatten. Was davon blieb, ist der letzte Satz eines Artikels des Politikers Marcel Déat, einer schillernden, sehr französischen Gestalt, die es vom unabhängigen Sozialisten und Pazifisten zum begeisterten Nazikollaborateur brachte. Er meinte in dem Text, vielleicht gingen die deutschen Forderungen zwar etwas weit: „Mais mourir pour Dantzig? Non.“ (Aber sterben für Danzig? Nein.)

Das war politisch so falsch wie rhetorisch großartig, denn es war wirklich nicht leicht zu argumentieren, daß Franzosen sehr wohl für eine obskure Stadt an der Ostsee sterben sollten. Nach dem Krieg wurde dann beschlossen, den zentralen Friedhof für die in Polen gestorbenen Franzosen im nunmehrigen Gdańsk einzurichten und es ist schwer vorstellbar, daß die dafür Verantwortlichen Déats Satz nicht zumindest im Hinterkopf hatten.

Der Friedhof liegt sehr versteckt in einem zentralen, aber dennoch abgelegenen Teil der Stadt am Rande  passenderweise des Wzgórze Focha (Foch-Hügels). Zwischen den Bäumen sieht man drei hohe Kreuze aus weißem Beton und einen Fahnenmast, an dem manchmal die französische Fahne hängt, aufragen. Man betritt ihn letztlich von hinten, neben einem Einfamilienhaus, und sieht zuerst ein weites Feld voller kleiner weißer Kreuze.

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Vor den drei hohen Kreuzen ist eine erhöhte Fläche, auf der links und rechts altarartige Steinblöcke stehen.

Direkt vor den Kreuzen ist im leicht schrägen Boden die Inschrift:

„À ses fils morts pour la France en Pologne/La République Française reconnaissante/1939-1945“ (Ihren für Frankreich in Polen gestorbenen Söhnen/Die dankbare Französische Republik/1939-1945)

Wenn man zwischen den kleinen Kreuzen geht, die durch den mittleren Weg und zwei Querwege in quadratische Felder aufgeteilt sind, spürt man nur, daß es viele sind.

Die kleinen Plastiktäfelchen nennen Name, Rang und Todesdatum. „Mort pour la France“ (Gestorben für Frankreich) steht jeweils darauf und das heißt auch: „Mort pour Dantzig.“

Sie weisen von den großen Kreuzen weg, was, wie die ganze Konzeption des Friedhofs, zeigt, daß sein Eingang eigentlich auf der anderen Seite sein müßte.

Man müßte erst das weite Gräberfeld durchqueren, vielleicht links und rechts ein paar Namen lesen, bevor man zu den großen Kreuzen und der zusammenfassenden Inschrift kommt.

So wäre es erst die pélerinage (Pilgerfahrt), von der eine kleine Tafel von 1965 in Bezug auf eine Reise ehemaliger belgischer und französischer Kriegsgefangener  spricht. Aber heute durchstreifen bloß noch die, die es wirklich sehr wollen, den ganzen Friedhof. Pilgerfahrten führen hierher keine mehr, die Gräber bleiben unbeachtet.

Dies gilt umso mehr für eine bestimmte Gruppe von Toten, die man auf dem leicht zu übersehenden Friedhof leicht übersehen kann. Inmitten der Kreuze stehen plötzlich andere Grabsteine.

Unten rechteckig, oben eine Art umgedrehte Herzform. Schon der Umriß läßt es erahnen und die Inschrift bestätigt es: arabische Soldaten muslimischen Glaubens. Auch sie „mort pour la France“, im oberen Teil des Grabsteins eine unklare arabische Inschrift. Auf dem Friedhof gibt es einige solcher Gräber, teils mehrere beisammen, teils einzeln. Wäre der Eingang noch dort, wo er sein müßte, könnte man sie nicht übersehen.

Meist sind es einfache Namen, X ben X, X Sohn des X, so wie es gewiß einfache Bauernsöhne aus Algerien, Marokko, Tunesien waren, die hier begraben sind. Die Frage, ob jemand für Gdańsk sterben solle, stellt sich in ihrem Fall noch einmal anders, denn sie starben für einen Staat, der ihnen nichts Gutes wollen konnte. Wie ihre Nachbarn unter dem Kreuz konnten sie sich auch nicht aussuchen, ob sie im Tod mit ihrer Religion assoziiert werden wollten, und beide konnten sich die Teilnahme an diesem Krieg nicht aussuchen. Dennoch war ihr Kampf ein guter. Für alle der auf diesem Friedhof Begrabenen gilt: „Mais mourir pour Dantzig? Pourquoi pas.“ (Aber für Danzig sterben? Wieso nicht.)

Um die Hala Olivia

Die Hala Olivia (Olivia-Halle), Gdańsks mit stolzer Spitze aufsteigende Eissporthalle, wurde durch die Zufälligkeiten der kapitalistischen Stadtentwicklung zum Mittelpunkt des Büroviertels der Stadt. Rechts neben ihr ist das Olivia Business Center, schräg links von ihr auf der anderen Straßenseite Alchemia, alles unauffällige sechs- bis zehngeschossige Glasklötze ohne höhere architektonische Ansprüche. Hier sitzen all die outgesourcten Abteilungen internationaler Firmen, amerikanisches, deutsches, skandinavisches Kapital. Die sozialistische Hala Olivia ist mithin Mittelpunkt eines dieser für den polnischen Kapitalismus sehr typischen Orte, eines der Orte, durch den Polen den Beinamen „Mexiko Europas“ (richtiger und schmeichelhafter wäre vielleicht „Costa Rica Europas“) erhalten hat.

Die Verbindungen zwischen der Halle und den beiden Bürokomplexen sind jedoch bestenfalls rudimentär wie überhaupt eine Stadtplanung kaum vorhanden ist. Alles ist zerrissen von der bis zu sechsspurigen Aleja Grunwaldzka (Grunwald-Allee), der größten Verkehrsachse der Trójmiasto (Dreistadt), und einer nur wenig kleineren Kreuzung. Während das Olivia Business Center sich mit einem engen Hof etwas von der Straße abwendet, ist Alchemia stur an ihr aufgereiht und zur anderen Seite von der Bahnstrecke eingezwängt. Sogar, von einem Büroviertel zu reden, ist letztlich übertrieben, da dies ein Minimum an Zusammenhang impliziert.

Zwei der jüngeren Gebäude von Alchemia und Olivia Business Center bemühen sich zumindest auf je unterschiedliche Weise, auf die Hala Olivia Bezug zu nehmen und die Anwesenheit dieses mit Abstand markantesten Gebäudes der Gegend anzuerkennen. Beim direkt an der großen Kreuzung stehenden Alchemia-Eckgebäude geschieht das durch die Gestaltung der Freiflächen an der abzweigenden Straße. Neben runden Bänken aus Beton, aus deren Mitte Bäume wachsen, gibt es dort große aus dem Boden ragenden eckige Elemente mit unregelmäßig dreieckigen Seitenflächen, von denen jeweils zwei aus Beton und eine aus einem Rasenbeet besteht. Die Beete sind verbunden durch ebenfalls unregelmäßig dreieckig geformte schräge Metallspaliere für Kletterpflanzen.

Der Beton und die Spitzen sind offenkundig von der schräg gegenüberliegenden Hala Olivia inspiriert. Das ist hübsch, aber ein angenehmer öffentlicher Ort wird hier, auch wenn die Pflanzen gewachsen sind, nie entstehen, da die Straßen viel zu nah und zu stark befahren sind.

Im Olivia Business Center wuchs im Laufe des Jahres 2017 ein 35-geschossiges und etwa 160 Meter hohes Hochhaus namens Olivia Star (Olivia Tower war bereits vergeben) heran.

Es ist die Dominante nicht nur der Outsourcinggebäude bei der Hala Olivia, sondern als höchstes Gebäudes der Trójmiasto auch sonst von weither zu sehen. Architektonisch ist es so anspruchs- wie immerhin auch harmlos wie seine niedrigeren Nachbarn,  ein verglaster Bau auf quadratischem Grundriß, der als Gimmick außerdem mit LEDs versehen wurde. Doch ganz oben hat es einen schräg zur Straße hin aufsteigenden Aufbau mit entsprechend dreieckigen Seitenflächen, was durch eine auch nach unten schräge Abstufung in der Fassadenstruktur noch unterstützt wird. Das wirkt, als sei den Architekten spät eingefallen, daß sie doch noch irgendetwas Interessantes mit ihrem Hochhaus machen müssen. Dafür ließen sie sich von der Hala Olivia, der einzig erwähnenswerten Architektur weit und breit, inspirieren.

Wenn man von links an der Hala Olivia vorbei- oder auf ihrer Terrasse geht, ergibt sich aus dem Beieinander der beiden aufsteigenden Formen in der Tat ein sehr hübscher Effekt, fast ein wenig, als werde der Schwung des Hallendachs hoch oben im Hochhausdach fortgesetzt.

Zugleich wird so auch der Unterschied zwischen beiden Gebäuden offenbar: hier die ikonische, aus der Funktion gewonnene Form, dort eine ziemlich beliebige Dachstruktur. So viel kleiner sie ist, bleibt die Hala Olivia das Größte in der Umgebung, während Olivia Star eben das Höchste ist und das auch mit einem ehrlicheren Flachdach wäre. Statt dessen, was wichtig wäre, der Stadtplanung, hat der Kapitalismus der Hala Olivia und uns allen nur wohlfeile formale Bezüge zu bieten – immerhin.

Dörfliche Weihnacht

Der schönste Weihnachtsbaum von Gdańsk steht natürlich in Przymorze. Man findet ihn genauer gesagt etwa auf der halben Länge der Jagiellońska (Jagiellonischen Straße). Wenn man abends vor den Geschäften an der Straße entlang und auf die lichtergeschmückte Tanne zugeht, während jenseits der Straße der spitze Turm der für polnische Verhältnisse kleinen Kirche hinzukommt, kann man sich leicht wie in einem Dorf zur Weihnachtszeit fühlen.

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Aber auch am Tag, besonders, wenn es geschneit hat oder ein fliegender Händler unter Einbeziehung des Straßenhandel verbietenden Schilds den neuesten Weihnachtskitsch verkauft, kommt die dörfliche Weihnachtsstimmung leicht auf.

„Straßenhandel verboten ! Privatgrundstück Wohnungsgenossenschaft ‚Przymorze'“

Denn es ist ja eine Art von Dorf, durch das man geht. Da ist die Hauptstraße mit Biedronka-Discountsupermarkt, Café, Bankfilialen, Bäcker, kleineren Lebensmittelläden, Bar Mleczny (Schnellrestaurant), Goldschmied/Uhrmacher/Pfandleiher, Wäscherei, Apotheke und Bibliothek auf der einen und Schulen und Poliklinik auf der anderen Seite. Da ist die Kirche. Da ist der zentrale Platz mit dem Weihnachtsbaum und der Bushaltestelle. Bloß wohnen die bis zu fünftausend Einwohner dieses Dorfs nicht in verstreuten Einfamilienhäusern, sondern im elfgeschossigen Falowiec (Wellenhaus), der sich als der mit etwa 800 Metern zweitlängste seiner Art hinter den niedrigen Ladenbauten mäandernd an der Straße erstreckt.

Und dieses Dorf ist nicht irgendwo auf dem Land gelegen, sondern Teil des großen Wohngebiets Przymorze, das wiederum Teil von Gdańsk und mit diesem Teil der Trójmiasto (Dreistadt) ist. So führt durch den Platz, quer zur Straße, in die eine Richtung unter dem Falowiec hindurch und in die andere Richtung an der Kirche vorbei in niedrigere Wohnbebauung hinein, ein großzügiger Fußgängerboulevard, wie ihn kein Dorf kennt. Ihn gehend eröffnen sich weitere Blicke auf den Weihnachtsbaum, dem man sich entweder langsam nähert oder den man nach der Durchquerung des Falowiec plötzlich vor sich hat.

Doch wie das Dorf also nicht nur ein Dorf ist, so ist auch der Weihnachtsbaum mehr, denn er steht das gesamte Jahr über in seinem runden Hochbeet auf dem offenen Platz. In der Weihnachtszeit, einen Monat pro Jahr, kann der Baum leuchten und wird mit seinem Schmuck zum Weihnachtsbaum, aber das ist nur eine Aufgabe, die er zur Freude aller übernimmt, nicht sein Existenzzweck.

In Dörfern wie diesem und mit Weihnachtsbäumen wie diesem läßt es sich gut aushalten.

Ein Rätsel aus Beton (und seine Lösung)

Die Stadt als unerschöpfliches Rätselheft ohne hinten nachzuschlagende Lösungen.

Die Stadt: Eine stille Gegend an einem Rande von Gdańsk, wo Mietskasernen und Bebauung aus der Zwischenkriegszeit auf Industriegelände treffen, nicht weniger abgelegen dadurch, daß man entlang des Angielska Grobla (Englischen Damms) in der Ferne das Żuraw (Krantor) in der Altstadt und entlang des Długa Grobla (Langen Damms) das Brama Żuławska (Żuławer Tor), das die einstige Ausdehnung der Festungsanlagen markiert, sieht.

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Ein Gebäude des Industriegeländes, das aber der Abschluß älterer Gebäude am Angielska Grobla ist und zu einer Art Platz im Kreuzungspunkt der Straßen zeigt.

Der linke dreigeschossige Teil ist aus Backstein und unauffällig, ein Industriebau unklarer und unwichtiger Herkunft eben. Aber etwas rechts der Mitte ragt  aus dem Obergeschoß ein halbrunder Erker, der wie ein Türmchen noch höher als das Dach wird – und er ist aus Beton. Auf der dünnen Betonfläche seines Bodens stehen Betonstreben, zwischen denen nur unten etwas Backstein ist, darüber aber Glas.

Völlig aus Beton ist auch der offene rechte Teil des Gebäudes.

Zwei parallele eckige Betonstützen links und weiter rechts zwei parallele schräge Stützenpaare, deren Stützen unten weiter auseinander stehen als oben, tragen ein dünnes Dach, das nach rechts freischwebend noch über das Gebäude hinausragt. Um die äußere rechte schräge Stütze windet sich eine Treppe nach oben. Sie beginnt außen links neben der Stütze, erreicht rechts auf halber Geschoßhöhe eine halbrund abgeschlossene Plattform, die nur von zwei Querstreben getragen wird, und führt innen zwischen den Stützen weiter nach links zu einer entsprechenden Plattform im zweiten Geschoß, die auf einem Raum im Erdgeschoß aufliegt, das aber nicht müßte. Das wiederholt sich zwischen diesem und dem dritten Geschoß, wo eine durchgehende Fläche und eine nach rechts überstehende Plattform sind.

Die Treppe wie die Flächen haben stählerne Geländer mit Pfosten aus zwei parallel nebeneinanderstehenden und zueinander leicht abgeschrägten runden Teilen, in denen oben runde Handläufe und unten ein entsprechendes rundes Band sind. Hinzu kommen flache schmale Stahlstreifen, unten drei, mit etwas Abstand ein weiterer.

Und das ist alles. Der Beton bildet wirklich nur Flächen, Stützen, Treppen und Streben, der Stahl bildet wirklich nur das Geländer. Der rechte Teil des Gebäudes ist somit völlig offen und wirkt völlig schwebend. Obwohl offen ablesbar ist, was trägt, scheint alles schwerelos.

Das Rätsel: Welchem Zweck könnte diese Konstruktion gedient haben und aus welcher Zeit könnte sie sein?

Gehört der Beton rechts überhaupt ursprünglich zum Backstein links? Den Übergang bildet der Erker, aber er gibt keine Antworten. Was könnte der Zweck sein? Die Konstruktion wirkt gänzlich technisch und funktional. Vermutlich erlaubte die breite Treppe auch, Waren schneller in die oberen Stockwerke zu tragen, aber ist die Konstruktion dafür nicht viel zu aufwendig, wäre ein Aufzug nicht sinnvoller? Wiewohl technisch und funktional ist der Betonteil doch an einer nach außen zeigenden Stelle und das Geländer ist bei aller Einfachheit doch so aufwendig, daß man es repräsentativ nennen könnte. Aber Eingang oder Schauseite ist hier wiederum ebenfalls nicht. Vielleicht eine Reklame, ostentative Modernität, um eine Firme zu bewerben?

Weil der Zweck so unklar bleibt, fällt auch die zeitliche Einordnung so schwer. Zwanziger, dreißiger Jahre vielleicht, Freie Stadt? Oder doch fünfziger, sechziger Jahre, Volkspolen? Das Problem ist, daß es aus keiner Zeit etwas auch nur entfernt Ähnliches gibt. Wenn die Konstruktion noch älter wäre, verdiente sie eine Erwähnung in Architekturgeschichtsbüchern. Äußerst ungewöhnlich ist sie auf jeden Fall.

Klar ist einzig, wie zeitlos schön dieses Bauwerk ist. Inmitten von Backstein und Putz ist der rohe Beton das Andere und Neue. So wenig sein Zweck ersichtlich ist, so offensichtlich sind die Möglichkeiten, die diese Bauweise eröffnet. Es erging dem Betonteil zudem besser als den verfallenden älteren Gebäude am Angielska Grobla. Zwar ist auch sein Geländer teils verborgen und auch auf seinem Dach wächst eine Birke, aber die Konstruktion ist so vollständig wie am ersten Tag und wird es wohl noch lange bleiben.

In Falle dieses städtischen Rätsels bietet das Internet glücklicherweise schnell eine Lösung, auch wenn sie unwahrscheinlich klingt.

Die Lösung: Die Betonkonstruktion war der Ausgang eines Kinos und stammt aus den Sechzigern. Das Industriegelände wurde 1894 als Städtischer Schlachthof erbaut und später zu den Zakłady Mięsne w Gdańsku (Fleischbetrieben in Gdańsk), die in einem Flügel ihrer kaiserzeitlichen Backsteinbauten das Kino Związku Zawodowego Pracowników Przemysłu Mięsnego (Kino der Gewerkschaft der Beschäftigten der Fleischindustrie) „Piast“, kurz Kino Piast, einrichteten. Während im Erdgeschoß neben Büros die Bibliothek und im zweiten Geschoß die Kantine waren, befand sich das Kino im dritten Geschoß und der Betonerker gehörte zum Projektionsraum.

Der Eingang für die Allgemeinheit war am Angielska Grobla und für die Arbeiter des Betriebs von dessen Gelände. Der rückwärtige Ausgang samt der Betonkonstruktion wurde auch deshalb gebaut, damit niemand einerseits für mehrere Vorstellungen im Saal bleiben und andererseits auf das Betriebsgelände gelangen konnte.

Fast kann man sich vorstellen, wie des Abends die Besucher aus dem Saal des Kino Piast die Betonstufen der Treppe hinabgingen, wie die einen sich Zigaretten anzündeten, die anderen noch der Filmhandlung nachsannen, wie Paare eine Weile an die Stahlgeländer gelehnt auf der schwebenden Plattform verharrten, während ein leichter Fleischgeruch in der Luft lag.

Aber nur fast. Ein Kino, ob in Betrieb oder nicht, das ist entweder sein spezifisches Gebäude oder, eher noch, seine Leuchtreklame mit seinem Namen. Die Reklame fehlt hier und der Betonbau hat nichts, was eher an ein Kino als einen Schlachthof denken ließe.

Anfang der Neunziger wurde mit dem Betrieb auch das Kino Piast stillgelegt. Das einstige Schlachthofgelände geriet in den Besitz einer spanischen Firma, die darauf wartete, daß die denkmalgeschützteren Bauten, die am Angielska Grobla eine Art Tor bilden, einstürzen, was auch halb geschah.

Vor kurzem verkündete ein neuer Investor aufwendige Pläne für eine Wohnanlage, in die auch die  backsteinernen Eingangsgebäude wiederum integriert werden sollen. Was tatsächlich kommt, bleibt abzusehen, und ob für den Betonvorbau des einstigen Kinoausgangs darin Platz sein wird, auch.

Gegenwärtig zumindest ist der Beton das Wichtigste, was vom Schlachthof blieb. Als ungelöstes Rätsel ließ er träumen, wie einst das unwahrscheinliche Kino, das die traumhafte Lösung des Rätsel ist, und schön bleibt er auch als gelöstes Rätsel.

Die verspätete Kirche

Ein nicht unwesentlicher Aspekt der Gdańsker Geschichte ist, daß die Stadt protestantisch und deutsch, das Umland aber katholisch und polnisch geprägt war, wiewohl beide zur Rzeczpospolita, der polnischen Adelsrepublik, gehörten. Für den Katholizismus nun war es im 17. und 18. Jahrhundert sehr wichtig, seine Macht durch barocken Prunk darzustellen. Das prominenteste Beispiel dafür im einstigen Umland von Gdańsk ist der Äbtepalast des Klosters in Oliwa mit seinem Park. Er ist ein großartiges und vielseitiges Ensemble des späten Barock, das gerade noch fertig wurde, bevor Gdańsk wie Oliwa an Preußen kamen und es mit der katholischen wie polnischen Macht vorbei war.

Ein weiteres Beispiel ist die jesuitische Kirche im ehemaligen Dorf Alt-Schottland südlich der Stadt. Sie steht weither sichtbar am bewaldeten Hang oberhalb des Kanał Raduni (Radunia-Kanals). Nach hinten hat ihr Bau bloße Backsteinmauern mit großen rundbögigen Fenstern und halbrundem Chor, während vorne eine verputzte Fassade mit hohen Pilastern, einigen Nischen und hohem Giebel ist.

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Ungefähr so, bloß mit steinernen Fassaden, sehen die monumentalsten barocken Kirchen in Kraków oder Rom aus. Dort jedoch passen sie in der Größe einigermaßen in die umgebende Bebauung, ganz anders als vor den Toren von Gdańsk. Da von dem Dorf keine älteren Gebäude erhalten blieben, wirkt die riesige Kirche völlig isoliert und fehl am Platz, aber zu groß war sie immer schon. Sie muß als Ausdruck jesuitischen Größenwahns kurz vor dem Ende der Macht des Ordens verstanden werden.

1755 fertiggestellt war die Kirche, die selbstverständlich nach Ignatius von Loyola heißt, auch architektonisch eher altmodisch, ganz anders als der Äbtepalast in Oliwa. Zudem wirkt sie bei allem Willen zur Pracht roh und unfertig. Der Giebel unterscheidet sich kaum vom Teil darunter und seine Schwünge sind schwerfällig. In den Nischen stehen kleine, offenkundig viel neuere Skulpturen, aber schon die Nischen selbst waren immer viel zu klein für die riesige Fassade. Die Kirche wirkt wie die Billigversion einer Jesuitenkirche.

Daß ihr Türme fehlen, wiegt weniger schwer, da diese die Maßstablosigkeit des Baus unweigerlich noch vergrößert hätten. Und von Nahem bemerkt man, daß es sehr wohl einen Turm gibt. Er steht rechts, auf dem Vorplatz und ist wie der kleine Bau neben ihm aus dunkelrot bemaltem Holz. Achteckig, mit vertikalen hölzernen Streben in Weiß als einziger Dekoration und ebenfalls hölzerner offener Glockenhaube ist er kaum halb so hoch wie die Kirche und architektonisch völlig andersartig.

Oben steht auf ihm die Jahreszahl 1777 und sie erklärt alles: der Turm, ebenfalls barock, aber ein schlichter, unmonumentaler, ein dörflicher Barock, ein Armeleutebarock fast, wurde nach der ersten polnischen Teilung von 1772, die den Anschluß der Gegend an Preußen bedeutete, und dem Verbot der Jesuiten von 1773 gebaut.

Ist die Kirche noch ein letzter Ausdruck katholischer Macht in diesen Breiten, so steht der Turm für deren Ende. Vielleicht war er gleichsam als Platzhalter für einen in besseren Zeiten zu errichtenden eigentlichen Turm aus Stein gedacht, aber diese Zeiten kamen letztlich nie oder falls doch, war jedenfalls das Bedürfnis für eine riesige Kirche am dörflichen Stadtrand entfallen. Der kleine hölzerne Glockenturm ist aber ein Glücksfall für die Kirche, die ohne ihn bloß ein verspäteter und etwas skurriler Klotz wäre. Er hat fast mehr mit der mennonitischen Kirche, die vierzig Jahre später näher an der Stadt oberhalb des Kanał Raduni erbaut wurde, gemein als mit seiner eigenen Kirche. Erst in der Schwäche gelang es dem Katholizismus hier, etwas leichtere, menschlichere Architektur zu schaffen, ein nicht untypisches Phänomen.