Archiv der Kategorie: Gdańsk

Um die Hala Olivia

Die Hala Olivia (Olivia-Halle), Gdańsks mit stolzer Spitze aufsteigende Eissporthalle, wurde durch die Zufälligkeiten der kapitalistischen Stadtentwicklung zum Mittelpunkt des Büroviertels der Stadt. Rechts neben ihr ist das Olivia Business Center, schräg links von ihr auf der anderen Straßenseite Alchemia, alles unauffällige sechs- bis zehngeschossige Glasklötze ohne höhere architektonische Ansprüche. Hier sitzen all die outgesourcten Abteilungen internationaler Firmen, amerikanisches, deutsches, skandinavisches Kapital. Die sozialistische Hala Olivia ist mithin Mittelpunkt eines dieser für den polnischen Kapitalismus sehr typischen Orte, eines der Orte, durch den Polen den Beinamen „Mexiko Europas“ (richtiger und schmeichelhafter wäre vielleicht „Costa Rica Europas“) erhalten hat.

Die Verbindungen zwischen der Halle und den beiden Bürokomplexen sind jedoch bestenfalls rudimentär wie überhaupt eine Stadtplanung kaum vorhanden ist. Alles ist zerrissen von der bis zu sechsspurigen Aleja Grunwaldzka (Grunwald-Allee), der größten Verkehrsachse der Trójmiasto (Dreistadt), und einer nur wenig kleineren Kreuzung. Während das Olivia Business Center sich mit einem engen Hof etwas von der Straße abwendet, ist Alchemia stur an ihr aufgereiht und zur anderen Seite von der Bahnstrecke eingezwängt. Sogar, von einem Büroviertel zu reden, ist letztlich übertrieben, da dies ein Minimum an Zusammenhang impliziert.

Zwei der jüngeren Gebäude von Alchemia und Olivia Business Center bemühen sich zumindest auf je unterschiedliche Weise, auf die Hala Olivia Bezug zu nehmen und die Anwesenheit dieses mit Abstand markantesten Gebäudes der Gegend anzuerkennen. Beim direkt an der großen Kreuzung stehenden Alchemia-Eckgebäude geschieht das durch die Gestaltung der Freiflächen an der abzweigenden Straße. Neben runden Bänken aus Beton, aus deren Mitte Bäume wachsen, gibt es dort große aus dem Boden ragenden eckige Elemente mit unregelmäßig dreieckigen Seitenflächen, von denen jeweils zwei aus Beton und eine aus einem Rasenbeet besteht. Die Beete sind verbunden durch ebenfalls unregelmäßig dreieckig geformte schräge Metallspaliere für Kletterpflanzen.

Der Beton und die Spitzen sind offenkundig von der schräg gegenüberliegenden Hala Olivia inspiriert. Das ist hübsch, aber ein angenehmer öffentlicher Ort wird hier, auch wenn die Pflanzen gewachsen sind, nie entstehen, da die Straßen viel zu nah und zu stark befahren sind.

Im Olivia Business Center wuchs im Laufe des Jahres 2017 ein 35-geschossiges und etwa 160 Meter hohes Hochhaus namens Olivia Star (Olivia Tower war bereits vergeben) heran.

Es ist die Dominante nicht nur der Outsourcinggebäude bei der Hala Olivia, sondern als höchstes Gebäudes der Trójmiasto auch sonst von weither zu sehen. Architektonisch ist es so anspruchs- wie immerhin auch harmlos wie seine niedrigeren Nachbarn,  ein verglaster Bau auf quadratischem Grundriß, der als Gimmick außerdem mit LEDs versehen wurde. Doch ganz oben hat es einen schräg zur Straße hin aufsteigenden Aufbau mit entsprechend dreieckigen Seitenflächen, was durch eine auch nach unten schräge Abstufung in der Fassadenstruktur noch unterstützt wird. Das wirkt, als sei den Architekten spät eingefallen, daß sie doch noch irgendetwas Interessantes mit ihrem Hochhaus machen müssen. Dafür ließen sie sich von der Hala Olivia, der einzig erwähnenswerten Architektur weit und breit, inspirieren.

Wenn man von links an der Hala Olivia vorbei- oder auf ihrer Terrasse geht, ergibt sich aus dem Beieinander der beiden aufsteigenden Formen in der Tat ein sehr hübscher Effekt, fast ein wenig, als werde der Schwung des Hallendachs hoch oben im Hochhausdach fortgesetzt.

Zugleich wird so auch der Unterschied zwischen beiden Gebäuden offenbar: hier die ikonische, aus der Funktion gewonnene Form, dort eine ziemlich beliebige Dachstruktur. So viel kleiner sie ist, bleibt die Hala Olivia das Größte in der Umgebung, während Olivia Star eben das Höchste ist und das auch mit einem ehrlicheren Flachdach wäre. Statt dessen, was wichtig wäre, der Stadtplanung, hat der Kapitalismus der Hala Olivia und uns allen nur wohlfeile formale Bezüge zu bieten – immerhin.

Dörfliche Weihnacht

Der schönste Weihnachtsbaum von Gdańsk steht natürlich in Przymorze. Man findet ihn genauer gesagt etwa auf der halben Länge der Jagiellońska (Jagiellonischen Straße). Wenn man abends vor den Geschäften an der Straße entlang und auf die lichtergeschmückte Tanne zugeht, während jenseits der Straße der spitze Turm der für polnische Verhältnisse kleinen Kirche hinzukommt, kann man sich leicht wie in einem Dorf zur Weihnachtszeit fühlen.

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Aber auch am Tag, besonders, wenn es geschneit hat oder ein fliegender Händler unter Einbeziehung des Straßenhandel verbietenden Schilds den neuesten Weihnachtskitsch verkauft, kommt die dörfliche Weihnachtsstimmung leicht auf.

„Straßenhandel verboten ! Privatgrundstück Wohnungsgenossenschaft ‚Przymorze'“

Denn es ist ja eine Art von Dorf, durch das man geht. Da ist die Hauptstraße mit Biedronka-Discountsupermarkt, Café, Bankfilialen, Bäcker, kleineren Lebensmittelläden, Bar Mleczny (Schnellrestaurant), Goldschmied/Uhrmacher/Pfandleiher, Wäscherei, Apotheke und Bibliothek auf der einen und Schulen und Poliklinik auf der anderen Seite. Da ist die Kirche. Da ist der zentrale Platz mit dem Weihnachtsbaum und der Bushaltestelle. Bloß wohnen die bis zu fünftausend Einwohner dieses Dorfs nicht in verstreuten Einfamilienhäusern, sondern im elfgeschossigen Falowiec (Wellenhaus), der sich als der mit etwa 800 Metern zweitlängste seiner Art hinter den niedrigen Ladenbauten mäandernd an der Straße erstreckt.

Und dieses Dorf ist nicht irgendwo auf dem Land gelegen, sondern Teil des großen Wohngebiets Przymorze, das wiederum Teil von Gdańsk und mit diesem Teil der Trójmiasto (Dreistadt) ist. So führt durch den Platz, quer zur Straße, in die eine Richtung unter dem Falowiec hindurch und in die andere Richtung an der Kirche vorbei in niedrigere Wohnbebauung hinein, ein großzügiger Fußgängerboulevard, wie ihn kein Dorf kennt. Ihn gehend eröffnen sich weitere Blicke auf den Weihnachtsbaum, dem man sich entweder langsam nähert oder den man nach der Durchquerung des Falowiec plötzlich vor sich hat.

Doch wie das Dorf also nicht nur ein Dorf ist, so ist auch der Weihnachtsbaum mehr, denn er steht das gesamte Jahr über in seinem runden Hochbeet auf dem offenen Platz. In der Weihnachtszeit, einen Monat pro Jahr, kann der Baum leuchten und wird mit seinem Schmuck zum Weihnachtsbaum, aber das ist nur eine Aufgabe, die er zur Freude aller übernimmt, nicht sein Existenzzweck.

In Dörfern wie diesem und mit Weihnachtsbäumen wie diesem läßt es sich gut aushalten.

Ein Rätsel aus Beton (und seine Lösung)

Die Stadt als unerschöpfliches Rätselheft ohne hinten nachzuschlagende Lösungen.

Die Stadt: Eine stille Gegend an einem Rande von Gdańsk, wo Mietskasernen und Bebauung aus der Zwischenkriegszeit auf Industriegelände treffen, nicht weniger abgelegen dadurch, daß man entlang des Angielska Grobla (Englischen Damms) in der Ferne das Żuraw (Krantor) in der Altstadt und entlang des Długa Grobla (Langen Damms) das Brama Żuławska (Żuławer Tor), das die einstige Ausdehnung der Festungsanlagen markiert, sieht.

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Ein Gebäude des Industriegeländes, das aber der Abschluß älterer Gebäude am Angielska Grobla ist und zu einer Art Platz im Kreuzungspunkt der Straßen zeigt.

Der linke dreigeschossige Teil ist aus Backstein und unauffällig, ein Industriebau unklarer und unwichtiger Herkunft eben. Aber etwas rechts der Mitte ragt  aus dem Obergeschoß ein halbrunder Erker, der wie ein Türmchen noch höher als das Dach wird – und er ist aus Beton. Auf der dünnen Betonfläche seines Bodens stehen Betonstreben, zwischen denen nur unten etwas Backstein ist, darüber aber Glas.

Völlig aus Beton ist auch der offene rechte Teil des Gebäudes.

Zwei parallele eckige Betonstützen links und weiter rechts zwei parallele schräge Stützenpaare, deren Stützen unten weiter auseinander stehen als oben, tragen ein dünnes Dach, das nach rechts freischwebend noch über das Gebäude hinausragt. Um die äußere rechte schräge Stütze windet sich eine Treppe nach oben. Sie beginnt außen links neben der Stütze, erreicht rechts auf halber Geschoßhöhe eine halbrund abgeschlossene Plattform, die nur von zwei Querstreben getragen wird, und führt innen zwischen den Stützen weiter nach links zu einer entsprechenden Plattform im zweiten Geschoß, die auf einem Raum im Erdgeschoß aufliegt, das aber nicht müßte. Das wiederholt sich zwischen diesem und dem dritten Geschoß, wo eine durchgehende Fläche und eine nach rechts überstehende Plattform sind.

Die Treppe wie die Flächen haben stählerne Geländer mit Pfosten aus zwei parallel nebeneinanderstehenden und zueinander leicht abgeschrägten runden Teilen, in denen oben runde Handläufe und unten ein entsprechendes rundes Band sind. Hinzu kommen flache schmale Stahlstreifen, unten drei, mit etwas Abstand ein weiterer.

Und das ist alles. Der Beton bildet wirklich nur Flächen, Stützen, Treppen und Streben, der Stahl bildet wirklich nur das Geländer. Der rechte Teil des Gebäudes ist somit völlig offen und wirkt völlig schwebend. Obwohl offen ablesbar ist, was trägt, scheint alles schwerelos.

Das Rätsel: Welchem Zweck könnte diese Konstruktion gedient haben und aus welcher Zeit könnte sie sein?

Gehört der Beton rechts überhaupt ursprünglich zum Backstein links? Den Übergang bildet der Erker, aber er gibt keine Antworten. Was könnte der Zweck sein? Die Konstruktion wirkt gänzlich technisch und funktional. Vermutlich erlaubte die breite Treppe auch, Waren schneller in die oberen Stockwerke zu tragen, aber ist die Konstruktion dafür nicht viel zu aufwendig, wäre ein Aufzug nicht sinnvoller? Wiewohl technisch und funktional ist der Betonteil doch an einer nach außen zeigenden Stelle und das Geländer ist bei aller Einfachheit doch so aufwendig, daß man es repräsentativ nennen könnte. Aber Eingang oder Schauseite ist hier wiederum ebenfalls nicht. Vielleicht eine Reklame, ostentative Modernität, um eine Firme zu bewerben?

Weil der Zweck so unklar bleibt, fällt auch die zeitliche Einordnung so schwer. Zwanziger, dreißiger Jahre vielleicht, Freie Stadt? Oder doch fünfziger, sechziger Jahre, Volkspolen? Das Problem ist, daß es aus keiner Zeit etwas auch nur entfernt Ähnliches gibt. Wenn die Konstruktion noch älter wäre, verdiente sie eine Erwähnung in Architekturgeschichtsbüchern. Äußerst ungewöhnlich ist sie auf jeden Fall.

Klar ist einzig, wie zeitlos schön dieses Bauwerk ist. Inmitten von Backstein und Putz ist der rohe Beton das Andere und Neue. So wenig sein Zweck ersichtlich ist, so offensichtlich sind die Möglichkeiten, die diese Bauweise eröffnet. Es erging dem Betonteil zudem besser als den verfallenden älteren Gebäude am Angielska Grobla. Zwar ist auch sein Geländer teils verborgen und auch auf seinem Dach wächst eine Birke, aber die Konstruktion ist so vollständig wie am ersten Tag und wird es wohl noch lange bleiben.

In Falle dieses städtischen Rätsels bietet das Internet glücklicherweise schnell eine Lösung, auch wenn sie unwahrscheinlich klingt.

Die Lösung: Die Betonkonstruktion war der Ausgang eines Kinos und stammt aus den Sechzigern. Das Industriegelände wurde 1894 als Städtischer Schlachthof erbaut und später zu den Zakłady Mięsne w Gdańsku (Fleischbetrieben in Gdańsk), die in einem Flügel ihrer kaiserzeitlichen Backsteinbauten das Kino Związku Zawodowego Pracowników Przemysłu Mięsnego (Kino der Gewerkschaft der Beschäftigten der Fleischindustrie) „Piast“, kurz Kino Piast, einrichteten. Während im Erdgeschoß neben Büros die Bibliothek und im zweiten Geschoß die Kantine waren, befand sich das Kino im dritten Geschoß und der Betonerker gehörte zum Projektionsraum.

Der Eingang für die Allgemeinheit war am Angielska Grobla und für die Arbeiter des Betriebs von dessen Gelände. Der rückwärtige Ausgang samt der Betonkonstruktion wurde auch deshalb gebaut, damit niemand einerseits für mehrere Vorstellungen im Saal bleiben und andererseits auf das Betriebsgelände gelangen konnte.

Fast kann man sich vorstellen, wie des Abends die Besucher aus dem Saal des Kino Piast die Betonstufen der Treppe hinabgingen, wie die einen sich Zigaretten anzündeten, die anderen noch der Filmhandlung nachsannen, wie Paare eine Weile an die Stahlgeländer gelehnt auf der schwebenden Plattform verharrten, während ein leichter Fleischgeruch in der Luft lag.

Aber nur fast. Ein Kino, ob in Betrieb oder nicht, das ist entweder sein spezifisches Gebäude oder, eher noch, seine Leuchtreklame mit seinem Namen. Die Reklame fehlt hier und der Betonbau hat nichts, was eher an ein Kino als einen Schlachthof denken ließe.

Anfang der Neunziger wurde mit dem Betrieb auch das Kino Piast stillgelegt. Das einstige Schlachthofgelände geriet in den Besitz einer spanischen Firma, die darauf wartete, daß die denkmalgeschützteren Bauten, die am Angielska Grobla eine Art Tor bilden, einstürzen, was auch halb geschah.

Vor kurzem verkündete ein neuer Investor aufwendige Pläne für eine Wohnanlage, in die auch die  backsteinernen Eingangsgebäude wiederum integriert werden sollen. Was tatsächlich kommt, bleibt abzusehen, und ob für den Betonvorbau des einstigen Kinoausgangs darin Platz sein wird, auch.

Gegenwärtig zumindest ist der Beton das Wichtigste, was vom Schlachthof blieb. Als ungelöstes Rätsel ließ er träumen, wie einst das unwahrscheinliche Kino, das die traumhafte Lösung des Rätsel ist, und schön bleibt er auch als gelöstes Rätsel.

Die verspätete Kirche

Ein nicht unwesentlicher Aspekt der Gdańsker Geschichte ist, daß die Stadt protestantisch und deutsch, das Umland aber katholisch und polnisch geprägt war, wiewohl beide zur Rzeczpospolita, der polnischen Adelsrepublik, gehörten. Für den Katholizismus nun war es im 17. und 18. Jahrhundert sehr wichtig, seine Macht durch barocken Prunk darzustellen. Das prominenteste Beispiel dafür im einstigen Umland von Gdańsk ist der Äbtepalast des Klosters in Oliwa mit seinem Park. Er ist ein großartiges und vielseitiges Ensemble des späten Barock, das gerade noch fertig wurde, bevor Gdańsk wie Oliwa an Preußen kamen und es mit der katholischen wie polnischen Macht vorbei war.

Ein weiteres Beispiel ist die jesuitische Kirche im ehemaligen Dorf Alt-Schottland südlich der Stadt. Sie steht weither sichtbar am bewaldeten Hang oberhalb des Kanał Raduni (Radunia-Kanals). Nach hinten hat ihr Bau bloße Backsteinmauern mit großen rundbögigen Fenstern und halbrundem Chor, während vorne eine verputzte Fassade mit hohen Pilastern, einigen Nischen und hohem Giebel ist.

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Ungefähr so, bloß mit steinernen Fassaden, sehen die monumentalsten barocken Kirchen in Kraków oder Rom aus. Dort jedoch passen sie in der Größe einigermaßen in die umgebende Bebauung, ganz anders als vor den Toren von Gdańsk. Da von dem Dorf keine älteren Gebäude erhalten blieben, wirkt die riesige Kirche völlig isoliert und fehl am Platz, aber zu groß war sie immer schon. Sie muß als Ausdruck jesuitischen Größenwahns kurz vor dem Ende der Macht des Ordens verstanden werden.

1755 fertiggestellt war die Kirche, die selbstverständlich nach Ignatius von Loyola heißt, auch architektonisch eher altmodisch, ganz anders als der Äbtepalast in Oliwa. Zudem wirkt sie bei allem Willen zur Pracht roh und unfertig. Der Giebel unterscheidet sich kaum vom Teil darunter und seine Schwünge sind schwerfällig. In den Nischen stehen kleine, offenkundig viel neuere Skulpturen, aber schon die Nischen selbst waren immer viel zu klein für die riesige Fassade. Die Kirche wirkt wie die Billigversion einer Jesuitenkirche.

Daß ihr Türme fehlen, wiegt weniger schwer, da diese die Maßstablosigkeit des Baus unweigerlich noch vergrößert hätten. Und von Nahem bemerkt man, daß es sehr wohl einen Turm gibt. Er steht rechts, auf dem Vorplatz und ist wie der kleine Bau neben ihm aus dunkelrot bemaltem Holz. Achteckig, mit vertikalen hölzernen Streben in Weiß als einziger Dekoration und ebenfalls hölzerner offener Glockenhaube ist er kaum halb so hoch wie die Kirche und architektonisch völlig andersartig.

Oben steht auf ihm die Jahreszahl 1777 und sie erklärt alles: der Turm, ebenfalls barock, aber ein schlichter, unmonumentaler, ein dörflicher Barock, ein Armeleutebarock fast, wurde nach der ersten polnischen Teilung von 1772, die den Anschluß der Gegend an Preußen bedeutete, und dem Verbot der Jesuiten von 1773 gebaut.

Ist die Kirche noch ein letzter Ausdruck katholischer Macht in diesen Breiten, so steht der Turm für deren Ende. Vielleicht war er gleichsam als Platzhalter für einen in besseren Zeiten zu errichtenden eigentlichen Turm aus Stein gedacht, aber diese Zeiten kamen letztlich nie oder falls doch, war jedenfalls das Bedürfnis für eine riesige Kirche am dörflichen Stadtrand entfallen. Der kleine hölzerne Glockenturm ist aber ein Glücksfall für die Kirche, die ohne ihn bloß ein verspäteter und etwas skurriler Klotz wäre. Er hat fast mehr mit der mennonitischen Kirche, die vierzig Jahre später näher an der Stadt oberhalb des Kanał Raduni erbaut wurde, gemein als mit seiner eigenen Kirche. Erst in der Schwäche gelang es dem Katholizismus hier, etwas leichtere, menschlichere Architektur zu schaffen, ein nicht untypisches Phänomen.

Systemvergleich per Schaukel

Dort, wo in Gdańsk die Ausläufer des Park Reagana (Reagan-Parks) auf die Straße Piastowska treffen, neben der letzten Bebauung vorm Strand, stehen auf der Wiese zwei Schaukeln.

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Die erste hängt in einem hohen und engen roten Stahlkäfig, die zweite in einem grauen Stahlrahmen und mit Ketten am Boden befestigt. Frei schaukeln, also wirklich schaukeln, kann man auf keiner von beiden.

Die Symbolik ist simpel: die erste Schaukel ist der Sozialismus, der den Schaukelnden gut sichtbare Grenzen setzt, die zweite ist der Kapitalismus, der den Schaukelnden scheinbar alle Freiheit läßt, sie aber mit kaum sichtbaren Banden hält. Das Ergebnis ist dasselbe.

Es ist zutiefst pessimistischer, fatalistischer Systemvergleich, der der Künstler  hier auf der Wiese mit Hilfe von Schaukeln anstellt. Ob er fair ist, ob er den Erfahrungen der Menschen im einen wie im anderen System entspricht, mag jeder für sich selbst entscheiden. Als Kommunist kann man ihm zumindest insoweit zustimmen, als der Sozialismus ehrlich war und die Grenzen der Schaukelfreiheit nicht verbarg, während der Kapitalismus lügt und eine unendliche Schaukelfreiheit verspricht. Das macht ihn so verlockend für die, die bloß schaukeln wollen.

Nebukadnezar in Gdańsk

Das Gebäude Świętego Ducha (Heiliggeiststraße) 121 ist absolut nicht auffällig, eines der typischen wiederaufgebauten Gebäude der Gdańsker Altstadt eben, bis auf den Volutengiebel schmucklos, schmal nur, heute im Erdgeschoß das Pub Duszek. In der Brüstung der vorgesetzten Terrasse, wie sie so auch die Nachbarhäusern und viele andere haben, ist dafür eines der interessantesten barocken Reliefs der Stadt.

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Es befindet sich links der mittigen Treppe und zeigt auf einer mehrfach geschwungenen Fläche im Vordergrund einen Mann auf allen Vieren. Er ist nackt, um seinen Bauch ist ein Band und zwischen seinen Beinen verläuft zu einem Baumstumpf rechts eine Kette. Um ihn sind Tiere, Rinder, links steht eine Gruppe Menschen, die zu ihm blickt, im Hintergrund ist rechts ein großes Haus und links eine vieltürmige Stadt in Hügeln. Hat man die Szene so erfaßt, merkt man, daß der Mann grast, er ist reduziert auf den Status eines Tiers auf dem Hof. Es ist ein starkes Bild von Gefangenschaft, von Folter.

Das entsprechende Relief rechts der Treppe zeigt zwischen Steinen und neben einem Gittertor einen bärtigen Mann in einem antiken Gewand. Um ihn sind viele Löwen sowie Totenschädel, Knochen, ein Brustkorb und in der linken oberen Ecke steht eine Gruppe Menschen an einer Art Geländer. Die Szene wirkt deutlich schwächer als die andere. Der Mann sitzt zu gemütlich, die Löwen sind zu klein. Man spürt keine Todesangst, während man die Erniedrigung im linken Relief umso stärker gespürt hatte.

Wenn man sich mit den alttestamentarischen Vorlagen der beiden Reliefs vertraut gemacht hat, wird man allerdings beide umso überzeugender finden. Das rechte zeigt Daniel in der Löwengrube (Dan 6, 2 – 29), das linke den babylonischen König Nebukadnezar in der Zeit seiner Verrücktheit, als er „aus der Gemeinschaft der Menschen“ verstoßen war und „sich von Gras ernähren [mußte] wie die Ochsen“ (Dan 4, 30). Von ersterer Geschichte hat man auch bei säkularem Halbwissen wohl schon einmal gehört, während man, um die zweite zu kennen, schon recht gut wenigstens mit dem Buch Daniel vertraut sein müßte. Daß das Nebukadnezarrelief ungleich dramatischer als das Danielrelief wirkt, ist nunmehr schlüssig, da Nebukadnezar eben tatsächlich verrückt war und wie ein Ochse graste, während Daniel in der Löwengrube von seinem Gott beschützt wurde und keine Angst haben mußte.

Was der Hausbesitzer sich dabei dachte, als er diese Szenen für seine repräsentative Terrasse wählte, wird man nicht mehr herausfinden, vielleicht war es auch einfacher und er ließ dem Künstler freie Hand: Nimm halt irgendwas aus der Bibel. Es ist ein Glück, daß dieser es nicht bei Daniel beließ, denn den kennt man ja. Mit dem grasenden Nebukadnezar verwandelte er hingegen eine der vielen, vielen eigentümlichen und unbekannten Geschehnisse der Bibel vom Wort zum Bild und setzte es in die Straßen von Gdańsk.

Tiere im Falowiec

Die Vorstellung, daß einen das Leben in hohen Gebäuden von der Natur entfernte, ist ganz falsch. Es kommt bei allen Gebäuden, niedrigen wie hohen, vor allem darauf an, wie die Umgebung aussieht. Wenn diese wie in fortschrittlichen Wohngebieten aus üppigen Parklandschaften besteht, bringt einen das Leben in hohen Gebäuden der Natur im Gegenteil näher.

In meiner Wohnung im neunten Stock eines Falowiec (Wellenhauses) in Gdańsk-Przymorze ist die Tierwelt nie weit. Schon, wenn ich aufwache, ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich eine Taube auf meiner Balkonbrüstung sitzen sehe oder, seltener, eine Elster oder einen Spatzen. Wenn ich aufstehe und hinausblicke, gehören die Lüfte über Przymorze ganz den großen Silbermöwen und Nebelkrähen, zu denen sich noch die kleinen Lachmöwen gesellen. Im Sommer sind auch Schwalben zu sehen, aber die, klein, schnell, hochfliegend, gehören in eine andere Welt. Da es kein Wasser gibt, verirren sich Enten nur selten hierher, am ehesten hört man nachts ihren schnatternden Flug. Unten in den Grünanlagen gehen Leute mit ihren Hunden spazieren und vor allem abends kommen Katzen, die hier halb wild leben, hervor, doch auch der Boden gehört letztlich den Vögeln. Sie gehen hier ihrem Tageswerk nach: der Nahrungssuche, dem Überleben.

Ist das Artenvielfalt? Vermutlich nicht. Es wäre zweifelsohne interessant zu sehen, welchen Einfluß ein Greifvogel, etwa der Sperber, der im Frühling mal auf meinem Balkon saß, auf die Vogelwelt hätte und Papageien gäben einen hübschen Farbakzent, aber wenig ist auch das Vorhandene nicht. Es sind alles Tiere, die mit dem, durch den Menschen leben. Was ihr natürlicher Lebensraum sein mag, interessiert sie wenig, sie leben hier in dem, was wir für uns geschaffen haben. Für die Elstern, Spatzen, Dohlen stehen im Mittelpunkt recht konventionell die Bäume. Die Krähen sind ohnehin nur zu Besuch und überall wie nirgendwo. Die Möwen mögen die Dächer der niedrigeren Gebäude und die Laternen. Die Tauben bewohnen den Falowiec, der mit seinen vielen Balkonen und den dort im Laufe der Zeit von den menschlichen Bewohnern geschaffenen Winkeln und Nischen besser für sie geeignet ist als mancher natürliche Fels.

Die verschiedenen Vogelarten leben gemeinsam und nebeneinander in Przymorze. Gemeinsam fressen sie die Brotreste, die ihnen hingeworfen werden, oder was auch immer einer Krähe aus einem Mülleimer zu holen gelang, aber sie konkurrieren dabei auch immer. Wo die Krähen ihre Intelligenz und die Silbermöwen ihre schiere Größe und Aggressivität einsetzen, müssen die anderen sich auf die richtige Mischung aus Vorsicht und Risikobereitschaft verlassen. Meister darin, falls das kein Widerspruch in sich ist, sind die Tauben.

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Überhaupt die Tauben. Von allen Tieren passen sie am besten zur fortschrittlichen Architektur: sie sind grau, einfach, naheliegend, aber haben auch einen überraschenden Moment schillernder farbiger Schönheit. Da sie sich am liebsten auf den Balkonen, Brüstungen, Fensterbänken aufhalten und auch nicht davor zurückschrecken, durch offene Balkontüren zur Erkundung in Wohnungen zu gehen, wird man sie beim Leben in der Höhe am besten von allen Tieren kennenlernen. Die ständigen Bewegungen des Kopfs, um möglichst alles zu sehen. All die Zeichnungen des Gefieders und die stetig changierenden Farben der Halsfedern in verschiedenen Lichtsituationen. Der Flug, vom flatternden Aufsteigen über den eleganten Segelflug bis zum waghalsigen Sprung vom Balkongeländer ins Leere, der für sie so normal ist wie für uns unvorstellbar. Das Gurren der Balz. Die immer nur kurzen Kämpfe mit Picken und Flügelschlagen. Das stille und schicksalsergebene Dasitzen in der Dunkelheit, plötzlich ganz frei von der Angst und Vorsicht, die sie durch den Tag gebracht hatten.

Nicht nur näher bringt einen das erhöhte Leben der Natur, sondern es eröffnet auch ganz neue Perspektiven auf sie. Im kleinbürgerlichen Einfamilienhaus mag man sie in einzelnen Einblicken erleben, hier oben im poor man’s penthouse (Penthouse des armen Mannes) hat man sie im Überblick. Es ist gar nicht möglich, auf dem Balkon zu sitzen, ohne wenigstens aus den Augenwinkeln verschiedenste Vögel im Flug zu erleben. Vögel sind von hier gesehen nicht mehr etwas, das fern über einem ist, sondern etwas im weiten Bereich vor einem. Oder ganz nah bei einem. Nichts eigenartiger Schönes, als vom Balkon im neunten Stock aus die Lachmöwen zu füttern, ihnen Krumen hinzuwerfen und sie von ihnen aufgeschnappt zu sehen, während sie vor einem in der Luft gleichsam stehen. Oder oft gar unter einem. Nichts Majestätischeres als der Anblick einer Silbermöwe, die viele Stockwerke unter einem langsam am Gebäude entlangsegelt.

Die Schönheit und Majestät ist jedoch nicht die des Vogels im Flug, sondern die des Menschen, dessen Größe diesen Anblick ermöglicht. Aus einem hohen Gebäude kann die Natur nah und schön sein, aber immer als etwas, das vom Menschen gestaltet, also recht eigentlich erst geschaffen ist.