Die Zukunft unter der Wärmedämmung

Am Gebäude Rainergasse 27 gab es es einmal ein faszinierendes Mosaik von Franz Molt aus dem Jahre 1968, das sich ein Wien der Zukunft vorstellte.

Mosaikrainergasse27Detail

Auch nach fast fünfzig Jahren, noch letzten Frühling, als die Fassade des ohnehin banalen Gebäudes einen schmutzigen Farbton angenommen hatte, leuchtete es in die Stadt, die nie wie vorgestellt geworden war, hinaus.

MosaikRainergasse27

Das ist vorbei. Im Sommer 2015 wurde um das Gebäude ein Gerüst errichtet und bald verschwand das Mosaik hinter einer Wärmedämmung.

Rainergasse27GerüstSommer2015

Jetzt ist es deren Weiß, das im Kontrast zu den mehr oder weniger schmutzigen Nachbargebäuden leuchtet.

Rainergasse27Wärmdämmung

Was fehlt, ist die Zukunft.

Rainergasse27DetailOhneMosaik

Oder vielleicht doch nicht? Die Zukunft vom Mosaik schließlich war nie gekommen oder nur in schönen Ansätzen wie der aufgestützten Stadtautobahn am Brigittenauer Sporn

EnsembleMitAutobahn

oder den Hochhäusern von Alterlaa.

AlterlaaBlickB

Das Gebäude selbst, Blockrandbebauung, kaum anders als im 19. Jahrhundert, war Beispiel eines Hindernisses auf dem Weg in diese Zukunft. Jetzt jedoch, da kein Mosaik mehr von einer besseren, anderen Zukunft kündet, ist es ein nüchterner Bote einer zwar nicht besseren oder auch nur anderen, dafür aber wärmegedämmten Zukunft geworden.

Denn nach und nach werden Wärmedämmungen wie diese über alle Wiener Gebäude wachsen. Unzählige mehr oder weniger interessante Wandbilder, Mosaike, etc. werden dahinter verschwinden, um erst von späteren Zeiten wiederentdeckt zu werden, wie etwa die seit einem Umbau unter Maria Theresia verdeckten Deckengemälde in einem Raum von Prinz Eugens Winterpalais. Einige werden auch sichtbar erhalten bleiben, vor allem wohl die an Gemeindebauten, aber weniger werden es sicherlich.

Damit vollzieht sich in Österreich, wie üblich mit zehn-, fünfzehnjähriger Verspätung, was in Deutschland bereits geschehen ist. Dort bedeutet es aber aus zwei sehr verschiedenen Gründen keine so große Veränderung wie es sie in Wien bedeuten wird: in Westdeutschland nicht, weil es nirgends sehr viel Kunst an Gebäuden gab, in der annektierten DDR nicht, weil sich das Neue dort nicht in dem einen oder anderen Kunstwerk, sei es auch noch so großartig, sondern in neuartigen Stadträumen, die weit schwerer ganz zu zerstören sind, manifestierte, weil dort schon ein Schritt in die Zukunft vom Mosaik getan war. Auch für Wien kann man daher beruhigt sein: die Straßen werden weniger bunt werden, aber Alterlaa wird Alterlaa bleiben.

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