Archiv der Kategorie: Orte

Maria in Drag

Wenn die Dreifaltigkeitssäule auf dem Zelný trh (Krautmarkt) in Brno nur Jesus, den heiligen Geist und Gott zeigen würde, wäre sie immer noch das bessere der beiden barocken Kunstwerke auf diesem Platz.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Aber angesichts des unsäglichen Steinhaufens von einem Brunnen weiter unten auf der ansteigenden Platzfläche ist das kein großes Kompliment.

Budík, Miloš u. Samková, Eva: Brno – v 80 barevných fotografích, Praha 1976

Die Darstellung der Dreifaltigkeit, bei der Jesus und Gott nebeneinandersitzen und der heilige Geist als Taube in einem Strahlenkranz zwischen ihnen schwebt, ist eben weit weniger interessant als die das Gnadenstuhls, bei der Gott den gekreuzigten Jesus zwischen den Beinen hält. Sie wirkt eher wie ein Kaffeekränzchen bei Sonnenuntergang, während die zweite wirklich eine Ahnung vom komplizierten Einswerden dreier Teile, von Dreifaltigkeit, gibt. Auch hier, wo die beiden auf dem großen ionischen Kapitell der Säule und Wolken sitzen, während die Strahlen und die Taube an einem weiteren Teil, durch den die Säule eher zum Obelisk wird, hängt, wird das nicht anders.

Aber da ist noch mehr. Auf dem Sockel vor der flachen puttenbehafteten Säule stehen zwei weitere Figuren: vorne Maria, hinten Johannes von Nepomuk. Diese beiden Heiligen so nah beieinander, Rücken an Rücken, zu sehen, macht ihre Gemeinsamkeiten ungewöhnlich deutlich.

Für sich genommen sind die beiden Skulpturen ganz typisch. Maria in verzückter Verrenkung, die rechte Hand etwas nach unten ausgestreckt, die linke Hand auf der Brust, unter ihr die Weltkugel mit zertretener Schlange.

Johannes von Nepomuk in ganz ähnlicher Verrenkung, Kruzifix und Palmwedel im rechten Arm, die linke Hand seinerseits auf der Brust.

Was sie verbindet, sind ihre Heiligenscheine. Marias hat viele Sterne, Nepomuks nur fünf. Aber sie sind die einzigen beiden Heiligen, deren Heiligenscheine Sterne haben. In dieser Hinsicht steht Johannes von Nepomuk nur wenig unter Maria, der Mutter Gottes. In Brno stehen sie sogar auf einer Stufe, deutlich über den beiden anderen Heiligen, die links und rechts niedrigere Sockel haben.

Die Erbauer der Säule waren sich sicher bewußt, was sie taten, als sie beiden so heraushoben und beisammen zeigten. Ihnen würde es wohl zu weit gehen, würde man in Johannes von Nepomuk eine zweite Maria, eine Maria in Drag sehen wollen, und die beiden zusammen als eigentümliche Zweifaltigkeit. Aber heute ist es schwer, das nicht zu sehen.

Eine Bank in Groningen

Das Gebäude, das 1958 für die Amsterdamsche Bank (Amsterdamer Bank) am Grote Markt (Großen Markt) in Groningen gebaut wurde, ist auch heute noch eines der markantesten der Stadt. In der Mitte der Nordseite des Platzes stehend, ist es das aber auf viel subtilere Weise als die monumentale Tempelfassade des Rathauses oder der hohe, in drei steinernen und zwei kupfernen Stufen ansteigende Turm der Martinikerk (Martinskirche), die seine Nachbarn sind.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Die sechs vor dem leicht zurückgesetzten Erdgeschoß stehenden eckigen Stützen setzen sich hinter den großen Fensterflächen der drei weiteren Geschosse fort und tragen schließlich mit etwas Abstand zum obersten Geschoß ein dünnes leicht aufsteigendes und leicht überstehendes Betondach. Die weißgraue Steinverkleidung der Stützen im Erdgeschoß ist in den horizontalen Bändern, die die Geschosse optisch trennen, wieder aufgenommen. In der rechten Hälfte des zweiten Geschosses ragt ein kleiner quadratischer Balkon hervor und in regelmäßigem Abstand im vierten Geschoß drei weitere. Alle sind unten mit dem weißgrauen Stein verkleidet sind. Ansonsten sind da nur Glas und türkisgrüne Farbakzente, die einen Kontrast zu Stein und Beton bilden.

Schon im Vordach des links angeordneten Eingangs, in einigen der dünnen Fensterrahmen und in den dünnen Stahlgeländern der Balkone erscheint dieses Türkisgrün. Quadratische Flächen in derselben Farbe sind auch im überstehenden Dach und wenn man nahe genug herantritt, sieht man, daß auch die Gitterböden der Balkone so gefärbt sind und zu weiteren farbigen Quadraten werden.

Das Gebäude ist geradezu darauf ausgerichtet, von Nahem, mit hinaufgehendem Blick betrachtet zu werden. Heute, da der Grote Markt halbwegs vom Verkehr befreit ist, und man das Gebäude aus jeder beliebigen Entfernung so lange man will anschauen kann, erscheint das sinnlos, aber zur Entstehungszeit, als davor eine Straße und ein schmaler Gehsteig verliefen, war es das keineswegs. So erzählt die Architektur des Gebäudes nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die des umliegenden Stadtraums.

Daß dieses Gebäude und seine aus derselben Zeit stammenden Nachbarbauten überhaupt so gebaut wurden, hat wiederum mit der Geschichte der Kämpfe um die Stadt im April 1945 zu tun. In den Gebäuden der Nord- und Ostseite des Platzes hatten sich deutsche Truppen verschanzt und die kanadischen Befreiungstruppen hatten Panzer einsetzen müssen, um sie zu besiegen. Die beiden Platzseiten, nicht aber die nahe Kirche oder das Rathaus, wurden dabei völlig zerstört.

Die Amsterdamsche Bank wird sicher wenig darüber getrauert haben, daß ihre vorherige Filiale, ein expressiver Backsteinbau aus den Zwanzigern, durch eine neue, modischere ersetzt werden konnte. Sie zeigte sich dabei als ein architektonisch fortschrittlicherer Teil des Kapitals. Wie anders es hätte sein können – und damit die Beliebigkeit kapitalistischer Architektur – beweißt der backsteinverkleidete Eckbau rechts daneben, der sich mit einer Skulptur wohl auf die Kirche beziehen sollte.

Schließlich erzählt die Bankfiliale in Groningen noch die Geschichte der Konzentration des Bankwesens in den Niederlanden. Sie wurde errichtet für die Amsterdamsche Bank, doch diese schloß sich schon wenig später mit der Rotterdamsche Bank (Rotterdamer Bank) zur Amsterdam Rotterdam Bank, besser bekannt als AMRO, zusammen, aus der später die noch heute bestehende ABN AMRO wurde. Und fast scheint es, als habe das Gebäude nur darauf gewartet, denn seine türkisgrüne Farbakzente passen so gut zum gegenwärtigen Logo von ABN AMRO, daß sie fast wie Teil einer Corporate Identity wirken.

Architektonisch ist die Bank in Groningen nicht mehr und weniger als ein Bürohaus der Fünfziger, Teil der Blockrandbebauung, ein Kleinod, mit dem sich der Kapitalismus dieser Zeit repräsentierte. Es hat dabei eine Sensibilität für Details und ein Talent, vorgeblich sachliche Architektur edel wirken zu lassen, die es zum würdigen Vertreter ebendieser Architekturperiode machen.

Gerade wird das Gebäude umgebaut, ABN AMRO ist nach nebenan gezogen und schon verschwunden ist das Kleinod im Kleinod, das aus weißgrauem Stein gehauene abstrakte Relief im Balkon des zweiten Geschosses. Markant ist es noch immer.

Die Verfälschung von Schönbrunn

Man kann Schönbrunn von außen sehen – kostenlos – oder man kann Schönbrunn von innen sehen – wenn man gewillt ist, in einer Schlange anzustehen, mindestens 14,20 Euro zu zahlen, in Räumen mit dem Charme eines Provinzflughafens in einer zweiten Schlange anzustehen und sich mit unzähligen anderen Besuchern durch die Säle treiben zu lassen. Ob sich das lohnt, muß jeder selbst entscheiden. Was man auf jeden Fall nicht sehen wird, ist  – Schönbrunn.

Denn das Einzige, was dieses Monstrum von einem Schloß interessant machen könnte, ist, wie es das Außen und das Innen verbindet und das ist bei seiner heutigen Präsentation nicht mehr erlebbar.

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläster und Schlösser in Europa, Leipzig 1970 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Heute sieht man Schönbrunn entweder von außen als die Seite des Vorhofs oder die Seite des Parks, die durch eine lange Wegstrecke voneinander getrennt sind, oder von innen als eine Abfolge künstlich beleuchteter und mit Holzjalousien abgeschlossener Säle. Doch beides ist nicht, was Schönbrunn sein will. Es ist kein Hindernis zwischen Vorhof und Park, sondern eine Verbindung. Es ist kein museal abgeschotteter Innenraum, sondern nach außen geöffnet.

Man kann ersteres erahnen, wenn man in der Mitte der Hofseite vor der heute verglasten Einfahrt steht und durch das Schloß über die Weite des Parks, über den Neptunbrunnen und den Hang bis zur Gloriette schaut. Diese Einfahrt und der Erdgeschoßbereich, den man als Halteplatz für Kutschen mit einem Busbahnhof vergleichen kann, sind der architekturgewollte Weg vom Vorhof in den Park.

Man kann zweiteres erahnen, wenn man an einer der beiden Seiten auf den Balkonen vorm zweiten Geschoß steht und durch die Jalousien in die Säle und durch sie hindurch zur anderen Seite schaut. Die hohen Fenstertüren weit geöffnet zu den Balkonen und ihren in Vorhof und Park herabführenden Freitreppen, das Außen ins Innere hineinholend, so sind diese Säle gedacht.

Erahnen also kann man Schönbrunn, erleben aber nie. Nie wird man zu Fuß oder in einer Kutsche vorm Vorhof durch den dunklen Bauch des Schlosses kommenund sehen, wie sich vor einem der Park öffnet. Nie wird man vom Saal auf den Balkon treten und statt der Deckenmalereien den Himmel über sich sehen. So, wie Schönbrunn heute präsentiert wird, wird es verfälscht. Ein Ganzes wird zerrissen, in sinnlose Teile zerlegt. Mag sein, daß das schwer zu ändern wäre. Sogar wenn das kapitalistische Bedürfnis, daran Geld zu verdienen, wegfiele, wäre den vielen Tausenden von Besuchern ein Wechseln zwischen Saal und Balkon kaum zu ermöglichen. Der Weg durchs Erdgeschoß dafür wäre leichter zu öffnen.

Nun ist es nichts Schlechtes, im Gegenteil sogar, ein altes Gebäude auf neue Arten zu erschließen, es in einen neuen Kontext zu setzen. Zur Verfälschung wird es erst dadurch, daß es so nichts dazugewinnt, sondern verliert. Denn die heutige Präsentation weitet dem Besucher den Blick auf Schönbrunn nicht, sondern verengt ihn. Sein Innen wird durch sie zu weltabgewandtem k.u.k.-Kitsch, sein Außen zur leeren Fassade. Verloren geht dabei die mögliche Erkenntnis, daß dieses Schloß in funktionaler Hinsicht gar nicht so anders ist als manches, was der Besucher aus dem Alltag kennt. Viele konnten schon transparente Räume, von denen man in Gärten tritt, oder Busbahnhöfe unter Gebäuden erleben, wenige dachten dabei an Schönbrunn. Es wäre zu zeigen, wie viel von dem, was einst dem allerreichsten Adel vorbehalten war, heute Allgemeingut ist, doch das Gegenteil geschieht.

Denn einiges des Alten und Fremden an Schönbrunn ist das Ergebnis einer Verfälschung.

Über Fahrradwege

Ob das Fahrradfahren eine besonders sinnvolle Fortbewegungsart ist, mag man bezweifeln. Es ließe sich sagen, daß es die Nachteile des Autofahrens hat, nämlich die Abhängigkeit von einem selbst zu steuernden Gerät, aber nicht dessen Vorteile, nämlich Komfort und Geschwindigkeit, und ebenfalls die Nachteile des Gehens, nämlich die Anstrengung, aber nicht dessen Vorteile, nämlich die völlige Ungebundenheit und die Möglichkeit der Kontemplation.

Da es aber augenscheinlich Menschen gibt, die am Fahrradfahren Freude haben, müssen auch dieser Fortbewegungsart Wege geschaffen werden. Keinesfalls können das dieselben Wege sein, die von Fußgängern benutzt werden, da die Geschwindigkeiten und damit die Machtverhältnisse zu unterschiedlich sind, und aus demselben Grund ebensowenig die Wege der Autos. Nötig ist vielmehr eine strikte Trennung der Geschwindigkeiten. Wie eine solche auf recht klassisch Le Corbusier’sche Art aussehen kann, läßt sich in den Niederlanden betrachten.

Unbedingt ist in Abwandlung von Le Corbusiers wichtigem Postulat, daß der beste städtische Raum dem Wohnen vorbehalten sein muß (Punkt 23 der „Charte d’Athènes“ [Charta von Athen]), zu fordern, daß die besten Wege dem Fußgänger vorbehalten sein müssen, da nur er zumindest die Möglichkeit hat, aus seiner Umgebung ästhetischen Genuß zu ziehen. Ein negatives Beispiel dafür, wie ein besonders schöner Weg dem Fußgänger geraubt und einer anderen Fortbewegungsart, dem Fahrradfahren, zugeordnet wurde, findet man im Zentrum von Gdańsk.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Zwischen Hucisko und Błędnik verläuft oberhalb der Bahngleise ein kleiner Parkstreifen. Man ist noch nicht sehr hoch, aber doch so hoch, daß man die backsteinernen Türme und bunten Hochhäuser als Silhouette, als Skyline aus der niedrigeren Bebauung aufragen sieht.

Zugleich ist diese Silhouette noch nicht in abstrakter Ferne, sondern scheinbar zum Greifen nah. Man ist der Stadt nah und fern zugleich, auf einer faszinierenden Zwischenhöhe.

Es ist einer der schönsten Orte des Gdańsker Stadtzentrums. Noch zentral, leitet er zugleich in äußere Teile der Stadt über, etwa hinauf in die ehemaligen Festungsanlagen. Hier, über der Geschäftigkeit der Bahnstrecke und ihr enthoben, müßten Bänke oder vielleicht sogar eine sommerliche Bar zum Verweilen einladen. Stattdessen führt durch den Park ein neuer Fahrradwege, der sogar teils auf einem Steg über den Gleisen verläuft,  während der Fußgänger auf die anderen Seite der 3. Maja (Straße des 3. Mai) verbannt ist.

Nicht nur die Fußgänger verlieren dadurch, sondern ebenso die Fahrradfahrer, für die es keine Nachteile bedeuten würde, wenn ihr Weg auf der anderen Seite der Straße verliefe und sie anhalten könnten, um den schönen Ort zu genießen. Die Stadt verliert. Das ist ein Beispiel für den verheerenden Effekt einer schlechten Stadtplanung, die einen Weg einer unpassenden Fortbewegungsart zuordnet. Ob man Fahrradfahren also sinnvoll findet oder nicht: es kommt immer darauf an, ob die Fahrradwege an den richtigen Stellen sind.

U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagereks, wohl nach der Familie des ersten Eigentümers benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.

Erkundungen auf Friedhöfen: Muslimische Gräbervielfalt in Malmö

Zum Malmöer Immigrantenstadtteil Rosengård gehört auch der Östra kyrkogården (Ostfriedhof). Neben einem großen christlichen, das heißt protestantischen, Teil hat er auch einen kleinen jüdischen und einen etwas größeren und wachsenden muslimischen Teil.

Dieser ist der jüngste Teil, die ersten Gräber sind aus den Siebzigern, und wirkt auch unfertiger, provisorischer als anderen. Das liegt wohl daran, daß er nicht wie diese allseits von Bäumen oder Hecken umschlossen ist, sondern zu umliegenden öden Wiesen und der dahinter aufragenden Wohnbebauung geöffnet ist.

Die Gräber sind sehr unterschiedlich. Es gibt bosnische Gräber mit kitschig realistischen eingravierten Porträts,

albanische Gräber in stilisierten Moscheeformen,

türkische Gräber mit türkischen Flaggen

und Gräber mit arabischen oder persischen Aufschriften wie folgendes irakische.

Manche Steine sind nur schwedisch, manche zweisprachig, manche nur in anderen Sprachen beschriftet. Manchen fehlt jeder Hinweis auf Religiöses, manche haben Hinweise auf die erste Sure des Korans الفاتحة/fatiha.

Was hier auffällt, ist, daß es so etwas wie das typische muslimische Grab nicht gibt. Wie auch? Auch ein christliches Grab sieht in Schweden schließlich anders aus als in Deutschland und dort wieder anders als in Polen oder Italien. Bestattungskultur ist regional, bestenfalls national. Religion ist dabei zweitrangig. So sehen die bosnischen Gräber in Malmö den serbischen in Wien sehr ähnlich und deuten auf gesamtjugoslawische Moden hin. Diese Vielfalt hat etwas Beruhigendes. Und sie ist bedroht.

Denn der Friedhof hat auch eine Ecke, wo nur einfache niedrige Holzschilder im Boden stecken oder sogar nur Plastikschilder mit Nummern.

Dort liegen die Extremisten sunnitischer Couleur, die Wahhabiten von der arabischen Halbinsel und die Deobandis vom indischen Subkontinent, denen schon Namen auf Gräbern der Anfang von Heiligen- oder Götzenverehrung ist, die sie hassen. Einzig der schwedischen Ordentlichkeit verdankt es sich, daß man die Gräber überhaupt als solche erkennt. Auf dem Friedhof ist dieser Islam, der zurecht behauptet näher an den Ursprüngen zu sein und regionale Varianten ablehnt, glücklicherweise noch in der Minderheit. Lehrreich wäre ein Besuch dieses Friedhofs daher für all diejenigen, die in mal wohlwollendem, mal übelwollenden Rassismus denken, alle Muslime seien gleich und müßten irgendwelche religiöse Vorschriften beachten. Er zeigt die bedrohte Vielfalt des Islam.