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Košljun

Nach Košljun waren wir zweimal gefahren.

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Das erste Mal war es die erste Fahrt mit dem gemieteten Kajak, dessen grüne Farbe Robert gewählt hatte und das „Iris“ zu taufen uns erst nachträglich eingefallen war. Als wir auf der Klosterinsel ankamen, hieß uns ein alter Mann von der Kasse her, unsere Oberkörper zu bedecken, was recht ironisch war, da seine Mitfranziskaner direkt daneben ebenso halbnackt im Meer badeten. Da wir kein Geld dabeihatten, blieb uns nichts anderes, als um die Insel herum zum Zeltplatz am Rande von Punat zu fahren. Als wir wieder ankamen, war der Mann nicht da und wir sparten uns das Eintrittsgeld. „Karma“, meinte Robert, „der heilige Franziskus“, sagte ich.

Jetzt hatten wir Košljun für uns, die kleine, fast kreisrunde Insel in der Bucht von Punat auf der Insel Krk an der kroatischen Adriaküste.

Einen perfekteren Ort für irgendeine Art von Befestigung oder Herrschersitz kann es kaum geben und so ist hier also ein Franziskanerkloster, das weit ältere Klostertraditionen fortsetzt.

Von der Anlegestelle an der meeresabgewandten Seite führt ein gerader Weg auf den Klosterkomplex zu.

Wohngebäude links, andere rechts, die Kirche mit Turm geradeaus und in der Mitte der quadratische Kreuzgang, der alles zusammenfaßt und verbindet. In seinen regelmäßigen schmucklosen Rundbögen und dem mittigen Brunnen erst ist die bis auf die Renaissance zurückgehende, aber eigentlich alterslose Architektur mehr als bloße Mauern und rote Dächer, hier erst verwandelt sich der allgegenwärtige Stein von Krk.

Der Kreuzgang ist wirklich Herz des Klosters, nicht nur Anhängsel, sondern funktionaler Kern, von dem alles andere erschlossen ist, still und friedlich auf der stillen und friedlichen Insel.

Robert fühlte sich im Kreuzgang an „Game of Thrones“ und Kings‘ Landing erinnert, ich hatte ob der geschnitzten Querbalken unter dem Satteldach der Kirche skandinavische Assoziationen.

Im Kreuzgang und in der Kirche sind alte Gräber mit lateinischen Inschriften, aber ansonsten ist die meiste künstlerische Ausstattung eher medioker. Weshalb eine Kopie der altkirchenslawisch beschrifteten Bašćanska ploča (Baškaer Tafel), die aus der Stadt Baška im Süden von Krk stammt und in Zagreb aufbewahrt wird,  in den Kreuzgang gestellt wurde, ist unklar. Bei der Anlegestelle steht eine neue Plastik des heiligen Franziskus mit einem Hund, in der Kirche mischt sich Barock mit teils sehr Neuem und in zwei Kapellen des Kreuzwegs sind Wandbilder aus den Siebzigern, die in einem kitschig realistischen Stil Religiöses wie tatsächliche Mönche der Zeit zeigen und sicher von einem von ihnen stammen.

Abgeschiedenheit, sieht man hier, ist künstlerischer Qualität oder Geschmack nicht zuträglich.

Aber da ist die Insel selbst. Sie ist von urwaldartig dichtem Wald, durch den vielerlei Pfade führen, bedeckt. Man spürt, daß sich die Vegetation hier anders als auf dem übrigen Krk ungestört entwickeln konnte, schon von dort besehen ist sie grüner als die steinigen Hänge der Bucht.

Am Rande sind niedrigere Sträucher und als Abschluß eine Mauer aus gestapelten Steinen, die mehr gegen die Gezeiten als gegen eventuelle ungebetene Besucher schützen soll.

Darüber, welche Abenteuer die örtliche Jugend mit der nahen und doch abgeschiedenen Klosterinsel erleben kann, spekulierten wir beim Schlendern durch den Wald viel.

An der Rückseite des Klosterkomplexes ist der Friedhof. Zu den ältesten und faszinierendsten der erhaltenen Grabsteine gehören zwei Gräber von Frauen, was auf der Insel eines Männerklosters erst einmal überrascht; sie sind den Müttern von Mönchen gewidmet sind.

Das Grab der Margerita Vitezić von 1859 ist auf serbokroatisch, das der Luigia Fischthaler von 1877 ist italienisch beschriftet, was zugleich ein Hinweis auf die damaligen Nationalitätenverhältnisse im Kloster ist.

An der Wand hängt ein großes Mosaik in Blautönen mit abstrakten Formen. Zwar hat es einen kreuzförmigen Umriß, aber ansonsten ist der Inhalt mit einem T-Kreuz, einem kleinen Gesicht im Profil und einem Hasen (?) nur vage religiös und erinnert etwa an die Weltraummosaike im Bahnhof von Cheb. Seitlich neben ihm hängen weitere Mosaiken mit einigen Zeilen aus Franz von Assisis Sonnengesang in Altkirchenslawisch und Serbokroatisch in lateinischen Buchstaben, während darunter ein RIP für all die hier begrabenen Mönche steht.

„Gelobt seist Du, mein Herr, durch alle deine Geschöpfe. Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, den körperlichen Tod, dem kein Sterblicher entgehen kann. Selig, wen du durch deinen heiligsten Willen aufnimmst.“

Daß das Altkirchenslawische, eine ansonsten nur noch in der orthodoxen Liturgie gebrauchte Sprache, hier von einem katholischen Kloster gepflegt wurde, ist vielleicht die größte Überraschung auf der Insel. Zudem rettet es die Ehre des Klosters, daß es sich hier mit ein wenig  jugoslawischer Kunst höherer Qualität aus den sechziger oder siebziger Jahren schmückte.

Als wir Košljun zum zweiten und letzten Mal verließen und es hinter uns kleiner werden sahen, waren wir so zufrieden, wie wir es nach nur einem Besuch nie gewesen wären.

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Schuttershof

Wenn man das zehngeschossige Punkthaus Schuttershof in Bergen op Zoom über die Senke der Bahnstrecke sieht, könnte man fast meinen, daß es aus bloßem Beton besteht, was recht niederlanduntypisch wäre.

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Von Nahem sieht man, daß es tatsächlich weißgrauer Backstein ist.

Doch auch der Typus des Punkthauses ist eher ungewöhnlich, da er keine Erschließung durch Laubengänge, keine Stapelung von Reihenhäusern, wie sie in den Niederlanden das Wohnideal sind, erlaubt. Bei diesem hat auf etwa quadratischem Grundriß jede Seite eine linke Hälfte mit Backstein und kleinen Fenstern und eine die Ecke öffnende rechte mit blaugeländrigen Balkonen vor Glasflächen.

Das Punkthaus Schuttershof (Schützenhof, benannt nach einem alten Bauernhof) will mit dieser Architektur offenkundig nicht weiter auffallen und wenn man sich ihm auf der jenseits der Gleise abzweigenden Augustalaan (Augusta-Allee) nähert, ist es zusätzlich versteckt hinter Bäumen, die seit seiner Erbauung in den Siebzigern Zeit hatten, hoch zu wachsen. Es scheint auch allein zu stehen, doch das täuscht.

Tatsächlich schließt sich an das Punkthaus eine ausgedehnte Wohnanlage mit Einfamilienhäusern an. Neben der Augustalaan sieht man bloß einige gedrungene Flachbauten und man kann sie entlanggehen, ohne viel mehr als die quer gesetzten Garagenhöfe zu bemerken.

Die eigentliche Bebauung erstreckt sich am Hang unterhalb der Straße. Es sind Häuser, die dem einfachen Stil des Punkthauses entsprechen, kubische Formen, flache Dächer, weißgrauer Backstein, Glas, weißes Holz.

Durch die Hanglage hat jedes der Häuser eineinhalb oder zwei Geschosse, kann aber oft flach beginnen. Es entsteht eine komplizierte und verschachtelte Struktur, die nicht leicht zu erfassen und zu beschreiben ist. Da die Häuser miteinander verbunden, aber gewiß nicht aufgereiht sind, ist auch fraglich, ob man von Reihenhäusern sprechen soll.

Zur Erschließung der Häuser verläuft durch die Wohnanlage ein verschlungenes Wegenetz. Mal sind es enge Gassen, nur das Weißgrau der Wände und das Grün hoher Hecken, aus denen man zum Punkthaus als einem Orientierungspunkt blickt.

Mal sind es in sanften Stufen abfallende Plätze mit Beeten, die halb öffentliche Grünflächen und halb Vorgärten der hierher geöffneten Häuser sind.

Und dann gibt es Treppen.

Überall anders wäre das normal, doch dies sind die Niederlande und die sind flach. Zwischen niederländischen Häusern gibt es normalerweise keine Treppen, denn sie stehen nicht am Hang, weil es keine Hänge gibt. Man muß sich bewußt machen, daß diese Wohnanlage, die am Rande der Stadt einen Hang zur halbwegs offenen Landschaft hinabfließt, allein durch die topographischen Bedingungen etwas äußerst Ungewöhnliches für die Niederlande ist.

Es kann daher wirken, als habe sich ein Architekt an dieser Lage gleichsam ausgetobt. Er baute niederländischste Architektur in unniederländischster Landschaft. Vielleicht deshalb ist auch etwas Südliches in diesen Gassen, Plätzen und Treppen.

Zweifelsohne gewinnt die Reihenhausarchitektur durch die Hanglage, weist schon eher auf Terrassenhäuser voraus. Punkthaus und terrassierte Einfamilienhäuser stehen in Schuttershof nebeneinander, was nicht wenig ist, die Aufgabe der folgenden fortschrittlichen Architektur der Stadt wäre es, sie zusammenzufügen. Der Schuttershof ist immerhin die fortschrittlichste Anlage der Stadt. Nebenbei hilft die Betrachtung seiner Lage am Hang auch zu erklären, woher Bergen op Zoom seinen Namen hat und was Noord-Brabant (Nord-Brabant), wo es liegt, von Holland unterscheidet.

Das Schönste in Iași

Die McDonald’s-Situation in Iași ist eigentümlich. Es gibt einen in der Iulius Mall im Südosten der Stadt und einen weiteren beim Bahnhof im Nordwesten.

Das Einkaufszentrum Iulius Mall liegt einer großen Kreuzung bei den Fakultäten und Wohnheimen der Technischen Universität am Bahlui in einem durchaus städtischen Bereich, aber auch nicht zentral. Wiewohl im Jahre 2000 eröffnet, mithin nicht sehr alt, wirkt es wie aus einer fernen Zeit. Außen hat es zumeist eine Verkleidung aus weißen Quadraten, deren Ecken teils hochgeklappt sind, so daß eine hübsch bewegte Fassade wie bei einem sozialistischen Kaufhaus aus den Siebzigern entsteht.

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Innen ist es so eng und verwinkelt, so weit von westlichen Moden auch vor zwanzig Jahren entfernt, daß es wiederum an die Siebziger erinnert. Wie im Westberliner Europacenter etwa gibt es ein Restaurant über einem Wasserbassin. Wenn eine hohe rotbräunlich verkleidete Wand unter dem einfachen Glasdach Wasser herunterläuft, sieht das nur halb wie ein aufwendiger, etwas altmodischer Zierbrunnen und halb wie ein Wasserschaden aus. Hier, im engen Food Court, ist der McDonald’s.

Der McDonald’s beim Bahnhof ist ein sofort erkennbares Standardgebäude seiner Zeit mit hutartigem Walmdach und McDrive, völlig gleichgültig gegenüber seiner Umgebung, aber zugleich gut passend, da auf dem Bahnhofsvorplatz viel Platz ist.

Er war, 1998 eröffnet, der erste und bleibt das Flaggschiff der Iașier McDonald’s (tatsächlich gehört zum Kinderspielbereich etwas, das wie ein Schiff aussieht).

Keinen McDonald’s gibt es im Zentrum von Iași, das grob gesagt zwischen den beiden Filialen liegt. So schön die Vorstellung eines McDonald’s in einem der Pavillons des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), einer Vereinigung von Kapitalismus und Sozialismus also, auch wäre, sollte das dort vielleicht nicht überraschen. Doch daß es auch im Einkaufszentrum Palas keinen McDonald’s gibt, ist schlichtweg unfaßbar, ist es doch ein genuin kapitalistischer Ort, der geradezu danach verlangt.

Vielleicht ist das jedoch auch Absicht. Im Food Court von Palas gibt es unzählige einheimische Ketten, an einer Ecke unten einen Subway, aber schon KFC ist merkwürdig versteckt und unbeworben bei einer Rückseite, wo auch ein Drive Thru ist.

Man sieht dort ein durchaus anderes Publikum als im Food Court, keine Büroangestellten mehr, eher die, die die Büros putzen, oder aber Bewohner der umliegenden Dörfer auf Stadtbesuch, viele Roma auch. Das liegt übrigens nicht an den Preisen, die ähnlich sind. Vielleicht ist McDonald’s einfach zu demokratisch, zu egalitär für den heutigen Kapitalismus, der davon lebt, Scheindistinktion zu verkaufen und sich in Palas so gut verkörpert. Schon mit McDonald’s war der Kapitalismus schlimm genug, doch wenn einer der kapitalistischsten Orte, die man sich vorstellen kann, keinen McDonald’s hat, gibt es endgültig nichts Schönes mehr am Kapitalismus.

Um das Schönste in Iași zu sehen, muß man also an die Ränder gehen. Man kann dort all das Übliche und Vertraute essen und deshalb, für das beruhigende Gefühl, zu Hause zu sein, besucht man McDonald’s ja. Es gibt aber auch ein spezifisch rumänisches Produkt, nicht als spezielle Aktion, sondern im ständigen Angebot. Hinter dem nüchtern deskriptiven Namen „Sandviș cu porc și sos de hrean“ (Schweinfleischsandwich mit Meerettichsauce) verbirgt sich der vielleicht beste McDonald’s-Burger überhaupt.

Er ist genau, was sein Name verspricht und die Schweinefleischfrikadelle, die Sauce, die mit nichts anderem bei McDonald’s zu vergleichen ist, und einige Zwiebelschnitze und Essiggurken ergeben ein großartiges Gericht. Allein schon dafür lohnen sich die weitesten Wege.

Ein Turm für Turin

Selten ist es bei Architekturwettbewerben so, daß sofort klar ist, welcher Entwurf gewinnen muß, eher ist es ein kompliziertes Abwägen vielfältiger Details. Aber es gibt Ausnahmen wie den Wettbewerb für ein neues Gebäude auf dem nordböhmischen Berg Ještěd im Jahre 1963. Während alle anderen Entwürfe ein irgendwie geartetes Nebeneinander von Fernsehturm und Hotel vorschlugen, faßte Karel Hubáčeks Siegerentwurf beides zu einer einfachen und ikonischen, aber schwer zu beschreibenden hyperboloiden Form zusammen, die den Berg vervollständigte und zwangsläufig zum Wahrzeichen von Liberec wurde. Es ist kaum vorstellbar, daß jemand die Auswahl (teilweise zu betrachten auf dieser verdienstvollen Seite) sah, ohne sofort zu erkennen, wer gewinnen mußte.

Aus Autorenkollektiv: Nordböhmen, Praha 1981

Ähnlich war es bei dem Wettbewerb für einen neuen Torre Civica (Stadtturm), den die norditalienische Stadt Turin im Jahre 1788 veranstaltete. Fast alle Entwürfe schlagen irgendwelche Türme mit mehr oder weniger vielen Säulen, Ornamenten, Geschossen, Skulpturen vor, die teils noch ganz barock, teils schon klassizistisch sind, aber immer Türme, die nichts grundsätzlich von denen in anderen Städten oder auch nur vom alten Turiner Torre Civica unterscheidet (zu betrachten hier). Anders der Entwurf von Arnolfo Spagnolini. Er ist entschieden klassizistisch: Auf einem bis auf die Tür öffnungslosen steinverkleidetem Sockel, den bloß wenige einfache Relieffiguren schmücken, und einem Band mit mittiger Uhr erhebt sich eine hohe Säule, um die sich ein Relief spiralförmig nach oben zieht. Aber noch um diese Säule verläuft eine große spiralförmige Wendeltreppe mit hohen rundbögigen Arkaden. Der ganze Turm ist eine Spirale.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Spagnolini löste damit das Problem der antiken Triumphsäulen und ihrer barocken Nachahmungen wie etwa vor der Wiener Karlskirche: daß ihre Reliefs nicht zu betrachten sind. Nach dem Spiralteil folgt ein offenes Arkadengeschoß für die Glocken, von wo eine kleinere Wendeltreppe im Inneren ins oberste Geschoß führt. Diese „vero Bel Vedere“ (wahre Gute Aussicht)  ist völlig frei und offen bis auf die schlanken korinthischen Säulen am Rande ihrer runden Fläche, die die Turmhaube, eine von einer Kugel abgeschlossene Kegelform mit flügelartig hervorstehenden Elementen als einzigem Schnörkel, tragen.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Neben der schlichten Radikalität von Spagnolinis Spiralturm nehmen sich all die anderen Entwürfe so unendlich altmodisch aus wie die für den Ještěd neben Hubáčeks Hyperboloidturm. Indem er die Treppe nach außen legte, macht es das Besteigen des Turms zum Erlebnis. Aus der Dunkelheit des Sockels tritt man in die Spirale, die Reliefs zeigen die glorifizierte Geschichte von Turin, während das echte nach und nach um einen sichtbar wird, und dann, nach einem kurzen Moment der Dunkelheit, steht man oben auf der offenen Aussichtsplattform, wo nichts mehr ist als die Stadt und die Landschaft unter einem.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Auf der Kugel auf der Turmspitze sollte laut Spagnolini der Stier, Turins Wappentier, stehen. Daß er, anders als alle anderen Entwürfe, selbst keine Form für dieses krönende Kunstwerk vorschlug, zeugt von Bescheidenheit und einem durchaus modernen Verständnis für Arbeitsteilung; darum soll sich ein Künstler kümmern, er fand ja schon die architektonische Lösung.

Anders als Hubáčeks Entwurf in Liberec wurde Spagnolinis in Turin nie ausgeführt. Nicht einmal ein Sieger für den Wettbewerb wurde je gekürt. In Folge der französischen Revolution, die seit 1798 auch französische Herrschaft bedeutete, hatte Turin andere Sorgen. Danach brauchte die Stadt, obwohl 1801 der alte Torre Civica abgerissen worden war, keinen Turm mehr, da sie dank dem beginnenden Kapitalismus rasant wuchs und er ohnedies nicht weit genug sichtbar oder seine Glocken weit genug hörbar gewesen wären. Erst hundert Jahre später baute sich Turin mit der Mole Antonelliana wieder einen Turm, der zwar höher als 1788 vorstellbar, aber für die Stadt doch letztlich zu klein und deshalb unwichtig war. Und außer der Größe hat die Mole den Plänen von Spagnolini für den neuen Torre Civica auch nichts voraus.

Was Arnolfo Spagnolini entwarf, bleibt heute so bewundernswert und vorbildlich radikal wie damals. Wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen, hätte etwa die französische Revolution ein Jahrzehnt später stattgefunden, und hätten die Verantwortlichen in Turin so viel Weitsicht bewiesen wie 1964 die in Liberec, wären mithin eine unmögliche und eine unsichere Bedingung erfüllt, die Stadt hätte ein Wahrzeichen mehr.

Olsztyner Höhepunkte: Bahnhof

Der dritte der Olszytner Höhepunkte neben Planetarium und Sowjetischem Ehrenmal empfängt den Besucher sofort, wenn er die Stadt per Zug oder Bus erreicht: der Bahnhof.

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Er besteht aus zwei einfachen zweigeschossigen Teilen, die im rechten Winkel aneinandergefügt sind und sich mit großen, fast durchgängigen Fensterfronten zum Vorplatz öffnen.

Über dem ersten Teil, der nur ganz links eine Wandfläche aus Beton und über den beiden Eingängen dünne aufsteigende Vordächer hat, steht in blauen Leuchtbuchstaben „Dworzec kolejowy“ (Zugbahnhof) und über dem zweiten, der nach links geschlossene Wandflächen im Erdgeschoß und Glas im Obergeschoß hat, „Dworzec autobusowy“ (Autobusbahnhof).

Dazu kommt vor dem Abschluß des zweiten Teils ein elfgeschossiges Hochhaus, das mit diesem im zweiten Geschoß durch einen Brückentrakt verbunden ist. Es hat einen rechteckigen Grundriß, dessen Breitseiten parallel zum zweiten Bahnhofsteil verlaufen. Die ersten beiden Geschosse sind etwas zurückgesetzt und unter der einen Schmalseite mit zwei eckigen Stützen geöffnet, was genau der Höhe des Bahnhofsgebäudes entspricht und einen optischen Übergang von diesem zum Hochhaus schafft. Die neun oberen Geschosse haben Fensterbänder, die kurz vor den Enden der Breitseiten von vertikalen Streben unterbrochen sind. Die Verkleidung unter den Fenstern ist in der so entstehenden Mitte blau und an den Ecken weiß gestrichen.

Parallel zum ersten Teil des Bahnhofs verlaufen die Gleise und von den Bahnsteigen gelangt man durch einen breiten Tunnel und eine Treppe in die langgestreckte helle Bahnhofshalle.

Auf dem Boden sind quadratische Platten aus unregelmäßigen grauen Steinstücken und auch sonst dominiert Stein und Grau. An der Schmalseite über der Treppe, deren quadratischen Verkleidungsplatten aus gemasertem glatten Stein in Schwarz und Rot sind, hängt eine große mechanische Anzeigetafel mit den Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge und eine ziffernlose Uhr.

An der Breitseite gegenüber der Fensterfront ist über den Öffnungen der vielen Fahrkartenschalter roher grauer Beton, auf dem eine große Uhr mit blauem Feld und weißen Ziffern und Zeigern hängt. Abgeschlossen wird dieser Bereich nach rechts von einem raumhohen vertikalen Band mit unregelmäßig horizontal angebrachten Streifen von Steinen in verschiedenen Mustern und Färbungen.

Hinter dem zweiten Teil des Bahnhofs ist der weite Halteplatz für regionale Busse. Parallel zum gesamten Gebäude verläuft ein Bahnsteindach aus Beton, dessen beidseits ansteigende weiße Fläche auf roten leicht abgerundeten und nach oben verbreiterten Stützen ruht. Ein Zwischendach verbindet es  mit der Halle des Busbahnhofs, die etwa quadratisch ist.

Links stehen über den Schaltern die verschiedenen Zielorte und Abfahrtszeiten, rechts führt eine Treppe vor einer Wand mit verschiedenen Steinplatten nach oben. Die übrige Gestaltung entspricht der Halle des Zugbahnhofs.

Das ist Olsztyns Bahnhof, der durch reine Funktionalität zum städtischen Höhepunkt wird. Zug- und Autobusbahnhof sind in einem Gebäude zusammengefaßt und beide zur Stadt geöffnet. Auf dem Vorplatz können Taxis oder Autos Reisende abholen oder hinbringen, am Hochhaus vorbei gelangen sie zur Straßenbahnhaltestelle in der Mitte der großen vorbeiführenden Straße. Damit der Bahnhof nicht allein ist, schenkte ihm das sozialistische Polen ein langes zehngeschossiges Wohngebäude mit Läden im Erdgeschoß direkt gegenüber und ein neungeschossiges Hotel weiter rechts.

Links von ersterem öffnet sich eine die breite Dworcowa (Bahnhofsstraße), die mit fortschrittlicher Wohnbebauung weit in die neuen Wohngebiete hineinführt, während rechts zwischen beiden eine ältere Mietskasernenstraße beginnt, die ins alte Zentrum führt. So wird der Bahnhof ganz zum Tor in die Stadt, während sein Hochhaus von dieser aus gesehen wie ein Turm in der Achse der beiden Straßen steht.

Als er 1971 eröffnet wurde, war Olsztyns Bahnhof der modernste in Polen und Stolz seiner Stadt. Heute ist er von den drei Olsztyner Höhepunkten leider der bedrohteste.

Der Durchgang unter dem Brückentrakt ist abgesperrt, in der Zugbahnhofshalle sind die unteren Teile der Glasfronten mit Ladenbuden zugebaut, in der Busbahnhofshalle ist an der Wand hinter der Treppe Graffiti und in den Bereichen zwischen beiden, wo einst Wartesäle und Restaurants waren, ist nun eine dunkle und halb leerstehende Ladenpassage.

Auch, daß die mechanischen Anzeigetafeln nicht gegen kleinere und störanfälligere Bildschirme ausgetauscht wurden, zeugt leider nicht von Verständnis für den Wert dieser Technik, sondern von Vernachlässigung. In der Tür zum Busbahnsteig hängen schon Pläne für einen neuen „Bahnhof“, der selbstverständlich ein Einkaufszentrum sein soll. Noch ist die Zukunft des Bahnhofs aber unklar und es bleibt zu hoffen, daß sich Olsztyn nicht in selbstzerstörerischer Manier dieses Höhepunkts beraubt.

Die Autobahn über dem Schloß

Man kann Schloß und Autobahnbrücke in Velké Meziříčí nur zusammen betrachten. Egal, aus welcher Perspektive man auf das Schloß blickt, die Autobahnbrücke wird sich unweigerlich ins Bild schieben. Dieses Beieinander ist nur ein Zufall, aber ein Glück für Velké Meziříčí. Schlösser schließlich gibt es in Tschechien hunderte, ein Schloß unter der Autobahn, das ist etwas Besonderes!

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Das Schloß ist denn auch kein weiter bedeutender Bau.

Etwas Renaissance, etwas Barock, einige noch ältere Überbleibsel und manche neuere Umbauten.

Gelegen halbhoch an der Ecke zwischen dem rechts abzweigenden Tal der Oslava und dem weiterführenden Tal der Balinka, den beiden Flüssen, die Velké Meziříčí den Namen geben (meziříčí bedeutet in etwa „zwischen den Flüssen“). Ein Schloß wie viele.

Ganz anders ist es mit der Autobahnbrücke. Auf hohen Stützen spannt sie sich über das Tal der Oslava, ein schlankes TT hinter dem Schloß. Je näher man ihr kommt, desto faszinierender wird die Konstruktion.

Es ist strenggenommen nicht eine, sondern zwei Brücken. Die je zwei Fahrspuren in die jeweiligen Richtungen haben ihre eigenen massiven Betonpfeiler mit H-förmigem Grundriß und zwischen ihnen ist ein kleiner, aber deutlicher Zwischenraum.

Während die Pfeiler aus Beton sind, sind die Fahrbahnelemente aus Stahl. In der Mitte, wo sie auf den Pfeilern ruhen, sind sie dick, an den Seiten hingegen wirken sie geradezu filigran, wie leichte Flügel, die den Autoverkehr tragen. Zu den zwei von weither sichtbaren Pfeilerpaaren, die nur etwas oberhalb der Talsohle im Hang stehen, kommen weiter oben zwei weitere, viel kürzere Paare, die hinter Bäumen eher versteckt sind. Erst, wenn man oben bei diesen steht und die Länge der Brücken/Brücke entlangblickt, merkt man, daß ihre Fahrbahnen nicht völlig gerade, sondern in leichtem Schwung verlaufen.

Nicht nur für die Stadt im Ganzen, sondern auch für das Schloß im Besonderen ist die Autobahnbrücke ein Glück. Wie ein Rahmen aus Beton und Stahl legt sie sich um das Panorama des Schlosses und macht es zu mehr, als es sonst wäre.

Das ist ein ganz freundlicher, beiläufiger Antifeudalismus, nicht mehr als ein erfreulicher Nebeneffekt davon, daß die sozialistische Tschechoslowakei 1978 das fortschrittliche Bauwerk, das sie zur Vervollständigung der Autobahnverbindung von Prag nach Bratislava brauchte, baute. Kein Zweifel, daß sie stolz darauf war, immerhin war es die längste und höchste Brücke der Autobahn D1. Auch das heutige Velké Meziříčí bekennt sich, wie man ihm zugute halten muß, zu seiner Autobahnbrücke. Neben Schloß und Kirchturm ist sie stilisiert auf dem Orteingangsschild abgebildet.

Aber einst hatte dieser Stolz auf die Brücke noch einen anderen, gleichsam städtebaulichen Ausdruck. Am Hang hinter dem Schloß erstreckt sich ein großer, eher stiller Landschaftspark mit alten Bäumen, etwa einer riesigen gespaltenen und deshalb hohlen Linde.

Ganz am oberen Ende des Parks wurde eine überdachte hölzerne Aussichtsplattform errichtet. Und Aussicht bot sie auf die Autobahnbrücke. Dank der Position etwas unterhalb der Fahrbahnen konnte man von dort sowohl alle Aspekte der Konstruktion als auch ein wenig vom Verkehr sehen. Schloß und Autobahnbrücke, im Stadtbild ohnehin untrennbar verbunden, bekamen so eine weitere Verbindung.

Heute ist die Aussichtsplattform halb abgesperrt und in bedenklichem Zustand, während ihre Aussicht mit Bäumen zugewachsen ist. Sie war ja auch nie wichtig, sie war nur ein Detail, ein Beispiel der Liebenswürdigkeit des Sozialismus.

Schloß und Autobahnbrücke bleiben das Wahrzeichen von Velké Meziříčí.

Ein tschechischer Film in Sopot

„Czeski film“ (tschechischer Film), das ist im Polnischen ein Ausdruck für etwas Unverständliches und Merkwürdiges. Es wäre nicht schwer, sich vorzustellen, daß er entstand, als in den späteren Sechzigern das Kinopublikum im konservativen Polen mit den Werken der tschechoslowakischen nová vlna (neuen Welle), vielleicht Věra Chytilovás großartigen „Sedmikrásky“ (Gänseblümchen), konfrontiert wurde. Tatsächlich ist er etwas älter und entstand durch den Film „Nikdo nic neví“ (Niemand weiß etwas) von 1947. Wie beliebt diese Slapstickkomödie um die Bemühungen zweier Straßenbahner, im besetzten Prag einen scheinbar toten sudetendeutschen SA-Mann loszuwerden, in den anderen jungen Volksdemokratien war, mag man schon daran erkennen, daß gegenwärtig bei YouTube nur die polnische und die ungarische Fassung, nicht aber das Original zu finden sind. Aus dem polnischen Titel „Nikt nic nie wie“ entstand die Wendung „To jak czeski film – nikt nic nie wie“ (Das ist wie der tschechische Film – niemand weiß etwas), wovon meist bloß noch „czeski film“ bleibt. Noch immer ist der Ausdruck vielleicht nicht allzu gebräuchlich, aber gewiß bekannt.

Was lag also näher, als ein tschechisches Restaurant so zu benennen und um der Exotik willen gleich tschechisch geschrieben: „Český Film“? Ein solches Restaurant gibt es in Sopot und es hatte das Glück, ein dem Namen angemessenes Gebäude zu finden. Beim Ende der Fußgängerzone Bohaterów Monte Cassino (Straße der Helden von Monte Cassino) steht kurz vor den Gleisen ein Eckbau: verglastes Erdgeschoß, deutlich überstehendes hohes Obergeschoß mit unmerklich zur Straße ansteigendem Pultdach, weißem Putz und weit oben einem Band schmaler horizontaler Fenster in vorgesetzten Rahmen. So wie unten das Glas die Ecke umläuft, tut es oben eines der Fenster.

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Angesichts des weitgehend öffnungslosen Baukörpers kann man sich gut vorstellen, daß es sich um ein ehemaliges Kino handelt. Wenn man dazu auf dem weißen Putz in schwarzen Buchstaben „ČESKÝ ° FILM“ liest, beginnt die Architektur sogar an die tschechoslowakischen dreißiger Jahre zu erinnern.

So fremd und neu wie ein Werk des Brnoer Funktionalismus steht das Kino zwischen den kaiserzeitlichen Mietshäusern Sopots.

Zugleich weiß man, daß diese tschechoslowakische Impression nicht der Realität entsprechen kann, und daß das Gebäude tatsächlich viel neuer sein muß, denn die Architektur der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk, zu der Sopot in der Zwischenkriegszeit gehörte, war fast nie so avanciert wie die der Tschechoslowakei. Allgemein sind Gebäude nur selten älter, als man sie einschätzt, für gewöhnlich ist es andersherum. In Wirklichkeit stammt das Gebäude aus den späten Sechzigern und war auch nie ein Kino, sondern beherbergte einen Laden der Firma Baltona, die gegen Devisen westliche Waren und andere Luxusgüter verkaufte. Doch die Betreiber des Restaurants Český Film verstanden offenbar den Wert ihres Gebäudes. Statt, wie es naheliegend gewesen wäre, das Tschechische durch bierselige Rustikalität auszudrücken, fanden sie es in der sachlichen Architektur, die sie mit der schnörkellosen wie markanten Schriftart des Namens gleichsam vervollständigten. So versetzten sie das Gebäude in der Zeit und im Ort. Dank dieser Subtilität hat Sopot heute eine wahrhaftige tschechische Exklave, nicht bloß kulinarisch, sondern auch architektonisch.

Daß neben dem Restaurant heute der Eingang eines „Gentleman’s club“ ist, schafft immerhin auch einen Bezug zu aktuellerem tschechischen Filmschaffen anderer Art.