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Papierflieger in Billund

In einem Bogen des Wegs vom Flughafen Billund in den dazugehörigen zentraldänischen Ort steht auf der leicht abfallenden Wiese am Waldrand ein kleines offenes Gebäude, ein Unterstand fast nur. Sein dünnes stählernes Dach ruht auf schmalen Stützen und zeigt mit der gefalteten Pfeilform eines Papierfliegers in Richtung Flughafengelände.

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Dorthin, zu Start- und Landebahn, öffnet sich auch der dreistufige amphitheaterartige Sitzbereich darunter. Die Wände hinter ihm bestehen aus Glas und braunem Stahl, vor dem zwei große vertikale Bildschirme stehen. Auf dem linken werden die Starts und auf dem rechten die Landungen angezeigt, immer mit detaillierten Informationen unter anderem über den Flugzeugtyp.

Das Gebäude bietet also die Möglichkeit, mit Blick auf den Flughafen zu verweilen, den startenden und landenden Flugzeugen zuzuschauen und sich über diese zu informieren. Das ist eine nette Idee in netter Umsetzung. Auf subtile Art wird die dänische Provinz mit der Welt verbunden. Ganz wie für ein Kind mit einem Papierflieger können hier Gedankenflüge beginnen.

Selbstverständlich gäbe es Apps, die dieselben Information und sicher noch viele weitere geben können; die Bildschirme sind ein Luxus. Und gerade darum geht es, genau so soll es sein. Selbstverständlich kann jeder, der das wirklich will, jede Information bekommen, aber entscheidend ist immer, sie allen möglichst einfach zugänglich zu machen. Nicht an Luftverkehrsbegeisterte, sondern an Menschen, die vielleicht nie viel darüber nachgedacht haben, richtet sich das Gebäude, deshalb sind die Bildschirme so wichtig.

Bei diesem dänischen Beispiel handelt es sich gewiß nur um eine Spielerei, um ein Gimmick in einem reichen Ort in einem reichen Land. Zudem ist es immer ein Risiko, die gerade modernste Technik in öffentliche Gebäude einzubauen, und es ist möglich, daß die Bildschirme bald so rührend veraltet wirken wie beispielsweise die Internettelefonzelle auf dem Marktplatz von Velké Meziříčí, die vor nicht langer Zeit Stolz der Stadt war. Aber das ist unvermeidlich und das hier aufgezeigte Prinzip bleibt dennoch auch bei wichtigeren Dingen dasselbe. Es ist etwa möglich, sich individuell per App über die Abfahrtszeiten von Zügen zu informieren, doch ein Luxus ist es, darüber kollektiv auf Anzeigetafeln und mit Durchsagen informiert zu werden. Luxus ist, etwas nicht selbst machen zu müssen, und dieser Luxus ist umso bedrohter je größer die Möglichkeiten, alles selbst zu machen, werden. Daran erinnert das kleine Gebäude am Billunder Flughafen.

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Velké Meziříčí

Velké Meziříčí im Westen Mährens ist eine alte Stadt. Das trifft auf viele andere tschechische Städte ebenfalls zu, aber viele entstanden doch mehr oder weniger geplant oder veränderten im Laufe der Zeit ihren Charakter völlig. Velké Meziříčí kann man noch in jedem Detail ansehen, wie es organisch wuchs. Es ist eine Stadt ganz ohne Geheimnisse. Schon der Name verrät das wichtigste über die Stadtstruktur: meziříčí heißt in etwa „zwischen den Flüssen“. Zwischen zwei Flüssen und in deren Tal zwischen recht sanft ansteigenden Hügeln liegt das Stadtzentrum.

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Der Zusammenfluß der kleinen Balinka mit der etwa größeren Oslava, bei dem es beginnt, ist nicht weiter aufwendig gestaltet. In der Spitze bloß eine Grünanlage, seitlich links ein unscheinbarer Johannes von Nepomuk, zwei Brücken. Nach dem Tor, einem einfachen kleinen Renaissancebau mit halbrunden Zinnenelementen, beginnt eine gewundene Straße.

Ihren Anfang macht rechts eine gotische Kirche, doch sie schließt direkt an das nächste Gebäude an und ist auch nicht höher als die übrigen zweigeschossigen Gebäude der Straße. Ohne die Strebepfeiler und das barocke Türmchen würde man sie wohl gar nicht erkennen.

Die Kirche im Bild links

Die Straße mündet in einen schmalen, langen und ebenfalls nicht geraden Platz, der offenkundig als Verbreiterung der Straße, als Anger, entstanden war.

Rechts steht die Kirche, ein großer gotischer Bau mit zwei unterschiedlich langen Schiffen.

Ihr vorgesetzter quadratischer Turm hat einen von leichten Säulen getragenen Umgang aus der Renaissance und eine Haube aus dem Barock. Die gesamte Kirche, weiß verputzt, aber doch deutlich gotisch, ist wie so viele andere das Ergebnis unzähliger Umbauten, die den jeweiligen Moden folgten. So ist im oberen Teil des spitzbögigen Eingangs ein Relief, das in der Mitte ein Lamm mit Fahne und im Halbkreis über ihm und zu ihm gerichtet Engel, Löwe, Stier und Adler zeigt.

Diese Darstellung von Jesus und den Evangelisten durch ihre Symbolwesen stammt bizarrerweise erst aus dem Jahr 1954, als es für örtliche Bildhauer wie Jiří Marek wahrlich schon lohnendere Aufgaben gegeben hätte.

Ist die Kirche und insbesondere ihr Turm der Anfang des Platzes, so ist das Rathaus, ein großer und schlichter Renaissancebau mit wenig hohem, aber breitem Giebel zwischen einer links abzweigenden und einer weiterführenden Straße, sein Abschluß. Dazwischen, etwa in der Platzmitte, die ob der Form aber nicht wichtig ist, steht ein Johannes von Nepomuk auf einer hohen Säule, doch vor ihn wurden in einer antikatholischen Anwandlung der frühen Tschechoslowakei Linden gepflanzt, so daß er heute nur von hinten oder sehr schräg von unten zu sehen ist.

Die Gebäude um den Platz können ob der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) leicht harmonisch zueinander passend oder einheitlich wirken, doch das stimmt selbstverständlich nicht. Noch hinter der Kirche steht ein typischer k.k. Schulklotz. Zu einigen schwarz-weißen Sgraffittofassaden der Renaissance kommen viele historistische, die teils Aufstockungen, teils Um- oder Neubauten geschuldet sind, und auch eine in Jugendstilformen mit markantem Löwen.

Weiter sind da die Gebäude aus der ersten Republik, die nicht einmal vortäuschten, etwas Altes zu sein, beide heute und vielleicht ursprünglich Banken. Die erste links mit stark verglastem Erdgeschoß in grauer Steinverkleidung und zwei Obergeschossen mit orangener Kachelverkleidung, aus denen rechts zwei kleine quadratische Balkone ragen.

Die zweite rechts mit drei schlichten horizontal gegliederten Geschossen über zwei älteren Geschossen, wo rechts auch der spitzbögige Durchgang einer kleinen Quergasse ist.

Nicht mehr auf dem Platz, aber aus der rechts am Rathaus vorbeiführenden Straße weither sichtbar, steht eines der wichtigsten Gebäude der Stadt: die Lékárna (Apotheke).

Es ist ein großer geschwungener Eckbau mit nur zwei sichtbaren Geschossen. Im Erdgeschoß große Fensterflächen, graue Kachelverkleidung und in der Mitte unter der blauen Leuchtschrift „Lékárna“ der Eingang. Das zweite Geschoß steht deutlich über und ist nicht mehr als ein durchgehendes Band blaugefaßter Fenster zwischen zwei weißen Putzbändern.

An beiden Seiten, wo das Gebäude an die ältere Blockrandbebauung anschließt, sind die auf quadratischem Grundriß aufsteigenden Treppenhäuser. Im zweiten Geschoß sind vor ihnen nach außen abgerundete Stahlgitterbalkone, die so an vorgesetzten Teil mit dem Fensterband abschließen, während im dritten Geschoß Glasflächen zur Straße und zu einer großen Dachterrasse sind.

Nur an den Seiten bemerkt man diese Terrasse, zu der sich auf der gesamten Gebäudelänge ein weit zurückgesetztes drittes Geschoß öffnet. Dieser Apotheken- und Wohnbau ist kompromißlos fortschrittlich, das völlig Neue in der alten Stadt, schmucklos und horizontal, klar und harmonisch. Größer könnte der Kontrast auch nicht sein, wenn 1934 ein Ufo abseits der Platzes gelandet wäre.

Er paßt dorthin dennoch so sehr oder so wenig wie alle andere Architektur, die das Zentrum von Velké Meziříčí über die Jahrhunderte geprägt hat. Daß ein solches Gebäude in der Provinz entstehen konnte, ist ein spezifisch tschechoslowakisches Phänomen und zeugt von der Stärke des aus dem nahen Brno hereinstrahlenden Konstruktivismus.

Die Straße verläuft nach dieser Ecke noch ein Stück weiter und das Ende der älteren Bebauung ist weit weniger klar oder zwangsläufig als es ihr Beginn gewesen. Bloß vage wird es markiert von einem Václav links und einem Johannes von Nepomuk rechts, die mit einer Maria an einem höheren Teil der rechten Straßenseite ein Dreieck bilden.

Ein erstaunliches Phänomen in Velké Meziříčí ist es, daß man den ganzen beschriebenen Weg gehen kann, ohne das Schloß und die hinter diesem über das Tal gespannte Autobahnbrücke, die beiden Höhendominanten der Stadt, auch nur zu bemerken.

Ganz anders ist das in der zweiten, rechts parallel zum Zentrum verlaufenden Straße. Sie führt auf das Schloß, das nicht besonders hoch am Hang zwischen den sich hier spaltenden Tälern liegt, gleichsam zu.

Diese Straße, an der Wohngebäude und zwei Synagogen sind, ist heute stark befahren und wohl etwas neueren Ursprungs.

Wiewohl Velké Meziříčí im Schutz der Burg, die dem Schloß voranging, entstand, ist es heute keine Stadt, die nur Anhängsel eines Herrensitzes ist, eher schon wirkt es andersherum. Es ist eine alte Stadt und eine, die sich lange kaum entwickelte. Auch als sie über die mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs, genügte das Tal. Besonders an der auch oberhalb des vereinigten Flusses weiterlaufenden zweiten Straße erstreckt sich einige niedrigere Bebauung aus der österreichischen Zeit und der ersten Republik. Die Hänge hinaufzuwachsen begann Velké Meziříčí wirklich erst mit dem Sozialismus, der es 1953 auch besser an die Eisenbahn anschloß.

Diese lange Stagnation und ihre Beendigung durch den Sozialismus bedeuteten ein städtebauliches Glück für Velké Meziříčí. Vom alten Platz bis in das größte der neuen Wohngebiete sind es keine zehn Minuten Fußwegs und er verläuft noch dazu zwischen ausgewogener neuer und alter Bebauung. Am Anfang steht neben der Kirche ein Komplex aus niedrigen Ladenbauten mit verschachtelten Dachschrägen, der in einen viergeschossigen Wohnbau mit Walmdach an der abzweigenden Straße übergeht.

Wie hier historisierende Elemente mit Balkonseiten aus rohem Beton verbunden sind, deutet darauf hin, daß es sich um einen Gebäudekomplex aus den späten Achtzigern handelt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die über einem Erdgeschoß mit roter Kachelverkleidung ganz in Beton und milchigem Glas gehaltene Sporthalle, die an die k.k. Schule anschließt. Vor ihr repräsentiert eine schneckenartige Skulptur die abstrakte Kunst der Tschechoslowakei.

An der Ecke mit der parallel zum Zentrum verlaufenden Straße steht das Kaufhaus Kotva.

Es ist ein großer zweigeschossiger Bau, dessen Eingang durch eine ausgeparte Ecke markiert ist. Hier und an der linken Seite sind im Erdgeschoß rahmenartig vorgesetzte Schaufenster, während das Obergeschoß von einem vorstehenden Teil mit vertikaler brauner Metallverkleidung, Fensterband und schrägem Dach umlaufen wird. Wiewohl dieser an mittelalterliche Wehrgänge oder die Laubengänge in den Höfen alter Wohngebäude erinnert, ist das Gebäude ganz wie der zuvor genannte Komplex nicht eindeutig historistisch. Laut dem Kunstwerk im holzverkleideten Treppenhaus, in dessen weißen Keramikplatten Linien eine stilisierte Fassade mit Portal bilden und in goldenen Schnörkeln das Stadtwappen dargestellt ist, wurde es 1989 vollendet.

Weiter geht es über die Straße, wo die neuere der Synagogen steht, und an dieser vorbei auf einer Fußgängerbrücke über die Oslava.

Direkt oberhalb des am Hang gelegenen katholischen Friedhofs, zu dem eine gotische Kapelle mit barocker Haube gehört, beginnt das Wohngebiet. Um es zu erreichen, geht man die Friedhofsmauer entlang oder auch ein Stück direkt über den Friedhof, der so zum öffentlichen Ort wird.

Mit langen fünfgeschossigen Gebäuden und neungeschossigen Punkthäusern ist es bloß tschechoslowakischer Durchschnitt, doch von vielen der Wohnungen blickt man auf das idyllische Panorama der zwischen den Flüssen ins Tal gebetteten Altstadt hinab.

Ein weiteres Wohngebiet liegt weit oben auf dem Hügel links der Altstadt.

Der Weg dahin ist länger und weniger harmonisch. Man passiert den kleinen Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), der der wichtigste der Stadt ist, und geht durch weite Einfamilienhausgegenden am Hang. Für die größere Mühe werden die Bewohner der Punkthäuser dafür mit einem Postkartenblick über Stadt und Umgebung belohnt.

Das ist, in groben Zügen, Velké Meziříčí. Eine alte Stadt, die auch im Zentrum nicht nur Altes hat, und aufgehoben ist im umliegenden Neuen. Es ist die perfekte tschechoslowakische Kleinstadt, eine von vielen.

Nachruf auf eine Straße

Es war erstaunlich, daß es diese Straße in Gdańsk überhaupt noch gab: Dąbrowszczaków. Das heißt: die Straße der Dąbrowszczacy. Und das heißt: der Kämpfer der polnischen Dąbrowski-Brigade im spanischen Bürgerkrieg. Diese Brigade hieß nicht nach dem, gewiß rühmenswerten, napoleonischen General Jan Henryk Dąbrowski (auch Dombrowsky), von dem die polnische Nationalhymne erzählt, sondern nach dem linken Exilpolitiker und militärischen Führer der Pariser Kommune Jarosław Dąbrowski. Die Dąbrowszczaków lag angemessenerweise in Przymorze, wo sie den Abschluß der fortschrittlichen Bebauung zum Küstenstreifen hin bildete.

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Vielleicht hatte der Straße eine gewisse Obskurität geholfen, da nicht alle wußten oder sich interessierten, wer eigentlich diese Dąbrowszczacy waren, bei denen sie wohnten. Aber anders als bei Jana Husa (Jan-Hus-Straße) und Husytów (Hussitenstraße), die bloß nach tschechischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert benannt waren, ging es hier um die Gruppe, die der herrschenden nationalistischen Ideologie, gleich ob in ihrer polnisch-katholischen oder europäisch-liberalen Variante, am stärksten verhaßt ist: polnische Kommunisten. Jede Erinnerung daran, daß es einmal Menschen gab, die Polen und Kommunisten waren, und sogar in einem anderen Land für die Sache des Kommunismus kämpften, muß ausgelöscht werden und es erstaunt tatsächlich, daß es erst so spät geschieht. Das Sanacja-Regime der Dreißiger hatte den polnischen Spanienkämpfern die Staatsangehörigkeit aberkannt, die heute Herrschenden zerstören auch das Wenige, was noch an sie erinnerte. Stattdessen wird die Straße nun nach Lech Kaczyński heißen, einem ehemaligen polnischen Präsidenten, der durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 2010 zum Märtyrer der polnischen Rechten wurde. Auch hier erstaunt es eher, daß er keine wichtigere Straße bekam.

Ein Jahr lang konnte man noch dem Überlebenskampf der Straße zusehen. Es war ein schwächlicher, jämmerlicher Kampf, da es nie um das Entscheidende, das Andenken der polnischen Spanienkämpfer, ging. Die Anwohner wollten einfach den vertrauten Namen, dessen Bedeutung ihnen egal war, behalten. Dem liberalen Bürgermeister von Gdańsk, der sich auf ihre Seite stellte, ging es hingegen einzig darum, der noch rechteren Zentralregierung eins auszuwischen. Es war wohlgemerkt derselbe Bürgermeister, der eine große Straße nur zu gerne nach antisemitischen Mörderbanden benannt hatte.

Schon Ende 2017 hatte es ausgesehen, als ob der Kampf entschieden war. Unter den nur drei Straßenschilder der ul. Dąbrowszczaków hingen bereits neue Schilder mit dem Namen ul. Prezydenta Lecha Kaczyńskiego (Präsident-Lech-Kaczyński-Straße) und dazu ein kleineres, auf dem die Stadtverwaltung erklärte, daß sie keine andere Wahl hatte.

Nach einer aufschiebenden Gerichtsentscheidung Anfang 2018 waren die Schilder dann sofort wieder verschwunden. Die Dąbrowszczaków hatte noch einen weiteren Sommer. Ende 2018 schließlich gab es eine letztinstanzliche Entscheidung und die Kaczyński-Straßenschilder sind wieder da, nun auch ohne die distanzierende Ergänzung.

Der Kampf ist vorbei. Die Linke war an ihm im übrigen nie beteiligt. Sie hat in Polen schon lange alle Kämpfe verloren und existiert heute praktisch nicht mehr. Daß man bei einer Hipsterkneipe mit deutschem Namen in Wrzeszcz vielleicht einen sympathischen Aufkleber sehen konnte, aber in Przymorze nie, bestätigt das nur.

„Pfoten weg von den Helden des Kampfs gegen den Faschismus!“

Auch waren alle klarer kommunistischen Straßennamen schon lange verändert, sogar die bloß antikoloniale Lumumby (Lumumba-Straße), eine wichtige Falowiec-Straße zwischen Dąbrowszczaków und Chłopska in Przymorze, wurde umbenannt.

Daß der Name Dąbrowszczaków noch eine Weile im Stadtbild fortleben wird, liegt einzig daran, daß er weit öfter als auf Straßenschildern auf den Schmalseiten der fünfgeschossigen Wohngebäude neben der Straße steht.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die Verantwortlichen Geld aufbringen, das zu überstreichen. Im Moment jedenfalls kann man noch etwas letztes Spanien an der winterlichen Ostsee erleben.

Sowjetisches Grün in Sopot

Der Friedhof, den Sopot seinen sowjetischen Befreiern baute, ist nicht ganz leicht zu finden, paßt aber gerade deshalb gut in eine Stadt, wo abseits des Strands und der zentralen Fußgängerzone nichts ganz leicht zu finden ist.

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In der Stanisława Moniuszki (Stanisław-Moniuszko-Straße) weist an einem kleinen gepflasterten Bereich ein quer zum Gehsteig gesetztes Schild zu einer den Hang hinaufführenden Treppe und zum „Cmentarz źolnierzy Armii Radzieckiej poległych w walkach o wyzwolenie Sopotu w marcu 1945 roku“ (Friedhof der Soldaten der Sowjetischen Armee, die im März des Jahres 1945 in den Kämpfen um die Befreiung Sopots fielen). Sein niedriger Sockel und sein abgeschrägter linker Teil bestehen aus weißgetünchtem Beton, während die eigentliche Fläche mit einem roten Stern und der Inschrift aus grauem Stein ist.

Über die Treppe gelangt man auf einen Weg aus Betonplatten, der geradewegs in den Wald führt. Bald läßt man die Gartenseiten der links stehenden großen Villen hinter sich und ist nur noch vom Wald umgeben, diesem typischen Laubwald mit lichtem Unterholz der Hügel der Trójmiasto.

Es geht sanft aufwärts und eine ganze Weile ist da wirklich nichts als Wald und Weg. Schließlich erreicht man den Friedhof, erahnt zuerst hinter Bäumen, wie er sich noch etwas höher entlang des Wegs erstreckt. Die Kopfseite der kleinen Anlage bilden Stufenbeete mit hohen Nadelbäumen, in denen beim Eingang eine einleitende Tafel über die 646 Gefallenen und nach einer Treppe ein zentrales Denkmal mit ihren Namen sind.

Nachdem schon die gesamte Konstruktion aus dunklen Steinblöcken besteht, scheint der Stein des Denkmals zu seiner Naturform zurückfinden zu wollen: aus einigen kleineren zusammengefügten Steinen ragt ein großer Findling, eine Art unförmiger Obelisk, auf.

Diese konservative, gut ins 19. Jahrhundert passende Form deutet sofort darauf hin, daß es sich um ein umfunktioniertes älteres Denkmal handelt. Tatsächlich wurde es ursprünglich 1909 in der preußischen Zeit zur Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg errichtet und später als Weltkriegsdenkmal genutzt. Die heutigen Inschriften sind russisch und polnisch,  wobei beim Denkmal die polnische grammatikalisch falsch ist.

Es ist ein Glück für den Friedhof, daß das Denkmal zwar sein höchster Punkt ist, aber ihn nicht bestimmt. Hier im Wald wirkt es eher wie ein wirklicher Fels, den schon die Bäume davor fast verstecken. Viel wichtiger ist der eigentliche Friedhof. Er erstreckt sich entlang eines Wegs, der in einer Linie mit dem Denkmal und der Treppe verläuft. Auf dem leicht abschüssigen Gelände zweigen auf beiden Seiten je vier Beete und schmalere Wege von ihm ab, wobei sie zum Wald hin kürzer und zum Weg hin länger sind.

Diese niedrigen stufengleichen Hochbeete sind in Beton gefaßt und in ihnen sind die Gräber der gefallenen sowjetischen Soldaten.

Doch die fast flach auf grauen Sockeln befestigten glatten schwarzen Steinplatten mit den Namen muß man in der üppigen Bepflanzung geradezu suchen. Es sind allesamt keine wirklich exotischen Pflanzen, sondern solche, die man vielerorts gesehen hat, ohne sie benennen zu können.

Farne, Sträucher, Immergrünes, Blumen in vielen Farben, große fleischige Blätter, kleinere mit weißer Zeichnung, niedrige Nadelpflanzen voller Moos oder einfach Löwenzahn in einer unerwarteten Größe.

Was die Beete von Sopots sowjetischem Friedhof jedoch außergewöhnlich macht, ist die schiere Fülle und Vielfalt an für sich genommen ganz typischen Pflanzen. Auch in einem botanischen Garten oder einem Biotop wären Beete wie diese nicht fehl am Platz und tatsächlich ist der Friedhof beides ein wenig.

Er ist gerade noch am Rande einer Verwahrlosung, durch die er ganz zum Biotop würde. Moos wächst über die Beetränder, Gras auf Wegen, aber noch begrenzt der Beton der Beete ein bloßes Wuchern und man spürt noch eine ordnend und pflegend eingreifende menschliche Hand.

So ist es ein wunderschöner Garten im Wald, in dem die Befreier ruhen. Das paßt wiederum zu Sopot, dem großbürgerlichen Badeort voller Villen mit großen Gärten. Ob das schon ursprünglich so geplant war, ist fast egal, denn eine schönere Ruhestätte für Helden kann es kaum geben. Es ist ein später und leider nutzloser Sieg, daß der schönste Garten in Sopot nicht privat und bürgerlich, sondern öffentlich und sowjetisch ist.

Häuser in Iași

Das Typischste am Aussehen der Häuser in Iași ist, daß man nur sehr wenig von ihnen sieht. Haus ist hier im Sinne von Einfamilienhaus, von house, gemeint. Von solchen Häusern gibt es trotz umfangreichen Baumaßnahmen in der sozialistischen Zeit weiterhin viele, nicht nur in den vorstädtischen, sondern auch in recht zentralen Teilen der Stadt. In den schmalen und verschlungenen Straßen dieser vielleicht nicht einmal immer besonders alten, aber planlos gewachsenen Gegenden schotten die Häuser ihre kleinen Gärten oder Höfe dann oft mit hohen Bretterzäunen ab. Noch häufiger ist es, daß über dem gesamten freien Bereich um das Haus Weinreben wachsen.

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Sie ranken sich auf meist stählernen Gerüsten, bilden Wände und Dächer und schaffen schattige Räume, die halb außen, halb innen sind. Durch die Pflanzen entsteht eine zweite Architektur, die, wiewohl halb transparent, die erste stark verdeckt. Das ist umso leichter als die meisten Häuser in Iași nur ein Geschoß und kein sehr hohes Dach haben. Es ist eine saisonale Blattarchitektur, die im Sommer wertvollen Schatten bietet, im Winter aber das wertvolle Sonnenlicht durchläßt.

Fast jedes Haus hat solche Baldachine aus Weinreben, so daß man im Sommer durch die Straßen von Iași streifen kann, ohne ein klares Bild davon zu bekommen, wie die Häuser eigentlich aussehen. Wenn man sich konzentriert, die freien Seiten sucht, länger als gehörig in schattige Höfe blickt, das Grün gleichsam herausrechnet, zeigen sich die Häuser von Iași in ihrer Vielfalt. Wirklich alte Häuser sieht man nicht, da sie vermutlich aus Holz waren, die erhaltene Baugeschichte beginnt erst im 19. Jahrhundert. Manchmal, selten, gibt es Häuser mit schmalen Verandas unter überstehenden Dächern, von denen ornamentale Bordüren aus Holz herabhängen, Überbleibsel dörflicher Bauweisen wohl.

Meist jedoch sind die Häuser mit einfachen historistischen Ornamenten, hier ein Pilaster, dort ein Fensterrand, versehen. Fast völlig fehlt der Jugendstil, was von der Rückständigkeit Rumäniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeugt. Umso häufiger ist dafür modernistische Ornamentik aus der Zwischenkriegszeit, etwa horizontale Streifen- oder Wellenmuster zwischen den Fenstern. Das zeugt vom Aufschwung Rumäniens dank seiner enormen Gebietsvergrößerung durch den Vertrag von Trianon nach dem ersten Weltkrieg. Ein nicht untypischer Iașier Kontrast ist daher einer wie in der Strada Petru Rareș (Petru-Rareș-Straße): auf der einen Seite ein historistisches Haus mit aufwendigem Eckgiebel und auf der anderen ein modernistisches Haus mit abgerundeter und gleichsam hochgeklappter Ecke mit Rillenmuster.

Diese Baumoden hatten Einfluß wohlgemerkt nur auf die Häuser, die erste Architektur, während die Gestelle aus Weinreben, die zweite Architektur, überall die gleichen sind.

In der sozialistischen Zeit gab es offenbar fast keinen privaten Wohnbau oder jedenfalls ist er nicht besonders zu erkennen. Erst die Restauration des Kapitalismus brachte es mit sich, daß teilweise neue, nun mehrgeschossige Häuser in beliebigen Formen an die Stelle der alten gesetzt wurden. Blattdächer aus Weinreben gibt es weiterhin, doch leider verdecken sie nun nicht mehr die Architektur, die das mehr denn je nötig hätte.

Außer den beschriebenen bescheidenen Häusern gab es immer auch größere Villen, aber die prägen nur im nordwestlichen Copou größere Bereiche. Die interessantesten sind hier nicht die historistischen, sondern die aus der Zwischenkriegszeit, die es mit anderen bauhausstiligen Gebäuden mindestens aufnehmen können, vielleicht besser sind, aber vom Architekturkanon selbstverständlich ignoriert werden.

In der Strada Gării (Bahnhofsstraße)

Der rumänische Sozialismus baute keine Häuser, sondern hohe fortschrittliche Wohngebäude, die Iași mehr veränderten als alle Architektur zuvor. Das ist gut und richtig, das ist dem Sozialismus einzig angemessen. Doch es ist schade, daß die sozialistische Architektur sich nicht bemühte, von der lokalen Architektur zu lernen. Entscheidend an dieser sind, wie ausgeführt, nicht diese oder jene Gebäudeformen, sondern die Weinreben über den Höfen. Es handelt sich bei diesen auch nicht um ein ästhetisches, sondern um ein praktisches Element und eines, das sich mit der fortschrittlichen Architektur leicht verbinden läßt. Gestelle mit Weinreben müßten auf den Terrassen der Terrassenhäuser von Iași sein, es müßte ganze Alterlaas im Wein, ganze künstliche Weinberge geben. So etwas konnte die Architektur des rumänischen Sozialismus aus verschiedenen Gründen nicht, obwohl sich Ansätze durchaus finden.

Nicht nur gibt es an einem Platz am zentralen Bulevardul Ștefan cel Mare (Stefan-der-Große-Boulevard) ein prominentes Terrassenhaus, sondern auch viele terrassierte Bauteile an den straßenabgewandten Seiten vieler zentraler Bebauung.

Noch wichtiger sind verschiedene Gebäudetypen im Wohngebiet an der Șoseaua Nicolina (Nicolina-Chaussee) im Süden, bei denen entlang der obersten drei Geschosse drei Terrassenstufen verlaufen. Bei einem von ihnen sind über den Terrassen sogar horziontale Betonstreben, doch diese scheinen mehr der ästhetischen Wirkung als der praktischen Funktion wegen zu existieren.

Dafür sieht man an anderer Stelle tatsächlich, wie sich jemand genau die von den flachen Häusern bekannten Weinrebengestelle auf die große Terrasse im siebten Geschoß setzte.

Hier sieht man, was möglich und nötig wäre. Das Beste des traditionellen Hauses, seine Blattarchitektur, ist hier aufgehoben. Damit ist das so etwas wie der Höhepunkt der Architektur von Iași, doch es ist traurig, daß er zufällig aus Privatinitiative und nicht geplant aus den Ideen der Architekten erwuchs.

Ansätze also gibt es, aber mehr nicht. Gar nicht auszudenken, was möglich gewesen wäre, wenn die Architektur des rumänischen Sozialismus insbesondere in ihrem letzten Jahrzehnt weniger für Formspielereien und mehr für funktionale Lösungen aufgewandt hätte. So unsichtbar die kleinen Häuser zwischen den Weinreben sind, so spektakulär wären die Hochhäuser in den Weinreben.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Křižanov

Křižanov hat einen Bahnhof der Liebe. Alles, alles an ihm ist voller Liebenswürdigkeit. Er stellt sich dabei vielleicht etwas ungeschickt und grobschlächtig an, man muß sich erst auf ihn einlassen, um dann umso reicher beschenkt zu werden.

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Von den Gleisen und seinen beiden Bahnsteigen aus gesehen, besteht er aus einer niedrigen Halle mit Satteldach und einem dreigeschossigen Gebäude mit flachem Walmdach links daneben. Unter den großen Fenstern der Halle und des Erdgeschosses des Gebäudes ist ein Band aus grauen Steinquadern, der Putz ist gelblich-beige und die Dächer sind aus rotem Blech. Wüßte man nicht, daß dies ein Bahnhof ist, man hielte den höheren Teil mit seinen regelmäßig rechteckigen Fenstern und seinen neuen Balkonbrüstungen aus Stahl und milchigem Plexiglas für ein typisches und eher langweiliges Wohngebäude. In der Tat sind außer im Erdgeschoß, wo in der Mitte ein Kontrollraum vorgesetzt ist, Wohnungen. Auf etwa sieben Achteln der Länge beginnt rechts im zweiten Geschoß ein langer und kaum merklich breiter werdender Balkon. Hinter ihm ist auf sechs Achteln eine Nische mit Balkon auch im dritten Geschoß und am Gebäudeende eine weitere, die mit einer runden Stütze endet, um ihm und dem darüberliegenden Balkon zu ermöglichen, noch ein Stück freischwebend weiterzuverlaufen. Es wirkt, als wüßte das Gebäude, daß es recht langweilig ist und versuchte sich so etwas interessanter zu machen. Unter den Fenstern im dritten Geschoß hängen in der Mitte der Bahnhofsname Křižanov in Leuchtbuchstaben und eine große Uhr.

Ein Tunnel führt ebenerdig in die große Halle, die sich parallel zum Bahnsteig erstreckt. An den Breitseiten sind quergesetzte rechteckige Stützen, die bis weit oben, wo sie an den Wänden schon von hellem Putz abgelöst wurde, rötlich braune Kachelverkleidung hat. Auf dem Boden ist grauer Stein und die Decke besteht aus braunem Holz mit querenden Holzbalken.

Von der anderen Seite wirkt der nun viergeschossige Gebäudeteil noch stärker wie ein gewöhnliches Wohngebäude mit regelmäßigen Fenstern, einigen Balkonen und mittigem Treppenhaus.

Die nun links davon befindliche Halle steht etwas weiter vorne und ragt mit ihrem nun gewalmt endenden Dach ein Stück in den anderen Teil hinein. Das Erdgeschoß des Gebäudes wie der untere Teil der Halle sind mit grauen Steinquadern verkleidet, wobei dort in der Halle einige große Fenster sind. Über dem folgenden Eingang ruht auf eckigen Stützen mit derselben Steinverkleidung ein dickes Vordach, das abgerundet beginnt, nach links hin schmaler wird und um die Seite der Halle weiterläuft.

Noch immer wirkt alles etwas schwerfällig und bieder. Das Glas macht nichts transparent, das Vordach will schweben, doch der Stein zieht es herab. Auch das Steinrelief des Prager Bildhauers Karel Hladík an der Wand neben der Ecke paßt in diesen Eindruck. Es zeigt in realistischen Formen Fischer bei der Arbeit, vielleicht in einem der Seen der Umgebung?

Es ist kein großes Kunstwerk an diesem nicht großen Gebäude.

Aber da ist diese Liebenswürdigkeit! Sie beginnt damit, daß es den Bahnhof gibt. Er ist viel zu groß, denn um ihn ist ja weit und breit nichts.

Ein properer Vorplatz, zwei zweigeschossige Wohngebäude mit Walmdach, die vor allem dazu zu dienen scheinen, dem Bahnhof Gesellschaft zu leisten, irgendwo abseits eine Holzfabrik, dann erst hinter Feldern, die man doch schon von der Halle aus nicht übersieht, in der Ferne ein Ort mit Kirche und Schloß: das eigentliche Křižanov. Der Tunnel ist ungewöhnlich aufwendig und durchaus nicht gewöhnlich für einen tschechoslowakischen Bahnhofsneubau.

Der Bahnhof scheint für eine Zukunft gebaut, in der er nicht bloß an der kürzesten, sondern auch der schnellsten Strecke zwischen Prag und Brno liegt, und die abzweigende Strecke nach Velké Meziříčí und darüber hinaus ebenfalls wichtiger wird. Tatsächlich gab es diese Zukunft. Die Bahnstrecke, an der Křižanov liegt, begann als Projekt des Protektorats Böhmen und Mähren nach 1938 und wurde 1953 von der nunmehr sozialistischen Tschechoslowakei vollendet. Noch bis in die Neunziger fuhren hier Schnellzüge, erst danach wurde die nördlichere Strecke über Pardubice und Česká Třebová wieder zur schnellsten Verbindung zwischen der ersten und der zweiten Stadt Tschechiens.

Und die Liebenswürdigkeit des Bahnhofs ist in jedem Detail. Man tritt in die Halle und in ihrer Mitte steht eine filigrane Metallkonstruktion, die klappbare Informationstafeln und heute einige Blumentöpfe trägt.

Der Wartesaal, der rechts von der Halle abgeht, hat Fenster zu dieser, aber auch nach außen in den dort neben der Halle gelegenen Garten des Stationsvorstehers.

Er ist heute etwas kahl, auch Blumen gibt es für tschechoslowakische Bahnhofsverhältnisse nur wenige, aber dafür in der gartenferneren Ecke einige ausbleichende Gemäldereproduktionen, von denen eine den Markusplatz in Venedig zeigt.

Auf dem Fenster zum Garten ist eine winzige Ecke mit kostenlosen „Knihy na vlak“ (Büchern für den Zug) eingerichtet. Man möge mitteilen, wohin die Bücher mit einem reisen, bittet ein ausgedrucktes Blatt an der Scheibe, und Leute haben es gleich daruntergeschrieben: „Irsko – Dublin“ (Irland – Dublin) etwa oder „Sýrie“ (Syrien) definiert als ein Internat in Žďár nad Sázavou. Prominent hervorgehoben war im Sommer 2018 Sacher-Masochs „Venuše v kožichu“ („Venus im Pelz“) in einer Taschenbuchausgabe von 1991. Es ist, als wollte der Bahnhof wenigstens auf diesem Wege noch seine Verbindung in die weite Welt erhalten.

Draußen ist der Bahnhof nicht weniger liebenswürdig. Parkplätze gibt es genug, in der Ecke beim Garten ist unter dem Vordach ein Bereich mit Fahrradständern und an einem Baum sind verschiedene Wanderwege in Orte, die so unberühmt sind wie Křižanov selbst, ausgeschildert. Ist es da nicht naheliegend, daß im Garten zwischen Gemüsebeeten einige rote Rosen wachsen?

Das alles, das ist die Liebenswürdigkeit des Sozialismus und was von ihr heute im sozialistischen Gebäude weiterlebt. Sie wird umso anrührender, weil man sieht, wie schwer sie es hat, wie entschieden sie zurückgewiesen wird. Bei beiden Bahnsteigen ist jeweils einer der Treppenaufgänge zugemauert.

Die im Schachbrettmuster gesetzten dunkelroten und grauen quadratischen Kacheln im Tunnel sind an einer Stelle durch hellgraue ersetzt.

Statt der großen Tafeln, die zuletzt noch die Abfahrtzeiten in die Richtungen Havlíčkův Brod, Brno und Velké Meziříčí anzeigten, hängt in der Ecke ein kleiner Flachbildschirm. Von den drei Schaltern ist nur einer manchmal geöffnet.

Doch der Bahnhof Křižanov hat noch nicht aufgegeben. Die Lücke in den Kacheln ist immerhin irgendwie gefüllt, die Bildschirme gibt es immerhin und ein Schalter ist immerhin geöffnet. Außerdem lagern die alten Tafeln noch gut sichtbar in einem Raum neben der Halle, als warteten sie nur darauf, aktualisiert und wieder aufgehängt zu werden, und ein Preßlufthammer für die Aufgänge fände sich sicher auch irgendwo.

Obwohl ihn doch alles eines Anderen belehren sollte, wartet der Bahnhof Křižanov noch immer auf die Wiederkehr der Zukunft, für die er gebaut wurde. Das ist Liebe.

Unregelmäßigkeiten eines Klosters

Das Kloster Madonna dei Miracoli in Motta di Livenza ist eine recht typische Renaissanceanlage. Architektonisch am Interessantesten ist, daß um die Front und die nach außen zeigende Seite der Kirche Arkaden verlaufen. Auf schmalen Säulen regelmäßige Rundbögen und einfaches Kreuzrippengewölbe, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, eine leichte, funktionale Architektur, wie sie für die italienische Renaissance in den besten Fällen kennzeichnend ist. Beim Ende der Kirche verlassen die Arkaden das Gebäude, setzen sich quer zu ihm fort und überspannen einen somit zu drei Seiten offenen rechteckigen Bereich.

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Wie unter einem Baldachin steht dort ein kleineres einfaches Gebäude mit Dreiecksgiebel, dessen Alter sich schwer bestimmen läßt. Vor dieser kleinen Marienkapelle an einer Wegkreuzung deutlich außerhalb der damaligen Stadt erschien im Jahre 1510 einem alten Bauern die Jungfrau Maria, was Motta di Livenza zum Wallfahrtsort machte und den Anlaß für die Errichtung des Klosters gab. Das kleine alte Gebäude war also der Ursprung des großen neueren und ist heute in ihm aufgehoben, ohne ganz Teil davon zu werden. Es steht unter den Arkaden vielmehr ganz frei und schräg zu allem anderen, ein sorgsam behüteter Schrein, eine Kaaba.

Vielleicht kann man sich die Entstehung des Wallfahrtsort als eine Marketingmaßnahme der Stadtverwaltung von Motta di Livenza erklären. Denn was hatte die Kleinstadt im trostlosen venezianischen Hinterland schon zu bieten? Irgendeine Attraktion mußte her. Heute würden sie ein Spaßbad mit achtzehn Rutschen planen, damals eben eine Wallfahrtskirche mit Kloster, denn Pilger bedeuteten einen gesicherten Einkommensstrom. Jedenfalls war das Wunder der Marienerscheinung noch im selben Jahr vom Papst offiziell anerkannt und das Kloster stand bereits drei Jahre später. Die Arkaden wurden erst im Jahre 1600 angefügt, wiederum, wie eine Tafel besagt, um den Pilgern einen gemütlicheren Zugang zur kleinen Kapelle zu ermöglichen. Es handelt sich in gewisser Weise um eine touristische Architektur.

Von der künstlerischen Ausgestaltung des Klosters sind die Fresken im Kreuzgang um einen der vier quadratischen Höfe des Klosters zu erwähnen. Statt etwa vom lokalen Wunder erzählen sie ausführlich die Geschichte des heiligen Franziskus von Assisi, denn es war der Franziskanerorden, der mit der Gründung des Klosters beauftragt worden war und es noch heute betreibt. Als vermutlich neuerer, aber ebenfalls hübscher Bezug auf die Franziskusgeschichte stehen um vier Palmen im Hof auch vier Vogelkäfige unter anderem mit eleganten weißen Tauben.

Zu den Szenen der 1674 von einem unbekannten Mönch geschaffenen Fresken, die von der Geburt über Begegnungen mit Bischöfen, Königen, Sultanen, auch Jesus wie dem Teufel, bis zum Begräbnis reichen, ließe sich sicher vielerlei sagen, aber besonders interessant ist, wie sie die ihnen zugewiesenen Wandflächen ausnutzen.

Unter dem halbrunden Bild zwischen den Ansätzen des Gewölbes ist jeweils ein ornamental gefaßtes Feld mit gereimter Inschrift. In einer Ecke müssen diese Felder ihre mittige Position verlassen, da sich dort Türen öffnen, an deren Seiten sie dann rücken.

Ist das noch bloß ein etwas nonchalantes Eingehen auf die örtlichen Beschränkungen, so zeigt sich das Gespür des Künstlers für den Ort an einer Stelle, wo die Wand in der Mitte der halbrunden Fläche leicht zurückspringt.

Statt das zu ignorieren, nutzte er es noch aus. Er teilt das Bild in zwei Hälften, so daß nun links im Inneren Franziskus vor einem Kruzifix kniet, während rechts im Hof sein Knecht das Pferd heranholt. Und dazwischen, in der von der Wand gebildeten Ecke, ist eine Säule. Die Architektur des Bilds verbindet sich mit der Architektur des Orts.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, daß der Künstler diese Szene gerade an diese Stelle setzte, denn in ihr geschieht der Bruch im Leben des Franziskus, hier spricht Gott zu ihm und er wird vom Edelmann zum Bettelmönch und Ordensgründer. Der Rücksprung in der Wand entspricht dem und das Pferd dient schon dazu, sich in der nächsten Szene seiner Erbschaft zu entsagen. In diesem Detail zeigt sich die Größe des hier arbeitenden Künstlers. Was ein Problem sein könnte, macht er zum Gewinn und zum subtilen Höhepunkt des gesamten Kreuzgangs.

So wie die Architektur des Klosters das zufällig angeordnete alte Gebäude aufnimmt, nimmt die Kunst ihrerseits die Zufälligkeiten der Architektur auf. Für solche Kleinigkeiten lohnt sich der Besuch auch einer solch typischen Klosteranlage. Und wem das nicht genügt, dem bleiben eben die Vögel.