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Brasilia in Sopot

Ein wenig von Brasilia kann man überall finden, wo seit den Fünfzigern fortschrittliche Architektur entstand, denn alle Architekten wollten, wenigstens unbewußt, ein wenig Brasilia bauen. Auch in Sopot ist das nicht anders.

Das das dort am Rande der Hügel gelegene Gebäude der Wydział ekonomiczny (Wirtschaftsfakultät) der Uniwersytet Gdański (Universität Gdańsk) ist in mancher Hinsicht ein typisches Beispiel für die Architektur der PRL (Volksrepublik Polen), zu deren Zeit die Fakultät noch der Ekonomika Transportu (Transportwirtschaft) gewidmet war.

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Es ist eigentlich ein ganz einfaches, strenges Gebäude. Vier Geschosse an einem weiten Vorplatz, die Breitseiten trotz den Fensterbändern durch vorgesetzte Streben deutlich vertikal strukturiert, an den Schmalseiten kleine vorgesetzte Balkone. Rechts davor ist ein etwa zweigeschossiger Hörsaalbau, der leicht schräg nach rechts verläuft. Sind seine Breitseiten verglast, aber wiederum mit vertikalen Streben versehen, so bringt die eingewölbt geschwungene Schmalseite eine erste Bewegung in die rechteckigen Baukörper.

Mit zwei wohlgewählten architektonischen Elementen wird das Gebäude dann verwandelt.

Das erste ist das Vordach in der Form eines runden hyperbolischen Paraboloiden, das vor dem etwas rechts der Mitte gelegenen Eingang ist. Seine dünne Betonfläche wächst links und rechts aus dem Boden und beschirmt den Eingang wie ein kompliziert gefaltetes Lotusblatt.

Dieses geschwungene, schwingende Vordach steht vor dem strengen Gebäude wie eine Skulptur vor der weißen Wand einer Galerie und ist dabei doch gänzlich funktional. Diese Lösung des Eingangs, eng verwandt der beim Verwaltungskomplex in Kielce, ist zweifelsohne das Auffälligste am Gebäude.

Subtiler, aber vielleicht noch wichtiger, sind die Rampen, die entlang der beiden verglasten Seiten des Hörsaals zu Eingängen führen.

Ihre breiten dunklen Betonflächen steigen ganz langsam an und ruhen schließlich auf kräftigen Stützen, die nach quadratischem Beginn umgedrehte Pyramidenformen werden. Ihre niedrigen Geländer bestehen aus je drei scheinbar schwebenden langgezogenen Metalldreiecken an den Seiten und vertikalen Stangen deutlich vor den Enden, die unten wieder aus dem Beton herausragen.

Der durch die Rampen überwundene Höhenunterschied ist sehr gering, aber gerade dadurch werden sie so wirkungsvoll. Völlig funktional inszenieren sie die Loslösung vom Erdboden, das Erheben des Menschen in die Architektur geradezu. Heute scheinen sie ihre Funktion jedoch verloren zu haben, ihre Anfänge sind nicht mehr mit der Umgebung verbunden und sie stehen wie etwas traurige Skulpturen in der Wiese.

Beide zusammen, das auffällige Vordach wie die subtile Rampe, machen das Brasilianische an diesem Gebäude aus.

Was hier in den Hügeln Sopots entstand, war der Trójmiasto (Dreistadt) bescheidene Version von Brasilia. Es erschöpft sich auch nicht im Beschriebenen. Hinter dem Gebäude ist die eingewölbte Seite eines zweiten Hörsaals zu sehen und dahinter steht ein entsprechendes, aber ein Geschoß niedrigeres Gebäude.

Hinzu kommen Wohnheime auf dem angrenzenden Gelände und auf der anderen Straßenseite die Bibliothek, deren Eingang als Brücke zum niedriger am Hang gelegenen Gebäude führt.

Es ist weit eher ein wirklicher Campus als die trostlosen Anlagen der übrigen Fakultäten am Rande von Oliwa. Schade daher, daß sich die Universität Gdańsk bei ihrer Gründung 1970 nicht viel stärker an Brasilia ein Vorbild nahm.

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Ein geschlossener Schalter

Im Bahnhof Teplice nad Metují in den Bergen im Norden Ostböhmens kann man seit dem 12.6.2011 keine Fahrkarten mehr kaufen. Ein Schild im Fenster des Schalters weist darauf hin und das ist auch sinnvoll, denn der kleine Warteraum sieht nicht anders aus als in ungezählten anderen tschechoslowakischen Bahnhöfen, in denen man nach wie vor Fahrkarten kaufen kann. Der Innenraum ist dabei so unauffällig wie das k.k. Bahnhofsgebäude von außen. Graue quadratische Fließen auf dem Boden, gelbliche Farbe im oberen Teil der Wände und vertikale braune Holzverkleidung im unteren, die sich auch um das etwas niedrigere und etwas vorgesetzte Pult des Schalters fortsetzt.

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In diesem ist mittig die rechteckige Edelstahloberfläche des Drehmechanismus, in den man das Fahrtgeld zu legen hatte, um die Fahrkarte herausgegeben zu bekommen. Im Deckel der Öffnung, die erst etwa oval ist und sich dann nach innen zum Schalter hin verjüngt, steht in großen eingravierten Buchstaben in einer serifenlosen Schrift: „Geschlossen“.

Es steht dort auf deutsch. Beidseits der Öffnung steht kleiner und leicht zu übersehen weiterhin: „Kaufmannwerke *Vohwinkel* D.R.P.“

Es handelt sich somit, wie leicht herauszufinden ist, um ein deutsches Produkt der Firma J.C.F. Kaufmann aus Vohwinkel, die dafür ein Deutsches Reichspatent (D.R.P) hatte.

Nicht leicht zu beantworten ist die Frage, wann dieser patentierte Mechanismus dort eingebaut wurde. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, als die weitgehend deutsch besiedelte Gegend zu Österreich gehörte? In der Zeit zwischen 1918 und 1938, als sie zur Tschechoslowakei gehörte? In der Zeit zwischen 1938 und 1945, als sie als Teil des sogenannten Sudentlands zum indirekt erwähnten Deutschen Reich gehörte? Eine eindeutige Antwort läßt sich nicht geben, aber einiges spricht für die österreichische Zeit, da die ČSD (Tschechoslowakischen Staatsbahnen) zwar vielleicht ein deutsches Produkt, aber eher keines mit ausschließlich deutscher Aufschrift gekauft hätten, da Vohwinkel 1929 Teil des neugegründeten Wuppertal wurde, was vielleicht auch eine Änderung des Firmenschriftzugs nach sich zog, und da das Deutsche Reich nach 1938 wohl eher in Kriegsvorbereitungen als in Provinzbahnhöfe investierte.

Nur im ersten Moment erstaunt, daß das Gerät mit der deutschen Beschriftung sich noch immer dort im Bahnhof befindet. Seine Umgebung veränderte sich sehr. Nach 1945 wurden die Deutschen der Gegend ausgesiedelt und landeten größtenteils in Westdeutschland, vielleicht auch unweit von Wuppertal. Auch die heutige Raumgestaltung stammt offensichtlich aus der Zeit der sozialistischen Tschechoslowakei. Der alte Drehmechanismus wurde also in den neuen Schalter eingebaut. Hier zählte die politische Abneigung gegen das Deutsche offenbar und vernünftigerweise weniger als der Wert eines funktionierenden und beinahe unzerstörbaren Stücks Technik. Und am geöffneten Schalter war die Herkunft des Drehmechanismus auch kaum zu bemerken. Ohne Zweifel kauften dort Generationen von Tschechen und Touristen ihre Fahrkarten, ohne zu ahnen, daß sie dafür ein deutsche Produkt verwendeten. Erst heute, seit dem 12.6.2011, ist der Schalter „Geschlossen“ und seine Geschichte liegt offen da.

Erkundungen auf Friedhöfen: Zittau am Hang

Eine schönere Lage könnte Zittaus Friedhof kaum haben. Er nimmt einen eigenen niedrigen Hügel ein, so daß er ein Ort ganz für sich ist. Dennoch läßt man die Welt nicht ganz zurück, wenn man durch die Memento Mori des barocken Tors getreten ist.

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Vielmehr ist man ihr näher, da der Friedhofshügel sowohl Blicke zu den nahen Türmen der Altstadt als auch zum weiten Bergpanorama nach Tschechien hin bietet.

Am höchsten Punkt des Hügels steht eine stattliche, aber etwas unförmige gotische Kirche mit barockem Türmchen, aber die ist eher Ausgangs- als Mittelpunkt des Friedhofs. Statt bei ihr zu verweilen, fließt er gleichsam die Hänge Richtung Gebirge hinab.

An der steilsten Stellen verwandelt sich der Hang in ein ungemein verschachteltes Gewirr aus Treppen und Terrassen. Zusammen mit den dichten Nadel- und Rhododendronsträuchern entsteht eine Art grünes Labyrinth, in dem nun tatsächlich die Umgebung ganz unwichtig wird und man ganz bei den Gräbern sein kann. Die Treppen und Terrassen sind dabei ohne jede erkennbare Ordnung angelegt, wodurch man in diesem bloß kleinen Teil des Friedhofs viel Zeit verbringen und immer wieder Neues entdecken kann.

Mal sind die Terrassen miteinander verbunden, mal völlig separiert, mal stehen viele Grabsteine, mal nur ein einzelner auf ihnen. Daß zwei Treppen zu einer winzigen Terrasse, die im Winkel zweier anderer eingefügt ist, führen und dort nur ein kleiner klassizistischer Grabstein steht, ist durchaus nicht ungewöhnlich.

Zumeist könnten die Gräber auch überall anders sein, sie sind so zufällig wie die Struktur des Orts, den sie bilden. Zwei jedoch wissen um ihre Umgebung. Das erste steht noch oben am Hang, bevor die Terrassen wirklich beginnen und hat einen großen klassizistischen Stein auf drei oder sogar vier Sockeln.

Ganz unten rechteckige Blöcke, darüber ein an Basaltfelsen erinnernder Teil mit aufrechten sechseckigen Blöcken, darauf kleiner wieder rechteckige Blöcke und noch darüber eine sich nach innen verjüngende Bordüre mit Rankenornamentik. Erst darauf ruht gleich einem kleinen antiken Tempel oder eher dem Modell eines Tempels der eigentliche Grabstein. Seine Fläche ist durch einen rechteckigen unteren Teil, einen rundbögigen Durchbruch in der Mitte und eine darüber verlaufende Bordüre aufgeteilt. Den Abschluß bildet ein auf einem Kranzgesims deutlich überstehendes Dach mit gleich zwei dreieckigen Giebeln, die durch halb- und viertelkreisförmige Elemente verbunden sind.

So klar und streng wie der Aufbau sind die weiteren schmückenden Reliefs. An den Schmalseiten sind oben Kränze und unten zum Kreis gewordene Schlangen, die sich in den eigenen Schwanz beißen, und nach unten zeigende Fackeln.

An der Rückseite sind oben gekreuzte Ährenbündel und unten Palmwedel. An der Vorderseite ist oben auf einem Sims über dem Rundbogen ein über einer Urne kniender Engel und beidseits von ihm Kränze. Die übrigen Flächen neben dem Boden sind den Inschriften vorbehalten. Vorne sind ausführlich die Verstorbenen aufgeführt, wobei interessant ist, daß Martha Jansche zwölf Jahre alt war, als sie den einundzwanzigjährigen Gutsbesitzerssohn Gottlieb Scholze heiratete.

„Hier ruhet
Hr. Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
Brauberechtigter Bürger
in Zittau
sowie auch Landtags-Deputirter
geboren in Reichenau
den [?] Febr. 1777
gestorben in Zittau
den [?] 1857“
„Hier ruhet
an der Seite ihres Gatten
die vorangegangene
Fr. Martha [?] Elisabeth
Scholze geb. Jansche[?]
Sie ward gebor. zu Reichenau
den 15. Octbr. 1786
verehelicht den [?] Nov. 1798 mit
Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
und starb den 7. Novbr. 1855
Sie zeugten in 57 jähr. Ehe 7 Kind
als 2 Söhne und 5 Töchter
davon sind ihnen 2 Söhne und 1 Tochter
durch den Tod in die Ewigkeit
vorangegangen.“
Während das aus heutiger Sicht sehr fremd wirkt, enthält das lange Gedicht auf der Rückseite, das vielleicht eigens für das Grab geschrieben wurde, romantische Vorstellungen, die uns deutlich näher sein mögen.

„Nach manchen schwülen Lebenstagen
Labt Dich die kühle Schlummernacht
Nun schweiget deiner Sehnsucht Klage
Nun ist Dein Leidenskampf vollbracht
Darum gönnen wir Dir deinen Frieden
Ein schöner Trost ist uns beschieden
Du wandelst dort in höhern Licht
Du stirbst in unsern Herzen nicht.
Nicht kennen kann der Tod die Herzen
Die treu und fest das Leben band
Sie folgen nach der Erde Schmerzen
Sich in das ew’ge Friedensband
Und liebend wie sie heimgegangen
Hält hier ein Grabmahl sie umschlangen
Dort jauchzen sie in Morgenroht
Die Liebe kennet nicht der Tod
Wir meinen nicht, daß er von uns geschieden
Er floh des irdschen Lebens flücht‘gen Tand
Der Tugend schönster Lohn war ihm beschieden
In jenem ew‘gen bessern Friedensland
Denn thatenreich und edel war sein Leben
Das gute Herz geöffnet fremdem Leid
Und rein und lauter seines Geistes Streben
Und Wohlthun sein höchste Seligkeit
Wer so gelebt, der ist uns nicht
gestorben.
Ob auch geendet seines Lebens
Traum
Sein Name hat Unsterblichkeit
erworben
Lebt fort in unres Herzens
tiefstem Raum.“
Das Entscheidende an dem Grabstein ist aber nicht die steinerne Fläche, sondern ihre Lücke, der rundbögige Durchbruch. Steht man davor, sieht man durch ihn nur etwas links die beiden Türme der Johanniskirche.

Die Öffnung in der Mitte, die man für ein interessantes, aber beliebiges Gestaltungselement halten könnte, verbindet das Grab mit der Kirche, den Friedhof mit der Stadt. Die Kirche, damals ein Neubau, wird durch den Blick zum Teil des Grabs, zu seiner Mitte gar. Dadurch gewinnt nicht nur das Grab, sondern auch die Kirche, deren monumentaler Klassizismus durch den Rahmen des weit filigraneren, menschlicheren Klassizismus beinahe schön wird.

Das zweite Grab, das um seine Umgebung weiß, ist das der Familie Domschke. Es liegt eigentlich schon am Fuße des Hangs, aber der separierte Raum, den es bildet, gehört noch ganz zu dessen Terassensystem.

Zuerst sieht man zwischen dem Rhododendron eine große Skulptur, die eine schlanke Männergestalt in einem langen GEwand zeigt. Den rechten Arm hat sie mit geöffneter Handfläche leicht nach oben vorgestreckt, während die linke Hand nach unten weist. Das Gesicht ist dabei so ernst und streng wie die gesamte Skulptur wirkt. Was sie zeigen soll, ist nicht klar, aber etwas eindeutig Religiöses ist es nicht, eher vielleicht etwas Antikes und ob der Gestik kann man auch Assoziationen mit einem Verkehrspolizisten schwer vermeiden.

Als nächstes sieht man den Namen Domschke, der auf einem niedrigen Mäuerchen weit vor der Skulptur steht. Zur antiken Würde der Skulptur will dieser irgendwie gewöhnliche, irgendwie slawische, irgendwie sächsische Name nicht passen, auch wenn er sich mit seinen großen kupfernen Buchstaben in schnörkelloser Schriftart, die wirklich auf dem Mäuerchen stehen und durch die man aufs Grün des Grabs blickt, sehr darum bemüht.

Der Namenszug ist schon mit weniger auffälligen Teilen der Grabanlage verbunden. Vom Hang links kommt das Mäuerchen mit Schieferverkleidung und Betonsims heran und wird für die Buchstaben eine Stufe niedriger. Das E von DOMSCHKE setzt sich als schmaler kupferner Streifen fort, der kurz darauf, da das Mäuerchen in einer abgerundeten Ecke noch eine Stufe tiefer wird, ein freischwebendes Geländer bildet. Noch vor der nächsten abgerundeten Ecke verschwindet das Mäuerchen ganz und wein niedrigeres Geländer läuft alleine weiter.

Vor der Skulptur und parallel zur Namensseite schließt es an den einfachen, an den Seiten niedrigeren und in der Mitte höheren Grabstein an, biegt danach um noch eine abgerundete Ecke und endet, kurz bevor es mit dem Mäuerchen eine rechteckige Fläche umschließen würde, in einem kleinen kupfernen Kreuz.

So führt das Mäuerchen über den Namen und das aus ihm erwachsende Geländer in einer Art Spiralform in die Grabanlage hinein. An der rechten Seite gab es eine kleine Pforte und links hinten im Hang steht eine große, von abgerundetem Beton gefaßte Bank mit hölzerner Sitzfläche.

Der eigentliche Grabstein nun ist eingebettet in den von Mauer und Geländer umgebenen Bereichs, zwischen Name und Skulptur. In der Mitte ist ein schmales Bronzerelief, das eine flache Schale zeigt, die von unten zwei Hände halten, während oben zwischen vier kleinen Sternen Rauch aufsteigt. Darum stehen in Schwarz die Vornamen der Familienmitglieder, allesamt Doppelnamen.

Den Anfang macht 1932 Alma-Hulda, auf wann das Grab Domschke also zu datieren ist, den Abschluß 2002 Gisela-Ute, der der gute Erhaltungszustand zu verdanken ist. Zwar versinkt es gleichsam im Rhododendron, der Grabstein ist zwischen Efeu auf dem Boden und verschiedenen Pflanzen fast versteckt, aber das wirkt geplant, nicht verwahrlost.

Das Grab lebt vom Kontrast zwischen der Monumentalität der Skulptur und den viel intimeren Elementen im Inneren, dem Kontrast zwischen dem Wunsch, von weither gesehen zu werden, und der der Verweigerung, jemanden zu schnell und zu leicht in seine Nähe zu lassen, dem Kontrast zwischen Öffentlichem und Privatem mithin. Überall wäre solch ein Grab ein bemerkenswertes Ensemble, aber hier, an den verwinkelten Hang des Zittauer Friedhofs, paßt es so wirklich. Gewiß ist das kein Zufall und wer es gestaltete wußte, daß er mit ihm geplant fortsetzte, was diesen Teil des Friedhofs seit jeher zufällig ausgezeichnet hatte.

Beide Grabmäler, das von 1855  und das von 1932, zeigen, daß Friedhofsarchitektur weit mehr als ein Stein mit irgendwelchen Aufschriften und Verzierungen sein kann. Die schöne Lage des Zittauer Friedhofs wird noch schöner, wenn sie so bewußt architektonisch ausgenutzt wird.

Die Architekturen des Abts

Es genügt nicht, etwas einmal, zweimal zu sehen, man muß alles tausendmal sehen. Der Pałac Opatów (Äbtepalast) in Oliwa in Gdańsk etwa. Ein Blick zeigt ein schlichtes und leichtes Barockschloß, Teil des Ensembles mit Kirche und Park, aber vielleicht weniger bedeutend als diese.

Ein zweiter Blick kann ihm Geheimnisse entlocken, die keine sind, und ihn nicht als Teil, sondern als Mittelpunkt eines viel ungewöhnlicheren Ensembles, in dem ihm auch die Kirche als Seitenflügel untergeordnet ist, zu erkennen geben.

Aber das ist nicht alles. Ungezählte weitere Blicke sind nötig und wenn auch die meisten nichts Neues zu zeigen scheinen, sind sie alle unendlich wichtig. Vielleicht gibt es dann einen Moment, wo das Sonnenlicht wie ein Scheinwerfer genau das mittlere Relief unter dem Giebel an der Hofseite anstrahlt und das zuvor ruhende Gebäude in Bewegung gerät als sei ein Windstoß in einen Baum gefahren.

Denn der Äbtepalast ist ja ein vegetales Gebäude. Sein später Barock, den man gut Rokoko nennen kann, ist Befreiung sowohl für die Konstruktion als auch für das Ornament. Erstere muß nichts mehr vortäuschen, braucht keine Säulen mehr an unsinnigen Stellen, kann sich darauf beschränken, Räume zu umschließen und mit vielen großen Fenstern nach außen zu öffnen. Zweiteres kann die entstehenden Wandflächen als Leinwände benutzen.

Es ist eine relative Befreiung, denn die Konstruktion muß den strengen, nur in den glücklichsten Fällen gebrochenen Symmetrieansprüchen des Barocks genügen und das Ornament muß noch so tun, als sei es Kapitell eines Pilasters oder Schlußstein eines Fensterbogens. Aber es kann sich mit Andeutungen begnügen und ansonsten machen, was es will.

Alle Ornamente sind floral, als seien über die schmucklose Fassade Ranken gewachsen, die ganz zufällig an den Stellen der Kapitelle herunterhängen. Entsprechend gleichen sich alle der Ornamente sehr, doch keines ist ganz mit dem anderen identisch. Bei den Kapitellen ist jeweils ein großes, entfernt blattartiges Element, von dem filigran geschwungene Rankenformen nach unten führen, der mittlere Teil jeweils am weitesten.

Bei den Bögen über den Fenstern wachsen die schlanken Formen in der Mitte zu einer dickeren zusammen, aber sie treffen sich nie ganz, immer weicht ein Teil aus, steigt im brüsken Schwung auf, als solle kein Zweifel daran gelassen werden, daß hier keinerlei Funktion erfüllt wird.

Wie bei einem Vexierbild kann man beim Palast in Oliwa entweder die klare Konstruktion sehen oder die ihr aufgesetzten Ornamente, die nicht behaupten, mehr mit ihr zu tun zu haben als Schlingpflanzen mit den Gebäuden, über die sie wachsen. So raschelt der Palast im Wind wie der Park, in dem er steht. Aber das erwähnte Spotlight der Sonne zeigt noch etwas anderes. Dort oben unter dem Giebel und im Abschluß der drei Fensterreihen sind drei schmale horizontale Flächen, in denen die Ornamente weder Kapitell noch Schlußstein spielen müssen in wenn auch noch so ironischem und durchschaubarem Spiel, sondern wirklich wie auf einer Leinwand sind. Auf den ersten, zweiten und wohlmöglich auch tausendsten Blick sind sie dennoch bloß floral wie alle übrigen. Erst ein zufälliger Blick auf eine durch die Zufälligkeiten des Lichts herausgehobene Fläche zeigt die Wahrheit: dort sind Architekturszenen.

In der linken Fläche wird ein Tempel mit runden Bögen aus dem Hintergrund links zur Mitte hin größer, dann folgt ein Füllhorn, aus dem lange Blätter wachsen und weitere unklarere Formen.

In der rechten Fläche sind mittig und rechts zwei steinerne Rundbögen, davor eine geschwungene horizontale Form, die ein Geländer oder ahistorisch eine Eisenbahnschiene sein könnte, und im Hintergrund palmenartige Blätter.

In der mittleren, der illuminierten Fläche sind in der Mitte ein runder Turm mit Kuppelhaube über einem großen rundbögigen Tor, links eine Palme und rechts ein weiterer Turm mit abgebrochener Haube.

Diese ganz einfachen und doch deutlichen Szenen erwachsen aus einer Grundfläche und sind immer mit vegetalen Formen verwoben. Es sind zweifelsohne Ruinenlandschaften, überwucherte einst stolze Gebäude, römisch, antik. Die antiken Formen, von denen das Gebäude bereits frei ist, wurden in einem wunderbaren Einfall in diese drei Flächen ausgelagert. Statt Antikes nachahmen zu müssen, darf die Ornamentik Antikes darstellen und damit aufhören, Ornamentik zu sein. Es ist kein Zufall, daß diese Szenen an der privateren Hofseite zu finden sind; in den entsprechenden Flächen an der Parkseite sind tatsächlich nur Ornamente.

Überhaupt ist die Hofseite die weit radikalere. Nur der mittlere Teil hat überhaupt Ornamente und auch das nur bei den Kapitellen, sonst liegt die Konstruktion in äußerster Schlichtheit frei, wobei das auch dem Wiederaufbau in den Sechzigern geschuldet sein kann.

Es ist daher traurig, daß das sandsteinerne Portal der konventionellste Teil des ganzen Palasts ist.

Es hat Pilaster, immerhin mit Blätterkapitellen, einen Giebel, immerhin gebrochen aus geschwungenen Teilen um ein Fenster, und im Schlußstein des runden Bogens ein Engelsgesicht, das nicht nur von niedrigster künstlerischer Qualität ist, sondern auch noch empörenderweise nahelegt, dieses für den Abt Jacek Rybiński errichtete Gebäude habe etwas mit Religion zu tun. Aber innerhalb dieses großen Ensembles, der letzten Tat eines katholischen polnischen Kirchenfürsten bevor sein Land an die protestantische deutsche Krone Preußens kam, wird solch ein Gedanke schnell absurd, ja, kommt auch bei tausend Blicken gar nicht auf.

Die Verhöhnung der Zaaner Architektur

In Zaandam, dem größten Ort an der Zaan nördlich von Amsterdam, kann man wie beschrieben noch einige Beispiele der traditionellen Architektur dieser Gegend, kleine Häuschen mit grünen Holzgiebeln, sehen.

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Aber genausogut kann man sie übersehen, da es in diesem industrialisiertesten und städtischsten Teil der Zaanstreek (Zaangegend) auch vieles andere gibt. Was man dafür auf jeden Fall bemerken wird, wenn man einmal im Zentrum von Zaandam war oder auch nur im Zug daran vorbeifuhr, ist die Verhöhnung dieser Architektur.

Entlang der Bahnstrecke, direkt neben dem Bahnhof stehen drei riesige grüngieblige Zaaner Häuser. Die Formen sind jeweils unterschiedlich abstrahiert, aber die Farbe und die Dreiecksgiebel lassen keinen Zweifel daran, was hier gemeint ist. Aber es sind keine traditionellen Zaaner Häuser, es sind die Quertrakte eines achtgeschossigen Verwaltungsgebäudes, zwischen dessen Stützen ein Busbahnhof ist.

Wenn man den Bahnhof verläßt, tritt man auf eine kleine Straße voller Zaaner Häuschen, typisch zweigeschossig, mit Holz und Giebelchen. Die Straße verläuft leicht gebogen und abschüssig, rechts ist ein schmaler Wasserlauf.

Aber es ist keine kleine Straße mit Zaaner Häuschen, es ist eine Terrassenebene mit Ladenzeilen über einer großen Straße.

Am Ende der Straße sind rechts viele Zaaner Häuschen übereinandergestapelt. Manche ragen etwas hervor, manche sind ineinander gesetzt, die Giebelchen sind jeweils unterschiedlich, von den einfachsten aus dem 17. Jahrhundert über barocke und klassizistische findet man alle Varianten. Aber es sind keine übereinandergestapelten Zaaner Häuschen, es ist ein zwölfgeschossiges Hotelhochhaus.

Wurden zuvor die Formen der Architektur an der Zaan aufgegriffen oder originalgetreu nachgeahmt, so werden hier die einzelnen Häuschen selbst zu Dekorationselementen eines anderen Gebäudes.

Danach beruhigt sich die Ornamentik etwas. Die Terrassenebene führt noch immer leicht abschüssig über ein Wasserbassin. Seitlich rechts noch weitere einfache grüne Dreiecksgiebel und im Hintergrund ein weiteres Hochhaus, das mit angedeuteten Treppengiebeln in angedeutetem Backstein gerade nicht Zaaner, sondern anderweitig niederländische Formen müde nachahmt. Das ockerfarbene Kino rechts und das weiße Wohngebäude links könnten dann auch überall anders sein.

Die Terrassenebene verläuft zwischen ihnen beidseits eines aus dem Bassin entspringenden Kanals. Zu ihr und zum Ufer öffnen sich aus den rahmenden Gebäuden Geschäfte. Links führt die Terrassenebene schließlich als sanfte Rampe auf die ebene Erde herab, während sie rechts vorher endet.

Hier beginnt die Haupteinkaufsstraße von Zaandam, die Gedempte Gracht. Der Straßenname wäre etwa mit Aufgefüllter Kanal zu übersetzen, doch in der Mitte verläuft vielfach überbrückt weiter der genannte Kanal, der, 1858 zugeschüttet, 2011 neu angelegt wurde. Nicht nur die Gebäude, auch der städtische Raum selbst ahmen vergangene Zeiten nach.

Die Bebauung der Straße ist niedrig und vermischt, nicht anders als in anderen niederländischen Städten.

Auf der rechten Seite hat sich ein einziges traditionelles Zaaner Haus aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Nachahmungen aber stehen als Imbißpavillons in der Mitte der Straße und einige Geschäfte, etwa C&A, haben Fassaden in monströs vergrößerten Zaaner Formen.

Vor allem weiterem, was zum Zentrum von Zaandam zu sagen ist, muß eingestanden sein: Es ist etwas Besonderes. Es ist etwas Auffälliges. Es ist etwas, das man nur im Vorbeifahren gesehen haben muß, um nicht glauben zu können, daß es so etwas gibt. Dieser seit 2003 umgesetze Bebauungsplan mit dem Namen „Inverdan“  hat eine Idee und eine Stringenz. Gleich darauf muß aber gesagt sein: Es ist lächerlich. Es ist eine Verirrung. Es ist reaktionär. Wie „inverdan“  ein altes Wort des Zaaner Dialekts mit der Bedeutung „von der Bebauung zurückgesetzt“ ist, so ist der so benannte Plan ein Schritt zurück. Ein solcher Bezug auf traditionelle Architektur der Region ehrt sie nicht, sondern verhöhnt sie. Gewiß waren auch die echten Zaaner Häuschen potemkinsch und etwas lächerlich, aber sie waren zugleich Ausdruck einer volkstümlichen Kreativität. Sie hatten einen Sinn. Die Fassaden eines Verwaltungsgebäudes, einer Ladenzeile, eines Hotels, eines Kaufhauses als Zaaner Häuschen zu verkleiden, ist bloß beliebig, egal, ob es in Zaandam oder wo auch immer geschieht.

Anhaben kann die Verhöhnung der Zaaner Architektur wenig. Der beste Weg durch die Zaanstreek verläuft daher entgegen den amsterdamzentrischen Touristenrouten von Norden entlang der Westseite der Zaan nach Zaandam. Nachdem man die echten Zaaner Häuschen gesehen hat, kann man sie am Bahnhof in Form des bizarren Hotelhochhauses in- und aufeinandergestapelt sehen. Die verhöhnende Architektur des Zentrums von Zaandam entlarvt sich so im besten Falle selbst.

Trotz alldem kann man das Zentrum nicht einfach abtun. Unabhängig von den gewählten Dekorationsformen ist es ein durchaus gelungener städtischer Raum.

Man kann dort sogar Anklänge an einige der besten fortschrittlichen Komplexe finden. Zwei Einkaufsebenen unter freiem Himmel, dahinter Wohnbebauung – was ist das anderes als das Frankfurter Nordwestzentrum? Ein großer Teich, ein Wasserfall neben einer Rolltreppe – was ist das anderes als der Londoner Barbican?

Ein Busbahnhof unter einem aufgestützten Gebäude, überbrückte Straßen, Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr – alles fortschrittliche Aspekte. Gewiß wären mehr nichtkommerzielle Freiräume und bessere Wege in die Umgebung wünschenswert, aber als Tor in die Stadt, als Verbindung zwischen Bahnhof und Einkaufsstraße, ist das nicht schlecht.

Unter den reaktionären Formen versteckt sich in Zaandam ein recht fortschrittlicher Raum. Das entschuldigt diese Formen nicht, zeigt aber, daß man hinter sie schauen muß. Das hat das Zaandamer Zentrum dann wieder mit den Zaaner Häuschen gemein. Doch während die sich auf originelle Weise versteckten, weil sie eben nichts anderes hatten, ist es bedauerlich, daß unsere Zeit, die so viel hat, glaubt, sich verstecken zu müssen.

Eine Villa für Lachse

Lachstreppe – bei diesem Wort denkt man an irgendwelches Ökozeug, da wird den armen Fischen geholfen, ihren Weg zu finden, wie lieb. Was man sich eher nicht vorstellt, ist die konkrete Architektur einer solchen Treppe. Der Anblick einer echten Laxtrappa (Lachstreppe) in Nyköping zerstört dann rasch alle Ökoromantik und erinnert daran, daß Lachsen den Zugang zu ihren Laichplätzen zu erhalten, keine abstrakt altruistische, sondern eine konkret wirtschaftliche Frage ist, da Lachs gerade in Skandinavien ein wichtiges Lebensmittel ist.

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Weil der Storhusfallet – steile, wasserfallartige Stromschnellen in einer Biegung des Nyköpingsån (Nyköpingflusses) – im Zentrum der Stadt mit Schleußen reguliert ist und den flußaufwärts ziehenden Lachsen also der Weg versperrt, wurde 1984 am Rande diese Lachstreppe gebaut – aus Beton. Zuerst zweigt sie schräg vom Fels der Stromschnellen ab, führt kurz nach hinten hinauf und steigt schließlich entlang dem Ufer nach vorne hin an, um mit einem kleinen Becken in den höheren und sehr stillen weiteren Lauf des Flusses zu münden.

Ganz wie der Name sagt ist diese Konstruktion eine Treppe. Sie hat regelmäßige Stufen und schmale, aber feste Wände aus Beton. Das Wasser schäumt sich in ihr fast noch mehr als über den Steinen daneben, schwappt auch über den Rand des oberen Beckens. Es ist eine Architektur für Lachse, zweckmäßig und schön.

Wie der Beton in den Fels gesetzt ist, seine klaren eckigen Formen auf dessen vom Wasser abgerundeten, dieser Kontrast zwischen Gebautem und Natur, weckt unweigerlich Assoziationen mit kalifornischen Villen der Fünfziger, Sechziger, die man nur aus James-Bond-Filmen kennt und kennen kann. Mitten in der schwedischen Kleinstadt, an ihrer unwahrscheinlichsten Stelle, entstehen so Bilder ganz anderer Welten. Durch ihre Funktion wie durch ihre Schönheit dient auch die Lachstreppe ganz dem Menschen.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Kostelec u Jihlavy

In Kostelec u Jihlavy (Kostelec bei Jihlava) stehen zwei Bahnhöfe nebeneinander: ein alter österreichischer und ein neuer tschechoslowakischer. Das ist ungewöhnlich, denn üblicherweise baute die sozialistische Tschechoslowakei alte Bahnhöfe um, erweiterte sie oder ersetze sie gleich ganz. Hier aber steht der eine Bahnhof einfach neben dem anderen und wenn man sie einzeln auf Bildern sähe, würde man sicher nicht ahnen, daß sie irgendeinen Bezug zueinander haben.

 

Wenn man den Namen bemerkte, könnte man annehmen, daß das eine den alten Bahnhof zeigt und das andere den neuen, der an seine Stelle getreten ist. Betrachtet man die Bahnhöfe so nebeneinander, wird zuerst deutlich, daß beide typisch für die Architektur ihrer Zeit sind.

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Der alte Bahnhof ist ein Standardtyp der Strecke von Jihlava Richtung České Budějovice. Ein zweigeschossiger Bau mit hohem Mansarddach, in das in der Mitte quer ein zweites gesetzt ist, und unten einem Vordach zwischen zwei seitlichen Flachbauten. Auch die üblichen tschechoslowakischen Ergänzungen, ein blaues Bahnhofsschild, eine Gedenktafel für den von den Deutschen ermordeten Eisenbahner Václav Frantál und eine große quadratische Uhr, die auf der einen Seite sogar richtig geht, fehlen nicht.

Der neue Bahnhof hat den typischen Aufbau vieler tschechoslowakischer Bahnhöfe. Links ein zweigeschossiges Gebäude und rechts ein Flachbau, der hier recht hoch ist. Beide Teile haben unten einen Streifen mit rotbraunen Kacheln und darüber grauen Putz. Um das Dach des Flachbaus läuft außerdem ein Streifen mit vertikal geriffelter silberner Metallverkleidung und zum Bahnsteig hin steht ein Wellblechdach auf vier dünnen gelben Stahlträgern hervor.

Der zweigeschossige Teil ist vor allem die Wohnstätte des Stationsvorstehers, dessen Diensträume mit vorgesetztem Teil vorne im Flachbau sind. An der rechten Seite ist ein offener Bereich mit zwei eckigen Stützen, der sich um die Gebäudeecke, wo die Toiletten sind, bis zum verglasten Eingang des Warteraums zieht. Dieser ist nicht besonders groß, hat aber eine große Fensterfläche zur bahnsteigabgewandten Seite.

Auf dem Boden sind wie schon im offenen Bereich rote Fließen mit je zwei abgerundeten Formen aus mehreren parallelen Linien, die zwischen zwei der Seiten verlaufen und einander in der Mitte fast berühren. Für sich genommen ist das einfach ein Ornament, aber zusammengefügt ergeben sie lange und vielfältige geschwungene Muster, die ob des Orts sogleich an Eisenbahnstrecken denken lassen.

Ungewöhnlich für einen Bahnhof dieser Größe ist der Tunnel, der von einer Treppe unter dem Vordach bis zum zweiten Bahnsteig führt. Sowohl die Umrandung der Treppenöffnungen als auch die Tunnelwände sind mit kleinen quadratischen Kacheln in einem gelblichen Grün verkleidet. Über der Treppen und einen weiteren Teil des zweiten Bahnsteigs legt sich ein Dach aus roten stählernen T-Stützen und gelbem Wellblech.

So wirkt der Bahnhof, als sei er für viel größeren Betrieb, als dort je herrscht, für die nie eingetretene Zukunft, bereit.

Wie in tschechoslowakischen Bahnhöfen traditionell üblich gibt es reichlich Blumen und Pflanzen.

Sie sind zwischen den geschlossenen Schaltern, wo deren steinernes Pult zur spitz in den Raum ragenden Fläche wird, unter der hinter silberner Verkleidung eine Heizung ist, in runden Bottichen in Metallständern auf den Bahnsteigen und auf dem Dach des Flachbaus vor den Fenstern der Wohnung, wo somit eine begrünte Dachterrasse entsteht.

Eine Grünanlage ist selbstverständlich auch zwischen den beiden Bahnhöfen.

Vielleicht ist es nur Zufall, daß die beiden Bahnhöfe hier Seite an Seite stehen, vielleicht gehören solche Nebeneinander aber auch zum Genius Loci von Kostelec u Jihlavy. So besteht die namensgebende Kirche (kostel heißt Kirche, das –ec könnte ein alter Diminutiv sein) ebenfalls aus einem älteren und einem neueren Teil. Der ältere ist gotisch, niedrig, aber recht lang, hat tief in den dicken Wänden liegende spitzbögige Fenster und ein zierliches Portal mit aus dem Stein gehauenen Säulen.

Der neue ist barock und auf beinahe quadratischem Grundriß deutlich höher.

Fast ist er vor allem ein Turm, der seinen Giebel und den eigentlichen hölzernen Turmaufsatz mit fließend aufsteigenden Wölbungen der Umgebung entgegenstreckt, wobei ersterer heute von einem Baum verdeckt ist. Anders als die Bahnhöfe sind die Kirchen jedoch baulich und durch ihren weißen Putz verbunden. Ein weiteres Nebeneinander ist das des Orts und seines bekanntesten, größten und einzigen Betriebs, der Fleischhersteller Kostelecké Uzeniny, der deutlich abseits liegt.

Links der Ort, rechts der Betrieb

Bei den Bahnhöfen jedenfalls ist es gut, daß sie nebeneinander stehen, denn im direkten Vergleich sieht man schön, wie viel freier und schöner die fortschrittliche Architektur des tschechoslowakischen Sozialismus ist als die der k.u.k Monarchie.