Archiv der Kategorie: Orte

Bahnhof Słupsk

Der Bahnhof von Słupsk im Nordwesten Polens unweit der Küste ist ein gelungenes Gebäude aus der PRL (Volksrepublik Polen), obwohl er erst 1991 eröffnet wurde.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Der etwa zweigeschossige Hallenbau hat im Obergeschoß sowohl zu den Gleisen als auch zur Stadt dicht an dicht vorgesetzte trapezförmige Erker mit leicht ansteigenden Böden und Dächern und hellbraungrüner Kunststoffverkleidung.

Links schließt quer ein fünfgeschossiger Bürotrakt mit derselben Verkleidung unter den Fensterbändern, der neben dem Bahnhof auf der Stadtseite aufgestützt ist, an. Am rechten Rand des Hallendachs steht in einer Leuchtschrift, bei der die Buchstaben aus jeweils fünf Linien gebildet sind, der Stadtname: Słupsk.

Die große Halle im Inneren hat ein zur Stadtseite leicht ansteigendes Dach mit in dieser Richtung angeordneten Verkleidungsstreifen, die von der Seite zur Mitte dunkelgrüne, hellgrüne, dunkelgelbe und hellgelbe Abschnitte bilden, wobei am Übergang immer schon zwei Streifen der folgenden Farbe eingemischt sind.

Leider ist die Halle jedoch zu dunkel, da es zu wenige Fensterflächen gibt und auch von den in quadratischen Öffnungen eingelassenen runden Lichtern in der Decke immer nur zu wenige angeschaltet sind. Im stadtseitigen Obergeschoß ist links ein langgestreckter Bereich mit Fenstern, in dem wohl ein Restaurant war, und rechts eine Galerie, zu der an der rechten Wand eine Treppe führt, während sich kurz vor der Mitte eine Brücke zur anderen Hallenseite spannt. Eine große Treppe führt in der Mitte der Stadtseite in einen Tunnel, von dem die Bahnsteige erschlossen werden.

Das alles ist gelungen, aber nicht in außergewöhnlichem Maße und verdiente es eigentlich noch nicht, daß man viele Worte darüber verliert. Das Wichtigste am Bahnhof Słupsk findet man dann ungewöhnlicherweise auf den Bahnsteigen. Auch sie wurden in der sozialistischen Zeit neugestaltet, so daß sich über sie nach außen ansteigende Dächer auf mittigen blauen Stahlstützen spannen. Wie schon die Unterführung mit hellgrauem vertikalen Wellblech verkleidet ist, so sind auch die Geländer um die Treppenöffnungen schmale Wellblechkästen, die unten auf kaum sichtbaren Stützen ruhen und an ihren Enden nach unten und vorne abgeschrägt sind, was ihnen eine Stromlinienform gibt, die den meisten dort haltenden Zügen fehlte und fehlt.

Doch auf den beiden neugestalteten Bahnsteigen, unter den Vordächern und nicht weit von den Geländern, verblieben die kleinen Häuschen der alten Bahnsteige mit braun-beiger Kachelverkleidung in einem einfachen Fachwerk, abgerundeten Ecken, rundbögigen Fenstern und ornamentalen Holzelementen unter dem Dach.

Der Kontrast zwischen Alt und Neu ist groß, nichts vermittelt zwischen ihnen. Die aus der wilhelminischen Bahnhofsarchitektur übriggebliebenen Häuschen wirken wie antike Möbelstücke in einer modernen Wohnung. Sie sind ausgestellt und aufgehoben. Der neue Bahnhof zitiert in ihnen seine Geschichte.

Daß der Erhalt der beiden Häuschen kein Zufall, sondern eine bewußte Entscheidung war, sieht man daran, daß an den wellblechverkleideten Wänden der zu den Bahnsteigen führenden Treppen hölzerne Handläufe mit abgerundetem Profil und abschließenden nach innen geschwungenen Voluten hängen.

Sie sind dennoch recht schlicht, man kann sie übersehen, der Kontrast ist gering. Nicht zuletzt der Vergleich mit den ebenfalls hölzernen, aber in einem unregelmäßig spitzen Trapez endenden Handläufen der Treppe zur Halle spricht dafür, daß auch diese Handläufe der Bahnsteigtreppen aus dem alten Bahnhof übernommen wurden.

 

Durch diese wohlgewählten Zitate des Alten inmitten des selbstbewußten Neuen wird der Słupsker Bahnhof so doch noch außergewöhnlich.

Werbeanzeigen

Nepomuker Kirchen

Eine der beiden Kirchen in Nepomuk heißt naheliegenderweise nach Johannes von Nepomuk. Es ist jedoch die zweite und weniger wichtige, während die erste nicht nach ihm heißen kann, weil es sie schon gab, als der Ort noch Pomuk hieß und von seinem Heiligen nichts ahnte. Die zweite hieß ursprünglich, als Johannes von Nepomuk zwar schon als Heiliger verehrt wurde, aber offiziell noch keiner war, nach einem anderen Johannes (dem Täufer), nannte Ioanis Nepomuceni aber bereits im lateinischen Text über dem erhaltenen Portal und versuchte auch sonst nicht zu verheimlichen, daß sie nur seinetwegen und an der mutmaßlichen Stelle seiner Geburt errichtet wurde.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

In ihrer gegenwärtigen Form ist die zweite Kirche ein riesiger barocker Bau von 1738, der auch heute noch in jeder Hinsicht aus den bestenfalls zweigeschossigen Häusern des Städtchens herausragt.

Insbesondere hat sie eine breite und hohe Vorderseite, was dadurch erreicht wird, daß die beiden quadratischen Türme direkt an den Eingangstrakt anschließen und mit ihm eine massive Mauerfläche bilden, bevor sie erst ganz oben als Türme überhaupt wahrnehmbar werden. Der eigentliche Kirchenbau wirkt dahinter geradezu mickrig. Viel mehr, als daß sie eben groß ist, läßt sich zur Kostel Jana Nepomuckého (Johannes-von-Nepomuk-Kirche) auch nicht sagen. Von den großartigen, mit der Zahl fünf und allen anderen Attributen des Heiligen spielenden Nepomukskirchen späterer Jahrzehnte ist sie weit entfernt.

Die Stadt Nepomuk versuchte der Kirche erst spät mit dem kitschigen Gebäude links daneben oder dem gotisierenden Verwaltungsbau weiter oben am rechts ansteigenden Platz etwas entgegenzusetzen. Während diese historistische Architektur des Kapitalismus so dumm war, sich in der Größe mit der Kirche messen zu wollen, war der Sozialismus wie so oft viel subtiler: er baute direkt rechts daneben das Nákupní středisko Úslava (Einkaufszentrum Úslava). Quer zur Kirche ragt es L-förmig in den Platz hinein, ein erst zwei- dann dreigeschossiger Bau mit schrägen roten Dächern.

Können diese historisierend verstanden werden, so ist es mit hellem Putz, Kachelverkleidung in verschiedenen Braun- und Rottönen und vorgesetzter Terrasse mit Betonhochbeeten doch zweifelsohne ein selbstbewußter Bau seiner Zeit. Es ist weit kleiner und niedriger als die Kirche, aber man kann sie vom Platz aus nicht sehen, ohne es ebenfalls zu sehen. In silbernen Metallbuchstaben samt Wellenform, die den Fluß Úslava repräsentiert, liest man den Namen des Nákupní středisko also auf dem Platz in Nepomuk noch bevor man den Namen Jan/Ioanis/Johannes etc. liest und man kann bei coop Jednota einkaufen statt in die Kirche zu gehen.

Die erste der Nepomuker Kirchen heißt nach dem heiligen Jakob und steht in völlig anderem oder vielleicht vielmehr gar keinem Verhältnis zur Stadt, da sie sich ganz an ihrem Rande befindet. Vom Platz und der zweiten Kirche her steigt der Hang zu ihr sanft, fast unmerklich an, während er hinter, ja, neben ihr schroff abfällt. Es ist von dieser Seite, von außerhalb Nepomuks, daß sich die Kirche auf charakteristischste Weise zeigt. Sie steht auf dem kleinen Plateau eines steilen Hügels, dem schon an der Ecke zur neben ihm hinaufführenden Straße durch mächtige Strebepfeiler die eingreifende Hand des Menschen anzusehen ist. Fast scheinen diese Strebepfeiler in denen des gotischen Kirchenbaus wieder aufgenommen.

Zum Ende des Plateaus, also zur Landschaft vor der Stadt, zeigt die Front der Kirche mit dem dreieckigen Giebel vor dem Satteldach des höchsten Teils, wobei weder dieser noch der spitzbögige Eingang besonders geschmückt sind.

An den Breitseiten sind niedrigere Seitenbauten mit abfallendem Pultdach, die wie der höhere Teil regelmäßige Strebepfeiler und eher kleine spitzbögige Fenster haben. An der straßenabgewandten Seite kommt noch ein großer und hoher rechteckiger Anbau mit entsprechend höheren Fenstern und Pfeilern hinzu, der den Kirchenraum beträchtlich vergrößert. Etwas niedriger, aber noch einmal etwa ebensogroß ist der Chor, der in einem eckigen Halbrund endet. Auch er hat Strebepfeiler, doch sie treten nach oben in drei Stufen zurück. Die erste reicht bis zu einer vorgesetzten Wand, nach der die spitzbögigen Fenster beginnen, die zweite bis zu deren Hälfte und die dritte bis fast zu ihrem Abschluß, wo noch ein schräger Teil zur Wand folgt. Und in der zweiten Stufe sind zur Wand hin niedrige spitzbögige Öffnungen.

Dadurch erst wird die Kostel Sv. Jakuba (Jakobskirche) zu etwas Besonderem. Die Öffnungen passen einerseits gut zur Gotik, die Wände aufzulösen und durchlässig zu machen trachtete, sind andererseits aber höchst ungewöhnlich. Um den Chor sind durch sie unzählige ungewöhnliche Durchblicke und es entsteht gleichsam ein erhöhter Arkadenumgang für Zwerge oder Tauben. Durch dunkelrote Umrandungen im hellen Putz sind sie wie die Fenster zudem besonders hervorgehoben.

Diese durchbrochenen Strebepfeiler allein würden genügen, den Chor, der eigentlich die Rückseite ist, zur Vorderseite der Kirche zu machen. Daß man überlegt, ob hier vielleicht spätere, barocke Eingriffe den gotischen Bau veränderten, liegt jedoch daran, daß direkt vor dem Chor, aber ohne ihn zu berühren, ein barocker Glockenturm steht.

Wenn bereits die Öffnungen der Strebepfeiler ungewöhnlich sind, so ist es der gleich einem italienischen Campanile freistehende Turm umso mehr.

Hier sieht man das Bemühen des Barock, die Kirche umzudrehen und der Stadt zuzuwenden. Kommt man von dort hinauf, sieht man erst einen gänzlich barocken Platz. In der Mitte der Turm auf quadratischem Grundriß, durch dorische Pilaster in zwei Abschnitte geteilt und mit hoher kupferner Haube, in der Mauer um das Plateau regelmäßige rundbögige Aufbauten, an der rechten Platzseite der große Bau des Dekanats mit zwei Geschossen und Walmdach, davor eine schlanke Säule mit dem heiligen Vojtěch, im Hintergrund das Schloß Zelená Hora.

Die eigentlich gotische Kirche ist hinter all dem also völlig versteckt. Vielleicht ist der Turm eine Art Versprechen, dahinter auch eine passende Kirche zu errichten. Vielleicht wurden dann, als dafür die Mittel fehlten oder man sie lieber für eine ganz neue Kirche unten in der Stadt verwendete, wenigstens die Strebepfeiler des Chors umgebaut. Wie so oft wäre es dann der Zufall, der das interessanteste Bauwerk schuf. Ebensogut ist möglich, daß es sich um eine neogotische Phantasie aus den 1850er Jahren handelt, als die 1786 aufgehobene Kirche wieder hergerichtet und bald darauf wieder geweiht wurde.

Wertvoller als die zwar einheitliche, aber bloß monumentale zweite Kirche ist die erste jedenfalls unzweifelhaft. Nach Johannes von Nepomuk heißen muß sie gar nicht, denn sie ist es, die er selbst noch betreten hat – obwohl er sie vielleicht nicht mehr wiedererkennen würde.

Gang durch einen fehlenden Park

Der Park Oliwski (Oliwaer Park) will zum Meer. Da das etwa dreieinhalb Kilometer entfernt ist, gelingt ihm das nicht, aber er will es zumindest, wie alle barocken Parks das Absolute wollen, die völlige Verwandlung und Ordnung der Welt. Seinen Willen zeigt er dadurch, daß seine zentrale Allee zwischen Wänden aus Bäumen erst in ein langes Bassin übergeht und gerade fortgesetzt bei Przymorze aufs Meer stieße.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Was der Park will, gelingt dem Potok Oliwski (Oliwaer Bach) ganz natürlich. In den Hügeln des Walds, an dessen Rand der Park liegt, entspringt er, dem Bassin leiht er sein Wasser und in Jelitkowo mündet er ins Meer, weshalb er auch Potok Jelitkowski (Jelitkowoer Bach) heißt.

Die Verbindung zwischen Wald und Meer durch einen Grünzug aber ist nicht nur eine barocke Wunschvorstellung, sondern eine städtebauliche Notwendigkeit. Sie müßte selbstverständlich dem Lauf des Bachs folgen und nicht etwa die barocke Allee fortsetzen. Die Schaffung einer solchen Verbindung ist so naheliegend wie wenige andere städtebauliche Fragen. Martin Kießling beschrieb es 1929 so: „Aus der Ferne sei nur für dieses Gebiet noch einmal die Mahnung gestattet, die Parkverbindung zwischen Oliva [Oliwa] und der See nicht zu vergessen, und nicht in den nie wieder gut zu machenden Fehler Zoppots [Sopots] zu verfallen, die Verbindung zwischen Wald und Seebad durch ein verworrenes Häusermeer zu verriegeln. Diese Verbindung, für die ja in Oliva durch den Glettkaubach [Potok Jelitkowski] […] alle Grundlagen gegeben sind, kann nicht breit genug sein.“ Kein Zweifel, daß folgende Generationen ganz ähnliche, nun polnische, Worte dafür fanden. Und es gibt diese Parkverbindung ja auch fast. In diesem „fast“ allerdings liegt das Problem. Dieses „fast“, das sind drei große Hindernisse, von denen 1929 noch wenige geahnt hätten.

Das erste und größte ist direkt am Rande des Parks die Aleja Grundwaldzka (Grunwald-Allee). Diese vierspurige Straße ist die wichtigste Verkehrsader und städtebauliche Geisel von Gdańsk und der gesamten Trójmiasto (Dreistadt). Beim Park Oliwski zerreißt sie die Verbindung zum nächsten Park, den es ja gibt, der gleich auf der anderen Straßenseite ist. Der Bach ist hier zu einem großen Teich erweitert, ringsherum stehen große Bäume und in der warmen Jahreszeit ist in der Mitte eine große Fontäne.

Um vom Park Oliwski aus dem Bach zu folgen, müßte man über einen Zaun klettern und über die Straße rennen oder geduckt durch einen langen Kanal waten.

Einzig gangbar ist ein zehn Minuten langer Umweg über drei Ampeln. Entsprechend sind an diesem Teich nie viele Menschen und wohl keine von diesen kamen aus dem gegenüberliegenden Park. Nur selten sieht man städtebauliche Möglichkeiten, nein, Zwangsläufigkeiten, so verschwendet. Um dieses Hindernis zu beseitigen, wäre mindesten ein neuer Parkausgang und eine neue Ampel nötig, obwohl es noch besser wäre, wenn die Straße hier aufgestützt geführt würde, um den Fußgängern ungebremsten Durchgang zu erlauben.

Auf der anderen Seite des Teichs fließt ein betongefaßter Wasserfall in einen kleineres Becken mit einem runden Inselchen, bevor der Bach seinen Lauf durch weitere Parklandschaft fortsetzt.

Bald folgt das zweite Hindernis: die Bahnstrecke. Während der Bach unter ihr hindurchfließen darf, ist der Fußgänger zu einem Weg entlang der Straße Pomorska gezwungen. Obwohl der Umweg nicht groß ist und man den Park nur kurz verlassen muß, wäre es unbedingt notwendig, den Fußgängern beidseits des Bachs Pfade unter der Bahnlinie zu schaffen, damit er, wie dieser fließt, zwischen Kleingärten und Hundeübungsplatz weitergehen kann.

Von nun an ist lange alles, wie es sein soll. Für ein wundervolles Stück gibt es parallel zur Pomorska genau den Parkstreifen, den die Stadt braucht.

Zuerst ein weiterer langgestreckter Teich, dann nach einem weiteren Wasserfall auf Beton große Bäume, Wiesen und, wieso nicht, einige Kleingärten um den mäandernden Lauf des Bachs, nach links zwischen vier quergesetzten Wohngebäuden Öffnungen ins Wohngebiet Żabianka und schließlich noch ein Teich mit Insel.

Hier zeigte der Sozialismus, wozu er fähig ist, obwohl das rechts angrenzende Einfamilienhausgebiet zugleich die Mängel seiner halbherzigen polnischen Variante offenbart.

Erst nach diesem langen Abschnitt folgt als letztes Hindernis die große Straße Chłopska. Wieder ist der nötige Umweg zur nächsten Ampel nicht allzugroß. Man kann dann weiter der Pomorska folgen und obwohl man auf deren Gehsteig angewiesen ist, wirkt der Weg dank dem Lauf des Bachs rechts und hohen Bäumen auch auf dem breiten Mittelstreifen sowie dem hier eher geringen Verkehr halbwegs parkartig. Der Bach erreicht unter mehreren Brücken und durch einen letzten Teich hindurch den Park Jelitkowski (Jelitkowoer Park) und bald darauf den Strand, wo er ins Meer mündet, während die Fußgänger dafür auf Zebrastreifen die kleine, aber stark befahrene Straße Kapliczna überwinden müssen.

Doch es gäbe eine noch weitere, bessere Alternative. Wenn man geradeaus über die Chłopska ginge, was nicht möglich ist, ohne über einen Zaun der Straßenbahnstrecke zu klettern, käme man zwischen einem bewachten Parkplatz und einer Schule in den Park Przymorze (Przymorze-Park).

Durch diesen und seine Fortsetzung bietet sich ein weit großzügigerer und verkehrsfreier Weg Richtung Park Jelitkowski und Meer. Deshalb wäre es  auch hier sinnvoll, mindestens einen weiteren Übergang mit Ampel anzulegen oder besser noch die Straße aufgestützt zu führen und den Boden für die Fußgänger freizuhalten

Dieser letzte Teil des Wegs zwischen Oliwa und dem Meer ist der, der sich am leichtesten zum einheitlichen Park zusammenfügen ließe, weil er fast ausschließlich aus Grünflächen besteht, doch er ist zugleich der, in dem die ärgerlichsten Hindernisse sind: neue teure Einfamilienhäuser abseits der Chłopska, die den Bach für ein Stück völlig zwischen ihren Grundstücken einhemmen. Hier zeigt der Kapitalismus, wie entschlossen er ist, wie sehr es zu seinem Wesen gehört, jeden „nie wieder gut zu machenden Fehler“ zu wiederholen.

Noch aber ist es nicht zu spät. Irgendwann wird der barocke Traum des Park Oliwski in Erfüllung gehen und er wird in verwandelter, gänzlich unbarocker Weise das Meer erreichen, wie es der Bach schon immer tat, die Zivilisation wird die Natur einholen.

Die Unabhängigkeit im Krankenhaus

1977 feierte Rumänien das hundertste Jubiläum seiner Unabhängigkeit vom osmanischen Reich und 1980 wurde mit leichter Verspätung in Iași ein großes Denkmal dazu eingeweiht. Es steht auf dem großen, durch abwechslungsreichen Baumbestand aber angenehmen Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) am vielbefahrenen Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit).

Sein Hauptelement ist die riesige Bronzeplastik einer sehr schlanken und feingliedrigen Frau mit dennoch breiten Hüften und großen Brüsten. Sie steht wie im Schreiten mit leicht vorgesetztem linken Bein und weit ausgebreiteten Armen. Das Kleid, das sie trägt, ist um die Beine und Arme wallend weit, um den Oberkörper jedoch eng. Ihr Gesicht ist ernst mit geschlossenen Augen, ihr Haar recht kurz und gelockt. In der linken Hand hält sie ein Tuch, das dann im weiten Bogen über ihrem Kopf und zu ihrem Rücken weht.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie steht auf einem hohen rechteckigen Sockel mit hellgraubraunweißer Steinverkleidung, durch den quer zur Straße ein wandartiger niedrigerer Teil verläuft. Derselbe Stein ist auch für die niedrige Treppenanlage, auf der die Sockel stehen und für Dachfirst und Flächen an den Rändern des sechsgeschossigen Gebäudes, das den Platz rückwärtig abschließt, verwendet. Mit seinen horizontalen Bändern aus Fenstern und gelbem Putz und schmalen vertikalen Streben bildet es eine Art Rahmen für das weit davor stehende Denkmal.

Das ist alles nicht schlecht. Die von der Bildhauerin Gabriela Manole-Adhoc geschaffene Plastik ist groß, einfach, nicht so leblos, daß sie nur Allegorie sein kann, und ihre Kleidung ist eine gelungene, wiewohl vielleicht unabsichtliche Mischung aus einer Bauerntracht von 1877 und osteuropäischer Posthippiemode von 1977. Doch alles käme nun auf den Sockel an.

Seine Breitseiten sind bedeckt mit Bronzereliefs aus der Hand von Gheorghe Adoc, Ehemann der Schöpferin der Plastik, die vor allem Kriegsszenen und eine Versammlung, wohl die Unabhängigkeitserklärung, zeigen, dazu die Zahl 1877. Das ist nicht nur äußerst nichtssagend, sondern auch künstlerisch recht nichtig. Eine Szene mit vorstürmenden Soldaten, hinter denen eine Fahne mit, damit keine Zweifel bleiben, dem Wort România weht, nutzt den vertikalen Teil des Sockels, aber die anderen wissen mit ihrer Fläche gar nichts anzufangen. Es ist Kunst des 19. Jahrhunderts, in nichts besser als etwa das Vereinigungsdenkmal auf dem nahen Piața Unirii (Platz der Vereinigung). Wie um das zu unterstreichen, steht vorne auf der zur Straße zeigenden Schmalseite des Sockels: „‚Independenta e suma vietii noastre istorice‘ M. Eminescu“ (Die Unabhängigkeit ist die Summe unserer geschichtlichen Lebens).

Das ist genau das, was man auf einem bürgerlichen Unabhängigkeitsdenkmal erwarten würde. 1980 war Rumänien jedoch ein sozialistischer Staat. Davon ist hier keine Spur. Für Mihai Eminescu, einen großbürgerlichen Dichter des 19. Jahrhunderts, mag die Unabhängigkeit die Summe seines politischen Lebens gewesen sein, für einen sozialistischen Staat jedoch ist diese Summe viel zu niedrig. Aus der Entfernung noch, wenn man nur die sowjetisch inspirierte Plastik sieht, kann man ein sozialistisches Kunstwerk erwarten, doch aus der Nähe ist da bloß bürgerlicher Nationalismus.

Ganz so absolut war der bürgerliche Charakter des Denkmals zur Eröffnungszeit nicht: das Eminescu-Zitat stammt erst aus den Neunzigern, was auch an dem SMS-Rumänisch ohne Sonderzeichen, das dem Dichter wohl schwerlich gefallen hätte, zu erkennen ist. Vielleicht spürte der rumänische Sozialismus, das doch etwas fehlte und lehnte das von den Künstlern angeblich bereits vorgeschlagene Zitat ab. Stattdessen stand dort etwas von, selbstverständlich, dem Staatschef Nicolae Ceaușescu:

„Eroismul înaintașilor de acum un secol va trăi veșnic în conștiința profund recunoscătoare a întregii națiuni, iar opera făurită cu sângele lor, de generațiile de la 1877, va străluci întotdeauna în istoria noastră, ca una din cele mai mari izbânzi pe drumul libertății, progresului, independenței și fericirii poporului român” (Der Heroismus der Vorfahren von vor einem Jahrhundert wird ewig im tief dankbaren Bewußtsein der gesamten Nation leben, und das mit ihrem Blut, der Generationen von 1877, geschmiedete Werk wird in unserer Geschichte immer als einer der größten Siege auf dem Weg der Freiheit, des Fortschritts, der Unabhängigkeit und des Glücks des rumänischen Volks glänzen)

Das ist wiederum nicht schlecht, es stellt die Unabhängigkeit immerhin in einen bei gutem Willen sozialistisch zu nennenden größeren Zusammenhang, aber es genügte leider nicht, das Denkmal zu einem sozialistischen zu machen, da der Inhalt der Reliefs bürgerlich ist. Und auch mit besseren Reliefs würde es vielleicht kein ganz großes Denkmal werden, aber doch ein angemessenes, das viel von hundert Jahren rumänischer Unabhängigkeit erzählen könnte, aber als einem Prozeß voller Konflikte und Kämpfe.

So ist es vielleicht nur passend, daß das Unabhängigkeitsdenkmal von Iași auch städtebaulich eine verpaßte Gelegenheit ist, da es nicht nur an der großen Straße, sondern genau neben der Achse des Piața Unirii liegt.

Und das rahmende Gebäude dahinter wie die unscheinbaren rechts des Platzes, sie gehören zu einem großen Krankenhaus. Die Unabhängigkeit hätte mehr verdient.

Perlen und Beton

Der Paarl-Hoeve (Perlenhof) steht im winzigen nordholländischen Örtchen Krabbendam als eines der wenigen Gebäude jenseits des am Deich verlaufenden Kanals. Schon deshalb ist er hervorgehoben.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Von Weitem sieht man jenseits der Schafsweiden ein typisches nordholländisches Bauernhaus mit großen quadratischen Grundriß, einem backsteinernen Erdgschoß und hohem, ursprünglich reetgedecktem Zeltdach. Auf der einen Seite stehen hölzerne Ställe und auf der anderen hohe alte Bäume. Zwischen diesen, zu Wasser und Deich hin, verbirgt sich ein großer Garten und ein großer Anbau, im eigentlich ein weiteres Haus, in historistischen Backsteinformen.

Im holzverzierten Giebel, der von der Straße heute jedenfalls im Sommer kaum mehr zu sehen ist, steht auch der Name „Paarl-Hoeve“. Heute paßt er vielleicht noch besser als früher, als er sich einfach auf die Bauernfamilie Paarlberg, die die Gebäude 1901 errichtet hatte, bezog, denn versteckt wie eine Perle liegt der Hof.

Aber das, was ihn am außergewöhnlichsten macht und am meisten hervorhebt, zeigt er wiederum ganz offen: die Betonbrücke von der Straße auf dem Deich zu seinem Gelände. Bereits im abfallenden Ufer hat sie massive Blöcke, die zur eher schmalen und hohen Öffnung unter der eigentlichen Brücke schmaler werden.

Dem entspricht auf Straßenebene eine trichterförmige Verjüngung der Fläche, die von niedrigen Bordüren begrenzt ist, zur schmalen Brücke hin und die folgende Verbreiterung zu Garten und Haus, die auch etwas niedriger liegen.

Nur aus der Entfernung und bei genauerem Blick merkt man, daß die grundstückseitige Wand der Öffnung nach oben und hinten leicht schräg ist.

Die Betonbrücke des Paarl-Hoeve ist ein makelloser Zweckbau. Wo sich die das historistische Gebäude mit sinnloser Ornamentik schmückt, ist sie völlig funktional. Wo jenes allzu klar in eine Zeit einzuordnen ist, könnte diese irgendwann zwischen 1920 und 1970 entstanden sein oder sogar früher. Obwohl die Brücke kein Brutalismus, der rohen Beton zum Ornament reduziert, ist, merkt man ihr doch eine gewisse Freude am Material, das sie vom backsteinroten Einerlei so deutlich abhebt, an. Sie ist die eigentliche Perle.

 

LOT

LOT ist einer der letzten Überlebenden in Gdańsk, eines der letzten Gebäude aus sozialistischer Zeit in zentraler Lage. Es steht neben dem Brama Wyżynna (Hohen Tor), wo die gleichnamige wichtige Straßenbahnhaltestelle ist, und es ist nicht zu übersehen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Ein langgestreckter Bau parallel zur Straße, zwei Geschosse, das leicht zurückgesetzte Erdgeschoß völlig verglast, im Obergeschoß ein hohes Fensterband zwischen zwei schmalen Bändern aus einer Kunststoffverkleidung in vertikalen Leisten. Das unter der Verkleidungsbänder ist blaßorange, das obere ist weiß und trägt die großen, wiederum orangen Buchstaben, die LOT erst zu LOT machen. Dreimal, an den Seiten und in der Mitte, ist das LOT-Logo in seiner ganzen Einfachheit: die Buchstaben kursiv, das O unten mit dem L und oben mit dem T verbunden. Dazwischen steht links „Polish Airlines“ und rechts „Polskie Linie Lotnicze“, was nicht mehr ist als eine Erläuterung dessen, was LOT ist: die Polnischen Fluglinien. Daß LOT trotz der Großschreibung keine Abkürzung, sondern ein eigenständiges Wort mit der Bedeutung Flug ist, bleibt Nebensache.

So, Glas, Verkleidung, Logo, steht LOT links neben dem wehrhaften und abweisenden Brama Wyżynna. Rechts von ihr steht ein backsteinernes Bankgebäude aus der preußischen Zeit mit fünf Geschossen und historistischen Formen. Vor dem Krieg stand auch an der Stelle von LOT ein ähnlicher Bau, ein Hotel aber. Es lohnt, die beiden Seiten des Brama Wyżynna zu vergleichen.

Rechts der preußische Klotz, der in den Formen an Gdańsker Altes anknüpfen will, aber den Blick auf alles Alte wie Neue ringsum versperrt. Links LOT, das mit seinen Formen voller Selbstbewußtsein in seine Zeit gehören will, wiewohl die orangene Farbe durchaus auf das Backsteinrot des Alten Bezug nimmt. Vor allem aber ist der preußische Eckbau Teil der Blockrandbebauung, eine Mauer neuer Art, während LOT freisteht, ganz wie das von den Mauern befreite Tor. Die zur großen Straße zeigende Seite ist nur eine von vieren. Die Schmalseiten entsprechen dieser, haben aber nur Platz für die polnische Version des Namens. Vor die zur Stadt zeigende Seite ist rechts ein vertiefter Bereich gegraben und links ein großes Treppenhaus mit vorgewölbter Außenwand gesetzt, das sich mit einer großen verglasten Ecke weiter nach links, zum vom Stadttor am Zwinger vorbeiführenden Weg, öffnet.

Um diese Seite legen sich Grünanlagen, die zum Platzbereich des Targ Węglowy (Kohlenmarkt), der leider zu sehr Parkplatz ist, überleiten.

Und um wie über LOT ist das Panorama der Stadt: die Kuppel des neuen Teatr Wybrzeża (Theaters der Küste), die Giebel der Altstadt, die Türme von Kirchen und Rathaus, der Bau der Bractwo Św. Jerzego (Sankt-Georg-Bruderschaft). Und all das ist auf Wegen um das Gebäude zu erreichen. Denn bei allem Selbstbewußtsein ist LOT bescheiden, es braucht nicht groß zu sein, um seinen Platz zu behaupten, sondern zeigt seine Größe dadurch, daß es großzügigerweise Platz um sich läßt.

LOT ist ein Überlebender aus einer Zeit, die an sich glaubte, ein wenig jedenfalls, und im Bewußtsein lebte, etwas Neues zu schaffen, ein wenig jedenfalls. Errichtet 1961 als repräsentativer Möbelsalon stand es für wachsenden Wohlstand und als Gebäude der staatlichen, also einzigen, Fluggesellschaft LOT stand es mit der englischen Aufschrift vor der polnischen für Weltoffenheit, für die Verbindung von Gdańsk in die Welt. Es war selbst wie ein Flugzeug, das auch überall sonst in der Welt stehen könnte und doch oder gerade deshalb ganz zu Gdańsk gehörte.

Der Sozialismus, der es erbaute, wurde besiegt und auch die Tage von LOT sind früher oder später gezählt. Neben einem LOT-Reisebüro, das erstaunlicherweise überlebt hat, sind dort heute Kebabläden und Drogerien und hinten ein Nachtclub. Seine Bedeutung für die Stadt aber ist daran abzulesen, daß „pod LOT-em“ (beim LOT) ein typischer Treffpunkt ist.

Auf der zur Stadt zeigenden Seite, über dem Treppenhaus, blieb nach dem LOT-Logo nur noch „Po“, was „nach“ bedeutet und leider paßt, da die Zeit nach dem LOT nicht mehr fern ist.

„Jest po LOcie“ wird man dann sagen, aber wegen der deklinationsbedingten Veränderung der Abkürzung kaum schreiben können, „mit dem LOT ist es vorbei“. Dann wird an seine Stelle ein neuer Klotz treten, der alle Blicke versperren und das Brama Wyżynna wieder in die Zwinge nehmen wird.

Mit LOT wird eines der letzten zentral gelegenen und sichtbaren Zeugnisse der sozialistischen Zeit verschwinden. Wer nun meinte, daß damit ein alter Stadtorganismus wieder geheilt würde, der irrt, denn zum einen stammte das vorherige Gebäude bloß aus dem späten 19. Jahrhundert, zum anderen, auch wenn sich das dem oberflächlichen Blick entzieht: das gesamte alte Zentrum von Gdańsk wurde in der sozialistischen Zeit wiedererbaut und LOT ist ein integraler Bestandteil. LOT ist noch ein langes Überleben zu wünschen.

Tábor ohne Hussiten

Obwohl Tábor von den Hussiten sehr bewußt gegründet wurde, ist es ganz und gar keine Planstadt. Die Straßen und Gassen auf der Hügelkuppe verlaufen vielmehr kreuz und quer, gerade und krumm, man weiß nie sicher, wo man hinter der nächsten Ecke sein wird und gerade hier ist es so eng, daß man den Kirchturm selten als Orientierungshilfe hat. Das macht das Stadtbild von Tábor, das von der fortschrittlichsten Kraft seiner Zeit gegründet wurde, paradoxerweise mittelalterlicher als das von Städten wie Vysoké Mýto oder České Budějovice, die zwei Jahrhunderte früher von König Přemyšl Otakar II. gegründet worden waren und völlig regelmäßige Straßenraster um einen riesigen quadratischen Platz haben. Das liegt zum einen daran, daß diese Städte bewußt im flachen Land angeordnet wurden, während Tábor auf einem Hügel liegt, und zum anderen daran, daß die Hussiten mit vielem anderem stärker befestigt waren als mit Stadtplanung und daß die Zeit ihrer größten Macht nur bedauerlich kurz währte.

Das hussitische Tábor aus Tichý, Jaroslav u. Kovařík, Jindřich: Letem ČSSR, Praha 1965

Auf der Spitze eines steilen Hügels über der Lužnice wurde Tábor errichtet, damit es sich besser verteidigen ließe, und um diesen erstreckt es sich noch heute.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Der Kirchturm ist nicht deshalb von fast überall in der Stadt und Teilen des Umlands zu sehen, weil er so hoch ist, sondern weil er am höchsten Punkt der Stadt steht.

Von der Straße Dukelských Bojovníků

Was in der hussitischen Zeit und noch später ein Vorteil war, wurde mit dem Beginn der Industrialisierung zum Problem.

Über den Stausee Jordán

Bestimmend für weite Teile der Táborer Stadtstruktur sind daher teils extreme Hanglagen.

Nicht einmal der zentrale Žižkovo Náměstí (Žižka-Platz) hat eine ganz ebene Fläche, aber zumindest ist er mehr oder weniger rechteckig. Von Plätzen in tschechischen Städten mit weniger revolutionärer Geschichte unterscheidet er sich nicht, bloß der Name und das Denkmal für Jan Žižka weisen auf sie hin.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Es ist ein historistisches Kunstwerk von 1877, der große hussitische Feldheer steht sandsteinern auf einem hohen grauen Sockel. Mit der Linken hält er ein aufgestütztes Schwert, mit der Rechten macht er vorm Körper eine Bewegung mit seinem szepterähnlichen Streitkolben (palcát). Sein Gesicht mit der Augenklappe und dem enormen Schnauzbart ist von einem Helm beschattet, er trägt eine Rüstung und hat einen Mantel umgehängt. Wie ikonisch sein Bild schon oder gerade im 19. Jahrhundert war, sieht man daran, daß in der prägnanten Inschrift sein Name gar nicht genannt ist:

„Základateli Tábora, vítěznímu obhájci národu, na památku postavili vděční potomci L.P. MDCCCDLXXVII“ (Dem Gründer von Tábor, dem siegreichen Verteidiger des Volks, zur Erinnerung erricheten die dankbaren Nachkommen A.D. MDCCCDLXXVII)

In der nordwestlichen Ecke des Platzes, wie gesagt seinem und der Stadt höchsten Punkt, steht die Kirche, ein großer, aber nicht riesiger gotischer Bau.

Seine Vertikalität wird zudem durch drei Renaissancegiebel an der zum Platz zeigenden Breitseite und im Abschluß des Dachs vor dem niedrigeren Chor gemildet. Noch dahinter schließt der Turm an, quadratisch im Grundriß, gotisch und hoch, aber noch viel höher und zur Dominante der Stadt gemacht durch die kupferne barocke Haube mit drei vorgewölbten Zwiebelelementen und zwei offenen Teilen.

Die Wohngebäude sind eine typische Mischung aus oft umgebautem Alten und Historistischem, aber es gibt von ihnen gar nicht viele. An der Westseite dominiert das Rathaus mit drei Treppengiebeln und einem dicken Turm, das erstaunlicherweise tatsächlich spätgotisch ist, aber nach barockem Umbau vom unsensiblen 19. Jahrhundert so intensiv regotisiert wurde, daß es auch neogotisch sein könnte.

An der Ostseite stehen überhaupt nur zwei Gebäude. Links ist die heutige Post, ein erstaunlich einfacher historistischer Bau, der seine eher angedeutete Tempelfassade vor den drei hohen Geschossen und dem großen Walmdach einem älteren Vorgängerbau verdankt. Links ist ein abgerundeter Teil, der im zweiten Geschoß einen Saal mit großen hohen Fenstern und darüber ein steil ansteigendes Dach, das in einer großen verglasten Laterne endet, hat.

Rechts ist ein weißgetünschtes kubisches Verwaltungsgebäude aus der ersten Republik. Sein zuerst viergeschossiger Baukörper schließt direkt und mit derselben Traufhöhe an die Post an und überbrückt zuerst einen Durchgang in eine kleine Gasse. Direkt danach, schon vor der Mitte, beginnt leicht vorgesetzt ein dreigeschossiger Teil mit Dachterrase, der noch ein Stück nach dem Ende des viergeschossigen Teils weiterführt. Noch an ihn fügt sich deutlich zurückgesetzt ein ähnlicher zweigeschossiger Teil mit Dachterrasse an, der rechts auf zwei eckigen Stützen ruhend noch in die nächste Gasse hineinragt. Wie ein ruhiger Hintergrund vor den bewegten kubischen Stufen dieser Teile steht ein fünfgeschossiger Teil, der kurz nach der Mitte des ersten, viergeschossigen Teils beginnt, mit einer Fenstertür auf die Dachterrasse des dreigeschossigen Teils weist und dort endet, wo der zweigeschossige Teil sein Erdgeschoß mit den Stützen öffnet. Dieser Teil nun, hinter dessen zum Platz zeigender Fassade sich entlang der Gasse übrigens das größte Volumen des Gesamtbaus ausbreitet, hat vor dem Dach angedeutete Zinnen aus schmucklosen aufragenden Rechtecken und vor der großen Wand über dem zweigeschossigen Teil vier vertikale schwarze Metallstreifen, Fahnenstangen vielleicht.

Das ehemalige Finanzamt ist ein eigentümliches Gebäude, das seine Größe durch einen stetigen unregelmäßiger Aufbau kubischer Stufen abmildert und mit einem sehr minimalistischen historistischen Element, den Zinnen, einen vagen Bezug zu Altem herstellt, ohne seine Neuheit zu verhehlen. Ob es die Zinnen bräuchte, ist nicht einmal sicher, denn die Überbauung des Gasseneingangs, die auch bei einigen älteren Gebäuden anzutreffen ist, und der aufgestützte Teil, der einem Erker weiter hinten in der Gasse zitiert, sind vielleicht der stärkere Bezug.

Vielleicht gelingt dem Gebäude, was die Architektur der „Postmoderne“ oder der „kritischen Rekonstruktion“ gerne gelänge, wenn sie nicht so billig und vulgär wäre. Jedenfalls ist es ein gelungenes und für die beste Táborer Architektur seiner Zeit vielleicht typisches Gebäude, das frei von Monumentalität und fast von Historisierendem ist, aber auch den Schritt zu einer radikalen Funktionalität wie sie sich etwa in Brno findet, nicht geht, vielleicht nicht gehen will.

Was die ältere Architektur Tábors angeht, so sind ihr typischster Ausdruck nicht die Gotik der Kirche oder des Rathauses, auch nicht der Barock des Turmhelms, sondern die Renaissance mancher Giebel. Sie haben aus nach unten geöffneten Halbkreiselementen zusammengefügte Wellenformen, die vor den dreieckigen Abschlüssen der Satteldächer hängen. Als filigrane weißgetünschte Backsteinkonstruktionen, die nichts Historisches nachahmen oder nachahmen wollen, wirken sie zugleich kompliziert und einfach. Gewiß gibt es ähnliches auch in anderen Städten, aber in Tábor gibt es von ihnen doch so viele, daß sie zum stadttypischen Element werden. Am Žižkovo Náměstí gibt es solche Giebel an zwei Wohngebäuden und dreifach an der Seite der Kirche. Beim kleinen Vodáreňská věž (Wasserturm) am nahen Rande der Altstadt über dem Tal verdecken sie dessen einstige Funktion in einem ausgeklügelten Wasserleitungssystem, zu dem auch der Stausee Jordán gehört, eher.

Im besten Falle, wie beim Ctiborův dům (Ctibor-Haus) am Platz, das heute von einem hussitischen Kelch gekrönt ist, werden die Formen im Giebel noch verschlungener und filigraner, während an den Seiten freistehende Streben einen Treppengiebel nachzeichnen, gleichsam nur skizzieren, als solle so die Distanz zur gerade vergangenen, aber noch nachwirkenden Gotik umso stärker betont werden.

Das Verschlungene dieser Formen paßt gut zur verschlungenen Geschichte von Tábor. Aber mit den Hussiten hat das wie fast alle Táborer Architektur nichts zu tun, denn die Hussiten hatten so viel zu tun und so wenig Zeit, darin dem Sozialismus, der ihr Werk viel später fortsetzte, nicht unähnlich.