Archiv der Kategorie: Orte

Cmentarz ofiar hitleryzmu na Zaspie

Der Friedhof der Opfer des Hitlerismus in Zaspa liegt am Rande des gleichnamigen Gdańsker Wohngebiets, zu drei Seiten locker umgeben von dessen Bebauung, zur vierten an der Straße Bolesława Chrobrego mit kleinindustriellem Gelände. Man sieht ihm nicht mehr an, daß er älteren Ursprungs ist und hier ab 1939 die im nahen KZ Stutthoff und dessen Außenlagern ermordeten Menschen begraben wurden.

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Die heutige Gestaltung des Friedhofs hat eigentlich nur zwei Elemente. Das erste ist die umgebende Mauer aus großen +-förmigen Betonteilen auf einer Basis aus Beton.

Zwei von ihnen stehen jeweils aufeinander, aber immer nach vorne oder hinten und durch kleinere Betonwürfel in der Höhe versetzt, so daß die Mauer trotz ihren einfachen Bestandteilen unregelmäßig und bewegt erscheint. Man kann in den +-Formen christliche Kreuze sehen, aber eher sind es die beiden so geformten Kreuze, die auch im Gdańsker Wappen übereinander angeordnet sind – man muß sich bloß die beiden rahmenden Löwen und die Krone darüber hinzudenken.

Das zweite Element sind die eigentlichen Grabsteine aus Beton. Sie bestehen aus einer breiten brusthohen Stele, die in der Mitte einen vertikalen Einschnitt hat, und einem kurz unterhalb ihres Abschlusses angefügten horizontalen Balken, der nach vorne und zu den Seiten leicht übersteht. Vorne sind darauf in einem Relief, das die Fläche auslöst, der Name und das Todesdatum genannt.

Links stehen kleiner in die Fläche eingeschnitten Geburtsdatum, Geburtsort und Beruf.

Rechts stehen Datum, Ort und Art des Todes sowie bei Insassen von Stutthoff deren Häftlingsnummer. Auf der Rückseite ist auf der Höhe des horizontalen Balkens außerdem ein quadratisches Relieffeld, das ein Wappen oder ein anderes Symbol zeigt. Auch in diesen Grabsteinen kann wer will christliche Kreuze sehen, aber sie sind es nicht so eindeutig, daß sich Nicht- oder Andersgläubige beleidigt fühlen müßten, eine für den polnischen Sozialismus sehr typische Dezenz.

Die Grabsteine stehen in regelmäßigen Reihen und dicht an dicht, aber sie sind immer zu mehr oder weniger großen Gruppen angeordnet, die recht frei und oft leicht schräg zueinander in dem weiten Gelände des Friedhofs verteilt sind.

Obwohl es einen Hauptweg gibt, sind die anderen Wege ihm nicht untergeordnet und verlaufen selten im rechten Winkel zu ihm. Neben den Gräberfeldern gibt es auch weite freie Flächen, was wohl darauf hindeuten soll, daß dort weit mehr Tote begraben sind als es Grabsteine gibt.

Beschattet wird der Friedhof von recht hohen Bäumen, die vielleicht gepflanzt wurden, als er 1987 angelegt wurde, und einigen noch größeren älteren Bäumen. Es gibt zudem weitere Gedenksteine und größere Denkmalelemente, unter anderem ein neueres aus Backstein für die Toten der Poczta Polska (Polnischen Post). Keines jedoch ist das zentrale Monument des Friedhofs, so daß er mit den locker verteilten Gräbergruppen unhierarchisch und dezentral ist. Alle der Toten, scheint er betonen zu wollen, sind gleichwertig als Opfer des Hitlerismus.

Die meisten der hier Begrabenen sind Polen, das Relief auf der Rückseite ihrer Steine zeigt einen polnischen Adler in einer recht hübsch stilisierten Version.

Die nächstgrößere Gruppe sind Sowjetbürger symbolisiert durch einen fünfzackigen Stern.

Ein auf der Spitze stehendes Dreieck, der in der DDR-Symbolik so wichtige rote Winkel, und ein kleines D bezeichnet deutsche Antifaschisten.

Tschechoslowaken mit dem sterngekrönten Löwen der ČSSR

teilen sich ein Feld mit wenigen Österreichern, deren zum Adler stilisiertes A (für Austria) das vielleicht schönste, gewiß aber eigentümlichste Symbol auf dem Friedhof ist.

Recht häufig ist ein NN für Opfer unbekannter Herkunft, wobei die Namen meist jüdisch oder deutsch klingen. Schließlich gibt es noch ein Feld für alle übrigen, die durch die offiziellen Wappen ihrer Länder ausgewiesen sind: Ungarn, Jugoslawen, nicht wenige Niederländer,

ein Italiener

und ein Franzose (das jener aus Nizza stammte und Frisör war, mag man amüsant finden).

Bei aller Internationalität ist der Friedhof ein zwangsläufig polnischer Ort. Die Vornamen und teils auch die Nachnamen der slawischen Toten sind in polonisierter Form geschrieben. Auch die Ortsnamen und Berufsbezeichnungen sind polnisch, so daß nicht für jeden Besucher sofort klar sein wird, daß etwa Heinz Hösch, aus Norymberga und marynarz, ein Seemann aus Nürnberg war.

Der Friedhof in Zaspa war das letzte der großen Friedhofsprojekte in Gdańsk und in seiner offenen, nicht hierarchischen Anlage ist er vielleicht auch das gelungenste. Hier konnte der Bildhauer Wiktor Tołkin noch besser als in Puck zeigen, was er konnte. Allein deshalb muß man froh sein, daß der Sozialismus in Polen nicht schon früher endete. Bedauerlich ist einzig, daß sich der Friedhof mit seiner, wenn auch wichtigen und schönen, Mauer von der Wohnbebauung Zaspas abschirmt. Es würde gut zu ihm passen, auch dort Eingänge zu haben und die Erinnerung an die Opfer des Hitlerismus mitten ins Leben zu tragen.

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Essen in Velké Meziříčí

Das beste Essen meiner tschechoslowakischen Reise 2018 hatte ich in Velké Meziříčí etwa im Jahre 1985.

Ein Flachbau am Hang beim Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), vorgesetzte Terrasse mit Hochbeet im Betongeländer, verglaste Vorderseite, von einem gemeinsamen Foyer in der Mitte erschlossen eine kleine coop Jednota-Kaufhalle rechts und das Bufet „U zastávky“ (Bei der Haltestelle) links, was oben unter dem Dach auch in weißen Rechtecken mit grünen Buchstaben als „Bufet“ und „Potraviny“ (Lebensmittel) ausgepriesen ist.

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Ein Raum mit holzgetäfelten Wänden, nicht klein, nicht groß, nicht eng, nicht geräumig, sondern genau so, wie er sein muß. Stühle mit rotem Kunstlederpolster und weißem Saum, auf Stahlstützen im Boden befestigte Tische mit roten und grünen Tischdecken. Direkt neben der Glastür die Theke, wo ein älterer Mann, Herr Pěchota, das Essen ausgibt, nicht unfreundlich, nicht freundlich, nicht abweisend, nicht jovial, sondern genau so, wie er sein muß. An der Wand hinter ihm steht das Essensangebot des Tages und vor ihm schon die Fleischstücke, damit er nur noch die Soße darüber gießen und die knedlíky (Semmelknödel) dazulegen muß. Ich bestellte svíčková (Lendenbraten), er verstand sekaná (Hackbraten), aber das war die bessere Wahl. Wohl da ich recht spät kam und nichts davon mehr sehr warm war, stellte er es kurz in eine riesige Mikrowelle der Firma National. Jede andere Mikrowelle hätte im tschechoslowakischen Jahr 1985 anachronistisch gewirkt, aber dieses Modell der heute besser als Panasonic bekannten japanischen Firma kann man sich als teuren Import aus dem kapitalistischen Ausland gut vorstellen. Gleiches gilt für die beiden softpornographischen Aufnahmen an der Holzvertäfelung nach dem Ende der Theke, gleich hinter dem Getränkeangebot aus bereitstehenden Dessertdrinks und zu zapfendem Bier, bloß die Schamhaare fehlten. In der Wand sind weiterhin noch die Durchreiche der Geschirrückgabe und die Tür zu den Toiletten.

Das Essen konnte in dieser Umgebung nur gut sein und das Publikum war so gemischt und unprätentiös, daß ich mit langem Haar und bunter Tasche wohl als Tscheche hätte gelten können, wenn ich denn Bier getrunken hätte. Die Lage mit Fensterfront auf die Terrasse, das Grün und die eingleisige Bahnstrecke hätte nicht besser sein können, doch wenn das Gebäude sich zur andere Seite öffnete, würde es einen einzigartigen Blick über die Stadt bieten. Kirchturm, Schloß und Autobahnbrücke lägen zum Greifen nahe vor einem.

Für die Tschechoslowakei wäre das vielleicht besser gewesen, aber das Bufet wäre dann auch so ein unverkennbar perfekter Ort, daß es sich das Jahr 1985 wohl kaum über dreißig lange Jahre Kapitalismus so unverfälscht bewahrt hätte.

Głuchołazy

Zwei Turmspitzen hat die Kirche, zwei Teile verblieben von der vielhundertjährigen Linde auf dem Marktplatz und in gewisser Weise ist Głuchołazy ganz im mittleren Süden von Polen zwei Städte, wie es im übrigen zum Pluralnamen passen würde.

Den Kirchturm sieht man bereits, wenn man von der höher gelegenen Bahnstrecke über die Stadt blickt, was eher auf dem kurzen polnischen Abschnitt einer tschechischen Linie geschehen wird als bei der Anfahrt von Polen aus, da die nur am Wochenende möglich ist.

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Die beiden barocken Turmhauben beginnen quadratisch mit bereits kupferverkleideten Umgängen, die in der Mitte durch einen schmalen Teil verbunden sind, steigen dann in runden geschwungenen Stufen mit offenen Laternen an.

Die Kirche steht leicht abseits des großen rechteckigen Rynek (Marktplatzes), zeigt aber mit dem Turm und dem unten in diesem angeordneten und im Putz durch ein dreieckiges Feld noch betonten gotischen Portal durch eine Öffnung in der Bebauung zu ihm.

Die Linde steht auf dem Platz etwa in einer Linie mit der Kirche. Sie ist es, die ihn, der heute keine Denkmäler oder Statuen und auch keine besonders markanten Gebäude hat, bestimmt. Ihr Stamm ist gleichsam gespalten, aber immer noch mächtig, sein größerer Teil wird von einem Holzgerüst gestützt, sein kleinerer Teil steht noch selbst.

Man müßte nicht einmal die Legenden davon, daß sie 1648 zur Feier des westfälischen Friedens oder, polnischer, 1683 von Soldaten der Armee Sobieskis auf dem Rückweg von Wien gepflanzt wurde, kennen, um zu spüren, daß sie ein für die Stadt Głuchołazy enorm wichtiger Baum ist, an dem viele Generationen auf dem Weg nicht nur zur Kirche vorbeigingen. Es paßt auch, daß sie nicht durch menschliche oder Umwelteinwirkungen einstürzte, sondern unter ihrem eigenen Gewicht im Jahre 1992 bald nach einem großen politischen Umbruch – und daß sie weiterwächst.

Głuchołazy ist ansonsten ein recht typisches preußisches Städtchen, was aber dank der Lage an der Grenze und in bergiger Gegend nur halb so schlimm ist. Es erstreckt sich mit historistischer Blockrandbebauung um den alten Kern, in dessen Mitte der Rynek liegt und von dem außerdem noch einige Mauerreste und ein Turm übrigblieben, bis zum Fluß Biała und den ansteigenden Hügeln sowie entlang der Ausfallsstraßen. Dieses erste Głuchołazy ist eine alte Kleinstadt in weitgehend preußischer Gestalt.

Im Westen aber setzt sich die Miethausbebauung weiter fort, als man das erwarten könnte und wird immer mondäner und repräsentativer. Nach einem als Park gestalteten Waldstück am Hügel beginnt es mit nun freistehenden Villen und Mietshäusern gleichsam von Neuem.

Das ist das zweite Głuchołazy: Głuchołazy-Zdrój (Bad Głuchołazy). Bäderbetrieb gibt es keinen mehr, aber noch immer konzentrieren sich die Hotels und Restaurants hier und nicht am Rynek. Das funktionale Schmuckstück von Głuchołazy-Zdrój ist die sogenannte Schaukelbrücke: eine kleine Hängebrücke für Fußgänger direkt neben der Eisenbahnbrücke, deren Stahlseile in vier filigranen offenen Pfeilern aus Stahlgittern hängen.

Anders als das alte Głuchołazy, das sich von der Biała ängstlich abwendet, nimmt das Bad den Fluß freudig in sich auf, wie die landschaftlichen Reize überhaupt erst hier entdeckt werden. Das zweite Głuchołazy also ist ein Kurort aus dem späten 19. Jahrhundert.

Doch Głuchołazy ist noch mehr.

Wie es neben der zweispitzigen katholischen Kirche beim Rynek weiter entfernt noch eine banale ehemals protestantische neogotische Kirche mit einem einzelnen Turm gibt und wie zwischen die beiden verbliebenen Teile der alten Linde eine neue, nun auch schon stattliche, gepflanzt wurde,

so ist auch Głuchołazy noch eine dritte Stadt: eine Industriestadt, erstaunlicherweise, und, noch erstaunlichererweise, eine, die ihre Industrie bis heute behalten hat. Man sieht sie sofort, wenn man vom Rynek nach Głuchołazy-Zdrój geht. Direkt nach einem backsteinernen preußischen Schulklotz und einem kleinen Bach blickt man auf die Fabrik von Schattdecor.

An stark renovierte alte Backsteinbauten mit Hallen und Schornsteinen schließt eine neue Anlage mit dem Schriftzug auf einer hohen grauverkleideten Wand, mehr Backstein und viel Glas an. Der neue Teil könnte auch in einem Gewerbegebiet irgendwo in Deutschland stehen. Daß die deutsche Firma, die Aufdrucke für Möbel herstellt, gerade Głuchołazy als Outsourcingstandort wählte, ist kein Zufall, sondern hängt mit dessen Industriegeschichte zusammen.

Jenseits des Flusses, aber durch aufgestützte Rohrleitungen mit dem Schattdecor-Areal verbunden, steht nämlich die Głuchołazer Papierfabrik, die schon viel eher in diese etwas verschlafene Stadt in den Bergen passen will.

Anfang des 20. Jahrhunderts erreichtet, zeigt sie der Straße eine mehr monumentale als spezifisch historistische Fassade, die doch nur bloße Konvention ist und nichts von den ganz durch die Funktion bestimmten Anlagen daher versteckt. Markant ist etwa eine schmale satteldachförmige, aber nur aus horizontalen Lamellen bestehende Konstruktion, die sich auf einer Halle entlangzieht, oder der große schwarze Würfel einer anderen Halle.

Da Głuchołazy von Kriegshandlungen nicht betroffen war, konnte die Fabrik schon 1946 mit voller Leistung produzieren, was sie äußerst wichtig für die Papierherstellung im nach dem Krieg wiederentstehenden Polen machte. Eine hübsche Anekdote aus den wilden Anfangsjahren des neuen polnischen Westens erzählt, wie die ersten polnischen Verwalter die wichtigsten Teile der Maschinen mit Hilfe deutscher Arbeiter im Fluß versteckten, damit sie nicht von sowjetischen Spezialisten, die die ehemals deutschen Gegenden nach nutzbarem Gerät als Reparationen absuchten, in die Sowjetunion geschafft werden konnten. An die „Głuchołaskie Zakłady Papiernicze“ (Głuchołazer Papierbetriebe) der sozialistischen Zeit erinnert noch ein typisches Werbebild an einer Brandmauer an einer Ausfallstraße, aber leider ist das Motiv nicht mehr zu erkennen und es steht eine Weide (immerhin) davor.

Auch heute noch existiert die Firma und sagt von sich, der größte Papierproduzent Polens zu sein, was man angesichts ihrer Geschichte angemessen und schön finden kann.

Das ist das dritte Głuchołazy. Aber, ob ein, zwei, drei Städte, es ist eine Vereinfachung, um Głuchołazy in den Vergleich vom Anfang zu pressen. Eigentlich ist es noch viele weitere Städte, das sozialistische Głuchołazy mit seinen Wohngebieten etwa oder das einstige Ziegenhals oder die Stadt an verschiedenen Grenzen. Jeder Ort ist mehrere Orte.

Und die scheinbar barocken Hauben der Kirche stammen von 1906, während der deutlich schlichtere ältere Turmabschluß aus Holz heute auf einem Nebengebäude am Rynek sitzt.

Und die größte Linde der Gegend,

deren hohler Stamm von einem zweiten Baum oder Baumteil fast ausgefüllt ist, steht bei einem Hof im übergangslos im Norden angrenzenden Dorf Bodzanów.

Und dort gibt es auch eine Fabrik und eine barocke Kirche mit Zwiebelhaube.

Und… Aber dies ist nur ein Text, die Welt ist immer mehr.

Die meisten hier enthaltenen Informationen teilen Głuchołazy (denn sie sind eben eine Pluralstadt) ihren Besuchern auf polnisch-, tschechisch- und deutschsprachigen Tafeln übrigens bereitwillig mit.

 

Die fonction oblique in Gdynia

Parkdecks auf Betonstützen gibt es bei vielen Bürogebäuden, da sie eben praktisch sind und mit deutlich weniger Aufwand als Tiefgaragen deutlich mehr Stellplätze als ebenerdige Parkflächen schaffen. Zu diesen Parkdecks gehört immer eine Auffahrtsrampe. Aber wieso eigentlich?

Hinter dem großen Bürogebäude des Morski Instyut Rybacki (Instituts für Meeresfischerei), das oberhalb des Zentrums von Gdynia heute vor allem riesigen Werbebannern zu dienen scheint, ist es anders. Hier fehlt die separierte Rampe und stattdessen fällt das Parkdeck mit seiner ganzen Fläche sanft auf das Straßenniveau ab.

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Das ist eine so einfache wie kluge Lösung, denn wieso muß ein Parkdeck eigentlich eine ebene Fläche sein? Autos parken schließlich regelmäßig an Hängen und auch an solchen mit weit prekärerer Steigung als hier.

Wo anderswo Auffahrtsrampen aus Beton durch aufgeschüttete Hügel ersetzt wurden, wird hier das Parkdeck selbst zu einem Hügel aus Beton, der die Auffahrtsrampe unnötig macht. Das ist, wie gesagt, einfach, scheint sogar ganz naheliegend, wenn man es einmal gesehen hat, doch wie Jonathan Richman fragt: „If someone else can do it, how come nobody does?“ (Wenn jemand anderes es machen kann, wieso macht es dann keiner?)

Ideen, die technischen Möglichkeiten des Betons gerade für schiefe Ebenen auszunutzen, gab es selbstverständlich einige, etwa in Claude Parents „fonction oblique“ (schräger Funktion), und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Schöpfer des Gdyniaer Parkdecks mit ihnen vertraut war, aber das ändert nichts daran: Was man hier sieht, ist nicht weniger als eine architektonische Großtat. Es ist das Parkhaus des klugen Manns.

Tábor

Tábor ist, wie etwa Washington oder Stalinstadt, eine Stadt, bei der schon der Name ein politisches Fanal ist. Da das 1420 gegründete Tábor deutlich älter ist als die anderen beiden Städte, ist das heute jedoch weniger offensichtlich. Ganz wie sie wurde auch Tábor von einer revolutionären Bewegung gegründet, allerdings nicht von einer bürgerlichen oder einer sozialistischen, sondern von einer frühbürgerlichen: den Hussiten.

Nach der Ermordung ihres geistigen Vaters und Namensgebers Jan Hus im Jahre 1415 wurde die hussitische Bewegung, die sich auf die arme tschechische Land- und Stadtbevölkerung und den niedrigen Adel stützte, immer stärker. Längst schon war aus einer religiösen Bewegung gegen die weltliche Macht der Kirche und für Gleichheit im Sinne der Bibel eine politische und militärische Kraft geworden. Als die Hussiten unter dem Heerführer Jan Žižka z Trocnova sich auf einem steilen Hügel in Südböhmen eine eigene Stadt gründeten, nannten sie diese unbescheiden nach dem Berg Tabor in Palästina, der als Ort der Verklärung Christi gilt, auf Tschechisch also Tábor. Entsprechend hieß der kleine, aber vor der Stadt aufgestaute Bach nun Jordán.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Aber Tábor blieb nicht der Name einer Stadt, sondern ging mit den militärischen Erfolgen der Hussiten um die Welt oder jedenfalls durch die um Böhmen gelegenen Teile Europas. Denn tábor nannten die Hussiten auch die Wagenburgen, zu denen sie die Wagen ihres auch Frauen und Kinder umfassenden Trosses in Schlachten zusammenstellten – eine neuartige Kampftechnik, die sie, zusammen mit ihrer Verwendung von Feuerwaffen (die Worte Pistole wie Haubitze sind tschechischen Ursprungs) und ihrer im Vergleich zu den gegnerischen Söldnerheeren ungleich größeren Kampfmoral, für mehrere Jahrzehnte beinahe unbesiegbar machte. Die Kriegszüge der Hussiten führten in die angrenzenden Teile Ungarns, des Deutschen Reichs und in polnischem Auftrag bis an die Ostsee. Überall lernten ihre Gegner ihre tábory kennen. Sogar in Wien gibt es eine Taborstraße, die aber nicht direkt nach den Hussiten – sie kamen nur bis Strebersdorf am anderen Donauufer – sondern nach einer von ihnen inspirierten Befestigung benannt ist.

Wenn die Hussiten eines gut konnten, dann Krieg führen. Eine der faszinierenderen Ideen für eine alternative Geschichte ist daher auch, wie es gewesen wäre, wenn sie gesiegt und ein hussitisches slawisches Reich zwischen Elbe, Ostsee, Bug und Donau gegründet hätten. Doch den heutigen nachtschechoslowakischen Tschechen sind ihre kriegerischen Vorfahren eher peinlich. Sie haben stattdessen den Defätismus verklärt, mit Švejk als Heiligem, was allerdings auf einem groben und absichstvollen Fehlverständnis von Kommissar Jaroslav Hašek beruht, denn der hatte mit Jan Žižka viel mehr gemein, als ihnen lieb sein kann. Nicht einmal, daß das Wort tábor tatsächlich aus dem Tschechischen in die Nachbarsprachen drang, wollen sie so ganz glauben (und sprachwissenschaftlich ist es nicht völlig eindeutig), obwohl es schon ob der enormen Stärke der Hussiten plausibel erscheint.

Daß die Hussiten nach der Schlacht von Lipany im Jahre 1434 letzlich scheiterten, lag neben ihrer Spaltung in gemäßigte und radikale Fraktionen, zu welchletzteren Tábor gehörte, auch daran, daß die gegnerischen kaiserlich-katholischen Heere ihre Kampftaktiken samt dem tábor übernommen hatten. Aber der Name der Stadt Tábor blieb und ihr revolutionärer Ursprung beeinflußte all ihre weitere Entwicklung.

Reste von Matarnia

Heute ist Matarnia vor allem ein großes Einkaufsareal an der Obwodnica, der Autobahn, die sich um die Trójmiasto (Dreistadt) legt. Dort gibt es IKEA, Obi, Media Markt und viele andere Geschäfte um große Parkplätze.

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Für den aufmerksamen Reisenden zum Gdańsker Flughafen ist Matarnia auch noch ein Bahnhof an der erst 2015 eröffneten Bahnstrecke.

Das alte Dorf Matarnia aber liegt genau dazwischen, versteckt oberhalb der Autobahn und nur zu erahnen von der Bahnstrecke.

Wäre nicht das Rauschen des Verkehrs, man könnte auf dem unebenen Kopfsteinpflaster des Wegs unter alten Bäumen leicht vergessen, daß irgendwo in der Nähe eine Stadt ist, daß Matarnia gar Teil von einer ist.

Denn Matarnia gehört heute zu Gdańsk, aber der Wald und die Hügel bilden eine natürliche Barriere zu dessen am Meer gelegenen Stadtteilen. Es überrascht nicht, daß hier in der Zwischenkriegszeit die Grenze zwischen Polen, in dem Matarnia lag, und der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk verlief.

Frei auf einem weiten Grundstück steht das große Gutshaus. Es ist ganz historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts und könnte auch als Villa in Lichterfelde oder irgendwo stehen.

Der niedrigere Teil endet mit einem Giebel in Neorenaissanceformen, während der höheren Teil Fachwerk, vielerlei geschnitzte Holzelemente vor dem Dach und neogotische Anklänge in der Steinbrüstung eines Balkons hat.

Etwas spezifisch Ländliches und Herrschaftliches ist am ehesten noch in der vorgesetzten überdachten Terrasse aus Holz.

Der Weg führt an diesem Grundstück und einigen neueren Häusern links vorbei auf die kleine Kirche zu, die ihm einen Backsteingiebel zeigt.

War man zuerst noch auf einer Höhe mit ihr, verläuft der Weg dann etwas nach unten und im Bogen links um das Kirchengelände herum, das damit einen eigenen niedrigen Hügelteil einnimmt.

Die Kirche ist ein ländlicher Bau, dem man seine Umbauten und Bauphasen gut ansieht. Die Mauern der Breitseiten bestehen teils aus unregelmäßigen Feldsteinen, teils aus Backstein.

Die jetzigen Fenster haben leicht abgerundete Bögen, was auf einen barocken Umbau hinweist, aber an einer Stelle ist noch ein spitzbögiges Portal zu erkennen. Rechts in der Mitte ist ein kleiner Anbau aus Fachwerk und links hinten ein größerer mit nach außen niedriger werdendem Pultdach.

Die Vorderseite ist ganz aus Backstein und hat einen Treppengiebel, in dem in der Mitte eine rundbögige Nische und oben ein offener Rundbogen, in denen jeweils Glocken hängen, sind.

Etwas an dieser Seite ist bei allem Bemühen um Gotik zu ungotisch. Die Formen sind zu eckig und zu rund, die komplizierte Ornamentik im Backstein zu perfekt.

An der Rückseite, die vom Weg her zu sehen war, ist links ein schräg und rechts ein gerade vorstehender Strebepfeiler aus Backstein. Im unteren Teil sind drei putzgefüllte Spitzbögen im Backstein, der Giebel ist dann eine noch einfachere Version von dem auf der Vorderseite. Er hat nur zwei Stufen, eigentlich nur eine niedrigere und höhere Wand, und dafür in der Mitte zwei rundbögige Nischen und oben zwei offene Rundbögen.

Hier ist der Kontrast zwischen der tatsächlichen Gotik unten und dem neueren Teil oben offensichtlich.

Aber vielleicht muß man den neuen Teilen der kleinen Kirche zugute halten, daß sie sich gar nicht bemühen, neogotisch zu sein. Vielleicht setzte in ihnen wie in der backsteinernen Mariensäule am Weg zum Eingang einfach ein örtlicher Maurer seine ganz unakademischen Vorstellungen davon, wie die Kirche weitergebaut werden sollte, um. Letztlich passen diese Formen so gut in die 1880er wie in die 1920er Jahre. Es ist schwer vorstellbar, daß der Umbau irgendeinen anderen Grund hatte als den Repräsentationswunsch des Gutsbesitzers, denn klein war Matarnia immer und eine geschichtliche Bedeutung hatte es selbst in seiner Zeit als Grenzort kaum. Und von wo sollte man die Kirche auch sehen? Sie hat tatsächlich erst ein Publikum, seit direkt vor ihr die Bahnstrecke verläuft. Ein wenig ist es, als hätte sie sich immer auf diesen Moment vorbereitet.

Ihren gegenwärtigen Zustand hingegen verdankt die Kirche einer Renovierung wohl in den siebziger Jahren, wie am grauen Putz, aber auch an den gleichsam archäologisch herausgearbeiteten Bauphasen zu erkennen ist. Aus dieser Zeit hat sie auch zwei hübsche Laternen mit runder Stange und in einer eckigen, etwas breiter werdenden Form gefaßtem Leuchtelement. Eine steht vor der Rückseite, die zweite an einem auf die rechte Seite zuführenden Weg. Wie er nach dem kleinen Tor mit einigen Steinplatten beginnt, dann in der Wiese verschwindet, aber dank zwei niedrigen Büschen, der Laterne und dem zugemauerten Bogen doch erkennbar bleibt, ist überraschend schön.

Der minimale Garten, die neue Laterne und das alte Gebäude werden zu einer harmonischen Einheit. Hier merkt man, daß diese Laternen aufzustellen ein nicht weniger schöpferischer Akt als Bau und Umbau der Kirche war.

Genutzt wird die kleine Kirche heute besonders von einem Storchenpaar.

Schon im Winter bemerkt man das große Nest links auf dem rückwärtigen Giebel und man könnte meinen, daß es die Symmetrie bricht. Doch im Sommer, wenn es bewohnt ist, scheint es eher, als unterstützte es sie, denn dann sitzen zwei Störche über zwei backsteinernen Bögen.

So hat das alte Matarnia mehr, als man von der Autobahn, und ein wenig mehr, als man von der Bahn erahnen kann. Zu dem, was man sieht, kommt das, was man nicht sieht. Hinter dem Gutshaus sind einige umgebaute Wirtschaftsgebäude, aber wie die Leute, die dort arbeiteten, lebten, das sieht man nicht mehr. Ihre Häuser waren wohl aus Holz und sie sind spurlos verschwunden. Wie meist, wenn man das Alte sieht, sieht man es nur in Resten, sieht nur das Alte der Reichen und Mächtigen. Man sieht nie alles, ob von der Autobahn oder vom Kopfsteinpflaster, aber das ist in Ordnung, solange man es weiß.

Metamorphosen und Ausstrahlungen einer Schule

Nicht immer verraten Gebäude alles, nicht immer ist die Anschauung genug, sie wirklich zu verstehen. In der Żeromskiego (Żeromski-Straße) in Trzcianka beispielsweise:

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Gleich auf den ersten Blick ein Schulgebäude aus den Zwanzigern, zur Bauzeit und lange danach eines der modernsten Gebäude der Stadt. Drei Geschosse, die großen Fenster durch Backsteinflächen zu horizontalen Bändern zusammengefaßt. Über den beiden Eingängen dünne halbrunde Vordächer, die beidseits auf massiven, aber stark abgerundeten Backsteinwänden mit horizontaler Struktur ruhen.

Das könnte alles sein. Ein nicht herausragendes, aber makelloses Beispiel dafür, wie fortschrittliche Architekturmoden in die östliche Provinz unweit der damaligen Grenze zu Polen drangen. Auch der leidige deutsche Backsteinexpressionismus ist hier schon überwunden, es gibt keine monumentalen Elemente. So weit reicht die Anschauung. Einziger kleiner Punkt der Irritation könnte das leicht überstehende backsteinerne Gesims unterhalb des Flachdachs sein. Etwas an ihm ist zu ornamental und für ein solches Gebäude betont es das Dach zu sehr.

Nicht Aufklärung, die nie nötig schien, sondern einen ganz neuen Blick verschafft auf Polnisch, Englisch und Deutsch eine neue Informationstafel an der Seite des Gebäudes.

Die Schule, erfährt man, wurde ursprünglich 1895 in zweifelsohne historistischen Formen erbaut und bekam in den zwanziger Jahren ihre heutige Gestalt. Noch später, bereits zu polnischer Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wurde das große Walmdach durch das heutige Flachdach ersetzt. Damit wurde vollendet, was in den Zwanzigern begonnen worden war, denn die Gebäudeformen verlangen ein Flachdach. Das Gesims ist die letzte Spur des Alten.

Insgesamt also ist das Gebäude kein Neubau, sondern ein alter mit auf die Höhe der Zeit gebrachter Fassade. Es spricht für Trzcianka, dieses Bedürfnis nach wenigstens äußerlicher Modernität verspürt zu haben. Ansonsten findet man in der Stadt wenige Gebäude, die so weit gehen. Das meiste andere, was in den Zwanzigern entstand, ein Viertelkreis von Häusern am Straßenanfang beim Bahnhof etwa, ist in dem Formen weit konservativer, immer hohe Dächer, Treppengiebel. Weiter draußen gibt es viele satteldächige Einfamilienhäuser, die aus der Nazizeit sein könnten. Einzig ein Wohngebäude am Anfang der Sikorskiego (Sikorski-Straße) nach den Gleisen faßt seine Fenster auf ähnliche Art mit Backstein horizontal zusammen.

Und dann ist da noch ein kleines Häuschen in der Dąbrowskiego (Dąbrowski-Straße).

Es sieht aus wie die anderen Häuschen dort: ein einziges niedriges Geschoß parallel zur Straße, vier Fenster, Eingang in der Mitte, Satteldach, ein eigentlich dörflicher Haustyp, der kaum ins 20. Jahrhundert paßt, was man umso mehr merkt, als dahinter die fünfgeschossigen Bauten eines Wohngebiets aufragen. Aber etwas ist an ihm anderes.

Im dreieckigen Giebelfeld an der linken Schmalseite sind um ein dreieckiges Fensterchen ganz oben und zwei quadratische seitlich dunkle Rahmen gemalt, was noch nicht ungewöhnlich ist, aber zudem gibt es bloße Backsteinflächen beidseits des größeren Fensters in der Mitte – bandartige Verbreiterungen. Außerdem ist der Eingang mit seiner kleinen Treppe nicht bloß wie bei anderen Häuschen deutlich zurückgesetzt, sondern hat geschwungen zu ihm hin schmaler werdende Seitenwände.

Das sind nur kleine Details, doch die genügen, das Häuschen in eine Verbindung zum Schuldgebäude in der Parallelstraße, das von seiner Schwelle fast zu sehen ist, zu setzen. Ein Maurer habe sich das Häuschen gebaut, heißt es, und es ist gut vorstellbar, daß er am Umbau der Schule beteiligt war und als aufgeschlossener Arbeiter ein wenig von den dort kennengelernten neuen Formen für sein eigenes Heim verwandte.

Es ist eine hübsche Geschichte der Ausstrahlung von Architektur an die unwahrscheinlichsten Orte. Hier muß wieder die Anschauung genügen, eine Informationstafel hat das Häuschen nicht und wird es wohl nie haben. So wie das Schulgebäude nicht ganz war, was es zuerst schien, war auch seine Wirkung auf Trzcianka weit größer, als es zuerst scheinen mochte. Es gibt noch vieles, was auch dieses großpolnische Provinzstädtchen verraten könnte.