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Erkundungen auf Friedhöfen: Sprachen in Kynšperk

Der Friedhof des Städtchens Kynšperk nad Ohří unweit von Cheb ist recht deutlich zweigeteilt. Der ältere Teil direkt hinter dem Tor ist deutsch, da die Bevölkerungsmehrheit bis 1945/46 deutsch war.

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Obwohl das nicht mehr so ist und es das Königsberg, von dem manche der Steine sprechen, nicht mehr gibt, ist er keineswegs verwahrlost. Auch ganz hinten, wo viele Steine umgefallen oder mit Efeu bewachsen sind, ist sein Zustand immer noch viel besser als der des örtlichen jüdischen Friedhofs, der 1938 von ebendiesen Kynšperker Deutschen verwüstet worden war und den zu pflegen niemand übrig blieb.

Das ist mit dem deutschen Teil des Friedhofs auch deshalb anders, weil nach dem Krieg durchaus nicht alle Deutschen ausgesiedelt wurden. Einige konnten bleiben, entweder, weil sie Widerstand geleistet hatten und der Tschechoslowakei treu geblieben waren, oder, häufiger, weil sie in wichtigen Industriebetrieben gebraucht wurden. Die Bestattungen brachen daher 1945 nicht einfach ab.

Der andere Teil weiter links ist tschechisch. Die Gräber sind allesamt neuer und sehen auch anders aus. Oft gibt es hier Grabsteine in der Form kleiner Vitrinen mit Glastüren, hinter denen die Urnen der Verstorbenen stehen.

Neben Kreuzen sieht man nun auch hussitische Kelche. An den Friedhofsmauern sind oft Kolumbarien, ein weiterer Ausdruck des antikatholischen tschechoslowakischen Faibles für Feuerbestattung.

Zu den tschechischen Namen kommen hier manchmal slowakische und ungarische, da viele der Siedler in den ehemals deutschen Teilen des Landes aus der Slowakei stammten. So kam es, daß noch 1960 ein Grab in Kynšperk ungarisch beschriftet wurde, allerdings auch nur halb, da die Monatsnamen tschechisch sind.

Sicherlich auch den Wirren des Kriegs geschuldet, aber nicht mehr einfach zu erklären ist das Grab des 1958 verstorbenen Alexander Michailow mit russischer Inschrift.

Auch die neueren deutschen Gräber setzen nicht einfach das Vorangegangene fort, sondern zeigen die Einflüsse der tschechischen Umwelt. So deutsch etwa der röhrende Hirsch und der Vorname Horst auf einem Grab sind – der Nachname lautet tschechisch Šašek.

Obwohl auf einem anderen Grab sonst alles deutsch geschrieben ist und sogar als Herkunft Klingen, ein heute nur noch schwer aufspürbarer Ortsteil von Kynšperk, genannt ist – die Berufsbezeichnung „Mechanisátor“ ist tschechisch, weil die Familie nicht gewußt hätte, wie sie einen für die Maschinen einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft verantwortlichen Techniker auf Deutsch hätte nennen sollen.

Das Grab des Erhard Wilfer schließlich ist teils auf Tschechisch und teils auf Deutsch beschriftet. Oben sind tschechische Verse, wie man sie in den Katalogen von Bestattungsunternehmen auswählen kann, unten steht: „Hier ruht in Gott unser innigst geliebter Sohn Erhard. Wir werden Dich nie vergessen!“

Für sich genommen sind die beiden Inschriften dieses Grabsteins gleichermaßen konventionell, aber zusammen werden sie durch ihre unterschiedlichen Sprachen einzigartig.

Heute ist Kynšperk nad Ohří denn eine tschechische Stadt und auch diejenigen ihrer Bewohner, deren Vorfahren deutsch oder was auch immer sprachen, sind bohemisiert. Ihnen geschah, was mit dem Namen der Stadt geschah. Neben dem alten Namen Königsberg kann Kynšperk leicht als Verhöhnung erscheinen. Vielleicht aber entspricht die Schreibweise genau dem, wie die örtlichen Deutschen ihren Ort aussprachen – Kinschperk. Vielleicht wurde der Name weniger bohemisiert als in der Orthographie dem Kynšperker Dialekt angepaßt. Zumindest der Stadtname verbände dann die beiden Teile und beiden wichtigsten Sprachen dieses Friedhofs – und das unbemerkt von den Sprechern der einen wie der anderen Sprache.

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Beim Blick über Hammelburg

Wenn man vom Baderturm, einem der drei erhaltenen Türme der ehemaligen Stadtmauer, über Hammelburg schaut, sieht man ein Häusermeer, aus dem einige Kirchtürme, der Treppengiebel des Rathauses, die Dächer des Schlosses herausragen – und die gelbe Brandmauer eines Eckbaus in der Kissinger Straße.

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Diese Brandmauer, das ist der Kapitalismus. Er ist es, der das Maß der trotz allen Veränderungen und Bränden noch mittelalterlichen Stadtstruktur rüde durchbricht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn deren Maß kann nicht mehr das unsrige sein. Aber es ist ist wohlgemerkt keine irgendwie fortschrittliche Architektur, mit der er das tut. Es ist kein Hochhaus, keine die alte zerbrechende Stadtplanung, sondern ein von Nahem nicht einmal bemerkenswerter oder bemerkbarer Teil der Blockrandbebauung.

Der Kapitalismus bringt Hammelburg nicht das gute Neue, sondern das Schlechteste der Großstädtischkeit, die Brandmauer.

Daß es etwas Neues gibt, auch in Hammelburg – der Blick vom Turm verrät es nicht. Dabei könnte es anders sein. Der sozialstaatliche westdeutsche Kapitalismus kam auch in der unterfränkischen Provinz nicht umhin, „so zu tun, als sei er keiner“ (Ronald M. Schernikau) und baute unter Verwendung fortschrittlicher städtebaulicher Konzepte drei Siedlungen.

Eine von ihnen liegt im Südosten der Stadt direkt hinter dem Friedhof. Schon die Straßennamen sind westdeutsche Ideologie en miniature: Adolf-Kolping (irgendwie sozial, definitiv christlich), Kant (Ostpreußen), Eichendorff (Schlesien) und Adalbert-Stifter („Sudetenland“).

Am Rand sind zweigeschossige Doppelhäuser mit Satteldach, im Hauptteil locker aufgereiht um offene Grünanlagen erst zweigeschossige, dann dreigeschossige Gebäude mit Satteldach und in der Mitte als vertikale Dominante ein siebengeschossiges Punkthaus – mit Satteldach.

Wenig überraschenderweise befindet sich Hammelburg damit tief im konservativen Spektrum der westdeutschen Nachkriegsarchitektur. Etwas Neues, in der ganzen Stadtgeschichte nie Dagewesenes ist die Offenheit und Großzügigkeit der Siedlung dennoch.

Diese Siedlung könnte man beim Blick vom Baderturm sehen, ja, man sieht das Dach des Punkthauses sogar (im obigen Bild weit links), aber man bemerkt es nicht, da es gleichsam mit den Dächern der höhergelegenen Altstadt verschmilzt. Und das, das ist das Problem. Das ist falschverstandener Respekt vor dem Alten. Eine selbstbewußte fortschrittliche Architektur würde sich nicht scheuen, sich mit einem doppelt, dreifach so hohen Punkthochhaus in wirklich neuen Formen in das Panorama Hammelburgs einzubringen.

Doch der Kapitalismus kennt keinen Respekt. Wo fortschrittliche Architektur, die in ihrer Konsequenz über den Kapitalismus hinausweist, dem Alten etwas Neues zur Seite stellen würde, da errichtet er nur eine Brandmauer.

Abstrakter Historismus

Im mittelböhmischen Nymburk gibt es eine hussitische Kirche par excellence.

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Von vorne und von der Seite führen Stufen hoch hinauf zu den Eingängen, vor denen sechs eckige Stütze ein Vordach mit der Aufschrift Husův sbor (etwa: Hus-Kirche) tragen. Darüber sind an den Seiten Teile mit je drei hohen vertikalen, aber horizontal untergliederten Fenstern. In der Mitte ist leicht zurückgesetzt der schmale und hohe Turn, der hier ein bis fast ganz hinauf verlaufendes vertikal strukturiertes Fenster hat. Erst ganz oben sind nach, rechts und links Öffnungen mit horizontalen Geländerstreifen. Auf dem flachen Turmdach steht ein großer kupferner Kelch, aus dem ein doppeltes Kreuz ragt. Der dahinter anschließende Saal ist etwas niedriger als der Eingangsteil und hat an den Seiten je sechs vertikale Fenster.

Was diese Kirche auszeichnet, ist größtmögliche Monumentalität bei völlig schmucklosen Formen.

Ohne daß irgendwelche historistische Ornamentik vorhanden wäre, sieht man doch überall historische Vorbilder. Die Stufen sind eine Pyramide, die Stützen ein Tempel, der Turm ein Campanile der Renaissance, die Seiten gotisch. Wie einfach das geht! Der dunkle Stein der Treppen und der Stützen, der cremefarbene Putz, das grünstichige Glas und schließlich der grüne Kelch. Wie lachhaft daneben alle frühere historistische Architektur wirkt! Etwa die irgendwie neoklassizistische evangelische Kirche von 1897 an der Ecke schräg gegenüber.

Solch ein nichtiger, unbeholfener Bau. Wenn ihr schon historistische Bezüge wollt, scheint ihr der Husův sbor zuzurufen, dann macht es wenigstens richtig, macht es wie ich.

Das, was sie will, monumental zu sein durch Zitate historischer Architektur, aber ohne deren Ornamentik, eine Art abstrakter Historismus zu sein, gelingt dieser 1936 errichteten Kirche perfekt. Daß es nicht das Richtige ist, daß nicht das zu wollen ist – das ist eine andere Frage.

Das kapitalistische Kladno

Der Grundstein von Kladno war keiner der Steine, mit denen das erste Gebäude des mittelböhmischen Städtchens irgendwann vor 1318 erbaut wurde, sondern eher einer der Steinkohlebrocken, die sich in der Umgebung seit jeher fanden. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Bedeutung der Kohle erkannt wurde, kam es zu einem wahren Gold-, das heißt Kohlerausch, in dem die verschiedensten Gestalten, erfahrene Bergleute wie Abenteurer, ihr Glück versuchten. Es war Jan Váňa (auch: Johann Wania), der am 1. November 1846 das erste ergiebige Flöz fand und damit den eigentlichen Grundstein für Kladnos moderne Geschichte legte. Aus der Provinzstadt bei Prag wurde im rasenden Tempo eine Industriestadt und Stadt der Arbeiterbewegung.

Kladno entstand als kapitalistische Stadt, spontan, wild, planlos. Unten im Tal bei den Bergwerken und Fabriken breitete sich das Kladno der Arbeiterklasse aus, das allerdings aus Dörfern bestand, die lange nicht zur Stadt gehörten. Es sind weite Gegenden mit meist eingeschossigen vorstädtischen, im eigentlichen dörflichen Häuschen. Immer ein Geschoß längs der Straße, darauf ein Satteldach, dahinter, vielleicht, ein Gemüsegarten.

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Hier findet man in einer dann ins Industriegebiet auslaufenden Straße eine Gedenktafel für die kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová, die dort aufwuchs und in ihrem Roman „Siréna“ die Geschichte der Stadt beschrieb. Heute heißt die Straße nach ihr.

„In diesem Haus verlebte Nationalkünstlerin Marie Majerová ihre Kindheit und lernte die Welt der Berg- und Metallarbeiter kennen. Autorin von „Siréna“ [Die Sirene] und „Havířská baláda“ [Bergmannsballade].“

Oben auf dem Hügel war das Kladno des Bürgertums. Zwar waren die ersten Verwalter noch naiv genug gewesen waren, ihre Villen in der Nähe der Fabriken und Bergwerke zu bauen, aber bald kam es zur stadträumlichen Separation der sich stetig schärfer herausbildenden antagonistischen Klassen.

Das klingt so plakativ, daß man es für eine Karikatur halten kann, doch so war der Kapitalismus eben auch in Europa, bevor er gezwungen wurde, sich zu verstellen.

Das alte Kladno lag am Hang dazwischen, aber eher weiter von den Arbeitergegenden entfernt als von den bürgerlichen. Es ist ebenfalls karikaturhaft symbolisch, daß der zentrale Platz stark abschüssig ist. Alles, was irgendeinen architektonischen Wert hat, liegt abseits davon. Von Süden schaut aus der Straße Plukovníka Stříbrného ein ehemaliges Rathaus herein, ein schmaler und hoher klassizistischer Bau mit dorischen Pilastern im Erdgeschoß und schlankem achteckigen Uhrtürmchen.

In derselben Straße steht die Synagoge, die, wiewohl von 1884, unter ihrem neobarocken Schmuck einfach ein großzügig verglaster Saalbau ist.

Im Norden steht das Schloß, ein bescheidener dreiflügliger Barockbau am Rande des steil abfallenden Hangs mit zwei Geschossen und recht engem Hof.

Von hier aus wurde das Gut verwaltet, das vor der Erschließung der Kohle die Grundlage von Kladnos Wirtschaft war. Im Südwesten steht die Kaple svatého Floriána (Florianskapelle) , ein ganz südlich, italienisch wirkenden Rundbau mit vielfach ein- und vorgewölbter Fassade.

Den Platz selbst prägt jedoch, trotz einigen älteren Häusern und einer barocken Mariensäule, die neureiche Geschmacklosigkeit des späten 19. Jahrhunderts, die die Stadtherren ein Rathaus in Formen der Neorenaissance und eine Kirche in Formen der Neoromanik errichten ließen.

Aber die Stadt schon lange über ihr altes Zentrum hinausgewachsen.

Kladno war sich der Bedeutung der Steinkohle sehr bewußt und schon 1854 wurde ein großer Findling für Jan Váňas Entdeckung aufgestellt. Im Jahre 1954 setzte die nunmehr sozialistische nunmehrige Tschechoslowakei diesen Váňův kámen (Váňa-Stein) auf einen Sockel, auf dem außerdem noch zwei überlebensgroße Bronzeplastiken von Bergarbeitern aufgestellt wurden. Der Kumpel von 1854 mit Hacke und Öllampe reicht dem Kumpel von 1954 mit Preßlufthammer und Helmlampe über den Stein die Hand.

Ein Jahrhundert Kladnos, sein wichtigstes, das, in dem es wirklich entstand, ist so an zentralem Ort in einer Grünanlage oberhalb der Altstadt zusammengefaßt und die Menschen, die es ermöglichten, geehrt. Denn nicht der zufällige Finder des ersten Steins, sondern Generationen von Arbeitern schufen das heutige Kladno. Das Denkmal ist in dieser Form schon ein Grundstein für das sozialistische Kladno.

Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.

„Schau Leser hie ein Bild“

Barock und Memento Mori – das paßt gut zusammen. Dennoch kann die Stärke eines barocken Memento Mori, einer Erinnerung an Tod und Vergänglichkeit, beinahe überwältigen. Dieses in Bergen etwa:

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Es ist eine große rechteckige Platte aus Sandstein, die oben einen giebelartigen Abschluß aus einem großen halbrunden Bogen und zwei kleineren seitlichen Bögen hat. In der Giebelfläche ist das Relief einer Sanduhr mit Fledermausflügeln. Während die Flügel sich in die seitlichen Bögen ausbreiten, ragt die Sanduhr in den mittleren hinein, wo über ihr in dessen Rund die Worte „Weg, Eitelkeit“ stehen.

In der zentralen Fläche ist zuerst ein Text, bei dem die Umrisse der Buchstaben im Gegensatz zum erhabenen Relief flach in den Stein hineingearbeitet sind:

„Schau Leser hie ein Bild/wie Blumen bald vergehen/und wie die Wasserblas/kein Augenblick bestehen/erkenn hieran o Mensch/so flüchtig ist dein Leben/drumb trachte stets darnach/dich Jesu zu ergeben“

Darunter ist ein weiteres Relief: Eine menschliche Figur, vielleicht eine Frau, vielleicht ein Engel, die links auf einen Totenschädel gestützt dasitzt oder vielmehr gleichsam gemütlich hingelagert ist. Unter dem Schädel sind gekreuzte Knochen und im Hintergrund links ist eine Kugel mit Kreuz. Nach rechts hält die Figur etwas Längliches in der Hand, aus dem etwas Rundes kommt, während schon mehrere runde Formen darunter und darüber schweben. Dank dem Text erkennt man es als ein Röhrchen, aus dem Wasserblasen kommen. Sogar das Platzen der Blasen ist vielleicht dargestellt, indem zwei von ihnen als Halbkugeln vorragen, zwei andere aber kaum mehr als poröse Flächen sind.

Ist diese Seite des Steins allgemein, so wird die zweite äußerst konkret. Denn dieses Bergener Memento Mori stand nicht einfach irgendwo herum, dazu war der Barock doch zu pragmatisch, wenn auch auf heute schwer verständliche Weisen. Es ist vielmehr ein Grabstein, der bei der damals deutschen Mariakirken (Marienkirche) zwischen zumeist viel neueren und eisernen Grabsteinen steht.

Das Relief in der Giebelfläche zeigt hier ein lockiges Engelsgesicht mit Flügeln. Der Kopf ist im mittleren Bogen, während die Form der gefiederten Flügel genau in die der seitlichen Bögen eingepaßt ist

In der zentralen Fläche ist wiederum zuerst ein Text:

„Weil Jesus unser Bräutigam/uns Schwestern drey gar schön/ ge[?]iert: so folgen wir dem Gottes/Lamm: als seine Braut wie er uns/führt: aus dieser Wallefarts/kurtzen Zeit: zur freudenfollen/Ewigkeit“

Nach der Zeile, in der das Wort „Ewigkeit“ zentriert gesetzt ist, geht es weiter:

„Anna Elisabet Mestmachers gebohren/1702 den 3 Septemb. starb 1704 den 21/ May: Anna Mestmachers gebohren/1706 den 23 Septemb. starb 1707 den/18 Januar: Anna Mestmachers gebohren/1707 den 14. Decemb. Starb 1711/den 5 Augusti“

Das Relief darunter zeigt drei identische Mädchengestalten in langen Kleidern und mit Palmwedeln im Arm, wobei die mittlere am kleinsten, die linke etwas größer und die rechte am größten ist. Dank dem Text erkennt man in ihnen die drei als Kleinkinder verstorbenen Schwestern Mestmacher (das „s“ dürfte ein Genitiv sein), vielleicht in Hochzeitskleidern.

Das beinahe Überwältigende, Schockierende auch an diesem Grabstein ist wohl, daß er frei von jedem Zeichen von Trauer und gleichsam unpersönlich ist. Die Geschichte, die er erahnen läßt, ist dabei durchaus traurig und persönlich, wenn auch für die Zeit nicht ungewöhnlich. Man kann annehmen, daß es die Trauer über den Tod auch der dritten Anna, die endlich etwas älter zu werden schien, war, der die Eltern Mestmacher zur Errichtung des Grabsteins bewog. Die Texte aber zeigen nichts davon. Der eine ist ein Memento Mori, das allgemein von der Flüchtigkeit des Lebens spricht und diese zum Argument für den Glauben macht. Der zweite kleidet das schreckliche Ereignis des Todes der drei Kinder in das Bild ihrer Ehe mit Jesus, die sie in die „freudenfolle Ewigkeit“ führt. Es ist eine spezifisch protestantische barocke Stimmung, die aus diesen Texten sprecht.

Die Reliefs illustrieren die Worte einerseits nur, ergänzen sie aber auch. In den Giebelflächen ist der Gegensatz zwischen der Vergänglichkeit des Lebens und der Lösung in der Religion in die Bilder der Sanduhr mit den Fledermausflügeln und des Engelsgesichts mit den gefiederten Flügeln gefaßt. Die Flügel bestimmen dabei die Form des Abschlusses des Steins, so daß er beinahe selbst Flügel zu bekommen scheint.

Das Faszinierendste jedoch ist das Relief mit den Wasserblasen. War sie auch nicht so gemeint, so wirkt die Szene der halb liegenden, halb sitzenden Figur ganz friedlich, idyllisch gar. So schlimm scheint dieses wasserblasengleiche Leben nicht zu sein, zumal der Tod ja in doppeltem Sinne hinter ihr ist, einmal im Totenkopf und einmal in der anderen Seite des Steins. Man bekommt so zudem einen weiteren Einblick in die Entstehungszeit des Grabsteins: auch im frühen 18. Jahrhundert spielten Kinder schon mit Seifenblasen. Die Familie Mestmacher wollte von ihrem Verlust und ihren religiösen Ansichten, die diesen verwandelten, erzählen, aber sie erzählte ungewollt auch vom Alltag ihrer Zeit.

Nach all den Jahrhunderten erinnert dieses Memento Mori sogar im Bergener Regen eher an das Leben.

Wohngebiet Moravské Předměstí

Das Wohngebiet Moravské Předměstí ist eines von drei großen fortschrittlichen Wohngebieten in Hradec Králové. Alle führen sie die fortschrittlichen Bestrebungen der Zwischenkriegszeit auf interessante Weisen fort, aber die Moravské Předměstí (Mährische Vorstadt) geht dabei am weitesten.

Gelegen im Süden der Stadt jenseits des Gočárův okruh (Ring von Schnellstraßen um das Stadtzentrum), hat das Wohngebiet vor allem fünf- und achtgeschossige Gebäude, die zu offenen Höfen angeordnet sind, wobei immer auch Einfamilienhausbebauung aufgenommen ist. Nach der zentralen Straße fächert sich die Bebauung beidseits eines Parks auf, wo die achtgeschossigen Gebäude dann länger werden und mäandernde Strukturen bilden.

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So ergibt sich eine schöne städtebauliche Struktur, eine große Achse, die von den im Norden zu sehenden Türmen des alten Hradec Králové in die offene Natur und weiter in die dörfliche Bebauung auf dem nächsten Hügel und dahinter führt. Die Gebäude entsprechen dabei dem unauffälligen tschechoslowakischen Durchschnitt.

Herz der Moravské Předměstí ist die zentrale vierspurige Marxova třída (Marx-Allee), heute Benešova třída (Beneš-Allee). Entlang von ihr stehen 13-geschossige Gebäude und auch sie sind bloß etwas auffälliger als die anderen. Zum übrigen Wohngebiet haben sie je zwei leicht vorgesetzte Treppenhäuser,

zur Straße viele Balkone und um die wenigen Fenster dunkelrote Verkleidung mit schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl.

Vor dem zweiten Geschoß verlaufen straßenseitig Terrassenebenen. Allein, es ist hier nicht mehr das zweite Geschoß, da die Straße nur etwas niedriger verläuft, während die Anliefer- und Parkfläche dazwischen wiederum noch tiefer als der Boden auf der anderen Seite liegt.

Aber wo genau denn der Erdboden ist, wird unwichtig, sobald man das von einem Vordach überspannte Terrassensystem, das sich beidseits der Straße ausdehnt, betreten hat.

Die Gebäude stehen jeweils im Wechsel näher und weiter von der Straße, was dem Terrassensystem eine Struktur gibt, die man aber nicht sofort bemerkt. Für den Fußgänger wechseln sich die Terrassen vor den Wohngebäuden mit pavillonartig vorgesetzten ein bis zweigeschossigen Bauten ab.

Sowohl in den zur Terrasse geöffneten Geschossen der Wohngebäude als auch in den Vorbauten sind eine Vielzahl von Läden, Restaurants, Cafés, Kneipen und öffentlichen Einrichtungen. Die Vorbauten sind durch innengelegene Passagen oder außengelegene Kolonnaden weiter differenziert. Zusammengefaßt wird all das durch das auf schlanken eckigen Stützen ruhende und in regelmäßigem Abstand mit Oberlichtern geöffnete Vordach. Es legt sich über die Terrassen oder überspannt auch einmal einen größeren Bereich zwischen einem Wohngebäude und einem Vorbau. Die bestimmenden Farben sind dabei, wie es zum Straßennamen paßt, neben dem hellen Grau des Betons verschiedene Rottöne. Zum Dunkelrot der Wohngebäude kommt das kräftige Hellrot der Vorbauten und das nunmehr ausbleichende Rot, in dem die Seiten der Vordächer, die Stützen und Teile der Geländer  gestrichen sind.

Brücken, Treppen und Rampen verbinden die einzelnen Teile  des Terrassensystems untereinander und mit dem übrigen Wohngebiet. Es ist ein großer erhöhter Boulevard, der so entsteht, ein Bereich vieler untereinander gut verbundener Inseln, ein wohlgeordnetes Venedig.

Das Problem jedoch bleibt auch hier die Straße. Das Terrassensystem hat den gleichsam natürlichen Drang, nicht nur die Anlieferwege, sondern auch die Straße selbst zu überbrücken und den Fußgänger über den Autoverkehr zu erheben. Das geschieht hier nicht.  Auf der Ebene der Straße ist noch zu vieles andere, was dort nicht hingehörte: Parkplätze, kleine Grünanlagen mit rechteckigen Hochbeeten und Brunnen. Und sogar um die Straße zu überqueren, muß man sie zumeist betreten. Außer der gelungenen Unterführung am südlichen Ende, die aber schon nicht mehr Teil des Terrassensystems ist, gibt es am nördlichen Ende noch eine unangenehm dunkle Unterführung und ansonsten bloß Zebrastreifen.

Allerdings ist die Straße für ihre Größe eigenartig wenig befahren. Grund dafür ist ein städtebauliches Versäumnis: sie wurde nie an den Schnellstraßenring angeschlossen. Die  Marxova Třída endet nach einem Bogen in einem weiterhin vierspuriger Teil, der vor allem als Parkplatz dient.

Er hat alles, was eine Straße braucht, verläuft etwas erhöht, scheint fertig, hat sogar eine Unterführung für Fußgänger, aber endet im Nichts  – ein Schauspiel, das gerade im straßenverliebten Hradec Králové noch etwas trauriger ist als es anderswo wäre.

So verlieren sowohl das grundsätzlich großartige Terrassensystem des Boulevards als auch die Straße viel von ihrem Sinn – dieses, weil es die Straße nicht überbrückt, jene, weil sie nicht wirklich an das Straßennetz der Stadt angeschlossen ist.

Hinzu kommt der Verfall, den der Kapitalismus brachte.

Viele der so wichtigen Verbindungen, der Treppen, Rampen und Brücken sind abgesperrt.

Durch das Vordach tropft es.

Läden stehen leer, wenn auch noch genug für städtische Lebendigkeit bleibt. In der Mitte des Boulevards wurden die Terrassen entfernt und über einen Zebrastreifen eine große Konstruktion aus Glas und weißem Stahl, wie sie in der Stadt beliebt sind, gebaut.

Das Wohngebiet Moravské Předměstí bleibt somit hinter dem zurück, was es erreichen wollte und hätte erreichen können. Wo eine Lösung sein könnte, ist nur ein Ansatz, ein weiteres Glied in der beeindruckenden Kette von Fortschritten, die die Stadtplanung von Hradec Králové seit den zwanziger Jahren gemacht hatte. Sogar in seinen Mängeln, das heißt der Straße, bleibt es sehr vom Genius Loci einer Stadt erfüllt, die früher und konsequenter als andere in der Tschechoslowakei ihr innerstädtisches Straßennetz plante. Gewiß wäre es möglich,das Wohngebiet ob dieser Mängel abzutun – wenn denn nach ihm noch etwas anderes gekommen wäre. Die Stadtplanung in Hradec Králové, die schon unter kapitalistischen Bedingungen in der ersten Republik herausragend gewesen war, endete mit der Restauration des Kapitalismus nach 1989. Schon deshalb gilt, daß die Moravské Předměstí ein wertvolles Beispiel der fortschrittlichen tschechoslowakischen Architektur ist, an das, in Hradec Králové und anderswo, einmal anzuknüpfen sein wird.