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Bahnhof Rožná

Ein typischer Bahnhof, wie ihn die Tschechoslowakei vor allem in ländlichen, ehemals rückständigen Gegenden, wie hier in der Mitte von Mähren, baute. Meist sind die Bahnhöfe dort eines der wenigen und immer eines der schönsten Zeichen des Sozialismus. Sie gleichen sich oft sehr, sind aber fast nie identisch. Standardisierung, Typisierung mit großen individuellen Variationen ist überhaupt ein Merkmal der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur. Deshalb ist auch der Bahnhof von Rožná nicht einfach wie Dolný Kubín zastávka.

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Vor dem Bahnhof wird die eingleisige Strecke kurz zweigleisig, damit sich entgegenkommende Züge einander passieren können, und da steht das Bahnhofsgebäude. Links ein kürzerer zweigeschossiger Teil, rechts ein längerer flacher, beide in grauem Putz, beide mit zur Mitte hin leicht abgesenkten Dächern. Links ist im oberen Geschoß die Wohnung des Stationsvorstehers, die an der linken Schmalseite einen über die fortführenden Gleise zeigenden Balkon hat, während im Erdgeschoß die Betriebsräume mit einem vorgesetzten verglasten Teil sind.

Rechts schließt ein von runden und teils mit ranken bewachsenen Stützen getragenes Vordach an, in dem in blauen Buchstaben auf quadratischen weißen Leuchtflächen der Name steht: Rožná.

Zuerst führen Glastüren in den Warteraum mit Gepäckaufbewahrung und Schaltern. Tische und Stühle laden zum Verweilen ein, es gibt die obligatorischen exotischen Pflanzen und weitere Glastüren führen in den Ort.

Unter dem Vordach, vor den Fenstern des Wartenraums, steht dann eine lange rote Bank, bis es zu den Toiletten noch etwas tiefer hineingeht.

Abschließend ist in der Schmalseite unter anderem ein offener Abstellraum für Geräte des Bahnbetriebs. Von der Ortsseite zeigt sich der Bahnhof sogar noch schlichter.

Nichts markiert den Eingang besonders, denn man kann um das freistehende Gebäude ja ebensogut herumgehen.

Schmuckstück des Bahnhofs aber und das einzige, was ihn in seine Region einordnet, ist eine große Karte, die rechts an der den Vordachbereich abschließenden Wand hängt. Auf Kunststoff (Holz?) gedruckt zeigt sie in großem Detail Svratecko, die Gegend des Flusses Svratka. Was auch immer man darüber wissen will, die Karte wird es einem sagen.

Sie wurde vom Verlag Kartografie, n.p., Praha nach Daten aus dem Jahre 1980 für den Svaz Turistů ČSSR (Wanderverband der ČSSR) angefertigt und daß es eine Karte aus der sozialistischen Zeit ist, merkt man daran, daß die Legende auch Arbeiterkämpfe, Demonstrationen (roter Hammer) und Bauernaufstände (rote Sichel) nennt.

Heute ist die diese Karte dem Besucher so nützlich wie zu der Zeit, als sie aufgehängt wurde, ganz gleich, ob er von fernher oder für einen Ausflug aus dem nahen Brno kommt.

Etwa zeigt die Karte einen gelben Wanderweg zur Burg Pernštejn, der mit nur leicht verändertem Verlauf nach wie vor existiert.

Es ist nicht der kürzeste Weg zu dieser großen gotischen Burganlage, aber der vielleicht beste. Der nähere Bahnhof Nedvědice scheint besser zu ihr zu passen, versteckt sich doch, so wie in Pernštejn das deutsche Bärenstein versteckt ist, in Nedvědice verändert das tschechische medvěd, Bär. Aber während man die Burg von dort recht verdeckt auf ihrem wenig hohen Hügel sieht, führt der in Rožná beginnende gelbe Weg über einen Aussichtspunkt, von dem sich ein Postkartenblick hinab auf Pernštejn im Tal öffnet.

Vom sozialistischen Bahnhof ausgehend und von der sozialistischen Karte geleitet erlebt man so einen sozialistischen Blick auf den alten Herrschersitz, nicht mehr von unten als Untertan, sondern von oben als der nunmehrige Herrscher.

Details wie diese Karte sind es, die die einander so ähnlichen kleinen tschechoslowakischen Bahnhöfe einzigartig machen.

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Das Fachwerktempelchen von Hammelburg

Während der Heroldsberg in Hammelburg ein Freilichtmuseum bürgerlicher Architektur der letzten hundert Jahre ist, befindet sich das schönste Kleinod der Stadt in der nahen Seeshofer Straße.

Dort steht hinter einem großen Vorplatz ein Einfamilienhaus aus den Siebzigern: weißes Erdgeschoß und hohes schwarzes Dach, das nach links zum großen, bis zum Bahndamm reichenden Garten ansteigt. Dazu rechts die große Garage in Weiß mit schwarzem Dachstreifen. Dazwischen ist der Eingang zurückgesetzt, wobei der schwarze Streifen schwebend weiterverläuft, so daß in einem offenen, aber separierten Vorbereich noch ein japanisch-zierlicher Steingarten mit Magnolie seinen Platz findet.

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Es ist ein baulicher Bruder, fast ein Zwilling, eines Gebäudes oben am Heroldsberg, dieselben Farben, derselbe Aufbau, dieselbe westdeutsche Schönheit, zweifelsohne ein Werk desselben Architekten.

Was ihm an Aussicht fehlt, gleicht es durch seine Umgebung aus.

Denn als wäre es selbst noch nicht genug, verbindet es sich mit dem faszinierendsten älteren Gebäude Hammelburgs. Auf der roten Steinmauer, die das Grundstück von der Straße trennt, sitzt etwas, das man nur als ein Fachwerktempelchen bezeichnen kann. Von beiden Seiten steigt die Mauer schräg an, um ihm zu einem Sockel zu werden. Vorne hat es einen Balkon, über dem nur vier dorische Holzsäulen einen dreieckigen Giebel mit Fachwerkstruktur tragen. In der Mitte sind sowohl unten in der Mauer als auch oben im Holz des Tempels Türen, die oben noch dadurch betont sind, daß die Säulen die Mitte freilassen.

Seitlich ist jeweils ein Fenster mit hölzernen Läden und Fachwerk, das aus zwei horizontalen Streben und zwei im S-Schwung beidseits unter das Fenster führenden Teilen besteht.

Das alles wirkt so zierlich, so filigran, daß es so unglaublich wie naheliegend ist, daß es rückwärtig ebenfalls nur auf dorischen Holzsäulen schwebt. Die antikisierenden Formen sind nicht nur mit der lokalen Fachwerkbautechnik verbunden, sondern zum Schweben gebracht, als solle gezeigt werden, daß alles Griechische außerhalb von Griechenland, alles Antike nach der Antike, ohne Basis im Leeren schwebt.

Das Hammelburger Fachwerktempelchen ist wohl nur eine Gartenlaube, ein Gebäude ohne größeren Zweck, eine Spielerei, einst vielleicht nur Anhängsel eines größeren Baus, der die Zeiten nicht überstanden hat. Selbst von wann es genau ist, läßt sich schwer sagen, das gesamte 19. Jahrhundert und ein paar Jahrzehnte davor und danach kommen in Frage. Aber so wichtig ist das nicht einmal, denn seine erstaunliche architektonische Idee gibt ihm einen überzeitlichen Wert. In diesem Gebäude ist weder bloßer Historismus, noch bloße traditionelle Fachwerkarchitektur, sondern eine Verbindung, die über beide hinausgeht und etwas Einzigartiges entstehen läßt.

Jetzt hat das Tempelchen mit dem Einfamilienhaus die Gesellschaft der besten neueren Architektur der Stadt und scheint leerzustehen.

Es sind zwei Kleinodien, im Kontrast und in Harmonie nebeneinander, ein überraschendes Ensemble. Wer dort wohnt, kann sich wohl glücklich schätzen und wer daran vorbeigeht sicherlich. Aber wieder muß geschlossen werden: das Fachwerktempelchen hätte noch viel mehr verdient.

St. Stephen’s Green Shopping Centre

Man kann dieses Einkaufszentrum in Dublin ebensoschwer übersehen wie den Park, nach dem es benannt ist, eher sogar noch weniger. Denn wenn man ans Ende der Grafton Street (Graftonstraße), einer der Haupteinkaufsstraßen des südlichen Stadtzentrums, gelangt, weiß man vielleicht nicht, daß die Bäume vor einem zum größten innerstädtischen Park Dublins gehören, aber daß der riesige Eckbau eine seiner größten Merkwürdigkeiten ist, merkt man auf den ersten Blick.

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Um die Obergeschosse seiner Parkseite und der abgerundeten Ecke legen sich unzählige Rundbögen mit korinthischen Säulchen und ornamentierten Geländern aus weißem Blech. Ihre Formen haben etwas unklar Südliches, Maurisches vielleicht. Obwohl die Bögen Fensteröffnungen nachahmen und teils sogar Blumenkästen vor ihnen hängen, haben sie mit dem eigentlichen verglasten Gebäude nichts zu tun. Entsprechen sie zuerst noch den Geschossen im Inneren, so hängen die obersten Geländer zusammenhangslos vor dem höheren Glasdach. Es handelt sich also um eine Art historistische Vorhangfassade. Ganz oben wird die Ecke von einer großen runden Glaskuppel abgeschlossen.

Was auch immer man nach diesem Äußeren im Inneren erwartete, es übertrifft diese Erwartungen.

Ein weiter Innenraum, den auf drei Geschossen Ladengalerien rahmen, öffnet sich vor einem und auch er ist in bizarren historistischen Formen gestaltet. Von den Decken hängen Leuchter, an Wänden und laternengleich auf Pfählen sind Kugelleuchten. Auf der Fläche des Erdgeschosses erstrecken sich Ladenpavillons mit unzähligen gläsernen Zeltdächern. Das zweite Geschoß hat ornamentierte Geländer, halbrunde Balkone, Säulen. Im obersten Geschoß, das verglast statt offen ist, sind Rundbögenpaare.

Aber alles ist immer nur aus weißem Metallblech, zu dem hier ein blasser grüner Putz kommt.

Über den Innenraum spannt sich ein weites Glasdach. Es hat eine ganz einfache Sattelform, doch sein offenliegendes Stahlgerüst bildet große nach unten geöffnete Halbkreise. Im mittleren von diesen, auf der Hälfte des Innenraums, hängt eine riesige Uhr mit durchsichtigem Zifferblatt und Zeigern und lateinischen Ziffern in blassem Gold.

Diese Uhr ist es, die das Innere des St. Stephen’s Green Shopping Centre bestimmt. Sie ist der Mittelpunkt. Ist alles übrige bereits bizarr, so wird es durch die Uhr geradezu schwindelerregend. Kann man über die historistischen Formen nur lachen, so muß man angesichts dieser Uhr staunen.

Man kann vieles gegen diese Architektur sagen, aber was man ihr nicht vorwerfen kann, sind Halbheiten oder Inkonsequenz. Sie treibt ihr ästhetisches Programm bis zum Äußersten. Das spürt auch ein jeder Besucher und zückt auf der freischwebenden Treppe an der Eingangsseite unwillkürlich das Telefon, um die Uhr oder besser noch sich selbst mit der Uhr zu photographieren.

Vielleicht muß man daher auch gar nicht so viel gegen diese Architektur sagen und kann sie einfach als vollendeten Ausdruck der achtziger Jahre hinnehmen. Es ist der Versuch einer neoviktorianischen Architektur, der letztlich folgenlos blieb, der Versuch einer Antwort auf die nie gestellte Frage, wie ein Einkaufszentrum im Jahre 1897 ausgehen hatte. Daß die historistischen Formen lächerlich und reaktionär sind, versteht sich von selbst, aber dafür ist der Innenraum weit großzügiger als in neueren, ob nun geschmackvoller oder noch reaktionärer gestalteten, Einkaufszentren.

Die Milde gegenüber dem St. Stephen’s Green Shopping Centre wird umso leichter, als es, obwohl erst 1988 eröffnet, einen etwas müden, abgehalfterten Eindruck macht. Die wirklich großen Marken sind nicht hier, sondern draußen auf der Grafton Street zu finden. Insbesondere im obersten Geschoß reihen sich obskurste Läden, an denen wohl nur Leute vorbeikommen, die das wirklich wollen oder die den Weg zu den Toiletten suchen. Draußen wurden die Mieten wohl zu teuer, so daß man nun im Einkaufszentrum die kleinen Geschäfte findet, die angeblich eine lebendige und authentische Stadtkultur ausmachen – ein Phänomen, das auch in Frankfurts Zeilgalerie seligen Andenkens zu beobachten war. Das St. Stephen’s Green Shopping Centre wirkt dadurch wie ein seltsamer, aber auch irgendwie sympathischer Loser, der selbst nicht mehr weiß, wie er dort mitten im Zentrum statt an einer Ausfallstraße gelandet ist.

Seinem langsamen Verfall verdankt das Einkaufszentrum auch seinen schönsten Ort: Chief Chang’s Buffet im großen Kuppelraum in der Ecke. Früher war hier offenbar ein griechisches Restaurant, wie es eine Statue und die Imitationen abgebrochener Säulen um die Stützen bezeugen, nun ist der ganze Raum von billigen Tischen mit Sonnenschirmen eingenommen.

Das Essen ist von so erstaunlich geringer Qualität, daß All you can eat nicht viel ist, aber dafür entschädigt der Raum selbst. Während draußen die weißen Bögen hängen, erinnern innen Glas und große gelbe Belüftungsrohre an das Centre Pompidou in Paris oder die Tržnica in Bratislava. Und durch das Glas hat man einen weiten Blick über St. Stephen’s Green oder hinab auf den Triumphbogen bei seinem Eingang und das städtische Leben. Hier oben unter der Glaskuppel wird das Einkaufszentrum endlich seinem Namen gerecht und man muß es endlich nicht mehr sehen.

Der tschechoslowakische Kompromiß

Die Plastik der sozialistischen Tschechoslowakei wollte abstrakt sein, wie alle tschechoslowakische Kunst, mußte aber, jedenfalls, wenn sie an die exponiertesten Orte wollte, zumindest irgendwie als sozialistischer Realismus einzuordnen sein. Als Kompromiß entstand oft keine Mischform, keine gemäßigte Abstraktion und kein abstrahierter Realismus, sondern ein Nebeneinander. Realistische Plastiken wurden neben etwas Abstraktes gestellt.

Das prominenteste Beispiel ist ein Werk von Vincent Makovský, das meist „Nový věk“ (Neues Zeitalter), aber auch manchmal „Atomový věk“ (Atomzeitalter) genannt wird und vor dem Parlament in Prag

Aus Autorenkollektiv: Praha, její krásy, Praha 1985 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

sowie der Messe in Brno steht.

Aus Budík, Miloš/Sámková, Eva: Brno v 80 barevných fotografiích, Praha 1975

Zwischen einer Frau in einem beinahe antikisierenden Kleid, die Blumen hält, und einem Mann in einem langen Kittel, der zusammengerollte Pläne hält, ist da ein Knäuel ineinander verschränkter Streben, das an Strahlen oder eine Explosion denken lassen kann, aber an sich nichts ist als eben eine abstrakte Form. Mit einem beliebigen Namen interpretiert könnte es auch ein selbständiges Kunstwerk sein. Hier aber flankieren es die beiden völlig realistischen und, wenn man will, sozialistischen Figuren.

Aus Ehm, Josef: Praha, Praha 1977

Ein anderes Beispiel ist die Plastik des Památník československo-sovětského přátelství (Denkmal der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft) von Rudolf Svoboda in Plzeň. Links steht der abstrakte Teil, eine hohe stählerne Stele, auf der eine eckig gefaltete Form horizontal sitzt, rechts der realistische Teil, eine bis zu den Schnallenschuhen detaillierte Bronzeplastik eines Mädchens. Von ihrem rechten Arm wächst etwas nach links zum abstrakten Teil hinüber, nimmt die Faltenformen auf, verbindet beide Teile. Man kann in den abstrakten Teilen somit eine Fahne erkennen, aber sie sind eben nicht eindeutig eine Fahne.

Das ist der tschechoslowakische Kompromiß: für die repräsentativsten Kunstwerke dürfen die Künstler so abstrakt arbeiten, wie sie wollen, solange nur auch ein realistischer Teil dabei ist. Ob mit diesem Kompromiß nun jeder oder niemand zufrieden ist, sei dahingestellt. Wichtig ist, daß es etwas völlig anderes ist als in der DDR, wo sich die Künstler von einer gänzlich realistischen Basis manchmal zu Abstraktem vorarbeiteten, das aber immer viel eindeutiger zu interpretieren war.

Hala Olivia

Expressive Betonformen in der Architektur haben unweigerlich das Schicksal mit irgendetwas anderem verglichen zu werden. So geht es auch der Hala Olivia (Olivia-Halle), einer Eissporthalle in Gdańsk, wie am Namen zu erkennen in seinem nördlichen Stadtteil Oliwa.

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Die Vergleiche gehen wegen der Nähe der Ostsee immer zu allerlei Maritimem. Und wenn man will, kann man in ihrer schräg nach vorne ansteigenden Straßenfront sicher einen Bootskiel oder eine Welle sehen. Oder einen Schwertfisch oder Hai in ihren Seiten mit dem weiten Schwung des Dachs, der von der niedrigeren Rückseite zu hohen vorragenden Straßenseite führt.

Aber eigentlich genügt es zu sagen, daß die Hala Olivia ein typischer Hallenbau ihrer Zeit, der frühen Siebziger ist, wie er auch fernab des Meeres errichtet wurde. Die expressive Form ist dabei sicher gewollt, aber auch einfach die, die sich ergibt, wenn zwischen zwei sich gegenüberliegende ansteigende Tribünen ein Dach gespannt wird und die anderen Seiten als Glasflächen milchig-transparent bleiben. So ist die Hala Olivia, wie all ihre Schwestern im Geiste und Beton, ein zugleich markanter und funktionaler Bau. Anderswo würde sie mit einem Felsen oder einer Sprungschanze verglichen werden oder gleich mit einem Raumschiff.

Was die Hala Olivia nicht ist, ist Teil eines städtischen Raums. Zumal heute steht sie isoliert inmitten von weiten Parkplätzen an der großen Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee). Mit einem McDonald’s und Universitätsgelände links und den Büroanlagen des Olivia Business Center rechts wirkt sie wie ein zu nichts anderem passender Teil einer kapitalistischen Suburbialandschaft. Ob es einmal anders war, ist schwer zu sagen.

Zur Straße hin, überragt von der großen Welle aus Beton, sind zwei viel nüchternere Geschosse in eckigen Formen und mit viel Glas. Vor dem oberen von ihnen verläuft eine breite Terrassenebene, die das wichtigste städtebauliche Elemente der Halle ist.

Sie ruht auf wandartigen, nach oben hin schmaler werdenden Stützen, die quer zur Straße stehen, und hohen flachen Betonbalken, die parallel zu ihr verlaufen. Ihr Geländer ist ein breiter oben abgerundeter Betonstreifen auf kleineren Versionen der Stützen. Aber wo die Halle endet, endet auch sehr bald die Terrasse. Statt die Halle mit ihrer Umgebung zu einem größeren Komplex zu verbinden, bleibt ein bloßer Zugang mit breiten Treppen links und rechts. Auch die großen Parkdecks beidseits der Halle sind eben den Autos vorbehalten.

In der Linie, die die Terrasse nach rechts fortsetzt, ist noch ein ebenso breiter Weg entlang des Parkdecks zu erkennen. Und er setzt sich nach einer kleinen Querstraße mit Zebrastreifen sogar im Durchgang des Olivia Gate genannten Teils des Olivia Business Centers fort.

Diese städtebauliche Feinfühligkeit der nichtigen Investorenarchitektur, die in ihrem Formen internationalen Trends von vor fünfzehn Jahre folgt, überrascht, hilft aber auch nicht. Denn im klaustrophobischen Innenhof zwischen den Glasbauten gibt es nicht einmal für die Angestellten der dortigen Outsourcingfirmen viel und dahinter geht es erst recht nicht in die umliegenden Gegenden weiter.

Ursprünglich war zumindest der durchaus große Bereich zwischen Halle und Straße als öffentlicher Ort gedacht. Er liegt etwas niedriger als seine Umgebung und hat Treppen und begrenzende Mäuerchen aus rotbraunem Backstein. Doch er war wohl immer zu leer und ist schon lange Parkplatz, erobert von den Autos.

Bleiben schließlich zwei vergleichsweise kleine, aber wichtige Details der Hala Olivia. Das erste ist ihr Logo im linken Teil der schräg überragenden Straßenseite. Als flaches Linienrelief im Beton zeigt es in der Mitte zwei stehende gelbe Löwen, die mit ausgestreckten Armen zwei übereinander angeordnete plusförmige rote Kreuze schützen, über denen eine kleine gelbe Krone schwebt. Das ist das Wappen von Gdańsk. Darüber ist etwas kleiner und blau ein stilisierter frontaler Schiffskiel flankiert von zwei stilisierten S- und t-Form, zu denen wieder die gestapelten Kreuze und die Krone gehören. Das ist das Logo des Sportvereins Stocznowiec (Werftarbeiter), aber eine Art erweiterte Form, bei der ein Kiel in die Mitte rückt und das eigentliche Logo aus Gründen der Symmetrie links normal und rechts gespiegelt gezeigt ist. Darunter steht in serifenlosen blauen Kleinbuchstaben „olivia“. Das ist der Name der Hala.

Das Stadtwappen ist, wiewohl auf einfache Formen reduziert, ein historischer Bezug, das erweiterte Logo bildet eine Art neues, sozialistisches Wappen, aber der Schriftzug ist es, der den Anspruch der Halle, etwas ganz Neues und Fortschrittliches zu sein, so wirklich hervorhebt. Die drei Elemente verbinden sich zu einem neuen Logo, das dem, was die Halle sein könnte, angemessen ist, angemessener als ihre Umgebung leider.

Das zweite Detail ist die schlanke Betonstele, die im rechten Teil der Straßenseite eine von der Terrasse herabführende vorgesetzte Treppe trägt. Wie das Logo ist sie genau an der richtigen Stelle angeordnet, um zu verhindern, daß die lange Fassade monoton wirkt. Breit, unten getragen von einem einzelnen der flachen Betonbalken, führt sie auf eine große Plattform, um sich dann zu wenden und weiter unter die Terrassenebene zu führen.

Die Plattform scheint zu schweben und statt nur als Bestandteil der Treppe, kann man sie sich als Rednertribüne über dem davorliegenden Platz vorstellen. Die Stele steht vor ihrer Mitte, aber mit deutlichem Abstand, als sollte das von der schmalen tragenden Verbindungsstrebe ablenken. Ab deren Höhe steigt sie schlank und nach oben schlanker werdend auf, beinahe ein ungewöhnlich filigraner Obelisk aus Beton.

Sie ist einerseits eine selbständige klare Form vor dem Hintergrund der Hallenschräge und hat andererseits die ganz konkrete Funktion eines Fahnenmasts. Das Bemerkenswerte ist nun, daß vor der Hala Olivia nur eine einzelne Fahnenstele ist. In der DDR und der Tschechoslowakei traten Fahnenmasten immer mindestens paarweise auf, einer für die Staatsflagge und einer für die sowjetische Flagge. Dafür ist hier kein Platz, hier ist eine Entscheidung nötig und wie die ausfallen würde, ist klar. Leicht kann man in der Stele also eine kleine antisowjetische Spitze sehen. Im heutigen Polen ist das egal, da es zwar immerhin für die Renovierung der Hala Olivia sorgte, aber doch so wenig Interesse an ihr hat, daß dort die weiß-rote so wenig wie die rote Fahne je aufgezogen werden.

Mit oder ohne Fahne, ob Schiff oder Raumschiff, die Hala Olivia ist zweifelsohne eines der bedeutsamsten Gebäude aus der sozialistischen Zeit in Gdańsk und gerade deshalb fehlt ihr der Sozialismus so sehr, umso mehr, als er ihr nie die Umgebung gab, die sie verdient und gebraucht hätte. So schön und markant sie ist, sie ist allein.

Ein Saal über dem Fluß

Wenn man in Erfurt vom Junkersand zur Krämerbrücke blickt, sticht zwischen den neuen Häusern links und gegenüber den neuen Hinterhäusern rechts der Gera ein kleiner Bau mit großen Fenstern heraus.

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An den Seiten drei große rundbögige Fenster und zum Wasser hin je eins beidseits eines Erkers. Die Streben der Fenster zeichnen die Rundbögen um sie nach, auf der Höhe der Bogenansätze zieht sich eine weiße Bordüre über den gelben Putz und den Abschluß bildet ein Walmdach mit einigen Gauben. Mehr nicht, keinerlei Schmuck. Doch der Saal, der offenkundig hinter diesen Fenstern ist, sitzt auf einem Sockelbau aus rohem Stein und ragt auf schrägen Holzstützen vorsichtig, aber bestimmt über das Wasser.

So klein ist der Bau, daß er auch das repräsentative Wohnzimmer, der Wintergarten einer Villa sein könnte, aber Villen gibt es in der engen Erfurter Altstadt keine. Und etwas an den einfachen, mit Klassizismus nur unzureichend beschriebenen Formen deutet schon darauf hin, daß es sich hier um das Gotteshaus einer religiösen Minderheit handelt. Genau so ist es – es ist eine 1840 eröffnete Synagoge. Ganz wie bei anderen derartigen Gebäuden resultieren ökonomische und politische Beschränkungen, ein Bedürfnis, sich zu verstecken oder jedenfalls nicht aufzufallen, und religiös vorgeschriebene Abneigung gegen Prunk in einer aufs Nötigste beschränkten funktionalen Architektur.

Von der Hefengasse aus sieht man die Synagoge kaum, ein weit größeres Haus verdeckt sie. Nach hinten erst, zum Fluß, über dem sie beinahe schon schwebt, öffnet sie sich mit all ihren Fenstern. Der Kontrast zwischen diesem hellen und klaren Bau und den verwinkelten Fachwerkbauten auf der Krämerbrücke könnte schwer größer sein. Aber auch zwischen den vielen recht beliebigen Bauten aus jüngster Vergangenheit wirkt dieser Saal über dem Fluß nicht alt.

Johannes von Nepomuk in Hammelburg

Man merkt schon, daß Johannes von Nepomuk im Städtchen Hammelburg in Unterfranken nicht ganz zu Hause ist. Zwar ist Hammelburg, ist auch die weitere Umgebung katholisch, aber es ist nicht mehr weit in protestantische Gegenden oder gar in solche mit religiöser Toleranz. Die Länder der Gegenreformation jedenfalls, Böhmen, Österreich, aus denen Nepomuk stammt, sind fern und so unterscheidet sich seine Hammelburger Darstellung in manchem von den dortigen Konventionen.

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Auf einem Volutensockel steht er wenig verrenkt, die Hände hat er zum Gebet gefaltet, was seinen Umhang besonders frei hinter ihm hängen läßt, ein Birett ist nirgends zu sehen und um den Hals hat er einen hochgeschlossenen, irgendwie protestantisch wirkenden Kragen, ein sogenanntes Beffchen. Insbesondere hat er statt des ihm, nur ihm gebührenden fünfsternigen Heiligenscheins einen typischen helikopterähnlichen Strahlenkranz, wie ihn jeder x-beliebige andere Heilige auch haben könnte. Das kleine, offenkundig viel neuere Metallkruzifix ist zusammenhangslos in seinen Arm gesteckt, als habe ein Reisender aus Böhmen die Kunde mitgebracht, daß ein echter Johannes von Nepomuk das haben müsse. Was der Hammelburger Bildhauer Johan Jakob Faulstig hier 1756 im Auftrag des Landesherrn, dem Bischof von Fulda, schuf, ist kein Spiel mit den Konventionen, sondern verrät eine Unkenntnis der Konventionen.

Erst durch die Umgebung der Skulptur kann man ganz sicher sein, daß dies wirklich Johannes von Nepomuk ist. Die beiden Tafeln am Sockel bestätigen es, einmal deutsch und einmal lateinisch.

Den wichtigsten Hinweis jedoch findet man auf der Rückseite der Skulptur, die heute nur umständlich zu betrachten ist.

Dort sitzt ein Engel mit auf dem Mund gelegtem Finger und verschlossenem Buch als Symbolen der nepomukschen Verschwiegenheit So versteckt hinter dem Rücken des Heiligen scheint er aber eher den Betrachter aufzufordern, ihm nicht zu verraten, wie wenig er von vorne als Johannes von Nepomuk zu erkennen ist.

Ursprünglich stand  Johannes von Nepomuk mitten auf dem Marktplatz. Er stand mit dem Rücken zum zurecht berühmteren Renaissancebrunnen und war sich dessen, wie der Engel zeigt, auch bewußt. Erst in den dreißiger Jahren wurde er an den Rande eines kleineren Platzes in der Nähe gesetzt. Es ist, als sollte er damit noch etwas erniedrigt werden, als sollte noch weiter betont werden, wie sehr er in Hammelburg in der Fremde ist, denn nunmehr steht er am – Viehmarkt.