Archiv für den Monat Juli 2014

Bauhausstil

Die Bedeutung des Bauhauses für die fortschrittliche Architektur kann nicht genug betont werden. Man muß dabei allerdings immer auch erwähnen, wie es schon 1930 ein kommunistischer Journalist tat, daß „die architektonische Leistung von Gropius erst in der sozialistischen Perspektive ihren vollen sozialen Wert“ erhält . Man muß weiterhin beklagen, daß es in Deutschland die Tendenz gibt, alle fortschrittliche Architektur der zwanziger Jahre mit dem Bauhaus in Verbindung zu bringen, was sogar für die deutsche Situation der Zeit völlig falsch ist.

Ein ernsteres Problem spricht Karel Teige 1929 in seiner kritischen Würdigung „Deset let Bauhausu“ (Zehn Jahre Bauhaus) an:

„Tento úspěch má však také svůj stín: vzniká takzvaný bauhausstil, modernistická manýra a móda, jež v práci četných a horlivých epigonů se šíří Německem a střední Evropou, aby se stala karikaturou lepších úmyslů ústavu a jeho vůdců“ (Dieser Erfolg hat jedoch auch seine Schattenseite: es entsteht der sogenannte Bauhausstil, eine modernistische Manier und Mode, die sich in der Arbeit zahlreicher eifriger Epigonen über Deutschland und Mitteleuropa ausbreitet, um zu einer Karikatur der besseren Absichten des Instituts und seiner Leiter zu werden.)

„Bauhausstil“, das heißt, einige oberflächliche Elemente, die die Architektur des Bauhauses prägten, bloße weiße Putzflächen etwa, auf Gebäude zu applizieren, die sich von überkommenen nicht unterscheiden. Im „Bauhausstil“ wird das radikal Neue des Bauhauses zum reinen dekorativen Motiv. Der Begriff selbst domestiziert das Bauhaus, damit es ordentlich in eine bürgerliche Stilgeschichte eingeordnet werden kann. Was die fortschrittliche Architektur aber auszeichnet, ist, daß sie keine Stile mehr kennt, sondern Lösungen für Probleme.

Meist verbindet sich in den Bauten wirkliche Fortschrittlichkeit mit leerem „Bauhausstil“. Man betrachte etwa diese Villa in der Braungasse in Wien.

VillaBraungasse

Da sie bloß eine Villa ist, kann sie ohnehin nur bedingt fortschrittlich sein, aber als Anschauungsobjekt reicht sie aus. Links sieht man, wie eine schmale Treppe vom Balkon des zweiten Geschosses auf eine Dachterrasse führt. Diese ist ein zweifelsohne neues, fortschrittliches Element, das dem Gebäude viel gibt. Ganz anders sieht es mit dem halbrunden Stahlgitterbalkon über dem Eingang aus. Balkone wie dieser sind so etwas wie das Markenzeichen des „Bauhausstils“. Schon beim Bauhaus in Dessau kann man sich über den Sinn dieser Balkone vorm Wohnheimtrakt streiten, aber es ließe sich zumindest argumentieren, daß sie eine wertvolle Öffnung der kleinen Zimmer nach außen sind. Bei der großbürgerlichen Villa in Wien aber, die selbstverständlich einen großen Garten und noch dazu Balkon und Dachterrasse hat, ist dieser winzige Balkon, der noch dazu nur durch eine erstaunlich schmale Tür zu betreten ist, offenkundig nicht mehr als Dekoration.

Was Teiges Worte also lehren, ist die Bedeutung genauen Sehens. Nur so nämlich läßt sich das bloß Modische vom wirklich Fortschrittlichen unterscheiden.

Werbeanzeigen

Zoo Liberec oder Zooarchitektur für Menschen

Anders als manches andere, das für die Geschichte und Gegenwart von Liberec wichtig ist, kann man den Zoo leicht finden. Man muß bloß mit der einzigen Straßenbahnlinie bis zur vorletzten Haltestelle der stillen, im Rhododendron versinkenden k.u.k.-Prachtstraße fahren und man hat vor sich, etwas oberhalb der Straße, den Eingang: ein einfaches aufgestütztes Vordach über den Kassen, an das sich links ein flacher Verwaltungsbau in grauem Stein und rotem Kunststoff um die Fenster anschließt.

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Aus Technik, Svatopluk/Ruda, Vladimír: Liberec minulosti a současnosti, Ústí nad Labem 1980

Und wenn man dann rechts des Eingangs durch ein schmales Parkstück am Rande des Zoos entlanggeht, um zu einem großen Ausflugslokal und einem Denkmal für den ersten 1. Mai am Fuße der Jizerské Hory (Isergebirge) zu kommen, kann man so viele Tiere sehen, Hirsche, Moschusochsen, sogar Giraffen und Elefanten, daß man meinen könnte, ein Besuch im Zoo sei unnötig.

Das ist ein Irrtum. Erst, wenn man im Zoo ist, merkt man, wie wenig man von außen sah. Hinter dem Eingang sieht man erst einmal keine Tiere, sondern wird durch einen schmalen Weg zwischen Rhododendron geführt, ein verzögerndes Moment. Schon der obere Teil des Zoos ist von innen, wenn man viel näher bei den Tieren ist und vielleicht das Glück hat, daß sich eine Giraffe über eine Mauer zu einem herabbeugt, ganz anders.

GiraffenZooLiberecAußen

Je länger man sich aber im Zoo bewegt, desto mehr merkt man, daß dieser obere Teil eben nur ein Teil ist. Im eigentlichen ist er, wie das berühmte Bärenschaufenster des Berliner Tierparks, eine Art Werbung, die Leute von außen hineinlocken soll. Vom oberen Teil führen serpentinenartige Wege den steilen Hang hinab. Diese schwierige Lage ist perfekt ausgenutzt, viele Gehege kann man von unten und oben betrachten, in einer Kurve sind große Volieren mit Eulen angeordnet.

Der untere Teil des Zoos, sein eigentliches Herz, zieht sich durch ein schmales Tal, das am Ende eine Biegung hat und mit einem großen Teich unterhalb des Zooeingangs endet. Während der obere Teil recht konventionell als Abfolge von Gehegen und Gebäuden gestaltet ist, hat der untere Teil gleichsam städtischen Charakter. Am spürbarsten wird das auf dem Stück zwischen dem Raubtierhaus auf der einen und einem Affengehege auf der anderen Seite, das wie eine Einkaufsstraße in einem großen fortschrittlichen Wohngebiet wirkt, aber erst in den frühen Neunzigern entstand.

LöwenschaufensterZooLiberec

Beider Fronten sind in größter Klarheit aufgebaut: oben ein überstehendes Flachdach, das am dicken Rand mit dunklen Holzschindeln und an der Unterseite mit weißem glatten Holz verkleidet ist, unten ein halbhoher Sockelbereich aus Beton und dazwischen Glas. Einige schräge Einbuchtungen rhythmisieren das Ganze. Die eigentlichen Gehege hinter diesen Fronten sind dann recht simpel aus Gittern aufgebaut.

LöwengehegeZooLiberecInnen

Es folgen links das Vogelhaus, ein zweigeschossiger Tonnendachbau mit Käfigen außen und innen, und rechts das Robbenbecken, bevor sich der Raum verbreitert zu etwas, das man einen großen Platz mit Flamingoteich in der Mitte bezeichnen könnte. Aufgehoben, als Erinnerung an die Geschichte des Zoos, der 1919 als erster in der Tschechoslowakei gegründet wurde, steht dort neben anderem auch das ehemalige Kassenhäuschen, ein runder Pavillon aus Holz.

Den Abschluß des unteren Teils des Zoos bildet das Paviangehege. An sich wäre es vielleicht nicht erwähnenswert, doch es stellt mit den benachbarten Gehegen der Mangusten und Erdmännchen die Grundfrage der Zooarchitektur, die auch eine der Grundfragen der Architektur überhaupt ist: Was ist besser, Ehrlichkeit oder Lüge, Klarheit oder Verwirrung? Das Paviangehege, Produkt der sozialistischen Architektur der frühen siebziger Jahre, wählt jeweils die erste Möglichkeit.

PaviangehegeZooLiberec

Die Felsen, auf denen die Paviane spielen, sind offenkundig menschengemacht, sie haben glatte, eckige Formen, wie sie in der Natur nie vorkämen, sie sind abstrakt. Das Gehege der Mangusten und Erdmännchen, in jüngster Zeit entstanden oder umgebaut, wählt die zweite Möglichkeit.

MangustenZooLiberec

Es ist eigentlich bloß eine eckige Box, allerdings umhüllt mit Felsen aus Pappmaché (oder was auch immer), die so tun, als ob sie echte Felsen seien. Die lächerliche Tendenz, die Natur nachahmen zu wollen, ist in der gegenwärtigen Zooarchitektur überall zu finden. Doch genauso wie historistische Stile durch ihre Nachahmung herabgewürdigt werden, geschieht es auch mit der Natur, wenn man sie nachahmen will.

Und sage keiner, es gehe um die Tiere! Hierzu genügt es, das Robbenbecken zu betrachten, das früher abstrakte Betonfelsen wie das Paviangehege hatte, heute aber mit allerlei Steinimitationen verstehen ist, obwohl im Mittepunkt noch immer die großartig künstliche Rutsche steht. Für die Robben ändert es doch nichts, wie die Felsen aussehen, sie wissen doch nicht weniger deutlich, daß sie nicht in der Natur leben. Nein, es geht um den Menschen. Ob der belogen werden will, wer weiß, aber man darf annehmen, daß die Kinder vor dreißig Jahren nicht weniger Spaß im Zoo hatten als heute. Jedenfalls ist es ein trauriger Irrtum, es gäbe natürliche oder weniger natürliche Architektur, da jedes menschliche Bauen gegen die Natur gerichtet ist. Lehmboden, Treppensäulen, die aussehen wie Bäume, Geländer, die aussehen wie Äste, das bringt einen nicht näher zur Natur. Was so entstehen kann, sind immer nur betrügerische Idyllen, die aber nicht einmal gut betrügen, weil sie nie jemanden täuschen.

Der Zoo ist ein Ort für Menschen. Wenn man zwischen Raubtierhaus und Affengehege geht wie zwischen den Schaufenstern eines Wohngebietszentrums, ist das nur angemessen, denn ob hinter den Scheiben Tiere oder Waren sind, sie dienen beide dem Genuß des Menschen. Die Zooarchitektur ist danach zu beurteilen, ob sie das offenlegt oder verschleiert.

Ein weiteres schönes Beispiel aus dem Liberecer Zoo ist das Giraffenhaus im oberen Teil.

GiraffenhausZooLiberecAußen

Ungefähr in L-Form fügt es sich an das ältere Elefantenhaus an, ein ganz mit roten Kacheln verkleideter Baukörper, in dessen einen Teil eine lange Futterkrippe mit hohem spitzen Holzdach gesetzt ist. Noch bevor man sich fragen kann, wie dieses afrikanisierende Element zu beurteilen sei, bemerkt man die beiden hangarartig hohen Türen, die schräg in die Spitze des anderen Teils gesetzt sind und jeder Gedanke an Afrika ist vergessen. Umso mehr, wenn man hineingeht, einen Gang entlang, eine Treppe hoch. Durch bis zum Boden reichendes Glas blickt man in den langen Stall der Giraffen, der ganz mit beigen Kacheln verkleidet ist.

GiraffenhausZooLiberec1

Links eine Futterkrippe, an der Decke weiße Querstreben, zwischen denen Licht hineinfällt, und gegenüber die Einbuchtung mit den beiden hohen Türen. In diesem Raum sieht man die Giraffen ganz anders als draußen.

GiraffenhausZooLiberec2

Man ist plötzlich auf Augenhöhe mit ihnen und begreift auch dank der Höhenangaben auf der Wand rechts, wie groß sie wirklich sind. Man steht vor dem Glas wie auf einer Kommandobrücke und würde sie nur halb wundern, wenn vor einem Techniker an den Geräten eines Raumschiffs säßen. Ja, die Giraffen werden zu Außerirdischen, ihr Stall zum Raumschiff. Und so, genau so, ist es auch architektonisch richtig. Eine Giraffe ist in Liberec so fremd wie ein Außerirdischer, wieso sollte ihr Stall also nicht wie ein Raumschiff aussehen?

GiraffenhausZooLiberec3

Suhl – Zentrum

„Im grünen Wald die rote Stadt, die ein zerschossen Rathaus hatt‘“, liest man in goldenen Buchstaben am Rathaus von Suhl im Thüringer Wald.

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Das Rathaus wird man erst spät entdecken, wenn man dorthin fährt, und es dann auch so wenig wichtig finden wie es eben ist, aber das Zitat, bezogen auf den Widerstand gegen den Kapp-Putsch 1920, erklärt sehr gut, wieso Suhl das wurde, was es in der kurzen Zeit seiner größten Bedeutung war: eine Bezirksstadt der DDR. Ganz im Südwesten der Republik hätte es andere, vielleicht logischere, Möglichkeiten für eine Bezirksstadt gegeben, Meiningen etwa, das mal Residenzstadt eines deutschen Kleinstaats war, aber Suhl war eben die „rote Stadt“, Zentrum der, wenn in dieser letztlich sehr rückständigen Gegend auch relativ schwachen, Arbeiterbewegung. Deshalb also ist (oder war) Suhl heute mehr als eine völlig unbedeutende Kleinstadt in einer völlig unbedeutenden Gegend. Noch heute ahnt man den Anspruch dieser Stadt, etwas zu sein, ein Zentrum zu sein.

Der Spruch vom Rathaus paßt auch zur städtebaulichen Situation: der grüne Wald zieht sich den Domberg im Norden hinauf und vor ihm liegt die rote Stadt, das neue sozialistische Stadtzentrum. Während sich die große Dr.-Theodor-Neubauer-Straße und, höher am Hang, die Bahnstrecke um die Formen des Bergs schmiegen, verläuft dieses Stadtzentrum unabhängig von ihm beidseits der etwa in west-östlicher Richtung verlaufenden Wilhelm-Pieck-Straße, die aber nur für Busse durchfahrbar ist, während sie Autos nur als Zufahrt zu Parkplätzen dient.

Illustration von Rudolf Peschel aus Nastoll, Roger: Mit Paula Bissig durch Südthüringen, Berlin 1984

Illustration von Rudolf Peschel aus Nastoll, Roger: Mit Paula Bissig durch Südthüringen, Berlin 1984

Es beginnt links mit seiner Höhendominante, einem 26-geschossigen Wohnhochhaus auf quadratischem Grundriß, das von Fensterbändern und dem abschließenden gänzlich verglasten Panoramarestaurant bestimmt ist.

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Rechts, wo das Gelände bereits wieder ansteigt, steht das Haus der Gewerkschaften, ein siebengeschossiger Bürobau, von dem ein niedrigerer Anbau neben einer Treppe den Hang hinaufführt. Links folgt die Stadthalle der Freundschaft, ein großer Rundbau mit weißen vertikalen Streben.

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Die Verbindung zwischen ihr und dem Hotel bilden ein Schwimmbad und ein Restaurantbau. Das Restaurant und ein ähnlicher zweigeschossiger Anbau auf der anderen Seite der Stadthalle zeigen mit schrägen Wänden zum Eingang der Stadthalle, so daß sich eine Art Trichter bildet. Sowohl Wandflächen dieser beiden Bauten als auch eine am Schwimmbad tragen große Wandbilder von mehr (Willi Sitte, Willi Neubert) oder weniger (Peter Preiss) berühmten Künstlern der DDR.

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Rechts weitet sich das Zentrum zu einem weiten Platzbereich, dem Ernst-Thälmann-Platz. Jenseits von ihm, höher am Hang, ist das Kulturhaus des 7. Oktober.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

Es ist ein stalinistischer Bau mit hoher Säulenfront und dreieckigem Giebel, erstes Gebäudes des neuen Zentrums und Beispiel einer ganz anderen Phase der Architektur der DDR. Dennoch wirkt es nicht wie ein Fremdkörper, sondern wird von seiner Umgebung sowohl kritisiert als auch aufgehoben, indem es in einer so deutlichen Sichtbeziehung zur Stadthalle steht. Wie gegensätzliche Thesen stehen sie sich gegenüber. Alles, was am Kulturhaus falsch ist, die historistische Architektur, die Vertikalität, die Anordnung eines Reliefs im Giebelfeld, wird von der Stadthalle durch klare fortschrittliche Architektur, Horizontalität und die Anordnung der Wandbilder auf Höhe der Betrachter, ausgeglichen.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

An den Platz schließt ein Parkbereich um den große Herrenteich, in dem in den warmen Jahreszeiten eine hohe Fontäne ist, an, und dahinter, höher am Hang ist ein schlichter viergeschossiger Hotelbau. Auch links weitet sich das Zentrum nun zu einem weiten Bereich, der aber mit dem Wort Platz nur unzureichend bezeichnet wäre. Hier kommt ein Bach, die Lauter zum Vorschein und an ihrem tief kanalisierten Lauf steht ein langgezogenes Fachwerkhaus mit Walmdach, das das Waffenmuseum beherbergt. Die Lauter macht dann noch eine Schwung, bevor sie wieder unterirdisch weiterfließt.

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Sowohl der Bach als auch die alte Architektur Suhls sind so inmitten des Neuen kurz zitiert. Es folgen ein großer Parkplatz und der Busbahnhof.

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Wie ein Rahmen legen sich um diesen Bereich vier fünfzehngeschossige Hochhäuser. Sie sind nacheinander aufgereiht und führen bis dorthin, wo die Straße durch das Zentrum wieder auf die große Dr.-Theodor-Neubauer-Straße trifft. Deren geschwungenem Verlauf, und also indirekt dem des unweit dahinter aufragenden Dombergs, folgen sie auch, aber da sie untereinander durch ein Zickzack flacher Ladenbauten mit Dachterrassen verbunden sind, ist man vom Verkehr völlig geschützt. Während ihre Breitseiten Schachbrettmuster bilden, wenden ihre an der Schmalseite vorgesetzten Aufzugstrakte dem Zentrum schraffierte Betonmuster zu.

Rechts folgt nach einem dreizehngeschossigen Hochhaus, an der Straße, aber erhöht auf einer großen rechteckigen Terrassenebene, das Centrum-Warenhaus. Ein Kaufhausbau, wie man ihn auch aus anderen Städten der DDR kennt, ein Würfel aus einer filigran ornamentierten silbernen Metallblechstruktur gleichsam nur. An der Ecke der Terrasse führt eine Wendeltreppe mit kompliziert gefächertem Gitter hinauf.

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

Aus Linde, Guntard/Guse, Ernst: Oberhofer Ansichten, Leipzig 1983

So bleibt in Suhl die Filigranität der von Fritz Kühn gestalteten Kaufhausfassade nicht allein. Sie, die Treppe, aber auch die Betonelemente der Hochhäuser (die beiden letzteren Werke von Waldo Dörsch), schaffen einen abstrakten, ornamentalen Gegenpol zur realistischen Kunst bei der Stadthalle. Abschluß des eigentlichen Stadtzentrums bildet, weiterhin rechts, nach einigen älteren Gebäuden, ein weiteres der Hochhäuser.

Aber die Terrassenebene, auf der das Kaufhaus völlig frei steht, bildet vor allem eine wichtige Verbindung zum höher gelegenen alten Zentrum von Suhl. Der Steinweg, eine Fußgängerzone, erstreckt sich etwa ab Höhe des Kulturhauses parallel zum neuen Zentrum.

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Aus Urzyniok, Horst: Tourist Wanderatlas Oberhof, Berlin/Leipzig 1986

Am Beginn des Steinwegs steht die barocke Kreuzkirche, die auch vom Ernst-Thälmann-Platz gut zu sehen ist, und an seinem Ende ist der Karl-Marx-Platz, wo denn auch das Rathaus ist.

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

In seiner Mitte steht eine Säule mit der Figur eines Schmieds. Dort wiederum, wo die Terrasse in die Fußgängerzone und also das neue ins alte Zentrum übergeht, steht der Brunnen „Diana auf Jagd“, geschaffen wiederum von Waldo Dörsch.

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Aus Hopf, Gerhard/Müller, Klaus Dieter: Suhl, Leipzig 1986

Er ist ein faszinierendes Werk der späten DDR: Im höheren der sechseckigen Becken eine nackte Frau auf einem aufgebäumten Pferd, in wildem Ritt, den Bogen gespannt. Zum niedrigeren der Becken fließt außer dem Wasser auch ein Strom sehniger Jagdhunde, um sich auf zwei Wildschweine, in denen schon Pfeile stecken, zu stürzen. Es ist, als werde hier ein allegorisches Motiv, wie es ins 19. Jahrhundert paßte, mit all der Kraft und Lebensfülle des sozialistischen Realismus gestaltet, woraus dann etwas Neues und Überraschendes entsteht. Schmiedesäule und Dianabrunnen erinnern gemeinsam sehr schön an die lange zurückreichende Bedeutung der Waffenherstellung in Suhl, die auch in der DDR mit dem VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ fortgeführt wurde. Nur angemessen daher, daß Klaus Dieter Müller sie zu den Helden seiner schönen Einleitung für das Brockhaus-Souvenir-Bändchen über die Stadt machte.

Eine wichtige Ergänzung des Stadtzentrums ist das Haus der Partei, das noch etwas nördlich rechts der großen Straße steht.

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

Aus Autorenkollektiv: Architekturführer DDR – Bezirk Suhl, Berlin 1989

Man könnte es auch übersehen, ein siebengeschossiger Bürobau eben, wie es viele gibt. Aber vorgesetzt ist diesem ein zweigeschossiger Vorbau, in dem unten ein rundum verglastes Foyer und oben ein zu zwei Seiten verglaster Saal ist. Tritt man ins Foyer, sieht man plötzlich, das der Vorbau direkt über die Lauter gesetzt ist. Durch die Fenster blickt man hinaus auf den schnellfließenden Bach. So wird das scheinbar so schlichte Haus der Partei zu einer Art Suhler Falllingwater und bekommt zusätzlich eine allegorische Bedeutung: das gesamte neue Stadtzentrum, durch das sich die Lauter, mal sichtbar, mal unterirdisch, schlängelt, scheint aus ihm zu entspringen. Haus der Partei heißt dieses Gebäude nun schon nicht mehr, seit es diese Partei nicht mehr gibt. Die Lauter fließt zwar weiter hindurch, aber vom beschriebenen Stadtzentrum, dessen Bau diese Partei leitete, sind nur noch Reste übrig.

Eines Fußgängers Lob der Stadtautobahn

Straßen sind für Fußgänger immer Ärgernisse. Grundsätzlich gilt dabei: je größer die Straße desto größer das Ärgernis.

Kleine Straßen in Wohnbereichen jedweder Art, die nur zu bestimmten Stichzeiten stärker befahren werden, sind daher die erträglichsten. Die Gehsteige sind dort breit genug und der Verkehr überschaubar genug, daß dem Fußgänger auch ohne spezielle Kreuzungsmöglichkeiten ein gutes Fortkommen möglich ist. Die nächstgrößeren Straßen, Zubringerstraßen oder Hauptgeschäftsstraßen mit durchgehend relativ starkem Verkehr, sind schon viel problematischer. Hier hängt alles davon ab, wie gut die Kreuzungsmöglichkeiten, in den allermeisten Fällen Ampeln, nur selten Unterführungen oder Brücken, angeordnet sind. Am schlimmsten sind die urbanen und suburbanen Hauptverkehrsadern mit vielen ständig stark befahrenen Spuren. Von der engen Blockrandbebauung um sie, ob es nun im Stadtinneren Miets- oder Bürohäuser oder am Stadtrand Geschäfte, Werkstätten, Fabriken mit ihren Höfen und Parkplätzen sind, wird der Fußgänger immer dicht an den Verkehr gedrückt und die Ampeln, einzige sichere Art, sie zu überqueren, sind immer weit voneinander entfernt. Diese Art der Straße ist dem Fußgänger mehr als jede andere Feind.

Es gibt nun allerdings zwei Ausnahmen von der eingangs genannten Regel. Die erste ist eine negative und betrifft die kleinsten Straßen: jene in alten Dorfkernen, wo es keinen Platz für Gehsteige neben der Fahrbahn gibt. Hier ist der Fußgänger auch bei geringem Verkehr immer in Gefahr, einem Auto zu begegnen und irgendwie ausweichen zu müssen.

Zwischen Halle und Halle-Neustadt (aus Große, Gerald/Steinmann, Hans-Jürgen: Zwei an der Saale – Halle – Halle-Neustadt, Leipzig 1979)

Zwischen Halle und Halle-Neustadt (aus Große, Gerald/Steinmann, Hans-Jürgen: Zwei an der Saale – Halle – Halle-Neustadt, Leipzig 1979)

Die zweite Ausnahme ist eine positive und betrifft die größten Straßen: die Stadtautobahnen. Sie sind nicht, wie man denken könnte, eine Potentialisierung des Problems der großen Verkehrsachsen, sondern eher eine Lösung. Gewiß können Stadtautobahnen dem Fußgänger den Weg versperren, das passiert sogar oft. Aber anders als bei den großen Verkehrsachsen, die prinzipiell offene Wege durch zu starken Verkehr versperren, bilden Stadtautobahnen durch ihre Lärmschutzwände oder Dämme Hindernisse, die einfach nicht überwunden werden können und so gleichsam natürlich wirken. Nicht weniger oft jedoch öffnen Stadtautobahnen durch Aufstützungen, Unterführungen und Brücken dem Fußgänger Wege. Und dies sind dann zumeist Wege, die der Fußgänger für sich hat, Wege, auf denen er vom Autoverkehr befreit ist. Stadtautobahnen, vernünftig eingesetzt, sind also diejenigen Straßen, die am fußgängerfreundlichsten sind, eben weil Fußgänger und Autos sich auf ihnen niemals begegnen.

Das ist die Trennung von Auto- und Fußgängerverkehr, die Le Corbusier in Artikel 62 der Charte d’Athènes (Charta von Athen) forderte. Sie ist heute noch so notwendig und berechtigt wie je. So fördert gerade die Stadtautobahn „la fonction saine et naturelle entre toutes: la marche“ (die gesündeste und natürlichste Funktion von allen: das Gehen) und darauf kommt es dem Fußgänger an.

Architektur für die suburbane Einöde

Wenn man im McDonald’s am Rautenweg im 21. Bezirk sitzt und auf die Kreuzung Julius-Ficker-Straße/Wagramer Straße blickt,

BlickMcDonald'sRautenweg

sieht man vor der Großfeldsiedlung und einer in Bau befindlichen neuen Wohnanlage die Strip Mall SeyMein, das Sportgeschäft Sport Eybl, einen Merkur-Supermarkt, eine Shell-Tankstelle und das Bordell Ici Paris Laufhaus. Nimmt man noch den Möbelmarkt und das Autohaus auf der anderen Seite hinzu, sind all der typischsten Geschäfte, die man so an den Rändern der Städte findet, vertreten.

Zu ihrer Architektur kann man wenig sagen. Man sieht ihr an, daß sie möglichst billig sein will, ohne billig auszusehen, weshalb es immer irgendwelche Dachkonstruktionen und Glasflächen gibt. Dabei wird sie aber andererseits auch nie wirklich auffällig, so daß man nicht von einer Architektur, die Kunden anlocken soll, reden kann. Wenn überhaupt etwas, dann ist es Architektur als Arbeitsbeschaffungsprogramm für Architekten.

Zur Einöde, die sie sind, macht Orte wie diesen die Organisation des Raums um die Gebäude. Dieser ist völlig dem Auto untergeordnet. Wo keine Straße ist, sind Parkplätze. Etwas Abstandsgrün und Gehsteige verschwinden dazwischen fast völlig, sie sind so unwichtig wie die Architektur der Gebäude. Was zählt, sind die Parkflächen und die Straßen. Dies ist die Stadt, wie sie nicht sein sollte, und es gibt keine Möglichkeit, an ihr etwas zu verändern, solange es keine neue Gesellschaft gibt.

Was Architektur aber vermag, wenn sie wenigstens weiß, was sie tut, zeigt der Merkur-Supermarkt im Hintergrund.

MerkurJulius-Ficker-Straße

Wie jeder solche Supermarkt ist er eine riesige Kiste inmitten eines großen Parkplatzes. Daß diese Kiste hier weiße Seitenwände mit abgerundeten Ecken, die nach vorne leicht abgeschrägt sind, hat, ist bloß ästhetische Spielerei. Daß ihre Vorderseite völlig verglast ist, bedeutet schon eine erhebliche Verbesserung des Einkaufserlebnisses. Das Vordach schließlich, eine milchig lichtdurchlässige Fläche, die auf vier großen V-Stützen aus Stahl weit über den Parkplatz ragt, ist eine wahre architektonische Leistung. Es ist wie ein ausgebreiteter Schirm, mit dem der Supermarkt die Autos aus der feindlichen Weite des Parkplatzes in seinen Schutz heranbittet. Auf dem Parkplatz selbst sind in vielen kleinen Beeten Bäume gepflanzt.

Der praktische Nutzen des Vordaches ist gering und die Bäume mildern die Kahlheit des Parkplatzes kaum, aber sie sind immerhin ein kleiner Versuch, das, was sich nicht grundsätzlich ändern läßt, zu verbessern. Man merkt dieser Architektur an, daß sie weiß, was sie kann und was nicht. Sie ist so klug, die suburbane Einöde zu affirmieren und ihr auf unprätentiöse Art etwas mehr zu geben als sie sonst hätte. Dadurch unterscheidet sie sich grundsätzlich von der billigen Fassadenarchitektur ringsum. Eine solche Klugheit und Prätentionslosigkeit ist auch das Einzige, was man sich von der gegenwärtigen Architektur erhoffen kann.

Palais Schwarzenberg

Das Palais Schwarzenberg ist eines der merkwürdigsten Gebäude Wiens. Es liegt am Ende der besten, vielleicht sogar der einzig wirklichen, Achse der Stadt.

AchseSchwarzenberg

Sie beginnt in der Inneren Stadt als Schwarzenbergstraße und führt dann als Schwarzenbergplatz auf das Palais zu, wobei der Name irreführend ist, da es sich nicht um einen Platz, sondern um eine Abfolge riesiger Kreuzungen, die zu Fuß zu überqueren lange dauern kann, handelt.

Das Palais Schwarzenberg ist eine Anlage, die der Größe und Bedeutung dieser Achse absolut gewachsen ist. An beiden Seiten, dort, wo sich die Achse zu zwei Straßen, Rennweg und Prinz-Eugen-Straße, gabelt, stehen zwei Gebäude, die den Beginn des weiten Vorhofs des Palais markieren, die Hände gleichsam einer weitausladenden Umarmung, mit der es den Besucher empfängt.

SchwarzenbergEingangsgebäude

Sie stehen leicht erhöht und haben ein höheres und ein niedrigeres Geschoß. Ionische Pilaster leiten zu einem dreieckigen Tempelgiebel über, der in eine hohe, an den anderen Seiten durch Ausläufer der Pilaster strukturierten Brüstung gesetzt ist. Das Mansarddach ist hinter dahinter beinahe versteckt. An diese Eingangsgebäude schließen niedrigere und schlichtere zweigeschossige Gebäudeteile an, die erst einen Viertelkreis nach innen beschreiben und dann lange gerade nach hinten verlaufen. Irgendwann entschließen sie sich doch, mit etwas höheren Walmdächern zu enden. Von dort laufen flache Gebäudeteile quer auf die Mitte zu, wo sie zum Sockel des eigentlichen Palais werden.

PalaisSchwarzenberg

Es besteht aus einem linken und einem rechten Teil, die den Eingangsgebäuden sehr ähneln, aber länger sind, über dem zweiten Geschoß noch ein niedrigeres drittes haben und ihre Walmdächer hinter der giebellosen Brüstung noch stärker verstecken. In der Mitte ist zwischen den Dächern ein Freiraum, während ein von Rundbögen und Säulen getragenes Vordach, zu dem von beiden Seiten geschwungene Rampen führen, vorgesetzt und ein eigenartiger, sich verjüngender Zylinder mit der von der Brüstung bekannten Struktur zurückgesetzt ist. Dieser Teil in der Mitte, der höchste Teil des Gebäudes, wirkt, als fehle ihm etwas, eine Kuppel vielleicht.

So steht das Palais Schwarzenberg am Ende seiner Achse. Die Parkseite und den Park, der sich, parallel zum Belvedere, den Hang hinaufzieht, kann man nicht sehen. Aber auch das Beschriebene ist ganz leicht zu übersehen. Je mehr die Stadt über ihre mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs und das Palais, das ja ein Landsitz war, in sich aufnahm, desto mehr scheint es bedauert zu haben, so sichtbar am Ende einer Achse zu stehen. Schwer zu sagen, wann es anfing, sich von der Stadt abzuschotten. Vielleicht beneidete es schon das wenig später entstandene Belvedere, dieses Schloß ganz anderer Art, das an Achsen gar kein Interesse mehr hat und sich ganz unbekümmert hinter die des Schwarzenbergpalais‘ schiebt. Ein noch wichtigeres Ereignis dürfte im späten 19. Jahrhundert die Errichtung des Hochstrahlbrunnens auf dem platzartigsten Teil des Schwarzenbergplatzes, ein Stück vor dem Beginn des Vorhofs, gewesen sein. Dieser riesige Brunnen, der aus einer geschmacklosen Anhäufung von schwarzen Steinen seine Strahlen in die Höhe schießt, steht genau in der Achse und lenkt die Aufmerksamkeit vom Palais ab. Gänzlich übernommen wurde die Achse dann vom sowjetischen Ehrenmal, das sehr kurz nach der Befreiung Wiens errichtet wurde. Mit einem Halbkreis aus Säulen setzte es sich direkt vor die Öffnung des Vorhofs und wenn man heute davorsteht, verdecken zusätzlich Büsche und Bäume den Blick zum Palais.

So ist das Palais Schwarzenberg heute, wiewohl mitten in der Stadt, wiewohl am Ende ihrer besten Achse gelegen, ein gleichsam versteckter Ort. Neben dem Glanz des Belvedere, des Sowjetischen Ehrenmals und der k.u.k.-Büropaläste ringsum hat sein Vorhof etwas von einem heruntergekommenen Hinterhof und tatsächlich wird er als Parkplatz benutzt.

SchwarzenbergParklplatz

Das Palais selbst ist in verschiedenen Stadien des Verfalls. Schilder erinnern noch an eine Nutzung als Hotel, aber auch das scheint Jahre her zu sein. In einem Nebengebäude, das aber von der Prinz-Eugen-Straße erschlossen ist, befindet sich außerdem die Botschaft der Schweiz. Vor kurzem nun wurde bekannt, daß im Palais ein Spielkasino entstehen und dadurch auch der Park öffentlich zugänglich werden soll.

Mit der Stadt wird das Palais jedenfalls weiterhin kaum verbunden sein oder eben nur durch das Sowjetische Ehrenmal. Denn es setzt sich keineswegs gedankenlos davor.

SchwarzenbergSowjetischesEhrenmal

Wenn man am Ring, vorm Reiterstandbild Karl zu Schwarzenbergs, steht, sieht es so aus, als stehe der Soldat mit dem goldenen Schild mit sowjetischem Wappen, der hoch aufragenden Fahne und der umgehängten Maschinenpistole nicht mehr auf seiner Stele, sondern auf dem Zylinder in der Mitte des Palais Schwarzenberg.

SowjetischesEhrenmalDetail

Das Feingefühl der Schöpfer des Denkmals gibt so dem eigenartigen Bauteil einen neuen Sinn als Sockel für die Plastik des Soldaten und macht das Palais auf eine neue Art zum Teil dieser Achse, die nicht mehr nur seine ist.

Architektonische Regression

Die Gebäude, an denen die architektonische Regression hier beschrieben sein soll, waren nie wichtig, Reihenhäuser am Rande der Stadt, kleinbürgerliche Ergänzung der proletarischen Großfeldsiedlung.

ReihenhäuserOswald-Redlich-Straße

Die meisten von ihnen sieht man noch in ihrem Originalzustand aus den Siebzigern: schlichte zweigeschossige Betonquader, die leicht versetzt nebeneinander stehen, im Obergeschoß nach vorne durchgängige Fensterbänder mit Rollos in einem strahlenden Rot. Einige aber sind umgestaltet: sie bekamen eine Wärmedämmung mit pastelllila Putz, ein braunes Pultdach und im Obergeschoß zwei Fensteröffnungen.

Die erste Reaktion ist unweigerlich eine ästhetische Wertung. Dort die Klarheit von Grau, Glas und Rot, hier die Vulgarität des Pastelltons. Aber eine Wärmedämmung ist ja eine sinnvolle Sache und auch das Dach mag einen Zweck haben. Die entscheidende Regression zeigt sich bei den Fenstern. Welche Rechtfertigung kann es geben, die, ohnehin nicht großen, Räume des Obergeschosses der Hälfte ihres Lichts zu berauben? Das nimmt dem Gebäude offenkundig etwas, das ist offenkundig ein Rückschritt und das ist das Problem an allen solchen Umbauten.