Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.

Das neualte Hradec Králové

Die eigentümlichsten Gebäude in Hradec Králové stammen aus einer Zwischenzeit: den frühen zwanziger Jahren. Sie füllen einige Straßenzüge jenseits der Elbe gegenüber der Altstadt. Was genau an ihnen so eigentümlich ist, läßt sich zuerst kaum sagen. Es ist Blockrandbebauung, die Formen sind mit allerlei reduzierten Streben und Pilastern an historischen Mustern orientiert, ohne direkt historistisch zu sein – das sieht man häufig.

Plötzlich aber merkt man, was nicht stimmt: die Bebauung ist zu einheitlich, zu gleichmäßig. Eine ganze Straßenseite, noch eine Querstraße, vielleicht sogar die gegenüberliegende Seite können von Gebäuden mit den gleichen Schmuckformen eingenommen werden. Vielleicht gibt es Variationen, doch die bemerkt man kaum. Diese Einheitlichkeit paßt nicht in die kapitalistische Stadt, wo üblicherweise kein Gebäudes dem daneben gleicht, da jedes entsprechend den Wünschen eines privaten Eigentümers gestaltet wurde.

Die Erklärung dafür, daß es in diesem Teil von Hradec Králové anders ist, liegt eben in der Zwischenzeit, in der er entstand. Die Stadterweiterung von der Altstadt in Richtung der Arbeitervorstadt beim Bahnhof hatte in der österreichischen Zeit nur zaghaft begonnen, wie etwa die Jugendstilbauten in der Straße Havlíčková zeigen. Die sehr junge Tschechoslowakei forcierte sie dann. Die Entstehung dieses neues bürgerlich-demokratischen Staates aus den Resten der alten Monarchie erweckte Hradec Králové, sie war sogar wichtiger als es die nicht lange zurückliegende Schleifung der Festungsmauern. Vielleicht wegen Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, sicher aber auch durch massive Förderung durch Stadt und Staat, galten dabei für eine Weile die üblichen kapitalistischen Gesetze nicht mehr und es entstanden diese großen einheitlichen Straßenzüge.

Was so in sehr kurzer Zeit entstand, war jedoch keineswegs eine neue Architektur oder Stadtplanung. Die Blockrandbebauung, die Straßenstruktur und der Masarykovo náměstí (Masaryk-Platz) in der Mitte wären auch zehn Jahr zuvor unter österreichischen Bedingungen nicht anders geworden. Bloß hätte der Platz schon zu dessen Lebzeiten nach dem Kaiser gehießen statt nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk – ebenfalls zu dessen Lebzeiten.

Auch die Formen der Gebäude sind nicht eigentlich neu. Die einzige Sorge der Architekten scheint die Anordnung der Ornamente und Skulpturen zu sein. Sie finden dabei auch interessante Lösungen, wie etwa bei dem genannten großen Gebäude an den Straßen Klumparová und Střelecká. Seine Fassade ist von horizontalen und vertikalen dreieckig vorragenden Streben strukturiert und in einigen der dazwischen entstehenden Flächen sind Skulpturen, durchaus aber nicht in allen.

So haben die Skulpturen hier keine herausgehobenen Plätze, sondern müssen sie sich in der Fassadenstruktur gleichsam erst suchen. Ähnlich ist es bei einem anderen Gebäude, wo die angedeuteten Pilaster Vertiefungen sind, in denen Fruchtkörbe und nackte Frauen aus Stein stehen wie auch wirkliche Frauen oder Körbe stehen könnten.

Es ist, als würde hier ein Realismus in der Fassadengestaltung gesucht, den nie jemand vermißt hatte.

Letztlich ist dieser Teil damit eine bruchlose Fortführung des in den österreichischen Ländern so starken Postjugendstils der Vorkriegsjahre. Aber eben nicht von dessen fortschrittlichsten Aspekten. Er ist nicht Otto Wagner oder jedenfalls nicht Otto Wagner von 1910, sondern bestenfalls einer seiner mediokreren Schüler von 1890. Er ist eine verpaßte Gelegenheit, eine verspätete Fortführung des 19. Jahrhunderts in Städtebau wie Gebäudeformen. Doch die Zwischenzeit, in der er entstand, dauerte auch in Hradec Králové nicht lange, es wurde in ihr bloß ungewöhnlich viel gebaut.

Direkt an diese Bebauungt angrenzend, gar nicht weit vom Masarykovo náměstí, entstand ein weiterer Platz. Er bildet ein langgestrecktes Rechteck entlang einer großen Straße, die auf die Altstadt zuführt.

Die Eckbauten beidseits der Straße sind jeweils besonders hervorgehoben. An der näher bei der Altstadt liegenden Seite sind es mächtige sechsgeschossige Gebäude, die mit ihrer schnörkellosen kubischen Form, ihrem weißen Putz und ihren großen quadratischen Fenstern schon ein enormer Kontrast zur vorigen Bebauung sind.

An der anderen Seite sind es Hochhäuser oder wären das gerne.

Nach einem zweigeschossigen Sockel mit heller Steinverkleidung und großen Glasflächen markiert ein umlaufendes Vordach den Übergang zu fünf weißgetünchten Geschossen. Die Ecken des ansonsten kubischen Baukörpers sind dadurch betont, daß im dritten bis fünften Geschoß zur Straße hin ein abgerundeter Erker vorgesetzt ist, auf dem oben eine kleine Terrasse ist.

Diese Eckbauten sind Tore, durch die man die Vergangenheit verlässt und in die kapitalistische tschechoslowakische Gegenwart tritt.

Der Platz ist dann geprägt von nur zwei weiteren Gebäuden. Das erste steht in der Mitte der Seite, wo die Straße verläuft. Eine Verkleidung aus Sandsteinplatten, die Seiten satteldächig an die unscheinbaren Nachbarbauten anschließend, in der breiten Mitte ein vorgesetzter Erdgeschoßteil mit Balkon, der zwar stark verglast ist, aber eher durch den ihn rahmenden glatten Sandstein wirkt, darüber hohe vertikale und ebenfalls von glattem Sandstein gerahmte Fenster, zwei weitere Geschosse, die schon über den Beginn der Satteldächer hinausragen, und eine große horizontale Giebelfläche, in deren Mitte ein großes Sandsteinrelief hängt. Es zeigt allerlei Geschäftigkeit, die die Textilproduktion darstellen soll, unter dem Schutz von Merkur, dem Gott des Kapitalismus.

In dem Gebäude saß die Verwaltung des Textilunternehmens Steinský-Sehnoutka und es ist auch ein recht typisches tschechoslowakisches Bürogebäude seiner Zeit. Sein reduziert monumentaler Stil ist einer, mit dem sich konservative Teile des Kapitals immer gern schmücken.

Das wichtigste Gebäude des Platzes steht an seiner anderen Seite und es nimmt sie vollständig ein. Auf einem Sockel aus einem Erdgeschoß mit Geschäften, Vordächern aus Beton und Glasbausteinen und einem gänzlich verglasten zweiten Geschoß sitzen drei Geschosse mit horizontalen, fast schon als Bändern wirkenden Fenstern.

Es ist ein äußerst sachlicher und schlichter Bau, der in vielem das Gegenteil des Textilpalasts gegenüber ist. Vertikales fehlt hier völlig. Wollte man Ansätze von klassischer Monumentalität, so vielleicht darin, daß es symmetrisch aufgeteilt ist, ein weiter Teil des Obergeschosses leicht vorgesetzt ist, das Dach dort leicht übersteht und über dem in der Mitte liegenden Eingang ein großes Steinrelief ist.

Aber gerade die Eingangssituation zeigt den Kontrast zum gegenüberliegenden Bau. Glasflächen in einem mit glattem schwarzen Stein verkleideten Rahmen, darüber das Relief mit sechs allegorischen Figuren, darunter wieder Merkur, die teils Atlanten für den überstehenden Teil eher zu spielen scheinen, wie eine der beiden Frauen in der Mitte spielerisch mit einem geflügelten Rad über den halben Erdball zwischen ihnen zu fahren scheint. Während man hier noch aufblicken muß, hat man im Foyer direkt vor sich ein großes Glasbild, das in unaufdringlichem Realismus Szenen des Reisens mit der Eisenbahn, aber auch mit dem Schiff und sogar dem Flugzeug zeigt.

Monumental ist dieses Gebäude nur durch seine schlichte Länge und seine dominante Position auf dem Platz. Als eine Art horizontales Hochhaus ist es untrennbar mit der Platzfläche verbunden, beinahe ist es der Platz.

Kein Privatunternehmen, sondern die ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen), also der Staat selbst repräsentierten sich so. Der Platz hieß und heißt wieder Ulrichovo námestí (Ulrich-Platz) nach dem Bürgermeister František Ulrich, der über die Systeme hinweg von 1895 bis 1929 amtierte und entscheidend für die rasante Entwicklung der Stadt in der jungen Republik verantwortlich zeichnete.

Zwischen den beiden Plätzen, dem aus der Zwischenzeit und dem aus der reifen tschechoslowakischen Republik, liegen keine zehn Jahre. Von der Vergangenheit löste sich Hradec Králové was die Gebäudeformen anging also schnell. Noch immer aber blieb es der Blockrandbebauung verhaftet. Es entstand eine bemerkenswerte neualte Stadt. Und nur wenig später begann Hradec Králové gar, wahrhaft neu zu werden.

Wrocławs Kampf gegen die Mietskaserne

Breslau war eine der schlimmsten preußischen Mietskasernenstädte, manchmal heißt es, schlimmer als Berlin selbst. Trotz den enormen Kriegszerstörungen blieben auch Wrocław nach 1945 viele dieser Mietskasernen. Wie die Stadt mit diesem schweren Erbe umging, zeigt beispielhaft der Block zwischen den Straßen Tomaszweska, Przestrenna, Kamienna und Łódzka.

An der Ecke Tomaszewska/Przestrenna scheint die Mietskasernenstadt noch heil. Fünfgeschossige Mietskasernen in irgendwelchen historistischen Formen, irgendwelche Balkone, irgendwelche Giebel, an der Ecke ein Türmchen. Hier noch das preußische 19. Jahrhundert.

An der Ecke Przestrenna/Łódzka treffen Alt und Neu aufeinander, ohne sich zu berühren. Mietskasernen entlang ersterer, ein fortschrittliches Wohngebäude entlang zweiterer Straße. Es ist schmucklos eckig und, obwohl es ebenfalls fünf Geschosse hat, niedriger. Dazwischen ist ein Durchgang.

An der Ecke Łódzka/Kamienna ist die fortschrittliche Bebauung dann geschlossen. Zwei fünfgeschossige Gebäude, das eine höher als das andere, schließen ohne besondere Betonung die Ecke und es gibt einen aufgestützten Durchgang.

An der Ecke Kamienna/Tomaszewska ist es fast genauso wie an der vorigen, doch hier steht eine einzelne Mietskaserne mit etwas Abstand zwischen den fortschrittlichen Gebäuden.

Vier deutlich unterschiedliche Ecken also, von denen man nicht unbedingt denken würde, daß sie zu ein und demselben Straßenblock gehören. Doch sobald man das Blockinnere betritt, sind alle Unterschiede verschwunden.

Es ist unabhängig von der umgrenzenden Bebauung ein einziger zusammenhängender Raum mit Bäumen, Wiesen, Bänken, Spielgeräten, auch Parkplätzen. Und obwohl in letzter Zeit die Parkplätze auf die Wiese ausgegriffen haben, ist es ein angenehmer und wohlgestalteter, ein schöner Raum. Es ist ein Raum, der zu der fortschrittlichen Bebauung gehört: öffentlich zugänglich, als differenzierte Einheit geplant, großzügig.

Was völlig fehlt ist der Raum, der zu den Mietskasernen gehörte: die Hinterhoflandschaft. Egal, ob diese aus Hinterhäusern oder Schuppen bestände, sie zeichnete sich aus durch die Zersplitterung des Raums in private voneinander abgeschottete Parzellen. Dieser Raum des 19. Jahrhunderts ist hier restlos zerstört. Die Mietskasernen sind verwandelt durch den fortschrittlichen Raum, sie sind aufgehoben. Statt auf Hinterhöfe blickt man von ihren Wohnungen in einen Park.

Besonders gut läßt sich die Verwandlung an der einzelnen Mietskaserne an der Ecke Kamienna/Tomaszewska aufzeigen. Sie steht frei, wie sie nie gedacht war. Fenster, die auf dunkle Lichtschächte hätten gehen sollen, öffnen sich zum Grün. Und da die Mietskaserne höher ist als die fortschrittlichen Gebäude daneben, wirkt sie wie ein absichtlich hervorgehobenes Punkthaus.

Der Kampf gegen die Mietskaserne ist in diesem Block gewonnen, ohne daß es nötig gewesen wäre, alle Mietskasernen abzureißen. Diese Art des Umgangs mit dem Mietskasernenerbe ist typisch für Wrocław. Nicht immer ist das Ergebnis so lehrbuchhaft klar wie in diesem Block, aber das Grundprinzip, die alten Gebäude durch neue zu ergänzen und insbesondere einen neuen Raum zu schaffen, ist dasselbe. Es ist wohlgemerkt kein radikales Vorgehen, da die überkommene Straßenstruktur erhalten bleibt. Aber die starre Monotonie der Mietskasernen wird aufgebrochen. Grün mischt sich ins Grau.

Interessant ist, daß es Vergleichbares in Berlin, Hauptstadt der DDR, weit seltener und erst spät gab. Jede Stadt hatte ihre eigenen Taktiken im Kampf gegen die Mietskaserne. Daß der Kampf weiterzuführen sein wird, zeigen Neomietskasernen aus jüngerer Zeit, die einst freie Ecken zubauen und dort Neohinterhöfe entstehen lassen, oder Abzäunungen, die einst zusammenhängenden öffentlichen Raum privatisieren.

Ein Gebäude in Türkis

„Kommunistische“ Architektur sei grau, hört man oft. Dem gegenüber steht dann implizit die Buntheit des Kapitalismus. Völlig falsch ist das, wie die meisten anderen Vorurteile, nicht. In der Tat baute die fortschrittliche Architektur des Sozialismus gerne mit rohem grauen Beton. Doch das tat die fortschrittliche Architektur des Kapitalismus ebenfalls und es ist auch nicht ersichtlich, was am vielfältig nuancierten Grau von Beton schlechter sein sollte als etwa an dem Grau von Stein. Überdies liebte der Sozialismus auch die Farbe. Ein schwer zu übersehendes Beispiel steht in Brno an der Hněvkovského (Hněvkovský-Straße), einer großen Ausfallstraße im Süden.

Alle Gebäude dieses Bürokomplexes sind ganz und gar nicht grau, sondern türkisgrün. Sie verdanken das einer Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln, deren heller türkisgrüner Grundton von unregelmäßig eingestreuten dunkleren Kacheln variiert wird.

Es ist wirklich zuerst die Farbe, die man an diesem Gebäude sieht, so stark wirkt sie, ohne dabei grell zu sein. Sie begleitet einen auch, wenn man sich die Zeit nimmt, die Architektur näher zu erkunden.

Der Mittelpunkt ist ein parallel zur Straße stehendes neungeschossiges Bürohochhaus. Seine Breitseiten haben außer der Verkleidung nur Fensterbänder, doch etwas neben der Mitte sind Treppenhäuser leicht vorgesetzt. Sie haben nur an den Schmalseiten schmale Fenster und wirken so als vertikale türkisgrüne Streifen, die die vorherrschenden Horizontalen durchschneiden. Das oberste Geschoss ist fensterlos und mit vertikal strukturiertem dunklen Metall verkleidet. An der südlichen Schmalseite ist ein weiteres Treppenhaus, das aber im Gegensatz zu den anderen weit vorgesetzt ist und dank Glasflächen an den Breitseiten völlig transparent wirkt. Es mag an der alles bestimmenden Farbe liegen, daß das Glas einen leichten Türkisstich zu haben scheint. An der zur Stadt zeigenden nördlichen Schmalseite ist bloß in der Mitte ein vertikales Fensterband. Doch diese flankierend und dann wieder außen ist die Verkleidung in zwei breiten Streifen leicht vorgesetzt, so daß über dem transparenten Erdgeschoß die Vertikalen stark betont sind.

Der zweigeschossige Sockelbau verläuft erst parallel zur Straße, dann quer, wo mittig das Hochhaus an ihn stößt, und dann wieder parallel. Das Erdgeschoß hat dabei im letzten L-förmigen Teil große Schaufenster, während die Obergeschosse nur links und rechts deutlich zurückgesetzt aufragen. Durch vorgesetzte vertikale Verkleidungsstreifen, die denen der vorderen Schmalseite des Hochhauses entsprechen, wirken sie skulptural und wie vom Erdgeschoß losgelöst.

An der Ecke zu einer großen Querstraße rahmt dieser Sockelbau den kleinen Mariánské náměstí (Marienplatz). Er ist heute zuerst Parkplatz, doch in seiner Mitte ist noch immer ein runder Brunnen mit einer hohen stählernen Skulptur. Sie besteht aus zu einem Kreis angeordneten Scheiben, die oben treppenartig vorspringen.

Es ist ein abstraktes Kunstwerk, wie es für die Tschechoslowakei typisch ist. Zu den einfachen, aber markanten Formen und der Farbe des Gebäudes paßt es gut, während zum Namen des Platzes, vielleicht nicht zufälligerweise, kein Zusammenhang zu erkennen ist.

An der Südseite des Hochhauses führt ein verglaster Brückentrakt im zweiten Geschoß zu einem weiteren dreigeschossigen Bau, der mit seinen konventionellen Fensteröffnungen ganz banal wäre, wäre nicht auch er türkisgrün verkleidet und ragten aus dem Dach nicht mehrere große Parabolantennen.

Ein weiterer Brückentrakt verbindet dieses Gebäude mit einer quer zur Straße stehenden Halle.

Ihre hohe Schmalseite scheint ein einziger türkiser Block zu sein, auf dem leicht zurückgesetzt das Dach auf milchigen Glasflächen zu schweben scheint. Es ist erst flach, steigt aber dann in Richtung Hochhaus schräg an und seine Seiten – sind türkis verkleidet.

An der Seitenwand der Halle ist ein weiteres abstraktes Kunstwerk aus verschlungenen dickeren und dünneren Linien, in dem man, vielleicht wegen der dann folgenden Bahnstrecke, eine Gleislandschaft erkennen mag.

Zwischen den einzelnen Gebäuden sind Verkehrsflächen und Parkplätze, aber auch Wiesen mit großen Bäumen, die ihr eigenes, andersartiges Grün beisteuern.

Das Bemerkenswerteste an diesem Komplex ist letztlich nicht einmal die Farbe, sondern die Tatsache, daß die Farbe überall ist. Nicht nur das Hochhaus und die zur Straße zeigenden Seiten nämlich sind türkisgrün verkleidet, sondern alles. Die Rückseiten der Sockelbauten, die Flächen zwischen den rückwärtigen Toren der Halle, alles. Fast lächerlich oder aber selbstironisch wird es, wenn sogar ein kleiner Verteilerkasten nicht ohne die Verkleidung bleibt.

Erst ganz hinten im ersten Hof findet sich eine offenbar ältere Halle mit gelbbraunem Putz. Aber sogar hier ließen es sich die Architekten nicht nehmen, wenigstens den an die neuen Gebäude grenzenden Teile der Schmalseite in Türkisgrün nachzuzeichnen.

Man kann es übertrieben finden, daß hier alles mit dieser Verkleidung gleichsam übergossen ist, aber es sagt auch viel über den Sozialismus. Es gibt hier keine prunkvolle Schauseite und keine häßliche Rückseite. Was nur die dort tätigen Arbeiter sehen, ist nicht weniger wichtig als das, was die weitere Öffentlichkeit sieht. In der türkisgrünen Verkleidung drückt sich der Wunsch nach Ganzheit, nach Einheit aus. Der Kapitalismus kann das niemals verstehen und das zeigt er auch mit dem, was er an dem Gebäudekomplex veränderte. Die zur Stadt zeigenden Schmalseite nutzt er als riesige Plakatwand. Zudem verkleideten einige Geschäfte die Erdgeschoßflächen des Sockelbaus neu. Und die Farbe die sie dazu wählten war – grau.

Es gibt manches über die Buntheit des  Kapitalismus zu sagen. Das banalste, an diesem Gebäude schön zu exemplizieren, wäre, daß es eben die Buntheit der Reklame ist. Weniger banal ist Ronald M. Schernikaus Aussage: „Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen“.  Aber, und das ist an diesem Gebäude noch besser zu zeigen, oft ist sie nicht einmal bunt.

Alt und Neu an der Pomorska

Es ist ein sehr fotogener Kontrast: vor den zehngeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden ein einziges kleines Einfamilienhaus.

Es hat einen akkurat umzäunten Garten mit Garage, einigen Bäumen und Marienschrein. Es ist also ein ganz normales polnischen Häuschen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie man es von den Vorstädten bis in die Dörfer überall finden könnte. Allein hier, im nördlichen Gdańsker Wohngebiet Żabianka, auf der rechten Seite der Straße Pomorska, wo es sonst kein anderes Einfamilienhaus gibt, wird es auffällig. In dieser Umgebung wirkt es wie ein Exponat in einem Freilichtmuseum. „Seht, so haben unsere Vorfahren gelebt!“ scheint es dem kopfschüttelnd Vorbeikommenden sagen zu wollen.

Diese Rolle, als Schaustück aus einer überwundenen Vergangenheit, wäre dem Haus an der Pomorska auch zu wünschen. Selbstverständlich müßte es dann tatsächlich ein Museum sein und niemand dürfte dort wohnen. Doch so ist es ja leider nicht. Allzuviele, die das Haus in dieser Umgebung sehen, sehen wohl leider nicht das etwas verquere Alte inmitten des besseren Neuen, die Hütte vor den egalitären Palästen, sondern etwas Erstrebenswertes, das Ziel alles kleinbürgerlichen Luxusstrebens.

Den selbstgebauten Schrein mit der massengefertigen Marienfigur könnte man für sich genommen als harmlosen Ausdruck eines noch volkstümlichen Glaubens, als ein wenig aus dem litauischen, ukrainischen oder auch kleinpolnischen Dorf in die große nachdeutsche Stadt mitgebrachte Ländlichkeit, begreifen. Doch leider weiß man, daß der polnische Katholizismus stärker denn je ist und politisch wie künstlerisch tagtäglich weit Schlimmeres anrichtet.

So ist das Häuschen an der Pomorska leider nicht bloß eine rührende Erinnerung an schlechtere Zeiten, sondern eine traurige Erinnerung an den gegenwärtigen schlechten Zustand der Welt.

Gočárův okruh – Schnellstraßen in Hradec Králové

Abseits des Busbahnhofs, am Rande des Industriegebiets, zwischen den Gebäuden von Fachschulen, steht in Hradec Králové ein unscheinbarer viergeschossiger Bau und in der Mitte seines Eingangs hat er ein Sandsteinrelief.

Typisch tschechoslowakisch, abstrakt, irgendeine Schleifenform, scheint es.

Doch dann erkennt man, daß es die Kleeblattkreuzung einer Autobahn darstellt. Erst zweifelt man kurz, vielleicht ist es ja nur ein Zufall, doch schnell ist es klar. Das Autobahnkreuz ist nicht ganz von oben, sondern aus einer leicht schrägen Vogelperspektive gezeigt. Auf einmal wird auch das Gebäude interessanter, der Wechsel zwischen braungekachelten Wandteilen an den Ecken und Fensterbändern, die Garageneinfahrten, der quadratische Grundriß mit offenbar einem Innenhof in der Mitte.

Aber was es mit Autobahnen zu tun hat, verrät es nicht.

Hradec Králové ist indes eine Stadt, die eine enge Beziehung zum Straßenbau hat. Es besitzt einen vierspurigen Schnellstraßenring, der sich als beinahe perfekter Kreis um seine inneren Teile legt. Vergleichbares gibt es in keiner anderen tschechoslowakischen Stadt dieser Größe (etwa 100 000 Einwohner). Daß gerade Hradec Králové diesen Ring hat, liegt zum einen an der unproblematischen Topographie – die einzige Erhebung ist der Hügel, auf dem die Altstadt liegt – und zum anderen daran, daß die städtebaulichen Planungen dafür bis ins Jahr 1928 zurückreichen. Die Ausführung blieb in den Jahren 1967 bis 1980 dem tschechoslowakischen Sozialismus vorbehalten, was eine bemerkenswerte Kontinuität über die Zeiten und Systeme hinweg ist. Nach dem für Hradec Králové ungemein wichtigen Architekten Josef Gočár, von dem die ersten Pläne stammen, wird der Schnellstraßenring auch Gočárův okruh, Gočárring, genannt.

Kreuzungsfrei allerdings ist er nicht und Kleeblattkreuze hat er erst recht nicht, dafür ist die Stadt doch zu klein. Immerhin wurden für ihn zwei Brücken über die Elbe, eine über die Orlice und eine über eine größere Querstraße im Osten gebaut.

Letztere, beinahe eine kurze Hochstraße füllt den gesamten Raum einer Mietskasernenstraße, was einen Eindruck beinahe amerikanischer Großstädtigkeit schafft,

und legt eine geschwungene Auffahrt um das Grün eines Platzes, was wiederum eigenartig idyllisch wirkt.

Auch sonst wurde durchaus alles dafür getan, sie so ein einladend zu machen, wie eine Straßenbrücke zwischen dichter Wohnbebauung eben sein kann.

Sie ruht weit auskragend auf nur je zwei dicken runden Stützen, bei der Auffahrt sogar nur auf einer, was ihr eine gewisse Leichtigkeit gibt, die allerdings von den seitlichen Stützen eines neueren Lärmschutzdachs wieder konterkariert wird.

Am Ring entstanden viele Unterführungen, unter anderem eine besonders gelungene im Zentrum, und auch die Elbbrücken sind mit einer gewissen Berücksichtigung des Fußgängerverkehrs gebaut. Bei der südlichen von ihnen, ursprünglich Most Obrancův míru (Brücke der Verteidiger des Friedens), führen von den Gehwegen neben den Fahrbahnen geschwungene Rampen, die von V-Stützen getragen werden, zum Uferweg hin.

Es ist gerade so, als haben die Planer die geschwungenen Abfahrten der Kleeblattkreuze, die zu bauen ihnen verwehrt geblieben war, stattdessen für den Fußgänger gebaut.

Neben der nördlichen der Brücken, ursprünglich Most Antonína Zápotockého (Antonín-Zápotocký-Brücke) führen Treppen zum Uferweg, aber sie verbreitern sich nach unten leicht und leiten so an den vertikal geriffelten Betonwänden vorbei unter die Brücke.

Es ist, als solle dem Fußgänger freundlich nahegelegt werden, ihre Konstruktion, die weiten sanften Bögen unter den Fahrbahnen und die als schräg übers Wasser ragende Wände ausgeführten Stützen, zu bewundern.

Die Treppen selbst bekommen durch die oben und unten unterschiedlichen Breiten, die steinernen Stufen und die Nadelbüsche daneben etwas Südliches, Antikes.

Durch kleine Details wie diese, die schön sind, ohne dekorativ zu sein, zeigt Hradec Králové, wie stolz es auf seine Brücken und seinen Schnellstraßenring ist. Nur passend also, daß es einer Autobahnkreuzung ein Kunstwerk widmet.

Unterführungen in Hradec Králové

Unterführungen sind ein problematisches städtebauliches Instrument. In ihrer typischsten Form, wenn eine Treppe hinab, ein Tunnel unter der Straße hindurch und eine weitere Treppe wieder hinauf führt, repräsentieren sie die Unterordnung des Fußgängers unter das Auto und sind abzulehnen. Auch im ostböhmischen Hradec Králové finden sich einige solcher Unterführungen, insbesondere am Schnellstraßenring, der das weitere Zentrum umgibt

Doch außerdem gibt es dort zwei Unterführungen ganz anderer Art.

Die eine ist Mitten im Zentrum an einer wichtigen Kreuzung auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt (Třída Karla IV/Střelecká). Ihren Beginn kann man beinahe übersehen, so unmerklich sanft senkt sich der Boden.

Schon hat man die Straßenebene verlassen und geht zwischen Betonwänden, in denen ein Rillenmuster komplizierte große Pfeilelemente bildet.

Unter der Straße ist dann eine breite und helle Passage mit Schaufenstern auf beiden Seiten, die teils zu Werbe- oder Informationsflächen, teils zu Geschäften gehören.

Statt Beton dominieren nun das Glas und die schwarz-silbernen Rahmen der Schaufenster. Auf der anderen Seite geht es in so sanfter Steigung zwischen gemusterten Betonwänden hinauf, wie es zuvor hineingegangen war.

So gestaltet ist eine Unterführung kein umständliches Hindernis, sondern eine wertvolle Erleichterung für den Fußgänger. Sie zu gehen wird ihm nicht aufgezwungen, sondern ist ihm selbstverständlich. Bei typischen Unterführungen werden Eilige immer den Drang verspüren, die Straße oberirdisch zu überqueren, hier aber fiele das niemandem ein, weil es sinnlos wäre.

Ein zweiter Teil der Unterführung entspricht dann der typischen Form. An ihrem zentrumsseitigen Ende besteht die Möglichkeit, statt des Wegs eine Treppe hinaufzugehen und nach links zweigt ein weiterer schmalerer Gang ab, von dem auf der anderen Straßenseite eine weitere Treppe hinaufführt.

Über den Treppenaufgängen sind kleine Aufbauten mit verglasten Seiten, wie sie oft die typischen Unterführungen markieren.

Von der Straße würde man nur diesen Teil der Unterführung sehen, nicht aber ihren weit besseren, da der sich so unmerklich, gleichsam natürlich in den städtischen Raum einfügt. Aber auch die Betonmuster der Wände drängen gleichsam nach oben. Als Verkleidung für einen Belüftungs- und Stromverteileraufbaus an der einzigen Ecke, zu der die Unterführung nicht führt, werden sie beinahe zur abstrakten Skulptur.

Die zweite Unterführung ist im südlichen Wohngebiet Moravské předměstí (Mährische Vorstadt) dort, wo sich dessen zentrale Straße in einem Kreisel spaltet und zu den Seiten abzweigt (třída E. Beneše/Palachova).

Ist die Umgebung auch völlig anders, so bleibt doch das Prinzip das gleiche. Es gibt keine Treppen, stattdessen fällt das Gelände beidseits der Straße zur Kreuzung hin sanft ab und verschiedene Wege führen auf die Unterführung zu. Wieder gibt es Betonwände, hier aber als weit ausgreifende geschwungene Form mit vertikalen Rillen. Oben sind orangene Geländer, vor ihnen verlaufen orangene Handläufe und in der Mitte ist unter einer großen weißen Fläche der Durchgang.

Die eigentlichen Unterführungen sind hier nur sehr kurz. Man tritt durch sie in ein offenes Oval in der Mitte des Kreisels.

An einer Schmalseite ist eine halbrunde gemusterte Betonwand, an den Breitseiten sind aufsteigende Beete mit dichtem Nadelgebüsch und oben legt sich wieder das orangene Geländer darum.

Es ist ein überraschender Ort, den man hier durchquert, Ort des Durchgangs, aber zugleich freundlich, ja, einladend. Die Öffnung zum Himmel und das Grün erfüllen dieselbe Funktion wie im Zentrum die Schaufenster: sie nehmen der Unterführung das Dunkle und Abweisende. Auch hier gibt es keinen Grund, die Unterführung nicht zu nutzen und schon das beweist, wie gut sie gestaltet ist.

Diese beiden Beispiele aus Hradec Králové zeigen, daß kein städtebauliches Instrument grundsätzlich schlecht ist. Es kommt immer darauf an, wie es benutzt wird. Im ersten Fall setzt die fortschrittliche Stadtplanung die Unterführung zur Lösung eines Problems in der überkommenen Stadt ein. Im zweiten Teil, wo sie Teil einer umfassenden fortschrittlichen Planung ist, kann man schon kaum mehr von einer Unterführung sprechen.