Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Poldi

Kladno ist eine Bergbaustadt ohne Bergbau, eine Industriestadt mit wenigen Resten von Industrie. Wenn es nicht so nah an Prag läge, hätte es wohl ernste Probleme. So muß es zumindest zu seiner Vergangenheit eine Haltung einnehmen.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung blendet es heute naheliegenderweise aus, doch aus der sozialistischen Zeit blieben einige Gedenktafeln an Gebäuden. Das gegenwärtige Kladno betreibt lieber einen gewissen Kult um den Wiener Kapitalisten Karl Wittgenstein. Dieser war Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Investor der Pražská železařská společnost (Prager Eisenindustrie-Gesellschaft) und betrieb die Gründung des neusten Stahlwerks, der Poldihütte. Es waren mithin also auch die Kladnoer Arbeiter, die es Karls Sohn Ludwig später erlaubten, als Lehrer, Architekt und Philosoph zu dilettieren, letzteres mit einigem Erfolg. Wichtiger für Kladno war, daß Karl die Fabrik nach seiner Frau Leopoldine Poldi nannte und ihr Gesicht zu deren Zeichen machte. In der sozialistischen Zeit, als eher die Rolle der Arbeiter als die der Kapitalisten betont wurde, hieß die Fabrik Spojené ocelárny n.p. (SONP – VEB Vereinigte Stahlwerke), behielt aber mindestens halboffiziell immer den hübschen Namen Poldi. Auch das Gesicht der Namenspatin blieb und wurde in seiner nunmehrigen Variante zum vielleicht hübschesten Logo, das je ein Industriebetrieb hatte: in einem aufrechten Oval ein Frauenkopf mit hochgestecktem Haar im nach links blickenden Profil und etwas oberhalb der Stirn ein schräger fünfzackiger Stern, alles in Linien stilisiert.

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Das Antlitz der Kapitalistengattin wurde als Logo des sozialistischen Betriebs gewissermaßen in Volkseigentum überführt. Noch immer empfängt es, auf einem dreieckigen Betonelement vor dem Werksgelände oder auf einer der Hallen, den Besucher, der dem Schriftzug Poldi auf einem Schornstein gefolgt sein mag. Vom Werk jedoch ist nicht mehr viel übrig.

Wie wichtig dem heutigen Kladno seine Geschichte ist, zeigt das Muzeum Poldi (Poldi-Museum). Es wurde 1975 als Muzeum SONP in einem dafür perfekt geeigneten Gebäude eingerichtet: der sogenannten Bachrovna (sinngemäß Bacher-Haus), in der Karl Wittgenstein eine Dienstwohnung für seine Besuche hatte und der Bergbaudirektor Gottfried Bacher lebte. Die große kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová beschreibt das Gebäude und seinen Bewohner in ihrem Kladno-Roman „Siréna“ (Die Sirene) folgendermaßen (zur deutschen Übersetzung):

„Bohumír Bacher, důlní ředitel, bydlil ve vile s věží, která přípomínala středověký hrad; měla jakoby cimbuří a přístavbu, které se říkalo šermírna.

Bohumír Bacher měl kolem svého sídla vysoký plot a vrata mřízová z litého železa, výrobek Vojtěchovy huti, okázalý ve své výšce a nedobytnosti jako na výstavu.

Bohumír Bacher měl rozsáhlou anglickou zahradu, na dvoře americkou lednici a jeho roční příjmy se rovnaly položce všech příjmů havíře Jana Stádníka z Braškova, jenž pracoval v uhelně třicet let a vydělal za tu dobu třináct tisíc zlatých.“

((Gottfried [tschechisch Bohumír] Bacher, der Bergbaudirektor, wohnte in einer Villa mit Turm, die an eine mittelalterliche Burg erinnert; sie hatte nachgeahmte Zinnen und einen Vorbau, der Fechthalle hieß.

Gottfried Bacher hatte um seinen Sitz einen hohen Zaun und Gitterpforten aus Gußeisen, ein Erzeugnis der Vojtěch-Hütte, in seiner Höhe und Uneinnehmbarkeit prunkvoll wie für eine Ausstellung.

Gottfried Bacher hatte einen ausgedehnten englischen Garten, im Hof ein amerikanisches Gewächshaus und sein Jahreseinkommen entsprach dem Lebenseinkommen des Bergmanns Jan Stádník aus Braškov, der dreißig Jahre in der Zeche gearbeitet und in dieser Zeit dreizehntausend Gulden verdient hatte.)

Bacher und seine Villa wurden dadurch berüchtigt, daß er bei einer Streikdemonstration an Fronleichnam 1889 die Polizei in die Menge schießen ließ, wobei drei Kinder getötet wurden. Allen folgenden Verwaltern und anderen Nutzungen zum Trotz blieb die Villa so die Bachrovna. Über die Bedeutung des Streiks von 1889 für die Arbeiterbewegung in Kladno urteilt Majerová (zur deutschen Übersetzung):

„Kladno třetího června toho roku odložilo cechařské odznaky, které nosilo již jen ze setrvačnosti, a objevilo se na jevišti světa jako průmyslový dav. Průmysl a uhelná těžba za tří desítky let nepozorovatelně vytvářely nové lidi.“

(Kladno legte am dritten Juni dieses Jahres die Zunftabzeichen, die es nur noch aus Beharrlichkeit getragen hatte, ab und zeigte sich auf der Bühne der Welt als industrielle Masse. Unmerklich hatten Industrie und Kohlebergbau in drei Jahrzehnten neue Menschen geschaffen.)

Als diese neuen Menschen die Bachrovna später zum Museum machten, war das auch ein symbolischer Akt der Enteignung der Burgen des Kapitals und ihrer Aufhebung im Sozialismus. Die Villa sieht noch immer aus wie von Majerová beschrieben, aber kein Zaun versperrt mehr Blick oder Weg.

Egal, von wo man auf das nunmehrige Poldi-Museum zukommt, man sieht zuerst Denkmäler für die Opfer des Faschismus unter der Arbeiterschaft.

Kommt man von der Straße, steht links in der Grünfläche eine überlebensgroße Skulptur des Bildhauers Jiří Bradáček. Sie zeigt einen behelmten Arbeiter in einer unklaren Bewegung, die Aufbäumen wie Zusammensinken sein könnte, die rechte Hand zur Faust geballt über den Kopf erhoben, die linke auf der Brust. Kampf wie Tod sind im Stein dargestellt und auf dem niedrigen Sockel steht: „Kladenským hutníkům obětem druhé světové války“ (Den Kladnoer Hüttenarbeitern, die Opfer des zweiten Weltkriegs wurden).

Kommt man durch das Gelände vor der stadtseitig angrenzenden Poliklinik, sieht man vor dem Turm eine freistehende Betonwand, auf der eine vertikale schwarze Steintafel mit den Worten „Nezapomínáme oběti fašismu“ (Wir vergessen die Opfer des Faschismus nicht) und vielen Namen angebracht ist. Auf der Hälfte ihrer Höhe unterbricht sie ein vertikales beidseitig überstehendes Relieffeld, das rechts einen leidend, sterbend liegenden Mann und links eine helfend zu ihm gebeugte Frau zeigt.

Nach dieser Einleitung kommt man zum Museum. In den nunmehr kleineren Garten führt rechts neben der Villa ein niedriges ornamentiertes Eisentor, das ein bauliches Majerová-Zitat sein könnte.

Danach ist er unregelmäßig mäandernd von mit kleinem Abstand nebeneinandergesetzten Betonstelen umgeben.

So selbstbewußt die fortschrittliche Architektur der Tschechoslowakei hier Alt und Neu verbindet, so freundlich ist sie auch, da die Stelen nur so hoch sind, daß man gut in den Garten blicken kann. Alles Abweisende ist dieser Umrandung, die kein Zaun mehr ist, genommen.

Im Garten stehen einige riesige rostende Maschinenteile, während sich aus einem niedrigen Teil der Villa große, bis zum Boden reichende Fensterflächen und Türen öffnen, die auch in ein viel neueres Gebäude passen würden.

Das Muzeum Poldi könnte im weiteren alles über Kladno erzählen, was die Stadt von sich erzählt haben will. Könnte, denn es ist bereits seit 2006 geschlossen. Keiner tritt mehr durch die Glastüren in den Garten, keine Tafeln erklären mehr die Geräte. Kladno ist eine Industriestadt ohne Industrie und auch ohne Museum für diese Industrie.

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Kegeln in Linköping

Gamla Linköping (Alt-Linköping) ist nicht etwa die Altstadt des südostschwedischen Linköping, sondern ein Freilichtmuseum am Rande der Stadt, wohin in den Fünfzigern und Sechzigern viele ältere Gebäude aus dem Zentrum versetzt wurden. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Art, mit wertvollen Bauwerken, für die in der neuen Stadt einfach kein Platz mehr ist, zu verfahren. Wenn es sich wie in Linköping vor allem um Holzgebäude handelt, ist es wohl auch nicht besonders aufwendig. Aber es betrübt zu sehen, daß im Zentrum an die Stelle dieser früheren kapitalistischen Bebauung eben ganz und gar keine Stadt neuer Art, sondern nur andere kapitalistische Bebauung trat, und daß die alten Holzhäuschen im Freilichtmuseum nun eine Idylle simulieren, die es nie gab, als sie noch Teil einer lebendigen kapitalistischen Stadt waren.

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Wenn man auf all den Schildern liest, die Häuser seien in diesem oder jenen Jahr „flyttad“ („umgezogen“, hier eher „umgesetzt worden“), fällt es noch schwerer als sonst, nicht an das etymologisch nahe „geflüchtet“ zu denken, denn geflüchtet vor den Veränderungen in Linköping sind sie ja.

Die Funktion der meisten Gebäude von Gamla Linköping ist einfach zu erkennen, doch ein einziges verwirrt. Es steht gut sichtbar in einem Garten an der Ecke der Straßen Majagatan/Malmslättsvägen, wo das Freiluftmuseum endet.

Das Verwirrende an diesem offenen Holzbau mit Geländern und auf Doppelstützen ruhendem Satteldach ist seine Länge.

Wäre es rund, quadratisch, was auch immer, dann wäre es ein Gartenhäuschen wie die anderen ringsherum, die Ornamentik der Giebel und bei den Stützen paßt gut dazu. Es wäre ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts, hübsch vielleicht, weil es erhalten ist, aber nicht sonderlich erhaltenswert, da sich Adel und Großbürgertum auf der ganzen Welt ähnliches in die Gärten ihrer Villen gestellt hatten. Aber wieso ist es so lang und hat nur an einer Schmalseite einen Zugang? Auch die Details helfen nicht weiter.

Der Anfang ist am breitesten und hat seitliche Bänke, dann folgt ein langer schmaler Mittelteil, nach dem das Ende wieder etwas breiter wird. Hinten ist eine niedrige Barriere mit Gitter und nach kurzem Abstand ein verschlossener Kasten. An der linken Seite ist außen neben dem Geländer eine Art Rinne, einfach aus zwei in V-Form zusammengefügten Brettern gezimmert, die von hinten nach vorne leicht abschüssig verläuft.

Die gesamte Konstruktion sitzt auf niedrigen Steinstützen, was denn auch die einzige Spekulation über ihren Zweck fundieren mag: ein Steg für einen großen Gartenteich. Was sie tatsächlich ist, würde man so leicht nicht erraten: eine Kegelbahn.

Das erklärt sogleich alles, die Länge, die Aufteilung, die Barriere, vor der man nun auch metallene Markierungen für die Kegel bemerkt, und die Rinne.

Die ungewöhnliche Form des Gebäudes ergibt sich erstaunlicherweise aus seiner ungewöhnlichen Funktion. Viele Bürger hatten Gartenhäuschen in ihren Villengärten, aber nur wenige hatten dort so etwas wie der Linköpiger Beamte Adolf Wallenberg, der seine kägelbanan 1867 bauen ließ. Daß man bei diesem Gebäude wohl zuletzt an eine Kegelbahn gedacht hätte, liegt auch daran, daß das Kegeln heute als populäres, ja, proletarisches Vergnügen gilt. Diese großbürgerliche Kegelbahn zeigt, daß dies erst Ergebnis des nivellierenden und demokratisierenden 20. Jahrhunderts ist. Dabei hat sie durchaus schon alles, was auch heutige Kegelbahnen haben, bloß mußte das heute automatische Wiederaufstellen und Zurückschicken der Kugeln eben ein Bediensteter erledigen.

Kegel-, beziehungsweise Bowlingbahnen (der Unterschied zwischen Kegeln und Bowling ist für mich wie der zwischen dasselbe und das gleiche – nachvollziehbar, wenn er mir erklärt wird, aber völlig belanglos, so daß ich ihn sofort wieder vergesse), Bowlingbahnen gibt es im heutigen, nicht hinreichend neuen, aber doch sehr veränderten Linköping etwa in der Sporthallen (Sporthalle), die den Anspruch des Neuen noch am besten verkörpert.

In diesem eleganten, von zwei großen freistehenden Betonbögen mit Stahlseilen gehaltenen Hallenbau von 1956 sind sie nicht geradezu versteckt, aber doch nur Nebensache. Nicht durch den Haupteingang rechts, über dem in blauen Leuchtbuchstaben „Sporthallen“ steht, sondern über die linke Schmalseite bei Parkplätzen und Lieferzonen erreicht man sie.

An der Wand der Halle führt eine Betontreppe mit blauem Metallgeländer zu einer kleinen Tür und rechts steht in weit kleineren Leuchtbuchstaben „Bowlinghall“. Irgendwo hier, oder im Park, der nach einer komfortablen Unterführung folgt, wäre vielleicht ein besserer Platz auch für die neunzig Jahre ältere großbürgerliche Kegelbahn.

Indem die Verwandlung eines Sports unmittelbar zu sehen wäre, könnte sie an dieser Stelle mehr über Linköping, alt wie neu, und die Welt aussagen.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Rožná

Ein typischer Bahnhof, wie ihn die Tschechoslowakei vor allem in ländlichen, ehemals rückständigen Gegenden, wie hier in der Mitte von Mähren, baute. Meist sind die Bahnhöfe dort eines der wenigen und immer eines der schönsten Zeichen des Sozialismus. Sie gleichen sich oft sehr, sind aber fast nie identisch. Standardisierung, Typisierung mit großen individuellen Variationen ist überhaupt ein Merkmal der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur. Deshalb ist auch der Bahnhof von Rožná nicht einfach wie Dolný Kubín zastávka.

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Vor dem Bahnhof wird die eingleisige Strecke kurz zweigleisig, damit sich entgegenkommende Züge einander passieren können, und da steht das Bahnhofsgebäude. Links ein kürzerer zweigeschossiger Teil, rechts ein längerer flacher, beide in grauem Putz, beide mit zur Mitte hin leicht abgesenkten Dächern. Links ist im oberen Geschoß die Wohnung des Stationsvorstehers, die an der linken Schmalseite einen über die fortführenden Gleise zeigenden Balkon hat, während im Erdgeschoß die Betriebsräume mit einem vorgesetzten verglasten Teil sind.

Rechts schließt ein von runden und teils mit ranken bewachsenen Stützen getragenes Vordach an, in dem in blauen Buchstaben auf quadratischen weißen Leuchtflächen der Name steht: Rožná.

Zuerst führen Glastüren in den Warteraum mit Gepäckaufbewahrung und Schaltern. Tische und Stühle laden zum Verweilen ein, es gibt die obligatorischen exotischen Pflanzen und weitere Glastüren führen in den Ort.

Unter dem Vordach, vor den Fenstern des Wartenraums, steht dann eine lange rote Bank, bis es zu den Toiletten noch etwas tiefer hineingeht.

Abschließend ist in der Schmalseite unter anderem ein offener Abstellraum für Geräte des Bahnbetriebs. Von der Ortsseite zeigt sich der Bahnhof sogar noch schlichter.

Nichts markiert den Eingang besonders, denn man kann um das freistehende Gebäude ja ebensogut herumgehen.

Schmuckstück des Bahnhofs aber und das einzige, was ihn in seine Region einordnet, ist eine große Karte, die rechts an der den Vordachbereich abschließenden Wand hängt. Auf Kunststoff (Holz?) gedruckt zeigt sie in großem Detail Svratecko, die Gegend des Flusses Svratka. Was auch immer man darüber wissen will, die Karte wird es einem sagen.

Sie wurde vom Verlag Kartografie, n.p., Praha nach Daten aus dem Jahre 1980 für den Svaz Turistů ČSSR (Wanderverband der ČSSR) angefertigt und daß es eine Karte aus der sozialistischen Zeit ist, merkt man daran, daß die Legende auch Arbeiterkämpfe, Demonstrationen (roter Hammer) und Bauernaufstände (rote Sichel) nennt.

Heute ist die diese Karte dem Besucher so nützlich wie zu der Zeit, als sie aufgehängt wurde, ganz gleich, ob er von fernher oder für einen Ausflug aus dem nahen Brno kommt.

Etwa zeigt die Karte einen gelben Wanderweg zur Burg Pernštejn, der mit nur leicht verändertem Verlauf nach wie vor existiert.

Es ist nicht der kürzeste Weg zu dieser großen gotischen Burganlage, aber der vielleicht beste. Der nähere Bahnhof Nedvědice scheint besser zu ihr zu passen, versteckt sich doch, so wie in Pernštejn das deutsche Bärenstein versteckt ist, in Nedvědice verändert das tschechische medvěd, Bär. Aber während man die Burg von dort recht verdeckt auf ihrem wenig hohen Hügel sieht, führt der in Rožná beginnende gelbe Weg über einen Aussichtspunkt, von dem sich ein Postkartenblick hinab auf Pernštejn im Tal öffnet.

Vom sozialistischen Bahnhof ausgehend und von der sozialistischen Karte geleitet erlebt man so einen sozialistischen Blick auf den alten Herrschersitz, nicht mehr von unten als Untertan, sondern von oben als der nunmehrige Herrscher.

Details wie diese Karte sind es, die die einander so ähnlichen kleinen tschechoslowakischen Bahnhöfe einzigartig machen.

Hala Olivia

Expressive Betonformen in der Architektur haben unweigerlich das Schicksal mit irgendetwas anderem verglichen zu werden. So geht es auch der Hala Olivia (Olivia-Halle), einer Eissporthalle in Gdańsk, wie am Namen zu erkennen in seinem nördlichen Stadtteil Oliwa.

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Die Vergleiche gehen wegen der Nähe der Ostsee immer zu allerlei Maritimem. Und wenn man will, kann man in ihrer schräg nach vorne ansteigenden Straßenfront sicher einen Bootskiel oder eine Welle sehen. Oder einen Schwertfisch oder Hai in ihren Seiten mit dem weiten Schwung des Dachs, der von der niedrigeren Rückseite zu hohen vorragenden Straßenseite führt.

Aber eigentlich genügt es zu sagen, daß die Hala Olivia ein typischer Hallenbau ihrer Zeit, der frühen Siebziger ist, wie er auch fernab des Meeres errichtet wurde. Die expressive Form ist dabei sicher gewollt, aber auch einfach die, die sich ergibt, wenn zwischen zwei sich gegenüberliegende ansteigende Tribünen ein Dach gespannt wird und die anderen Seiten als Glasflächen milchig-transparent bleiben. So ist die Hala Olivia, wie all ihre Schwestern im Geiste und Beton, ein zugleich markanter und funktionaler Bau. Anderswo würde sie mit einem Felsen oder einer Sprungschanze verglichen werden oder gleich mit einem Raumschiff.

Was die Hala Olivia nicht ist, ist Teil eines städtischen Raums. Zumal heute steht sie isoliert inmitten von weiten Parkplätzen an der großen Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee). Mit einem McDonald’s und Universitätsgelände links und den Büroanlagen des Olivia Business Center rechts wirkt sie wie ein zu nichts anderem passender Teil einer kapitalistischen Suburbialandschaft. Ob es einmal anders war, ist schwer zu sagen.

Zur Straße hin, überragt von der großen Welle aus Beton, sind zwei viel nüchternere Geschosse in eckigen Formen und mit viel Glas. Vor dem oberen von ihnen verläuft eine breite Terrassenebene, die das wichtigste städtebauliche Elemente der Halle ist.

Sie ruht auf wandartigen, nach oben hin schmaler werdenden Stützen, die quer zur Straße stehen, und hohen flachen Betonbalken, die parallel zu ihr verlaufen. Ihr Geländer ist ein breiter oben abgerundeter Betonstreifen auf kleineren Versionen der Stützen. Aber wo die Halle endet, endet auch sehr bald die Terrasse. Statt die Halle mit ihrer Umgebung zu einem größeren Komplex zu verbinden, bleibt ein bloßer Zugang mit breiten Treppen links und rechts. Auch die großen Parkdecks beidseits der Halle sind eben den Autos vorbehalten.

In der Linie, die die Terrasse nach rechts fortsetzt, ist noch ein ebenso breiter Weg entlang des Parkdecks zu erkennen. Und er setzt sich nach einer kleinen Querstraße mit Zebrastreifen sogar im Durchgang des Olivia Gate genannten Teils des Olivia Business Centers fort.

Diese städtebauliche Feinfühligkeit der nichtigen Investorenarchitektur, die in ihrem Formen internationalen Trends von vor fünfzehn Jahre folgt, überrascht, hilft aber auch nicht. Denn im klaustrophobischen Innenhof zwischen den Glasbauten gibt es nicht einmal für die Angestellten der dortigen Outsourcingfirmen viel und dahinter geht es erst recht nicht in die umliegenden Gegenden weiter.

Ursprünglich war zumindest der durchaus große Bereich zwischen Halle und Straße als öffentlicher Ort gedacht. Er liegt etwas niedriger als seine Umgebung und hat Treppen und begrenzende Mäuerchen aus rotbraunem Backstein. Doch er war wohl immer zu leer und ist schon lange Parkplatz, erobert von den Autos.

Bleiben schließlich zwei vergleichsweise kleine, aber wichtige Details der Hala Olivia. Das erste ist ihr Logo im linken Teil der schräg überragenden Straßenseite. Als flaches Linienrelief im Beton zeigt es in der Mitte zwei stehende gelbe Löwen, die mit ausgestreckten Armen zwei übereinander angeordnete plusförmige rote Kreuze schützen, über denen eine kleine gelbe Krone schwebt. Das ist das Wappen von Gdańsk. Darüber ist etwas kleiner und blau ein stilisierter frontaler Schiffskiel flankiert von zwei stilisierten S- und t-Form, zu denen wieder die gestapelten Kreuze und die Krone gehören. Das ist das Logo des Sportvereins Stocznowiec (Werftarbeiter), aber eine Art erweiterte Form, bei der ein Kiel in die Mitte rückt und das eigentliche Logo aus Gründen der Symmetrie links normal und rechts gespiegelt gezeigt ist. Darunter steht in serifenlosen blauen Kleinbuchstaben „olivia“. Das ist der Name der Hala.

Das Stadtwappen ist, wiewohl auf einfache Formen reduziert, ein historischer Bezug, das erweiterte Logo bildet eine Art neues, sozialistisches Wappen, aber der Schriftzug ist es, der den Anspruch der Halle, etwas ganz Neues und Fortschrittliches zu sein, so wirklich hervorhebt. Die drei Elemente verbinden sich zu einem neuen Logo, das dem, was die Halle sein könnte, angemessen ist, angemessener als ihre Umgebung leider.

Das zweite Detail ist die schlanke Betonstele, die im rechten Teil der Straßenseite eine von der Terrasse herabführende vorgesetzte Treppe trägt. Wie das Logo ist sie genau an der richtigen Stelle angeordnet, um zu verhindern, daß die lange Fassade monoton wirkt. Breit, unten getragen von einem einzelnen der flachen Betonbalken, führt sie auf eine große Plattform, um sich dann zu wenden und weiter unter die Terrassenebene zu führen.

Die Plattform scheint zu schweben und statt nur als Bestandteil der Treppe, kann man sie sich als Rednertribüne über dem davorliegenden Platz vorstellen. Die Stele steht vor ihrer Mitte, aber mit deutlichem Abstand, als sollte das von der schmalen tragenden Verbindungsstrebe ablenken. Ab deren Höhe steigt sie schlank und nach oben schlanker werdend auf, beinahe ein ungewöhnlich filigraner Obelisk aus Beton.

Sie ist einerseits eine selbständige klare Form vor dem Hintergrund der Hallenschräge und hat andererseits die ganz konkrete Funktion eines Fahnenmasts. Das Bemerkenswerte ist nun, daß vor der Hala Olivia nur eine einzelne Fahnenstele ist. In der DDR und der Tschechoslowakei traten Fahnenmasten immer mindestens paarweise auf, einer für die Staatsflagge und einer für die sowjetische Flagge. Dafür ist hier kein Platz, hier ist eine Entscheidung nötig und wie die ausfallen würde, ist klar. Leicht kann man in der Stele also eine kleine antisowjetische Spitze sehen. Im heutigen Polen ist das egal, da es zwar immerhin für die Renovierung der Hala Olivia sorgte, aber doch so wenig Interesse an ihr hat, daß dort die weiß-rote so wenig wie die rote Fahne je aufgezogen werden.

Mit oder ohne Fahne, ob Schiff oder Raumschiff, die Hala Olivia ist zweifelsohne eines der bedeutsamsten Gebäude aus der sozialistischen Zeit in Gdańsk und gerade deshalb fehlt ihr der Sozialismus so sehr, umso mehr, als er ihr nie die Umgebung gab, die sie verdient und gebraucht hätte. So schön und markant sie ist, sie ist allein.

Die Partei ist eine Frau

Die Stadt Brandenburg im Bezirk Potsdam empfing ihre Besucher als sozialistische Industriestadt. Gleich beim Bahnhof, jenseits einer Straße mit Straßenbahnhaltestelle, stand ein sechsgeschossiges Wohngebäude mit dem Werk „Brandenburg – eine neue und eine alte Stadt“ von Emil Spieß, das eine gesamte Wand bei seiner Ecke einnahm.

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Während im Beton eine bewegte, fast comicartige Stadtszenerie in Rot, Schwarz und Grau zu sehen ist, zeigt die im oberen Teil angeordnete Mosaikfläche im Mittelpunkt in umso leuchtender Farbigkeit eine Frau mit rotem Haare und rotem Blumenstrauß im Arm, die an den Schalthebeln eines Industriebetriebs steht. Sie ist umgeben von Arbeitern in wiederum viel gedeckteren Farben, vielen Braun- und Rottönen. Der im Profil gezeigte Arbeiter rechts von ihr hat den Arm entspannt auf das Schaltpult gestützt und blickt mit einem selbstbewußten Lächeln zur Frau, ein Ausdruck von Coolness, wie er im sozialistischen Realismus selten ist. Der Arbeiter links von ihr, der, je nachdem, ob man das, was er trägt eine Schweißerbrille oder einen Helm nennen will, auch ein Kosmonaut sein könnte, scheint sich geradezu im Sprung zu befinden, sein Bein und beide seiner geballten Fäuste ragen schon aus der Bildfläche heraus. Auch der weitere Arbeiter ganz links hat den wiederum lächelnden Blick nach oben gerichtet. Und im Hintergrund, kaum sichtbar zwischen dem Kopf der Frau und der linken Figur, ist die Masse der Arbeiter, aus denen diese klaren Individuen herausgewachsen sind.

Im Mittelpunkt aber ist die Frau, ihr Körper stark und in Grün-, Gelb-, Weiß- und Rottönen, ihr Gesicht hell und so selbstbewußt wie ernst, ihr mittellanges Haar von so strahlendem Rot wie die Blumen in ihrer Hand. Sie ist Arbeiterin, aber sie ist auch eine Allegorie der Partei. Sie ist Summe dessen, was sie umgibt, der klassenbewußten und siegreichen Arbeiterschaft, und ihr obliegt die ernste Aufgabe der Leitung und Steuerung einer ganzen Gesellschaft.

Kaum passierte man die Ecke des Gebäudes, trat man in trübe Vorstadtstraßen mit dreigeschossigen Mietskasernen, aber die Farben, das Licht, die Stärke des Mosaiks, das die sozialistische Gesellschaft darstellt, blieben auch in diesen vom Kapitalismus hinterlassenen Gegenden bei einem. Sie bleiben sogar noch, nachdem das Gebäude abgerissen wurde, das Mosaik nunmehr in verstümmelter Form bei einem Museum zu sehen ist (immerhin) und vor allem der Sozialismus fehlt.

Das sozialistische Kladno: Wohngebiet Sítná

Das Wohngebiet Sítná in Kladno liegt beim Sítenské údolí (Sítná-Tal), das ein Stück südlich der Altstadt in den Hügel schneidet. Die entscheidende städtebauliche Tat war es, über das Tal eine Brücke zu spannen. Während oben auf mächtigen Betonstützen der Autoverkehr fließt, wurde das Tal als Park gestaltet. Jenseits der Brücke und oberhalb des Parks erstreckt sich das Wohngebiet.

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Es ist nicht besonders groß und besteht aus zwei Teilen, die durch die von der Brücke kommende Straße getrennt sind. Links sind an den Rändern, auch gleich einer Skyline am Hügelrand, Punkthäuser mit bis zu elf Geschossen und ansonsten fünf- und achtgeschossige Gebäude in Zeilenbauweise.

Rechts sind am Hügelrand quer aufgereihte siebengeschossige Gebäude und ansonsten bis zu neungeschossige Gebäude, die weite Höfe bilden.

So ist das Wohngebiet Sítná nicht nur nicht besonders groß, sondern auch einfach nichts Besonderes. Gute Lage, typische Architektur, reizvolle landschaftliche Einordnung – Durchschnitt für ein ab Mitte der sechziger Jahre errichtetes Wohngebiet der Tschechoslowakei. Es hat jedoch ein großes Zentrum, das beinahe wichtiger ist als die Wohnbebauung.

Der Náměstí Sítná (Sítná-Platz), wie dieses Zentrum heißt, liegt rechts der Straße und beginnt direkt hinter der Brücke mit dem elfgeschossigen Bau des Hotel Kladno. Wie schon der stolze Name sagt, ist es eines jener Hotels, wie sie sich jede sozialistische Stadt, die etwas auf sich hielt, in den Sechzigern, Siebzigern baute. An den Schmalseiten hat es eine Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln mit leichtem Grünstich, während die zur Straße und ins Wohngebiet zeigenden Breitseiten in Balkone mit milchigen Geländern aufgelöst sind. Mit seinem Namen in roter Leuchtschrift vervollständigt es die Skyline von Sítná.

Das Bettenhaus sitzt auf einem langen zweigeschossigen Sockel, der sich ein kurzes Stück zur Straße und ein langes Stück ins Wohngebiet erstreckt. Sein zweites Geschoß ragt dabei deutlich über das Erdgeschoß hervor und hat zwischen der grauen Kachelverkleidung ein hohes durchgehendes Fensterband. Zur Straße hin ist unten der Eingang ins Hotelfoyer und oben das Restaurant. Zum Platz hin ist unten eine Kneipe, zu der man auch vom Foyer gelangt, während sich oben das Restaurant fortsetzt.

Das sind die typischen Einrichtungen eines Hotels, doch der weitere Teil des Sockels richtet sich ganz an das Wohngebiet. Hier ist im Inneren ein langgestreckter, eher schmaler Hof mit umlaufender Galerie, über den sich heute ein Glasdach spannt. Neben den Konferenzräumen des Hotels gibt es die verschiedensten Läden. Das Restaurant im Obergeschoß wie die Kneipe im Erdgeschoß haben dadurch große Fensterflächen sowohl in den Hof als auch hinaus auf den Platz.

Das Rückgrat des Náměstí Sítná bildet ein langes siebengeschossiges Wohngebäude parallel zur Straße, das nach einer Erschließungsstraße noch deutlich vor dem Abschluß das Hotelsockels beginnt. Seiner herausgehobenen Lage entsprechend sind in dem Gebäude Maisonettewohnungen, was auch daran zu erkennen ist, daß es abwechselnd in einem Stockwerk durchgehende Balkone und im nächsten kleine Balkone neben Wandflächen mit Fenstern hat. Bis weit vor sein Erdgeschoß reicht eine Ladenzeile, in der unter anderem eine Kaufhalle ist.

Die davorliegende eigentliche Platzfläche ist halb von Parkplätzen und halb von Grünanlagen eingenommen.

In der folgenden Ecke des Platzes steht das Dům Kultury (Kulturhaus). Es ist ein großer quadratischer Bau mit etwa drei Geschossen. Im Erdgeschoß sind Restaurants, Läden, Kneipen und die Eingänge zu Veranstaltungsräumen und dem Kino Hutník (Hüttenarbeiter), wohingegen die Obergeschosse sich teils mit den großen Glasflächen der Säle öffnen und teils mit einer Verkleidung aus kleinen quadratischen grünen Kacheln verschließen.

Das Dům Kultury ist ein Gebäude, das kein Hinten und Vorne kennt, sondern sich mit allen vier Seiten ganz der Umgebung zuwendet, ob nun dem Platz, dem Wohngebiet oder sogar den Einfamilienhäusern jenseits der nächsten Querstraße.

Der Abschluß des Náměstí Sítná ist wiederum ein elfgeschossiges Gebäude, in dem heute eine Fakultät einer Prager Hochschule sitzt. Es steht quer zur Straße, so daß seine vertikal strukturierten Breitseiten zum Platz und von ihm weg zeigen. Die Obergeschosse ragen von dünnen schrägen Stützen getragen etwas über das Erdgeschoß hinaus. Auch dieses Punkthochhaus hat einen Sockel, der rückwärtig, dem Platz abgewandt, aus schlichten Flachbauten besteht. Vorne, zum Platz hin, ist eine niedrige Terrassenebene, auf der man rechts zu den Eingängen kommt, während links ein flacher Trakt die Verbindung zum vorgesetzten Hörsaalgebäude schafft. Nach all der zurückhaltenden sachlichen Architektur, die den Platz prägt, entfaltet er hier seine Schwingen: Die mit braunem Metall verkleideten Dächer über den beiden vorne verglasten Hörsälen steigen nach links länger und flacher, nach rechts kürzer und steiler an und legen sich dabei in spitze Falten, die so auch an ihren Seiten nach unten führen.

Es ist diese ganz und gar nicht beliebige, aber äußerst expressive Form, die dem Platz seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Seine Lage ist dabei perfekt gewählt, denn man sieht die aufsteigenden Dächer bereits von Weitem, wenn man von der Altstadt her die große Straße entlangkommt. Durch die leichte Wendung der Straße bildet sie links neben dem Hotel die optische Mitte des Wohngebiets.

Und auch, wenn man von der anderen Seite die Straße entlangkommt, sieht man das höhere der Dächer vor sich wachsen.

Daß der Hörsaalbau wie ein Mittel- und Angelpunkt wirkt, ist durchaus kein Zufall. Der Náměstí Sítná nämlich ist ein Zentrum nicht nur für sein, wie gesagt nicht besonders großes und nicht besonderes, Wohngebiet, sondern für die ganze Stadt. Es liegt etwa auf halbem Wege zwischen der Altstadt und dem größten Wohngebiet Kročehlavy, doch auch in andere Teile der Stadt ist es nicht weit. Von nirgendwo kann man ganz Kladno besser überblicken als gerade von Sítná. Von der Brücke aus oder aus einem der oberen Geschosse vieler Gebäude öffnet sich ein Blick über den Park und über die Arbeiterhäuser auf die weite Industrielandschaft, die heute von den Kühltürmen des Kraftwerks dominiert wird.

Mit dem Náměstí Sítná wurde bewußt ein zweites, ein neues, ein sozialistisches Zentrum für Kladno geschaffen, in dem deshalb auch gesamtstädtisch bedeutsame Einrichtungen sind. Neben dem Hotel und dem Kulturhaus war das auch das OV KSČ (Okresní výbor Komunistické strany Československa – Kreiskomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei), das in dem zweiten Hochhaus saß. Vor ihm wäre der angemessene Ort für das Denkmal für Antonín Zápotocký, den aus Kladno stammenden zweiten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, gewesen, doch das Gebäude wurde erst 1987 fertiggestellt, während das Denkmal bereits seit 1971 vor einem stalinistischen Ensemble weiter stadteinwärts stand. Dank dem Hörsaalbau setzte sich die Partei dennoch auf subtile Art in die Mitte der unter ihrer Leitung erbauten neuen Stadt. Kurz vor dem Ende vollendete sie das Wohngebiet.

Leider muß der Náměstí Sítná als zweites Zentrum auch darüber hinwegtrösten, daß es der Kladnoer Stadtplanung nie gelang, näher an der Altstadt etwas Überzeugendes zu schaffen. Es gibt dort bloß einige Gebäude, die zwar kaum historistisch, aber doch als Blockrandbebauung eine Straße rahmen, und einen viel zu weiten Bereich, um den neungeschossige Gebäude wie Mauern stehen. Fern ist die fortschrittliche Kühnheit anderer Stadtzentren.

Auch der Náměstí Sítná ist nicht perfekt und er hatte ja auch nie den Anspruch, das alte Zentrum völlig zu ersetzen. Wie so oft ist die Straße das Problem, zu groß, zu wenig eingedämmt.

Es gibt eine Unterführung, die aber trotz all dem zur Verfügung stehenden Raum nur steile, statt der notwendigen flachen Zugänge hat. So bleibt der Platz zu fern von der Hälfte gerade seines Wohngebiets. Doch viel wichtiger als seine Mängel ist, was das Wohngebiet Sítná und sein Platz erreichen. Nirgendwo anders hat man so viel Kladno auf einmal wie hier über dem Sítenské údolí.

Frankfurt West

Der Frankfurter Westbahnhof ist ein Bahnhof reduziert auf äußerste Funktionalität.

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Um auf kleiner Fläche gleich fünf Gleise unterbringen zu können, geht er den für Bahnhöfe ungewöhnlichen Weg in die Höhe. Auf einer aufgestützten Trasse, die sich bald spaltet, ist ein Bahnsteig mit zwei Gleisen, an dem alle stadtauswärts fahrenden und die meisten der stadteinwärts fahrenden S-Bahnen halten. Daneben sind ebenerdig ein Bahnsteig mit einem Gleis, an dem eine andere stadteinwärts fahrende S-Bahn hält, und ein Bahnsteig mit zwei Gleisen für die Regionalzüge.

Der gleichsam natürliche Platz für das Bahnhofsgebäude ist unter der aufgestützten Trasse.

Zwischen den massiven Betonstützen, die leicht abgerundet und nach oben leicht verbreitert sind, behauptet es sich nicht durch irgendwelche markanten oder auch nur beschreibbaren Formen, sondern einzig durch das blasse, aber kräftige Orangegelb und das Dunkelblau seiner rechteckigen horizontalen Kacheln. Dazu kommen die nötigen Öffnungen der verschiedenen Betriebsräume und der zweiteilige Eingang, der weit links angeordnet ist.

Der rechte Teil des Eingangs ist markiert durch nicht mehr als eine Glasfläche, die nicht breiter ist als die vier Glastüren. Innen führen geradeaus links eine eher schmale Treppe hinab in den Tunnel zu den Regionalbahnsteigen und auf dem Rest der Länge einige Stufen hinauf auf den unteren S-Bahnsteig.

Nach rechts führen eine Treppe und zwei Rolltreppen hinauf auf den oberen S-Bahnsteig.

Auch im Bahnhofsinneren sind die Wände mit orangegelben Kacheln verkleidet. An den Decken sind weiße Lamellen mit Lampenstreifen und auf dem Boden quadratische Platten mit Kieselstruktur auf weißem Grund. Wollte man hier eine Verspieltheit suchen, so höchstens in dem Schwung, mit dem die an den Seiten kachelverkleidete und oben dem Boden entsprechende Brüstung neben der nach unten führenden Treppe beginnt und dann in eine Wand übergeht.

Neben der Brüstung stehen Fahrkartenautomaten und das ist der ganze Raum.

Der linke Teil des Eingangs ist ein offener Bereich um eine der Betonstützen, hinter dem unter einer Glasbausteinwand eine breite Treppe in den Tunnel zum Regionalbahnsteig und zu einem anderen Ausgang jenseits der Gleise führt.

Zuerst ist dieser eher ein großzügiger Raum mit demselben Orange und Blau der Kacheln, bevor er dann in einen viel schmaleren, viel konventionelleren Tunnel mit hellgelben Kacheln, der wohl von einem Vorgängerbau von 1961 übrigblieb, endet.

Der obere Bahnsteig und der Regionalbahnsteig haben auf dünnen quadratischen Stahlstützen ruhende Dächer, deren Decken als parallel zu den Gleisen verlaufende schmale weiße Lamellen ausgebildet sind, während für den unteren S-Bahnsteig das darüberliegende Gleisbett das Dach bildet.

Nichts ist hier zu viel, nichts zu wenig. Die Funktionalität ist allumfassend. Der gar nicht große Innenraum des Bahnhofs ist ein Verteiler für die Menschenströme von und zu den Bahnsteigen. Ganz deutlich ist, daß es zuerst um die S-Bahn geht. Für deren Fahrgäste sind es bis zu ihren Bahnsteigen entweder nur wenige Stufen oder der Weg durch den großzügigen zentralen Treppen- und Rolltreppenbereich. Für die weniger und insbesondere seltener frequentierten Regionalbahnsteige bleibt der Tunnel. Diese Zugangsart, bei so vielen Bahnsteigen die normale und einzige, ist am Westbahnhof in Frankfurt schon an den Rand gedrängt, ganz konkret in ihrer Lage im Bahnhofsraum und auch im übertragenen Sinne. Doch zugleich ist der große Tunnelraum seinerseits ein Verteiler zwischen den beiden Eingängen, dem Bahnhofsraum und eher nebenbei dem Regionalbahnsteig.

Für die neue Art des städtischen und vorstädtischen Verkehrs, die für Frankfurt die S-Bahn bedeutete, ist hier der Bahnhof neuer Art. Entsprechend fehlt ihm auch ein Wartesaal, jedenfalls heute, wo alle Räume von Imbissen und Kiosks eingenommen sind, aber niemand sollte hier auch länger warten müssen, als es sich auf den Bänken der Bahnsteige gemütlich tun ließe.

Der Frankfurter Westbahnhof ist so vollendet funktional, daß er unsichtbar wird. Er verschwindet als perfekte Maschine in der Stadt, auf deren Skyline er vom oberen Bahnsteig aus Logenplätze bietet. Er ist vielleicht gar kein Bahnhof mehr und so trägt er vor allem noch umgangssprachlich den an Dampfloks und Monopoly erinnernden Namen; auf allen Schildern heißt er Frankfurt (Main) West oder schlicht Frankfurt West.