Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Wohngebiet Moravské Předměstí

Das Wohngebiet Moravské Předměstí ist eines von drei großen fortschrittlichen Wohngebieten in Hradec Králové. Alle führen sie die fortschrittlichen Bestrebungen der Zwischenkriegszeit auf interessante Weisen fort, aber die Moravské Předměstí (Mährische Vorstadt) geht dabei am weitesten.

Gelegen im Süden der Stadt jenseits des Gočárův okruh (Ring von Schnellstraßen um das Stadtzentrum), hat das Wohngebiet vor allem fünf- und achtgeschossige Gebäude, die zu offenen Höfen angeordnet sind, wobei immer auch Einfamilienhausbebauung aufgenommen ist. Nach der zentralen Straße fächert sich die Bebauung beidseits eines Parks auf, wo die achtgeschossigen Gebäude dann länger werden und mäandernde Strukturen bilden.

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So ergibt sich eine schöne städtebauliche Struktur, eine große Achse, die von den im Norden zu sehenden Türmen des alten Hradec Králové in die offene Natur und weiter in die dörfliche Bebauung auf dem nächsten Hügel und dahinter führt. Die Gebäude entsprechen dabei dem unauffälligen tschechoslowakischen Durchschnitt.

Herz der Moravské Předměstí ist die zentrale vierspurige Marxova třída (Marx-Allee), heute Benešova třída (Beneš-Allee). Entlang von ihr stehen 13-geschossige Gebäude und auch sie sind bloß etwas auffälliger als die anderen. Zum übrigen Wohngebiet haben sie je zwei leicht vorgesetzte Treppenhäuser,

zur Straße viele Balkone und um die wenigen Fenster dunkelrote Verkleidung mit schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl.

Vor dem zweiten Geschoß verlaufen straßenseitig Terrassenebenen. Allein, es ist hier nicht mehr das zweite Geschoß, da die Straße nur etwas niedriger verläuft, während die Anliefer- und Parkfläche dazwischen wiederum noch tiefer als der Boden auf der anderen Seite liegt.

Aber wo genau denn der Erdboden ist, wird unwichtig, sobald man das von einem Vordach überspannte Terrassensystem, das sich beidseits der Straße ausdehnt, betreten hat.

Die Gebäude stehen jeweils im Wechsel näher und weiter von der Straße, was dem Terrassensystem eine Struktur gibt, die man aber nicht sofort bemerkt. Für den Fußgänger wechseln sich die Terrassen vor den Wohngebäuden mit pavillonartig vorgesetzten ein bis zweigeschossigen Bauten ab.

Sowohl in den zur Terrasse geöffneten Geschossen der Wohngebäude als auch in den Vorbauten sind eine Vielzahl von Läden, Restaurants, Cafés, Kneipen und öffentlichen Einrichtungen. Die Vorbauten sind durch innengelegene Passagen oder außengelegene Kolonnaden weiter differenziert. Zusammengefaßt wird all das durch das auf schlanken eckigen Stützen ruhende und in regelmäßigem Abstand mit Oberlichtern geöffnete Vordach. Es legt sich über die Terrassen oder überspannt auch einmal einen größeren Bereich zwischen einem Wohngebäude und einem Vorbau. Die bestimmenden Farben sind dabei, wie es zum Straßennamen paßt, neben dem hellen Grau des Betons verschiedene Rottöne. Zum Dunkelrot der Wohngebäude kommt das kräftige Hellrot der Vorbauten und das nunmehr ausbleichende Rot, in dem die Seiten der Vordächer, die Stützen und Teile der Geländer  gestrichen sind.

Brücken, Treppen und Rampen verbinden die einzelnen Teile  des Terrassensystems untereinander und mit dem übrigen Wohngebiet. Es ist ein großer erhöhter Boulevard, der so entsteht, ein Bereich vieler untereinander gut verbundener Inseln, ein wohlgeordnetes Venedig.

Das Problem jedoch bleibt auch hier die Straße. Das Terrassensystem hat den gleichsam natürlichen Drang, nicht nur die Anlieferwege, sondern auch die Straße selbst zu überbrücken und den Fußgänger über den Autoverkehr zu erheben. Das geschieht hier nicht.  Auf der Ebene der Straße ist noch zu vieles andere, was dort nicht hingehörte: Parkplätze, kleine Grünanlagen mit rechteckigen Hochbeeten und Brunnen. Und sogar um die Straße zu überqueren, muß man sie zumeist betreten. Außer der gelungenen Unterführung am südlichen Ende, die aber schon nicht mehr Teil des Terrassensystems ist, gibt es am nördlichen Ende noch eine unangenehm dunkle Unterführung und ansonsten bloß Zebrastreifen.

Allerdings ist die Straße für ihre Größe eigenartig wenig befahren. Grund dafür ist ein städtebauliches Versäumnis: sie wurde nie an den Schnellstraßenring angeschlossen. Die  Marxova Třída endet nach einem Bogen in einem weiterhin vierspuriger Teil, der vor allem als Parkplatz dient.

Er hat alles, was eine Straße braucht, verläuft etwas erhöht, scheint fertig, hat sogar eine Unterführung für Fußgänger, aber endet im Nichts  – ein Schauspiel, das gerade im straßenverliebten Hradec Králové noch etwas trauriger ist als es anderswo wäre.

So verlieren sowohl das grundsätzlich großartige Terrassensystem des Boulevards als auch die Straße viel von ihrem Sinn – dieses, weil es die Straße nicht überbrückt, jene, weil sie nicht wirklich an das Straßennetz der Stadt angeschlossen ist.

Hinzu kommt der Verfall, den der Kapitalismus brachte.

Viele der so wichtigen Verbindungen, der Treppen, Rampen und Brücken sind abgesperrt.

Durch das Vordach tropft es.

Läden stehen leer, wenn auch noch genug für städtische Lebendigkeit bleibt. In der Mitte des Boulevards wurden die Terrassen entfernt und über einen Zebrastreifen eine große Konstruktion aus Glas und weißem Stahl, wie sie in der Stadt beliebt sind, gebaut.

Das Wohngebiet Moravské Předměstí bleibt somit hinter dem zurück, was es erreichen wollte und hätte erreichen können. Wo eine Lösung sein könnte, ist nur ein Ansatz, ein weiteres Glied in der beeindruckenden Kette von Fortschritten, die die Stadtplanung von Hradec Králové seit den zwanziger Jahren gemacht hatte. Sogar in seinen Mängeln, das heißt der Straße, bleibt es sehr vom Genius Loci einer Stadt erfüllt, die früher und konsequenter als andere in der Tschechoslowakei ihr innerstädtisches Straßennetz plante. Gewiß wäre es möglich,das Wohngebiet ob dieser Mängel abzutun – wenn denn nach ihm noch etwas anderes gekommen wäre. Die Stadtplanung in Hradec Králové, die schon unter kapitalistischen Bedingungen in der ersten Republik herausragend gewesen war, endete mit der Restauration des Kapitalismus nach 1989. Schon deshalb gilt, daß die Moravské Předměstí ein wertvolles Beispiel der fortschrittlichen tschechoslowakischen Architektur ist, an das, in Hradec Králové und anderswo, einmal anzuknüpfen sein wird.

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Das menschliche Maß in Erfurt

In ihren besten Momenten schuf die deutsche Renaissance Bauwerke von schlichter Perfektion, die noch immer als leuchtende Beispiele des menschlichen Maßes in den Städten stehen. Das Leipziger Rathaus ist so ein Bauwerk oder das Haus Dacheröden am Anger in Erfurt, um das es hier gehen soll.

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Es wendet der Straße eine recht lange Fassade mit drei Geschossen und einem hohen Walmdach zu. Neben zu Zweier- und Dreiergruppen angeordneten Fenstern hat sie links auf etwa zwei Fünfteln der Länge ein geschmücktes rundbögiges Tor, auf etwa drei Fünfteln der Länge einen im zweiten Geschoß beginnenden Erker, der als niedriger achteckiger Turm mit runder Haube vor dem Dach weiterläuft, und ganz rechts ein schmuckloses Tor. Zudem sind im Dach beidseits des Turms übereinander Dachgauben, erst drei, dann zwei, schließlich eine, so daß aufsteigende Dreiecksformen entstehen. Das erste Tor und der Erkerturm strukturieren die Fassade, ohne ihr eine hierarchische, monumentale Ordnung zu geben. Sie sind beide gleich wichtig, gleichen einander aus. Obwohl sie groß sind, bleiben sie vor dem viel größeren Körper des Hauses gleichsam zierlich. Blaue Muster im Ansatz des Erkers und vor allem um das Tor bilden in der aktuellen Gestaltung auch die einzigen farblichen Akzente auf dem weißen Putz.

Das Tor hat links und rechts ionische Pilaster, in denen Ranken aufsteigen, und als Abschluß ein zwischen Simsen abgesetztes horizontales Band. In den um den runden Bogen des Tors entstehenden Flächen sind weitere Rankenmuster und medaillonartige Kreisflächen mit Köpfen im zur Mitte zeigenden Profil, die laut den Inschriften Jesus und Paulus zeigen. In der Fortsetzung der Pilaster sind im abschließenden Band sitzende Figuren mit in den Arm gestützten Köpfen. Im Band selbst sind Ranken, aus denen zwei zur Mitte blickende männliche Gestalten meerjungfraugleich zu erwachsen scheinen, da sie erst ab dem Oberkörper gezeigt sind. Die linke ist bärtig und hält eine ausgerollte Schriftrolle mit einem Zeichen, die zweite ist bartlos und hält außer einer Schriftrolle auch ein erhobenes Schwert. In der Mitte ist ein hervorgehobenes Schriftfeld mit Zeilen aus dem 112. Psalm und der Jahreszahl 1557.

Das menschliche Maß des Hauses Dacheröden zeigt sich nicht nur daran, daß alle Elemente so perfekt abgestimmt und ausgewogen sind, daß sie den Betrachter nie bedrängen, es zeigt sich auch im Detail.

Aus Demme, Dieter u. Schneider, Wolfgang: Erfurt, Leipzig 1987

Den Torbogen tragen kaum über die Kopfhöhe des Betrachters reichende kleine Nischen mit Baldachinen, in denen Skulpturen stehen könnten, aber nie oder zumindest schon lange nicht standen, da das erste eingeritzte Datum aus dem 18. Jahrhundert ist. Und es ist nur passend, daß die Nischen leer sind, denn die Eintretenden brauchen gar keine steinernen Wächter mehr. Verweilen sie vorm Tor, bleiben ihnen andere Details zur Entdeckung. In den scheinbar nur ornamentalen Ranken der Pilaster, weiß auf Blau, sind nämlich beim näheren Hinsehen Gesichter, Tierköpfe, Vögel und Blumengebinde zu erkennen.

Und sie sind, mit der Ausnahme je eines Raubtierkopfs, immer auf Augenhöhe.

Wie so viele große Architektur, verdankt sich auch das Haus Dacheröden zu einem gewissen Teil dem Zufall. Wäre es nicht ursprünglich zwei Häuser mit einer gemeinsamen Fassade gewesen, hätte es vermutlich nicht diese Asymmetrie, dieses Fehlen von Monumentalität, kurz: dieses menschliches Maß. Daß die Renaissance, wenn sie zu frei war, ihrem Traum von der Antike zu folgen, oft eher lächerlich wirkte, kann man schon im Erfurter Dom betrachten. Es ist ein Glück, daß gerade das Haus Dacheröden die Jahrhunderte überstand. Sein menschliches Maß entlarvt auch die schiere Böswilligkeit und Lächerlichkeit der umgebenden historistischen Gebäude am Anger, die alle Epochen der Baugeschichte plünderten, aber immer nur das Schlechteste und Monumentalste fanden.

Ganz allein jedoch ist das Haus Dacheröden, zum zweiten Mal glücklich, nicht. Blickt man durch die Barfüßerstraße darauf zurück, sieht man über dem Dreieck der Dachgauben einige der Geschosse und eine der schwebenden Verbindungsbrücken des großen Wohngebäudes am südlichen Juri-Gagarin-Ring.

Zu dem isolierten guten Alten kommt das gute Neue, die fortschrittliche Architektur der DDR, Erbin alles Guten in der vorangegangenen deutschen Architektur. Isoliert wollte sie nicht mehr sein, sie verwandelte Erfurt, aber zum Haus Dacheröden blieb sie auf respektvollem Abstand, vielleicht sogar auf zu großem und aus falsch verstandenem Respekt.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Aš

Die Grenzstadt Aš im äußersten nordwestlichen Zipfel von Westböhmen hat einen Keilbahnhof, der seine Keilform jedoch nicht besonders betont. Der Bereich zwischen den sich spaltenden Gleisen ist vielmehr gestaltet wie ein Park, in den das Gebäude dann frei hineingesetzt ist.

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Es gibt Gruppen von Bäumen und Sträuchern, Rasenflächen und als Akzente einige gleichsam japanisch angeordneten Steine, ein Eisenbahnrad auf einer Schiene und eine freistehende Uhr auf einem Pfahl.

Das Äußere des Bahnhofs Aš ist im Kontrast zum Grün von horizontalen rotbraunen Kacheln, dunkelblauer Kunststoffverkleidung zwischen leicht vorgesetzten vertikalen silbrigen Streben und Glas bestimmt.

Vom rechten Bahnsteig, von dem Züge noch tiefer in den Ašer Zipfel hineinfahren, über die offene Parkfläche betrachtet, zeigen sich die kubischen Baukörper in äußerster Klarheit. Den Beginn macht ein zweigeschossiger Teil mit Betriebsräumen, an diesen schließt etwas nach rechts versetzt die etwas höhere Halle an und vor dieser ist der Flachbau des Restaurants. Der erste Teil hat die Kacheln an der Schmalseite und als Rahmen um die Verkleidung an der zu den Gleisen zeigenden Breitseite. Auch die Halle hat die Kacheln an der Schmalseite und darauf in schwarzen Metallbuchstaben den Namen Aš, während sie sich von den Eingängen unten transparent um das Restaurant legt. Dieses hat seinerseits an der quer zu den Gleisen liegenden Seite die Verkleidung unter einer auf dem Dach stehenden Brüstung mit Kacheln. An der Gleisseite kommt zu den rotbraunen Kacheln ein kleiner ornamentaler Akzent aus schräg vorstehenden dunkleren Kachelquadraten .

Fast spiegelbildlich zeigt sich der Bahnhof von seinem Vorplatz aus, bloß mit weniger Grün und mehr Asphaltflächen sowie einem Stück Verkleidung und Glas an der Schmalseite des zweigeschossigen Teils.

Viel strenger und geschlossener wirkt der Bahnhof, wenn man ihn vom linken Bahnsteig betrachtet, von wo die Züge seit kurzem wieder über die nahe westdeutsche Grenze fahren. Vor den zweigeschossigen Bauteilen und der Halle, die hier eine Linie bilden, verläuft ein auf T-förmigen grauen Stahlstützen ruhendes Bahnsteigdach, das am parkseitigen Enden noch über das Gebäude hinausführt.

Die recht lange rechteckige Bahnhofshalle ist durch Eingänge beidseits des Restaurants und diesen gegenüberliegend am linken Bahnsteig erschlossen. Ihr unterer Teil hat eine Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln in ungewöhnlich vielen Farben. Zu verschiedenen Grün- und Blautönen kommen auch Rosa und Schwarz.

Wie um die Nüchternheit des linken Bahnsteigs etwas auszugleichen, ziehen sich diese bunten Kacheln an dieser Seite noch jenseits der Türen die Wände entlang.

Eine vorstehende Bordüre, die unten silbernes geriffeltes Metall und vorne zwischen silbernen Streifen ein schwarzes Band mit weißen Hinweisen auf Schalter, WC etc. hat, markiert die Trennung zum oberen weiß gestrichenen Teil, vor dem nur an den Seiten die ebenfalls silbern gefaßten schwarzen eckigen Stützen sind.

Die Decke ist hellblau und auf ihr verteilen sich rechteckige weiße Leuchtkörper. Vor den Schaltern stehen typische erhöhte Flächen für Koffer, hier mit etwas dunklerem Kachelmuster, und in der Mitte Holzbänke und stahlbeinige Schemel mit Pflanzen.

Zwischen den Bahnsteigen in seinem Park gelegen, ist der Bahnhof Aš sehr offen und als Ort des Durchgangs gestaltet, fast mehr aber von Gleis zu Gleis als von der Stadt zu diesen, da er an ihrem industriellen Rand liegt und sie zusätzlich den Bahnhof Aš město (Aš Stadt) hat. Leider ist diese Offenheit heute stark eingeschränkt dadurch, daß die Halle nur noch bis 14:45 geöffnet ist, was wohl daran liegt, daß hier viele Züge deutscher Privatunternehmen halten und wenige der ČD (České dráhy – Tschechischen Bahnen). Aber auch so ist der Bahnhof makellos wie zur Zeit seiner Entstehung und zeigt, wie der tschechoslowakische Bahnhofsbau sowohl Grenz- als auch Keilbahnhöfe auf verschiedenste Arten zu lösen verstand.

Ein Tor nach Wrzeszcz

Die neueren Bereiche des Gdańsker Stadtteils Wrzeszcz beginnen kurz hinter der Bahnstrecke mit der Aleja Hallera (Haller-Allee), die dann lang und weitgehend gerade bis ans Meer in Brzeżno führt. Gleich bei ihrem Anfang gibt es eine leicht zu übersehende architektonische Torsituation.

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Links steht ein konkav geschwungenes viergeschossiges Wohngebäude. Es ist wie ein schnörkelloses weißes Kreissegment hinter einem kleinen Grünbereich zwischen der Hallera und der abzweigenden Wyspianskiego (Wyspianski-Straße). Einziger Schmuck sind die backsteinernen Umrandungen der beiden Eingänge. Die Ecken sind betont durch Läden im Erdgeschoß, über denen schmale Simse verlaufen, und dadurch, daß an den Breitseiten erst wieder im obersten Geschoß Fenster sind, was deren sonst regelmäßige Abfolge unterbricht.

Rechts steht ein ebenfalls viergeschossiges und schlichtes Gebäude, das die Linie des anderen jenseits der Straße gerade fortsetzt.

Um die beiden Ecken der Vorderseite laufen im zweiten Geschoß vorgesetzte Gitterbalkone und in der zur Straße zeigenden Ecke ist vorne ein etwas niedrigeres fünftes Geschoß. Das könnte wie ein konventionell schmückender Turm wirken, wenn es nicht ein wie natürlich aus dem Gebäude wachsender Kubus mit schmalen horizontalen Fenstern, die fast bandartig um die Ecke führen, wäre. Auch bei diesem Gebäude sind an den Rändern fensterlose Putzflächen.

Hier aber ist die linke Fläche unter der erhöhten Ecke mit einem Relief geschmückt.

Es zeigt eine links sitzende ältere Frau, der eine rechts stehende jüngere Frau ein Baby in den Arm legt. Die erste hat die Arme ausgebreitet, die zweite hat den Körper schon etwas zu ihr hingebeugt.

Die einfache Szene in einfachen realistischen Formen wird erst durch die verwandte Relieftechnik besonders: das Relief besteht nur aus schwarzen Linien im roten Backstein, der aber nur bei den Umrissen der Figuren unverputzt gelassen ist. Durch das Kunstwerk blickt man in die Konstruktion des Gebäudes hinein. Nur mit den Linien im Backstein wird zudem ein sehr plastischer Effekt erreicht und sogar, wen man direkt vorm Gebäude stehend hinaufblickt, ist alles deutlich und gleichsam nah zu erkennen.

Vielleicht liegt es an der komplizierten polnisch-deutschen jüngeren Geschichte von Gdańsk, daß man bei den Gebäuden wie bei dem Kunstwerk erst schwer zu sagen weiß, von wann sie sind. Fortschrittliche Zwischenkriegszeit? Davon gab es in der damaligen Freien Stadt Danzig wenig und wenn doch, dann in lokalem roten Backstein statt in internationalem weißen Putz. Erstes Polnisches direkt nach dem Krieg? Dergleichen ungebrochene Fortsetzung der Zwischenkriegsarchitektur gab es in der weitgehend unzerstörten und reichen Tschechoslowakei, aber im zerstörten, ohnedies armen und von den Deutschen völlig ausgeplünderten Polen ist sie schwer vorstellbar. Schon in die Fünfziger wollen die Gebäude dann nicht mehr passen.

Unzweifelhaft ist nur, daß es eine selbstbewußte Architektur ist, die hier sehr bestimmt einen neuen Eingang, ein Tor, nach Wrzeszcz schafft. Hinter dem linken Gebäude ragt noch der Backsteingiebel eines wilhelminischen Schulklotzes auf, doch jede monumentale Wirkung ist ihm geraubt.

Hinter dem rechten Gebäude folgt auf das neue Tor ein neuer Stadtraum: entlang der Hallera ein langer Parkstreifen, der sich von der Straße weg leicht verbreitert, und neben diesem ein ebensolanges dreigeschossiges Wohngebäude, das kaum merklich geschwungen von der Straße weg verläuft.

Mit seinen backsteinumrandeten Eingängen, großen vertikalen und kleineren horizontalen Fenstern und einfachen weißen Formen setzt es fort, was zuvor begonnen war.

Ein Durchgang in der Mitte führt zu Straßen mit satteldächigen Reihenhäusern. Diese sind schon eindeutig aus der Zwischenkriegszeit und dasselbe gilt auch für das Torensemble am Eingang nach Wrzeszcz. Es entstand um 1930, das rechte Gebäude war Schwesternwohnheim für das nahe Krankenhaus, worauf auch das Kunstwerk von Bruno Paetsch bezug nimmt. Obwohl weitergehende Planungen entlang der Aleja Hallera, die damals Ostseestraße hieß, nie realisiert wurden, ist es doch das fortschrittlichste städtebauliche Erbe der kurzlebigen Freien Stadt Danzig.

Merkur über Bergen

Wenn man in Bergen vom Ufer des Lille Lungegårdsvannet, einem achteckigen Weiher, über Festplassen (Festplatz) und Byparken (Stadtpark) auf das engere Stadtzentrum blickt, sieht man aus dem Häusermeer eine einsame weiße Stele aufragen.

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Auf ihr steht, aber das erkennt man eher nicht genau, ein bronzener Merkur.

Auch wenn man vom Hafen die breite Straße Torgallmenningen hinaufkommt, sieht man vor sich die hohe weiße Merkurstele.

Aber man sieht sie nicht mehr einsam, man sieht sie nicht einmal mehr zuerst, denn sie gehört zu einem Kaufhausbau aus den dreißiger Jahren.

Sachlichkeit, Glas und weißer Putz verwendet zu Werbezwecken – das Kaufhaus Sundt ist durchaus typisch für seine Funktion in seiner Zeit. Seine zur Torgallmenningen zeigende längste Seite hat ein verglastes Erdgeschoß, ein dünnes kupferumrandetes Vordach und fünf Geschosse mit weißen Putzbändern und transparenten Fensterbändern. Sie sind vor der noch ein Geschoß höheren und an den Seiten etwas längeren weißen Fassade wie auf einer Leinwand vorgesetzt, damit sie ihren horizontalen Bandcharakter durch unverändert verglaste Ecken noch betonen können.

Am zum Park führenden Nedre Ole Bulls plass rechts ist die Fassade identisch, aber kürzer und ob des leichten Höhenunterschieds nur bis zum fünften Geschoß der anderen Seite reichend. Auch zur Starvhusgaten links ist die Fassade, nun mit vier Bandgeschossen über dem Erdgeschoß, erst einmal identisch. Doch rechts bei der Ecke über dem Eingang wird das Weiß unterbrochen von einer leicht vorgesetzten durchgängig verglasten Fläche, die noch etwas höher als die Geschosse führt. Und ganz in der Ecke wächst aus dem sachlich weißen Baukörper schließlich die schmale rechteckige Stele, wächst immer höher, höher als alles in der Umgebung und oben steht die Bronzeplastik des Merkur.

Die Verbindung des sachlichen Kaufhausbaus mit der bieder realistischen Plastik, die auch dreißig, ach, fünfzig Jahre zuvor hätte entstehen können, ist absolut nicht naheliegend, aber sie funktioniert. Das liegt wohl an der erstaunlich hohen Stele, durch die ein großer Abstand zwischen Gebäude und Plastik geschaffen wird. Fast wirkt es so, als gehöre der Merkur gar nicht mehr zum Kaufhaus Sundt, sondern schwebe, Gott des Kapitalismus, der er ist, über ihm, der ganzen Einkaufsstraße, der ganzen Handelsstadt Bergen.

Wie gesagt war diese Architektur in den dreißiger Jahren für Firmen, die sich modern geben wollten, gerade also für die Kaufhäuser, gang und gäbe. Angemessen, sollte man meine, daß das Kaufhaus Sundt laut einer Plakette den Preis des A.C. Houens fond (A.C.-Houen-Fond) für gute Architektur bekam.

Doch soweit war Norwegen damals offenbar nicht, denn es bekam ihn nicht etwa 1938, als es eröffnet wurde, sondern – 1961 (pünktlich übrigens kurz vor dem Tod seines Architekten). Nicht erst gleichermaßen posthum, sondern kurz nach seiner Erbauung im Jahre 1929 hatte das historistische Telegrafenamtsgebäude am Park denselben Preis erhalten.

Der Vergleich zwischen beiden Gebäuden zeigt zum einen, wie weit die Architektur in Norwegen in weniger als zehn Jahren gekommen war, aber zum anderen, wie weit sie zurück gelegen hatte. In einem reicheren und entwickelteren Land wie der Tschechoslowakei waren Kaufhäuser wie dieses schon weit früher gebaut worden und bis 1938 hatten sie jede Kleinstadt erreicht.

Ihre Bedeutung aber hatte diese Architektur nicht im Vergleich zum internationalen Standard, sondern zu ihrer Umgebung. Ringsum an der Torgallmenningen sind sonst nur Gebäude mit brutalen historistischen Säulen im Erdgeschoß und erdfarbenem Putz. Ihre Einheitlichkeit wurde durch einen großen Stadtbrand im Jahre 1916 ermöglicht, ihre Formen von einer reaktionären neoklassizistischen Doktrin bestimmt, die schon einiges von der Architektur des deutschen Faschismus oder auch, wie zuzugeben ist, der des späten Stalinismus vorwegnahm.

Wie neu, wie radikal wirkte vor diesem Hintergrund das weiße Kaufhaus Sundt. Durch sein Glas schaut man noch heute wie aus einem Raumschiff auf die Umgebung.

Und es war ja neu und radikal, wenigstens für Bergen. Daran konnte auch der Merkur, mit dem es zur Sicherheit bekrönt wurde, nichts ändern.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Bystřice pod Hostýnem

Dieser Text könnte auch heißen: „Der Bahnhof des Partisanen“. Einen solchen Bahnhof nämlich findet man Bystřice pod Hostýnem im östlichen Mähren.

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Zu den Gleisen hin hat die Bahnhofanlage ein langes blaues Vordach, das auf mittigen runden Stützen ruht und von diesen kurz nach außen und länger nach innen zu den Gebäuden ansteigt. Es wirkt, wiewohl aus Stahl und Blech, eher leicht, schwerelos, vielleicht auch, weil die Stützen sehr dünn und mit ihrer braunen Farbe um Unsichtbarkeit bemüht sind. Links steht dahinter zuerst ein kleiner Flachbau mit technischen Räumen. Nach einer kurzen Lücke beginnt der eigentliche zweigeschossige Bahnhofsbau, der teils grauen Putz und teils rotbraune Kacheln hat, vor dem Flachdach aber wieder einen blauen Streifen. Auch er zieht sich langgestreckt parallel der Gleise hin. Der Großteil der Länge wird von verschiedenen Betriebsräumen für Güter- und Personenverkehr eingenommen.

Erst ganz rechts öffnet sich das Gebäude mit großen Glasflächen und -türen, die in die Halle führen, ganz dem Reisenden. Aber das Vordach endet noch nicht mit dem Gebäude, sondern setzt sich, nun an der gleisabgewandten Seite zusätzlich von drei dünnen runden Stützen getragen, noch etwas fort und verwandelt sich am Bahnsteigende sogar. Es wird zu einem dickeren Betondach mit blauem Rand, das den Reisenden alternativ oder ergänzend zur Halle hinausgeleitet.

Der sich rampenartig absenkende Bahnsteig verläuft ein Stück zwischen eckigen Stahlstützen und Glasflächen. Während links der offene Ausgang folgt, verläuft das Glas rechs weiter und noch um die Ecke der abschließenden Wand, die danach aus Beton besteht.

Die Bahnhofshalle ist dann quer zu den Gleisen, fast von ihnen wegstrebend, angeordnet.

Auf ihrer linken Seite ist im unteren Teil schwarz-grau-weiß gemaserte glatte Steinverkleidung, was man aber kaum merkt, da ein so großer Teil von den Fenstern der Schalter und den Eingänge des Restaurants und der Toiletten eingenommen wird. Rechts sind unten erst die Eingänge, dann wird die Wand auf ihrer gesamtem Höhe in eine durchgehende Glasfläche aufgelöst. Der obere Teil der Halle hat ansonsten weiße Wandflächen, auf denen nur an der Gleisseite eine ziffernlose goldene Uhr hängt.

Beim Beginn der Glaswand dienen sieben dünne Stangen, die vom Boden bis zur Decke reichen, als Raumteiler. Unten sind die durch den hellbraunen Holzkasten einer Heizung zusammengefaßt, darüber sind an ihnen je zwei vertikale drehbare Metallwalzen für Fahrplainformationen aufgehängt, bevor nach quadratischen Holzelementen nur noch das bloße Metall aufragt. So wird die Halle subtil in einen kleineren Durchgangsbereich zwischen den Ausgängen und einen größeren Aufenthaltsbereich mit hölzernen Sitzbänken aufgeteilt.

Zu diesem, aber auch in die übrige Halle, zeigt ein abstraktes Kunstwerk von Jaroslav Blažek, das raumhoch die Mitte der rückwärtigen Wand einnimmt. Auf rechteckigen vertikalen Tonplatten sind allerlei Vertiefungen und eingelassene Steine, aber am Auffälligsten sind die vertikale Rille in der Mitte, die an einen Schnitt erinnert, und der blau glasierte Fleck unten rechts (einige Bilder aus der Entstehungszeit findet man auf der Seite des Künstlers).

Von der Stadt her kommt man direkt auf die Bahnhofshalle zu. Rechts ist teilweise verdeckt von einem Baum die Glasfläche, links ist über den Eingängen ein blaues Vordach und noch darüber ein Wabenmuster im Beton der Wand. Nicht in der Mitte über dem Eingang, sondern deutlich am rechten Rand sind auf dem Vorach eine aufgestütze quadratische Uhr und auf dem Dach ein geflügeltes Rad als blau-weißes Leuchtsymbol.

Links ergänzt der Abschluß des Bahnsteigsdachs die Halle. Zwischen den Eingängen und dem dickeren Dach stehen vor den drei runden Stützen niedrige Nadelsträuche, wodurch diese fast die Anmutung von Säulen bekommen und ein kurzer antiker, tempelartiger Eindruck entstehen kann. Wie ein L legt sich die Bahnhofsanlage so um einen Wendekreis für Busse.

Der Bahnhof wird zu einer Art Schleuße zwischen der Stadt und den Gleisen, das heißt dem Rest der Welt, offen, einladend, funktional und schön.

Eine Gedenktafel am Bahnsteig neben den Eingängen zur Halle erdet dieses neue Gebäude schließlich in der nicht fernen Vergangenheit. Üblicherweise wird an solchen Stellen an Eisenbahner, die in den Besatzungsjahren 1938 bis 1945 umkamen, erinnert, aber hier ist es etwas anders. Unter fünfzackigem Stern mit Hammer und Sichel, gekreuzten Maschinenpistolen und Lindenlaub als Symbol der 1. československá partyzánska brigáda Jana Žižky (1. Tschechoslowakischen Partisanenbrigade „Jan Žižka“) wird auf der glatten schwarzen Steinplatte in weißen Buchstaben vom Tod eines Partisanen erzählt:

„Dem Andenken des Helden Leutnant der Infanterie Jan Marek, Kommandant der Geheimorganisation [ziviler Unterstützer der Partisanen] in der Gegend von Bystřice, der an diesem Ort am 4. Januar 1945 auf heimtückische Weise von der Gestapo getötet wurde. Ehre seinem Andenken.“

„An diesem Ort“, ja, aber nichts an diesem Ort sieht mehr aus wie im Januar 1945. Leutnant Marek würde nichts wiedererkennen, wenn ein gütiger kommunistischer Gott ihn wieder zum Leben erweckte. Und genau so muß das sein, so würde er das gewollt haben. „Er kämpfte für uns, damit wir leben können…“, steht oben auf der Tafel. Der ganze Bahnhof ist ein Beweis dieses Lebens und das schönste Denkmal, das einem Partisanen errichtet werden könnte.

Ein Kleinod in Bergen

An der südlichen Seite des Hafens von Bergen steht ein Kleinod:

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Auf einem großen quadratischen Grundriß mit abgerundeten Ecken hat es zwei Geschosse, das untere mit einigen großen Toren und wenigen Fenstern, das obere mit vielen Fenstern zwischen vertikalen Streben. Und zwischen beiden Geschossen verläuft ringsum ein enorm weit freischwebendes Vordach mit ebenso abgerundeten Ecken. Seine dünne Betonkonstruktion verdoppelt die vom Gebäude eingenommene Fläche beinahe, aber sie ist ja nicht eingenommen, sondern nur überdacht.

Alles erklärt sich aus diesem Vordach. Daß es da ist, ergibt sich aus der Funktion des auf einem rechteckig in den Hafen ragenden Pier gelegenen Gebäudes, in dem Werkstätten für Schiffe waren und teils noch immer sind. Einen möglichst großen geschützten, aber allseitig zugänglichen Bereich zu haben, ist hier gerade angesichts des unberechenbaren, meist regnerischen Bergener Wetters äußerst nützlich. Das ließe sich auch auf viele andere Arten erreichen, wie etwa das flügelartige Betondach des Gebäudes auf dem nächsten Pier zeigt,

aber nicht leicht in solcher Leichtigkeit und Eleganz. Aus seiner Funktion hervorgehend, bestimmt das Vordach auch die gesamte Form des Gebäudes. Es ist die Horizontale, die die beiden Geschosse teilt, und zugleich der Grund für die vertikalen Streben des Obergeschosses, da sie sich auf ihm fortsetzen, um es in seiner spektakulären Schwebe zu halten.

Wie so viele andere ist auch dieses Kleinod eher unauffällig und isoliert. Das Gebäude steht recht verloren zwischen aller möglichen vermischten Bebauung. Erst gegenüber der schmalen Hafenbucht, der Bergen alles verdankt, sind berühmtere Teile der Stadt: das hanseatische Viertel Bryggen und die Festung Bergenhus. Daß sie einmal ganz ähnlich funktional waren, bemerkt heute niemand mehr; sie sind Denkmäler geworden. Dieses Kleinod aber erfüllt bislang einfach nur seine Funktion.