Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Olsztyner Höhepunkte: Planetarium

Der erste der Olsztyner Höhepunkte ist das Planetarium, das seinerseits zum wichtigsten Platzensemble aus der sozialistischen Zeit gehört. Links nach der Kreuzung der von der Altstadt kommenden Aleja Zwycięstwa (Allee des Siegs, heute Aleja Piłsudskiego, Piłsudski-Allee) und der vom Bahnhof kommenden Kościuszki (Kościuszko-Straße) steht quer ein achtgeschossiges Bürogebäude mit großem Sockelbau und Terrassen unter aufgestützten Leisten an den Seiten des Dachs, heute wie zur Erbauungszeit Sitz einer Bank.

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Davor öffnet sich nach einer Querstraße links der großen Straße ein Platz, der von einem langgestreckten viergeschossigen Verwaltungsbau, hinter dem es bereits in neuere Wohngebiete geht, abgeschlossen ist, heute Sitz der Stadtverwaltung, früher der PZPR (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei).

Heute ist der Platz als Plac Solidarności (Solidarnośc-Platz) vor allem ein Parkplatz, in den erst im oberen Teil am ansteigenden Hang ein kahler Bereich mit Bänken und Denkmal gesetzt ist, das mit weißem Adler und „Bóg, honor, ojczyzna“ (Gott, Ehre, Vaterland) ein denkbar uninspirierter Ausdruck des polnischen Nationalismus ist.

Rechts der Straße war früher ein Park, während gegenwärtig ein Einkaufszentrum gebaut wird. Besonders gelungen war der Platz leider wohl nie, immer war er zu sehr von der großen Straße zerrissen.

Höher am Hang auf der rechten Seite, oberhalb des Parks und nur etwas unterhalb der Hügelkuppe, steht das Planetarium, das bei der Eröffnung 1973 den schönen Namen Planetarium Lotów Kosmicznych (Raumflugplanetarium) trug. Breite Treppenanlagen führen entlang der Straße zwischen Nadelsträuchern zu ihm hin.

Es ist einfaches zweigeschossiges Gebäude mit steinverkleidetem Erdgeschoß und leicht überstehendem Obergeschoß, aus dem oben die große Kuppel ragt, Rundes auf Eckigem. Neben dem breiten Eingang steigt eine Treppe nach rechts zu einer Terrassenebene höher am Hang an, wo nunmehr flache Anbauten des Planetariums sind. Zwischen dem eigentlichen Planetarium links und einem verglasten Teil rechts, wo heute eine Bibliotheksfiliale ist, führt ein Durchgang unter schmalen Betonlamellen in einen Innenhof. Und auf einmal sind da nur noch Farben und Formen.

Die ganze gegenüberliegende Wand ist eingenommen von einem großen Kunstwerk aus unterschiedlich großen quadratischen weißen Emailleplatten mit größeren und kleineren halbrunden Vorwölbungen oder flachen Flächen, die mit konzentrischen Kreisen in verschiedenen Farben bemalt sind.

Es sind diese Farben, die so erstaunen, Farben, die auch an den grauesten Tagen leuchten, Farben oft, die man aus der Natur nicht kennt, aber auch aus Photographien nicht, Neonfarben, wie man sie in Ermangelung einer besseren Alternative nennen will. Rechts ist dieses unregelmäßige abstrakte Muster auf etwa zwei Dritteln der Länge von einer Szene auf glatten Platten unterbrochen: Oben eine grüne und unten eine blaue rechteckige Fläche, die zueinander hin dunkler werden, und darin im rechten Drittel zwei übereinandergesetzte rosa Kreisflächen, die an der Grenze der eckigen Flächen so aufeinandertreffen, daß ihnen jeweils ein Stück fehlt. Darauf zeigen von links oben ein kleiner roter und von mittig unten ein größerer grüner Pfeil, unter dem ein rosa vertikaler Streifen und ein nach rechts abfallendes vielfarbiges Wellenmuster bis zum unteren Rand verlaufen.

Die größten Teile des Kunstwerks sind im besten Sinne abstrakt. Die bunten Kreisformen sind äußerst dekorativ und man findet in ihnen durch die Anbringung im Planetarium dennoch sofort Astronomisches, sieht Ringplaneten und ferne Sonnen. In der zentralen Szene wird es dann beinahe gegenständlich, denn in ihr muß man geradezu einen Sonnenunter- oder -aufgang über dem Meer sehen. Das Kunstwerk hat etwas vage Psychedelisches, Poppiges, das man so in Polen nicht erwartet. Der gut lesbare Name unten im rosa Streifen lautet Stefan Knapp und eine Tafel daneben erläutert, daß er ein in England arbeitender polnischer Künstler war. Das paßt, das Kunstwerk kann man sich leicht im Swinging London vorstellen.

Knapp war nach dem Krieg aus antikommunistischer Überzeugung in England geblieben, hatte sich dort zum Künstler ausgebildet und in den Fünfzigern eine Technik entwickelt, Emaille auf Stahlplatten aufzutragen. Er war auch ein dezidiert westlicher, bürgerlicher, kapitalistischer Künstler. Seine bekanntesten Werke dienten zur Dekoration von Alexander’s-Kaufhäusern in New Jersey und New York. Hatte er in den Fünfzigern noch im damals populären Stil des abstrakten Expressionismus gearbeitet, so fand er in den frühen Sechzigern zu den auch in Olsztyn zu beobachtenden Formen, die der damals populären Op Art zugeordnet wurden. Das Kunstwerk im Planetarium schenkte Knapp, der seiner alten Heimat offenbar verbunden blieb, der Stadt Olsztyn zum fünfhundertsten Geburtstag von Kopernikus im Jahre 1973. So konnte man damals in New York und Olsztyn ganz ähnliche öffentliche Kunstwerke betrachten.

Die Stadt zeigte sich des Geschenks würdig. Nachdem man den Schock der Farben überwunden hat, kann man feststellen, daß der ganze Innenhof die Vorgaben des Kunstwerks aufgreift.

In der Mitte ist eine runde Pflasterfläche, in der drei verschieden große glatte Steinkugeln stehen und im Sommer einen Springbrunnen offenbaren, alle Beete haben abgerundete und gewellte Formen und sogar das schmiedeeiserne Tor des Hofs besteht aus einem Quadratraster mit runden Formen.

Dazu ragt links die Kuppel des Planetariums auf.

Was von außen eine ganz sachliche Verbindung war, wird hier zum umfassenden künstlerischen Programm: das Runde im Eckigen.

Man kann den oberen Teil des Planetariums auch als Tempel begreifen, der dem Kunstwerk als einer aus der Fremde gekommenen und nur halb verstandenen Reliquie gebaut wurde. Er verbindet das beste beider Welten und beiden tut es gut, der kapitalistischen Kunst die sozialistische Architektur und andersherum. Stefan Knapps Werk erging es in dieser Umgebung auch besser als an den New Yorker Kaufhausfassaden, denn die betreffenden Gebäude wurden nach dem Konkurs der Kette in den Neunzigern abgerissen und die einzelnen Emailleplatten bestenfalls in private Sammlerhände zerstreut. Es ist geradezu ironisch: Knapps Technik erlaubte es, beinahe unzerstörbare Kunst zu schaffen, doch der Kapitalismus zerstört alles vor seiner Zeit. Die Kunst braucht den Sozialismus.

Das Olsztyner Planetarium ist ein Höhepunkt der Stadt, aber sie endet mit ihm noch nicht. Wenn man nämlich auf der Terrassenebene um seine oberen Teile weitergeht, sieht man jenseits einer als Park gestalteten Senke auf dem nächsten Hügel die ersten Gebäude eines fortschrittlichen Wohngebiets. Es ließe sich sagen, daß das neue Olsztyn mit dem Planetarium erst beginnt und so sollte es ja mit jedem Höhepunkt sein.

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Bauen für die Zukunft

Es war einmal ein Vororthäuschen, das mehr sein wollte. Als es 1899 erbaut wurde, stand es in mindestens zweifacher Hinsicht am Rande: am Rande von Oliwa und mit diesem am Rande von Gdańsk, zu dem es noch nicht gehörte und von dessen polnischem Namen beide noch wenig ahnten. Doch es lag auch mit einer Handvoll anderer Häuschen, die zusammen nach einem kleinen Gasthaus auf älteren Karten Klein-Krug hießen, an der Chaussee nach Sopot und wenn schon Oliwa ein Villenvorort war, dann war Sopot geradezu mondän. Das wußte das Häuschen und dementsprechend zeigte es sich.

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Es hat bloß zwei Geschosse, von denen das obere bereits halb unter dem Satteldach liegt. Zum Nachbarhaus, das in nur geringem Abstand links steht, hat es eine Brandmauer, läßt es sich aber nicht nehmen, sie oben, vor der zur Straße zeigenden Hälfte der Dachschräge, mit einem Treppengiebel als irgendwie Gdańsker Zitat zu beschließen. Im linken Teil ist im Erdgeschoß wie im Obergeschoß je ein großes Fenster, wobei das obere als halbe Gaube aus dem Dach ragt. Der rechte Teil ist zur Straße hin leicht vorgesetzt und endet im Erdgeschoß als halbes Achteck. Im Obergeschoß ist darauf ein Balkon, hinter dem eine große rundbögige Fenster- und Türfläche ist. Das über diesem Teil quer gesetzte Satteldach beschirmt den Balkon und unter seinen Schrägen nehmen geschwungene Balken das Rund des Fensters wieder auf.

Und über all dem ist der Turm. Sein Ansatz hat dank einem gewalmten Teil des Dachs eine Pyramidenform, bevor es auf mit der Spitze zur Straße zeigender quadratischer Grundfläche weiter ansteigt. War er bisher mit rotem Blech verkleidet, so folgt nun ein hölzerner Teil, der mit nach außen geschwungenen Streben breiter wird und mit einem wiederum roten Kuppeldach abschließt. Noch darauf erhebt sich eine hohe Spitze, die über mehrere Kugelelemente immer schmaler wird. Erst weit oben findet sie und damit der Turm mit einer Wetterfahne, in der die Jahreszahl 1899 steht, ihr Ende, aber wie es scheint nur widerwillig, weil die Gesetze der Physik und der damaligen Bautechnik mehr nicht erlauben.

Es ist wirklich ein Turm, kein Türmchen, denn mit ihm verdoppelt das Häuschen seine Höhe beinahe. Architektonisch hat er keinerlei Funktion, aber für den Anspruch des Häuschens ist er entscheidend. Groß wollte es sein, hoch, repräsentativ, den Fuhrwerken auf der Chaussee von Bedeutung und Wohlstand künden. Nicht ein letztlich kleines Vororthäuschen am Rande des Rands, sondern ebenbürtig den Villen von Oliwa und Sopot wollte es sein. Sogar die Jahreszahl 1899 auf der Spitze wirkt symbolisch: das neue Jahrhundert möge kommen, das Häuschen ist fertig, es ist bereit.

Auf ganz anrührende Weise sieht man hier ein Bauen für die Zukunft, die anders als die Potenzierung des Gegenwärtigen aber nicht ansatzweise gedacht werden konnte: bevor ein Nachbar eine wirkliche Villa mit drei Geschosse oder auch bloß zwei vollen baut, muß das Häuschen wenigstens den höchsten Turm haben. Das gelang. Das Häuschen ist auch hundertzwanzig Jahre später noch auf weiter Strecke das repräsentativste auf seiner Straßenseite. Aber das ist nicht deshalb so, weil es den Wettbewerb gewann, sondern weil der Wettbewerb nie stattfand. Alles, worum es sich bemühte, wurde schon wenig später völlig bedeutungslos.

Vor allem rückte es noch mehr an den Rand. Zwar entstand ringsum eine polnische Trójmiasto (Dreistadt), die als Bandstadt viele Zentren oder keines hat, aber die Chaussee wurde zur vielspurigen Schnellstraße, die diesen neuen Stadtorganismus für Autos erschließt und in diesem Abschnitt Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) heißt. Anders als die Fuhrwerke fahren die Autos viel zu schnell, um das nah an der Fahrbahn stehende Häuschen auch nur wahrnehmen zu können, Turm hin oder her.

Und die Zukunft, die wirkliche Zukunft, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Form einiger schräg aufgereihter elfgeschossiger Wohnhochhäuser. Sie bemühen sich nicht darum, hoch zu wirken, sie sind es einfach. Sie wollen nichts repräsentieren, sondern nur ihre Funktion erfüllen. Erst im Vergleich mit dem Häuschen stehen sie für die Zukunft, aber sie vergleichen sich ja nicht mit ihm, sie wissen nichts von ihm, sie existieren in ganz anderen Dimensionen.

Es war einmal ein Vorstadthäuschen, das mehr sein wollte, aber es scheiterte so absolut, daß sogar sein Scheitern unsichtbar wurde.

Die fonction oblique in Gdynia

Parkdecks auf Betonstützen gibt es bei vielen Bürogebäuden, da sie eben praktisch sind und mit deutlich weniger Aufwand als Tiefgaragen deutlich mehr Stellplätze als ebenerdige Parkflächen schaffen. Zu diesen Parkdecks gehört immer eine Auffahrtsrampe. Aber wieso eigentlich?

Hinter dem großen Bürogebäude des Morski Instyut Rybacki (Instituts für Meeresfischerei), das oberhalb des Zentrums von Gdynia heute vor allem riesigen Werbebannern zu dienen scheint, ist es anders. Hier fehlt die separierte Rampe und stattdessen fällt das Parkdeck mit seiner ganzen Fläche sanft auf das Straßenniveau ab.

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Das ist eine so einfache wie kluge Lösung, denn wieso muß ein Parkdeck eigentlich eine ebene Fläche sein? Autos parken schließlich regelmäßig an Hängen und auch an solchen mit weit prekärerer Steigung als hier.

Wo anderswo Auffahrtsrampen aus Beton durch aufgeschüttete Hügel ersetzt wurden, wird hier das Parkdeck selbst zu einem Hügel aus Beton, der die Auffahrtsrampe unnötig macht. Das ist, wie gesagt, einfach, scheint sogar ganz naheliegend, wenn man es einmal gesehen hat, doch wie Jonathan Richman fragt: „If someone else can do it, how come nobody does?“ (Wenn jemand anderes es machen kann, wieso macht es dann keiner?)

Ideen, die technischen Möglichkeiten des Betons gerade für schiefe Ebenen auszunutzen, gab es selbstverständlich einige, etwa in Claude Parents „fonction oblique“ (schräger Funktion), und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Schöpfer des Gdyniaer Parkdecks mit ihnen vertraut war, aber das ändert nichts daran: Was man hier sieht, ist nicht weniger als eine architektonische Großtat. Es ist das Parkhaus des klugen Manns.

Metamorphosen und Ausstrahlungen einer Schule

Nicht immer verraten Gebäude alles, nicht immer ist die Anschauung genug, sie wirklich zu verstehen. In der Żeromskiego (Żeromski-Straße) in Trzcianka beispielsweise:

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Gleich auf den ersten Blick ein Schulgebäude aus den Zwanzigern, zur Bauzeit und lange danach eines der modernsten Gebäude der Stadt. Drei Geschosse, die großen Fenster durch Backsteinflächen zu horizontalen Bändern zusammengefaßt. Über den beiden Eingängen dünne halbrunde Vordächer, die beidseits auf massiven, aber stark abgerundeten Backsteinwänden mit horizontaler Struktur ruhen.

Das könnte alles sein. Ein nicht herausragendes, aber makelloses Beispiel dafür, wie fortschrittliche Architekturmoden in die östliche Provinz unweit der damaligen Grenze zu Polen drangen. Auch der leidige deutsche Backsteinexpressionismus ist hier schon überwunden, es gibt keine monumentalen Elemente. So weit reicht die Anschauung. Einziger kleiner Punkt der Irritation könnte das leicht überstehende backsteinerne Gesims unterhalb des Flachdachs sein. Etwas an ihm ist zu ornamental und für ein solches Gebäude betont es das Dach zu sehr.

Nicht Aufklärung, die nie nötig schien, sondern einen ganz neuen Blick verschafft auf Polnisch, Englisch und Deutsch eine neue Informationstafel an der Seite des Gebäudes.

Die Schule, erfährt man, wurde ursprünglich 1895 in zweifelsohne historistischen Formen erbaut und bekam in den zwanziger Jahren ihre heutige Gestalt. Noch später, bereits zu polnischer Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wurde das große Walmdach durch das heutige Flachdach ersetzt. Damit wurde vollendet, was in den Zwanzigern begonnen worden war, denn die Gebäudeformen verlangen ein Flachdach. Das Gesims ist die letzte Spur des Alten.

Insgesamt also ist das Gebäude kein Neubau, sondern ein alter mit auf die Höhe der Zeit gebrachter Fassade. Es spricht für Trzcianka, dieses Bedürfnis nach wenigstens äußerlicher Modernität verspürt zu haben. Ansonsten findet man in der Stadt wenige Gebäude, die so weit gehen. Das meiste andere, was in den Zwanzigern entstand, ein Viertelkreis von Häusern am Straßenanfang beim Bahnhof etwa, ist in dem Formen weit konservativer, immer hohe Dächer, Treppengiebel. Weiter draußen gibt es viele satteldächige Einfamilienhäuser, die aus der Nazizeit sein könnten. Einzig ein Wohngebäude am Anfang der Sikorskiego (Sikorski-Straße) nach den Gleisen faßt seine Fenster auf ähnliche Art mit Backstein horizontal zusammen.

Und dann ist da noch ein kleines Häuschen in der Dąbrowskiego (Dąbrowski-Straße).

Es sieht aus wie die anderen Häuschen dort: ein einziges niedriges Geschoß parallel zur Straße, vier Fenster, Eingang in der Mitte, Satteldach, ein eigentlich dörflicher Haustyp, der kaum ins 20. Jahrhundert paßt, was man umso mehr merkt, als dahinter die fünfgeschossigen Bauten eines Wohngebiets aufragen. Aber etwas ist an ihm anderes.

Im dreieckigen Giebelfeld an der linken Schmalseite sind um ein dreieckiges Fensterchen ganz oben und zwei quadratische seitlich dunkle Rahmen gemalt, was noch nicht ungewöhnlich ist, aber zudem gibt es bloße Backsteinflächen beidseits des größeren Fensters in der Mitte – bandartige Verbreiterungen. Außerdem ist der Eingang mit seiner kleinen Treppe nicht bloß wie bei anderen Häuschen deutlich zurückgesetzt, sondern hat geschwungen zu ihm hin schmaler werdende Seitenwände.

Das sind nur kleine Details, doch die genügen, das Häuschen in eine Verbindung zum Schuldgebäude in der Parallelstraße, das von seiner Schwelle fast zu sehen ist, zu setzen. Ein Maurer habe sich das Häuschen gebaut, heißt es, und es ist gut vorstellbar, daß er am Umbau der Schule beteiligt war und als aufgeschlossener Arbeiter ein wenig von den dort kennengelernten neuen Formen für sein eigenes Heim verwandte.

Es ist eine hübsche Geschichte der Ausstrahlung von Architektur an die unwahrscheinlichsten Orte. Hier muß wieder die Anschauung genügen, eine Informationstafel hat das Häuschen nicht und wird es wohl nie haben. So wie das Schulgebäude nicht ganz war, was es zuerst schien, war auch seine Wirkung auf Trzcianka weit größer, als es zuerst scheinen mochte. Es gibt noch vieles, was auch dieses großpolnische Provinzstädtchen verraten könnte.

Wejherowo oder Die erstaunliche Geschichte von Klein-Gdynia

Wejherowo könnte eine beliebige Kleinstadt sein. Es liegt nah an der Gdańsker Bucht wie an der offenen Ostsee, aber zu weit von beiden, als daß es davon irgendwelche Vorteile hätte. Für die weltläufigen Bewohner der nahen Trójmiasto ist es Inbegriff von Provinz und vielleicht ist daran etwas Wahres, wenn jugendliche Subversion in dieser an Zeichen des Katholizismus überreichen Stadt darin besteht, an eine Mauer zu schreiben:

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„Idź w niedzielę do kościola“ (Geh am Sonntag in die Kirche).

Gleich, wenn man Wejherowos Bahnhof verläßt, zeigt es sich stark vom preußischen 19. Jahrhundert geprägt. Geradeaus führt eine repräsentativ gedachte Bahnhofsstraße mit Villen und Bäumen, dann nach links eine weitere Hauptstraße mit großen historistischen Mietshäusern und Hotels.

Vorbei an Verwaltungsgebäuden und einer Kirche in backsteinerner Neogotik erreicht sie das deutlich entfernt gelegene alte Stadtzentrum mit seinem quadratischen Platz. Frei an seinem Rand steht eine bescheidene und schlichte barocke Kirche und in der umgebenden meist historistischen Bebauung ein bizarres irgendwie neobarockes Rathaus.

Sichtbar Altes gibt es hier sonst nicht, nur ein eingeschossiger Fachwerkbau bei der Kirche repräsentiert noch frühere Zeiten der Stadt und er ist vermutlich eine neuere Imitation.

Eine Straße führt vom Platz an einer gotischen Kirche mit barocker Fassade vorbei auf das Schloß zu.

Es ist ein nur zweigeschossiger, aber doch stattlicher Bau in englischer Neogotik, die angesichts der späteren preußischen leicht und südlich wirkt. Hinter ihm erstreckt sich am ansteigenden Hang ein Park in den Wald hinein.

In einem recht regelmäßigen Straßennetz stehen die übrigen Gebäude der Stadt. Wie in allen preußisch-kapitalistischen Kleinstädten gibt es Mietskasernen und vermischte Häuser, oft in rohem Backstein. Wie in allen später polnisch-sozialistischen Kleinstädten gibt es dazu Auflockerungen mit niedriger fortschrittlicher Bebauung.

Eine beliebige Kleinstadt eben.

Doch es gibt in Wejherowo noch andere Gebäude, die weder kapitalistisches Preußen noch sozialistisches Polen sind.

Zuerst bemerkt man sie an der Querstraße neben der neogotischen Kirche, später findet man zwei ganze Straßenzüge und viele vereinzelte Beispiele: meist dreigeschossige Wohngebäude in modernistischen Formen. Horizontale Fenster, einzelne runde Fenster, vertikale Treppenhausfenster, abgerundete Balkone, keine Ornamentik, einzig manchmal der Kontrast zwischen verputzten Fassaden und Backstein um die Eingänge.

Viele dieser Gebäude ähneln einander, doch sie sind nie identisch. Obwohl es ganze Straßenzüge gibt, sind die einzelnen Gebäude immer deutlich als solche zu erkennen. Auch handelt es sich immer um Blockrandbebauung, in der einige Öffnungen eher zufällig wirken.

All das weist darauf hin, daß diese Architektur nicht in Deutschland entstand. Zwar gab es dort in den Zwanzigern Gebäude in solchen Formen – als Wohnsiedlungen in Städten mit fortschrittlicher Verwaltung, als werbeträchtige Kaufhäuser, als Villen kunstsinniger Individuen – aber niemals in dieser Fülle als private Wohngebäude in beliebigen Kleinstädten. Auch wenn man sich der Grenzverläufe in der Zwischenkriegszeit unsicher ist, was hier, wo mit Deutschland, Polen und der Freien Stadt Danzig drei Staaten aufeinandertrafen, leicht passieren kann, verrät diese Architektur: Wejherowo lag bereits ab 1919 in Polen, dem jungen und komplizierten kapitalistischen Polen. Dies ist seine Architektur.

Das erklärt, wieso es in Wejherowo, anders als etwa in unweit westlich, aber in der Zwischenkriegszeit in Deutschland gelegenen Lębork, keinerlei Backsteinexpressionismus oder ähnliche reaktionäre Stile der Zwanziger gibt, aber auch keine zusammenhängenden staatlich errichteten Siedlungen. Aber es erklärt vielleicht noch nicht ganz die schiere Fülle dieser Architektur in Wejherowo. In anderen polnischen Grenzstädten dieser Zeit, Tczew südlich oder Chojnice weiter südwestlich von Gdańsk etwa, ist sie weit seltener vertreten.

Wejherowo nahm offenbar eine herausgehobene Stellung ein. Es war immerhin die zweitgrößte, bis zur Gründung von Gdynia 1926 sogar die größte Stadt im Norden des polnischen Korridors zur Ostsee. Der polnische Staat hatte mit ihm offenbar Besonderes vor. Es sollte ganz wie Gdynia in modernistischen Formen für eine ersehnte kapitalistische Zukunft stehen. Es sollte mit Hilfe der Gdyniaer Architekten zu einem Klein-Gdynia werden.

Deshalb auch der Name Wejherowo, der so neu wie geschichtsträchtig ist. Auf Deutsch hieß der Ort einfach Neustadt, vielleicht noch zur Unterscheidung von all den anderen Neustädten Neustadt in Westpreußen. Auch das hatte gepaßt, denn er war tatsächlich neuer als andere Orte der Gegend, die auf slawische oder Deutschordensgründungen zurückgehen. Diese neue Stadt hingegen wurde erst 1643 gegründet – von Jakub Wejher.

Wejher (auch Weyher etc.) war so eine barocke Gestalt des frühen 17. Jahrhunderts. Sohn aus altem pommerschen Adelsgeschlecht studierte er in Bologna, besuchte den Legenden nach Malta, kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf der katholischen Seite, in Rußland auf polnischer Seite und in seiner zur polnischen Rzeczpospolita (Adelsrepublik) gehörigen Heimat gegen die Schweden. Die Gründung seiner eigenen Stadt war mehr ein Nebeneffekt der Stiftung zweier Kirchen, die er geschworen hatte, falls er die Belagerung von Smolensk überleben würde. Er starb noch bevor er fünfzig war.

Der älteste Name der Stadt lautete Wejherowa Wola oder Weyhers Freiheit und so war es nur konsequent, daß die zweite Rzeczpospolita, das bürgerliche Polen, den Adligen aus ihrem Vorgängerstaat  1919 zum Paten des neuen Stadtnamens erkor: Wejherowo heißt sinngemäß Wejherstadt. Später ging es dann daran, den neuen Namen mit neuem Inhalt zu füllen. Es gelang ihm, so halbwegs, der Sozialismus führte es fort, so halbwegs, da er genug mit anderen Städten an der Ostsee und anderswo zu tun hatte. Eine beliebige Kleinstadt in Wejherowo jedenfalls nicht, falls es solche denn gibt.

Medina oder Terrassenhäuser in Eindhoven

Terrassenhäuser sind meist sehr deutlich als solche zu erkennen, wie das folgende im Norden von Eindhoven. Zur großen Veldmaarschalk Montgomerylaan (Feldmarschall-Montgomery-Allee) stehen die oberen beiden der vier Geschosse deutlich über die beiden darunterliegenden über, zur kleinen Pisanostraat (Pisanostraße) ist jedes Geschoß deutlich hinter dem darunterliegenden zurückgesetzt. Zur ersten Seite sind zumeist große Fenster, zur zweiten ausschließlich Balkone.

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Auch der wahrscheinliche innere Aufbau erschließt sich sofort. An der kleinen Straße sind die Eingänge. Das Erdgeschoß ist unter der tragenden Betonkonstruktion weit zurückgesetzt und hier sind die Türen zu den Erdgeschoßwohnungen, die zur anderen Seite Gärten haben, und zu den Treppen, die in die Wohnungen im zweiten Geschoß führen. In der Mitte, wo die beiden Teile des Gebäudes leicht versetzt aufeinandertreffen, ist der Eingang zum Treppenhausturm, der auf der anderen Seite steht. Über ihn oder über Wendeltreppen an den Enden des Gebäudes erreicht man den zur Montgomerylaan zeigenden Laubengang im dritten Geschoß, von dem die Türen zu den Wohnungen in diesen und zu den Treppen in die Wohnungen im vierten Geschoß abgehen.

Diese Konfiguration, durch die alle Wohnungen zu beiden Seiten zeigen, ist eine spezifisch niederländische, die aus dem Mißtrauen gegen typische Geschoßwohnungen und der Sehnsucht nach dem Reihenhaus entstand. Der schwächste Teil dieses Terrassenhauses sind dann ausgerechnet seine Terrassen, die nach oben abgeschrägte Geländer haben, was diese Gebäudeseite als eine einzige schräg ansteigende Fläche wirken läßt und somit bloß eine ästhetische Spielerei ist.

In Eindhovens Zentrum gibt es solche deutlichen Terrassenhäuser nicht. Es ist eng wie so viele niederländische Stadtzentren, wobei dies teils den älteren, aber in ihrer heutigen Form auf die frühe Nachkriegszeit zurückgehenden Häusern und teils allerlei neueren, seit den neunziger Jahren entstandenen Einkaufszentren und Bürokomplexen geschuldet ist. Die Plätze, die es gibt, sind entweder ebenfalls eng und undefiniert oder zu leer wie der Stadhuisplein (Stadthausplatz), der mit seinen Betonrampen ganz offiziell den Skatern überlassen wurde. Und oft ist alles nur abweisend und kahl. Wenn man etwa auf dem öden Vorplatz eines neueren Wohnhochhauses am Vestdijk (Westdeich) steht, blickt man an achtgeschossigen Backsteinfassaden entlang, die unten hohe Kolonnaden haben, ganz egal, ob die Gebäude nun Büro- oder Wohnzwecken dienen.

In dieser Umgebung überrascht es, in der Kneipenstraße Stratumseind um eine Ecke zu schauen und Grün zu sehen, Grün nicht nur, nicht einmal vor allem auf der Erde, sondern auf großen Terrassen.

Mehr noch überrascht es, zwischen den beiden backsteinverkleideten Gebäuden am Vestdijk in eine schmale Gasse zu biegen und hinter dem zweiten, größeren von ihnen große Terrassen mit auch über den Backstein der Seiten hinausquillendem Grün zu sehen.

Das ist Medina.

Anders als bei den Terrassenhäusern in der Vorstadt ist hier erst einmal gar nichts klar. Während es sich zur großen Straße hin monumentale Backsteinformen gibt, ist es zur anderen Seite nur Grün.

Nur ungefähr macht man unter der Vegetation drei zweigeschossige Stufen und zwei abschließende Geschosse mit begrünten Balkonen aus. Doch wie die Seiten erahnen lassen, gibt es auch noch versenkte Innenhöfe und vielleicht anderes.

Die unterste Stufe endet in verglasten Wohnungen, die sich als ganz konventionelle Reihenhäuser ausgeben, ja, sogar Laden- und Galerieräume haben. Auch die davor verlaufende Straße Het College, auf deren anderer Seite drei- und viergeschossige Reihenhäuser stehen, die in den Formen Medina entsprechen oder an es angepaßt sind, ist so eng wie die anderen Straßen des Stadtzentrums, aber anders als sie voller Grün.

Obwohl Medina auf Arabisch einfach Stadt heißt, ist die Assoziation mit einer fruchtbaren und grünen Oase in der Wüste sicher nicht ungewollt und jedenfalls nicht unpassend. Wie bei einer Oase kann man kaum glauben, daß es Medina wirklich gibt, fürchtet eine Fata Morgana. Ein wenig ist die Eindhovener Medina auch ein Trugbild, denn man kann sie nur sehen, nie berühren. In der Straße davor gibt es keine Bänke und die Stufenanlage, die in der Mitte tiefer hineinführt, ist mit hohen Gittern abgesperrt: „Privé terrein“.

Einen öffentlichen Ort kann Medina nicht schaffen, denn nichts haßt der gegenwärtige Kapitalismus mehr als das. Das Hervorquellen des Grüns über seine Terrassen ist schon von den Reihenhäusern gestoppt und schon in der nächsten Straße wenig mehr als eine ferne Ahnung.

Medinas Stärke sind seine Terrassen, während alles übrige zu schwach ist. Dennoch ist es viel, mehr jedenfalls als alles andere im Zentrum von Eindhoven. Das ist umso trauriger, aber auch erstaunlicher, als Medina erst 1999 erbaut wurde, wobei in Eindhoven ja sogar später noch Gutes entstand. Versteckt es sich auch, ist es auch schnell wieder aufgehalten, es ist fortschrittliche Architektur und Erbe des Terrassenhauses draußen im Norden. Der Vergleich der beiden Eindhovener Gebäude zeigt weiterhin: Die Lehre von Alterlaa ist nicht nur, daß Terrassenhäuser der richtige Weg sind, sondern auch, daß sie hängende Gärten sein müssen, schöner und prachtvoller als alles, was Babylon kannte.

Vergißmeinnicht in Olsztyn

Es ist eigenartig mit den Einzelhandelsketten der ehemaligen sozialistischen Staaten: ihre Namen sind einerseits stark mit einer vergangenen Epoche verbunden, doch andererseits gibt es sie in manchen Formen noch immer. In Dresden oder Leipzig beispielsweise findet man Konsum, vielerorts in Tschechien Jednota – und in Olsztyn Społem. Wie die beiden anderen Konsumgenossenschaften in den Nachbarländern im Westen und Süden geht auch diese auf die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts zurück, erlangte ihre dominierende Größe und Bedeutung aber erst im Sozialismus. Aus dieser Zeit stammt auch das markante Logo, das mit dem wie in der Schreibschrift über den Buchstaben gesetzten und noch verlängerten Strich des ł für Ausländer kaum zu entziffern ist. Das Wort bedeutet „zusammen“, aber in solch altertümlicher Sprache, daß es auch unter Polen nicht mehr allgemein verstanden wird.

Społem Olsztyn hat mitten im Stadtzentrum ein Bürogebäude, in dem es selbst im Erdgeschoß bloß eine Bäckerei betreibt, während die übrigen Teile etwa von einem KFC-Restaurant eingenommen werden. Aber das eigentliche Herz von Społem Olsztyn befindet im Stadtteil Zatorze, dessen weit weniger zentrale Lage man bereits daran erkennt, daß sein Name übersetzt etwas wie „Hinter den Gleisen“ bedeutet.

Es ist ein großer Supermarkt, nein, eine Kaufhalle, wie sie zum Namen paßt. Ein Bau, wie er so oder ähnlich auch einen Konsum oder einen Jednota beherbergen könnte: rechteckiger Grundriß hinter einem Parkplatz an der großen Straße Jagiellońska, vorne, das heißt hier an der rechten Schmalseite der verglaste Eingangsbereich und um das flache Dach ein breites Band aus vertikal geriffeltem Wellblech. Dieses Band ist hier weiß und hat in der Mitte horizontale Streifen in den Farben des Regenbogens. Schwer zu sagen, wer wann die Idee zu dieser Farbgebung hatte, aber sie ist es, die sogleich alle Blicke auf das Gebäude zieht.

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Auf dem Dach stehen beim Ende der Breitseite kurz vor der Ecke große Buchstaben, die zuerst in Weiß das Społem-Logo und dann in Blau das Wort „Niezapominajka“ bilden. Vergißmeinnicht heißt diese Kaufhalle, ein Name, der von der Blume kommt, aber heute unweigerlich eine weitere Bedeutung bekommt. „Vergiß meiner nicht!“ fordert Społem auf in altertümlichem Deutsch, das in hundert Jahren für den Betrachter ebensoweit entfernt sein wird wie der Sozialismus im Polen oder Deutschland des 20. Jahrhunderts. Aber heute, wie könnte man heute vergessen, was so deutlich noch zu sehen ist?

Und die Społem-Kaufhalle ist nicht allein. Bei ihrem Beginn links steht ein elfgeschossiges Hochhaus quer zur Straße und bricht zum ersten Mal die Blockrandbebauung auf, bevor es sich mit Läden im Erdgeschoß zu Niezapominajka überleitet.

Rechts von ihr hingegen führt ein Weg an ihrer Eingangsseite vorbei und durch einen Durchgang in einem sehr langen fünfgeschossigen Gebäude in ein Wohngebiet hinein.

Es ist so ein kleineres, perfekt in seine Umgebung eingepaßtes Wohngebiet mit fünfgeschossiger Bebauung, wie es der PRL (Volksrepublik Polen) immer sehr gut gelang. Sobald man durch den Durchgang getreten ist, befindet man sich in einer anderen Welt. Fern plötzlich der Lärm und die Enge der überkommenen Stadt. Stattdessen Ruhe und Grün, links quer zur Puszkina (Puschkin-Straße) aufgereihte Gebäude, rechts drei parallel zu ihr, die jeweils etwas näher nach links rücken und mit der leicht abfallenden Neigung Bewegung in die schematische Struktur bringen.

Weiter nach links Verbindungen in andere Teile des Wohngebiets, unten als Abschluß einige Punkthäuser und ein Weg durch einen alten, nicht mehr genutzten Friedhof, der schon vorher von rechts sein Grün schenkte, in einen Park und weiter.

Społem Niezapominajka also steht an einer Schnittstelle, einem Scharnierpunkt. Es dient an der Grenze zwischen alter und neuer Stadt beiden in gleichem Maße. Das, mehr als nostalgische Freude an Einkaufen wie im Sozialismus, gibt der Kaufhalle ihren Wert. Sie ist nicht nur sie selbst, sondern Teil eines größeren Ganzen. Sie ist eine sozialistische Kaufhalle. Dafür kann man auch über Unangenehmeres wie die ausgeschilderte Einkaufskorbpflicht, die von den rotbekittelten Verkäuferinnen vielleicht auch durchgesetzt würde, hinwegsehen.

Das heutige Einkaufen in Polen sieht man übrigens direkt rechts nebenan, wo ein Biedronka ist, eine von portugiesischem Kapital getragene Discountkette mit polnischem Namen.

Das Gebäude sieht irgendwie aus und hat weder zu der neuen Blockrandbebauung weiter rechts an der Straße noch zu irgendetwas anderem einen Bezug. Das ist der polnische Kapitalismus, die polnische Gegenwart. Wie gut, daß man Społem in Olsztyn nicht vergessen muß.