Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Veszpréms Zentrum – Grundlagen

Veszprém, eine Universitätsstadt in Westungarn in den niedrigen Bergen oberhalb des Balaton, ist in jeder Hinsicht hübsch und idyllisch und dazu trägt nicht zuletzt sein sozialistisches Zentrum bei. Das größte Problem der Stadt ist, daß der Bahnhof weit außerhalb liegt, was den topographischen Bedingungen geschuldet und schwer zu ändern ist. Stadtplanerisch wurde darauf im Sozialismus insofern reagiert, als das größte Wohngebiet auf halbem Weg zwischen Stadtzentrum und Bahnhof angeordnet ist, aber das macht die Wege eben auch nicht kürzer.

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Als Ausgangspunkt des neuen sozialistischen Stadtzentrums kann man daher den Busbahnhof verstehen, der auch das bessere Bauwerk ist. Über seinem langen Bahnsteig schwebt ein Dach aus dünnen Betonschalen in der Form hyperbolischer Paraboloide. Sie erwachsen jeweils auf einer Stütze und ragen mit aufsteigenden Spitzen weit in Richtung des Haltebereichs der Busse und der dahinter sichtbaren Zentrumsbebauung vor, während abfallende Spitzen auf rückwärtigen Stützen ruhen.

Wie kompliziert geformte Wellen scheint der Beton des Dachs in Bewegung hin zum neuen Veszprém, zu dem er schon gehört. Auch das am Ende des Bahnsteigs leicht schräg angeordnete Funktionsgebäude des Busbahnhofs hat entsprechende Schalendächer, von denen einige höher gesetzt sind, um durch verglaste Zwischenräume Licht in die Wartehalle zu lassen.

Das Zentrum ist jenseits der wartenden Busse und des Verkehrs auf der vorbeiführenden Straße schon in groben Zügen zu erkennen.

Zuerst Wohnbebauung mit charakteristischem orangenen Glas vor den Balkonen und weißer Steinverkleidung unter den Dächern und an seitlichen Flächen. Ein freistehendes zehngeschossiges Punkthaus, nach links ein langgestreckter fünfgeschossiger Bau parallel zur Straße und ein siebengeschossiger quer zu ihr.

Dann ein sechsgeschossiges Bürogebäude an der leicht abbiegenden Straße, das wohl Fensterbänder und vertikale dunkle Metallstreben hat, von dem man aber nur die strahlend hellblaue Verkleidung so wirklich bemerkt. Und hinter all dem das Hochhaus, vertikale Dominante der Stadt, die man schon von der fernen Bahnstrecke sieht.

Zwanzig Geschosse hoch, rechteckiger, fast quadratischer Grundriß, umlaufende Fensterbänder und Verkleidung aus leicht vorgewölbten schwarzen Kacheln in horizontaler Anordnung, oben um die technischen Geschosse hellgraue Betonverkleidung, in der an zwei Ecken verglaste Teile sind, hinter denen sich aber leider statt Restaurant und Café nur weitere Technik verbirgt.

Es ist das über der Stadt thronende Symbol des ungarischen Sozialismus, aber es kann dies nur sein, weil es Teil eines Ganzen ist.

Um weiter ins Zentrum zu kommen, passiert man als nächstes die parallel zur Straße stehende Markthalle. Ein einfaches Gebäude, langgestreckt rechteckig, außen ein flacher Teil mit grauer unregelmäßiger Steinverkleidung und aufsteigend schräg überstehendem weißen Dach, in der Mitte die eigentliche Halle, nicht mehr als Glas und dünne grüne Stahlkonstruktion, innen zusätzlich graue Belüftungsrohre.

Der Weg, selbstverständlich breit und mit Beeten, trifft nach der Markthalle zwischen eingeschossigen Ladengebäuden auf den flach abfallenden Zugang zur Unterführung. Sie beginnt weiter links neben der abzweigenden Straße bei einem viergeschossigen Bürogebäude mit Fensterbändern und großen Kreisen in der Betonverkleidung, entspringt gleichsam aus seinen absteigenden Terrassenstufen.

Hier ist der Anfang des eigentlichen Boulevards von Veszprém. Die Unterführung führt auf genau die richtige Weise sanft hinab, unter der Straße hindurch und wieder hinauf. Das Wohngebäude rechts, das orangene Balkone und eine steinverkleidete Fläche neben der Schmalseite zeigt, und das hellblaue frühere pártház (Parteihaus) links, das bei seiner rechten Ecke eine vorgesetzte Treppe und Terrasse mit weißer Betonbrüstung und im Geschoß darüber einen rahmenartig vorgesetzten Teil hat, bilden nun ein Tor ins Herz des Zentrums, von dem gerahmt das Hochhaus aufragt.

Das rechte Gebäude ist auch das Rückgrat des folgenden Platzes und im Erdgeschoß hat es Läden, zwei breite Durchgänge und ein abstraktes Relief aus schwarzem Stein.

Links folgt angeschlossen an das Parteihaus ein Hallenbau, dessen leicht versetzte Wände jeweils ein Pultdach tragen, so daß sich eine  Art nach hinten weisendes Sheddach ergibt.

Während sich die schmale Vorderseite zum Boulevard mit dem Eingang und großen Glasflächen öffnet, sind die Breitseiten ganz mit horizontalen dreieckigen Platten aus körnigem sandfarbenem Stein, der bis in die spitzen Wellen des Dachs reicht, verkleidet und haben nur rechts einige kleine dreieckige Fenster.

Nun öffnet sich der Platz nach links, wo er mit einer breiten, aber nicht hohen Treppenanlage ansteigt. Rückwärtig schließt ihn das lange dreigeschossige Hotel Veszprém zur Straße hin an. Es hat Glasflächen im Erdgeschoß und Balkone in einem Gerüst aus Betonstreben und -balken in den weit überstehenden Obergeschossen.

An seinem anderen Ende bildet der bis auf die Schaufenster im Erdgeschoß und den roten Schriftzug weiße Kubus des Kaufhauses Bástya (Bastion) den Abschluß.

Auf diesem Platz, zu dem Beete mit Bäumen und Rosen gehören, steht das sozialistische Kunstwerk, das er verlangt.

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Tiere im Falowiec

Die Vorstellung, daß einen das Leben in hohen Gebäuden von der Natur entfernte, ist ganz falsch. Es kommt bei allen Gebäuden, niedrigen wie hohen, vor allem darauf an, wie die Umgebung aussieht. Wenn diese wie in fortschrittlichen Wohngebieten aus üppigen Parklandschaften besteht, bringt einen das Leben in hohen Gebäuden der Natur im Gegenteil näher.

In meiner Wohnung im neunten Stock eines Falowiec (Wellenhauses) in Gdańsk-Przymorze ist die Tierwelt nie weit. Schon, wenn ich aufwache, ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich eine Taube auf meiner Balkonbrüstung sitzen sehe oder, seltener, eine Elster oder einen Spatzen. Wenn ich aufstehe und hinausblicke, gehören die Lüfte über Przymorze ganz den großen Silbermöwen und Nebelkrähen, zu denen sich noch die kleinen Lachmöwen gesellen. Im Sommer sind auch Schwalben zu sehen, aber die, klein, schnell, hochfliegend, gehören in eine andere Welt. Da es kein Wasser gibt, verirren sich Enten nur selten hierher, am ehesten hört man nachts ihren schnatternden Flug. Unten in den Grünanlagen gehen Leute mit ihren Hunden spazieren und vor allem abends kommen Katzen, die hier halb wild leben, hervor, doch auch der Boden gehört letztlich den Vögeln. Sie gehen hier ihrem Tageswerk nach: der Nahrungssuche, dem Überleben.

Ist das Artenvielfalt? Vermutlich nicht. Es wäre zweifelsohne interessant zu sehen, welchen Einfluß ein Greifvogel, etwa der Sperber, der im Frühling mal auf meinem Balkon saß, auf die Vogelwelt hätte und Papageien gäben einen hübschen Farbakzent, aber wenig ist auch das Vorhandene nicht. Es sind alles Tiere, die mit dem, durch den Menschen leben. Was ihr natürlicher Lebensraum sein mag, interessiert sie wenig, sie leben hier in dem, was wir für uns geschaffen haben. Für die Elstern, Spatzen, Dohlen stehen im Mittelpunkt recht konventionell die Bäume. Die Krähen sind ohnehin nur zu Besuch und überall wie nirgendwo. Die Möwen mögen die Dächer der niedrigeren Gebäude und die Laternen. Die Tauben bewohnen den Falowiec, der mit seinen vielen Balkonen und den dort im Laufe der Zeit von den menschlichen Bewohnern geschaffenen Winkeln und Nischen besser für sie geeignet ist als mancher natürliche Fels.

Die verschiedenen Vogelarten leben gemeinsam und nebeneinander in Przymorze. Gemeinsam fressen sie die Brotreste, die ihnen hingeworfen werden, oder was auch immer einer Krähe aus einem Mülleimer zu holen gelang, aber sie konkurrieren dabei auch immer. Wo die Krähen ihre Intelligenz und die Silbermöwen ihre schiere Größe und Aggressivität einsetzen, müssen die anderen sich auf die richtige Mischung aus Vorsicht und Risikobereitschaft verlassen. Meister darin, falls das kein Widerspruch in sich ist, sind die Tauben.

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Überhaupt die Tauben. Von allen Tieren passen sie am besten zur fortschrittlichen Architektur: sie sind grau, einfach, naheliegend, aber haben auch einen überraschenden Moment schillernder farbiger Schönheit. Da sie sich am liebsten auf den Balkonen, Brüstungen, Fensterbänken aufhalten und auch nicht davor zurückschrecken, durch offene Balkontüren zur Erkundung in Wohnungen zu gehen, wird man sie beim Leben in der Höhe am besten von allen Tieren kennenlernen. Die ständigen Bewegungen des Kopfs, um möglichst alles zu sehen. All die Zeichnungen des Gefieders und die stetig changierenden Farben der Halsfedern in verschiedenen Lichtsituationen. Der Flug, vom flatternden Aufsteigen über den eleganten Segelflug bis zum waghalsigen Sprung vom Balkongeländer ins Leere, der für sie so normal ist wie für uns unvorstellbar. Das Gurren der Balz. Die immer nur kurzen Kämpfe mit Picken und Flügelschlagen. Das stille und schicksalsergebene Dasitzen in der Dunkelheit, plötzlich ganz frei von der Angst und Vorsicht, die sie durch den Tag gebracht hatten.

Nicht nur näher bringt einen das erhöhte Leben der Natur, sondern es eröffnet auch ganz neue Perspektiven auf sie. Im kleinbürgerlichen Einfamilienhaus mag man sie in einzelnen Einblicken erleben, hier oben im poor man’s penthouse (Penthouse des armen Mannes) hat man sie im Überblick. Es ist gar nicht möglich, auf dem Balkon zu sitzen, ohne wenigstens aus den Augenwinkeln verschiedenste Vögel im Flug zu erleben. Vögel sind von hier gesehen nicht mehr etwas, das fern über einem ist, sondern etwas im weiten Bereich vor einem. Oder ganz nah bei einem. Nichts eigenartiger Schönes, als vom Balkon im neunten Stock aus die Lachmöwen zu füttern, ihnen Krumen hinzuwerfen und sie von ihnen aufgeschnappt zu sehen, während sie vor einem in der Luft gleichsam stehen. Oder oft gar unter einem. Nichts Majestätischeres als der Anblick einer Silbermöwe, die viele Stockwerke unter einem langsam am Gebäude entlangsegelt.

Die Schönheit und Majestät ist jedoch nicht die des Vogels im Flug, sondern die des Menschen, dessen Größe diesen Anblick ermöglicht. Aus einem hohen Gebäude kann die Natur nah und schön sein, aber immer als etwas, das vom Menschen gestaltet, also recht eigentlich erst geschaffen ist.

Die Apotheose von Gdynia

Es ist leicht, Gdynia zu unterschätzen, weil es allgemein zu sehr als etwas gerühmt wird, was es in weiten Teilen schlechthin nicht ist: als moderne Stadt, modernistische Stadt, Stadt des Modernismus etc. So kann man leicht übersehen, wie viel Gdynia hat, das wirklich modern oder, um dieses unklare Wort durch ein anderes zu ersetzen, fortschrittlich ist.

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Am Fuße des heutigen Wgórze Św. Maksymiliana (Hügel des heiligen Maximilian, nach Maximilian Kolbe) und vom Stadtzentrum durch einen breiten Parkstreifen getrennt, abseits, aber unübersehbar an der großen Trójmiasto-Magistrale Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) stehen vier Gebäude, die einen einzigen Komplex bilden. Sie sind jeweils sechs Geschosse hoch und stehen parallel zueinander aufgereiht quer zur Straße. Von der Zwycięstwa betrachtet steht das links Gebäude an der Ecke Partyzantów (Straße der Partisanen) etwas nach vorne und das rechte Gebäude etwas nach hinten versetzt. Von der Generała Józefa Bema (General-Józef-Bem-Straße) aber, die auf der anderen Seite des Komplexes höher am Hang verläuft, sieht man, daß die nun fünfgeschossigen Gebäude jeweils leicht versetzt genau ihrem leichten Schwung entsprechend stehen und durch die leichte Steigung auch jeweils etwas höher werden, was dadurch erreicht wird, daß das zweite Gebäude deutlich kürzer ist als das dritte, obwohl beide von vorne identisch wirken.

Während von der Generała Bema ebenerdige Grünflächen zwischen den Gebäuden erreicht werden, sind die ersten drei von ihnen zur Zwycięstwa hin durch ein Sockelgeschoß verbunden, in dem rechts ein Ladenraum ist und in der Mitte vor dem zweiten Gebäude Treppen nach links und rechts in die Grünflächen hinaufführen.

Ein entsprechendes Sockelgeschoß steht zwischen den letzten beiden der Gebäude deutlich weiter hinten. Nach dem letzten, dem rechten Gebäude ist versenkt in die Ecke der deutlich höher verlaufenden Straßen Generała Bema und Mikołaja Kopernika (Mikołaj-Kopernik-Straße) ein weiterer größerer Grünbereich. Seine Hänge sind mit üppigen Bäumen und Sträuchern bewachsen und seine Ränder darunter sind mit niedrigen weißen Betonmauern, die nach innen geschwungen enden, und in der Ecke mit einer höheren eingewölbten Betonwand befestigt.

Die vier Gebäude sind alle ähnlich, aber nicht ganz identisch. Alle haben sie nach links verputzte Fassaden mit unauffällig gegliederten Fensteröffnungen und nach rechts durchgehende Balkone, die aus nicht mehr als vertikalen Stützen, horizontalen Flächen und Geländern bestehen. Beim ersten Gebäude sind diese Balkone nach einem vertikalen Teil mit je einem Fenster deutlich vorgesetzt und beginnen leicht schräg. Bei den beiden mittleren Gebäuden sind die Balkone hingegen ebensodeutlich zurückgesetzt und werden von den vertikalen Teilen neben der Schmalseite flankiert.

Zudem ragen bei ihnen über den Eingängen an der Fensterseite die Betriebsräume von Aufzügen aus dem Dach und sind durch horizontale Streben verbunden. Das letzte Gebäude entspricht weitgehend den mittleren, hat jedoch an der rechten Seite über zwei Sockelgeschossen nur ein Geschoß mit durchgehenden Balkonen, über dem vier Streifen mit schmalen Balkonen die gesamte, ansonsten nur aus Fenstern bestehende Fassade durchziehen.

Ein gelungenes Stück fortschrittlicher Architektur des polnischen Sozialismus, will man meinen, späte Fünfziger vielleicht oder frühe Sechziger, als sich dahinter noch der Wzgórze Nowotki (Nowotko-Hügel, nach einem polnischen Kommunisten) erhob, bloß die exponierte Lage etwas unglücklich. Doch je genauer man hinschaut, desto zahlreicher werden die Hinweise, daß der Komplex deutlich älter sein und aus der Zwischenkriegszeit, als er am Wzgórze Focha (Foch-Hügel, nach einem französischen General) lag, sein könnte. Da ist zuerst einmal die Lage selbst. Das letzte Gebäude ist bereits hinter typischen Gdyniaer Mietshäusern aus den Dreißigern, sachliche Formen zu Blockrandbebauung, versteckt und auch vor den anderen wäre Platz, den Blockrand zu schließen und den fortschrittlichen Komplex beinahe in einen Hinterhof zu verbannen.

Dann ist da die Fassade des letzten Gebäudes. Wo die anderen recht beliebig renoviert sind, hat es weißen Putz mit einer Schachtelstruktur aus dünnen roten Streifen, was wiederum sehr an Formen aus den Dreißigern erinnert.

Dann die Kanaldeckel überall vor dem Sockelbau. Sie wurden hergestellt von „Herzfeld & Victorius S.A. Grudziądz“ und S.A. steht für spółka akcyjna, Aktiengesellschaft, AG, eine private Firma also. Aktiengesellschaften gab es in Polen in den Fünfzigern aber ausschließlich noch für die Zwecke des Außenhandels mit kapitalistischen Staaten, gewiß nicht für Industriebetriebe.

Dann die leicht schrägen vertikal schraffierten roten Steinflächen beidseits der Eingänge.

Dann rahmenartige Linien in den einzelnen Steinblöcken der Pfeiler des Gitterzauns, der zur Generała Bema hin zwischen den Gebäuden verläuft.

Überhaupt dieser Zaun, der vielfach erneuert wurde, aber immer da war. Er konterkariert die fortschrittliche Offenheit des Komplexes völlig, er will ihn wieder zu geschlossener Blockrandbebauung machen, er will Architektur, die dem Sozialismus gemäß ist, in den Kapitalismus zurückzwingen.

So sind die drei Grünflächen zwischen den Gebäuden ganz leblos und auch der so große und aufwendig gestaltete Parkbereich in den Ecke dient den Bewohner nur zum Hundegang.

Das alles sind nur Indizien, aber starke. Und wirklich, so unglaublich es scheint: der Bau des Komplexes wurde 1937 begonnen. Auftraggeber war die staatliche Sozialversicherungsgesellschaft ZUPU, beziehungsweise ZUS, für deren Beamte er gedacht war. Damit ist er der mit Abstand fortschrittlichste dieser ersten Epoche der Stadt und war in seiner Entstehungszeit wohl einer der fortschrittlichsten der gesamten Welt. Das liegt nicht etwa zuerst an der Zeilenbauweise, denn die wurde schon in den späten Zwanzigern in Deutschland und anderswo angewandt und auch in Gdynia gibt es einige wenige Beispiele, sondern daran, wie die einzelnen Gebäude mit dem Sockelbau und den Grünflächen zu einem einzigen Komplex zusammengefaßt sind. Auch Zeilenbauten auf Sockeln gab es etwa in der Tschechoslowakei bereits, aber nur als letztlich doch bloß enge Auflockerung innenstädtischer Blockrandbebauung, nie jedoch unter solch gelungener Ausnutzung des Terrains, in solcher Offenheit und in solcher Verbindung mit Grünflächen.

Wenn man den Gebäudekomplex so bereitwillig in eine spätere Zeit einordnet, dann schlichtweg deshalb, weil er identisch auch in den Fünfzigern oder sogar Sechzigern gebaut worden wäre. So wie das Polska YMCA einen später allgegenwärtigen Typ von Bürogebäude vorwegnimmt, allerdings erst nach dem Krieg, nimmt dieser Komplex einen später allgegenwärtigen Typ von Wohngebäude vorweg und das unglaublicherweise bereits vor dem Krieg. Genau so wäre in den fünfziger und sechziger Jahren nicht nur überall gebaut worden, so wurde überall gebaut. Bloß den Zaun hätte es in sozialistischen Staaten nicht gegeben und in den kapitalistischen abhängig vom Klassenstatus ihrer intendierten Bewohner auch nicht.

Wichtig ist auch, daß der Komplex, der heute durch die große Straße und den Park so abgelegen wirkt, am Ende der Świętojanska (Heiliger-Jan-Straße), der Hauptstraße Gdynias, steht und durchaus als Teil des Stadtzentrums gedacht war. Im Sockel hätten ein Kino und ein Restaurant sein sollen, Offenheit und Grün hätten sich direkt mit städtischem Leben verbunden, wie es erst in den Fünfzigern in der Lijnbaan gelang. Hier war Gdynia einmal tatsächlich nicht nur modern, modernistisch, Stadt der Moderne, sondern seiner Zeit voraus. Wenn so die nahe Zukunft Gdynias ohne den Krieg ausgesehen hätte, dann wäre es eine kaum vorstellbar großartige Stadt geworden. Gewiß ist aber auch möglich, daß die Straßenseite doch mit anderer Blockrandbebauung hätte geschlossen werden sollen. Außerdem kam der Krieg. Er kam sogar dem Bauabschluß des Komplexes in den Weg und das erste, das linke Gebäude wurde erst von den deutschen Besatzern fertiggestellt, die den Hügel dahinter Baltenberg nannten, allerdings in vereinfachter Form, was die fehlenden Aufzugsaufbauten erklärt. Statt des Kinos und Restaurants war im Sockel eine Garage der „Kraftfahrkompanie Festungskommandantur Gotenhafen“, wie man auf einem traurigen und lehrreichen Bild sehen kann.

Der Komplex blieb allein. Er ist somit die Apotheose des Gdynia der Zwischenkriegszeit und läßt ahnen, was noch möglich gewesen wäre. Er zeigt, wie sehr Gdynia unterschätzt werden kann, wie sehr es sich aber auch selbst unterschätzt, weil es statt dieses Komplexes, über den man wenig und nicht einmal den Namen des Architekten herausfinden kann, andere Gebäude rühmt.

Bahnhof Słupsk

Der Bahnhof von Słupsk im Nordwesten Polens unweit der Küste ist ein gelungenes Gebäude aus der PRL (Volksrepublik Polen), obwohl er erst 1991 eröffnet wurde.

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Der etwa zweigeschossige Hallenbau hat im Obergeschoß sowohl zu den Gleisen als auch zur Stadt dicht an dicht vorgesetzte trapezförmige Erker mit leicht ansteigenden Böden und Dächern und hellbraungrüner Kunststoffverkleidung.

Links schließt quer ein fünfgeschossiger Bürotrakt mit derselben Verkleidung unter den Fensterbändern, der neben dem Bahnhof auf der Stadtseite aufgestützt ist, an. Am rechten Rand des Hallendachs steht in einer Leuchtschrift, bei der die Buchstaben aus jeweils fünf Linien gebildet sind, der Stadtname: Słupsk.

Die große Halle im Inneren hat ein zur Stadtseite leicht ansteigendes Dach mit in dieser Richtung angeordneten Verkleidungsstreifen, die von der Seite zur Mitte dunkelgrüne, hellgrüne, dunkelgelbe und hellgelbe Abschnitte bilden, wobei am Übergang immer schon zwei Streifen der folgenden Farbe eingemischt sind.

Leider ist die Halle jedoch zu dunkel, da es zu wenige Fensterflächen gibt und auch von den in quadratischen Öffnungen eingelassenen runden Lichtern in der Decke immer nur zu wenige angeschaltet sind. Im stadtseitigen Obergeschoß ist links ein langgestreckter Bereich mit Fenstern, in dem wohl ein Restaurant war, und rechts eine Galerie, zu der an der rechten Wand eine Treppe führt, während sich kurz vor der Mitte eine Brücke zur anderen Hallenseite spannt. Eine große Treppe führt in der Mitte der Stadtseite in einen Tunnel, von dem die Bahnsteige erschlossen werden.

Das alles ist gelungen, aber nicht in außergewöhnlichem Maße und verdiente es eigentlich noch nicht, daß man viele Worte darüber verliert. Das Wichtigste am Bahnhof Słupsk findet man dann ungewöhnlicherweise auf den Bahnsteigen. Auch sie wurden in der sozialistischen Zeit neugestaltet, so daß sich über sie nach außen ansteigende Dächer auf mittigen blauen Stahlstützen spannen. Wie schon die Unterführung mit hellgrauem vertikalen Wellblech verkleidet ist, so sind auch die Geländer um die Treppenöffnungen schmale Wellblechkästen, die unten auf kaum sichtbaren Stützen ruhen und an ihren Enden nach unten und vorne abgeschrägt sind, was ihnen eine Stromlinienform gibt, die den meisten dort haltenden Zügen fehlte und fehlt.

Doch auf den beiden neugestalteten Bahnsteigen, unter den Vordächern und nicht weit von den Geländern, verblieben die kleinen Häuschen der alten Bahnsteige mit braun-beiger Kachelverkleidung in einem einfachen Fachwerk, abgerundeten Ecken, rundbögigen Fenstern und ornamentalen Holzelementen unter dem Dach.

Der Kontrast zwischen Alt und Neu ist groß, nichts vermittelt zwischen ihnen. Die aus der wilhelminischen Bahnhofsarchitektur übriggebliebenen Häuschen wirken wie antike Möbelstücke in einer modernen Wohnung. Sie sind ausgestellt und aufgehoben. Der neue Bahnhof zitiert in ihnen seine Geschichte.

Daß der Erhalt der beiden Häuschen kein Zufall, sondern eine bewußte Entscheidung war, sieht man daran, daß an den wellblechverkleideten Wänden der zu den Bahnsteigen führenden Treppen hölzerne Handläufe mit abgerundetem Profil und abschließenden nach innen geschwungenen Voluten hängen.

Sie sind dennoch recht schlicht, man kann sie übersehen, der Kontrast ist gering. Nicht zuletzt der Vergleich mit den ebenfalls hölzernen, aber in einem unregelmäßig spitzen Trapez endenden Handläufen der Treppe zur Halle spricht dafür, daß auch diese Handläufe der Bahnsteigtreppen aus dem alten Bahnhof übernommen wurden.

 

Durch diese wohlgewählten Zitate des Alten inmitten des selbstbewußten Neuen wird der Słupsker Bahnhof so doch noch außergewöhnlich.

LOT

LOT ist einer der letzten Überlebenden in Gdańsk, eines der letzten Gebäude aus sozialistischer Zeit in zentraler Lage. Es steht neben dem Brama Wyżynna (Hohen Tor), wo die gleichnamige wichtige Straßenbahnhaltestelle ist, und es ist nicht zu übersehen.

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Ein langgestreckter Bau parallel zur Straße, zwei Geschosse, das leicht zurückgesetzte Erdgeschoß völlig verglast, im Obergeschoß ein hohes Fensterband zwischen zwei schmalen Bändern aus einer Kunststoffverkleidung in vertikalen Leisten. Das unter der Verkleidungsbänder ist blaßorange, das obere ist weiß und trägt die großen, wiederum orangen Buchstaben, die LOT erst zu LOT machen. Dreimal, an den Seiten und in der Mitte, ist das LOT-Logo in seiner ganzen Einfachheit: die Buchstaben kursiv, das O unten mit dem L und oben mit dem T verbunden. Dazwischen steht links „Polish Airlines“ und rechts „Polskie Linie Lotnicze“, was nicht mehr ist als eine Erläuterung dessen, was LOT ist: die Polnischen Fluglinien. Daß LOT trotz der Großschreibung keine Abkürzung, sondern ein eigenständiges Wort mit der Bedeutung Flug ist, bleibt Nebensache.

So, Glas, Verkleidung, Logo, steht LOT links neben dem wehrhaften und abweisenden Brama Wyżynna. Rechts von ihr steht ein backsteinernes Bankgebäude aus der preußischen Zeit mit fünf Geschossen und historistischen Formen. Vor dem Krieg stand auch an der Stelle von LOT ein ähnlicher Bau, ein Hotel aber. Es lohnt, die beiden Seiten des Brama Wyżynna zu vergleichen.

Rechts der preußische Klotz, der in den Formen an Gdańsker Altes anknüpfen will, aber den Blick auf alles Alte wie Neue ringsum versperrt. Links LOT, das mit seinen Formen voller Selbstbewußtsein in seine Zeit gehören will, wiewohl die orangene Farbe durchaus auf das Backsteinrot des Alten Bezug nimmt. Vor allem aber ist der preußische Eckbau Teil der Blockrandbebauung, eine Mauer neuer Art, während LOT freisteht, ganz wie das von den Mauern befreite Tor. Die zur großen Straße zeigende Seite ist nur eine von vieren. Die Schmalseiten entsprechen dieser, haben aber nur Platz für die polnische Version des Namens. Vor die zur Stadt zeigende Seite ist rechts ein vertiefter Bereich gegraben und links ein großes Treppenhaus mit vorgewölbter Außenwand gesetzt, das sich mit einer großen verglasten Ecke weiter nach links, zum vom Stadttor am Zwinger vorbeiführenden Weg, öffnet.

Um diese Seite legen sich Grünanlagen, die zum Platzbereich des Targ Węglowy (Kohlenmarkt), der leider zu sehr Parkplatz ist, überleiten.

Und um wie über LOT ist das Panorama der Stadt: die Kuppel des neuen Teatr Wybrzeża (Theaters der Küste), die Giebel der Altstadt, die Türme von Kirchen und Rathaus, der Bau der Bractwo Św. Jerzego (Sankt-Georg-Bruderschaft). Und all das ist auf Wegen um das Gebäude zu erreichen. Denn bei allem Selbstbewußtsein ist LOT bescheiden, es braucht nicht groß zu sein, um seinen Platz zu behaupten, sondern zeigt seine Größe dadurch, daß es großzügigerweise Platz um sich läßt.

LOT ist ein Überlebender aus einer Zeit, die an sich glaubte, ein wenig jedenfalls, und im Bewußtsein lebte, etwas Neues zu schaffen, ein wenig jedenfalls. Errichtet 1961 als repräsentativer Möbelsalon stand es für wachsenden Wohlstand und als Gebäude der staatlichen, also einzigen, Fluggesellschaft LOT stand es mit der englischen Aufschrift vor der polnischen für Weltoffenheit, für die Verbindung von Gdańsk in die Welt. Es war selbst wie ein Flugzeug, das auch überall sonst in der Welt stehen könnte und doch oder gerade deshalb ganz zu Gdańsk gehörte.

Der Sozialismus, der es erbaute, wurde besiegt und auch die Tage von LOT sind früher oder später gezählt. Neben einem LOT-Reisebüro, das erstaunlicherweise überlebt hat, sind dort heute Kebabläden und Drogerien und hinten ein Nachtclub. Seine Bedeutung für die Stadt aber ist daran abzulesen, daß „pod LOT-em“ (beim LOT) ein typischer Treffpunkt ist.

Auf der zur Stadt zeigenden Seite, über dem Treppenhaus, blieb nach dem LOT-Logo nur noch „Po“, was „nach“ bedeutet und leider paßt, da die Zeit nach dem LOT nicht mehr fern ist.

„Jest po LOcie“ wird man dann sagen, aber wegen der deklinationsbedingten Veränderung der Abkürzung kaum schreiben können, „mit dem LOT ist es vorbei“. Dann wird an seine Stelle ein neuer Klotz treten, der alle Blicke versperren und das Brama Wyżynna wieder in die Zwinge nehmen wird.

Mit LOT wird eines der letzten zentral gelegenen und sichtbaren Zeugnisse der sozialistischen Zeit verschwinden. Wer nun meinte, daß damit ein alter Stadtorganismus wieder geheilt würde, der irrt, denn zum einen stammte das vorherige Gebäude bloß aus dem späten 19. Jahrhundert, zum anderen, auch wenn sich das dem oberflächlichen Blick entzieht: das gesamte alte Zentrum von Gdańsk wurde in der sozialistischen Zeit wiedererbaut und LOT ist ein integraler Bestandteil. LOT ist noch ein langes Überleben zu wünschen.

Heuchelhof

Die Wohnsiedlung Heuchelhof liegt an der Heuchelhofstraße und um ihre etwa runde Fläche legt sich der abzweigende Straßburger Ring. Sechs Stichstraßen führen von diesem in sie hinein: Bonner Straße, Brüsseler Straße, Den Haager Straße, Luxemburger Straße, Pariser Straße und Römer Straße.

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Die Straßennamen ergeben eine EWG im Kleinen und Heuchelhof entstand seit Mitte der Sechziger in der Glanzzeit dieser Institution. Es gehört zu Würzburg, liegt aber so weit von dessen Zentrum entfernt, daß es ebensogut in einem anderen der sechs westeuropäischen EWG-Staaten entstanden sein könnte.

Unter den Stichstraßen sind jeweils Tiefgaragen, deren Einfahrten am Straßburger Ring liegen.

Ihre Eingänge befinden sich in paarweise an den Straßen angeordneten offenen Betonkonstruktionen, die „Mülltonnenhäuser“ heißen, weil unter ihnen auch die Mülltonnen stehen.

Mit horizontaler Maserung, halbrund eingeschnittenen Wänden und in der Mitte einer der Schmalseiten aus dem Dach ragender Wasserrinne sind die ein markantes skulpturales Betonelement in der Siedlung.

Wenn man nicht mit dem Auto, sondern mit der Straßenbahn kommt, betritt man Heuchelhof am Place de Caen, der von der französischen Partnerstadt nicht nur den Namen, sondern auch die Sprache hat. Die Straßenbahn, die von Heidingsfeld die Heuchelhofstraße den Hang hinaufkam, hält unter einer Fußgängerbrücke mit hohem mittigen Pfeiler und Stahlseilen, über die man auf den Platz kommt.

Rechts ist die Kirche, die in Stufen ansteigend schon manche Wohnarchitektur vorwegnimmt, links das Quadrat des Platzes.

Zur Straße hin und nach links legt sich darum eine flache Ladenzeile mit einer wellengleichen Abfolge kleiner Satteldächer, nach vorne begrenzt ihn ein zweigeschossiges Gebäude mit Läden und Arztpraxen.

Zwischen diesem und der Kirche geht es geradeaus weiter, weitere flache Ladenzeilen führen tiefer in die Siedlung hinein, übergeben den Besucher an deren Wegenetz.

Die Stichstraßen geben die Struktur der Bebauung vor, ohne dabei als Hindernisse zu wirken. An ihnen sind jeweils viergeschossige Gebäude, die leicht, fast unmerklich in Terrassenstufen ansteigen. Die Gestaltung ist dabei jeweils leicht unterschiedlich, mal quadratische Rahmen um die Terrassen, mal sechseckige Elemente in den Terrassenwänden.

Jenseits dieser Terrassenhäuser wird die Bebauung höher, die Gebäude wachsen von acht Geschossen bis zu sechzehngeschossigen Hochhausteilen an.

Das ist die Skyline von Heuchelhof, die man etwa von der Festung Marienberg weit im Süden in den Hügeln, scheinbar weit jenseits der Stadt wie der Vorstadt, liegen sehen kann.

Wichtiger für einige glückliche Bewohner hoher Wohnungen ist, daß sie ihrerseits Blicke auf die in die Weinberge eingebettete Stadt haben. Wichtiger für alle sind die wohldurchdachten Wege, die auch unter aufgestützten Teilen der höheren Gebäude hindurchführen könnten, und die Freiflächen, zu denen einige große Spielplätze und Wiesen gehören.

Zu den Mülltonnenhäusern aus Beton kommen vor den Gebäuden betonumrandete Beete, andere Betonelemente und Sitzgelegenheiten aus halbrunden Betonschalen, die an mittelalterliche Stühle erinnern.

Das ist alles gut und hübsch, nicht so großzügig, wie es in einem sozialistischen Staat wäre, dafür mit Tiefgaragen, typische westdeutsche Architektur seiner Zeit, aber durch die städtebauliche Lösung weit über deren Durchschnitt. Es bleibt allerdings das Problem, daß Heuchelhof einfach zu weit von Würzburg entfernt ist, ohne gleichzeitig ohne es auszukommen. Es liegt verloren in den Hügeln, eine Insel unerfüllter wohlfahrtsstaatlicher EWG-Versprechen zwischen Einfamilienhäusern. Falls Würzburg irgendwann einmal stolz darauf war, ist das lange vorbei. Heute steht Heuchelhof, zu Recht oder zu Unrecht, für soziale Problem und Kriminalität. Die Einwohnerschaft ist stark russisch geprägt, am Place de Caen gibt es außer einem Nahkauf-Supermarkt auch einen Laden namens Astana und ein Stück weiter einen namens Moskau.

Man muß Heuchelhof nicht gesehen haben, um Würzburg gesehen zu haben, aber wer Westdeutschland sucht, der kommt um Heuchelhof schwer herum.

Olsztyner Höhepunkte: Planetarium

Der erste der Olsztyner Höhepunkte ist das Planetarium, das seinerseits zum wichtigsten Platzensemble aus der sozialistischen Zeit gehört. Links nach der Kreuzung der von der Altstadt kommenden Aleja Zwycięstwa (Allee des Siegs, heute Aleja Piłsudskiego, Piłsudski-Allee) und der vom Bahnhof kommenden Kościuszki (Kościuszko-Straße) steht quer ein achtgeschossiges Bürogebäude mit großem Sockelbau und Terrassen unter aufgestützten Leisten an den Seiten des Dachs, heute wie zur Erbauungszeit Sitz einer Bank.

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Davor öffnet sich nach einer Querstraße links der großen Straße ein Platz, der von einem langgestreckten viergeschossigen Verwaltungsbau, hinter dem es bereits in neuere Wohngebiete geht, abgeschlossen ist, heute Sitz der Stadtverwaltung, früher der PZPR (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei).

Heute ist der Platz als Plac Solidarności (Solidarnośc-Platz) vor allem ein Parkplatz, in den erst im oberen Teil am ansteigenden Hang ein kahler Bereich mit Bänken und Denkmal gesetzt ist, das mit weißem Adler und „Bóg, honor, ojczyzna“ (Gott, Ehre, Vaterland) ein denkbar uninspirierter Ausdruck des polnischen Nationalismus ist.

Rechts der Straße war früher ein Park, während gegenwärtig ein Einkaufszentrum gebaut wird. Besonders gelungen war der Platz leider wohl nie, immer war er zu sehr von der großen Straße zerrissen.

Höher am Hang auf der rechten Seite, oberhalb des Parks und nur etwas unterhalb der Hügelkuppe, steht das Planetarium, das bei der Eröffnung 1973 den schönen Namen Planetarium Lotów Kosmicznych (Raumflugplanetarium) trug. Breite Treppenanlagen führen entlang der Straße zwischen Nadelsträuchern zu ihm hin.

Es ist einfaches zweigeschossiges Gebäude mit steinverkleidetem Erdgeschoß und leicht überstehendem Obergeschoß, aus dem oben die große Kuppel ragt, Rundes auf Eckigem. Neben dem breiten Eingang steigt eine Treppe nach rechts zu einer Terrassenebene höher am Hang an, wo nunmehr flache Anbauten des Planetariums sind. Zwischen dem eigentlichen Planetarium links und einem verglasten Teil rechts, wo heute eine Bibliotheksfiliale ist, führt ein Durchgang unter schmalen Betonlamellen in einen Innenhof. Und auf einmal sind da nur noch Farben und Formen.

Die ganze gegenüberliegende Wand ist eingenommen von einem großen Kunstwerk aus unterschiedlich großen quadratischen weißen Emailleplatten mit größeren und kleineren halbrunden Vorwölbungen oder flachen Flächen, die mit konzentrischen Kreisen in verschiedenen Farben bemalt sind.

Es sind diese Farben, die so erstaunen, Farben, die auch an den grauesten Tagen leuchten, Farben oft, die man aus der Natur nicht kennt, aber auch aus Photographien nicht, Neonfarben, wie man sie in Ermangelung einer besseren Alternative nennen will. Rechts ist dieses unregelmäßige abstrakte Muster auf etwa zwei Dritteln der Länge von einer Szene auf glatten Platten unterbrochen: Oben eine grüne und unten eine blaue rechteckige Fläche, die zueinander hin dunkler werden, und darin im rechten Drittel zwei übereinandergesetzte rosa Kreisflächen, die an der Grenze der eckigen Flächen so aufeinandertreffen, daß ihnen jeweils ein Stück fehlt. Darauf zeigen von links oben ein kleiner roter und von mittig unten ein größerer grüner Pfeil, unter dem ein rosa vertikaler Streifen und ein nach rechts abfallendes vielfarbiges Wellenmuster bis zum unteren Rand verlaufen.

Die größten Teile des Kunstwerks sind im besten Sinne abstrakt. Die bunten Kreisformen sind äußerst dekorativ und man findet in ihnen durch die Anbringung im Planetarium dennoch sofort Astronomisches, sieht Ringplaneten und ferne Sonnen. In der zentralen Szene wird es dann beinahe gegenständlich, denn in ihr muß man geradezu einen Sonnenunter- oder -aufgang über dem Meer sehen. Das Kunstwerk hat etwas vage Psychedelisches, Poppiges, das man so in Polen nicht erwartet. Der gut lesbare Name unten im rosa Streifen lautet Stefan Knapp und eine Tafel daneben erläutert, daß er ein in England arbeitender polnischer Künstler war. Das paßt, das Kunstwerk kann man sich leicht im Swinging London vorstellen.

Knapp war nach dem Krieg aus antikommunistischer Überzeugung in England geblieben, hatte sich dort zum Künstler ausgebildet und in den Fünfzigern eine Technik entwickelt, Emaille auf Stahlplatten aufzutragen. Er war auch ein dezidiert westlicher, bürgerlicher, kapitalistischer Künstler. Seine bekanntesten Werke dienten zur Dekoration von Alexander’s-Kaufhäusern in New Jersey und New York. Hatte er in den Fünfzigern noch im damals populären Stil des abstrakten Expressionismus gearbeitet, so fand er in den frühen Sechzigern zu den auch in Olsztyn zu beobachtenden Formen, die der damals populären Op Art zugeordnet wurden. Das Kunstwerk im Planetarium schenkte Knapp, der seiner alten Heimat offenbar verbunden blieb, der Stadt Olsztyn zum fünfhundertsten Geburtstag von Kopernikus im Jahre 1973. So konnte man damals in New York und Olsztyn ganz ähnliche öffentliche Kunstwerke betrachten.

Die Stadt zeigte sich des Geschenks würdig. Nachdem man den Schock der Farben überwunden hat, kann man feststellen, daß der ganze Innenhof die Vorgaben des Kunstwerks aufgreift.

In der Mitte ist eine runde Pflasterfläche, in der drei verschieden große glatte Steinkugeln stehen und im Sommer einen Springbrunnen offenbaren, alle Beete haben abgerundete und gewellte Formen und sogar das schmiedeeiserne Tor des Hofs besteht aus einem Quadratraster mit runden Formen.

Dazu ragt links die Kuppel des Planetariums auf.

Was von außen eine ganz sachliche Verbindung war, wird hier zum umfassenden künstlerischen Programm: das Runde im Eckigen.

Man kann den oberen Teil des Planetariums auch als Tempel begreifen, der dem Kunstwerk als einer aus der Fremde gekommenen und nur halb verstandenen Reliquie gebaut wurde. Er verbindet das beste beider Welten und beiden tut es gut, der kapitalistischen Kunst die sozialistische Architektur und andersherum. Stefan Knapps Werk erging es in dieser Umgebung auch besser als an den New Yorker Kaufhausfassaden, denn die betreffenden Gebäude wurden nach dem Konkurs der Kette in den Neunzigern abgerissen und die einzelnen Emailleplatten bestenfalls in private Sammlerhände zerstreut. Es ist geradezu ironisch: Knapps Technik erlaubte es, beinahe unzerstörbare Kunst zu schaffen, doch der Kapitalismus zerstört alles vor seiner Zeit. Die Kunst braucht den Sozialismus.

Das Olsztyner Planetarium ist ein Höhepunkt der Stadt, aber sie endet mit ihm noch nicht. Wenn man nämlich auf der Terrassenebene um seine oberen Teile weitergeht, sieht man jenseits einer als Park gestalteten Senke auf dem nächsten Hügel die ersten Gebäude eines fortschrittlichen Wohngebiets. Es ließe sich sagen, daß das neue Olsztyn mit dem Planetarium erst beginnt und so sollte es ja mit jedem Höhepunkt sein.