Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Das beste Gebäude des Jahres 2014

Es ist möglich: eine zeitgenössische Wohnanlage, die sich feinfühlig in ihre Umgebung einfügt.

Um sie zu sehen, muß man bloß nach Split fahren. Auf den ersten Blick könnte man sie mit ihrem weißen Putz und irgendwie eckigen Formen für typische Developerarchitektur halten, wie sie auch anderswo in Osteuropa ihre verhängnisvolle Verbreitung hat, ein abgezäuntes Ghetto für die entstehenden Mittelschichten. Schon ein näherer Blick auf die beiden verbundenen Gebäude zeigt, daß sie zumindest zu deren gelungeneren Ausprägungen gehört.

Das erste hat sieben Geschosse und im leicht zurückgesetzten grauverputzten Erdgeschoß Läden. In den folgenden fünf Geschossen ist auf der einen Seite ein Schachbrettmuster aus vertikalen Fenstern und kleinen Gitterbalkonen, deren Betonboden rechts als Wand aufsteigt, was L-Formen auf der Fassade ergibt, sowie schmale vertikale Treppenhausöffnungen hinter Gittern.

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Auf der anderen Seite sind ausschließlich tiefe Balkone mit einem weiten Schachbrettmuster aus vorgesetzten vertikalen Betonplatten, hinter die die aus horizontalen Lamellen bestehenden weißen Sonnenschutzwände geschoben werden können.

Im obersten Geschoß sind Penthäuser, die sich an der ersten Seite mit offenen Terrassen abwechseln und an der zweiten nur ihre Terrassen haben. Das zweite Gebäude ist identisch, hat aber nur vier Geschosse.

Es handelt sich also um eine ganz der dalmatinischen Sonne angepaßten Architektur. Sogar die Betonplatten vor der offenen Seite sind hier keine Dekoration sondern haben einen praktischen Nutzen. Im Sommer ist die diese Seite stetig variiert, ganz dem zufälligen Spiel der Schiebewände unterworfen, während die andere durch Wäsche auf den Balkonen Farbtupfer bekommt.

Doch entscheidend ist hier wie überall die städtebauliche Einordnung.

Die beiden Gebäude stehen in einigem Abstand parallel zueinander und zwischen ihnen ist ein offener Platz. Im oberen Teil an der Teslina (Tesla-Straße), die von Blockrandbebauung aus sozialistischer Zeit geprägt ist, öffnet sich zu ihm ein Café und es gibt Rasenflächen und Hochbeete mit Olivenbäumen, allerdings ohne Sitzgelegenheiten.

Hier führt durch die Mitte des höheren Gebäudes ein Durchgang und verbindet den Platz über eine davor verlaufende Terrasse mit dem angrenzenden fortschrittlichen Wohngebiet, das mit zwei querstehenden fünfzehngeschossigen Hochhäusern beginnt.

Während der Platz vor dem höheren Gebäude als Terrasse weiterläuft, führen von dieser ein schräges Beet und eine verbindende Treppe zum ob der Steigung um ein Geschoß tiefer gelegenen unteren Teil vor dem niedrigeren Gebäude. Dieser zweite Platzteil ist vor allem Eingangsbereich eines Lidl-Supermarkts, der auch die unter der Terrasse einmündende Tiefgarage mitbenutzt.

Hier führt ein weiterer Durchgang durch das niedrigere Gebäude, hinter dem jedoch nur vages Gelände mit Büschen um Einfamilienhäuser ist.

Die Wohnanlage ist also wirklich Teil ihrer Umgebung. Der Raum zwischen ihren Gebäuden ist ein wirklich öffentlicher Ort. Sie verschließt sich nicht, sondern öffnet sich. Und sie ist keine Blockrandbebauung. Das ist das eigentlich Erstaunliche an ihr, das man im Jahr 2014 kaum für möglich gehalten hätte. Es gibt hier keine Hierarchie zwischen privatem und öffentlichem Raum, keine abgeschlossenen Innenhöfe oder abgezäunten Grundstücke.

Vielleicht ist es der Genius Loci von Split, der zu dieser Leistung zwang. Zwischen den Gebäuden, über den Platz, blickt man direkt auf die Breitseite eines von drei sechzehngeschossigen Hochhäusern, die durch die in Schienen vor die Fenster schiebbaren Sonnenschutzelemente aus vertikalen Metalllamellen geradezu monolithisch wirken können.

Das zeigt schon, wie die Architektur der Wohnanlage einen wichtigen Strang jugoslawischer Architektur, die viel mit verschiedenen Sonnenschutzlösungen experimentiert hatte, weiterführt. Auch städtebaulich wollte sie nicht so weit hinter den Standard der umliegenden jugoslawischen Wohngebiete wie Špinut zurückgehen, wie es die gegenwärtige kapitalistische Ideologie, die die Blockrandbebauung glorifiziert, verlangte.

Daß die Wohnanlage auch keinen Schritt über die jugoslawische Architektur hinausgeht, ja, daß diese schon weiter war, ist nicht ihr, sondern den gesellschaftlichen Umständen vorzuwerfen. Sie zeigt, was möglich ist, immer noch und trotz alledem, und das ist viel wert. Ein bedeutenderes Gebäude wurde im Jahre 2014 vielleicht nicht errichtet.

Ruinenspaziergang auf dem Datzeberg

Ganz am Rande des Neubrandenburger Wohngebiets Datzeberg beim Bogen von Uns Hüsung und Mudder-Schulten-Straße ist eine kleine Grünanlage, die mit den Großplatten abgerissener Wohngebäude aus der DDR gestaltet ist. Quer zwischen den beiden aufeinander zulaufenden Wegen liegen vier Fassadenplatten, auf deren Beton oder auf darauf angebrachten Holzflächen man sitzen kann, während die jeweils zwei Fensteröffnungen zu Hochbeeten wurden, aus denen Bäume wachsen.

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Einige der Platten zeigen nur die Kieselstruktur ihres Waschbetons, auf anderen sind große rechteckige Kacheln in Dunkelrot und Weiß. Kacheln in denselben Farben bedecken auch stelenartig aufgestellte Betonplatten am Anfang und am Ende der Grünanlage. Rechts, zum Hang hin, ist nur eine Bank aus einer Holzfläche vor einer versenkten Betonplatte. Links reihen sich eine schräg in die Erde gesetzte Platte aus glattem Beton mit Fenster- und Balkonöffnungen, eine Platte aus Waschbeton mit Fensteröffnungen und vier im Zickzack aufgestellte schmalere Platten mit einem vertikalen Muster aus orangenen Kacheln auf Waschbeton.

Wenn man vom Wohngebiet durch die Grünanlage geht, sieht man so die Entwicklung von der rohen Platte über den Waschbeton zur Kachelverzierung.

Und man sieht noch mehr, denn direkt hinter der orange-grauen Zickzackwand steht eines der L-Hochhäuser des Bezirks Neubrandenburg. Es besteht aus einem längeren elf- und einem kürzeren vierzehngeschossigen Teil, die im rechten Winkel zusammengefügt sind. Nach außen hat es Balkone mit einem horizontalen Muster orangener Kacheln, nach innen Fenster und jeweils einen mittig vorgesetzten Aufzugs- und Treppentrakt mit weißen Kacheln. Insbesondere aber sind die beiden Schmalseiten ganz von Kachelmustern bedeckt.

Aus einem eigentlich regelmäßigen Hintergrund aus vertikalen Streifen orangener und weißer Kacheln  treten komplizierte unregelmäßig gewellte Linienformen heraus, die an Wurzeln oder an Regentropfen, die eine Scheibe herunterrinnen, erinnern, gerade so, als wachse etwas über die Gebäudeseiten hinauf oder laufe an ihnen herunter. Hier werden die Kacheln vom Gebäudeschmuck zur abstrakten Kunst, die weit ins Wohngebiet und die flache Umgebung zu sehen ist.

Wenn man das Wohngebiet Datzeberg durchstreift, wird man die Betonplatten mit den Kacheln, die man in der Grünanlage als geschickt weiterverwendete Ruine kennenlernte, als lebendige Form an den Gebäuden wiedererkennen, denn viele von ihnen haben noch ihre Originalfassaden.

Wie der Name schon sagt, erstreckt sich die Bebauung des Wohngebiets auf dem Hügelplateau des Datzebergs im Norden der Bezirksstadt.

Seine Höhepunkte sind die L-Hochhäuser des beschriebenen Typs, von denen sich zwei am Ende sehr langer und leicht geschwungener fünfgeschossiger Gebäude am Hügelrand befinden, während vier an der zum Stadtzentrum zeigenden Ecke eine lockere Gruppe bilden.

Auf dem Hügel gelegen, mit den Hochhäusern als Türmen und den langen Gebäuden als Mauern, erweckt das Wohngebiet Datzeberg unweigerlich Assoziationen mit einer mittelalterlichen Burg.

In seinem Inneren jedoch gibt es weder Herrscher noch steinerne Enge. Zwischen den Gebäuden am Hügelrand bildet die fünfgeschossige Bebauung lange und offene, nie ganz rechteckige Höfe, um die sich die Straßen ringartig legen.

Wenn das Zentrum  des Wohngebiets heute etwas leer wirkt, dann weil ein Dienstleistungsgebäude und das zugehörige der L- Hochhäuser bereits abgerissen wurden. Auf der nunmehr zu großen und kahlen Grünfläche steht die Plastik einer Frau und eines Manns, die zwischen sich ein kleines sitzendes Kind in einem Tuch tragen.

Am Dach des Kaufhallengebäude sind halb noch die ursprünglichen Kunststoffwaben und halb rote Ziegel, im rückwärtigen Anbau sind ein Döner-Imbiß und eine Kneipe. Während das in der DDR geschaffene Zentrum abgerissen wurde, verblieb das desolate „Datzebergzentrum“ aus den Neunzigern, das bereits fast völlig leersteht und das zu erwähnen höchstens ist, weil sich so der hier befindliche Netto mit dem schwarzen Schnauzer direkt neben dem rot-gelben Netto in der Kaufhalle befindet.

Kindergärten und Schulen sind am Rand angeordnet, so daß ihre Höfe und Gärten am Hang liegen. Vor der Hochhausgruppe ist der Hang als Park mit großem Spielplatz und anderen Einrichtungen gestaltet, über die man zum Wohngebiet Reitbahnviertel im Tal blickt.

Es ist also ein recht typisches Wohngebiet aus der Blütezeit des Wohnungsbaus der DDR (erbaut zwischen 1976 und 1981), nicht außergewöhnlich, aber gelungen, etwas weit vom Zentrum entfernt, aber die topographischen Gegebenheiten großartig ausnutzend.

Aus Kirschner, Harald u. Uhl, Heidrun: Neubrandenburg, Leipzig 1989

Die Kachelmuster auf den nunmehrigen Hochbeeten der Grünanlage erkennt man an vielen der fünfgeschossigen Gebäude wieder: ein dunkelroter Rahmen um zwei Fenster und eine weiße Fläche zwischen ihnen.

Die Zickzackwand ihrerseits besteht aus ehemaligen Balkonbrüstungen, die dieselben Muster, nur eben horizontal, haben.

Wo abgetragene Gebäude, deren Einzelteile für die Grünanlage dienen, standen, erkennt man weniger an Lücken als an zu kahlen Wiesenstücken zwischen der Bepflanzung. Es ist ein wenig schade, daß die Großplattengrünanlage auf dem Datzeberg mit keinerlei Informationstafeln versehen ist. So wurde die Chance versäumt, die Ruinen nicht nur geschickt weiterzuverwenden, sondern didaktisch in einen Bezug zu den Gebäuden zu setzen, zu erklären mithin, was das eigentlich heißt: Plattenbau. Fast paßt es, daß sich nicht mehr herausfinden läßt, von wem sie im Jahre 2008 geplant wurde (ein paar Bilder aus der Zeit finden sich hier).

Neben den erhaltenen ursprünglichen Fassaden sind auch im Wohngebiet Datzeberg viele verändert, was vielsagende Kontraste schuf. Teilweise verschwanden sie unter Wärmedämmung.

Das kann aus ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden, insbesondere, wenn die neuen Fassaden bereits so verdreckt sind wie es Kacheln und Beton auch in weiteren vierzig Jahren nicht sein werden, aber immerhin erfüllt es eine eindeutige Funktion.

Anderswo wurden die Fassaden einfach in Pastellfarben übermalt.

Wo zuvor Beton mit Kachelmustern war, ist nun Beton unter einer dünnen Farbschicht und keinerlei Muster mehr. Das ist nichts anderes als so dummer wie trauriger Vandalismus, der durch keinerlei funktionale Erwägungen erklärt ist, er ist niedriger noch als das Graffiti, das immerhin als Ausdruck eines künstlerischen Impulses gelten kann. Auch auf so etwas hinzuweisen, könnte die Aufgabe der aus ihrer natürlichen Umgebung geholten Betongroßplatten der Grünanlage sein. Doch so viel mehr Potential sie auch hätte, sie ist das Beste, was den abgerissenen Gebäuden am Datzeberg passieren konnte.

Ein Spaziergang durch Ruinen ist ein jeder Spaziergang durch ein Wohngebiet der DDR in gewissem Maße, doch immer ist es auch schön zu erleben, wie viel Leben in diesen Ruinen noch ist.

Łobez – Zentrum

Das Zentrum von Łobez erstreckt sich beinahe bandartig etwa oberhalb des Flusses Rega. Zwei parallel verlaufende Straßen, von denen die weiter vom Fluß entfernte Niepodległości (Straße der Unabhängigkeit) die eigentliche Hauptstraße ist, ziehen sich hindurch und verbinden drei rechteckige Platzbereiche. Rechts, im Norden, ist der Bereich der Kirche, in der Mitte ist ein begrünter Platz am unscheinbaren historistischen Rathaus, links, im Süden, ist der längere Bereich des Stadtparks. Die Bebauung besteht etwa zur Hälfte aus überkommenen ein- oder zweigeschossigen Häuschen und zur Hälfte aus fünfgeschossigen fortschrittlichen Gebäuden. Daß letztere dominieren, liegt weniger an ihrer Zahl als an ihrer Größe und Höhe. Im Bereich der parallelen Straßen ist die alte Rasterstruktur weitgehend beibehalten, wofür die neuen Gebäude oft Läden im Erdgeschoß haben, erst abseits von ihnen wird sie aufgelockert.

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Dort sieht man dann die letzen Häuschen einer alten Straße aufgehoben zwischen neuen Gebäuden und ihren Grünflächen und an der leicht geschwungenen Komuny Paryskiej (Straße der Pariser Kommune) offene Zeilenbebauung.

Den ersten Weg vom Bahnhof nehmend geht man entlang der Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads) direkt auf den Bereich der Kirche zu, aber wenn man näher kommt, verschwindet der Turm erst einmal. Links stehen drei Punkthäuser oberhalb des Ufers und rechts ein Gebäude parallel zur Straße, die eine Art Tor zum Platz bilden.

Auf diesem ist die Kirche ringsum gerahmt von fortschrittlicher Bebauung. Ein Gebäude links der Obrońców Stalingradu mit Läden im Erdgeschoß, rechts von ihr und weiter in der Ecke der kreuzenden Niepodległości eine flache Ladenzeile, hinter der die Kirche aufragt, und ebenso auf deren anderer Seite, wo dahinter wieder Punkthäuser stehen.

Auch von Norden kommend öffnet sich der Blick zur Kirche erst nach einem leicht gestuft zurücktretenden Gebäude links und einem im Erdgeschoß aufgestützten rechts.

Die Kirche, die zumindest das höchste Gebäude des Zentrums blieb, ist ein neogotischer Bau, aber ein eigentümlicher, da er seine Formen einerseits den 1820er und andererseits den 1970er Jahren verdankt. Das hölzerne Maßwerk in den Fenstern des Turms erinnert daher geradezu an niederländische Architektur.

Von der älteren Stadtstruktur öffnen sich weiter südlich an der Niepodległości  zwei betonte Eingänge in den lockerer bebauten Teil. Der erste führt zwischen der aufgestützten Ecke eines Gebäudes und einem Beet mit großer Weide über eine breite Treppenanlage.

Der zweite ist eine Straße gegenüber dem Beginn des Parks, die rechts von einem Gebäude mit großem verglastem Erdgeschoßraum und links von einem Eckbau mit Läden flankiert wird. Dieser fünf- und sechgeschossige Eckbau, vielleicht das aufwendigste Gebäude aus sozialistischer Zeit in Łobez, ist einerseits beinahe Blockrandbebauung und hat oben leicht historisierende Dachschrägen, aber andererseits öffnet es sich mit einem Durchgang sofort zu einem großen rückwärtigen Grünbereich und hat jenseits der Schrägen große Dachterrassen.

Am Parkrand, direkt gegenüber dem beschriebenen Gebäude, steht schließlich ein Denkmal für die Befreiung. Es ist so etwas wie das säkulare Heiligtum der Stadt. Seine weiße Steinskulptur zeigt einen halbnackten bärtigen Mann mit aufgestütztem Schwert und Schild, über dem ein moderner Soldat mit ins Abstrakte verschwimmendem Körper und leicht nach oben gewandtem Kopf und geöffnetem Mund erwächst.

„Byliśmy, jesteśmy, będziemy“ (Wir waren, wir sind, wir werden sein) steht auf dem schmalen eckigen Sockel. Links daneben ist eine kleinere Stele in der Form eines schmalen Pyramidenstumpfs, auf der eine stilisierte Flammenschale und Grunwaldschwerter aus Blech sind, während oben in einer Schale tatsächlich eine Flamme brennen könnte. Am Rande des gepflasterten Bereichs des Denkmals stehen auf einer steinernen Tafel weiterhin die wichtigen Worte: „Żołnierzom polskim i radzieckim poległym w walce o wyzwolenie i przywrócenie ziemi łobeskiej do macierzy“ (Den polnischen und sowjetischen Soldaten, die im Kampf um die Befreiung und die Wiedereingliederung des Łobezer Lands in das Mutterland fielen).

Einzig der gekrönte Adler am Sockel ist eine neuere Ergänzung. Um das halbrunde Ende der Fläche verläuft ein Weg mit Bänken, von denen man auf die von hinten gänzlich abstrakte Skulptur, die Mieczysław Welter 1968 schuf, und in die neue Stadt blicken kann.

Man kann Łobez als eine typische polnische Kleinstadt verstehen. Kennzeichnend ist die konsequente Verbindung von Altem und Neuem in einem allerdings weitgehend vom Alten vorgegebenen Rahmen. Im Zentrum sind die Straßen die wichtigsten Wege, was in Łobez nur deshalb kein größeres Problem ist, weil es kaum Durchgangsverkehr gibt. Ärgerlich wird die konservative Orientierung an der Straße aber etwa bei der Ladenzeile in der Ecke bei der Kirche, hinter der grundlos ein nicht nutzbarer Unort geschaffen wurde, eine traurige Verschwendung städtischen Raums. Daß die Planer durchaus über die Straße hinauszudenken vermochten, zeigen der großartige Weg zwischen Bahnhof und Zentrum, der Park an der Rega und die offenen Bereiche abseits der Hauptstraße. Im besten Fall ergänzen und stärken Alt und Neu einander, werden einzelne alte Gebäude zu Akzenten in der neuen Stadt.

Der Vorwurf könnte nun lauten, daß das nur Zufall sei und bloß abgewartet worden sei, bis alle alten Gebäude abrißreif sind. Dagegen spricht etwa ein Betonlaubengang als Verbindung zwischen dem verglasten Sockelbau des neuen Gebäudes rechts der beim Park abzweigenden Straße und der Brandmauer eines alten, unter dem es in den gemeinsamen Grünbereich geht.

Die selbstbewußte, wenn auch manchmal zu zurückhaltende Einfügung des Neuen ins Alte, die Schaffung eines Wohngebiets mitten im Stadtzentrum, ist auf jeden Fall ein großer Gewinn für die Stadt. Sie ist kompakt, ohne eng zu sein, allzeit belebt, ohne voll zu sein, und hat kurze Wege, ohne monoton zu sein. Łobez hatte vermutlich Glück, daß sich in ihm alles so harmonisch und leicht zusammenfügt, die natürlichen Gegebenheiten wie die alte Stadtstruktur boten die besten Voraussetzungen. Wenn man die Stadt also nur nach ihrem Bahnhof beurteilen würde, läge man ganz richtig.

Łobez – Bahnhof und Wege ins Zentrum

Eine Stadt nach ihrem Bahnhof zu beurteilen, ist durchaus kein schlechter Ansatz. Łobez im spärlich besiedelten polnischen Nordwesten kann einem daher gefallen, noch bevor man es betreten hat.

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Sein Bahnhof ist ein Bau aus sozialistischer Zeit mit einem zweigeschossigen Trakt rechts und einem langen Flachbau links. Der höhere Teil hat konventionelle Fenster, die im ansonsten ockerfarbenen Putz durch rötliche Farbe zu Paaren zusammengefaßt sind, und zu den Gleisen hin ein sehr flaches Satteldach, das durch eine vorstehende Bordüre etwas vom übrigen Baukörper abgesetzt ist. Der flache Teil ist unter einem dünnen Vordach etwas zurückgesetzt und hat erst ganz links normale Räume, deren nach links weisendes Dach dem des höheren Teils entspricht. In der Mitte aber sind große Fenster und die Glastür des Wartesaals. Oben rechts in der der zu den Gleisen zeigenden Seite des höheren Teils steht in deutlich vor die Fassade gehängten Metallbuchstaben der Ortsname: Łobez.

Die dafür gewählte serifenlose Schrift ist mit fast rundem O und ansonsten schmalen Buchstaben so sachlich und zugleich charakteristisch wie der gesamte Bahnhof. Doch er begnügt sich nicht damit, den Namen seines Orts zu nennen, sondern bietet mit großen Stadtplänen und Umgebungskarten unter dem Vordach neben dem Wartesaal weitere Informationen. Der Boden des Wartesaals hat innerhalb eines roten Streifens an den Rändern ein großes grau-schwarzes Karomuster, während die Wände und die Decke neu gestrichen sind und bizarrerweise auch die aus schwarzem Stein bestehende Theke vor den, geschlossenen, Schaltern mit billigen Baumarktfließen verkleidet wurde.

Als in der Mitte durchlässige und durchsichtige Verbindung zwischen Bahn und Stadt sieht der Bahnhof bis auf die beiden gleisseitigen Metallstützen des Vordachs und die Fenster des hohen Teils von beiden Seiten identisch aus.

Ebenfalls noch vor der Stadt selbst sieht man die Umgebung des Bahnhofs. Ein großes Getreidesilo erhebt sich mit einer langen Reihe von Doppelzylindern aus Beton und einer Ahnung von rotem Putz jenseits der Gleise.

Ist der Bahnhof ein zierlicher und spezifisch Łobezer Bau, so ist das Silo ein Typenbau, wie er auch in Polen auf dem Land von der Industrialisierung der Landwirtschaft erzählt. Weiter rechts neben dem Bahnhof steht dann ein langer backsteinerner Lokschuppen, ein Funktionsbau aus einer früheren Zeit des Bahnwesens mit hohen rundbögigen Fenstern und von innen rußgeschwärztem Satteldach, den man heute besichtigen kann, weil in ihm ein Trödelladen mit Ware aus Deutschland ist.

Links des Bahnhofs ist eine kleine Grünanlage mit hohen Bäumen und einem alten rotweißgestreifen Fahnenmast aus Holz, in der früher gewiß auch Bänke standen.

Vor dem Bahnhof verläuft nach einer kleinen Straße ein Parkstreifen, in dem links ein achteckiges Brunnenbecken und der kleine Busbahnhof sind.

Er ist ein Bild der Einfachheit: ein Dach aus milchig gelbem gewelltem Kunststoff entlang der drei Bahnsteige und etwas höhere über diesen, eines davon grün, dazu eine kleine Bude für den Fahrkartenverkauf und ein asphaltierter Platz.

Ins Zentrum, dessen Panorama man über den Park bereits vom Bahnhofssaal sieht, gibt es nun zwei deutlich verschiedene Wege. Der erste  führt rechts an der größten historistischen Villa der Stadt, einem ansatzweise jugendstiligen Mietshaus und der preußisch-backsteinernen Post vorbei und mit der leicht abschüssigen Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads)  zum Fluß Rega hinab und ins Zentrum hinein. Die Straße trug diesen Namen noch bis vor kurzem, noch auf der Karte am Bahnhof, noch auf einer Supermarktreklame am Stadtrand.

Ein weiterer Versuch, aus dieser bürgerlichen Repräsentationsstraße eine sozialistische zu machen, stellt ein großes Wandbild, das von der Brandmauer des Jugendstilbaus über einen kleinen Kreisel zur Stadt zeigt, dar.

Auf ihm ist rechts ein aus dicken schwarzen Linien und einfachen Recht- und Dreieckformen zusammengesetztes lächelndes Männchen, von dessen gelüftetem Hut nach links ein regenbogenartiger Kreis mit vier Orange- und Gelbtönen ausgeht. In dessen weißer Fläche steht: „Rzemiosło Łobza świadczy usługi dla ludności, rolnictwa i gosp. uspołecznionej oraz – szkoli nowe kadry“ (Das Handwerk von Łobez erbringt Dienstleistungen für die Bevölkerung, die Landwirtschaft und die vergesellschaftete Wirtschaft und – schult neue Kader). Im Bauch des Männchens ist dazu noch schwach das weiterhin gebräuchliche Hammerlogo des Handwerkerverbands zu erkennen.

Das Wandbild ist ein Beispiel einer spezifisch polnischen Werbegrafik, die auch in einer Kleinstadt nicht fehlen darf.

Der zweite Weg führt links des Grünstreifens über eine Straße und durch eine breite Lücke der niedrigen, teils noch in Fachwerk ausgeführten Bebauung hinab zur Rega, wo eine kleine Fußgängerbrücke folgt.

Das Flußufer ist bis zur nächsten Brücke links und noch über die rechte Brücke der Obrońców Stalingradu hinaus als Park gestaltet. Zu den Mäandern des breiten und flachen, aber gut kajakgeeigneten Flüßchens kommen Bäume, Bänke und große halbabstrakte Betonplastiken.

Der Park an der Rega ist das grüne Herz der Stadt, ein Ort der Verbindung zwischen verschiedenen Stadtbereichen. Der vom Bahnhof abseits der Straßen zu ihm und weiter ins Zentrum führende Weg ist der neue, der sozialistische, und er braucht dazu keinen sozialistischen oder überhaupt einen Namen.

Turiner Einzelheiten: Centrale del Latte di Torino

Schon der Name: Centrale del Latte di Torino (Milchzentrale von Turin). Das klingt nach einer Zeit, in der es in Deutschland Milchverkaufsstellen gab und die Versorgung der Bevölkerung mit Milch als staatliche Aufgabe begriffen wurde. In der Tat handelt es sich bei der 1950 gegründeten Organisation um einen Zusammenschluß privater Unternehmen unter der Leitung der Stadt Turin. Das 1952 errichtete Gebäude paßt dazu.

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Entlang der Via Filadelfia (Philadelphia-Straße), an der ansonsten Wohnbebauung ist, stehen zwei nüchterne lange Gebäude mit zwei Geschossen, die oberen überstehend und mit durchgehenden Fensterbändern, Archetypen der Industriearchitektur. In der Mitte hinter dem Tor mit dem Namen erhebt sich quer dazu eine Halle, aber vor allem die halben Ovale hoher weißer Betonbögen, die weit über das fast flache und von ihnen an vertikalen Streben gehaltene Dach aufragen.

Es ist eine einfache und klare Bauweise, aber solange man nicht direkt davorsteht, verschieben sich die Bögen ständig in einem Spiel geschwungener Formen.

Auf dem fast einen ganzen Straßenblock einnehmenden Areal der Turiner Milchzentrale sind noch weitere, teils hohe Anlagen, die ganz wie die Halle offenkundig der Produktion von Milch und ihren Folgeprodukten dienen, ohne daß man sie als Laie und von außen verstehen könnte.

Auch als normale Fabrik wäre das Gebäude auffällig und schön, doch durch den so offiziell klingenden Namen wird es gleich wichtiger.

Vielleicht deshalb bemerkt man eine auf dieselbe Weise errichtete kleine Halle zwischen den Gebäuden des nahen Blocks zwischen Via Baltimora (Baltimore-Straße), Via Lima (Lima-Straße) und Corso Sebastopoli (Sewastopol-Allee), die ihre niedrigeren Bögen zu einem Weg hin hinter einem zweigeschossigen Backsteinbau versteckt.

Früher war dort gewiß eine Fabrik oder Werkstatt, heute ist es ein Supermarkt und es paßt, daß man in diesem architektonischen Nebenprodukt der Milchzentrale, dessen Konstruktion man auch innen nicht sieht, nun Milch – gewiß auch dort erzeugte  – kaufen kann.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Kadaň-Prunéřov

Von der alten Stadt Kadaň ist der Bahnhof Kadaň-Prunéřov weit entfernt, während ihn gleich zwei für das Braunkohlerevier Nordböhmens so prägende riesige sozialistische Industriebetriebe mit hohen Betonschornsteinen und massiven Kühltürmen rahmen.

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Er liegt gleichsam auf einer Insel zwischen den Gleisen des Personenverkehrs, zu denen er zeigt, und denen des Güterverkehrs hinter ihm. Gerechter wäre es, er hieße nach den Betrieben oder einfach Prunéřov, aber tatsächlich hieß er ursprünglich sogar schlichtweg und verwirrend Kadaň.

In seinen industriellen Rahmen fügt sich Kadaň-Prunéřov gut ein, ein typisches sozialistisches Bahnhofsgebäude der Tschechoslowakei. Mit zwei Geschossen erstreckt er sich lang parallel zu den Gleisen, wobei man von dort nur das überstehende Obergeschoß, das Fensterbänder, vertikale silberne Metallstreifen und blaue Kunststoffverkleidung hat, sieht.

Das grau verputzte Erdgeschoß hat viele Türen und läuft rechts mit Transformatorenräumen noch weiter als das Obergeschoß.

Um die linke Ecke hat der Bahnhof ein Vordach, das rechts auf einer einzigen eckigen Stütze und links auf zwei Wänden, die die Ecke wieder schließen, ruht. Jene ist ganz, diese in den drei oberen Vierteln mit horizontalen rechteckigen Platten aus einem grauen, aber sowohl bläulich als auch roströtlich schimmernden Schiefer verkleidet.

Die eigentlichen Eingänge beidseits der Ecke sind dann eher klein und auch der Warteraum ist viel kleiner als es ein Bahnhof dieser Größe erwarten ließe. In der Schmalseite rechts sind die Schalter und die Gepäckaufbewahrung, in der inneren Breitseite Toilettenzugänge und andere Türen. Während diese Wände mit glattem grauen Stein verkleidet sind, haben die beiden nach außen zeigenden, in denen neben den Türen viele Fenster sind, weißen Putz.

Dieser ganze schlichte und funktionale Bahnhof ist von den Gleisen durch einen breiten Grünstreifen mit niedrigen Nadelbäumen und vielerlei Sträuchern sowie einen asphaltierten Bereich getrennt, gerade so, als sei er gar nicht ihretwegen da. Wie Ausleger stehen auf den beiden Bahnsteigen über jeder der jeweils zwei vom Tunnel hinaufkommenden Treppen kleine Bauten mit dreiseitigen Fensterbändern und zu den Eingängen leicht ansteigenden Wellblechpultdächern.

Die einzige Treppe vom Bahnhofsgelände in den Tunnel führt geschützt und halb versteckt zwischen den Wänden des Vordachs hinab.

Heute steht der Bahnhof Kadaň-Prunéřov weitgehend leer.

Der Zugabfertigung und allem anderen dient ein Flachbau links des beschriebenen Gebäudes, der mit großen Fenstern, einer Verkleidung aus vertikal gerilltem Aluminium, üppigem Efeu um den Eingang und einem Beet mit Rosen und Agaven beinahe ein tschechoslowakischer Bahnhof eigenen Rechts sein könnte.

Im Bahnhofsgarten führt nur noch der Stationsvorsteher seinen Hund aus. Die Wartehalle ist geschlossen. Dabei war gerade sie es, die den Bahnhof Prunéřov mit dem nahfernen Kadaň verband.

Oben auf ihrer inneren Breitseite verläuft zwischen zwei Holzstreifen ein schmales Wandbild zur Stadtgeschichte. Auf gelblich-weißem, pergamentartigem Hintergrund sind einander durchdringend spitze schräge Dreiecksformen in Braun und verschachtelte Rechteckformen in Schwarz. Sind die braunen Elemente gänzlich abstrakt, so bilden die schwarzen die Rahmen für fünf Wappenschilder und sechs menschliche Figuren. Von links nach rechts sind Bestandteile des  Wappens von Kadaň gezeigt: ein Stadttor zwischen zwei Türmen, ein schwarzer Adler, der im vollständigen Wappen auf ein eigenes kleines Schild vor den linken Turm gehört, und ein Ritterhelm, der über das Stadttor gehört. Bloß der weiße tschechische Löwe für das kleine Schild vor dem rechten Turm fehlt, doch dafür wird ein von links den Arm über das Wappenschild haltender Ritter nach und nach deutlicher.

Zwischen diesem heraldischen, offiziellen Aspekt der Geschichte Kadaňs zeigen die Figuren die menschliche. Sie sind meist kniend, manchmal fast liegend dargestellt, zwei drehen an einer Kurbel, einer hat den Arm zum Schlag mit einem Hammer erhoben, es sind Bergleute und die Rechtecke um sie ein stilisiertes Schachtsystem.

Einfach zu verstehen ist diese halbabstrakte Kunst nicht, sie kann leicht belangloser wirken, als sie ist. Ihr Zweck war es, diejenigen Reisenden, die im Saal auf den shuttleartig nach Kadaň hineinführenden Zug warteten, auf die Stadt vorzubereiten und ihnen den für die Region so wichtigen Bergbau, dem auch die Schornsteine draußen dienen, näherzubringen. Vielleicht hätte das eh nie jemanden interessiert, aber die Möglichkeit bestand und zweifelsohne ist der Bahnhof seit der Schließung des Wartesaals ärmer und weiter von Kadaň entfernt.

Das Hajduk-Hochhaus von Split

Hochhäuser gibt es in Split viele und Graffiti über den örtlichen Fußballverein Hajduk erst recht. Auch die Verbindung von beidem ist nicht selten, aber es gibt nur ein wirkliches Hajduk-Hochhaus.

Es steht prominent an der Stelle, wo zwei aus dem Zentrum kommende Straßen zu einer breiten Achse in die östlichen Wohngebiete zusammenfließen, und ist durch seine erhöhte Lage auch für die zentrumsnahe Stadtsilhouette wichtig.

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Auf quadratischem Grundriß hat es sechzehn Geschosse. Seine Fassade besteht zu zwei gegenüberliegenden Seiten aus geschoßhohen Fensteröffnungen mit Sonnenblenden zwischen je drei vertikale Wandstreifen und zu den beiden anderen Seiten aus horizontalen Balkonen und deren Geländern, wodurch auch die Ecken gleichsam aufgeweicht sind. Auf dem Dach ist ein weiteres technisches Geschoß mit kreisrundem Grundriß, das einen deutlichen Kontrast zum übrigen Baukörper schafft.

Um sich hat es eher wenig Platz, aber es steht völlig frei und leistet sich vorn in Richtung der Ecke der Straßen, wo noch eine Tankstelle folgt, einen kleinen Grünbereich, während rückwärtig, wo es durch den Höhenunterschied noch ein Sockelgeschoß hat, Parkplätze sind.

Im Erdgeschoß ist der Eingangsbereich deutlich zurückgesetzt und die übrigen Geschosse ruhen an der Parkplatz- wie der Eckseite auf je fünf Stützen in der Form parallel zueinander stehender Wände. Es ist hier, daß das Hochhaus zum Hajduk-Hochhaus wird.

Daß sich irgendwo das aktuelle Hajduk-Logo findet – ein blauer Kreis gefüllt mit rot-weißem kroatischem Karo, in dem weiß oben Hajduk, unten Split geschrieben ist, während links und rechts zwei horizontale Striche sind (teils variiert als links 19 und rechts 11) –  das versteht sich von selbst, denn so ist es in der Stadt normal. Auf der Eckseite aber ist das Logo außer ganz rechts auf jeder der Stützen und zwar von rechts nach links variiert: in normalen Farben, in blasseren Farben, in dicken farbigen Umrissen und in dünnen schwarzen Umrissen.

Von links nach rechts auf den anderen Seite der vier rechten Stützen sind entsprechende Variationen der schräg geschriebenen Jahreszahl der Klubgründung, 1911, zwischen Streifen in den Klubfarben Rot und Blau, in denen auch die Erdgeschoßwand bemalt ist.

Im ersten Moment kann man meinen, daß hier ein Graffiti-Künstler in seiner Arbeit gestört wurde, aber tatsächlich tat er sie in so vollendeter Form, daß er es wahrhaft verdient, Künstler genannt zu werden. Wie sich das Logo auf den parallelen Wänden in vier Stufen vom Entwurfsstadium zu seiner normalen, jedem Besucher von Split vertrauten Form zusammensetzt, erinnert an den Animationseffekt von Daumenkinos. Statt mit dem Daumen schnell zu durchblätternder Seiten ist es hier der Beton der Hochhausstützen, der zum Medium wird. Gerade in der Vorbeifahrt im Auto ist der Eindruck von Bewegung frappierend.

Es ist eine großartige künstlerische Ausnutzung sowohl der baulichen Gegebenheiten als auch der Lage des Gebäudes in der Stadt, die ein großes Talent verrät. Vielleicht sieht man hier, daß jede künstlerische Betätigung irgendwann Meisterwerke hervorbringt. Vielleicht brauchte es tausend mediokere Hajduk-Graffitis in der ganzen Stadt, damit dieses eine entstehen und das Hochhaus in das Hajduk-Hochhaus verwandeln konnte.

Was auch immer man über Fußball oder Fußballfankultur denkt, schätzen muß man, wie hier durch ein so simples Motiv wie ein Vereinslogo das Graffiti in den Bereich baugebundener Kunst erhoben wird. Schöner könnte das Hajduk-Hochhaus einzig sein, wenn es das Logo aus der sozialistischen Zeit, in der ein durch stolze Partisanentradition erworbener roter Stern das kroatische Karo ersetzt hatte, zeigte.

Das wäre wohl auch die größtmögliche künstlerische Provokation in Split, da es den geliebten Verein mit der offiziell weniger geliebten sozialistisch-jugoslawischen Geschichte verbindet. Doch auch so bleibt einem nach der Begegnung mit dem Hajduk-Hochhaus nichts anderes übrig, als Fan von jugoslawischer Architektur und von Hajduk Split zu werden.