Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Wejherowo oder Die erstaunliche Geschichte von Klein-Gdynia

Wejherowo könnte eine beliebige Kleinstadt sein. Es liegt nah an der Gdańsker Bucht wie an der offenen Ostsee, aber zu weit von beiden, als daß es davon irgendwelche Vorteile hätte. Für die weltläufigen Bewohner der nahen Trójmiasto ist es Inbegriff von Provinz und vielleicht ist daran etwas Wahres, wenn jugendliche Subversion in dieser an Zeichen des Katholizismus überreichen Stadt darin besteht, an eine Mauer zu schreiben:

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„Idź w niedzielę do kościola“ (Geh am Sonntag in die Kirche).

Gleich, wenn man Wejherowos Bahnhof verläßt, zeigt es sich stark vom preußischen 19. Jahrhundert geprägt. Geradeaus führt eine repräsentativ gedachte Bahnhofsstraße mit Villen und Bäumen, dann nach links eine weitere Hauptstraße mit großen historistischen Mietshäusern und Hotels.

Vorbei an Verwaltungsgebäuden und einer Kirche in backsteinerner Neogotik erreicht sie das deutlich entfernt gelegene alte Stadtzentrum mit seinem quadratischen Platz. Frei an seinem Rand steht eine bescheidene und schlichte barocke Kirche und in der umgebenden meist historistischen Bebauung ein bizarres irgendwie neobarockes Rathaus.

Sichtbar Altes gibt es hier sonst nicht, nur ein eingeschossiger Fachwerkbau bei der Kirche repräsentiert noch frühere Zeiten der Stadt und er ist vermutlich eine neuere Imitation.

Eine Straße führt vom Platz an einer gotischen Kirche mit barocker Fassade vorbei auf das Schloß zu.

Es ist ein nur zweigeschossiger, aber doch stattlicher Bau in englischer Neogotik, die angesichts der späteren preußischen leicht und südlich wirkt. Hinter ihm erstreckt sich am ansteigenden Hang ein Park in den Wald hinein.

In einem recht regelmäßigen Straßennetz stehen die übrigen Gebäude der Stadt. Wie in allen preußisch-kapitalistischen Kleinstädten gibt es Mietskasernen und vermischte Häuser, oft in rohem Backstein. Wie in allen später polnisch-sozialistischen Kleinstädten gibt es dazu Auflockerungen mit niedriger fortschrittlicher Bebauung.

Eine beliebige Kleinstadt eben.

Doch es gibt in Wejherowo noch andere Gebäude, die weder kapitalistisches Preußen noch sozialistisches Polen sind.

Zuerst bemerkt man sie an der Querstraße neben der neogotischen Kirche, später findet man zwei ganze Straßenzüge und viele vereinzelte Beispiele: meist dreigeschossige Wohngebäude in modernistischen Formen. Horizontale Fenster, einzelne runde Fenster, vertikale Treppenhausfenster, abgerundete Balkone, keine Ornamentik, einzig manchmal der Kontrast zwischen verputzten Fassaden und Backstein um die Eingänge.

Viele dieser Gebäude ähneln einander, doch sie sind nie identisch. Obwohl es ganze Straßenzüge gibt, sind die einzelnen Gebäude immer deutlich als solche zu erkennen. Auch handelt es sich immer um Blockrandbebauung, in der einige Öffnungen eher zufällig wirken.

All das weist darauf hin, daß diese Architektur nicht in Deutschland entstand. Zwar gab es dort in den Zwanzigern Gebäude in solchen Formen – als Wohnsiedlungen in Städten mit fortschrittlicher Verwaltung, als werbeträchtige Kaufhäuser, als Villen kunstsinniger Individuen – aber niemals in dieser Fülle als private Wohngebäude in beliebigen Kleinstädten. Auch wenn man sich der Grenzverläufe in der Zwischenkriegszeit unsicher ist, was hier, wo mit Deutschland, Polen und der Freien Stadt Danzig drei Staaten aufeinandertrafen, leicht passieren kann, verrät diese Architektur: Wejherowo lag bereits ab 1919 in Polen, dem jungen und komplizierten kapitalistischen Polen. Dies ist seine Architektur.

Das erklärt, wieso es in Wejherowo, anders als etwa in unweit westlich, aber in der Zwischenkriegszeit in Deutschland gelegenen Lębork, keinerlei Backsteinexpressionismus oder ähnliche reaktionäre Stile der Zwanziger gibt, aber auch keine zusammenhängenden staatlich errichteten Siedlungen. Aber es erklärt vielleicht noch nicht ganz die schiere Fülle dieser Architektur in Wejherowo. In anderen polnischen Grenzstädten dieser Zeit, Tczew südlich oder Chojnice weiter südwestlich von Gdańsk etwa, ist sie weit seltener vertreten.

Wejherowo nahm offenbar eine herausgehobene Stellung ein. Es war immerhin die zweitgrößte, bis zur Gründung von Gdynia 1926 sogar die größte Stadt im Norden des polnischen Korridors zur Ostsee. Der polnische Staat hatte mit ihm offenbar Besonderes vor. Es sollte ganz wie Gdynia in modernistischen Formen für eine ersehnte kapitalistische Zukunft stehen. Es sollte mit Hilfe der Gdyniaer Architekten zu einem Klein-Gdynia werden.

Deshalb auch der Name Wejherowo, der so neu wie geschichtsträchtig ist. Auf Deutsch hieß der Ort einfach Neustadt, vielleicht noch zur Unterscheidung von all den anderen Neustädten Neustadt in Westpreußen. Auch das hatte gepaßt, denn er war tatsächlich neuer als andere Orte der Gegend, die auf slawische oder Deutschordensgründungen zurückgehen. Diese neue Stadt hingegen wurde erst 1643 gegründet – von Jakub Wejher.

Wejher (auch Weyher etc.) war so eine barocke Gestalt des frühen 17. Jahrhunderts. Sohn aus altem pommerschen Adelsgeschlecht studierte er in Bologna, besuchte den Legenden nach Malta, kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf der katholischen Seite, in Rußland auf polnischer Seite und in seiner zur polnischen Rzeczpospolita (Adelsrepublik) gehörigen Heimat gegen die Schweden. Die Gründung seiner eigenen Stadt war mehr ein Nebeneffekt der Stiftung zweier Kirchen, die er geschworen hatte, falls er die Belagerung von Smolensk überleben würde. Er starb noch bevor er fünfzig war.

Der älteste Name der Stadt lautete Wejherowa Wola oder Weyhers Freiheit und so war es nur konsequent, daß die zweite Rzeczpospolita, das bürgerliche Polen, den Adligen aus ihrem Vorgängerstaat  1919 zum Paten des neuen Stadtnamens erkor: Wejherowo heißt sinngemäß Wejherstadt. Später ging es dann daran, den neuen Namen mit neuem Inhalt zu füllen. Es gelang ihm, so halbwegs, der Sozialismus führte es fort, so halbwegs, da er genug mit anderen Städten an der Ostsee und anderswo zu tun hatte. Eine beliebige Kleinstadt in Wejherowo jedenfalls nicht, falls es solche denn gibt.

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Medina oder Terrassenhäuser in Eindhoven

Terrassenhäuser sind meist sehr deutlich als solche zu erkennen, wie das folgende im Norden von Eindhoven. Zur großen Veldmaarschalk Montgomerylaan (Feldmarschall-Montgomery-Allee) stehen die oberen beiden der vier Geschosse deutlich über die beiden darunterliegenden über, zur kleinen Pisanostraat (Pisanostraße) ist jedes Geschoß deutlich hinter dem darunterliegenden zurückgesetzt. Zur ersten Seite sind zumeist große Fenster, zur zweiten ausschließlich Balkone.

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Auch der wahrscheinliche innere Aufbau erschließt sich sofort. An der kleinen Straße sind die Eingänge. Das Erdgeschoß ist unter der tragenden Betonkonstruktion weit zurückgesetzt und hier sind die Türen zu den Erdgeschoßwohnungen, die zur anderen Seite Gärten haben, und zu den Treppen, die in die Wohnungen im zweiten Geschoß führen. In der Mitte, wo die beiden Teile des Gebäudes leicht versetzt aufeinandertreffen, ist der Eingang zum Treppenhausturm, der auf der anderen Seite steht. Über ihn oder über Wendeltreppen an den Enden des Gebäudes erreicht man den zur Montgomerylaan zeigenden Laubengang im dritten Geschoß, von dem die Türen zu den Wohnungen in diesen und zu den Treppen in die Wohnungen im vierten Geschoß abgehen.

Diese Konfiguration, durch die alle Wohnungen zu beiden Seiten zeigen, ist eine spezifisch niederländische, die aus dem Mißtrauen gegen typische Geschoßwohnungen und der Sehnsucht nach dem Reihenhaus entstand. Der schwächste Teil dieses Terrassenhauses sind dann ausgerechnet seine Terrassen, die nach oben abgeschrägte Geländer haben, was diese Gebäudeseite als eine einzige schräg ansteigende Fläche wirken läßt und somit bloß eine ästhetische Spielerei ist.

In Eindhovens Zentrum gibt es solche deutlichen Terrassenhäuser nicht. Es ist eng wie so viele niederländische Stadtzentren, wobei dies teils den älteren, aber in ihrer heutigen Form auf die frühe Nachkriegszeit zurückgehenden Häusern und teils allerlei neueren, seit den neunziger Jahren entstandenen Einkaufszentren und Bürokomplexen geschuldet ist. Die Plätze, die es gibt, sind entweder ebenfalls eng und undefiniert oder zu leer wie der Stadhuisplein (Stadthausplatz), der mit seinen Betonrampen ganz offiziell den Skatern überlassen wurde. Und oft ist alles nur abweisend und kahl. Wenn man etwa auf dem öden Vorplatz eines neueren Wohnhochhauses am Vestdijk (Westdeich) steht, blickt man an achtgeschossigen Backsteinfassaden entlang, die unten hohe Kolonnaden haben, ganz egal, ob die Gebäude nun Büro- oder Wohnzwecken dienen.

In dieser Umgebung überrascht es, in der Kneipenstraße Stratumseind um eine Ecke zu schauen und Grün zu sehen, Grün nicht nur, nicht einmal vor allem auf der Erde, sondern auf großen Terrassen.

Mehr noch überrascht es, zwischen den beiden backsteinverkleideten Gebäuden am Vestdijk in eine schmale Gasse zu biegen und hinter dem zweiten, größeren von ihnen große Terrassen mit auch über den Backstein der Seiten hinausquillendem Grün zu sehen.

Das ist Medina.

Anders als bei den Terrassenhäusern in der Vorstadt ist hier erst einmal gar nichts klar. Während es sich zur großen Straße hin monumentale Backsteinformen gibt, ist es zur anderen Seite nur Grün.

Nur ungefähr macht man unter der Vegetation drei zweigeschossige Stufen und zwei abschließende Geschosse mit begrünten Balkonen aus. Doch wie die Seiten erahnen lassen, gibt es auch noch versenkte Innenhöfe und vielleicht anderes.

Die unterste Stufe endet in verglasten Wohnungen, die sich als ganz konventionelle Reihenhäuser ausgeben, ja, sogar Laden- und Galerieräume haben. Auch die davor verlaufende Straße Het College, auf deren anderer Seite drei- und viergeschossige Reihenhäuser stehen, die in den Formen Medina entsprechen oder an es angepaßt sind, ist so eng wie die anderen Straßen des Stadtzentrums, aber anders als sie voller Grün.

Obwohl Medina auf Arabisch einfach Stadt heißt, ist die Assoziation mit einer fruchtbaren und grünen Oase in der Wüste sicher nicht ungewollt und jedenfalls nicht unpassend. Wie bei einer Oase kann man kaum glauben, daß es Medina wirklich gibt, fürchtet eine Fata Morgana. Ein wenig ist die Eindhovener Medina auch ein Trugbild, denn man kann sie nur sehen, nie berühren. In der Straße davor gibt es keine Bänke und die Stufenanlage, die in der Mitte tiefer hineinführt, ist mit hohen Gittern abgesperrt: „Privé terrein“.

Einen öffentlichen Ort kann Medina nicht schaffen, denn nichts haßt der gegenwärtige Kapitalismus mehr als das. Das Hervorquellen des Grüns über seine Terrassen ist schon von den Reihenhäusern gestoppt und schon in der nächsten Straße wenig mehr als eine ferne Ahnung.

Medinas Stärke sind seine Terrassen, während alles übrige zu schwach ist. Dennoch ist es viel, mehr jedenfalls als alles andere im Zentrum von Eindhoven. Das ist umso trauriger, aber auch erstaunlicher, als Medina erst 1999 erbaut wurde, wobei in Eindhoven ja sogar später noch Gutes entstand. Versteckt es sich auch, ist es auch schnell wieder aufgehalten, es ist fortschrittliche Architektur und Erbe des Terrassenhauses draußen im Norden. Der Vergleich der beiden Eindhovener Gebäude zeigt weiterhin: Die Lehre von Alterlaa ist nicht nur, daß Terrassenhäuser der richtige Weg sind, sondern auch, daß sie hängende Gärten sein müssen, schöner und prachtvoller als alles, was Babylon kannte.

Vergißmeinnicht in Olsztyn

Es ist eigenartig mit den Einzelhandelsketten der ehemaligen sozialistischen Staaten: ihre Namen sind einerseits stark mit einer vergangenen Epoche verbunden, doch andererseits gibt es sie in manchen Formen noch immer. In Dresden oder Leipzig beispielsweise findet man Konsum, vielerorts in Tschechien Jednota – und in Olsztyn Społem. Wie die beiden anderen Konsumgenossenschaften in den Nachbarländern im Westen und Süden geht auch diese auf die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts zurück, erlangte ihre dominierende Größe und Bedeutung aber erst im Sozialismus. Aus dieser Zeit stammt auch das markante Logo, das mit dem wie in der Schreibschrift über den Buchstaben gesetzten und noch verlängerten Strich des ł für Ausländer kaum zu entziffern ist. Das Wort bedeutet „zusammen“, aber in solch altertümlicher Sprache, daß es auch unter Polen nicht mehr allgemein verstanden wird.

Społem Olsztyn hat mitten im Stadtzentrum ein Bürogebäude, in dem es selbst im Erdgeschoß bloß eine Bäckerei betreibt, während die übrigen Teile etwa von einem KFC-Restaurant eingenommen werden. Aber das eigentliche Herz von Społem Olsztyn befindet im Stadtteil Zatorze, dessen weit weniger zentrale Lage man bereits daran erkennt, daß sein Name übersetzt etwas wie „Hinter den Gleisen“ bedeutet.

Es ist ein großer Supermarkt, nein, eine Kaufhalle, wie sie zum Namen paßt. Ein Bau, wie er so oder ähnlich auch einen Konsum oder einen Jednota beherbergen könnte: rechteckiger Grundriß hinter einem Parkplatz an der großen Straße Jagiellońska, vorne, das heißt hier an der rechten Schmalseite der verglaste Eingangsbereich und um das flache Dach ein breites Band aus vertikal geriffeltem Wellblech. Dieses Band ist hier weiß und hat in der Mitte horizontale Streifen in den Farben des Regenbogens. Schwer zu sagen, wer wann die Idee zu dieser Farbgebung hatte, aber sie ist es, die sogleich alle Blicke auf das Gebäude zieht.

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Auf dem Dach stehen beim Ende der Breitseite kurz vor der Ecke große Buchstaben, die zuerst in Weiß das Społem-Logo und dann in Blau das Wort „Niezapominajka“ bilden. Vergißmeinnicht heißt diese Kaufhalle, ein Name, der von der Blume kommt, aber heute unweigerlich eine weitere Bedeutung bekommt. „Vergiß meiner nicht!“ fordert Społem auf in altertümlichem Deutsch, das in hundert Jahren für den Betrachter ebensoweit entfernt sein wird wie der Sozialismus im Polen oder Deutschland des 20. Jahrhunderts. Aber heute, wie könnte man heute vergessen, was so deutlich noch zu sehen ist?

Und die Społem-Kaufhalle ist nicht allein. Bei ihrem Beginn links steht ein elfgeschossiges Hochhaus quer zur Straße und bricht zum ersten Mal die Blockrandbebauung auf, bevor es sich mit Läden im Erdgeschoß zu Niezapominajka überleitet.

Rechts von ihr hingegen führt ein Weg an ihrer Eingangsseite vorbei und durch einen Durchgang in einem sehr langen fünfgeschossigen Gebäude in ein Wohngebiet hinein.

Es ist so ein kleineres, perfekt in seine Umgebung eingepaßtes Wohngebiet mit fünfgeschossiger Bebauung, wie es der PRL (Volksrepublik Polen) immer sehr gut gelang. Sobald man durch den Durchgang getreten ist, befindet man sich in einer anderen Welt. Fern plötzlich der Lärm und die Enge der überkommenen Stadt. Stattdessen Ruhe und Grün, links quer zur Puszkina (Puschkin-Straße) aufgereihte Gebäude, rechts drei parallel zu ihr, die jeweils etwas näher nach links rücken und mit der leicht abfallenden Neigung Bewegung in die schematische Struktur bringen.

Weiter nach links Verbindungen in andere Teile des Wohngebiets, unten als Abschluß einige Punkthäuser und ein Weg durch einen alten, nicht mehr genutzten Friedhof, der schon vorher von rechts sein Grün schenkte, in einen Park und weiter.

Społem Niezapominajka also steht an einer Schnittstelle, einem Scharnierpunkt. Es dient an der Grenze zwischen alter und neuer Stadt beiden in gleichem Maße. Das, mehr als nostalgische Freude an Einkaufen wie im Sozialismus, gibt der Kaufhalle ihren Wert. Sie ist nicht nur sie selbst, sondern Teil eines größeren Ganzen. Sie ist eine sozialistische Kaufhalle. Dafür kann man auch über Unangenehmeres wie die ausgeschilderte Einkaufskorbpflicht, die von den rotbekittelten Verkäuferinnen vielleicht auch durchgesetzt würde, hinwegsehen.

Das heutige Einkaufen in Polen sieht man übrigens direkt rechts nebenan, wo ein Biedronka ist, eine von portugiesischem Kapital getragene Discountkette mit polnischem Namen.

Das Gebäude sieht irgendwie aus und hat weder zu der neuen Blockrandbebauung weiter rechts an der Straße noch zu irgendetwas anderem einen Bezug. Das ist der polnische Kapitalismus, die polnische Gegenwart. Wie gut, daß man Społem in Olsztyn nicht vergessen muß.

Der (fast) vereinigte Platz – Zweiter Teil

Es ist nicht so, daß das Leben des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), des Herzens von Iași, Symbole bräuchte, denn es ist immer offensichtlich. Bei schönem Wetter und im Sommer spätestens, wenn die Sonne nicht mehr zu hoch steht, ist jede Bank und manche Stufe des Vereinigungsdenkmals besetzt. Familien füttern die Tauben, die tagsüber auf dem glatten Pflaster und nachts auf den Dächern und Simsen zu Hause sind, Kinder jagen ihnen nach. Unzählige Passanten durchqueren den Platz. Dieses Leben ist der einfachste Beweis dafür, wie gelungen der Piața Unirii ist und was für großartige Orte die fortschrittliche Architektur zu schaffen vermag.

Der Platz ist ein recht typisches Beispiel für ein städtebauliches Ensemble aus den sechziger Jahren in einem sozialistischen Staat, das von der Rotterdamer Lijnbaan inspiriert ist, ähnlich wie etwa die Prager Straße in Dresden. Er macht dabei alles richtig, er ist ein großzügiger, offener, trotz vertikaler Dominante und überkommenem Denkmal nichthierarchischer, demokratischer Platz. Und er ist mehr als ein Platz.

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Schon der beschriebene Boulevard, der auf Stadtplänen seinen Namen trägt, ist zwar mit ihm verbunden, aber auch ein Ort für sich, und hinzu kommen viele weitere Verbindungen mit der Stadt.

Jenseits der Straße, die die Grundseite des Platzes bildet, folgt sein zweiter Teil. Hier stehen drei zehngeschossige Punkthochhäuser mit Wohnungen und zwischen ihnen sind zweigeschossige gläserne Pavillons.

Mit einem rechteckigen Raster ähnelt die Fassade der Punkthäuser der des Hotels, doch hier ist es auf schmale Streifen reduziert und die Fenster nehmen nicht die gesamte Fläche ein. Auch den rechteckigen Grundriß und die Ausrichtung der Schmalseiten zum Platz haben sie mit dem Hotel gemein. Auf den Dächern sind Terrassen mit Geländern und einem auf schmalen runden Stützen ruhenden umlaufenden Betonstreifen. In den zweigeschossigen Sockeln bilde eckige steinverkleidete Stützen Kolonnaden mit Läden.

Mit den Pavillons, in denen beispielsweise eine Buchhandlung ist, sind die Breitseiten der Punkthäuser durch Vordächer, eigentlich eher Betongitter mit unregelmäßig rechteckigen Öffnungen, verbunden.

Links schließt nach dem letzten der Punkthäuser das Cinema Victoria (Kino Victoria) den zweiten Teil des Platzes ab.

Es ist ein freistehender Pavillon anderer Art, höher, auf rechteckigem Grundriß und ganz aus meist vertikalen Streben zusammengesetzt, die teils Kolonnaden bilden oder aus denen wie schwebend kleine Balkone hervorstehen und die es doch nie monumental wirken lassen. Es ist wie ein Schmuckstück, ein Würfel in einem unbekannten Spiel, und was könnte für ein Kino besser passen?

Geht man zwischen den Punkthäusern und den Pavillons hindurch, führen Treppen ein Stück hinab in den Parcul Junimea (Park der Jugend).

Es sind nur Meter vom Platz dorthin und doch ist er ein Ort mit ganz eigenem Charakter, der zugleich auch Teil des weiteren Ensembles ist.

Hier ragen die Punkthäuser hinter hohen Bäumen auf, es gibt Skulpturen und Büsten rumänischer Persönlichkeiten, Spielplätze, viele Bänke und angrenzend stehen größere ältere Gebäude, nach denen dann ärmere Bereiche am Hang und im Tal des Bahlui folgen.

Rechts steht in der querenden und sich hier spaltenden Straße zwischen den beiden Platzteilen ein historistischer Eckbau mit großer Kuppel.

Entlang von ihm oder auch entlang des Hotels Traian links gelangt man in ältere Teile des Stadtzentrums mit vermischter Blockrandbebauung, in deren beliebigen, meist historistischen Formen sich die Bourgeoisie repräsentiert hatte. Und beide, Eckbau und Hotel, dürfen als Repräsentanten des Alten Teil des fortschrittlichen Ensembles werden.

Aber links, wo die Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße) schräg vom Platz abzweigt, ist die Blockrandbebauung schon deutlich aufgelockert. Sie ist eine Fußgängerzone und man merkt kaum mehr, daß sie  Teil der überkommenen Prunkachse durch die Stadt ist. Frei steht dort der Bau des Cinema Trianon, zuvor Republica (Kino Trianon/Republica), und frei steht auch ein kleiner historistischer Palast, einst Sitz des vereinigenden Fürsten Alexandru Ion Cuza und nun passenderweise Museul Unirii (das Museum der Vereinigung).

Ihm gegenüber ist ein großer runder Grünbereich, über den man zu einer Kirche blickt, während sich ein flaches Restaurantgebäude geschwungen um ihn legt.

Um das Eckgebäude rechts des Platzes neben dem Hotel gelangt man in einen Bereich, der zwar auch der Anlieferung der Läden und Restaurants dient, aber vor allem große Grünflächen mit Spielplätzen hat und an ein weiter hinter der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) zurückgesetztes historistisches Gebäude anschließt.

Auf der zweiten Ebene des Boulevards, gegenüber dem Ende des Hotelvorbaus, ist im Gebäude links ein aufgestützter Durchgang, durch den man in einen kleinen Park hinter dem Cinema Trianon und dem Museum, wo noch eine kleine Kirche steht, gelangt.

Der Fußgängerboulevard selbst führt zu einer großen Straße, die Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit) heißt, aber trotz weitgehend sozialistischer Bebauung ein Boulevard weit konventionellerer Art, einer aus dem 19. Jahrhundert, ist. Links öffnet sich der ebenfalls konventionellere Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) mit seinem Denkmal,

während rechts etwas verloren und äußerst bedeutsam der Turm von Sfântul Spiridon (Sankt Spyridon) steht.

So trägt der Piața Unirii seinen Namen in mehrfacher Hinsicht zurecht. Nicht nur erinnert er an die Vereinigung der beiden rumänischen Fürstentümer, sondern er vereinigt auch verschiedene Teile der Stadt. Wie ein wirkliches Herz wäre er wenig ohne die Blutbahnen im Stadtkörper. Er ist das beste und wichtigste städtische Ensemble in Iași.

Bloß eine neuartige Verbindung zum Bahnhof, zu dem es hinter dem Cinema Victoria nicht mehr weit ist, schafft der Piața Unirii nicht, aber das wäre auch eine städtebauliche Aufgabe für sich, das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der einzige wirkliche Mangel, den auch er, so gelungen er ist, hat, hat er wegen der Straße, wie das so oft der Fall ist. Sie trennt ihn letztlich in zwei Plätze, den eigentlichen beim Hotel und einen zweiten kleineren bei den Punkthäusern. Auf dem zweiten Teil sind zudem viele, zu viele Parkplätze, obwohl vor den Punkthäusern immerhin Bäume stehen und es vor dem Cinema Victoria immerhin einen Bereich mit Bänken und Hochbeeten gibt. Nun bemühte sich der Platz durchaus, seine beiden Teile zu verbinden, zu vereinigen. Es gibt eine Unterführung und mit ihren drei Eingängen, einem runden zentralen Raum um eine dicke runde Stütze und glatter sandfarben gemaserter Steinverkleidung ist sie sogar großzügig und angenehm gestaltet.

Ihr einziges Problem sind die Eingänge, die aus je zwei Treppen bestehen, aber großzügige offene Anlagen mit Rampen sein müßten.

Das Traurige, ja, das Tragische ist, daß dafür Raum genug gewesen wäre. Es wäre wirklich nur nötig gewesen, die Unterführung als wirklichen Teil des Platzes statt nur als Bindeglied, zu begreifen.

Nur sehr wenig hätte mithin gefehlt und der Piața Unirii wäre perfekt gewesen. Doch sein einziger Mangel schmälert seine Größe kaum. Er ist dennoch das Herz von Iași und die Stadt kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

Der (fast) vereinigte Platz – Erster Teil

Der Piața Unirii (Platz der Vereinigung) ist in mancher Hinsicht das Herz von Iași und er ist ganz ein Produkt des Sozialismus.

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Seine vertikale Dominante bildet das sechzehngeschossige Hotel Unirea, noch heute eines der höchsten Gebäude der Stadt. Es ist dabei ein eher kühler, distanzierter Bau auf rechteckigem Grundriß. Der etwa dreigeschossige Sockel hat an den Schmalseiten vier und an den Breitseiten fünf große quadratische Stützen, die unter dem dritten Geschoß durch ein horizontales Band verbunden sind, in dem Linien flache Dreiecksgiebel andeuten, während aus den Stützen ragende Elemente als stilisierte Kapitelle verstanden werden können. Diesen historistischen Anklängen tritt sofort das Vordach über dem Eingang, der rechts in der zum Platz zeigenden Schmalseite ist, entgegen. Auf der Höhe des zweiten Geschosses ruht er auf vorgesetzten Stützen, die aus geraden und schrägen Teilen bestehen, und ragt sehr weit in den Platz hinaus, wobei seine Unterseite stetig schmaler wird.

Hat der übrige Sockel, der früher offen, heute verglast ist, noch etwas Konservativ-Monumentales, so ist dieses Vordach schon der Flügel eines Raumschiffs. Rechts neben und L-förmig bis hinter den Hotelbau ist ein Trakt mit Restaurants und Sälen. Bis auf sein Dach, das in der Höhe und auch der Form an das Band zwischen den Stützen anschließt, besteht er ganz aus Glas und einer innenliegenden Stahlkonstruktion, so daß er ebenfalls weit neuer als das Hotel selbst wirkt. Abgeschlossen wird der Sockel des eigentlichen Baus von einem breiten Streifen mit Mustern aus teils geriffelten Kacheln in bunten, aber dunklen Farben, die wie Buchstaben einer fremden Schrift wirken.

Die folgenden Geschosse mit den Zimmern bilden ein regelmäßiges Raster aus vorgesetzten vertikalen und zurückgesetzten horizontalen Streben, unterbrochen außer bei der Eingangsseite durch geschlossene Flächen bei jeweils einer Ecke. Erst im obersten Geschoß ist heute ein Restaurant mit größeren Fenstern zwischen den Streben und leicht überstehendem Dach.

Vielleicht könnte man das Hotel Unirea als zu unentschlossenen, zu konservativen Bau bezeichnen, wenn es alleine stünde. Aber das tut es ja nicht, es ist nur ein Element des Piața Unirii und es ist bewußt nur als sein Höhepunkt, nicht aber als sein Mittelpunkt gestaltet.

Der Platz wird als weite, etwa dreieckige Form zum Hotel Unirea hin schmaler und setzt sich links von ihm als breiter Fußgängerboulevard fort. Nach einer Straße, die die Grundseite des Dreiecks bildet, beginnt er links mit dem schräg gesetzten historistischen Bau des Hotels Traian, an dem einzig die gußeisernen Doppelsäulen vor den großen verglasten Sälen im Erdgeschoß beachtenswert sind.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Auf der rechten Seite steht das erste Gebäude jenes sechsgeschossigen Typs, der das Rückgrat des Piața Unirii bildet und ihn im eigentlichen erst zum Platz macht.

Im Erdgeschoß hat der Gebäudetyp steinverkleidete eckige Stützen, die oben von schmalen horizontalen Streben gequert werden, und als Übergang zu Wohngeschossen ein Band derselben Steinverkleidung. Durch die leichten Höhenunterschiede im Platz kann das Erdgeschoß auch im selben Gebäude unterschiedlich hoch sein und zumeist sind darin Läden. Die Breitseiten der fünf Wohngeschosse sind durch Streifen zwischen den Geschossen klar horizontal strukturiert und haben abwechselnd einzelne rechteckige Fenster und doppelte geschoßhohe mit einer Brüstung aus einem dünnen Betonband und einem Metallgitter. Zum flachen Dach leitet ein weiteres steinverkleidetes Band über und weit zurückgesetzt sind auf der Dachterrasse Aufbauten mit freischwebenden Vordächern. An den Schmalseiten sind jeweils zwei lange, durch milchige Wände getrennte vertiefte Balkone mit Geländern aus Metall und grünem Plexiglas, die über dem Erdgeschoß vorragen.

Das erste dieser Gebäude also steht rechts. Es ist das ungewöhnlichste, da es ein Eckbau ist, der einen Teil an der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) hat, bevor er mit Kolonnaden die rechte Platzseite bildet.

Es endet dort kurz vorm Restaurant des Hotels Unirea, das bereits höher am Hang steht. In seiner Fortsetzung, sozusagen hinter dem Hotel, folgt ein weiteres Gebäude des Typs.

Links steht das erste der Gebäude nach der neben dem Hotel Traian einmündenden Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße). Entsprechend den beiden Stufen des Fußgängerboulevards, der sich nun öffnet, steigen die nächsten beiden Gebäude an, sind aber auch leicht nach rechts versetzt.

Während so links eine subtile Verengung vom Platz zum Boulevard hin entsteht, wird der Bereich rechts nach dem Hotel durch ein weiteres der Gebäude abgeschlossen.

Das ist der bauliche Rahmen des Piața Unirii. Keines der Gebäude ist für sich genommen weiter auffällig, aber das müssen sie auch nicht sein, sie müssen nur den Platz schaffen.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Etwa vor dem Hotel Traian, und damit bewußt nicht in der Mitte des Platzes, steht das Denkmal für die namensgebende Unirea (Vereinigung), das 1912 errichtet wurde. Auf einem irgendwie neoromanischen Steinsockel zeigt es in Bronze oben den Fürsten Alexandru Ion Cuza und niedriger einige Politiker, Kränze mit Daten und eine Urkunde mit sehr viel Text, der dank den Tauben nur noch mühevoll zu lesen ist, wenn das denn irgendjemand gewollt hätte. In der Tat lief die Vereinigung der rumänischen Fürstentürmer Moldawien und Walachei im Jahre 1862 wohl so ab; die Bevölkerung war nicht beteiligt.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Zum Denkmal kommen auf dem Platz drei runde Springbrunnenbecken, die zusammen ein Quadrat um die offene Platzmitte bilden. An jedes der Becken schließen umzäunte Grasflächen an, eine weitere kleinere ist beim Denkmal. Außer je einem Nadelstrauch sind sie jedoch leer, überhaupt ist die Vegetation spärlich und beschränkt sich auf Bäume vor dem Gebäude rechts und an der Ecke beim Anfang des Boulevards. Bänke gibt es dafür umso zahlreicher. Auf dem Boulevard gibt es ebenfalls Beete mit Gras und Sträuchern, die langgestreckt in seiner Richtung verlaufen, und in den Treppen zwischen den Ebenen sind gestufte Brunnen.

Der Boden des Platzes hat breite Streifen aus schwarzem und weißem quadratischen Kopfsteinpflaster in Richtung Boulevard und Hotel und schmalere Streifen aus schwarzem quer dazu, zwischen denen ebenfalls quer große rechteckige Flächen aus glattem Waschbeton sind.  Der Boden des Boulevards wurde in jüngster Zeit erneuert, so daß die billigen Steinplatten nun verdreckt sind, ein Schicksal, das dem übrigen Platz hoffentlich erspart bleibt.

Auf dem Boden nämlich befindet sich die künstlerische Gestaltung des Piața Unirii: Mosaike aus weißem, schwarzem, grauem und rotem glatten Stein. Die Steine sind meist nicht kleiner als das des übrigen Pflasters, weshalb die Motive zwangsläufig einfach und stilisiert sind. Ein erstes Band mit Pflastermosaik erstreckt sich kurz nach der Straße über den Platz, ein zweites ornamentales nach den hotelnäheren Beeten. Das entscheidende dann verläuft direkt vor der breiten Treppenanlage, die zum Boulevard und zum Hotel hinaufführt.

Spätestens hier wird deutlich, daß diesen Platz ein sozialistischer Staat baute. In den äußeren der rechteckigen Mosaiksegmente, zwischen denen noch kleinere Symbole sind, sieht man die Natur, ein Wildschwein links und einen Hirsch rechts, aber ansonsten ist da die sozialistische Gesellschaft: ein Traktor, Industriebetriebe, Kunst und, vielleicht am schönsten, direkt unter dem Vordach des Hotels Unirea ein Kran, der eine Großplatte aus Beton zu einem halbfertigen Wohngebäude hebt.

Ist hier die Baugeschichte des Piața Unirii selbst enthalten, so bezieht sich das Rechteck daneben auf seinen Namen: nebeneinander sind hier ein moldawischer Stier und ein walachischer Rabe/Adler gezeigt.

Ein weiteres großes Bodenmosaik ist zwischen den Grasflächen an der rechten Seite des Platzes. Es zeigt, wie sich ein keuleschwingender Reiter links und ein Stier rechts, über dem ein Vogel fliegt, aufeinander zu bewegen. Es ist das größte Mosaik und das einzige aus glattem Stein, doch hier scheitert die Anordnung auf dem Boden. Das liegt nicht etwa daran, daß das Maß an Details für die verwendete Technik zu groß ist, auch nicht daran, daß der historische Bezug nicht leicht verständlich ist, sondern einfach daran, daß man deutlich höher stehen müßte, um die Szene gut zu erfassen.

Dafür kann man an Sommerabenden erleben, wie diese große glatte Fläche, hinter der heute eine lateinamerikanische Bar ist, von den Paaren einer Tanzschule zum Bachatatanzen genutzt wird. Mag das Mosaik also künstlerisch gescheitert sein, so ist es immerhin ein schönes Symbol für das Leben auf dem Platz im Herzen von Iași.

Brücken in Tczew

Venedig des Nordens – so wird Tczew nie genannt. Das liegt vermutlich daran, daß Venedig, zu Recht oder zu Unrecht, als idyllische Lagunenstadt weltberühmt ist, während Tczew als auf den ersten Blick eher trostlose Kleinstadt irgendwo im flachen Land südlich von Gdańsk nicht einmal in Polen weiter bekannt ist. Was Venedig und Tczew jedoch verbindet, ist ihre Abhängigkeit von Brücken.

Tczew ist als wichtiger Eisenbahnknoten ungewöhnlich stark von Bahngleisen zerschnitten. Anders als in anderen Städten dieser Art verlaufen die Gleise dort immer in vertieften Bereichen, während die Stadt mit ihren Straßen und Häusern separiert von ihnen höher liegt. Was für Venedig das Wasser der Kanäle ist, das sind für Tczew die Schienen der Eisenbahnanlagen. Von diesen ist die Stadt in mehrere größere und kleinere Inseln zerteilt, die wie in Venedig mit Brücken verbunden werden müssen.

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Tczew weiß von seiner Verwandtschaft mit Venedig vermutlich nichts. Wenn es etwas an sich findet, worauf es stolz sein will, dann zwar durchaus eine Brücke, aber bloß eine Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Wisła (Weichsel) von 1857.

Mit ihren letzten verbliebenen Türmen und Zinnen zeigt sie alles, was an der historistischen Architektur dieser Zeit falsch war. Denn wie haarsträubend lächerlich ist es, einen solchen stolzen Stahlbau, einen Ausdruck des technischen Könnens und der industriellen Möglichkeiten einer Zeit in die sinnlos gewordenen Formen des Mittelalters zu hüllen! Gegenwärtig wird die Brücke aufwendig restauriert, während die Züge auf einer neueren ehrlicheren Brücke daneben fahren.

Noch zwei weitere markante Brücken hat Tczew und anders als die Eisenbahnbrücke sind sie Teil des Stadtarchipels. Mit der ersten überbrückt die Wojska Polskiego (Straße der polnischen Armee) Schienenstränge, um zwei Inseln der Stadt zu verbinden. Ihr einziger weiter Bogen aus blauem eckigen Stahl führt von der einen Straßenseite auf der einen Seite des breiten Gleisgrabens zur anderen Straßenseite auf dessen anderer Seite und legt sich also schräg über die von Stahlseilen gehaltene Fahrbahn.

Diese einprägsame Asymmetrie ist aus der zwar etwas gesuchten, aber doch einfachen Lösung der Bauaufgabe gewonnen und unterscheidet diese Ende 2011 eröffnete Brücke von vielen anderen jüngeren Brücken in Polen, die, wenn auch auf andere Art als die historistische Weichselbrücke, überladen und kompliziert wirken. Gelungener als die Calatrava-Brücke bei Venedigs Piazza di Roma (Rom-Platz) ist diese Tczewer Brücke allemal.

Tczews Rialto schließlich, das ist die zweite der markanten Brücken: der Bahnhof. In ihm wird die Brücke zum Gebäude. Auf hohen Betonstützen ruht der geschlossene backsteinerne Gang über den Gleisen.

Ganz wie bei der Rialtobrücke in Venedig ist kaum mehr wichtig, welche Orte der Stadt der Bahnhof verbindet, da er selbst ganz Ort eigenen Rechts ist. So weit wie der Markusplatz von Rialto ist Tczews altes Zentrum vom Bahnhof entfernt. Wie dort der Verkehr von Vaporetti (Wasserbussen), Wassertaxis und Motorbooten fließt hier der Nah- und Fernverkehr auf einer der wichtigsten polnischen Bahntrassen unter dem Brückengebäude hindurch.

Beide Brücken passen nach Tczew und hätten es verdient, seine Wahrzeichen zu sein. Aber genau wie in Venedig nur die hunderte prosaischer Brücken eigentlich wichtig sind, zählen auch in Tczew die vielen unbeachteten Brücken.

Sie sind schmucklose Zweckbauten, mal mit stählernem Aufbau, mal ohne, oft in abblätternden Farben, oben Gelb, unten Hellblau, gestrichen, vielleicht haben sie auch Namen. Und sie sind, beinahe ebenso wie in Venedig, entscheidend für das Funktionieren der Stadt. Da Tczew zwei Ebenen hat, eine untere für die Schienen und den darauf fließenden Zugbetrieb und eine obere für die eigentliche Stadt, ist es immer äußerst aufwendig und vielerorts nachgerade unmöglich, anders als über die Brücken von einer Insel zur anderen zu kommen. So auf die Brücken angewiesen, so von ihnen abhängig, meint man, wie in Venedig, daß sie nie da sind, wo sie sein sollten, daß es viel mehr von ihnen geben sollte. Wie in Venedig findet man sich damit ab.

Die Probleme, die einem die Stadtstruktur bereitet, als Ausdruck des Charmes eines jedenfalls besonderen Orts zu empfinden, ist in Nordpolen wohl etwas schwieriger als in Norditalien. Aber hiermit wurde Tczew so genannt: Venedig des Nordens.

Die nackte KFZ-Werkstatt

Vielleicht würde man dieses Gebäude übersehen, wenn es sich gegenwärtig nicht als so kahle und scheinbar funktionslose Betonarchitektur zeigen würde. Vielleicht würde es dann weniger als Fremdkörper wirken, dort am Rande der Siedlung Siemensstadt aus den zwanziger Jahren, ganz am Ende des langen Saatwinkler Damms, kurz vor dem großen Haselhorster Damm, wie die Straßen sehr Berlinerisch heißen, und unweit der Biegung eines ebenfalls sehr Berlinerischen Kanals.

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Zur Straße hin öffnet sich ein zurückgesetztes Erdgeschoß, das in der linken Hälfte weit höher ist als in der rechten. Beim Ende der linken Hälfte hat es zwei eckige Stützen und in der Mitte der rechten eine weitere. Genau zwischen den ersten beiden Stützen ragt ein dünnes Vordach mit rechteckiger Fläche nach vorne, wo es auf zwei runden Stützen ruht. Offen jedoch wirkt das Erdgeschoß keineswegs, da es an den Seiten von den Wänden des Gebäudes und oben vom Dach begrenzt wird. Das Dach ist erst ein schmaler Streifen, wird nach dem Vordach zur hohen Wandfläche und endet nach der rechten Stütze, wo es ebenfalls eine Stufe beschreibt, wieder schmal. So macht das Gebäude einen stark kubischen, geradezu schachtelartigen Eindruck, wie ein Bauklotzsatz aus Beton, und gibt dem Erdgeschoß einen strengen Rahmen vor.

Dabei ist gleich offenkundig, was hier war: eine KFZ-Werkstatt mit Tankstelle. Ganz links die großen verglasten Tore des Werkstattraums, daneben noch stärker verglast der Büro- und Kassenraum. Zwischen den eckigen Stützen im Boden letzte Spuren der Zapfsäulen, die zweifelsohne schon lange vor der Werkstatt den Betrieb eingestellt hatten. Doch es gibt keinerlei Schilder, keinerlei Werbung, die Räume sind leer, der Beton kahl – die Werkstatt ist nackt, ihr fehlt alles, was sie zur Werkstatt macht, sie ist eine Hülle.

Das gilt gleicherweise für das übrige Gebäude. Die befremdliche Nacktheit kann davon ablenken, daß es viel zu groß ist, um nur eine KFZ-Werkstatt beherbergt zu haben. Der Werkstattraum nimmt nur einen Teil der Gebäudetiefe ein, es setzt sich nach hinten noch weit fort. Rechts ist neben einer milchig verglasten Männertoilettentür eine weitere breite Einfahrt mit Rolltor. Die andere Seite des Gebäudes erklärt dann alles:

in der linken Hälfte ein langes undurchsichtiges Fensterband, in der rechten Hälfte zwei übereinander, eins etwas niedriger, eins etwas höher angeordnet als das linke.

Für normale Geschosse sind sie zu niedrig, nicht aber für Parkplätze. Das Gebäude ist ein Parkhaus und kein ganz kleines, denn es hat fünf Ebenen, drei innen und zwei auf dem Dach. Aus hinreichender Entfernung sieht man von vorne, wie über der Auffahrt zur rechten Dachfläche ein schräges Dach aufsteigt.

Doch auch auf die Parkhausnutzung deuten keinerlei Schilder, keinerlei Wegweiser mehr hin. Das Gebäude ist wirklich nur eine Hülle aus Beton. Vielleicht würde man es übersehen, wenn es anders wäre. So aber wird das Gebäude, das nie anders als funktional sein wollte, zu einer Skulptur, wird das Gebäude, das nie einen Stil haben wollte, zum Exponent des sogenannten Brutalismus, wird das Gebäude, das nie auffällig sein wollte, zur Attraktion. Vermutlich steht ihm der Abriß bevor, vermutlich wird an der Stelle in ein paar Jahren ein fünfgeschossiges Wohngebäude stehen, weil sich Wohnbau in Berlin auch in Randbezirken wieder lohnt. Für eine kurze Zwischenzeit aber kann hier ein ganz archetypischer westdeutscher Gebäudetyp von seiner Funktion losgelöst erkundet werden: das Parkhaus mit KFZ-Werkstatt und Tankstelle. Wenn die Automobilisierung der fünfziger und sechziger Jahre ein architektonisches Symbol hat, dann wohl solche Gebäude. Ungewöhnlich an diesem am Saatwinkler Damm ist nur, daß es nicht in einer Innenstadt und außerdem ganz frei stand. Das ist heute sein Glück oder das des Betrachters. Es ist ein Lehrbuchbeispiel, ein Modell seiner selbst: die Tiefgarage des reichen Mannes.