Archiv der Kategorie: Reaktionäre Architektur

Alkmaarer Löwen

Daß Alkmaar sich in den Dreißigern entschloß, an die Ecke bei der Kirche beidseits einer Straße zwei riesige neogotische Backsteinklötze zu setzen, war selbstverständlich völlig reaktionär und damit für ein nordholländisches Provinzstädtchen ganz typisch.

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Daran ändert auch nichts, daß sie, das damalige Politiebureau (Polizeiwache) und das Bürogebäude Hooge Huys (Hohes Haus), nur im Vergleich zu den zwei, dreigeschossigen Häuschen der übrigen Stadt hoch sind. Daran ändert ebensowenig, daß die beiden Gebäude ihre neogotischen Bezüge einzig aus den hohen rechteckigen Fenstern, die mit grauem Stein abschließen, den grausteinigen Kranzgesimsen der überstehenden Satteldächer und vor allem den hohen Treppengiebeln beziehen, wobei beim rückwärtigen Giebel des Hooge Huys‘ der mittlere höchste Teil ein Schornstein ist.

Außer durch die Giebel sind nicht einmal die Vertikalen besonders betont und die Eingänge sind zwar unschön steinern, aber nicht weiter monumental. Statt gotisierender oder sonstiger Ornamentik trägt jedes der Gebäude einige Kunstwerke.

Über dem zur Kirche zeigenden Eingang in der Giebelseite des Politiebureau ist es ein recht konventionelles Relief des Alkmaarer Wappens – ein Turm auf einem von Löwen flankierten und mit einem Lorbeerkranz bekrönten Schild, darunter auf einem Band die Worte: „Alcmaria Victrix“ (Alkmaar die Siegerin).

Das Hooge Huys hat in der Mitte der Giebelseite eine runde Fläche, die ein schlechterer reaktionärer Architekt mit einem Rosettenfenster gefüllt hätte, dieser aber mit einem hellgrauen Steinrelief.

Auf ihm ist ein Pelikan, der in Rückgriff auf ein klassisches Mißverständnis biologischer Vorgänge, das zur Christussymbolik wurde, drei vor ihm sitzende Junge mit seinem eigenen Herz füttert. Die Szene ist frontal gezeigt und die aufgespannten Flügel der Pelikanmutter sowie die im Bogen sitzenden Pelikanjungen füllen den Kreis genau aus, während die Linien der vier zueinander zeigenden Schnäbel eine völlig regelmäßige ⅄-Form mit zusätzlichem Mittelstrich ergeben.

Bei seinem Ende hat das Hooge Huys einen zurückgesetzten Teil, so daß zum Nachbargebäude hin an der Straße ein kleiner Hof entsteht, und auf dessen beiden Torpfosten sitzen Löwenskulpturen aus hellem grauem Stein, die kleinere Wappenschilder halten. Das linke Wappen zeigt einen nach links blickenden roten Löwen mit gelber Zunge und gelben Krallen auf gelbem Grund, ist in der unteren Hälfte aber nur schwarz, das rechte zeigt denselben Löwen, aber ohne das Schwarz und mit einer horizontalen gelben Linie unterhalb des Kopfs. Wohl, weil hier Holland ist, mag man darin ein langsames Versinken im Wasser erkennen.

Die Löwenskulpturen, die spiegelbildlich die rechte beziehungsweise die linke Tatze auf die Wappenschilder legen, haben nichts von Wappentieren, sondern sind wie schon die Pelikane gehauen in einem zarten, leicht stilisierenden realistischen Stil, der das Weiche, Abgerundete, Fließende liebt, ohne es zu übertreiben.

Hier gelingt es, wappenschützende Löwen würdevoll und wachsam, aber ohne Aggressivität oder Brutalität zu zeigen, was  ausweislich einiger tschechoslowakischer Beispiele derselben Zeit nicht so selbstverständlich ist.

Diese Löwen sehen zwar nicht geradezu so aus, als ob man sie streicheln wollte, aber auch nicht, als ob sie einen gleich anspringen und fressen wollten.

Die bildhauerische Ausstattung des reaktionären Hooge Huys ist seiner Architektur somit weit voraus. Ihr liebenswerter Realismus erinnert am ehesten an spätere Kunst der sozialistischen Staaten.

Endgültig bestätigt wird das Können des belgischen Bildhauers Maurice Xhrouet durch ein horizontal sechseckiges Tonrelief, das unauffällig, fast versteckt im Backstein im Hof hängt. Es zeigt eine Henne, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln die Fläche ausfüllt und links und rechts ein Küken beschirmt.

Hier bekommt ein ganz alltägliches Tier eine stilisierte und symmetrische Form mit unaufdringlicher Symbolik. Vielleicht war es eine Vorübung für das Relief an der Giebelseite, die zugunsten der etwas repräsentativeren und viel bezugsreicheren Pelikanszene abgelehnt, aber wenigstens im Hof angebracht wurde. Wer weiß, was dieser Künstler erst bei besseren Auftraggebern vermocht hätte.

Als in anderen Teilen Alkmaars progressivere Architektur entstand, war die realistische Kunst schon verpönt und ein Xhrouet hätte wenig Chancen gehabt. Die Qualität der Kunstwerke ist wie eine Anklage an die Stadt, nicht schon in der Zwischenkriegszeit statt eines reaktionären Hooge Huys‘ Hochhäuser gebaut zu haben. Bis ins Zentrum kam die fortschrittliche Architektur auch nie so ganz, denn noch in den Sechzigern wurde neben den Hof des Hooge Huys‘ ein ähnlicher Backsteinbau, der Hof Van Teylingen, gebaut und das schlimme Erbe der Dreißiger fortgeführt wurde. Aber Xhrouets kleiner Zoo aus Pelikanen, Löwen und Hühnern tröstet über all das hinweg, ein klein wenig zumindest.

Bruxelles

Der Schlüssel zum städtebaulich-architektonischen Verständnis von Brüssel findet sich in einer unscheinbaren zweisprachigen Inschrift am Mont des Arts (Kunstberg):

„Der Kunstberg, entworfen von Léopold II., begonnen unter Léopold III., gebaut unter Baudouin I., ist dem Andenken von Albert I. gewidmet.“

Die genannten Könige regierten insgesamt von 1865 bis 1993. Brüssel ist eine Stadt ungebrochener Kontinuitäten und entschiedenster, verheerendster Konsequenz. Das 19. Jahrhundert hörte hier nie  auf. Nicht nur blieb die Monarchie über alle Kriege und Revolutionen ringsum erhalten, sie baute auch weiter, was ihr erfolgreichster und schrecklichster Vertreter, König Léopold II., begonnen hatte. Denn was für den Mont des Arts gilt, das gilt für die gesamte Stadt.

Es fängt an mit dem über der Altstadt thronenden Palais de Justice (Justizpalast) von 1883, einem historistischen Gebäude so monströs und brutal, daß es schwindelig macht. Diesen Palast des Todes maßstablos zu nennen, wäre jedoch verfehlt, denn vielmehr begründet er einen neuen gänzlich unmenschlichen Maßstab monarchistischer Machtdarstellung, dem ganz Brüssel unterworfen werden sollte. Es setzt sich fort in Triumphbögen, Denkmälern und dem ganzen übrigen Inventar des Historismus. Vielleicht sind die Brüsseler Beispiele immer noch etwas monumentaler als anderswo und erst in Kaiserdeutschland an schierer Schrecklichkeit erreicht, aber sie bleiben noch im Rahmen ihrer Zeit.

Doch während anderswo das 19. Jahrhundert mit dem Jahr 1914 oder spätestens dem Jahr 1917 endete, ging es in Brüssel einfach weiter. Léopold II. war lange tot, als die Stadt weiter nach seinen und seiner Architekten Vorstellungen geformt wurde. Man sieht das gut, wenn man vom oberen Ende des Mont des Arts in die Ferne blickt.

Man steht in einer riesigen Achse, die von einer verhältnismäßig bescheidenen klassizistischen Kirche im Quartier Royal (Königsviertel) auf dem Hügel über den aus faschistoiden Sandsteinbauten bestehenden Platz des Mont des Arts

und die Spitze des Rathausturms in der Altstadt bis zu einer riesigen Kirche weit draußen führt.

Will man schon beim Mont des Arts kaum glauben, daß so etwas nach 1945 erbaut werden konnte, so erscheint es vollends surreal, daß die Kirche Sacré-Cœur, ein bizarres Monstrum in einer Art Art Déco-Stil, erst Anfang der Siebziger fertiggestellt wurde, der 1970er wohlgemerkt.

Aber das ist eben Brüssel: der wahnhafte Traum eines kleinen Monarchen des 19. Jahrhunderts, der von seinen Nachfolgern pflichtschuldig Wirklichkeit gemacht wurde. Daß die dafür nötigen Mittel direkt aus der Ausbeutung des Kongo, die sogar in der nicht unbedingt zimperlichen Blütezeit des Kolonialismus berüchtigt war, stammen, das sieht man diesen Gebäuden und Stadträumen auch an.

Straße der Kolonien / Zur Erinnerung an die Annexion des Kongo

Postmoderne in Triest

Zu sagen, daß in Italien die Architektur der sogenannten Postmoderne ununterscheidbar von der Architektur des Faschismus ist, mag erst einmal wie eine Beleidigung klingen. Doch es ist etwas komplizierter, da zum einen in der Zeit des Faschismus auch gute, fortschrittliche Architektur entstand und zum anderen jemand es als etwas Positives auffassen könnte, daß die Architektur der Postmoderne überhaupt irgendetwas anderem ähnelt.

Als kurze Begriffsklärung: Mit Postmoderne ist hier eine kurzlebige, aber folgenreiche reaktionäre Architekturmode der Achtziger gemeint, die sich dadurch auszeichnete, in ironisch zitierender Weise überkommene architektonische Elemente wie Säulen oder Tempelgiebel aufzugreifen. Mit Architektur des Faschismus ist die Gesamtheit des Bauschaffens in der Zeit des italienischen Faschismus (1922-1943/45) gemeint, was von der faschistischen Architektur im engeren Sinne zu unterscheiden ist. Das Beispiel für die eingangs getane Aussage stammt aus dem Zentrum der nordostitalienischen Hafenstadt Trieste (Triest).

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Während der große, zum Meer geöffnete Piazza Unità d’Italia (Platz der Einheit Italiens) ein sehr österreichischer Ort ist, ein Ensemble monumentaler historistischer Bauten, eine Ringstraße am Mittelmeer wie Liberec gerne eine Ringstraße in den Bergen gehabt hätte, bemühte sich der Faschismus, nachdem Triest 1919 an Italien gekommen war, in den angrenzenden Straßen umso entschiedener, seine Vorstellungen von spezifisch italienischer Architektur zu verwirklichen, wozu 1938 sogar ein römisches Amphitheater teilweise wieder aufgebaut wurde.

Für das wirkliche Italien, die verwinkelten engen Gassen am Hang, interessierte er sich dabei wenig, im Gegenteil riß er alte Gebäude großflächig ab, um seine Vision zu verwirklichen. Meist ist das ein kahler Neoklassizismus mit viel glattem hellen Stein und einschüchternden Kolonnaden, der statt Ornamenten nur noch Monumentalität hat.

Manchmal gibt es jedoch auch fortschrittliche Elemente wie die in zwei Stufen zurückgesetzten und mit einer Art Penthouse endenden Dachterrassen des Generali-Gebäudes oder sogar insgesamt fortschrittliche Gebäude wie das zwölfgeschossige Wohnhochhaus neben dem Amphitheater. Auf einem einfachen steinverkleideten Sockel mit zwei Geschossen hat es eine rote Backsteinverkleidung mit horizontaler Riffellung und als Abschluß einen weißen Aufbau aus dünnen Stützen und Streben.

Links ist eine Ecke abgerundet, rechts, nun eckig, was den dort jeweils folgenden siebengeschossigen Bauteilen, mit denen es an die Nebengebäude anschließt, entspricht.

Hier ist diese Architektur von der gleichzeitigen in der Tschechoslowakei, Polen, Österreich oder Jugoslawien kaum zu unterscheiden. Daß es sich jeweils um Blockrandbebauung handelt, muß vielleicht gar nicht betont werden, neue Ideen von Stadt hatte der italienische Faschismus weder in den reaktionären noch den fortschrittlichen Ausprägungen seiner Architektur.

Insofern ist die Fassade an einer kleinen Straße direkt hinter dem Platz, der Via Punta del Forno, erst einmal wenig überraschend: fensterlos und hoch, im unteren Teil grauer Stein mit horizontalen Rillen, darüber ockerfarbener Putz. In der Mitte unten ein hoher Eingang mit zwei ebenfalls horizontal gerillten Säulen, die sich oben in Pilastern fortsetzen. Auch die Ecken sind bis oben durch Steinverkleidung besonders betont. Oben sind dann rechteckige Öffnungen und ein geschwungen überstehender Abschlußstreifen. Wiewohl jegliche explizit historistischen Formen fehlen, ist in dieser Fassade die ganze imaginierte Gewalt und Monumentalität eines römischen Tempels evoziert, alles, wie es dem Faschismus gefällt.

Doch an der rechten Seite merkt man, daß hinter der Fassade kein, oder jedenfalls nur ein sehr schmales Gebäude ist, das hinter ihrer Ecke ein abgerundetes Treppenhaus hat. Erst ein deutliches Stück zurückgesetzt in der abzweigenden Gasse, der Androna del Pozzo, beginnt das eigentliche Gebäude, vor dem zwei Teile stehen, die im Aufbau, insbesondere dem geschwungen überstehenden Abschluß, der beschriebenen Fassade entsprechen, aber etwas niedriger sind.

Vor dem ersten ist bis ins dritte Geschoß eine völlig andere Fassade mit Steinstruktur im dunkelgrauem Putz und regelmäßigen vertikalen Fenstern. Von ihr führen zwei quergesetzte Wände schräg hinab zum vorgesetzten Erdgeschoß, das bei entsprechender Gestaltung zwei große Fensterflächen mit flach rundbögigen Abschlüssen hat. Sie öffnen sich zu einem niedriger gelegenen Wiesenstück, das zur Gasse hin durch eine L-förmige niedrige Mauer mit grauer Steinverkleidung abgetrennt ist. Da auch die graue Fassade kaum merklich schräg zum ersten Teil steht, ragt sie im zweiten Geschoß rechts in ihn hinein und er legt sich mit vertikalen Öffnungen in angedeuteten Kolonnaden über sie.

Es ist dieser Teil, der so enorm an die Postmoderne erinnert. Genau so, in groben Zügen historische Formen zitierend und dann irgendwie schräg ineinanderschiebend, sind viele andere von dessen Gebäuden. Auch der kleine, völlig nutzlose Grünbereich, selbst nur ein schlechtes Zitat, paßt.

Daß der zweiteTeil vor den konventionellen Fenstern des eigentlichen Gebäudes wieder sehr schmal mit einem abgerundeten Treppenhaus endet, überrascht da kaum mehr.

Doch was ist in diesem Fall das eigentliche Gebäude? Wenn man von der anderen, der Eingangsfassade entgegengesetzten Seite schaut, sieht man auf dem schmalen Grundstück zwischen der schmalen Androna del Pozzo und der noch schmaleren Parallelstraße, der Via della Procureria,  bloß einen wenig auffälligen historistischen Bau, der klar in die österreichische Zeit gehört, über einem Portal steht die Jahreszahl 1804.

All die faschistischen/postmodernen Anbauten wirken nunmehr gleichsam potemkinsch. Zugleich wird auch das alte Gebäude zur Kulisse reduziert, wenn links der Eingangsfassade fast alle Fenster zugemauert sind.

Wieso wurde beim Umbau des Gebäudes nicht einfach die Fassade vereinheitlicht? Oder wieso sind nicht wenigstens die Anbauten in sich einheitlich und entschieden vom Älteren abgesetzt? Und was hat es mit der eingeschobenen dreiigeschossigen Fassade, die doch augenscheinlich nicht alt ist, auf sich? Der Postmoderne kann man solche Fragen nicht stellen, da sie alles zum bedeutungslosen oder bedeutungsgeladenen Zitatenspiel erklärt hat. Sie setzt weder das Alte fort, noch ist sie etwas wirklich eigenes, sie ist weder respektvoll, noch selbstbewußt, sie ist bloß mit voller Absicht vage und unentschlossen. Wäre dies nicht Italien, so wäre völlig klar, daß es sich um postmoderne Architektur handeln muß. Hier aber kann die in Materialien und Formen fast ununterscheidbare faschistische Architektur ringsum einen zweifeln lassen und es braucht Recherche, um schließlich festzustellen: das Gebäude wurde unter Benutzung von Älterem als Archivio Generale del Comune di Trieste (Hauptarchiv der Gemeinde Triest) erbaut und zwar im Jahre 2003. Wie jede Architekturmode lebte auch die Postmoderne lange nach ihrem angeblichen Tod weiter.

Ob beleidigend oder nicht, die eingangs genannte Ununterscheidbarkeit ist eine Tatsache. Aber schlimm ist nicht, daß die Postmoderne so nah an der Architektur des Faschismus ist, sondern, daß sie so nah an deren reaktionären oder schlichtweg lächerlichen Aspekten ist. Reaktionär wäre die Postmoderne auch ohne den Vergleich und daß jede Beleidigung zutrifft, das zeigt jedes ihrer Gebäude.

Erkundungen auf Friedhöfen: Das A und Ω des Graffiti

Auf einem der Friedhöfe der Jerusalems- und Neuen Kirche am Halleschen Tor in Berlin findet sich die Gruft der Familie Prächtel, die schön zeigt, was in Preußen so gebaut wurde, als anderswo der Jugendstil herrschte und schon manchmal über ihn hinausgegangen wurde. Der ganze Bau von 1904 besteht aus rauhen grauschwarzen Steinquadern und ist vertikal strukturiert. Um den Eingang sind glatte grauschwarze Streben mit angedeuteten Kapitellen, die nach oben hin näher aneinanderrücken und einen dreieckig endenden Steinblock tragen. Das Dach steht deutlich über und oben ragen zwei Zapfenornamente aus ihm, bevor es als Stufenpyramide ansteigt und in etwas endet, das gut als Altar für Menschenopfer dienen könnte. Nie war der Tod tödlicher als in dieser präfaschistischen Todesarchitektur und man muß froh sein, daß die schweren dunklen Pforten ins Gruftinnere verschlossen bleiben.

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Bloß in zwei quadratischen Feldern oben an der Vorderseite sind zwei Mosaike, die auf braungoldenem Grund in grünen Kränzen ein A und ein Ω in Blau zeigen. Auf dem linken Kranz, um den sich ein blaßlila Band windet, sind weiße Rosenblüten und auf dem rechten, der ein lila-weißes Band hat, kleine lila Beeren. Diese Mosaike bringen etwas Zartheit und Licht in das aggressive und dunkle Gebäude.

Passenderweise sind es genau die Farben der Mosaike – Weiß, Grün, etwas Blau und Braungold – die im Spätsommer 2019 auch das Graffiti an der rechten Seite hat. Es sind nur vermischte, scheinbar beliebig von der Friedhofsmauer aus gesprühte Tags, aber sie sind genau wie die Mosaike und auf derselben Höhe in einem vertieften Feld zwischen den dunklen Steinen angeordnet, so daß sie ihnen ganz entsprechen.

Ob Zufall oder nicht, für die Gruft sind Mosaik und Graffiti ähnlich wichtig und es ist auch wirklich nicht zu sagen, was davon das wertvollere Kunstwerk ist, wobei das nicht als großes Lob für eines von beiden mißzuverstehen ist.

Forum Gdańsk

Daß Wichtigste an Gdańsks neustem und größtem Einkaufszentrum kann man auch am leichtesten übersehen: es wurde über die Gleisanlagen unweit des Hauptbahnhofs gebaut. Schon allein deshalb verdient es Beachtung.

Was die Formen der verschiedenen Bauteile angeht, ist Forum Gdańsk gänzlich reaktionär. Wiewohl alle zugleich erbaut worden, lügen sie eine Vielfalt vor. Rechts vorne die Kunszt Wodny (Wasserkunst) mit dunkelgrauer Metallverkleidung, großen Fensterflächen, einem spitz zur Straße weisenden Teil, noch das hübscheste Gebäude und gegenwärtig leerstehend oder noch nicht fertig, vielleicht beides.

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Links vorne ein hoher verglaster Bau, der in den Linien im Glas und der vieleckigen Form des grauen Dachs Asymmetrien vortäuscht. Dahinter dann billigste neohistoristische Dinge in Backstein und Glas, wie sie in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland überall gebaut wurden. Irgendwo auch nachgeahmte Satteldächer. Dazwischen ein Backsteinbau aus der Kaiserzeit, da Gebäude wie dieses immer gerne als Beispiel des Alten erhalten werden, ohne daß sie es irgendwie verdient hätten.

Weit besser ist der zwischen all dieser architektonischen Nichtigkeit entstehende Raum, denn Forum Gdańsk liegt direkt gegenüber dem alten Stadtkern, bloß eine, allerdings vielspurige Straße, trennt es von dem Brama Wyżynna (Hohen Tor). Von dort kommt man durch eine schon vorher bestehende und nur umdekorierten Unterführung erst auf einen kleinen tiefergelegten Platzteil und dann über eine breite Treppenanlage weiter links auf den größeren ebenerdigen Platzteil.

Dieser ist groß und frei, mag ohne Menschen auch bloß trostlos und leer wirken, aber er ist zur alten Stadt geöffnet und das genügt.

Der Blick auf die Tore und Türme von Gdańsk ist großartig und kann nur großartig sein. Die nichtige Architektur um einen ist leicht vergessen, wenn man aus ihr auf das wiedererbaute architektonische Erbe vieler Jahrhunderte schauen kann.

Das Forum Gdańsk hätte sich wirklich bemühen müssen, um in dieser Nachbarschaft nicht einen einigermaßen gelungenen Platz zu schaffen. Als Ausdruck dieses Bemühens hängte es an den asymmetrisch verglasten Bauteil einen riesigen irgendwie stilisierten, aber dennoch bedrohlichen Löwen aus braunem Blech. Mittlerweile haben auf seinem rostigen Haupt immerhin Tauben einen Nistplatz gefunden.

Grundsätzlich weiß das Forum aber offenbar, daß es viel mehr als den Blick aufs Alte nicht bieten kann und fügte in die Treppen größere holzverkleidete Stufen als Sitzbereiche ein. Man sitzt dort wie in einem Theater mit Blick auf die Kulisse von Gdańsk und das durch den unteren Platz fließende Leben.

Sogleich wurden diese Sitzplätze der beliebteste Ort des Forums. Daran sieht man zugleich, daß es zu wenige solcher Orte gibt und man ahnt, wie eine fortschrittliche Gestaltung dieses Raums hätte aussehen können.

Quer durch den oberen Platzteil fließt in einer Senke der Kanał Raduni (Radunia-Kanal), den an dieser Stelle wieder sichtbar zu machen die große, und ja nicht schlechte Idee von Forum Gdańsk ist. Auf ihn bezieht sich die Kunszt Wodny rechts, unter der er hindurchfließt, und er fließt auch schon durch das eigentliche Einkaufszentrum weiter links.

Dessen zentraler Teil ist architektonisch ziemlich schlicht, nicht mehr als ein weites gläsernes Dach und zwei gläserne Wände zwischen den anderen Bauten der linken Platzseite. Sein Inneres wirkt wie ein Außenraum und ist auch so gedacht. An Stahlelementen aufgehängte Brücken spannen sich darüber und einige große Balkone, auch manche mit silbrig verkleideten Unterseiten, hängen hinein.

Unten in der Mitte fließt der Kanal und wird das vielleicht irgendwann auch sichtbar tun; gegenwärtig ist er verdeckt und daß die Gestaltung der Bedeckung bereits variiert wurde, deutet wohl darauf hin, daß das noch länger so bleiben wird. Seine nächste Umgebung ist als nachgeahmter Stadtraum gestaltet, es gibt Straßenlaternen, Kopfsteinpflaster und auch eine Brücke, die so tut, als wäre sie aus Backstein. So lächerlich und billig vieles hier ist, der eigentliche Raum ist in seiner Größe und Offenheit durchaus angenehm und besser als in den allermeisten anderen Einkaufszentren. Es ist sogar leicht, zu vergessen, daß man in einem Einkaufszentrum ist, was das Potential dieser Gebäudeform zeigt.

Der nach links entlang der Straße verlaufende Bereich des Forums Gdańsk schließlich wurde als eine Art künstlicher Hügel gestaltet.

Zwischen schrägen Beeten führen lange Treppe zu einer Terrassenebene, die mit dem obersten, dem Food Court- und Kinoeingangsbereich des Einkaufszentrums verbunden ist. Von hier nun hat man einen ganz neuen Blick auf Gdańsk. Hier sieht man nicht mehr nur wie vom Platz unten die Altstadt, sondern weit darüber hinaus.

In mittlerer Entfernung beim Bahnhof die Hochhäuser und direkt vor einem die Straße, die aus dieser Perspektive nicht mehr bloß ärgerliches Hindernis, sondern mit der geschwungen um die Ecke führenden Brücke und dem Tunnel als wichtiges Verkehrsbauwerk zu erkennen ist.

Hier benutzt das Forum nicht bloß die Nähe der Altstadt, sondern schafft einen ganz eigenen Raum, den es vorher nicht gab.

Fast unnötig zu erwähnen, daß keiner der drei beschriebenen Teile von Forum Gdańsk – Hügel, Innenraum, Platz – ein wirklich öffentlicher Raum ist. Die Treppen zur Terrasse können abgesperrt werden, der verglaste Innenraum ist eben doch der eines Einkaufszentrum und auch auf dem Platz mit Altstadtblick, der immer zugänglich ist, hat die private Betreiberfirma Hausrecht.

Doch all das, all das Abwägen positiver und negativer Aspekte, ist letztlich egal, weil das Forum Gdańsk nicht das leistet, was ob seiner Lage seine entscheidende Leistung sein müßte: vorher getrennte Teile der Stadt auf neue Arten zu verbinden. Die Voraussetzungen wären da, schließlich ist es über die Gleise gebaut, was bereits in Deutschland, wo es schwer genug ist, auch nur Bahnhöfe über Gleise zu bauen, kaum denkbar ist. Daß es die Straße zur Altstadt nicht überbrückt, nicht einmal die Unterführung verändert, kann man ihm verzeihen und auch noch, daß die Unterführung zum SKM-Bahnhof Śródmieście rechts der gesamten Anlage lang und ohne guten Zugang ist. Aber auf die Verbindung zu den Bereichen jenseits der überbauten Gleise käme es an. Vom Platz aus führt sogar eine Treppe geradeaus und weiter ein Weg. Doch  nach links blickt man über ein kieselbedecktes Dach, unter dem die Gleise sind.

Aus bizarren Gründen ist gerade hier weder ein Weg noch ein Gebäude. Dann endet der Weg abrupt an der nächsten Straße und Treppen führen seitlich hinab auf den Gehsteig. Nicht einmal eine Ampel leitet in direkter Fortsetzung über die Straße.

Die eigentlich so nahen Bereiche bleiben so fern wie eh. Ihnen wendet Forum Gdańsk bloß sein Parkhaus oder andere Wände zu. Von hier aus gesehen ist es eine Mauer zur Altstadt und der schlecht zu erreichende Weg wie ein Hohn.

Trotz all seinem Potential scheiterte Forum Gdańsk dort, wo es wichtig wäre. So groß es ist, so gut seine Lage, es bleibt eben ein Stück kapitalistischer Architektur, das die Stadt weder grundsätzlich verändert noch verändern kann.

Palas

Wer das heutige Iași sehen will, muß bloß Palas besuchen. Palas ist ein Einkaufs- und Bürozentrum, aber keines, wie man es erwartet. Es hat die üblichen Geschäfte, einen großen Food Court über einem großen Auchan-Supermarkt, einige mittelhohe Bürogebäude, ein Bürohochhaus, das wie ein Wohnhochhaus aussieht, und ein Hotelhochhaus.

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Außer dem Hotel, das in seinem billigen Historismus an amerikanische Provinzhochhäuser vor hundert Jahren erinnert, ist die Architektur mit viel braunverspiegeltem Glas, braunem und hellem Stein und brauner glatter Verkleidung auf dem üblichen internationalen Standard für solche  Architektur.

Der interessanteste Teil ist eine große Halle mit weitem Dach aus weißen Metallstreben, an deren Seiten drei Geschosse in Terrassenstufen ansteigen. Wie um die Leichtigkeit und Eleganz der Konstruktion auszugleichen, sind die einzigen Stützen in der Mitte mit grauem Stein möglichst wuchtig und monumental gestaltet.

Doch das Besondere an Palas ist nichts von alledem, sondern einzig die Tatsache, daß es sich in vager Hufeisenform um den Park des Schlosses von Iași legt. Alles an ihm ist auf diesen Freiraum und den riesigen neogotischen Bau des Schlosses selbst, der oberhalb des terrassierten Hangs steht, ausgerichtet.

Zwischen dem Einkaufszentrum und dem Park stehen weiterhin stark verglaste zweigeschossige Pavillons mit Cafés, Restaurants und Bars. Der Pavillon eines Restaurants namens „Platz Bierhaus” hat Tische auch in einer Laube im Parkteich, in dem selbstverständlich eine Fontäne ist.

Anderswo gibt es Trampoline und Karussells für Kinder. Über all dem steht das Schloß, das mit der vor seiner Mitte den Hang herabführenden Treppen- und Brunnenanlage ein perfektes Selfiemotiv bietet. Der gesamte Park bis kurz vor dem Schloß ist wohlgemerkt kein öffentlicher Ort, sondern als Teil von Palas im Privatbesitz.

Es läßt sich nicht einmal sagen, daß Palas ein schlechter Ort ist, eher ist es einer, der staunen und recht eigentlich schwindelig macht. Palas, das ist der gegenwärtige Kapitalismus komprimiert in einen städtischen Raum. Es ist damit in mancher Hinsicht ein perfekter Ort.

Die reaktionäre historistische Architektur des 1926 fertiggestellten Schlosses, das schon lange Palatul Culturii (Kulturpalast) mit mehreren Museen und heute so renoviert ist, daß von einer „Patina des Alters” (Piltz) nichts mehr bleibt, paßt gut zum Bedürfnis nach photogenem Kitsch. Palas war klug genug, sich selbst architektonisch zurückzuhalten und die Formen des Schlosses nicht etwa nachzuahmen. Um den privaten Park ist kein Zaun und es gibt sehr viele Bänke und frei zu betretende Wiesen, die öffentlichen Raum simulieren. Sie tun das sogar mit gewissem Erfolg, doch wo auch immer man ist, ist da von etwas zu viel. Verschiedene Musik aus mindestens zwei, drei Quellen vermischt sich zu einer Kakophonie, wenn man nicht in einem der Cafés etc. sitzt. Das Licht nachts ist grell und läßt alles noch surrealer wirken. Überall sind so viele Menschen, daß es immer auf unklare Art voll wirkt, ohne daß man meist eine Menge wahrnimmt. Ein umfangreiches Verbotsschild macht stets deutlich, daß man hier nur zu Gast ist, aber die Verbote werden gegenwärtig offenbar nicht im geringsten durchgesetzt.

Zu dem zahlenden Publikum in den Bars etc. kommen daher immer noch viele andere Menschen. Links des Schlosses etwa haben die Skater ihren Platz. Und es gibt sogar erstaunlich dunkle Stellen mit Bänken, wo Pärchen andere für Palas schwer direkt zu monetisierende Dinge machen können.

Aber nein, ein schlechter Ort ist Palas nicht. Wenn auch das Schloß eine traurige Monstrosität ist, so ist das Grün des Parks wertvoll und es wird durch grüne Dachterrassen auf manchen der Pavillons noch erweitert. Erst an den Rändern, sozusagen auf der Rückseite von Palas wird die absichtliche Unzulänglichkeit dieser Architektur völlig deutlich. Während innen im Park alles offen und autofrei ist, hat man sich hier durch ein Gewirr von Zufahrtsstraßen und Tiefgarageneinfahrten zu kämpfen.

Sicher, eine Mauer wäre schlimmer, aber vermeidbare Hindernisse bedeuten doch eine Erniedrigung, was nun wieder paßt, da diese für die Angestellten in den auf frankophone Märkte ausgerichteten Outsourcingfirmen von Palas und für jeden in einer kapitalistischen Gesellschaft eine tägliche Erfahrung ist.

„Inima orașului“ (Das Herz der Stadt) lautet der Slogan von Palas und wenn das stimmte, wäre die Stadt eine Art Zombie oder Cyborg. Aber es stimmt nicht und obwohl es Schlimmeres gibt als Palas, ist Iași glücklicherweise weit mehr, noch immer und trotz alledem.

Ein Albtraum von Gotenhafen

Wenn man in Gdynia den Hauptbahnhof hinter sich läßt und mit der SKM (Stadtschnellbahn) weiter nach Norden fährt, sieht man rechts die weite Industrielandschaft des Hafens und links vermischte Bebauung vor den Hügeln. Doch plötzlich taucht darin ein Monster auf.

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Es ist ein Gebäude so böse, daß es alles andere überdeckt. Schon höher am Hang, durch einen weiten kahlen Vorbereich von der großen Morska (Meeresstraße) getrennt, steht es da. Besonders groß ist es den bloßen Daten nach nicht einmal: der Hauptteil hat fünf Geschosse, wobei das unterste halb unterirdisch ist, und dahinter ist in der Mitte ein noch einmal zwei Geschosse höherer Teil. Aber es will groß sein und alles um sich herum kleinmachen. Die vertikalen Linien der Fenster der vier unteren Geschosse sowie der Putzflächen zwischen ihnen werden von den schmalen vertikalen Ritzen des fünften Geschosses vom bloß Monumentalen ins Monströse verstärkt. Wie Schießscharten oder Pechnasen mittelalterlicher Burgen drohen sie der Umgebung entgegen.

In der Mitte ist der Eingangstrakt deutlich vorgesetzt und ein riesiger tiefer Rundbogen mit vertikalem Streben erstreckt sich über die ersten vier Geschosse. Oben sind wieder die Schießscharten und das noch weiter als sonst schon überstehende Dach, dessen Wirkung durch antikisierende Kranzgesimse noch verstärkt wird.

Dieses durch und durch reaktionäre Gebäude baute sich im Jahre 1929 das Instytut Handlu Morskiego (Institut für Seehandel). Wie eine feindliche Zwingburg sitzt es über dem Hafen, der einem zu Füßen liegt, wenn man aus seinen Fenstern blickt oder aus seiner Tür tritt. Dort die modernste Technik, die zu klarsten Formen zwingt, hier eine unsäglich rückwärtsgewandte Architektur.

Doch diese Verbindung war in der Zwischenkriegszeit nichts Besonderes. Architektur galt noch immer weithin als etwas, das würdevoll und schmückend der Technik entgegengesetzt sein müßte. Reaktionäre Architektur wie diese in Gdynia entstand in den Zwanzigern überall, ob nun in bürgerlich-demokratischen Staaten wie der Tschechoslowakei oder Deutschland, im faschistischen Italien oder eben in einer Quasi-Diktatur wie Polen. Politische Schlüsse lasen sich daraus also nicht ziehen, aber es genügt ein einziger Blick auf das Instytut Handlu Morskiego, um zu spüren, wie wohl sich in ihm nach 1939 die neuen deutschen Herren der Stadt, die sie in Gotenhafen umtauften, gefühlt haben müssen. Denn in dieser Architektur war schon viel von Gotenhafen angelegt, bevor irgendwem dieser perverse Name eingefallen wäre.

Gdynia selbst war 1939 bereits viel weiter, war es auch 1929 eigentlich schon gewesen. Trotz all ihren Mängeln sind die übrigen Teile der Stadt glücklicherweise viel näher an der Klarheit des Hafens als an der Menschenfeindlichkeit des Seehandelsinstituts.