Archiv der Kategorie: Reaktionäre Architektur

Sopot in Westdeutschland

Sopot ist ein Badeort in Polen, mittlere Stadt der Trójmiasto (Dreistadt), aber wer in Westdeutschland aufgewachsen ist, wird dort auf dem zentralen Platz alles auf unangenehmste Art vertraut finden. Denn er sieht aus wie in einer westdeutschen Provinzstadt. Obwohl schon der unentschlossene Name Plac Przyjaciół Sopotu (Platz der Freunde von Sopot) nichts Gutes verspricht, gelingt es der Bebauung auf seiner linken Seite, noch weit schlimmer zu sein.

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Geschwungen erstreckt sich da ein langes Gebäude mit Geschäften, Büros, wohl auch einem Hotel, das mit allerlei spitzen und runden Giebeln irgendeinen historischen Bezug haben will, der aber nicht einmal an die Bauklötzchenstädte eines Dreijährigen heranreicht.

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Quer dazu steht an der nach links abzweigenden Straße ein nicht weniger großes Gebäude, das als Dom Zdrojowy (Kurhaus) neben Geschäften und Büros noch eine kulturelle Funktion, nämlich als Kunstgalerie, behauptet. Billige Steinverkleidung, weißes Metall, viefach unterteiltes Glas, das an leicht vorgesetzten Teilen abgerundet endet, über dem Eingang einen halbrunden Giebel bildet und an den Ecken in spitzen Pyramidenformen aufragt.

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Wie hier historistische Formen auf billig stilisierte Art zitiert werden, ist nun endgültig Bad Homburg circa 1986. Daß diese reaktionäre Architektur der achtziger Jahre in Sopot erst 2009 entstand, macht es nicht mehr oder weniger schlimm, sondern zeigt nur eines: was auch immer für Probleme Polen in den Achtzigern hatte, vor derlei Auswüchsen war es gefeit. So dominant sind diese beiden reaktionären Gebäude auf dem Platz in Sopot, daß man den weiter vorne rechts neben dem Dom Zdrojowy stehenden Turm eines Gebäudes, dessen Neorenaissanceformen um 1905 ähnlich dumm und reaktionär waren, übersehen kann und alles andere auch.

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Allerdings gibt es für den Plac Przyjaciół Sopotu, ganz wie in der westdeutschen Provinz, mildernde Umstände, ob derer man eher bereit ist, sich mit der Stadt zu befreunden. Neben der durch einem kurzen Tunnel für die querende Straße erreichten Befreiung vom Autoverkehr ist das die Bebauung auf der rechten Platzseite.

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Zuerst sind da ein, zwei kleine Gebäude, die mit ihren Vorbauten aus ornamentiertem Holz und viel Glas das Beste der Seebadarchitektur des 19. Jahrhunderts, eine gewisse Luftigkeit und Leichtigkeit, repräsentieren.

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An sie schließt ein Gebäude mit Cafés und Restaurants an, das die fortschrittliche Architektur des polnischen Sozialismus schuf, aber auch jene der westdeutschen Sozialstaatlichkeit hätte schaffen können.

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Sein Baukörper ist langgestreckt und hat zwei hohe Geschosse, wenig weiße Metallverkleidung und viel durch vorgesetzte silberne Stahlstreben strukturiertes Glas. Doch das sieht man kaum, da ein Stück davor auf hohen schlanken Stützen aus weißen Stahl eine Terasse ist, die zugleich ein Vordach für die Außenbereiche der Restaurants und Cafés bildet. Eine Treppe, die nur aus einer umgedrehten Y-förmigen Stütze, Stufen und Geländer besteht, führt rechts neben der Schmalseite auf die Terasse hinauf.

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In diesen ganz anderen Formen ist die Leichtigkeit der Kurarchitektur fortgeführt, ohne schon zu etwas radikal Neuem zu werden. Links wächst aus dem zweigeschossigen Gebäude dann ein Teil schräg auf sechs Geschosse an. Dieser höhere Teil schließt an die historistische Blockrandbebauung an und sieht von der Querstraße aus auch nur wie ein schmales Bürogebäude aus.

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Anders als die dumme Architektur gegenüber nimmt dieses kleine und leichte Gebäude also auf seine Umgebung Bezug, weiß, daß es in Sopot und nicht in Bad Homburg ist.

Schließlich gibt es auch noch etwas Kunst. Unter dem linken Ende der Terrasse, vor einem Eingang des höheren Bauteils, ist eine zurückgewölbte Wand mit einem Mosaik aus großen Kieseln in Rot, Schwarz, Gelb, Weiß. Hier hätte der polnische Sozialismus zeigen können und müssen, was ihn von Westdeutschland unterscheidet, hier hätte er sich selbst zeigen können und müssen, doch er tat es nicht: das Mosaik ist abstrakt.

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Daß dieses Gebäude in der beschriebenen Form schon nur noch einen Schatten seiner selbst darstellt, braucht nicht zu überraschen in einer Stadt, die ihren Platz mit den eingangs beschriebenen Gebäuden verschandelte. 1960 wurde es als Bar Alga eröffnet und ja, Alga heißt Alge, während Bar im heutigen polnischen Gebrauch auf dem Umweg über Bar Mleczny, Milchbar, zur Bezeichnung günstiger Selbstbedienungsrestaurants, in denen man Pierogi und andere unkomplizierte Speisen, aber keinen Alkohol bekommen kann, geworden ist. Ursprünglich hatte die Terrasse der Bar Alga ein kompliziert gefaltetes Dach aus Stahl und durchsichtigem Kunststoff, das die maritime Luftigkeit der Architektur noch einmal verstärkte. Für eine Weile war sie Wahrzeichen und Stolz der Stadt. Auch ihr späterer Niedergang wäre ähnlich in Westdeutschland geschehen und sogar, daß man ihre Geschichte jetzt auf einer Seite mit dem Namen Powojenny modernizm (Nachkriegsmoderne) nachlesen kann, paßt.

Einen in leider vor allem schlechten Sinne westdeutschen Platz also hat Sopot. Für ein endgültiges Urteil über seine heutige Gestalt ist noch eine Information wichtig: er liegt nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Anmerken kann man es ihm nicht.

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Sátoraljaújhely

Wer würde schon damit rechnen, daß man ausgerechnet vom Bahnhof Slovenské Nové Mesto nach Ungarn kommt? Dieses Slowakisch Neustadt im südlichen Osten des Landes ist nämlich gewiß keine Stadt, sondern wenig mehr als der Bahnhof und einige entschieden dörfliche Straßen, und es ist auch nicht sehr slowakisch, da man sehr bald über die Grenze nach Ungarn kommt. Die Tschechoslowakei verabschiedet sich mit einem Grenzgebäude mit zwei Geschossen und einem Vordach, von dem die Stützen schrägt nach außen verlaufen.

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Dahinter ist Sátoraljaújhely.

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Nun könnte man meinen, daß eine ungarische Stadt ohnedies gar nicht so anders aussehen sollte als eine slowakische, schließlich gehörte die Slowakei bis 1918 zu Ungarn und schließlich waren beide Länder seit den späten Vierzigern vom Sozialismus geprägt. Doch diese verkürzte Sichtweise widerlegt Sátoraljaújhely sofort. Schon das Panorama der Stadt ist anders. Wo in der Tschechoslowakei am Rande, vielleicht höher am Hang, vielleicht niedriger am Bach, ein deutlich sichtbares fortschrittliches Wohngebiet mit Hochhäusern wäre, ragt hier nur ein höheres Wohngebäude auf, dafür aber sehr zentral. Auch die Sendeanlagen und der markante Aussichtsturm auf dem hinter der Stadt aufragenden pyramidenförmigen Hügel, dem etwas pathetisch benannten Magas hegy (Hohen Berg), sind nur durch die Grenznähe zu erklären.

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Zwar verstand sich die Tschechoslowakei auf großartige Türme, aber sie hätte keinen Grund gehabt, gerade dorthin einen zu bauen. Ungarn wählte die schwebende Zeltform des Turmdachs vielleicht bewußt, denn der Name der Stadt lautet, auf die Form des Bergs bezogen, etwa Neuer Platz oder auch Ort unter dem Zelt.

Einiges in Sátoraljaújhely gleicht selbstverständlich durchaus dem in anderen Orten. Die eingeschossigen dörflichen Häuschen entlang der Straßen, der historistische Prunk des Gerichtsgebäudes, um das die Bebauung höher, städtischer wird, der vereinzelte Jugendstil – das gibt es überall im ehemaligen Österreich-Ungarn. Der langgestreckte, offenkundig aus einer Verbreiterung der Straße entstandene Platz mit der römisch-katholischen Kirche in der Stadtmitte, die evangelische Kirche etwas abseits, die griechisch-katholische Kirche am Rande bei den Weinbergen – das gibt es auch in der östlichen Slowakei häufig. In Sátoraljaújhely sind alle drei Kirchen schlichte barocke, nachbarocke Gebäude, die sich von tausend anderen und untereinander wenig unterscheiden.

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Das sind die Gemeinsamkeiten jedoch bereits. Was in Sátoraljaújhely völlig fehlt, ist die mal mehr, mal weniger fortschrittliche, immer aber deutlich erkennbare Architektur der ersten tschechoslowakischen Republik. Falls es hier Gebäude aus der Zwischenkriegszeit gibt, unterscheiden sie sich vom Vorangegangenen nur marginal, was auch damit zu tun haben kann, daß die Tschechoslowakei eine aufstrebende bürgerliche Demokratie und Ungarn eine rückwärtsgewandte Diktatur war.

Aber auch, als sowohl die Tschechoslowakei als auch Ungarn sozialistisch wurden, verschwanden die Unterschiede keineswegs. Das größte fortschrittliche Wohngebäude von Sátoraljaújhely besteht aus zwei leicht schräg zueinandergesetzten elfgeschossigen Teilen, die durch einen kürzeren Verbindungsteil zu einer H-Form verbunden sind.

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Ein solches Gebäude wäre in der Tschechoslowakei in einer kleinen Stadt höchst ungewöhnlich und noch ungewöhnlicher wäre, daß es mit den Kirchen und den Sendeanlagen das Stadtpanorama bestimmte. In Sátoraljaújhely steht es unweit des Platzes und ist verbunden mit niedrigerer fortschrittlicher Bebauung, die parallel zur Dózsa György út (György-Dózsa-Straße) in ein kleines Wohngebiet am Bach führt.

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Dessen fünfgeschossige offene Hofbebauung könnte nun gut auch in der Tschechoslowakei oder irgendwo zwischen Salzwedel und Irkutsk sein.

Aber am anderen Ende dieses Wohngebiets, an der großen Rákóczi út (Rákóczi-Straße), die von der Grenze heranführt, folgen auf einmal dreigeschossige Gebäude in einem eigenartigen historisierenden Stil.

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Grüner Putz, verschnörkelte gelbe Stahlbalkone, Satteldächer mit rustikalen Holzornamenten vor den Giebeln. Daß die Gebäude teils direkt an die fortschrittliche Bebauung anschließen und recht heruntergekommen sind, spricht dafür, daß sie tatsächlich aus der sozialistischen Zeit, den späten Achtzigern wohl, stammen müssen.

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Es ist eine gänzlich reaktionäre Architektur, wie sie in derselben Zeit im Westen populär war. In der Tschechoslowakei wäre sie undenkbar gewesen. Doch auch mit der reaktionären Architektur der späten DDR, die historisierende Ornamente auf Betonplatten klebte, aber zumindest etwas Eigenes sein wollte, haben diese ungarischen Gebäude wenig gemein. Eher würde etwas Vergleichbares, bloß mit Tiefgarage und besser erhalten, auch in, sagen wir, Bergen-Enkheim nicht überraschen. So weit, wie diese Bebauung von fortschrittlicher Architektur entfernt ist, so weit war Ungarn in den Achtzigern wohl auch bereits vom Sozialismus entfernt.

Wäre nicht das Wohngebiet daneben, wäre nicht das H-Hochhaus, man könnte an der Architektur des ungarischen Sozialismus verzweifeln. Kleiner Trost ist außerdem der runde und von einer hölzernen Kuppel abgeschlossene Bau der Kaufhalle des Wohngebiets.

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Seine unten überstehenden Holzbalken haben eine ähnliche Ornamentik, aber bei einem freistehenden Gebäude und im Kontrast zur fortschrittlichen Bebauung, ist das weit weniger schlimm. Falls es etwas Altem ähneln kann, dann einer Kirche. So bekommt das Wort Einkaufstempel einen neuen Sinn.

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Dennoch wünschte man sich, die Tschechoslowakei hätte das Versprechen des Namens eingelöst und gegenüber von Sátoraljaújhely wirklich ein Slovenské Nové Mesto oder gar ein Československé Nové Mesto, Tschechoslowakisch Neustadt, gebaut.

Das unmenschliche Maß in Bratislava

Ein Gebäude wie eine Waffe, wie ein zum Schuß angesetztes Gewehr oder ein zum Schlag erhobener Säbel.

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Oder vielleicht: ein Gebäude, das Waffen in den Händen hält. Die Waffen, das sind die großen aufgerichteten Bronzelöwen mit aufgerissenen Mäulern, die Hände, das sind die eckigen Säulen, auf denen sie auf der Höhe des zweiten Geschosses stehen.

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Überall wären diese Plastiken bedrohlich und feindselig, doch auf den weit über den Gehsteig der Špitálska ulica (Spitalstraße) ragenden Flächen, zu hoch, um nicht zu ihnen aufsehen zu müssen, zu niedrig, um sie übersehen zu können, wird ihre Bedrohlichkeit und Feindseligkeit noch einmal potenziert. Geht man unter ihnen vorbei, scheinen sie herunterspringen und einen verschlingen zu wollen.

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Noch von der anderen Straßenseite, wenn man das Gebäude in seiner Gesamtheit sehen kann, wirken sie wie wilde Tiere in einem Zoo, denen man glücklicherweise nicht zu nahe kommen kann.

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Von dort, aus sicherer Entfernung, sieht man dann, daß das Gebäude selbst gar nicht weiter auffällig ist, ein typischer konservativer Stil der ersten Republik, durch vielerlei Simse sogar eher horizontal gegliedert.

Ornamentik oder Figurenschmuck gibt es sonst keinen, allerdings mit einer wichtigen Ausnahme: den beiden Atlanten, die mit zwei schrägen säulenartigen Elementen einen Balkon über dem Eingang halten, der nur dazu dient, diesen monumentaler zu machen.

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Doch das Wort paßt nicht. Atlanten, das sind Figuren, die gleich dem mythischen Atlas zwar unter Zwang und voller Mühe, aber zugleich mit Würde und vielleicht sogar Stolz ihre schwere Last tragen. Diese Figuren aber sind Sklaven, Gefangene, sie knien, ihre Hände sind auf ihrem Rücken gefesselt und die Last wurde auf ihre Schultern und resigniert gesenkten Köpfe gelegt, um sie zu quälen.

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Über ihnen, im Geländer des Balkons, steht dann in eigentümlichen Art Déco-Lettern, was für ein Gebäude das ist: Policajné Riaditeľstvo, Polizeidirektion.

Damit erklärt sich alles. Die Gefangenen, die wie Waffen drohenden Löwen, es paßt. Es ist, will man es positiv ausdrücken, ein ganz erstaunlich ehrliches Gebäude. Die Staatsgewalt ist durch Formen der Gewalt dargestellt. Die Form des Gebäudes entspricht zwar nicht seiner Funktion, aber symbolisch der Funktion der darin untergebrachten Institution. Es ist bezeichnend, daß der Staat sich auch in der demokratischen Tschechoslowakei mit solch einer einschüchternden und brutalen Architektur repräsentiert sehen wollte. Der Bildhauer dachte vielleicht, mit den Löwen die stilisierten zweischwänzigen Löwen des tschechoslowakischen Wappens, auf die sie sich stützen, zum Leben zu erwecken, doch was für ein Leben das ist!

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Wild, tollwütig wirken sie. Wenn die Löwen der Wiener Schemerl-Brücke in ihrer ruhigen Haltung die vorgebliche Stabilität von Österreich-Ungarn um 1900 darstellen sollten,

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so stellen die Bratislavaer Löwen unfreiwillig die Unruhe der veränderten nachhabsburgischen Welt fünfundzwanzig Jahre später da.

Im Jahre 1922, als das Gebäude geplant wurde, war der Krieg noch nicht lange vorbei, die Tschechoslowakei noch sehr jung, sogar der Name Bratislava noch neu. So sind die Löwen auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Unsicherheit: die neue Demokratie mußte die Formen der alten Monarchie nutzen, sie hatte sonst nichts. Anderswo in der Tschechoslowakei entstanden fast zur gleichen Zeit schon Ansätze fortschrittlicher Gebäude, die schon bald sogar weit über die bürgerliche Demokratie hinausweisen sollten. Die klaren und sachlichen Formen dieser Gebäude wurden bald zum bevorzugten Architekturstil des selbstsichereren, das Alte hinter sich lassenden tschechoslowakischen Staats. Auch in Bratislava, ja, in direkter Nähe, gibt es dergleichen viel. Gegenüber etwa steht ein Mietshaus, das mit seinem weißen Putz, den Eckfenstern, dem verglasten Treppenhaus, den eine Dachterrasse andeutenden Brüstungsstreben ein absoluter Gegensatz zur Policajné Riaditeľstvo ist.

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Die Aggressivität der Löwen prallt an ihm fast ab. Denn so wiederwärtig diese Polizeidirektion ist, sie hat auch etwas Lächerliches.

Ulica Powstańców Śląskich oder Neopreußen in Wrocław

So wie das alte Breslau eine preußische und kapitalistische Stadt war, war das neue Wrocław eine polnische und sozialistische Stadt. Das sieht man nicht nur im Zentrum, sondern auch überall in den Außenbezirken. Während Preußen ausgedehnte Mietskasernenviertel baute, bemühte sich Polen, in diese einige Schneisen des Neuen zu schlagen.

Zu den wichtigsten dieser Schneisen gehörte die Ulica Powstańców Śląskich (Straße der schlesischen Aufständischen), die etwa beim Bahnhof beginnt und weiter in den Süden führt. Es handelt sich um eine große Verkehrsachse, aber zugleich um eine Allee, einen Boulevard, bei dem die Größe der Fahrbahnen durch große Fußgängerwege ausgeglichen wird. Gleich einem Rückgrat stehen an der linken Seite drei teils sehr lange Wohngebäude, deren markantestes Merkmal abgerundete und höhergeführte Treppenhaus- und Aufzugkerne mit weißem Putz sind, ihre Wirbel.

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Wichtiger aber noch sind die meist zweigeschossigen, teils aufgestützten Ladenvorbauten, die noch weiter vom Straßenverkehr separierte Räume für Fußgänger bilden.

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Von den Mietskasernen, die hier einst vorherrschten, findet sich nur noch an einer Ecke ein Rest.

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Die fast völlige Zerstörung dieser Gegend bei den Kämpfen am Ende des zweiten Weltkriegs erwies sich städtebaulich als große Chance.

In der gesamten weiteren Umgebung, rechts der Straße hinter offenen Grünbereichen und links von ihr geschützt vom Rückgrat, erstreckt sich weithin die fortschrittliche Bebauung des Osiedle Południe (Wohngebiet Süd).

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Sie ist typischer, architektonisch weniger auffällig, eine wohlgeplante Mischung aus fünf- bis zwölfgeschossigen längeren Gebäuden und Punkthäusern, immer durchzogen von großzügigem Grün.

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Dazwischen die nötigen Schulen, Kindergärten und Ladenzentren. An letzteren kann man noch manchmal alte Leuchtreklame von „Społem“ sehen,

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einer Konsumgenossenschaft (der Name ist ein altes Wort für gemeinsam), die es noch gibt, während sie zugleich schon so sehr zum Retrochic paßt, daß in Kraków eine Kneipe ihren Namen trägt.

Dominante des Wohngebiets war einst das 25-geschossige Bürohochhaus von Poltegor rechts der Powstańców Śląskich. Ganz schlicht, bloß verspiegelte Fensterbänder und weiße Verkleidung, hätte es kaum besser in seine Zeit, die Sechziger, Siebziger, die in Polen zum Glück länger dauerten, passen können.

Dieses Hochhaus gibt es nicht mehr und daran ist nichts zu bedauern. An seiner Stelle steht das Wahrzeichen eines anderen, nun polnischen und kapitalistischen Wrocław: der Skytower. Er dominiert Wrocławs Skyline nicht, er ist sie.

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Ein 51 Geschosse hoher Glaszylinder, oben etwas abgeschrägt, unten um einen vom neunzehnten Geschoß geschwungen abfallenden Teil erweitert, paßt er so gut in seine Zeit wie das Poltegor-Hochhaus in die seine gepaßt hatte.

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Dadurch, daß er an dessen Stelle steht, fügt es sich sogar in die ursprüngliche sozialistische Stadtplanung ein und bestätigt ungewollt deren Richtigkeit. Während das Gebäude von Poltegor bloß das höchste in Wrocław gewesen war, ist der Skytower nach manchen Zählungen sogar das höchste in Polen.

Doch der Unterschied zwischen beiden Gebäuden ist nicht ihre Form oder Größe, sondern ihr Verhältnis zur umgebenden Stadt. Das Poltegor-Hochhaus stand frei im Grünbereich, es war für sich genommen wenig wichtig, aber als Teil des gesamten Wohngebiets sehr. Der Skytower hat einen viergeschossigen sandsteinverkleideten Sockel mit Kolonnaden aus runden, säulenartigen Stützen im Erdgeschoß, der den gesamten Block zwischen zwei Querstraßen einnimmt, nein, diesen erst zu einem Block macht.

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Ist der obere Teil des Skytowers immerhin noch hoch und modisch gläsern, bemüht, den polnischen Kapitalismus als das Siegreiche und Neue erscheinen zu lassen, so ist sein Sockel nur reaktionär. Im Inneren ist ein Einkaufszentrum, nach außen hin entspricht er aber ganz den preußischen Mietskasernen, die in diesem Teil von Wrocław schon überwunden waren.

Neoblockrandbebauung wie diese, bloß ohne Hochhaus, entstand auch näher beim Bahnhof schon und wird in absehbarer Zeit allen freien Raum an der Powstańców Śląskich aufgefressen haben. Passend, daß das Wohngebäude gegenüber dem Skytower seine Vorbauten nicht mehr hat und die Öffnungen mit Backstein zugemauert sind, gleich den notdürftig zugenähten Narben einer Kastration. Der städtebauliche Rückschritt ist eklatant. Was dort in Wrocław entsteht, könnte man als ein Neopreußen beschreiben, aber vielleicht ginge das am Problem vorbei. Eher sieht man hier, daß der Kapitalismus, ob nun preußisch oder polnisch, immer dasselbe will: Blockrandbebauung, enge, effizient verwertete Stadträume, in denen für den Menschen möglichst wenig Platz bleibt.

Römische Zahlen

Auf vielen Kirchen, Brunnen und anderen öffentlichen Gebäuden in Rom kann man lateinische Inschriften mit den Namen des Papstes, der für ihre Errichtung verantwortlich war, und der Jahreszahl ihrer Errichtung lesen.

Gregor XIII. 1583 am Collegio Romano

Gregor XIII. im Jahre 1583 am Collegio Romano

Manchmal findet man auch zwei Zahlen, eine hohe und eine niedrige:

Clemens XI. im Jahre 1704/4 an einem Gebäude in der Via di San Michele

Clemens XI. im Jahre 1704/4 an einem Gebäude in der Via di San Michele

das Jahr nach Christi Geburt und das Jahr nach dem Regierungsantritt des betreffenden Papstes. Einige Papste hatten gar die sympathische Vermessenheit, die erstere Angabe wegzulassen, so daß man ihren Namen nachschlagen müßte, um die genaue Entstehungszeit des Gebäudes herauszufinden.

Pius IX. im Jahre 24 (1870) am Lungotevere Testaccio

Pius IX. im Jahre 24 (1870) am Lungotevere Testaccio

Am Piazza Augusto Imperatore (Kaiser-Augustus-Platz), einem faschistischen Platz zwischen Via del Corso und Tiber, findet man unter zwei zurückgesetzten Reliefflächen mit Fenstern zwei andere Angaben. Unter der ersten, die römische Waffen und Rüstungen zeigt, steht: A. MCMXL POST CHRISTUM NATUM (Jahr 1940 nach Christi Geburt).

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Unter der zweiten, die neuere Waffen bis hin zum Maschinengewehr und zur Gasmaske zeigt, steht: ANNO XVIII A FASCIBUS RESTITUTIS (Jahr 18 nach den wiederhergestellten Fasces [Rutenbündel als Symbol der Macht des römischen Reichs, später vom Faschismus übernommen]).

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So lernte der Faschismus vom Papsttum.

Noch klarer wird diese Verbindung an der Brücke, die das Papinksi hrvatski zavod Svetog Jeronima/Potinficio collegio croato di San Girolamo (Päpstliches kroatisches Kollegium vom Heiligen Hieronymus) an der südlichen Platzseite mit der zweiten der dazugehörigen Kirchen, Renaissancebauten mit barocken Fassaden, verbindet.

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Über dem älteren Brunnen, der unten in die Stütze integriert ist, steht der Name des Papstes Clemens XIIII und die Zahl MDCCLXXIIII (1774), im Backstein darüber steht unter sehr stilisierten Fasces die Zahl XIX (19).

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Zum Glück ist all das heute kaum mehr verständlich. Auch die faschistische Architektur blieb für das Zentrum von Rom belanglos. Denn der Platz ist ein zwar großes und sehr zentrales, aber heute im Chaos der Stadt wenig markantes Ensemble. Das liegt zum einen an der engen und ungeordneten Stadtstruktur Roms, zum anderen daran, daß die Flußseite mit dem Museo dell’Ara Pacis (Ara Pacis-Museum) zugebaut ist, aber vor allem daran, daß das zentrale Augustusmausoleum weiträumig abgesperrt und hinter Bäumen sogar fast unsichtbar wird.

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So ist das Ensemble, vielleicht ungewollt, sehr effektiv zerstört worden. Das Museum ist ein banaler Bau mit weißen Putzflächen, etwas Steinverkleidung und viel Glas, der anders als sein monumentaler, aber größtenteils gläserner faschistischer Vorgängerbau den Triumphaltar Ara Pacis, dem es gelten sollte, fast völlig versteckt. Die Behandlung des Augustusmausoleums wiederum, eines eigentlich riesigen Rundbaus, ist eine Art fehlgeleiteter Denkmalschutz. Es ist dasselbe Problem wie bei Zoos, die ihren Tieren angeblich artgerechte Gehege bauen, in denen die Besucher sie dann nicht mehr finden: Welchen Sinn hat ein antikes Denkmal, das niemand betreten oder auch nur wirklich sehen kann?

Daß die Zeit nach dem Faschismus keine eigene Zeitrechnung hervorbrachte, kann man ihr verzeihen; daß sie zu keiner Stadtplanung fähig war, die antike wie andere Gebäude zu etwas Neuem zu verbinden wüßte, ja, daß sie im Zentrum von Rom nicht einmal wie der Faschismus einen bescheidenen und konventionellen Platz schaffen konnte, und daß sie sich stattdessen hilflos an ein sinnlos gepflegtes Altes klammert, schon weniger.

Gegen die preußische Schule

Die Johanna-Eck-Schule in Mariendorf, einem Bezirksteil im südlichen Westberlin, ist ein typischer preußischer Schulklotz.

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Einen Stil hat er kaum, er ist einfach nur groß und monumental. Von der gegenüberliegenden Seite der Ringstraße noch ist er so mächtig, daß er sich mit einem normalen Objektiv nicht vollständig aufs Bild bekommen läßt, von Nahem wirkt er schon auf einen Erwachsenen so einschüchternd und erdrückend, daß man sich nicht vorstellen mag, wie ein Kind ihn erlebt.

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Wollte man alles Hassenswerte an Preußen und damit am deutschen Kaiserreich an einem Gebäude zeigen, es wäre eines wie dieses. Es handelt sich um ein Machwerk des Architekturbüros Reinhardt und Süßenguth, das sich auf diese Art preußischer Architektur spezialisiert hatte und für einige der widerwärtigsten Gebäude in Berlin und anderswo verantwortlich war. Entsprechend bauten die beiden Architekten in der Weimarer Republik nur noch wenig und in der Nazizeit waren sie zu alt.

Das Bundesrealgymnasium in der Krottenbachstraße im 19. Bezirk Wiens ist ein typischer österreichischer Schulklotz.

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Vertikal gegliederte Fassade, die Formen ein neobarocker Jugendstil, über dem hohen Eingang ein Doppeladler. Es ist monumentaler, unmenschlicher Bau, aber so schlimm wie sein preußisches Pendant ist er nicht. Preußen verstand es eben, seine Schulklötze noch ein wenig monumentaler und klotziger zu gestalten als andere deutsche Gegenden, woran dann die Nazis nahtlos anknüpfen konnten.

In den Sechzigern oder Siebzigern bekamen beide Schulen Turnhallen, die rechts neben den Schmalseiten ihrer Eingangstrakte errichtet wurden, in Wien zur Cottagegasse hin,

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in Berlin zu den Kleingärten am Teltowkanal.

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Sie sind typische Beispiele der Architektur ihrer Zeit, ganz wie die Schulen solche der ihrigen sind.

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Das Dach durch einen glatten Betonstreifen abgesetzt, darunter an den Schmalseiten rauer Beton, an der Rückseite Betonstützen und zur Schule hin ein niedrigerer Bauteil mit den Umkleidekabinen. Trotz kleinen Unterschieden – heller getünchter Dachstreifen und kleinere Betonplatten der Verkleidung in Wien, hinter den Stützen in Berlin Glasbausteine, in Wien vertikale Plexiglaspanele, der Berliner Bau etwas zierlicher und ausgewogener in seinen Proportionen – handelt es sich grundsätzlich um ein und dasselbe Gebäude.

Der Unterschied liegt im Bezug auf den Schulbau und die Bedeutung für diesen. Während die Wiener Turnhalle Abstand zur Schule hält oder mit einem neueren verglasten Teil auf Abstand gehalten wird, schließt sie in Berlin mit einem kleinen Trakt an die Schule an.

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Zwischen diesem und dem flachen Umkleidetrakt ist ein vom glatten Betonstreifen überspannter Durchgang, der ein dezenter, leicht zu übersehender Gegenentwurf zum bedrohlichen Säulenportal des Schulbaus ist. Die gesamte Turnhalle, weit mehr als in Wien, ist ein fortschrittlicher Gegenentwurf zur preußischen Architektur. Es ist gar, als wolle sie dem Schulbau noch näher kommen. Da sie es aber nicht kann, schickt sie bunte Metallelemente, die vertikal angeordnet und leicht nach links abgeschrägt sind, an dessen Fassade hinauf, einen Farbverlauf, einen Regenbogen.

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Sie ziehen sich, grün im Erdgeschoß, um an das dortige Beet anzuknüpfen, entlang der linken Seite der Fenster hinauf und verbinden diese, blau im zweiten, rot im dritten, gelb im vierten Geschoß, zu horizontalen Bändern. Diese simple Gestaltung, abstrakte Kunst im besten Sinne, gleicht einer Kletterpflanze, als die das Neue am Alten hinaufwächst und seine Wirkung etwas abmildert. Und während die Turnhalle in dichtem Gebüsch verschwindet, sind die Farben der Metallplatten zwar sicher nicht mehr so strahlend wie einst, aber doch unübersehbar, das Auffälligste mithin an der gesamten Schule.

Eigentlich hätte dieser Schulklotz zwar nichts anderes verdient, als abgerissen zu werden, aber was die Architekten und Gestalter der Turnhalle machten, war immerhin das Zweitbeste. In Wien bemühten sie sich darum nicht, sie bauten bloß eine Turnhalle. Aber sie mußten es auch nicht, da sie gegen etwas weit weniger Schlimmes anzukämpfen hatten. Das ist im übrigen auch der Unterschied zwischen Österreich und Preußen.

Antifaschistische Architektur auf dem Fehrbelliner Platz

Der Fehrbelliner Platz ist das größte erhaltene Ensemble von Naziarchitektur in Berlin. Er liegt an der Kreuzung von Hohenzollerndamm und Brandenburger Straße im Westberliner Bezirk Wilmersdorf. Wie so viele Orte, die Platz heißen, ist er nicht wirklich ein Platz, sondern eben eine große Kreuzung.

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Drei Gebäude bilden einen von Straßen unterbrochenen Halbkreis und sollten wohl Abschluß irgendeiner Achse werden. In allen sind noch heute diverse Verwaltungseinrichtungen untergebracht. Alle sind fünf Geschosse hoch und haben leicht überstehende Walmdächer.

Das rechte Gebäude ist hell verputzt und könnte genauso auch in der Kaiserzeit entstanden sein. Die drei anderen gehen den kleinen Schritt über das Schlechteste der kaiserzeitlichen Architektur hinaus, der die Naziarchitektur auszeichnet.

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Sie haben eine Verkleidung aus drohend dunklen Steinplatten, die vertikalen Fenster springen durch dicke Umrandungen hervor, an den Seiten sind massive Kolonnaden. Wie das bei Architektur, die nur einen einschüchternden Effekt erreichen will, Kulissenarchitektur mithin, üblich ist, beschränkt sich die Steinverkleidung auf die Vorderseite zum Platz hin. Schon in den Nebenstraßen sind die Fassaden schlichter, zu den Hinterhöfen sind sie dann gänzlich schmucklos.

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Hinter dem Platz, Ecke Brandenburger Straße und Sächsische Straße, steht auch eines der wenigen innerstädtischen Wohnhäuser der Nazizeit.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraße

Es unterscheidet sich nur wenig von kaiserzeitlichen Mietshäusern. Bloß ist die Ornamentik der sandsteinernen Erker vielleicht etwas weniger verspielt und von oben droht das überstehende Dach mit nachgemachtem Kranzgesims, ein für nazistische wie faschistische Architektur unerläßliches antikisierendes Moment.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraßeErker

In einem der Erker hat sich der Architekt mit einem verlogen kollektivistischen Spruch nach Naziart, den er vielleicht originell fand, verewigt: „Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel aus wenig viel.“

Glücklicherweise stehen die Gebäude am Fehrbelliner Platz ansonsten allein, die Achse wurde nie gebaut und die späteren Gebäude schaffen ein gewisses Gegengewicht. Doch den Kampf gegen die menschenfeindliche Monumentalität der Naziarchitektur nahm ausgerechnet der U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, der im Rahmen der Westberliner U-Bahnlinie U7 im Jahre 1971 gebaut wurde, auf. Im weiteren Umkreis der Kreuzung des Platzes sind viele kleine Eingänge der U-Bahn, deren Gestaltung eine Variation anderer U7-Eingänge aus den frühen Siebzigern ist.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingang

Um die einfachen Treppen verläuft ein Mäuerchen aus Betonblöcken, auf dessen Seiten kurz vorm Ende eine rote Betonwand mit U-Bahnlogo beginnt und das abgerundete Ende schwebend nachvollzieht. Diese zierlichen und klaren Formen sind wie Farbtupfer auf dem Braun der Nazigebäude.

In der Mitte des Platzes oder vielmehr links von ihr, geht der U-Bahnhof mit einem eigenen Gebäude noch einen Schritt weiter.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingangsgebäude

Es besteht aus einigen Zylinderformen, die durch ein mehrfach versetztes und abgerundetes, mal Durchgänge, mal Räume überspannendes Flachdach verbunden sind, und es ist völlig mit kleinen roten Kacheln verkleidet. Es scheint in ständiger Bewegung, wellenähnlich, aus jeder Perspektive zeigt es sich anders.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinLampen

Die runden Formen setzten sich in gelbgefaßten Lampen, die im Durchgang herabhängen, in Licht- und Lampenschächten über den Treppen und auch ein wenig im Bahnsteig der U7 fort.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinBahnsteig

Die U3, die ebenfalls hier fährt, hat ihren Bahnsteig von 1913 behalten.

Das Gebäude ist ebenfalls also nur ein Eingang, aber auch noch etwas anderes. Es steht genau so, daß es den Blick auf den von zwei aus Lampen aufwachsenden Stangen markierten Eingang des größten Nazigebäudes des Platzes versperrt.

FehrbellinerPlatzBerlinEingang

Jeder Blick geht unweigerlich zu dem Eingangsgebäude, man kann den Fehrbelliner Platz nicht sehen, ohne es zu sehen. Es ist fast gänzlich horizontal, aber es scheut sich nicht, noch ein wenig aufzutrumpfen: auf dem nächst der Kreuzung stehenden Zylinder steht auf dem Dach eine grüne Metallkonstruktion aus vier schräg zueinander gesetzten flachen Streben, die zwischen zwei horizontalen Ringen rote Elemente mit U-Bahnlogo und Digitaluhren tragen.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinTurm

Dieser kleine Turm ist so sehr eine Geste wie er funktional ist.

Das U-Bahngebäude schafft also, obwohl es viel kleiner ist, nur durch seine kräftige rote Farbe, seine bewegte Form und seinen funktional-expressiven Turm, ein starkes Gegengewicht zur nazistischen Architektur, die es umgibt, ja, es überwiegt sie. Das ist ein Sieg Davids über Goliath, der Sieg einer dezenten fortschrittlichen Architektur über eine monumentale reaktionäre Architektur. Das ist eine architektonische Rückeroberung des Fehrbelliner Platzes von den Nazis. Das ist, ob es die Westberliner Architekten und Stadtplaner nun wußten und wollten oder nicht, ein antifaschistischer Akt.