Archiv für den Monat März 2019

Sowjetisches Gdańsk

Auch Gdańsk wurde von der sowjetischen Armee befreit, auch Gdańsk baute seinen Befreiern ein Denkmal, wie es in den sozialistischen Staaten selbstverständlich war, und auch in Gdańsk gibt es dieses Denkmal noch immer, wie es aufgrund der politischen Entwicklungen seit 1989 weniger selbstverständlich ist. Es steht nicht zentral, aber auch nicht am Rande, sondern in einer dieser eigentümlichen Lagen halbhoch in den Hügeln, von denen es in Gdańsk und der gesamten Trójmiasto durch die topographischen Umstände viele gibt.

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Fast steht es etwas versteckt hinter einem kleinen Friedhof, fast erkennt man es sogar im Vorbeigehen nur an den drei Fahnenmasten davor, an denen einzig zum Jubiläum der Befreiung Ende März Fahnen hängen. Sobald man es aber entdeckt hat, nimmt es einen in sich auf.

Hinter dem niedrigen Tor ist eine weite Fläche mit dunklem Steinpflaster, die sich nach vorne und nach links erstreckt, wohin sie sich verbreitert. Nach einigen niedrigen Stufen setzt sie sich dort etwas tiefer fort und geht in eine Wiese über, in der vor dem Hintergrund der Bäume neben drei weiteren Fahnenstangen eine hohe und schlanke Weide gleich einer Skulptur steht.

Rechts begrenzt eine Wiese die Fläche, in der vor dem Hintergrund der Bäume eine Plastik steht. Weit überlebensgroß zeigt sie zwei Frauen in langen Kleidern. Die linke mit gesenktem Kopf und streng zusammengebundenem Haar, mit der rechten Hand über der Brust in ihr Tuch greifend, als wolle sie sich damit die Tränen trocknen. Die rechte mit ebenso traurigem Gesicht, aber gefaßter, den Blick nach vorne gerichtet, wohin einen das Ehrenmal leitet, ihr kurzes Haar hinter ihr wehend.

Die beiden halten sich bei der Hand und werden eins. Auf dem niedrigen schwarzen Steinsockel ist das auf Russisch und Polnisch erklärt:

„Zwei Vaterländer/Zwei Mütter/Eine Erinnerung und (mütterliche [in der russischen Version]) Liebe“

Im Anschluß an die Wiese ist das Gräberfeld. Es ist vorne und an der linken Seite, an der man entlanggeht, von einer niedrigen Umrandung mit schwarzer Steinverkleidung umgeben, in derem leicht schrägen Teil von 909 bis 1 die Namen und Lebensdaten der Gefallenen aufgelistet sind, während in den beiden Ecken in niedrigeren schwarzen Fassungen Flammenschalen sind.

In dem Gräberfeld selbst stehen regelmäßig aufgereiht fünfzackige Sterne aus Metall. Sie bestehen aus einem leicht vorgewölbten pfeilspitzenähnlichen Element, an das oben zu beiden Seiten zwei dreieckige Elemente anschließen. Es sind unzweifelhaft fünfzackige sowjetische Sterne, die dort stehen, aber sie wirken durch ihre Ausführung dennoch wie etwas Neues, etwas ganz Unvertrautes.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Sieht man sie von der Seite, sind sie flach und unscheinbar, aber auf dem Feld wachsen sie dafür umso mehr ins Dreidimensionale. Geht man am Gräberfeld entlang weiter ins Ehrenmal hinein, scheinen die Sterne in Bewegung zu geraten, sie scheinen zu funkeln wie wirkliche Sterne am Nachthimmel.

Zum Weg zwischen den Gräbern rechts und dem betonumrandeten steilen Hang links geworden, endet die Fläche mit einer Treppe, die zu einer zweiten Ebene etwas höher am Hang führt. Hier steht eine hohe nach hinten gewölbte Mauer.

In der Mitte hat sie ein großes Steinrelief, das drei sowjetische Soldaten zeigt.

Sie stehen nah beieinander und breitbeinig, wiewohl in Bewegung nach links. Der linke Soldat, der in der nach links ausgestreckten Hand ein Gewehr hält, hat unter seinem großen Stahlhelm ein nach vorne gewandtes Gesicht mit asiatischen Zügen und hält mit der linken Hand den Oberarm des linken Armen, der auf dem nach links gewandten Kopf den Helm eines Piloten oder Panzerfahrers trägt und in der Hand des rechts angewinkelten Arms eine Granate hält. Zwischen beiden ist vielleicht ein Offizier, der unter seiner Pelzmütze nach rechts blickt und den einen Arm vor den linken Soldaten und den anderen hinter den rechten ausgestreckt hat. Hinter ihnen sind ein Panzer und unklar nach rechts wehende Flaggen. Die gewählten Formen sind einfach, geometrisch, stilisiert, aber zugleich realistisch. Die drei Soldaten wachsen im Bild beinahe zusammen, werden selbst zu einer Mauer.

Wichtiger sind aber die großen Inschriften auf eigenen horizontalen Steinflächen, die links  auf Polnisch und rechts auf Russisch besagen:

„Ihr habt einen großen Sieg davongetragen/Ihr wart furchtlos im Kampf/Ihr habt euer eigenes Leben für die gerechte Sache gegeben/Den sowjetischen Helden, die im Jahre 1945 bei der Befreiung von Gdańsk fielen/ Die Bewohner von Gdańsk“

Durch sie erst wird der ganzen vorangegangenen Anlage ein Sinn gegeben und man sieht sie anders, wenn man auf das Feld der Sterne unter einem zurückblickt.

Daß das Denkmalanlage hiermit noch nicht endet, merkt man im Sommer kaum. Ein links der erhöhten Ebene weiterführender Pfad ist zwischen dichter Vegetation fast verborgen. Im Winter aber sieht man, daß der gesamte links des Gräberfelds stehende Hügel durch einen spiralförmig um ihn hinaufführenden Weg und eine hohe Stele auf seinem höchsten Punkt zum Bestandteil des Denkmals gemacht wurde, seine heutige Form sogar erst durch dieses erhielt.

Die rechteckige Stele, die oben auf allen Seiten Reliefs und darüber eine offene Kugel aus Metallstreben hat, war ursprünglich die vertikale Dominante und schon von weither sichtbar, während sie heute das halbe Jahr über hinter hohen Bäumen versteckt ist. Leider ist sie aber einfach zu hoch, so daß die Reliefs, die einen Stern, Hammer und Sichel und noch zwei andere unklarere Symbole zeigen, auch ohne Bäume schlecht zu erkennen wären. Die gepflasterte Fläche um die Stele wirkt so recht verloren, zumal eine Tafel mit Inschriften an ihrem unteren Teil fehlt.

Fast gänzlich im Dickicht verschwunden ist schließlich ein Weg, der von hier weiter oberhalb der Ebene mit der zentralen Relief- und Inschriftwand zu einem kleinen zweiten Ausgang führt, was schade ist, da das Denkmal so zu einem kleinen Kreuzweg erweitert wurde.

Ganz wie die Gedenkstätten in den anderen Städten der Trójmiasto, Sopot und Gdynia, die kurz zuvor befreit wurden, ist das Gdańsker Denkmal den historischen Ereignissen angemessen. Auffällig ist bei ihm der Kontrast zwischen historisierenden Elementen wie dem Gesims und den imitierten Steinen der geschwungenen Mauer und neuer wirkenden wie den Sternen oder auch dem Relief auf der Mauer. Das ist nur teilweise dadurch zu erklären, daß die Sterne 1977 aufgestellt wurden, während die Mauer zu der ursprünglichen Konzeption aus den späten vierziger Jahren gehört, denn das Relief von Alfons Łowoski  entstand zur selben Zeit. Die Plastik der beiden Frauen, ausgeführt von Zygfryd Korpalski, kam erst 1984 hinzu, was die Denkmalanlage zum Projekt verschiedenster Zeiten des polnischen Sozialismus macht. Wie in Sopot und Gdynia liegt das Denkmal abseits, was es vielleicht vor der Zerstörung bewahrte. Angemessen ist es in der beschriebenen Form, aber vielleicht hätte die Befreiung von Gdańsk durch die sowjetische Armee außerdem noch ein zentrales, mitten im Leben der Stadt stehendes Denkmal, wie Gdynia es einst hatte, verdient.

Kostelecké uzeniny

Es ist gewiß das markanteste Logo aller tschechischen Fleischwarenhersteller: in einem roten Karo schwarz und weiß ein Mann in einem dreiteiligen Anzug und mit zurückgegeltem Seitenscheitel, der bei konzentriertem Gesichtsausdruck leicht vorgebeugt ein Würstchen, an dem noch ein zweites hängt, ißt, wobei er den kleinen Finger der Hand, an der er auch noch einen großen Ring trägt, leicht abspreizt.

„Schöpfer von Geschmackserlebnissen“

Vielleicht liegt es an der Farbgebung, daß es wirkt, als trüge er Lippenstift und Mascara und habe dünne aufgemalte Augenbrauen, vielleicht sind auch alle anderen Konnotationen ungewollt, aber man kann das Logo heute schwer betrachten, ohne es als sehr schwul zu empfinden. Vermutlich sollte es zeigen, daß auch elegante Herren die Wurst von Kostelecké uzeniny (Kostelecer Fleischwaren) mögen und elegante Herren stellte man sich in den zwanziger Jahren – die Firma besteht laut ihrer Werbung seit 1917 – eben vor wie Rudolph Valentino oder andere Stummfilmstars, also nach heutigen Maßstäben sehr schwul.

Die Heimat dieser Fleischfabrik ist, wie der Name sagt, ein Ort namens Kostelec, was aber noch nicht viel sagt, da es in Tschechien etwa ein dutzend Orte dieses Namens, der übersetzt irgendwas mit Kirche heißt, gibt. Auch in Kostelec u Jihlavy (Kostelec bei Jihlava) könnte man die Fabrik übersehen. Sie liegt deutlich abseits des kleinen Orts, idyllisch an einem kleinen Stausee, und hat sogar ihre eigene Bahnhaltestelle Kostelec u Jihlavy masna (masna ließe sich mit Fleischfabrik übersetzen).

Sobald man sich nähert, liegt ein gewisser Fleischgeruch in der Luft. Es ist ein mittelgroßer Fabrikkomplex beidseits einer Straße, über der Rohrleitungen verlaufen.

Die meisten Gebäude sind aus sozialistischer Zeit oder neuer. „Vítejte v Kosteleckých uzeninách“ (Willkommen bei den Kostelecer Fleischwaren) steht an einer Wand, an einem Tank neben der Einfahrt wird eine Wurst als tschechisches Kleinod beworben, an den Rohren über der Straße sucht ein Banner neue Kollegen für die Produktion und es gibt einen kleinen Fabrikverkauf. An den vielen ankommenden und abfahrenden Lastern, die teils Tiere anliefern, sieht man, daß hier auch Fleisch vieler anderer Marken hergestellt wird.

Es ist eine letztlich sehr typische Fabrikanlage. Gegründet angeblich 1917, gewachsen sicher in der ersten Republik, die Lage gewählt aufgrund der guten Eisenbahnanbindung.

Älter als alles andere hier ist das große steinerne Kreuz hinter den Gleisen am Bahnübergang.

Der Jesus ist aus Metall, aber Details im Stein, etwa ein Totenkopf verraten eine noch barocke Sensibilität des Bildhauers. Die schwer lesbare Inschrift ist auf Deutsch.

Direkt dahinter steht ein großes Wohnhaus aus den zwanziger Jahren. Überstehendes Walmdach, der Putz in breiten roten und grauen horizontalen Bändern, keine Villa, aber vielleicht Wohnsitz einiger wichtigerer Verwaltungsangestellter der Fabrik. Ob hier auch derjenige wohnte, der das Logo für eine gute Idee hielt und die Firma damit einzigartig machte?

Eines der faszinierendsten Dokumente zum Logo der Kostelecké uzeniny ist ein leider unkommentiertes Bild auf der Firmenseite, das einen feierlich mit Blumen und Zweigen geschmückten Lastwagen zeigt. Auf der Ladefläche steht ein altarartiger Tisch mit einem Beil in einem Fleischstück, an einer Wand vor dem Fahrerhaus hängen rechts viele Würste, während links eine Variante des Logos und die Worte „Kostelec záruka jakosti“ (Kostelec Qualitätsgarantie) sind. An der Seite der Ladefläche steht „Rolníci nám – my národu“ (Die Bauern uns – wir dem Volk) und hinten „Národní správa“ (Nationale Verwaltung).

In Nationale Verwaltung wurden 1945 durch die Beneš-Dekrete Firmen deutscher, ungarischer oder sonstwie der Republik feindlich gesinnter Eigentümer überführt. Da die Kostelecké uzeniny 1948 verstaatlicht und Teil eines größeren Kombinats wurden, könnte der Wagen von einem 1.-Mai-Umzug 1946 oder 1947 stammen. Detailliertere Informationen zur Geschichte des Logos sind leider nicht zu finden, obwohl (oder weil?) es sogar auf internationale Listen zweideutiger oder kontroverser Logos gelangte. Insbesondere ist unklar, ob es auch in der sozialistischen Zeit gebraucht wurde, oder ob das aus der Zwischenkriegszeit stammende Design nach der Privatisierung in den neunziger Jahren wieder aufgegriffen wurde.

Sympathisch jedenfalls, daß die Firma heute weiß, was sie an ihrem markanten Logo hat. Bei einem Besuch der Fleischfabrik in Kostelec u Jihlavy sollte man nicht versäumen, etwas Poličan-Salami oder ein anderes Produkt als Souvenir zu kaufen.

Gdańsker Tore

In Gdańsk haben sich zwei deutlich verschiedene Typen von Stadttoren enthalten. Die Tore des ersten Typs entstanden als Teile der weiten Festungsanlagen um die Stadt im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Von dem zentral gelegenen Brama Wyżynna (Hohen Tor)

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

über das vom Autoverkehr umflossene Brama Żuławska (Żuławer Tor, historisch Langgartner Tor) am Rande

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bis hin zum in den übriggebliebenen Festungsteilen gelegenen Brama Nizinna (Niederen Tor, historisch Leegetor, von einem niederdeutschen Wort für niedrig)

– sie sind in einer Art martialische Renaissance, die recht eigentlich keine Stilbezeichnung braucht, gestaltet. Backstein und betont grauer Stein in horizontalen Blöcken, der aber nur der Dekoration dient, da die eigentliche Konstruktion aus Backstein ist, kaum Schmuck, die Jahreszahl, die Wappen. Diese Tore sollen nicht einladen, sondern abweisen. Vielleicht wollen sie den Krieg nicht, aber sie sind für ihn bereit.

Zur Festung gehört auch ein Tor, das zu keinem der Typen so wirklich paßt, aber für Gdańsk vielleicht wichtiger war als beide von ihnen.

Es nach den üblichen Definitionen vielleicht nicht einmal ein Tor, sondern, ja, was eigentlich? – ein befestigter Wasserweg letztlich.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dort, wo die Motława (Mottlau) in die Wasserflächen vor den Festungsanlagen mündet, ist sie an beiden Seiten von niedrigen Mauern aus grauen Steinen umgrenzt, die die Fahrtrinne vom umgebenden Wasser trennen.

Die Ränder dieser Mauern steigen schräg an, so daß sie als Dreiecksformen aus dem Wasser ragen.

Bei ihre Anfang und ihrem Ende, aber schon deutlich abgesetzt vom Ufer, stehen in ihr runde Türme, die nach einer vertieften und vorstehenden Bordüre mit Kuppeln enden, in denen als Abschluß verkleinerte Versionen dieser Zylinderform mit Kuppelabschluß sind.

Nach diesem Weg erst folgen die Schleusen, Tore im Wasser, die dieser Anlage den Namen Śluza Kamienna (Steinschleuse) zubrachten.

Mauern wie Türme der Schleuse sind wohl so sehr warnende Machtdemonstration wie die übrigen Festungstore, aber da sie im Wasser stehen, wirken sie doch völlig anders. Hier, über das Wasser, war der wichtigste Zugang in die Hafenstadt Gdańsk. Hier gelangten die Schiffe von der Wisła (Weichsel) in die Stadt und durch sie weiter in die Ostsee. Hier zeigt sich auch die Festungsarchitektur von ihrer besten Seite, hier setzte sie eine Toranlage für Schiffe ins Wasser. Während viele Städte ähnliche Festungsanlagen und Tore hatten, gehört die Steinschleuse, das Wassertor, ganz allein Gdańsk.

Die Gdańsker Tore des zweiten Typs sind älteren Ursprungs und zeigen auf andere Art die Verbindung von Stadt und Wasser. Alle großen Straßen von Gdańsks altem Kern, der sogenannten Główne Miasto (wörtlich Haupt-, historisch Rechtsstadt), die nicht mit der angrenzenden Stare Miasto (Altstadt) zu verwechseln ist, verlaufen parallel zueinander und mehr oder weniger gerade auf das Ufer der Motława zu. Und am Ende jeder dieser Straßen ist ein Tor, das sie von den Kaianlagen trennt und sie mit ihnen verbindet. Deutlicher könnte eine Stadt kaum zeigen, was ihr am Wichtigsten ist: das Wasser, der Hafen. Genau hier, vor den Stadttoren der Główne Miasto, legten die Schiffe, die durch die Steinschleuse gefahren waren, an.

Es ist nun auch keine Überraschung mehr, daß das markanteste und berühmteste dieser Stadttore am Wasser nur nebenbei ein Tor und hauptsächlich ein mächtiger Kran ist, dessen hölzerne Konstruktion in mehreren Stufen weit über die Kais ragt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Neben diesem Brama Żuraw (Krantor) sind die anderen Tore bescheidener, beinahe könnte man ihre spitzbögigen Durchgänge übersehen. Um Bedeutung heischt einzig noch das Brama Zielona (Grüne Tor), das über die wichtigste Brücke auf den Długi Targ (Langen Markt), den zentralen Platz der Główne Miasto führt und sich heute in lebloser wiederhergestellter Renaissance zeigt. Der Platz, eigentlich nur eine verbreiterte Straße, läuft wie alle anderen auf den Fluß zu und setzt sich in die andere Richtung als Ulica Długa (Lange Straße, historisch Langgasse) fort. An ihrem Ende steht das Brama Złota (Goldene Tor), das einzige erhaltene ältere Tor, das nicht zum Wasser zeigt und zugleich das prachtvollste und schönste.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dieser Torbau ist horizontal in zwei Hälften geteilt und vertikal durch vier vorgesetzte Säulenfolgen in drei Teile. In der Mitte der unteren Hälfte ist der große rundbögige Tordurchgang für Fuhrwerke, während die beiden schmaleren Seitenteile nur unten eher kleine rechteckige Durchgänge für Fußgänger haben. Durch alle gelangt man ins Innere des Tors, das von einer komplizierten Gewölbedecke abgeschlossen wird. In der oberen Hälfte sind vier große rundbögige Fenster. Offenkundig ist dort ein großer Saal, der durch einen an der rechten Seite schräg ansteigenden überdachten und geschlossenen Treppenbau erschlossen ist. Die Säulen ruhen selbst auf Sockeln und sind unter der oberen Hälfte und unter dem Dach mit Gesimsen, die bei ihnen vortreten, an das Gebäude angefügt. Um das flache Dach verläuft ein steinernes Geländer, so daß beinahe ein weiteres offenes Geschoß entsteht. All das ist dem Tor sofort abzulesen, beide Seiten sind identisch und auch, daß es aus Backstein gebaut und grauweiß verputzt ist, verheimlicht es nicht.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Der Schmuck, teils golden, woher es seinen Namen hat, stört die klare Konstruktion nicht. Die Kapitelle der unteren Säulen sind ionisch, die der oberen korinthisch. Auf den Steinwürfeln zwischen Kapitellen und Gesimsen sind unten die Fratzen von Löwen und oben die von Menschen, die aber als flache goldene Reliefs nicht abschreckend wirkend und es nicht einmal wirklich sein wollen. Unter dem Dach verläuft ein ornamentales Band, das ebensogut fehlen könnte. Auf den Abschlüssen der vier Säulen stehen schmale Sockel mit etwa lebensgroßen allegorischen Skulpturen, die zwar zu weit entfernt sind, um wirklich betrachtet werden zu können, aber auch nicht von oben herab drohen. Die übrige Ornamentik ist zumeist floral, vegetal, ohne je verschlungen zu sein. Die Schlußsteine der Fenster sind Blattformen und zwischen den mittleren Fenstern ist eine große vertikale Zapfenform unter einer halbgoldenen Halbkugel.

An einigen Stellen gibt es auch nachgeahmte Steine wie bei den Festungstoren, aber die sind goldgerahmt nurmehr Zitate von Wehrarchitektur ohne eigene martialische Wirkung.

Das wichtigste, mehr Information als Ornament, hebt sich das Brama Złota für die untere Hälfte auf. Im Schlußstein des Torbogens ist das Stadtwappen und in den Flächen um die Kapitelle der unteren Säulen sind Inschriften in großen goldenen Buchstaben. Die an der äußeren Seite ist auf Deutsch und lautet: „Es müsse wolgehen denen, die dich lieben, es müsse Friede sein inwendig in deinen Mauren und Glück in deinen Palästen Psa122.“ Damit vergleicht sich Gdańsk unbescheiden mit Jerusalem und wieso auch nicht. Die Inschrift richtet sich an die Ankommenden und wollte wirklich gelesen werden. Die an der inneren Seite ist auf Latein und lautet: „Concordia res publicæ parvæ crescunt, discordiæ magnæ concidunt“ (Durch Eintracht wachsen kleine Republiken, durch Zwietracht fallen große“. Sie war wohl eher eine Spielerei für gebildete Bürger der Stadt.

Mit dem 1612 errichteten Brama Złota repräsentierte sich Gdańsk in seiner Blütezeit als wichtigster Hafen der Rzeczpospolita (polnischen Adelsrepublik). Es ist ein Renaissancebau mit vollkommen menschlichem Maß, der Modernität und Weltoffenheit zeigen sollte. Es gehört heute mit großem Recht zu den berühmtesten Bauwerken der Stadt, mit deren steilen Backsteingotik ihre horizontalen Renaissanceformen jedoch nichts zu tun haben.

Dieses Brama Złota, dieses Goldene Tor nun steht in einer Linie mit dem weiter außen befindlichen Brama Wyżynna (Hohen Tor), doch man kann sie wegen der großen backsteinernen Turm- und Zwingeranlage zwischen ihnen kaum je zusammen sehen.

Sie sind auch so verschieden, daß sie auch verschiedenen Städten, Zeiten, Welten stammen könnten. Wo das Brama Wyżynna martialisch und grau ist, ist das Brama Złota zärtlich und hell. Wo jene abweisen und die Stärke der Stadt präsentieren will, will diese einladen und deren Kunstinnigkeit vorzeigen. Beide Tore wurden sogar in relativ geringem zeitlichen Abstand erbaut, aber sie dienten eben völlig verschiedenen Funktionen und zeigen das auch überdeutlich.

Zu einer Synthese finden die Gdańsker Tore der beiden Typen also nie, zu verschieden die Zeiten und Zwecke ihres Entstehens. Ihre beiden Höhepunkte aber sind ein Bau, der intim mit dem Gdańsk ausmacht verbunden ist – die Steinschleuse als Nichttor im Wasser – und einer, der radikal mit allem, was Gdańsk zuvor geprägt hatte, bricht – das Brama Złota. Irgendwo dazwischen ist Gdańsk.

Oliwa auf dem Lidlparkplatz

An der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) im Gdańsker Stadtteil Oliwa, gegenüber vom Straßenbahnwendekreis, wurde vor einer Weile ein neues Gebäude errichtet. Es hat eine Verkleidung aus Kunststoffplatten in Grau-, Beige- und Weißtönen, als wolle es nur ja nicht auffallen, und einige spitze Dreiecksgiebel, als wolle es Bezug auf irgendetwas Historisches nehmen.

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Bloß ist nicht klar, was dieser Bezugspunkt sein sollte. Schmale Häuser mit spitzen Giebeln gibt es im Zentrum von Gdańsk, doch das ist acht Kilometer entfernt und alle älteren Gebäude der Umgebung sind vom Historismus der Kaiserzeit geprägt. Man kann nicht einmal sagen, daß dieses neue Gebäude also Nachahmungen nachahme, denn die Mietshäuser an der Grunwaldzka haben keinerlei lokalen Bezug, sondern unterscheiden sich nicht von dem, was zeitgleich anderswo in Deutschland gebaut wurde.

Gut kann man das an den großformatigen Schwarzweißphotos, die im Vorbereich des Lidl-Supermarkts im Erdgeschoß hängen, sehen.

Sie zeigen alte Straßenszenen, die überall entstanden sein könnten und nichts spezifisch mit Gdańsk oder Oliwa, damals Danzig und Oliva, zu tun haben. Sogar die Nepomuksäule vor einem nahen Gebäude war damals von Bäumen verdeckt, was Zufall oder aber antikatholische preußische Maßnahme gewesen sein mag.

Dadurch paßt das neue Giebelgebäude auf traurige Weise doch wieder, denn genauso wie seine älteren Nachbarn könnte es überall in Europa gebaut werden und einen Bezug auf etwas Historisches behaupten. Zum umgebenden Historismus ist es der Neohistorismus.

Und wo hinter einem alten preußischen Gebäude ein Hinterhof wäre, ist hinter diesem der Parkplatz von Lidl. Auf dessen großen umzäunten Fläche ist man inmitten von freistehenden Mietshäusern, wie sie alle Seitenstraßen in Oliwa prägen.

Diese ursprünglich bürgerlichen Gebäude, die so tun, als seien sie Villen, bekamen durch die Umwälzungen des Sozialismus und des Wechsels von deutscher zu polnischer Bevölkerung eine gemischtere Bewohnerschaft. Ihre Gärten grenzen direkt an den hohen Zaun, so daß man die ungewöhnliche Möglichkeit hat, sie nicht bloß von der Straßenseite zu sehen. Betreten jedoch kann man sie so wenig wie die Bewohner den direkten Weg zu Lidl nehmen können. Hierin zeigt sich die gegenwärtige kapitalistische Architektur noch etwas perfider als die preußische, da ein Hinterhof zwangsläufig abgeschlossen ist, der Zaun aber eine ganz willkürliche und bösartige Absperrung möglicher Wege und Verbindungen ist.

Während vor hundertfünf Jahren der Weg des städtebaulichen Fortschritts noch verschlossen scheinen konnte, liegt er heute auf dem Lidlparkplatz offen da.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Klatovy

Um die Großartigkeit der typischen tschechoslowakischen Bahnhöfe zu rühmen, darf man auch die mißlungenen Beispiele nicht verheimlichen. Wenige sind so mißlungen wie der Bahnhof von Klatovy.

Von der Bahnstrecke aus sieht man ihn kaum, was noch nichts Ungewöhnliches ist. Das Gebäude steht stattdessen quer zu den Gleisen und wendet sich ganz dem weiten Vorplatz zu. Unter einem hohen Walmdach und einer Bordüre mit breiten vertikalen Streifen ist in der Mitte eine Fläche aus hohen Streben und schmalen vertikalen Fenstern, die dreieckig vorstehen. An den Seiten sind leicht nach vorne und nach außen versetzt Teile mit vertikalem Streifenmuster, auf denen Sandsteinreliefs des Stadtwappens hängen.

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Vorgesetzt ist ein niedrigerer Teil, aus dem vor den Seitenteilen zwei kleine Satteldächer ragen wie um die Sandsteinreliefs im Erdgeschoß, die links Bäuerinnen und rechts eine Schneiderin mit Kundin zeigen, zu markieren.

Noch davor ist ein Vordach aus Beton, das auf mittigen runden Stützen geschwungen aufsteigt und halbrund endet. Es verläuft vor dem Bahnhofsgebäude und ebenso beidseits des Platzes, wo es links Bushaltestellen und rechts den ersten Bahnstein überdacht.

Die vage historistischen Formen des Bahnhofs Klatovy sind weniger monumental als schlichtweg bieder und volkstümelnd. Sie erinnern an postfaschistische italienische Architektur der Fünfziger oder schlimmer noch an das Schlechteste der Architektur im nahen Westdeutschland. Trotz dem eleganten Vordach sind sie kaum anders als reaktionär zu nennen.

Aus Autorenkollektiv: Klatovy – město a okolí, Praha 1988

In der großen Halle im Inneren setzt sich die Biederkeit fort. Sie ist durchaus nicht monumental, ockerfarbene Kachelverkleidung trennt den unteren, für den Besucher konkret erlebbaren Bereich mit Ein- und Ausgängen, Schaltern, Toiletten vom weiß verputzten oberen, der nach einem Streifen mit Laufsprechern und Lampen eine feine vertikale Riffelung hat.

An der linken Schmalseite steht die Skulptur eines blumenverteilenden Mädchens auf einer schmalen hervorstehenden Fläche, während an der Breitseite gegenüber den Eingängen ein langgestrecktes Wandbild ist.

Es soll wohl ein Panorama der sozialistischen Gesellschaft sein, neben der Stadtsilhouette gibt es auch einen Traktor und Neubauten, wirkt  jedoch, vielleicht nur wegen der fast völlig fehlenden Farben, noch lebloser als ein Stich in einem Rentnerwohnzimmer. Auf dem Boden sind Fließen, die weißgraue quadratische Flächen zwischen roten Linien bilden, und an der Decke ist Holzverkleidung in großen Karofeldern.

Sogar die holzgefaßten Lautsprecher erinnern an Radioapparate eines Modells, das in den späten Fünfzigern schon lange nicht mehr modern gewesen wäre.

Daß er seine Funktion erfüllt, ist beinahe das einzig Positive, was sich zu diesem Bahnhof sagen läßt.

Er leitet von den Bahnsteigen durch einen breiten und hellen Tunnel ins Gebäude, von dort weiter nach draußen zu unter dem Vordach gut zugänglichen Bussen, Taxis oder Autos oder in das Wohngebiet, das sich links am Hang erstreckt und durch dieses ins entfernte Stadtzentrum.

Zudem gibt es einige hübsche Details. Im Stadtwappen auf der Fassade ist das eigentliche Schild mit den beiden Türmen gerahmt von einem Zahnrad, um das sich ein Band windet und das dann links von einem Lindenzweig, rechts von einer Ähre und oben von einem geflügelten Rad überdeckt ist. Das Alte ist im Neuen aufgehoben, was ein deutlich besseres Symbol für den Sozialismus in Klatovy ergibt als die Reliefs oder das Wandbild und, wohl zufälligerweise, genau der tatsächlichen Stadtstruktur entspricht.

Die Uhr an der linken Schmalseite der Halle besteht aus wenig mehr als den großen Zeigern und in Kreisflächen gefaßten Zahlen, was denen des großartigen Bahnhofs Pardubice entspricht.

Und wie das Wort „Odjezd“ (Abfahrt) in der Rundung der Wand des zum Bahnsteigtunnel führenden Gangs steht und die Bewegung des Reisenden vorwegnimmt, ist sogar vorbildlich.

Nichts davon hilft, der Bahnhof Klatovy, 1959 eröffnet, ist ein mißlungener Bau, der der Tschechoslowakei nicht würdig ist. Eine Gedenktafel erinnert in der Halle an die Opfer sowohl des „Luftangriffs im Jahre 1945“ als auch an die Opfer der „Gefangenschaft in der Zeit der Unfreiheit“. Beides ist nicht näher definiert, da wohl jeder wußte, daß es ein alliierter Luftangriff auf einen deutschen Munitionszug war, der den alten Bahnhof in den letzten Kriegstagen zerstörte, während es sich um Gefangenschaft in deutschen Lagern und Gefängnissen handelte.

Ausweißlich des neuen Bahnhofs müßte man urteilen, daß sich das Opfer nicht gelohnt hat, doch es gibt in Klatovy wie im ganzen Land glücklicherweise ja viel mehr. Gut dennoch, daß man den Bahnhof von den Gleisen aus kaum sieht.

Die nackte KFZ-Werkstatt

Vielleicht würde man dieses Gebäude übersehen, wenn es sich gegenwärtig nicht als so kahle und scheinbar funktionslose Betonarchitektur zeigen würde. Vielleicht würde es dann weniger als Fremdkörper wirken, dort am Rande der Siedlung Siemensstadt aus den zwanziger Jahren, ganz am Ende des langen Saatwinkler Damms, kurz vor dem großen Haselhorster Damm, wie die Straßen sehr Berlinerisch heißen, und unweit der Biegung eines ebenfalls sehr Berlinerischen Kanals.

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Zur Straße hin öffnet sich ein zurückgesetztes Erdgeschoß, das in der linken Hälfte weit höher ist als in der rechten. Beim Ende der linken Hälfte hat es zwei eckige Stützen und in der Mitte der rechten eine weitere. Genau zwischen den ersten beiden Stützen ragt ein dünnes Vordach mit rechteckiger Fläche nach vorne, wo es auf zwei runden Stützen ruht. Offen jedoch wirkt das Erdgeschoß keineswegs, da es an den Seiten von den Wänden des Gebäudes und oben vom Dach begrenzt wird. Das Dach ist erst ein schmaler Streifen, wird nach dem Vordach zur hohen Wandfläche und endet nach der rechten Stütze, wo es ebenfalls eine Stufe beschreibt, wieder schmal. So macht das Gebäude einen stark kubischen, geradezu schachtelartigen Eindruck, wie ein Bauklotzsatz aus Beton, und gibt dem Erdgeschoß einen strengen Rahmen vor.

Dabei ist gleich offenkundig, was hier war: eine KFZ-Werkstatt mit Tankstelle. Ganz links die großen verglasten Tore des Werkstattraums, daneben noch stärker verglast der Büro- und Kassenraum. Zwischen den eckigen Stützen im Boden letzte Spuren der Zapfsäulen, die zweifelsohne schon lange vor der Werkstatt den Betrieb eingestellt hatten. Doch es gibt keinerlei Schilder, keinerlei Werbung, die Räume sind leer, der Beton kahl – die Werkstatt ist nackt, ihr fehlt alles, was sie zur Werkstatt macht, sie ist eine Hülle.

Das gilt gleicherweise für das übrige Gebäude. Die befremdliche Nacktheit kann davon ablenken, daß es viel zu groß ist, um nur eine KFZ-Werkstatt beherbergt zu haben. Der Werkstattraum nimmt nur einen Teil der Gebäudetiefe ein, es setzt sich nach hinten noch weit fort. Rechts ist neben einer milchig verglasten Männertoilettentür eine weitere breite Einfahrt mit Rolltor. Die andere Seite des Gebäudes erklärt dann alles:

in der linken Hälfte ein langes undurchsichtiges Fensterband, in der rechten Hälfte zwei übereinander, eins etwas niedriger, eins etwas höher angeordnet als das linke.

Für normale Geschosse sind sie zu niedrig, nicht aber für Parkplätze. Das Gebäude ist ein Parkhaus und kein ganz kleines, denn es hat fünf Ebenen, drei innen und zwei auf dem Dach. Aus hinreichender Entfernung sieht man von vorne, wie über der Auffahrt zur rechten Dachfläche ein schräges Dach aufsteigt.

Doch auch auf die Parkhausnutzung deuten keinerlei Schilder, keinerlei Wegweiser mehr hin. Das Gebäude ist wirklich nur eine Hülle aus Beton. Vielleicht würde man es übersehen, wenn es anders wäre. So aber wird das Gebäude, das nie anders als funktional sein wollte, zu einer Skulptur, wird das Gebäude, das nie einen Stil haben wollte, zum Exponent des sogenannten Brutalismus, wird das Gebäude, das nie auffällig sein wollte, zur Attraktion. Vermutlich steht ihm der Abriß bevor, vermutlich wird an der Stelle in ein paar Jahren ein fünfgeschossiges Wohngebäude stehen, weil sich Wohnbau in Berlin auch in Randbezirken wieder lohnt. Für eine kurze Zwischenzeit aber kann hier ein ganz archetypischer westdeutscher Gebäudetyp von seiner Funktion losgelöst erkundet werden: das Parkhaus mit KFZ-Werkstatt und Tankstelle. Wenn die Automobilisierung der fünfziger und sechziger Jahre ein architektonisches Symbol hat, dann wohl solche Gebäude. Ungewöhnlich an diesem am Saatwinkler Damm ist nur, daß es nicht in einer Innenstadt und außerdem ganz frei stand. Das ist heute sein Glück oder das des Betrachters. Es ist ein Lehrbuchbeispiel, ein Modell seiner selbst: das Parkhaus des reichen Manns.

Erkundungen auf Friedhöfen: Das Reihenhaus des Todes

Straßen wie diese gibt es in den Niederlanden tausende. Zweigeschossige rote Backsteinreihenhäuser mit kleinen Vorgärten, die Entstehungszeit an den gemäßigt historistischen Stilen kaum abzulesen. So könnte man die St Jorislaan in Eindhoven tausendmal entlanggehen, ohne zu bemerken, daß eines der Reihenhäuser nicht ganz paßt.

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Im Erdgeschoß ist statt der Tür und des großen Fensters ein Tordurchgang mit Gewölbe, vor dem etwas höheren Dach ist eine Art Erker, der im Obergeschoß von Atlanten in zwei Variationen des heiligen Georg getragen wird und in einer Art Türmchen mit Kreuz endet.

Durch das Tor blickt man auf eine lange dunkle Allee und begreift: dort ist ein Friedhof. So surreal es scheint, mitten zwischen den Reihenhäusern einen Friedhofseingang anzuordnen, genau so geschah es Ende des 19. Jahrhundert dem St Joriskerkhof (Sankt-Georgs-Friedhof).

In der Wohnung über dem Durchgang wohnte oder wohnt der Kapelaan (Kapelan), so daß der Friedhof ihr Garten wird. Diese Vorstellung mag etwas unheimlich sein und der Ort tut mit der engen und dunklen Tannenallee in seiner Mitte auch wenig, dieses Gefühl zu zerstreuen. Die Gräber stehen quer neben der Allee und im Halbrund um ein großes Kruzifix bei ihrem Ende.

Als ziehe der Ort das an, findet man auf dem Friedhof zwei ungewöhnlich unheimliche Gräber. Es sind Kindergräber, die ohnedies immer besonders traurig sind.

Das erste ist das Grab eines Mädchens namens Louise Adoplhine Theonie de Block, das 1878 im Alter von nicht einmal vier Jahren starb. Der Name auf dem podestartigen Sockel ist dabei viel schwerer zu lesen als ihr marmornes Ebenbild, das auf dem Sockel in einem satteldächigen Glaskasten liegt, zu sehen ist. Sie liegt leicht seitlich auf einer Liege mit Kissen, trägt zeittypische bürgerliche Kinderkleidung, hat den Kopf in die rechte Hand gestützt, scheint zu schlafen.

Die Skulptur wäre noch nicht gar so ungewöhnlich, aber der Glaskasten um sie ist es in großem Maße. Man denkt an Schneewittchen oder aber an Brutkästen und begreift nicht, was für eine Art Trost es den Eltern gegeben haben mochte, ihre Tochter in Stein, scheinbar schlafend und hinter Glas auf dem Friedhof zu besuchen.

Das zweite ist das Grab eines Jungen namens Herman, der 1936 im Alter von nicht ganz fünf Jahren starb. Vor einer spitzbögigen schwarzen Steinplatte steht er ganz aus Bronze in Matrosenhemd, kurzer Hose und mit Roller auf einem niedrigen Sockel mit seinem Namen.

Wo die Familie de Block ihre Tochter schlafend zeigte, entschied die Familie hier, ihren Sohn lebend in einer Alltagssituation zu zeigen. Wo das Mädchen eine verwirrende Fülle von Vornamen hatte, ist der Junge bloß Herman, schon die Lebensdaten sind kleiner und schwer lesbar, ein Nachname fehlt. Wo allerdings die schlafende Skulptur etwas immerhin Friedliches hat, das erst durch den Kontext unheimlich wird, erinnert die stehende Plastik des Kinds mit großem, leicht gesenktem Kopf, unklarem Lächeln, starr nach vorne gerichtetem Blick, streng gescheiteltem, doch gewiß blonden Haar, und direkt über dem Kopf im Stein hängenden Kreuz an irgendeinen Horrorfilm, wozu gewiß auch die unregelmäßigen Verfärbungen des Kupfers beitragen. Hier ist noch unklarer, was die Eltern sich dabei gedacht haben mögen.

Kindergräber sind traurig und umso mehr, wenn sie wie bei diesen beiden Darstellungen den Tod nicht hinnehmen und die Kinder zu Untoten machen wollen, umso mehr, wenn die Eltern ihrer Trauer aus Übermaß an Geld und Mangel an Geschmack solch traurige Formen geben. Aber auf traurige Art passen Louise und Herman in dieses Reihenhaus des Todes.