Gotik über Renaissance

In Dom und Severikirche in Erfurt kann man, neben vielem anderen, Vergleiche zwischen Gotik und Renaissance anstellen. Denn neben vielem anderen beherbergen sie in ihrem Inneren auch jeweils einen großen Aufbau über einem Taufbecken, ein sogenanntes Taufgehäuse.

In der Severikirche ist dieses eigentümliche Gebilde, halb Architektur, halb Kunst, durch und durch gotisch. Auf dreieckigem Grundriß steigt es mit offenen Spitzbögen, Fialen und auf komplizierte Weise verschlungenen Maßwerkstreben bis zum Gewölbe der Decke auf.

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So filigran, offen und leicht ist die Konstruktion, daß man kaum glauben kann, daß sie aus Stein ist.

Die Heiligen in den Eckpfeilern, die Engel auf Streben weiter oben, die Maria in einem offenen Bereich ganz oben, ja, das Taufbecken selbst, um das es vorgeblich geht, werden in den Windungen und Schlingen der Konstruktion, die noch durch angefügte Blattornamente akzentuiert werden, zur Nebensache.

Nebenan im Dom ist das entsprechende Taufgehäuse aus der Renaissance. Der Vergleich zeigt, was die Gotik der Renaissance voraushatte. Das gotische Werk kann frei von allen Vorgaben nach oben wachsen, es kann reine, wenn auch zweckfreie Konstruktion sein. Das Werk der Renaissance hingegen muß so tun, als habe es etwas mit der Antike zu tun. Die sechs Stützen müssen ionische Säulen sein, darüber muß sich eine Kuppel spannen und bis zum Gewölbe hoch oben muß ein Obelisk ragen, den sechs kleinere um die Kuppel ergänzen.

Aber die Formen passen nicht, denn das Taufgehäuse will zugleich ähnlich filigran, offen, leicht und vertikal sein wie sein gotischer Vorgänger, mit dem der Künstler gewiß vertraut war. So ist die Kuppel keine Kuppel, sondern aus offenen Streben zusammengesetzt. So wird mit dem Obelisk eine Verbindung zur Decke gleichsam erzwungen. So wirken die Blattornamente, die es auch hier gibt, wie aufgeklebt, fremd, während sie beim gotischen Taufgehäuse nebenan ganz natürlich aus der verschlungenen Konstruktion zu erwachsen scheinen.

Künstlerisch,  das steht außer Frage, ist die Renaissance hier der Gotik weit überlegen. Das Taufbecken, um das die Tugenden und unten die Evangelisten samt ihren Symboltieren abgebildet sind, könnte gut alleine stehen, stände besser alleine.

Auch die Symbolik ist gut gewählt. Wie Jesus vorne vor der Nichtkuppel steht, die Taube des Heiligen Geists in der Mitte ihrer Decke hängt und oben, wo der Obelisk in das Quadrat zwischen den Streben des Sterngewölbes stößt, Gott herunterblickt, ist eine geschickte Ausnutzung des Raums und eine interessante Darstellung der Dreifaltigkeit.

Obwohl das Taufgehäuse aus der Renaissance somit besser mit seiner Kirche verbunden ist als das gotische, wirkt es doch, als wolle es woanders sein. Es füllt die Ecke des Kirchenraums fast aus und läßt an zwei Seiten nur wenig Platz, so daß der Betrachter in eine frontale Betrachtung gedrängt wird. Sein gotisches Gegenstück hingegen steht frei im Raum und kann, wiewohl es ebenfalls eine Vorderseite hat, von allen Seiten gut betrachtet werden, ist allansichtig.

Das Taufgehäuse in der Severikirche ist zufrieden damit, reine Konstruktion zu sein, es weiß nicht, was es sonst noch sein könnte. Dadurch wirkt es weit moderner als das zeitlich neuere der Renaissance. Erst in den Eisenkonstruktionen des 19. Jahrhunderts gibt es wieder etwas, was diesem gotischen Werk ähnelt. Vielleicht mochte die frühe eiserne Architektur die Gotik auch deshalb, weil sich ihre Formen für sie eigneten. Die Neogotik wäre insofern der erste Schritt weg von der Nachahmung alter Stile gewesen.

Letztlich sieht man in der Severikirche schon weiter als zur Gotik, weiter als zur Renaissance. Von der filigranen Steinstruktur, die eine Maria hält, sieht man in die Gegenwart: zu den allgegenwärtigen filigranen Stahlstrukturen, die Sendeanlagen, Scheinwerfer oder Stromleitungen halten.

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Ein Gedanke zu „Gotik über Renaissance

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