Archiv für den Monat Februar 2019

Polska YMCA Gdynia

Das Polska YMCA ist eines der wichtigsten Gebäude des frühen Gdynia.

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Es steht in der Derdowskiego (Derdowski-Straße) und hat fünfeinhalb Geschosse mit einer braungrauen Backsteinfassade. Der Eingang ist in der rechten Gebäudeecke in einem ausgesparten Bereich mit runder Stütze, wo eine Treppe nach links zur Tür des über einem halb unterirdischen Geschoß liegenden ersten Geschosses führt.

Während dessen erstes Fenster noch durch ein Muster aus schräg vorstehenden Steinen besonders markiert ist, sind die nach links folgenden bandartig lang und horizontal. In den nächsten drei Geschossen sind die Fenster kleiner und vertikal, wobei links ein breiter vertikaler Streifen freigelassen ist, wo von oben nach unten in silbernen Buchstaben YMCA steht. Das oberste Geschoß ist deutlich zurückgesetzt und hat ein Dach aus nach außen und oben schräg ansteigenden Betonflächen. Auch an den Schmalseiten sind mehrere Reihen großer Fenster. Die straßenabgewandte Fassade entspricht der beschriebenen, doch die Fenster sind hier quadratisch und rechts ist ein leicht vorgesetzter Treppenhaustrakt, auf dem schachbrettartig kleine quadratische Öffnungen und herausstehende Steine sind.

Unten schließt ein etwa zwei Geschosse hoher großer Flachbau an, der entlang der abzweigenden Żeromskiego (Żeromski-Straße) direkt am Gebäuderand, rechts wegen des Treppenhauses etwas zurückgesetzt beginnt. Ganz wie das oberste Geschoß des Gebäudes hat der Flachbau ein schräg aufwachsendes Dach.

Überspannt von diesem beginnen die beiden Seiten mit geraden Backsteinflächen, die bald etwa auf halber Höhe geschwungen vortreten und unter einem schmalen Fensterband als entsprechendes Band weiterlaufen, während darunter Flächen aus rechteckigen horizontal gesetzten Glasbausteinen sind.

Kurz vor dem Ende dieses Teils folgt ein nunmehr ein Geschoß hoher Teil, der bis auf die Linie des überstehenden Dachs vorgesetzt ist. Er hat dann große abgerundete Ecken, bei denen Fensterbänder beginnen, und schließt mit einer leichten Einwölbung die andere Seite des Flachbaus ab.

Dort ist ein Eingangsbereich mit breiten Türen und einem dünnen freischwebenden Vordach aus Beton, das das Gebäudeende wieder gerade macht.

Man könnte nun betonen, wie ausgewogen und harmonisch alles an dem Gdyniaer YMCA-Gebäude ist, wie gelungen auch die Details wie die Türen mit ihren kleinen umrandeten runden Glaselementen im Holz, und man hätte damit ganz recht.

Doch das wirklich Bedeutende an dem Gebäude ist etwas anderes: es steht frei. Es ist nicht Teil der Blockrandbebauung und es war auch nie als solcher gedacht. Es sollte immer freistehen. Es kennt dementsprechend kein Hinten und kein Vorne, all seine Seiten sind ihm gleich wichtig.

Gewiß ist der Eingang in der Derdowskiego der Haupteingang, aber er ist bewußt an die Seite gerückt und ganz dezent ausgestaltet. Und ist nicht der rückwärtige Eingang gleichsam repräsentativer? Repräsentativer, nicht etwa monumentaler, denn von Monumentalität ist das Gebäude gänzlich frei. Aber auch die expressiven Elemente, die Schwünge und Rundungen, all die in einer Hafenstadt so naheliegenden maritimen Anklänge, sind eher zurückgenommen, auf das Erdgeschoß beschränkt. Mit Abstand markantestes Gestaltungselement sind vielmehr die überstehenden Dachschrägen, die insbesondere in den Ecken an Fragmente umgedrehter Pyramiden erinnern. Man kennt solche irgendwie schwebend wirkenden Dächer, aber von Gebäuden aus den Fünfzigern, Sechzigern, ja, Siebzigern.

Wenn das Polska YMCA, wie man annehmen kann, aus den dreißiger Jahren, als das junge Gdynia wuchs, stammte, wäre es das bei weitem fortschrittlichste Gebäude dieser Zeit in der Stadt. Doch es ist zehn Jahre neuer, entstand zwischen 1948 und 1951. Architektur dieser Zwischenzeit gibt es in Polen, anders als etwa in der Tschechoslowakei, sehr wenig, da der arme, kriegszerstörte und nach Westen verschobene polnische Staat andere Probleme hatte und den Aufbau erst in den Fünfzigern in nunmehr stalinistischen Formen beginnen konnte. Nicht verwunderlich somit, daß gerade eine wohlhabende internationale Organisation wie YMCA (Young Men’s Christian Association – Christlicher Verein junger Männer) sich in dieser Zeit ihr Gebäude bauen konnte. Als protestantische Gruppierung in einem katholischen Land und als westliche in einer Volksdemokratie hatte es YMCA doppelt schwer und war verboten noch bevor der Neubau eingeweiht war, ohne das wohl irgendjemand weiter traurig war.

Doch auch für die frühe Nachkriegszeit ist das Polska YMCA ein herausragendes Gebäude. Auch zwanzig Jahre später könnte ein freistehender Bau aus fünfgeschossigem Bürotrakt und flachem Saaltrakt ganz ähnlich gebaut worden sein und Dächer wie seins wurden in den folgenden Jahren sogar allgegenwärtig. Noch der Brückentrakt, der es über der Żeromskiego mit einer Schule verbindet und tatsächlich neuer ist, paßt mit quadratischen Glasbausteinen hinter dünnen V-Trägern aus Stahl gut zu ihm.

Das Polska YMCA steht an einer Schwelle zwischen dem nicht alten kapitalistischen Gdynia, dessen Formen es nahe ist, und dem noch nicht gebauten neuen sozialistischen Gdynia, auf das es vorausweist. Wo Gdynia eine Stadt des 19. Jahrhunderts in teils modernistischen Formen ist, gehört es schon in eine andere Art von Stadt. Es ist so, wie die übrige Architektur der Zwischenkriegszeit in Gdynia vielleicht gern gewesen wäre. Es ist so, wie diese nur träumen konnte zu sein.

Noch heute steht das Gebäude frei, aber zum großen Plac Kaszubski (Kaschubischen Platz) hin wurde ein unsäglicher Eckbau davor gesetzt, der seine linke Seite zum Hinterhof macht.

Es ergeht ihm mithin genauso wie anderen Gebäuden, mit denen das sozialistische Polen später die kapitalistische Stadtstruktur aufzulockern suchte. Auch das zeugt von seiner Bedeutung.

Schloß Slavkov u Brna oder Von der Aktualität des Barock

Nicht alles am Barock braucht uns zu interessieren. Das Schloß von Slavkov u Brna (Slavkov bei Brno, international besser bekannt als Austerlitz wegen der napoleonischen Schlacht, die in der Nähe stattfand) beispielsweise hat einen Vorhof. Er beginnt scheinbar rund zwischen zwei viertelkreisförmigen flachen Vorbauten und sich nach außen geschwungen öffnenden Teilen des eigentlichen dreigeschossigen Schlosses,

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setzt sich gerade und recht eng zwischen den Flügeln des Schlosses, aus denen sich Arkaden öffnen, fort

und endet wiederum rund im offenen Erdgeschoß eines vorgewölbten Gebäudeteils mit Kuppel.

Dieser Ehrenhof war für das Schloß zweifelsohne sehr wichtig, diente er doch zu tausend heute kaum mehr nachvollziehbaren Empfangs- und Disktinktionsritualen zwischen Adligen. Doch uns muß er nicht interessieren. Diese gesellschaftliche Klasse ist so tot wie die der ägyptischen Pharaonen und wenn sich auch heute noch Menschen als König oder Prinz bezeichnen, sollten wir darauf reagieren, wie wir reagieren würden, wenn sich uns jemand als Pharao vorstellte: mit Lachen.

Weit interessanter sind die Beziehungen des Schlosses zu seiner Umgebung. Vom runden Hof führt auf der einen Seite eine weite Allee in den Wald auf dem nächsten Hügel und auf der anderen eine Rampe in die Stadt hinab. Direkt hinter einem der Flachbauten steht die Stadtkirche, ragt mit dem riesigen Satteldach und der Uhr auch darüber hinaus, doch zu Hof oder Schloß hat sie keinerlei Bezug.

Sie ist, sehr ungewöhnlich für das Österreich auch noch des Jahres 1789, ein völlig klassizistischer Bau und dominiert mit ihrem riesigen Tempelportal die Hauptstraße von Slavkov.

Das Schloß hingegen hat an seinem Ort keinerlei Interesse, nichts an ihm ist an diesen gerichtet. Die Kirche wirkt da, als habe ein weitsichtiger Imageberater der Adelsfamilie geraten, sie solle dem Pöbel im Ort wenigstens irgendetwas geben, damit er Ruhe hält.

Doch was bei einem barocken Schloß wirklich zählt, was wirklich interessant ist, das ist der Park. Er ist nach der Abfolge der Höfe gar nicht mehr weit und durch zwei große Glastüren schon gut zu sehen. Man ahnt, daß so mancher adlige Besucher gerne sogleich in ihn hinausgegangen wäre, wenn es das Zeremoniell bloß zugelassen hätte. Anders als in einem verfälschten Schloß wie Schönbrunn hat der heutige Besucher diese Möglichkeit.

Nur zum Park hin hat das Schloß eine Schauseite, die im Ganzen zu betrachten ist und zur Betrachtung gedacht ist.

Zwischen den endenden Walmdächern der Seitenflügel ist hier eine Dachterrasse mit einigen Amphoren auf der Brüstung und hinter dieser die geschwungen ansteigende Kuppel. Unten in der Mitte sind drei große rundbögige Fenster, über denen ein Balkon verläuft, und durch das mittlere gelangt man in den Park. Er ist dann klar zweigeteilt.

Direkt vor dem Schloß und auf einer Ebene mit ihm erstrecken sich als erster Teil streng geometrische Anlagen.

Drei achteckige Wasserbassins, die äußeren gleichseitig, das mittlere parallel zum Schloß länger, sind von Flächen mit niedrigen eckig geschnittenen Hecken so umgrenzt, daß sie von außen drei Rechtecke ergeben. In den Ecken der Flächen stehen jeweils Statuen auf Sockeln. Fast alle zeigen etwas überlebensgroße Gestalten in antikisierender Gewandung, also halbnackt.

Nur um das mittlere Bassin sind auf niedrigeren Sockeln vier Putten, die wohl die vier Jahreszeiten darstellen. Bei den anderen, ob sie nun Allegorien, Götter, Sagengestalten sein sollten, kann man sich in der Interpretation alle Freiheit lassen und sie so in die Gegenwart holen. „J’ai dit que c’était vous et moi, aussi bien. Ou n’importe qui.“ (Ich sagte, das könnten genausogut Sie und ich sein. Oder irgendjemand), wie es im barocken Film „L’année dernière à Marienbad“ (Letztes Jahr in Marienbad) heißt.

Oft sind die Statuen beidseits eines Weges aufeinander bezogen, meist sind es Frau und Mann.

Diese etwa, eine Frau, die ein Kind haltend weit nach rechts gewandt steht, und ein Mann, der geradezu demonstrativ nach rechts von ihr weg schaut und einen Hund streichelt, scheinen die ewige Ungerechtigkeit der Geschlechterbeziehungen zu symbolisieren: der Mann kann sein Kind ignorieren und sich dem Hund widmen, die Frau eher nicht.

Dennoch, dies ist schließlich ein barocker Park, hat ihr Gesicht nichts Leidendes, nicht einmal etwas Flehendes, eher etwas freundlich Hinweisendes: „Hier, dein Kind.“

Etwas herausgehoben stehen ganz rechts und links am Ende des Wegs, der diesen Bereich abschließt, zwei Doppelskulpturen.

Die rechte zeigt einen Engel, der eine junge Frau belästigt, die linke einen Engel, der einen älteren Mann belästigt, wobei dieser den Annäherungsversuchen noch weniger abgeneigt scheint als bereits sie.

Gebrochen wird die Symmetrie immer durch einige Bäume, die ganz beliebig zwischen den Flächen stehen, was auch darauf hinweist, daß dieser Parkteil seine barocke Form erst in den siebziger Jahren zurückbekam. Dem Barock wäre das ein Graus, aber für uns ist es gut, daß einige exotische Nadelbäume, eine Hängebuche und ein großer Ginkgo dort Skulpturen anderer Art bilden.

Der zweite Teil des Parks ist ein weiter Wiesenstreifen zwischen Bäumen, der unterhalb des Hügels die Achse des Schlosses nach Westen fortsetzt und bis hinaus in die mährische Landschaft läuft.

Dort sind Felder an einem höheren Hang, dessen baumbestandener Kamm im sichtbaren Ausschnitt von links nach rechts schräg ansteigt. Während diese Achse noch sehr barock ist, hat die Gestaltung der Wiesen und Baumgruppen an den Seiten schon etwas von englischem Landschaftspark. Es gibt dort auch fast keine der üblichen Kleinarchitekturen, bloß einen hölzernen Pavillon, hoch, achteckig, Vorhangbögen, Dachaufbau mit Kleeblattbögen, an den Spitzen hochgebogene Dächer, in schlechtem Zustand.

Dafür ist der Hang zwischen den beiden Teilen gleichsam architektonisch gestaltet. In der Mitte verlaufen zwei Wege, die sich X-förmig kreuzen, und am Rand links ein <-förmiger und rechts ein >-förmiger, so daß der Hang in zwei auf der Spitze stehende rechteckige und zwei dreieckige Flächen aufgeteilt ist.

Bei der Kreuzung der Wege stehen in den Spitzen der seitlichen Rechtecke große Amphoren und in der Spitze des unteren Dreiecks zwei zueinander geschwungene Voluten, auf denen eine weibliche und eine männliche Figur ruhen.

Sie wirken wie zwei Teile eines Giebels, den das Schloß nicht hat. Und es tut diesem Giebel gut, dort zweckfrei am Hang zu stehen, statt zweckfrei an einem Gebäude zu hängen, er wirkt freier, befreit. Zugleich markiert er subtil die Tatsache, daß der Hügel in Wirklichkeit selbst ein Gebäude ist.

Man kann das leicht übersehen, man soll das auch übersehen. Es ist aber kein Zufall, daß die Flachbauten des Vorhofs zur Stadt hin zweigeschossig sind,

oder, daß um das Schloß zu drei Seiten ein recht breiter und geschoßtiefer Graben, über den zum Park hin eine Brücke führt, verläuft,

oder sogar, daß neben der Auffahrtrampe zum Vorhof ein Johannes von Nepomuk steht.

Er scheint dort, bartlos und sternenkranzlos, etwas verloren, doch er erfüllt seine Funktion als Brückenheiliger: neben ihm ist das Eingangstor in den Graben und die Rampe ist eine Brücke.

Während der Ehrenhof oben dem festlichen Empfang der Herrschaften dient, ist das Tor unten den Dienstboten und Lieferanten zugedacht. Das gesamte Grabengeschoß enthält Räume, die für den Betrieb des Schlosses unabdingbar sind, Werkstätten, Küchen, Lagerräume, aber unsichtbar bleiben sollen.

Diese unteren Teile des Schlosses, seine Eingeweide, erstrecken sich noch weiter, unter dem Hof, unter dem oberen Teil des Parks, ihre Größe ist gar nicht abzusehen.

Das nun sollte uns an diesem barocken Schloß interessieren. Seine Gestaltung ist in zweierlei Hinsicht aus unserer eigenen Zeit vertraut. Zum einen handelt es sich um ein schönes Beispiel der Trennung verschiedener Funktionen in einem Gebäude, wie sie gut und unabdingbar ist. Zum anderen sieht man hier ein Gebäude, das so aufgeteilt ist, daß eine herrschende Klasse den Kontakt mit einer unterdrückten Klasse weitgehend vermeiden kann. Zwar gibt es keinen Adel und keine Bauern mehr, aber eine herrschende und eine unterdrückte Klasse nach wie vor. Das Bauen der nunmehr Herrschenden hat die Segregationstechniken, die am Schloß Slavkov zu betrachten sind, noch verfeinert. Sie sind nun überall.

Dank den Umwälzungen durch erst die bürgerliche und dann die proletarische Revolution haben wir heute das Glück, Schlösser wie das in Slavkov und vor allem ihre Parks jederzeit besuchen zu können. Viele heutige Architektur will uns allerdings nach wie vor mit prachtvollen und monumentalen Fassaden überwältigen wie die Kirche von Slavkov, während wir vor vieler anderer so verloren und ausgeschlossen stehen wie ein Slavkover Bauer im Jahre 1804 vor zwei seitlichen Einfahrten in den Hügel, über denen die Rückseite der Doppelplastik des vom Engel bedrängten Alten zu sehen ist.

Wie nah uns der Barock ist, das sollte uns interessieren.

Trzcianka an der Eisenbahn

Trzcianka ist ein weithin unbekanntes Städtchen südlich von Piła, das man ebensowenig kennen muß. Es liegt im nördlicheren Westen von Polen, in Wielkopolska (Großpolen), das seinen Namen wohl daher hat, daß es voller großer leerer Felder ist. Es liegt auch an einer Bahnlinie, auf der heute nur noch einige Regionalzüge fahren, obwohl sie einst zur Verbindung zwischen Berlin und Königsberg (heute Kaliningrad) gehörte. Dem Bahnhofsgebäude von Trzcianka würde man das nicht ansehen, denn Fernzüge hielten hier gewiß auch damals nie. Ein anderes Bauwerk hingegen zeugt von der alten Bedeutung der Strecke: die Unterführung beim Bahnübergang in der Sikorskiego (Sikorski-Straße), der Hauptstraße des Orts.

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Beidseits der Gleise stehen leicht schräg zur Straße die Eingangsbauten über den Treppen. Dünne Wände aus Stahlgerüsten, die teils mit Backstein ausgefüllt sind, abgeflachte Tonnendächer, beim rechtsgleisigen noch eine niedrigere Fortsetzung, die unregelmäßig spitz endet und ein unregelmäßiges Dach hat.

Am auffälligsten sind die Blechelemente an der Stelle der Fenster: jeweils zwei schmale nach außen zeigende Dreiecke in dem Türkisgrün des übrigen Gebäudes um ein vertikales Achteck in Ocker.

An einer Stelle über dem Boden im niedrigeren Teil ist sogar ein Muster aus unregelmäßigen ockerfarbenen Dreiecken.

Im ersten Moment ist völlig unklar, aus welcher Zeit diese Bahnunterführung stammen könnte. Sofort ist da die romantische Vorstellung eines sehr ungewöhnlichen Expressionismus der Zwanziger, eines provinziellen Art Déco, wie es ihn sonst höchstens in der Innenarchitektur gab. Wahrscheinlich ist das leider nicht. Die Unterführung und ihre Eingangsgebäude müssen vielmehr irgendwann um 1900, zur Hochzeit der Bahnlinie, entstanden sein. Daß sie an dieser Stelle und nicht etwa beim nahen Bahnhof ist, konnte nur nützlich sein, als starker Zugverkehr den oberirdischen Übergang oft versperrte. Die Blechornamentik hingegen muß weit neuer sein, eine exzentrische Lösung aus dem sozialistischen Polen der sechziger oder siebziger Jahre, die auch gut zu dem ebenfalls türkisgrünen und ebenfalls Dreieckelemente enthaltenden Metallzaun auf der anderen Straßenseite paßt.

Damals hatte die Unterführung schon viel von ihrer Nützlichkeit eingebüßt, heute ist sie abgesperrt. Sie steht, noch immer in relativ gutem Zustand, als Erinnerung an die Geschichte, die an Trzcianka aber schon immer bloß vorbeigebraust war.

olivetti

Selbstverständlich ist der Showroom des Schreibmaschinenherstellers Olivetti am Markusplatz in Venedig ein Meisterwerk der Ladenarchitektur. Die großen dunkelgoldgerahmten Fenster mit leicht abgeschrägten Ecken. Das hölzerne Band zwischen den weißen Kapitellen der Procuratie Vecchie, in denen in einfachen Kleinbuchstaben aus blaßgoldenem Metall der Markenname steht.

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Erst recht der leicht erhöhte Innenraum mit Bodenmuster aus kleinen Quadraten, mit einer einst goldenen abstrakten Plastik von Alberto Viani in einem sehr flachen schwarzen Wasserbecken und mit einfachen Holzflächen zur Präsentation der Schreib- und Rechenmaschinen, die durch recht komplizierte Verstrebungen schräg nach unten und durch eine dünne Stange zur Decke so schwebend wirken.

Für olivetti, eine der berühmtesten italienischen Firmen ihrer Zeit, gab es gar keine andere Möglichkeit, als hier, an einem der berühmtesten Orte der Welt, ein Meisterwerk zu schaffen.

Seit 1958, als der Raum gestaltet wurde, scheint sich nichts verändert zu haben, aber das liegt daran, daß er später, als er musealer Ausstellungsraum für Design statt kommerzieller Verkaufsraum für Produkte wurde, behutsam zum Originalzustand  zurückgeführt wurde.

Doch fast noch besser als die transparente Ecke, die man sieht, wenn vom Platz unter die Arkaden getreten ist, ist die Wand, die sich einem als erstes darbietet, wenn man aus dem Gassengewirr der Stadt durch den eher dunklen Gang des Sotoportego del Cavalleto kommt. Hier nimmt die schlichte helle Steinverkleidung gar keine Rücksicht mehr auf die Gesimse und Pilaster des alten Gebäudes. Auf dem rauhen Stein rechts steht ein weiteres Mal der Markenname und daneben ist im glatten Stein und halb in einer um Unsichtbarkeit bemühten oder diese Bemühung behauptenden steinverkleideten Tür das Logo.

Es ist eine Art eckige Spirale, die links unten beginnt und deren Strich von der Mitte waagerecht wieder nach rechts hinausführt. Das Logo findet sich auch rechts des Schaufensters in der Wand des zurückgesetzten Eingangs, dort sogar aus dunkelgoldenem Metall und von hinten beleuchtet, doch bei der versteckten Tür, wo seine Reliefform mit abblätternder goldener Farbe gefüllt ist,  wirkt es eigentümlicherweise noch wirkungsvoller. Seine quadratische Form scheint sich hier auf das Quadrat des zugemauerten eckigen Bogens darüber zu beziehen. Aus der eckigen Spirale des Logos scheint die eher zufällige Form darüber zu erwachsen und auch der ebenfalls zugemauerte Rundbogen rechts scheint von einem Überbleibsel eines älteren Ladenraums zu einem gewollten geometrischen Element des neuen olivetti-Showrooms zu werden. Hier, wo es vom Neuen völlig überdeckt scheint, ist das Alte auf subtilere Art aufgehoben als vorne, wo die Kapitelle und Gesimse eher unbeholfen um das Holzband verbleiben. Hier, wo er eigentlich nur seine Hintertür hat, ist der Raum auch nach außen hin ganz er selbst.

Anders kann das bei einem Meisterwerk nicht sein.

Die Pyramide über dem Fluß

Architektur, Städtebau, Umweltgestaltung sind immer voller Ungleichzeitigkeiten. Während in Deutschland begradigte Flüsse „renaturalisiert” werden, können sie in Rumänien immer noch grader und betonierter werden. So ist es mit dem Bahlui, dem Fluß von Iași. Begradigt war auch er schon lange. Trotz scheinbar geringer Größe fließt er in einem tiefen, stark kanalisierten Bett. Am Rande kann man ihn noch in einem älteren Zustand sehen, vielleicht weiden Kühe am Ufer oder dösen im Schlamm, doch unterhalb des Stadtzentrums wurde das Ufer vor kurzem neu befestigt.

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Hier sind nun zuerst schräge Grasflächen, dann ein Weg im Gras und zuletzt schräge Betonflächen. Beidseits des zwischen einigen Biegungen schnurgeraden Laufs des Bahlui sind im zentralen Teil Gehwege, die zu klein sind, um Fußgängerboulevards zu sein, und Straßen, die ihrerseits zu klein sind, um die Umgebung des Flusses völlig unangenehm zu machen.

Es gibt einige Brücken, ältere und neuere, die zumeist sowohl dem Auto- als auch dem Fußgängerverkehr dienen. Die schönste Brücke von Iași aber ist eine Fußgängerbrücke, die wie eine Pyramide über dem Bahlui sitzt.

Es ist eine offene Pyramide, gebildet nur aus vier eckigen Betonstreben, die am Ufer beginnen und hoch über dem Wasser zusammentreffen. Genauer gesagt beginnen diese Stützen jeweils auf einer breiteren Betonstütze, die vom Beginn des betonierten Teils des Flußbetts gleich Mauern schräg zur Mitte ragen. Horizontale Streben spannen sich auf beiden Seiten zwischen zwei von ihnen und tragen die eigentliche Brücke, während dreieckige Lücken schon die Pyramidenseiten vorwegnehmen.

Zu dieser großen Betonform kommt ein filigranes gelbes Metallgeländer. Sein Handlauf ist ein Rohr, die Stützen bestehen jeweils aus zwei nach außen gewölbten Blechen, zwischen denen dünne horizontale Streben verlaufen. In der Mitte der Brücke ist eine schmale rechteckige Öffnung, um die das Geländer nunmehr nach innen gewölbt verläuft.

Diese Podul Trancu (Trancu-Brücke) ist nicht nur eine markante und einfache Form über dem Fluß, sowohl von weitem als auch von nahem betrachtet, und zum anderen ein absolut notwendiger Zweckbau, der weit entfernt von den nächsten Brücken einen Teil des Wohngebiets Podu Roș mit den Gebäuden der Technischen Universität verbinden. Sie ist auch ihrerseits ein Beispiel von Ungleichzeitigkeit, denn ihre Konstruktion aus unverkleidetem rohen Beton würde man in Deutschland wohl in die siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre einordnen. Aber Rumänien ist ein anderes Land: sie ist von 2006. Vorher war an der Stelle seit 1932 nur ein hölzerner Steg.

Die Pyramidenform macht die Brücke zu einem beliebten Ort für die vielen Tauben von Iași, die auf der Schräge der Streben gut sitzen können. Nicht nur die jeweils sonnenbeschienene Seite von diesen sondern auch Geländer und Boden sind tagsüber Aufenthaltsort für die Tauben, während sie woanders nächtigen. Da auch die Neigung der Betonflächen am Ufer perfekt für Tauben geeignet ist, sieht man sie dort oft im Fluß baden. Immer sitzt auch eine Taube auf dem kleinen runden Stahlrohr, das aus der Spitze der Pyramide ragt. Ob dieses ursprünglich etwa für eine Fahne gedacht war, ist nicht mehr herauszufinden, aber so macht es immerhin wechselnde Tauben zum Wappentier dieses Übergangs über den Bahlui.

Eine weitere Funktion bekam die Brücke dadurch, daß an die Geländer der mittigen Öffnung Absperrgitter befestigt wurden, an denen nun Schlösser mit Namen und Daten hängen. So hassenswert die Tradition, gerade Schlösser, die für Eingesperrtsein und Zwang stehen, zu Symbolen von Beziehungen zu erklären, ist – an dieser Brücke, unter der Pyramide und in Gesellschaft von Tauben werden sogar sie beinahe schön und romantisch.

Ein einziges Problem gibt es mit der schönsten Brücke über den Bahlui: es ist nur eine einzige. Iași bräuchte jedoch noch weit mehr Brücken, um die vom Fluß getrennten Stadtbereiche zusammenzufügen. Nichts spräche dagegen, wenn sie genau wie diese aussähen, vielleicht mit verschiedenen Geländerfarben. Eine Pyramide über den Fluß also ist gut; besser wäre ein ganzes Gizeh.

Barocke Klarheit

Die Hauger Kirche hat als Fassade eine riesige Wand mit unzähligen Heiligenskulpturen in Nischen, die man von nirgendwo gut sehen kann, weil man entweder zu nah oder zu fern ist.

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Die Neumünsterkirche hat eine von der Treppe bis zum Giebel wirkungsvoll gegliederte rote Sandsteinfassade mit wohlplazierten weißen Heiligenskulpturen, die die von der Antike übernommenen Formen in Wellen legt, ohne dabei viel mit dem eigentlichen Gebäude dahinter zu tun zu haben.

Und es gibt noch eine Fülle anderer barocker Kirchenfassaden in Würzburg. Doch es ist die Augustinerkirche, die zeigt, was Barock im besten Fall sein kann.

Im unteren Teil dorische Pilaster und vier hohe und schmale rundbögige Fenster, die als einzigen Schmuck blattgleich nach oben ausgebreitete Schlußsteine haben. Im oberen Teil korinthische Pilaster und in der Mitte ein weiteres rundbögiges Fenster mit zusätzlichem Schwung im darübergesetzten Sims, große Voluten an den Seiten und oben ein flacher Dreiecksgiebel, der sogar ungefähr dem Abschluß des Daches entspricht.

Und im Mittelpunkt von all dem im unteren Teil eine einzige rundbögige Nische, die etwas höher als die Fenster gesetzt ist, und in dieser auf einem Sockel die Skulptur eines einzigen Heiligen. Er predigt, die rechte Hand erhoben, in der linken ein offenes Buch. Über ihm an der Wand ein Kranz unbestimmter Pflanzen oder Strahlen, die seinen bärtigen Kopf noch mehr rahmen als der goldene Heiligenschein und nach oben über die Ränder der Nische hinauswachsen. Es ist wie eine Explosion, eine Welle, ein Schwall, der vom predigenden Heiligen ausgeht und von keinen Vorgaben der Architektur eingehemmt ist.

Alles ist hier, wie es sein muß. Die gesamte Fassade existiert nur für diese Skulptur und sie ist von so großer Klarheit, daß das genügt, daß das mehr, viel mehr ist als die anderen barocken Fassaden der Stadt mit ihren vielen Skulpturen. Die Skulptur zeigte ursprünglich einen Dominikus, da die Kirche 1744 für ein Dominikanerkloster errichtet worden war, und wurde später, als sie in den Besitz der Augustiner kam, zu einem Augustinus mit Herz in der erhobenen Hand umgearbeitet. Für die, die lesen konnten, kamen darunter noch die Worte: „S.P. Augustine ora pro nobis.“ (Heiliger Augustinus, bete für uns). Diese Umwidmung war nötig, da die Fassade anders als bei den anderen Kirchen schon genau sagt, was einen im Inneren erwartet.

Bleibt nur noch, durch das einfache Portal unter der Skulptur zu treten. Aber warum eigentlich?

Billig Einkaufen in Velké Meziříčí

Recht zentral in Velké Meziříčí steht ein großes neogotisches Gebäude. Roter Backstein, ein niedrigeres Satteldach vor einem höheren, Treppengiebel, Spitzbögen, an den langen Seiten und sogar vorne Strebepfeiler, der gegenwärtige Zustand nicht gut, nicht schlecht, sondern eben so, wie das bei einem unverputzten Backsteingebäude ohne größere Renovierungen oder Zerstörungen nach hundertfünfzig Jahren zu erwarten ist.

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Der erste Gedanke ist, daß es eine Kirche sein könnte, doch Kreuze sind nirgends zu sehen und über dem Eingang steht „Centrum levného nákupu“ (Zentrum des billigen Einkaufs). Eine Markthalle also? Dann erkennt man verblassende hebräische Buchstaben in zwei weißen Streifen an der Eingangsseite. Eine Synagoge also.

Die Reaktion könnte nun Empörung sein: „Ein Billigladen in einer ehemaligen Syngoge! Also in Deutschland gäbe es so was nicht!“ Und das stimmt. Nachdem Deutschland seine Juden und die ganz Europas vernichtet oder vertrieben hat und nachdem die meisten der Täter im hohen Alter eines natürlichen Todes gestorben sind, kümmert es sich ganz rührend um jedes noch so kleine Zeugnis jüdischer Geschichte. Die Empörung derjenigen, deren Eltern und Großeltern dafür gesorgt haben, daß auch in hier in der mährischen Provinz keine Synagoge mehr gebraucht wird, sollte man also ignorieren. Sie ist auch, wie so oft, fehl am Platz denn in Velké Meziříčí gibt es eine zweite Synagoge, in der eine gegenwärtig geschlossene Ausstellung zur jüdischen Geschichte der Stadt ist.

Diese ältere Synagoge steht sogar gleich links neben der neogotischen. Vom Fluß aus betrachtet bilden sie ein harmonisches Ensemble, zu dem je nach Perspektive noch der hohe Kirchturm am Marktplatz hinzutritt.

Von der Straße aber ist sie so weit zurückgesetzt und hinter zwei Gebäuden versteckt, daß man sie leicht übersehen kann.

Egal jedoch, wo die Synagoge stünde, sie wäre nicht auffällig, da sie, wie bei derlei Gebäuden üblich, von einer großer Einfachheit ist.

Mit ihren tief in die weißgetünchten Mauern des unteren Teils einschneidenden spitzbögigen Fenstern wirkt sie gotisch, stammt aber aus weit späterer Zeit, dem späten 17. Jahrhundert.

Genausowenig wie das Gebäude lassen sich die filigranen Formen des steinernen Portals in enge Vorstellungen von Renaissance oder Barock einordnen.

Sonst gibt es keinerlei Schmuck. Links führt eine kleine Gasse um die Synagoge, deren Ecke wie die zweier Nebengebäude abgeflacht ist, um etwas mehr Platz zu schaffen. Hier ist noch die Enge des zwischen Straße und Fluß eingezwängten jüdischen Viertels von Velké Meziříčí zu spüren.

Die neue Synagoge, groß und sichtbar an der Straße, war damit ein Symbol des Hervortretens aus dem Ghetto und des neuen Selbstbewußtseins.

Es ist eine Tragik der jüdischen Emanzipation, daß die neuen großen Synagogen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden und deshalb zur historistischen Architektur dieser Zeit gehören. Auch die 1870 erbaute neue Synagoge von Velké Meziříčí ist architektonisch letztlich wertlos. Selten und ungewöhnlich ist jedoch, daß sie neogotische Formen hat. Üblicherweise sind Synagogenbauten dieser Zeit bestenfalls irgendwie neoklassizistisch und schlimmstenfalls orientalisierend. Innerhalb der engen Grenzen des Historismus war eine neogotische Synagoge ein klarer Bruch mit den Konventionen. Eine Synagoge in diesem Stil, der sonst Kirchen vorbehalten war, zu errichten, kann gar als progressiver Akt gelten, der aussagte, daß Juden zu Europa und nicht irgendwo in den Orient gehören. Angesichts der alten gotisch geprägten Synagoge nebenan wäre alles andere auch recht pervers gewesen. Das macht das Gebäude nicht gelungener, bloß interessanter, es sieht eben aus, wie anderswo, wenn auch eher weiter nördlich, Kirchen aussehen. Gerade das Nebeneinander von Alt und Neu erzählt viel über die jüdische Geschichte nicht nur der Stadt.

Es ist erfreulich, daß auch die neue Synagoge trotz allen Bemühungen der Deutschen noch in so leidlichem Zustand ist, wozu beiträgt, daß das Gebäude immerhin irgendwie genutzt wird. Die den Gegebenheiten, das heißt der kapitalistischen Restauration nach 1989, geschuldete Verbindung von Synagoge und billigem Einkauf ist nun ihr neuestes Kapitel. Das Geschäft wird, wie man, wenn man Tschechien kennt, sofort weiß, von Vietnamesen betrieben, hier unterstützt von mißtrauischen älteren Tschechinnen. Im niedrigen unteren Geschoß gibt es Kleidung aller Art und durchweg unbekannter Marken. Nur im Eingang sieht man noch die hölzerne Kassettendecke und an den Seiten die eisernen Säulen der Frauengalerie der Synagoge.

Dazwischen wurde eine neue Decke auf eigenen Stützen eingebaut.

Im Obergeschoß erstrecken sich Regale mit Kleinelektronik, Schuhen, Spielsachen, Geschirr und so ziemlich allem anderen, was man sich wünschen kann, unter dem hohen und spitzen hölzernen Tonnengewölbe des Synagogendachs, dessen mit Schnitzereien und Farben verzierten seitliche Balken und Träger seit der Entstehungszeit kaum verändert wirken.

Wenn durch das große runde Fenster am Ende des Raums Licht hereinfällt, kann man seine billigen Einkäufe in unverkennbar sakraler Atmosphäre erledigen (hier ein älteres Bild).

Man merkt so, daß auch die tatsächlichen Markthallen des späten 19. Jahrhunderts letztlich säkulare Kirchen waren.

Bis auf den Ort ist dieses Centrum levného nákupu ein recht typischer vietnamesischer Laden in Tschechien. Dafür sind die Vietnamesen eben da, das ist ihre Rolle, ihre Nische. Sie haben Ramsch- und Kleiderläden, aber auch kleine Lebensmittelläden in großen wie kleineren Städten, die auch dann geöffnet sind, wenn alles sonst geschlossen hat. Sie sind vielleicht nicht beliebt, aber auch nicht so verhaßt wie die indigene Minderheit der Roma; sie sind geduldet und werden gebraucht. Genau dieselbe Rolle hatten vor hundert Jahren in vielen kleineren Städten die Juden. Damals ging man für billige Einkäufe zum Juden, heute zum Vietnamesen (oder umgangssprachlich „k číňánům“, zu den Chinesen). Damit enden die Parallelen selbstverständlich auch schon und weder „die Juden“ damals noch „die Vietnamesen“ heute betrieben und betreiben alle Kramläden. Doch es entbehrt nicht einer traurigen Ironie, wenn heute der Sakralbau einer vernichteten Minderheit von einer völlig anderen Minderheit, die mit ersterer Vernichtung nichts zu tun hat und wohl auch nur schwer einen Bezug zu ihr haben kann, zu kommerziellen Zwecken genutzt wird. Vielleicht ist solch ein Neben- und Nacheinander nicht weniger wert als ein Museum.