Archiv für den Monat Mai 2015

Krawina-Haus

Das Krawina-Haus ist ein zwischen 1983 und 1985 errichteter Gemeindebau im 3. Bezirk. Er steht an der Ecke Löwengasse/Kegelgasse. An die überkommene Blockrandbebauung schließt er in der Löwengasse siebengeschossig an, um dann in unregelmäßigen begrünten Terrassenstufen auf bis zu zehn Geschosse anzusteigen. Seinen höchsten Punkt markiert der sechseckige Abschluß eines verglasten Treppenhauses. An der Ecke ist er dreigeschossig und endet dort mit einer großen aufgestützten Terrasse, die bis weit über die vom Autoverkehr befreite Kegelgasse ragt. In deren weiterem Verlauf steigt er von der Ecke in Terrassenstufen auf bis zu acht Geschosse an. Teilweise ist er aufgestützt, so daß man in einen recht kleinen und dunklen Hinterhof, den er sich mit den Nachbargebäuden teilt, gelangt.

Modell (Quelle: derstandard.at)

Modell (Quelle: derstandard.at)

Doch es gibt kein Krawina-Haus. Josef Krawina war zwar der Architekt, aber den Ruhm erntete, und das aus den falschesten Gründen, derjenige, der sich mit der Fassadendekoration befaßte: Hundertwasser. Zu der Lächerlichkeit dieser Dekoration, zu den Wellenlinien, die so tun, als seien die Geschoßdecken nicht einfach gerade, zu den Keramiksäulchen, die den tragenden Stahlbeton umhüllen, zu den goldenen Kuppeln, zu den Baumarktlöwenfiguren,

HundertwasserLöwen

zu diesen ganzen Formen, die so viel besser in ein mittelmäßiges Kinderbuch paßten, ist wenig zu sagen. Damit wird eben die grundsätzliche Funktionalität des unspektakulären, aber soliden Baus von Krawina verschleiert.

Denn das theoretische Krawina-Haus ist zwar kein herausragendes Gebäude, aber doch eine willkommene Abwechslung von den umliegenden Mietskasernenstraßen. Wo diese nur abweisende, immergleiche steinerne Schluchten sind, schafft es, wie sonst nur Plätze, eine gewisse Öffnung, und bringt, wenigstens optisch, etwas Grün herein. In seiner klaren Gegnerschaft zur überkommenen „europäischen“ Stadt des 19. Jahrhunderts scheint es Mitte der Achtziger fast schon aus der Zeit gefallen. Es hat mehr gemein mit Gebäuden wie einem zehn Jahre früher entstandenen gemeindebau von Krawina in der Haberlgasse, der seine gestuften Dachterrassen dadurch bekommt, daß die Seiten ein Halbgeschoß niedriger sind als der dann als Erker vorspringende Mittelteil,

KrawinaHaberlgasse86

oder einem Bau in der nahen Marxergasse, der sich in grünen Terrassen um einen kleinen Grünbereich zur querenden Weyrgasse öffnet,

MarxergasseWeyrgasseÖffnung

wobei es nicht so konsequent die Struktur von Straße und Hinterhof aufbricht wie dieses letztere.

Gerade diese Zugehörigkeit zur fortschrittlicheren innerstädtischen Architektur der Siebziger bemerkt man aber nicht, da das konkrete Hundertwasserhaus Ergebnis einer Arbeitsteilung ist: Krawina baute und Hundertwasser machte, sich den Namen des Architekten zu Herzen nehmend, kraviny. Auf Tschechisch nämlich heißt „kravina“ wörtlich „Kuhhaut“ und übertragen „Quatsch, dummes Zeug“ und genau das ist diese ganze Dekoration. Es ist schade, daß die vielen Besucher nur Hundertwassers kraviny und nicht Krawinas solide Architektur sehen.

Aber auch Hundertwasser selbst zeigt deutlich, was er von den Mietskasernen ringsum hält, indem er an einer Stelle seine Formen über ein historistisches Fassadenstück laufen läßt, so daß sie wie Schimmel, der dieses auffrißt, wirken.

HundertwasserAltbau

So leicht und richtig es ist, Hundertwasser zu verachten, weit schlimmer als das Hundertwasserhaus ist ein Gebäude wie dieses Ecke Herbstgasse/Schinnaglgasse im 16. Bezirk, das in denselben Jahren enstand.

GebäudeHerbstgasseSchinnaglgasse

Mit solchen Gebäuden, die von der Vertikalität der Ecke über die Lochfassade und die Satteldächer bis zum dümmlichen Kunstwerk in Form einer den Eckbalkon haltenden Hand durchweg reaktionär sind, war der Rückschritt vom Bemühen um eine neue Stadt zur europäischen Stadt vollendet und dieser Rückschritt wirkt nach, nicht Hundertwassers lachhafte Formen.

Das eigentlich Schlimme an Hundertwassers Nachwirkung ist, daß mit Architektur wenig vertraute Menschen nun beim Grün der Dachterrassen und dem Versuch, Stadt und Natur zu verbinden, an hunderwässrigen Formen denken. Es sind dies aber grundlegende Forderungen und Errungenschaften der fortschrittlichen Architektur und eine praktikable Verbindung von Stadt und Natur sieht viel eher so aus wie in Alterlaa oder auch in jedem Plattenbaugebiet der Welt. Der überkommenen Architektur stahl Hundertwasser bloß die Formen, der fortschrittlichen Architektur hingegen stahl er das Herz.

 

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Das Schönste in Wien (Warhol mißverstehend)

Eigentlich wäre ganz eindeutig zu sagen, welcher der schönste Ort in Wien ist: der McDonald’s am Hernalser Gürtel, nahe dem U-Bahnhof Alser Straße.

McDonald'sHernalserGürtelAußen

Er ist so gelungen in die backsteinernen Bögen der Stadtbahn gesetzt, daß er sogar ein Drive Thru hat, ohne dafür viel Platz zu brauchen. Das Publikum ist angenehm durchmischt mit gerade abends dem richtigen Anteil an Kleinkriminellen aus der Umgebung des Gürtels. Auch der Ausblick wäre perfekt, man säße im Obergeschoß mitten im unablässigen Autoverkehr des hier sechsspurigen Gürtels, doch leider ist das nicht so.

McDonald'sHernalserGürtelObergeschoß

Da die Scheiben zu weit oben beginnen, sitzt man statt in der Stadt in einem hermetischen Innenraum, der denn auch selten sehr voll ist. Ohne Not hat McDonald’s somit einen potentiell großartigen Ort ruiniert, es ist zum Globalisierungskritiker werden.

Unter den übrigen McDonald’s der Stadt finden sich viele gute, aber kein alle anderen übertreffender. Zwei in der Innenstadt bestechen durch ihre Ausblick, ein weiterer durch dessen Fehlen.

Im Obergeschoß der Filiale Singerstraße blickt man über die Häuser der anderen Straßenseite auf die Spitze des Turms des Stephansdoms, der so schwebend statt vertikal wirkt.

McDonald'sSingerstraße

Von einigen Plätzen der Filiale am Schwarzenbergplatz hingegen sieht man das Sowjetische Ehrenmal.

McDonald'sSchwarzenbergplatzSowjetischesEhrenmal

Sie wurde übrigens 1978 eröffnet, das erste Schöne in Österreich, nur passend, daß sie Hammer und Sichel und goldene Bögen in, relativ, naher Verbindung zeigt. Das Publikum besteht in beiden Fällen vor allem aus Touristen, was aber wohl weniger mit dem Ausblick als mit dem Gefühl von Heimat und Geborgenheit, das ein jeder McDonald’s weckt, zu tun hat.

Der McDonald’s am Karlsplatz ist ein Ort des Durchgangs, des Transits, klein nur, ganz Teil des Systems unterirdischer Gänge, das der Karlsplatz weit eher als ein Platz ist.

McDonald'sKarlsplatzUnterführung

Aber zugleich ist er auf unerwartete Weise nach außen geöffnet, so daß man im Sommer in einem idyllischen grünen Winkel zwischen den oben verlaufenden Straßen sitzen kann, die nur hör-, aber nicht sichtbar sind.

McDonald'sKarlsplatzAußen

Weiter außerhalb kann man in den richtigen McDonald’s raue, harte Urbanität erleben. Vom McDonald’s im Bahnhof Praterstern etwa sieht man nichts weiter, es sei denn, man findet das Tegetthoff-Denkmal interessant, doch dafür kann man wohl nirgends sonst so einfach so intensive Eindrücke des migrantischen und subproletarischen Lebens von Wien bekommen. Zwei Stunden dort in der Ecke beim Fenster sind ein garantiertes Erlebnis.

Ganz anders und doch ähnlich ist es im McDonald’s am Margaretengürtel, nahe der unterirdischen Straßenbahnstation Eichenstraße. Er befindet sich genau zwischen dem Gürtel, der hier schlimmer als jede Autobahn ist, und der wichtigsten Bahnstrecke, die Wien zerteilt.

McDonald'sMargaretengürtel

Sitzt man im Obergeschoß, schaut man zur einen Seite auf einen reißenden Fluß von Autos, während auf der anderen Seite auf Augenhöhe Züge vorrüberfahren. Zugleich aber ist alles ruhiger, man kann, wenn man Glück hat, Jugendlichen aus den nahen Gemeindebauten bei stundenlangen Gesprächen zuhören. Es sind die Orte, wo Schriftsteller hingingen, wenn es denn welche gäbe, die nicht bloß an den Menschen ihrer eigenen Klasse in den teuren Cafés und Bars interessiert wären.

Das authentischste McDonald’s-Gefühl jedoch bekommt man in den suburbanen Filialen mit ihren standardisierten Gebäuden, Drive Thrus und Parkplätzen, die genausogut überall sonst sein könnten und nur durch Sprache und Dialekt ihrer Besucher wienerisch werden. Zu empfehlen sind etwa der McDonald’s in Kaiserebersdorf bei der Endhaltestelle der Straßenbahn 6, ganz am Rande der Stadt, oder der McDonald’s an der Brünner Straße, beim Heinz Nittel-Hof.

Schließlich gibt es bei der ehemaligen Stadtbahn- und jetzigen U-Bahnstation Ober St. Veit noch einen Ort, wo man von McDonald’s geradezu umgeben ist. Auf beiden Seiten des Korridors aus Gleisen und Wienfluß gibt es hier einen McDonald’s. Auf der Penzinger Seite ist es ein neues doppelstöckiges Gebäude mit viel Glas und Holz, ein guter Ort, um auf die hübsche weiß-grüne Stadtbahnbahnstation oder den Sonnenuntergang über dem Wienerwald zu schauen. Auf der Hietzinger Seite ist es ein regelrechtes architektonisches Kleinod, das keinem anderen in der Stadt gleicht.

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Der innere Aufbau ist schon von außen ablesbar. Im Erdgeschoß nur links, wo die Tür ist, Glas, das auch dem Verlauf der Treppe nach oben folgt. Dort, im Obergeschoß, eine Fensterfront, die erst gerade, dann abgeschrägt ist. An beiden Seiten Terrassen, die aber vom Dach, das die Schräge der Fensterfront aufnimmt, überspannt sind. Tritt man ein, ist man zuerst in einem Bereich mit einigen Tischen, den Zugängen zu den Toiletten und schließlich, bei einer abgerundeten Glaswand, an der Bestelltheke. Oben sitzt man in einem langgezogenen, ganz auf die Fensterfront ausgerichtetem Bereich oder auf den Terrassen, die im eigentlichen halboffene Räume sind. Unter den Terrassen sind die Ein- und Ausfahrt des Drive Thru, das um das Erdgeschoß herum verläuft, wodurch auch dessen nach hinten abgerundeten Ecken einen Zweck bekommen.

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Und vom Obergeschoß blickt man über die Hügel bis zur goldenen Kuppel der Kirche am Steinhof.

Es gibt viel Schönes in Wien.

Venedig mit dem Zug

Vielleicht keine andere Stadt hat einen so perfekt gelegenen Bahnhof wie Venedig. Der Zug führt einen sicher durch das halburbane Chaos von Mestre, gewährt einen kurzen Blick in die Industrie von Marghera und trägt einen sogar übers Wasser.

Und dann ist man im Bahnhof Venezia Santa Lucia. Er ist in einem konservativen, noch stark vom Faschismus beeinflußten Stil, wie ihn nicht wenige italienische Bahnhöfe der Nachkriegszeit haben, errichtet, viel glatter Stein, Kassettendecke, ein heute von neuen Ladenbauten halbverdecktes halbabstraktes Wandbild, durchaus hübsch.

Und dann tritt man hinaus und da ist Venedig.

VenedigBlickVomBahnhof

Eine Kirche mit Tempelfassade und hoher kupferner Kuppel, der Canale Grande, auf dem sehr viele Boote und auch die ein oder andere Gondel fahren, eine weiße steinerne Brücke. Das ist genau das Venedig, das man schon kennt, bevor man je dort war, das Venedig, das man sucht, und das Venedig, das man finden wird. Man muß nicht einmal unter dem Vordach hervortreten, nicht einmal die Stufen auf den Vorplatz hinuntergehen, um Venedig gesehen zu haben. Eigentlich kann man gleich kehrt machen und den nächsten Zug anderswohin nehmen. Denn sicher verpaßt man dann das romantische Chaos der Gassen und Kanäle und die fortschrittliche Klarheit des Dogenpalasts oder des Parkhauses und sicher kann man mit den Kunstschätzen all der Kirchen und Paläste Tage, Jahre, Leben verbringen, aber Venedig, das hat man schon mit diesem ersten Blick vom Bahnhof gesehen.

Der Unterschied

Gab es einen Unterschied zwischen der fortschrittlichen Architektur im Kapitalismus und im Sozialismus? Um das ansatzweise zu beantworten, sei ein Gebäudekomplex im 11. Bezirk beschrieben.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeStraßenseite

Parallel zur Kaiser-Ebersdorfer Straße ein siebengeschossiger Bauteil und in diesem quer drei weitere Bauteile, die noch um sieben weitere Geschosse anwachsen. Zur Straße hin fallen sie in steilen Terrassenstufen, die zweimal drei und zweimal zwei Geschosse umfassen, auf vier Geschosse ab. Die beiden offenen Plätze, die davor entstehenm sind zu kahl und dadurch, daß sie leicht erhöht über Parkplätzen angelegt sind, vom Straßenraum einerseits zu sehr abgegrenzt, um ihn zu ergänzen, andererseits aber auch nicht genug, um einen eigenen Raum zu bilden.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeVorplatz

Doch die große Stärke des Gebäudes ist seine andere Seite.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeErholungsgebiet

Hier fallen die quergesetzten Bauteile in meist eingeschossigen Terrassenstufen sanft ab. Zwischen ihnen sind leicht unter dem Straßenniveau liegende Grünanlagen und ihnen gegenüber steigt ein steiler, stark bewachsener Hang an, oberhalb von welchem auch nur vereinzelte Einfamilienhäuser stehen. Gerade dieser Hang zeigt, daß dies die perfekte Lage für ein Gebäude dieser Art ist. Statt störender Nachbarn oder Straßen haben möglichst viele Wohnungen gegenüber nur Grün und dahinter die vom Zentralfriedhof dominierte Vorstadtlandschaft. Die Terrassen wachsen im sanften Schwung in die Natur hinein, die schon auf ihnen als üppige Bepflanzung angedeutet ist, sie werden gleichsam zum Gegenstück des Hangs. Die Architektur verleugnet dabei jedoch nie ihre menschliche Herkunft. Die Formen sind eckig und schnörkellos, betongraue Balkongeländer, braun-beige Verkleidung.

Doch leider ist dieser Gebäudekomplex nicht nur ein Beispiel dafür, wie Architektur die natürlichen Gegebenheiten ausnützen sollte, sondern auch eines dafür, wie machtlos Architektur ist, wenn die gesellschaftlichen Grundlagen schlecht sind. Denn noch zwischen dem Gebäude und dem Hang ist ein sogenanntes Erholungsgebiet Simmering, ein schmaler Grünzug, der vor allem von Leuten mit Hunden und Joggern genutzt wird. Und die Grünanlagen des Gebäudes und das Erholungsgebiet trennt ein Zaun.

GebäudeKaiser-Ebersdorfer-StraßeFlorian-Hedorfer-StraßeZaun

Dieser Zaun ist der Kapitalismus. Die Architektur macht alles richtig, sie öffnet sich dem Grün, fließt in es hinein, aber das ist egal. Der Kapitalismus ist stärker und er will keine neuen, offenen Räume. So errichtet er einen Zaun, der einen Raum, der ein einziger sein müßte, in zwei traurige kleinere zerschneidet. Wieder einmal erlebt man klar, daß es nicht zuerst um Architektur, sondern um die Gesellschaftsordnung geht.

Noch mal also die Frage: Gab es einen Unterschied zwischen der fortschrittlichen Architektur im Kapitalismus und im Sozialismus? Vielleicht nicht, aber im Sozialismus gab es diesen Zaun nicht.

Der Jugendstil und seine Verhöhnung

Otto Wagner, einer der größten und fortschrittlichsten Architekten in der Geschichte Wiens, baute sich im Laufe seines Lebens (1841-1918) zwei Villen. Es sind im eigentlichen Landhäuser, ganz am Rande der Stadt im 14. Bezirk gelegen, halb schon im Wald. Er baute sie direkt nebeneinander in der Hüttelbergstraße, so daß sich ein Vergleich aufdrängt und sicherlich intendiert war.

Die ältere der Villen, 1888 erbaut, ist ein typischer neoklassizistischer Bau.

VillaWagnerI

Oberhalb der Straße gelegen, über eine monumentale Freitreppe zu erreichen, zweigeschossig, in der Mitte eine beide Geschosse überspannende Loggia mit ionischen Säulen, an beiden Seiten flache verglaste Anbauten mit dorischen Säulen. Die Architekturhistoriker mit ihrem lächerlichen Geniekult werden sicher auch an diesem gänzlich unauffälligen Gebäude Zeichen späterer Größe finden, aber das kann man getrost ignorieren.

Die zweite Villa, 1912 erbaut, etwas weiter stadtauswärts an der Straße, könnte verschiedener kaum sein.

VillaWagnerIIVorne

Auf rechteckigem Grundriß zwei Geschosse, die fast schnörkellos weiß sind. An der zur Straße zeigenden Breitseite ist ganz rechts der Eingang. Ihn betonen nur drei nach außen hin kleiner werdende Rahmen und ein Wandbild in einer Nische darüber, das in reduzierten Jugendstilformen einen antiken Krieger mit rotem Bürstenhelm und ein Satyrgesicht in einem Kreis, der auch das Schild des Kriegers sein könnte, zeigt.

VillaWagnerIIMosaik

Neben dem Eingang steht in klaren Buchstaben: „Villa Wagner“. Im leicht erhöhten Erdgeschoß erstrecken sich nach links eine Reihe hoher und schmaler Fensteröffnungen. Darunter sind einfache, annähernd schachbrettartige Ornamente aus vertikalen blauen Kacheln und runden Metallnieten, die zwischen den Fenstern ein Stück weit bandartig aufsteigen. Ein dünnes Band aus Kacheln und Nieten legt sich entlang der Gebäudeecken und unterhalb des Dachs wie ein Rahmen um das Obergeschoß, das ansonsten nur kleinere Fenster in den unteren entsprechenden Abständen hat. Oben bildet ein schmales überstehendes Dach mit Kassettenstruktur den Abschluß, doch es scheint mehr dekorativ zu sein, da das eigentliche Flachdach erst kurz darauf beginnt. An der rechten Schmalseite schließt die Ornamentik aus Kacheln und Nieten an einen vorgesetzten Balkon an und steigt an den eckigen Stützen seines Dachs auf wie zuvor zwischen den Fenstern. Über der Balkontür sind weitere Wandbilder, die noch stärker dem Musischen gewidmet sind, gänzlich intim nun, nicht mehr auf Außenwirkung bedacht.

Mit dieser zweiten Villa gibt Wagner nicht nur alle Bezüge auf historische Stile, sondern auch jegliche Monumentalität auf. Während die Fensterfolge auf der Straßenseite noch repräsentativ sein will und noch einen letzten Anklang von Säulenseihen hat, sind auf der zum Wald zeigenden Breitseite und der anderen Schmalseite die Fenster nur noch so angeordnet wie es für die Räume im Inneren nötig ist.

VillaWagnerIIHinten

Wagner hat weit Wichtigeres gebaut als diese Villen, insbesondere alles, was mit städtischer Infrastruktur zu tun hatte, ob am Donaukanal oder für die Stadtbahn, aber in ihrem Nebeneinander hat er sich doch ein Denkmal gesetzt. Gemeinsam erzählen sie von einem Reife- und Lernprozeß, in dem der Architekt von einem banalen Historismus zu größter Sachlichkeit gelangte, die dem Jugendstil nur noch insofern verpflichtet ist, als sie den Schritt weg vom Ornament nicht ganz wagt. Sie erzählen von einem Fortschritt. Die Souveränität, mit der Wagner das Erreichte präsentiert, ohne seine Anfänge zu leugnen, ist beeindruckend und vorbildlich.

Doch unmittelbar neben diesem Denkmal des Fortschritts ist hier die Reaktion.

ErnstFuchsScheiße

Zwischen beiden Villen steht ein bizarrer Pavillon, bunt, geschwungene Formen, geschmückt mit allerlei Figuren. Für einen Moment könnte man ihn auch dem Jugendstil zuordnen, doch sogleich merkt man, daß etwas nicht stimmt, und liest, daß er 1990 von irgendeinem Künstler gebaut wurde. Denn so schlimm, so viel schlimmer als bei Wagner, der Jugendstil in Wien und anderswo sein konnte, nie war er so schlimm wie dieser Neojugendstil. Die schiere Vulgarität, mit der hier bunte Keramik auf Beton geklebt wurde, stellt sogar noch Hundertwasser in den Schatten. Wie jeder Neostil sagt auch dieser wenig über sein angebliches Vorbild und viel über den, der ihn anwendet, aus. In diesem Fall hat dieser Künstler vom Jugendstil nur das Billigste, Dekorativste und Vulgärste übernommen. Mit Wagners Werk, in dem sich nicht einmal Ansätze für derlei Dreck finden, hat er sich offensichtlich nie befaßt, aber das hinderte ihn nicht, die ältere Villa zu kaufen und deren Neoklassizismus, der immerhin bloß langweilig war, neojugendstilig zu überformen.

Man kann nur froh sein, daß er die neuere Villa Wagner nicht in die Hände bekam. Sie erstrahlt neben diesem Auswuchs reaktionärer Architektur nur noch umso mehr.

Palmanova

Wer Palmanova besucht, weil er eine Idealstadt der Renaissance sehen will, wird enttäuscht werden, jedenfalls, wenn er dementsprechende Gebäude erwartet.

Palmnova ist eine Stadt, in der es eigentlich kein einziges sehenswertes Gebäude gibt. Die Kirche wenigstens ist so, wie eine Renaissancekirche in einer italienischen Kleinstadt sein sollte, Pilaster, Skulpturen, Marmor. Schon das Rathaus erkennt man kaum und alle anderen Gebäude sind noch unscheinbarer. Auch die Arkaden, die in anderen italienischen Städten die architektonische Langeweile überdecken, fehlen hier.

Aus Tietze, Christian: Megalopolis, Leipzig/Jena/Berlin 1988

Aus Tietze, Christian: Megalopolis, Leipzig/Jena/Berlin 1988

Palmanova ist eine Stadt, die zuerst ihr Stadtplan ist. Was sie ausmacht, kann man nur auf diesem wirklich erkennen, man muß sie eigentlich gar nicht besuchen. Vor Ort merkt man vielleicht ein wenig von ihrer Eigenart, wenn man in ihrer Mitte steht, in der Mitte der riesigen sechseckigen Piazza Grande, die ihren Namen nicht von ungefähr trägt. In jeder ihrer sechs Seiten öffnet sich eine Straße. Jede zweite von ihnen führt auf ein Stadttor zu. Auch alle anderen Straßen der Stadt passen in das vom Platz vorgegebene Sechseckmuster, aber das ist ohne Stadtplan schon kaum mehr erfahrbar.

PalmanovaStadtplanSchild

Weit mehr als eine Stadt aber ist Palmanova eine Festung. Seine ganze ideale Form ergibt sich aus den Festungsanlagen, die es mit neun spitzen Bastionen umgeben, so daß von oben gesehen ein neunzackiger Stern entsteht. Heute kann man auf langen Wegen die romantischen Reste dieser Anlagen erleben und sich von den Weiden, die vor bröckelnden steinernen Mauern ihre Zweige ins Wasser hängen lassen, von ihren militärischen Zwecken ablenken lassen.

Aber man wird Palmanova nicht verstehen, wenn man nicht versteht, daß seine Errichtung kein städtebauliches, sondern ein militärisches Projekt war. Es entstand als Kolonie der Republik Venedig in den wilden Weiten des Friaul und sollte deren Gebiet vor den Türken, den Deutschen oder wer sonst noch von Nordosten herandrängen konnte, schützen. Die Stadt Palmanova ist nur ein Nebeneffekt der Festung und ihre Idealität eher eine Werbung für die venezianischen Architekten als besonders praktisch. Nicht so überraschend, daß sie auf dem Papier schon immer besser aussah als in Wirklichkeit. Nicht so überraschend, daß für Dekorationen an den Gebäuden keine Mittel übrigblieben. Gelungenere Stadtgründungen der Renaissance findet man anderswo.

Orloj Olomouc

Diese Uhr ist eines der Wahrzeichen von Olomouc. Sie befindet sich an der nördlichen Seite des Rathauses in einer haushohen spitzbögigen Nische, die von einem geschwungenen Giebel mit dem rot-weißkarierten Olomoucer Adler abgeschlossen ist.

Aus Haupt, Klaus: Aus meiner zweiten Heimat - ČSSR, Leipzig 1976

Aus Haupt, Klaus: Aus meiner zweiten Heimat – ČSSR, Leipzig 1976

Es braucht nur einen Blick, um zu sehen, daß diese Orloj (das Wort ist vom französischen horloge abgeleitet und wäre mit Turmuhr oder besser astronomische Uhr zu übersetzen) in ihren heutigen Formen ein Werk der frühen Fünfziger ist, „komunistický orloj“ wird sie in Olomouc auch genannt. Die Nische ist völlig ausgefüllt von Mosaik, dessen Grundfarbe Gold ist. An den Seiten sind in grünen Kreisen Bauern im Laufe der Monate dargestellt. Unten, auf Höhe der Betrachters, aber weit überlebensgroß, steht links ein Arbeiter und rechts ein Wissenschaftler. Im oberen Teil sieht man einen Zug von Mädchen in Trachten der Haná, der Gegend um Olomouc, und, schon im Bogen, drei Reiter in entsprechenden Trachten.

So ist von den Repräsentanten des Sozialismus und der Region die eigentliche Uhr gerahmt. Sie beginnt unten zwischen Arbeiter und Wissenschaftler mit einem großen Kreis, der die Tage des Jahres mit Namenstagen und wichtigen Daten wie dem Internationalen Kindertag oder Geburts- und Todestagen von Lenin, Stalin, Gottwald zeigt,

OrlojOlomoucLenin

während in der Mitte kleinere Kreise die Mondphasen, den Tag des Monats, den Monat und den Wochentag anzeigen. Darüber ist ein ebensogroßer Kreis mit Tierkreiszeichen, flankiert von kleineren Kreisen mit einer Vierundzwanzigstundenuhr, einer Anzeige des aktuell sichtbaren Sternenhimmels, einer normalen Uhr und einer Anzeige der Minuten der Stunde.

Schon hier kann man sich fragen, was gerade etwas Esoterisches wie die Tierkreiszeichen, in deren vielzeigriger Anzeige man wohl auch verrückte Dinge wie Aszendenten ablesen kann, mit dem Sozialismus zu tun haben soll, wobei auch keine hinreichende Erklärung ist, daß das eben von der früheren Version der Orloj übernommen ist. Aber das eigentliche Problem der Orloj ist ein künstlerisches. Die Mosaike heben sich von der üblichen stalinistischen Qualität kaum ab, wenn auch immerhin der Arbeiter, in blassblauem Overall und Mütze, Schraubenschlüssel in der Hand, dem Betrachter mit einem so selbstbewußten wie lebensvollen Blick zugewandt ist.

OrlojOlomoucArbeiter

Den Mittelpunkt der Orloj, zwischen dem zweiten Anzeigenfeld und dem Zug der Mädchen, bilden jedoch kleine, wohl hölzerne Figuren in kleinen Öffnungen.

OrlojOlomoucFiguren

Links stehen oben zwei Schmiede mit einem Amboß, rechts zwei Flötenspieler um einen Notenständer und darunter sind jeweils Figuren, die wohl die Gesellschaft repräsentieren sollen, auf sich drehenden Plattformen angeordnet. Das Problem ist, daß diese Figuren in ihrem kleinlichen Naturalismus ganz genau so aussehen wie jene Männchen, die man in Modelleisenbahnlandschaften findet. Wenn sie dann mittags hämmern und musizieren und sich im Kreis drehen, wirkt das nur lächerlich. Sogar der goldene Hahn, der in der Mitte vor einem runden goldenen Gitter hängt, wird zum jämmerlichen Hähnchen, wenn er mit seinen mageren Flügeln zu flattern beginnt.

Die großartige Idee, ein traditionelles Gestaltungselement wie die astronomische Uhr mit zeitgemäßem, sozialistischem Inhalt zu füllen, scheitert so an der künstlerischen Ausführung. Wahrzeichen von Olomouc ist die kommunistische Orloj allerdings noch heute im rabiat antikommunistischen Tschechien. Pünktlich um zwölf Uhr mittags versammeln sich dort im Jahre 2015 nicht weniger Menschen als auf diesem Bild von 1975.

Aus Smahel, Rudolf: Flora Olomouc, Martin/Ostrava 1980

Aus Smahel, Rudolf: Flora Olomouc, Martin/Ostrava 1980

Zeigt, wie wenig Wahrzeichen mit künstlerischem Wert zu tun haben und daß sie sogar stärker als jede Politik sein können.