Archiv für den Monat Februar 2020

Nové Zámky und sein Wald

Das Schloß Nové Zámky ist ein riesiger klassizistischer Bau, wie man ihn in Tschechien gar nicht erwartet. Dreieinhalb hohe Geschosse, flache Walmdächer, der mittige Eingangsbereich zur Straße hin zurückgesetzt,

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der Mittelteil zum Park hin vorgesetzt und mit riesiger Tempelfassade aus Pilastern und Dreiecksgiebel.

Ein maßstabloses und unschönes Gebäude, das auch nicht besser wäre, wenn sich darin keine psychiatrische Anstalt befände, nie Schreie hinausdrängen und der Park zugänglich wäre. Doch wichtiger als das Schloß selbst ist seine Lage inmitten eines großen Waldgebiets an der Morava. Es hat wohl Nebengebäude, aber die nächsten Orte sind mehrere Kilometer entfernt.

Schloß und Wald nun gehörten der Adelsfamilie Liechtenstein. Was das heißt, wenn ein Wald in Privatbesitz ist, können wir uns kaum mehr vorstellen, aber bis 1918 war das normal. Niemand durfte unerlaubt hinein. Wer dort Beeren pflückte oder Pilze sammelte, geschweige denn einen Hasen fing, beging eine Straftat. Der Wald diente ganz dem Privatvergnügen der Liechtensteins. Zu ihrem Vergnügen auch legten sie einige Wiesen an, die offene Blicke erlauben, und setzten einige Attraktionen hinein.

An einer Stelle steht am anderen Ufer der Morava ein hoher steinerner Obelisk, den man heute aber nur noch von Nahem sieht.

An einer anderen Stelle steht auf einem Fels über einer Flußbiegung ein kleiner runder Tempel mit ionischen Pilastern und Kuppeldach.

Seine Wand hat nur von der flußabgewandten Seite einen Eingang und zum Fluß hin drei Fenster, von denen zumindest das rechte noch einen überraschenden Ausblick aufs Wasser bietet.

Die Ausnutzung der Landschaft zur Schaffung malerischer architektonischer Effekte gelingt dem Klassizismus gut.

Aber der Wald von Nové Zámky ist wohlgemerkt kein Landschaftspark. Die Wege sind zu weit, sie spazierend zu erkunden, die Attraktionen zu weit voneinander entfernt. Der Wald sollte vielmehr zu Pferde oder in der Kutsche erlebt werden und davon zeugt sein Wegenetz noch heute. Unabdingbar für das Schloß ist daher das riesige Stallgebäude, das jenseits der Straße steht.

Es ist ebenso lang ist wie das Schloß, um nach hinten eine annähernde Hufeisen-, mit neueren Anbauten sogar Rechteckform zu bekommen.

Zu einem hohen Stallgeschoß und Walmdächern hat es in der Mitte ein Tor, das mit je zwei seitlichen Säulen, Dreiecksgiebeln und Uhr fast noch repräsentativer als der Eingang des Schlosses selbst ist.

Nach langer militärischer Nutzung ist darin heute ein Reiterhof mit Pension, so daß es teils noch immer Ställe und teils Zimmer enthält. Wer reitet, dem sei sie empfohlen, allen anderen sei empfohlen, reiten zu lernen, denn einfacher und günstiger als hier wird man nie nachempfinden können, was adliges Leben einst hieß. Das Erschreckende, mehr als die Architektur und die Geisteskranken des Schlosses Nové Zámky, ist, daß es dieses adlige Leben in privaten Wäldern mancherorts noch immer gibt.

Die Bundesrepublik in Schirnding

Daß der Bahnhof von Schirnding aussieht, wie er aussieht, ist ebensowenig ein Zufall wie die Tatsache, daß der Bahnhof von Cheb so aussieht, wie er aussieht. Es ist Ausdruck des Systemkonflikts. Als der erste westdeutsche beziehungsweise der erste größere tschechoslowakische Bahnhof mußten das oberfränkische Schirnding und das westböhmische Cheb ihre jeweiligen Systeme, Kapitalismus und Sozialismus, die durch eine befestigte Grenze getrennt, aber durch die Bahnstrecke verbunden waren, repräsentieren. Schirnding tut das folgendermaßen:

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Oberhalb des vom neueren Teil des Dorfs heraufführenden Wendekreises steht ein Flachbau mit eckigen hellen Betonstützen, einer Verkleidung aus horizontalen rechteckigen dunkelgrünen Kacheln, aluminiumgefaßten Glasflächen und einem dicken Dachstreifen aus hellem Metall.

Zum Wendekreis hin zeigt rechts eine kachelverkleidete Wand und links ein gläserner Eingang mit großem rechteckigen Vordach, das auf nur zwei dünnen runden Stahlstützen ruht. Vom Bahnsteig weg zeigen erst eine Fläche mit großen Fenstern auf einem niedrigen Kachelteil, dann weitere, nur mit kleinen Fenstern versehene Flächen.

Zum Bahnsteig hin sind unter einem Vordach eine Fläche mit quadratischen Glasbausteinen, von denen einige je drei vertikale pyramidale Vertiefungen haben, ein oben verglaster Schalter für „Reisebedarf“, eine Glastür, bis zum Rand des Vordachs vorgesetzt der oben verglaste Kontrollraum des Stationsvorstehers und weiter rechts Eingänge zu technischen Räumen.

Die Betonstreben stehen dabei regelmäßig zwischen den einzelnen Teilen.

Im Inneren ist entsprechend ein heller Raum mit einem Boden aus quadratischen glatten grauen Steinplatten und einer Decke aus quer zu den Gleisen zeigenden weißen Kunststoffleisten, wie sie bereits die Vordächer haben. Auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite sind zwischen horizontalen weißen und graubraunen Kachelstreifen der Eingang zu den Toiletten, die Gepäckaufbewahrung und der Fahrkartenschalter. Darüber ist nach einem weißen Band nur noch graubraune Verkleidung, in der eine kleine Uhr hängt.

Neben der Wand an der Eingangsseite führt eine Treppe mit eckigen hölzernen Handläufen hinab, auf die durch die Glasbausteinwand Licht fällt. Die beiden Wände der Treppe sind mit vertikal gesetzten größeren rechteckigen weißen Kacheln verkleidet und neben ihr ist wie ein transparenter Raum im Raum der Bereich für Reisebedarf.

Durch die Unterführung gelangt man auf einen zweiten Bahnsteig mit einem Dach, das auf eckigen Stahlstützen sitzt und einen Dachstreifen und Deckenleisten wie das Bahnhofsgebäude hat.

Sowohl vor der Glasbausteinwand als auch auf dem zweiten Bahnsteig steht eine Betonbank mit blauen Holzlatten, beim Eingang steht ein Mülleimer mit seitlichem Aschenbecher aus mattgrauem Stahl  und an der Gebäudeecke hängt ein gelber Briefkasten der Bundespost.

Und zu den Gleisen zeigend steht im Dachstreifen in schwarzen Metallbuchstaben auf einer schwarzen Linie der Name Schirnding.

So repräsentierte sich die Bundesrepublik im Jahre 1966, als der Bahnhof erbaut wurde, an der tschechoslowakischen Grenze. Sachlich, modern, bescheiden. Elegant, aber nicht verspielt, farbig, aber nicht bunt. Alles, was für das zeitgemäße Bahnreisen nötig ist, bietet der Bahnhof auf kompakte und funktionale Weise. Vermutlich war der aus der Tschechoslowakei kommende Reisende beeindruckt, wenn er den Bahnhof Schirnding sah. Aber den Systemkonflikt erkannte er vermutlich nicht, denn tschechoslowakische Bahnhöfe derselben Zeit sahen zwar anders, aber nicht ganz anders aus. Jemand hätte mit dem Vergleich zweier Bahnhöfe gut die Konvergenztheorie belegen können, was sie nicht richtiger gemacht hätte. Ganze Systeme zu repräsentieren ist eben von einzelnen Gebäuden schlichtweg etwas viel erwartet. Einziger augenfälliger Unterschied ist, daß ein ähnlich großer Bahnhof der Tschechoslowakei irgendwelche Kunst hätte, während Schirnding sich mit einem Muster in den Glasbausteinen begnügen mußte. Aber um zu zeigen, was sozialistische Architektur ausmacht, müssen andere Unterschiede aufgezeigt werden.

Heute ist das alles hinfällig, es gibt keinen Systemkonflikt mehr, keine Tschechoslowakei und auch nicht mehr die Bundesrepublik, die diesen Bahnhof baute. Die heutige Bundesrepublik (die wirklich zur Unterscheidung einen anderen Namen bräuchte, aber das wäre der Ehrlichkeit zu viel erwartet) schloß Bahnhof, Unterführung und zweiten Bahnsteig, setzte an den ersten Bahnsteig ein gläsernes Wartehäuschen, das kleiner ist als der überdachte Fahrradunterstand daneben, und läßt das Gebäude nur deshalb nicht völlig verfallen, weil der Kontrollraum noch immer besetzt ist.

Repräsentieren muß sich der heutige großdeutsche Staat nicht, denn er beherrscht ja Europa und auch jenseits der Grenze ist kein anderes System mehr, sondern eine Halbkolonie.

Der Bahnhof Schirnding steht heute als ein Museum der alten Bundesrepublik.

 

Französisches Gdańsk

Gdańsk und Frankreich haben nicht unbedingt viel miteinander zu tun. Nur am Vorabend des zweiten Weltkriegs spielte die damalige Freie Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk eine prominente Rolle in nicht nur französischen Debatten. Was davon blieb, ist der letzte Satz eines Artikels des Politikers Marcel Déat, einer schillernden, sehr französischen Gestalt, die es vom unabhängigen Sozialisten und Pazifisten zum begeisterten Nazikollaborateur brachte. Er meinte in dem Text, vielleicht gingen die deutschen Forderungen zwar etwas weit: „Mais mourir pour Dantzig? Non.“ (Aber sterben für Danzig? Nein.)

Das war politisch so falsch wie rhetorisch großartig, denn es war wirklich nicht leicht zu argumentieren, daß Franzosen sehr wohl für eine obskure Stadt an der Ostsee sterben sollten. Nach dem Krieg wurde dann beschlossen, den zentralen Friedhof für die in Polen gestorbenen Franzosen im nunmehrigen Gdańsk einzurichten und es ist schwer vorstellbar, daß die dafür Verantwortlichen Déats Satz nicht zumindest im Hinterkopf hatten.

Der Friedhof liegt sehr versteckt in einem zentralen, aber dennoch abgelegenen Teil der Stadt am Rande  passenderweise des Wzgórze Focha (Foch-Hügels). Zwischen den Bäumen sieht man drei hohe Kreuze aus weißem Beton und einen Fahnenmast, an dem manchmal die französische Fahne hängt, aufragen. Man betritt ihn letztlich von hinten, neben einem Einfamilienhaus, und sieht zuerst ein weites Feld voller kleiner weißer Kreuze.

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Vor den drei hohen Kreuzen ist eine erhöhte Fläche, auf der links und rechts altarartige Steinblöcke stehen.

Direkt vor den Kreuzen ist im leicht schrägen Boden die Inschrift:

„À ses fils morts pour la France en Pologne/La République Française reconnaissante/1939-1945“ (Ihren für Frankreich in Polen gestorbenen Söhnen/Die dankbare Französische Republik/1939-1945)

Wenn man zwischen den kleinen Kreuzen geht, die durch den mittleren Weg und zwei Querwege in quadratische Felder aufgeteilt sind, spürt man nur, daß es viele sind.

Die kleinen Plastiktäfelchen nennen Name, Rang und Todesdatum. „Mort pour la France“ (Gestorben für Frankreich) steht jeweils darauf und das heißt auch: „Mort pour Dantzig.“

Sie weisen von den großen Kreuzen weg, was, wie die ganze Konzeption des Friedhofs, zeigt, daß sein Eingang eigentlich auf der anderen Seite sein müßte.

Man müßte erst das weite Gräberfeld durchqueren, vielleicht links und rechts ein paar Namen lesen, bevor man zu den großen Kreuzen und der zusammenfassenden Inschrift kommt.

So wäre es erst die pélerinage (Pilgerfahrt), von der eine kleine Tafel von 1965 in Bezug auf eine Reise ehemaliger belgischer und französischer Kriegsgefangener  spricht. Aber heute durchstreifen bloß noch die, die es wirklich sehr wollen, den ganzen Friedhof. Pilgerfahrten führen hierher keine mehr, die Gräber bleiben unbeachtet.

Dies gilt umso mehr für eine bestimmte Gruppe von Toten, die man auf dem leicht zu übersehenden Friedhof leicht übersehen kann. Inmitten der Kreuze stehen plötzlich andere Grabsteine.

Unten rechteckig, oben eine Art umgedrehte Herzform. Schon der Umriß läßt es erahnen und die Inschrift bestätigt es: arabische Soldaten muslimischen Glaubens. Auch sie „mort pour la France“, im oberen Teil des Grabsteins eine unklare arabische Inschrift. Auf dem Friedhof gibt es einige solcher Gräber, teils mehrere beisammen, teils einzeln. Wäre der Eingang noch dort, wo er sein müßte, könnte man sie nicht übersehen.

Meist sind es einfache Namen, X ben X, X Sohn des X, so wie es gewiß einfache Bauernsöhne aus Algerien, Marokko, Tunesien waren, die hier begraben sind. Die Frage, ob jemand für Gdańsk sterben solle, stellt sich in ihrem Fall noch einmal anders, denn sie starben für einen Staat, der ihnen nichts Gutes wollen konnte. Wie ihre Nachbarn unter dem Kreuz konnten sie sich auch nicht aussuchen, ob sie im Tod mit ihrer Religion assoziiert werden wollten, und beide konnten sich die Teilnahme an diesem Krieg nicht aussuchen. Dennoch war ihr Kampf ein guter. Für alle der auf diesem Friedhof Begrabenen gilt: „Mais mourir pour Dantzig? Pourquoi pas.“ (Aber für Danzig sterben? Wieso nicht.)

Gotik und Brutalismus in Montpellier

Die Kathedrale Saint Pierre (Sankt Peter), die größte Kirche des südfranzösischen Montpellier, ist ein früher gotischer Bau, in dem noch viel Romanik ist. Statt eines filigranen Systems von Strebepfeilern und -bögen sind es quergesetzte Wände, die außen das höchste Gewölbe tragen. Die Fenster sind zwar spitzbögig und hoch, aber entweder liegen sie tief in der dicken Wand oder haben große Abstände zwischeneinander.

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Auch die vier eckigen Türme haben auf den zwei über das Kirchenschiff hinausreichenden Geschossen gotisch spitze Fenster, aber gerade dadurch wirken sie fern von der Gotik, deren himmelstürmend schlanke Türme Geschoßstrukturen gerade aufzulösen suchen. Und die dicken Filialen auf den Türmen machen ein zwar ornamentales, aber aus der Konstruktion erwachsendes gotisches Element der Gotik zum reinen Ornament, das auch gegen Obeliske, wie sie die Renaissance mochte, oder sonst irgendetwas ausgetauscht werden könnte.

Bevor man jedoch Gelegenheit hat, irgendetwas von all dem zu bemerken, sieht man den riesigen Vorbau über dem Eingang.

Zwei hohe walzenförmige Türme mit kegelförmiger Spitze stehen frei vor der Vorderseite und tragen ein großes Kreuzrippengewölbe, das an die Kirche anschließt.

Es entsteht ein enormer Baldachin aus Sandstein, der keinen anderen Zweck hat, als den Eingang zu beschirmen.

Dieser besteht aus einem großen, aber eher flachen Spitzbogen flankiert von zwei massiven Strebepfeilern, die in großen Filialen ähnlich denen auf dem Turm enden.

Es ist, als ob die Erbauer von Saint Pierre sich des zweifelhaft gotischen Charakters der Kirche bewußt waren und deshalb gleich im Vorbau zeigen wollten, daß sie fähig sind, ein gotisches Gewölbe zu errichten.

Das Ergebnis hat dennoch etwas von einer Karikatur. Die bauklotzgleich simplen runden Türme sind noch gänzlich romanisch. Gewölbe und Eingang mögen wohl gotisch sein, aber in gänzlich unsubtil überzeichneter Form. Statt filigran und zierlich ist diese Gotik grob und groß.

Da die Gotik von Saint Pierre so wenig in das typische Bild der Gotik paßt, wußte die Stadt, als sie im 19. Jahrhundert wieder anfing sich für Gotik und überkommene Stile allgemein zu interessieren, auch wenig mit ihr anzufangen. Alle Um- und Anbauten der vorangegangenen Jahrhunderte wurden kurzerhand abgerissen, gotische Elemente freigelegt und auch der rechte Turm der Vorderseite, der in den Religionskriegen Mitte des 16. Jahrhunderts, als in Montpellier der Protestantismus herrschte, eingestürzt war, wiederaufgebaut. Doch damit nicht genug, zusätzlich wurden an das Kirchenschiff ein noch einmal so großer Chor und ein riesiger Seiteneingang im Stile einer fremden nordfranzösischen Gotik angefügt. Es ist Gotik wie aus dem Lehrbuch und genauso leblos.

Noch im Jahre 1917 errichtete die medizinische Fakultät der Universität in der Nähe ein neogotisches Gebäude für das Institut Bouisson-Bertrand, das immerhin jugendstilinspiriert frei und spielerisch mit seinen Vorbildern umgeht, aber mit Saint Pierre ebensowenig zu tun hat.

Erst viel später erinnerte sich Montpellier daran, was seine wichtigste Kirche wirklich ausmacht.

Das Lycée Jean Monnet (Jean-Monnet-Lyzeum) im nordwestlichen Stadtteil Alco ist aus ganz einfachen großen Betonformen zusammengesetzt: eine lange konkav geschwungene Wand, vor ihrer Mitte, wo sie eine Öffnung hat, zwei aufrechte Walzen, und dahinter eine teils in der Erde versenkte Kugel, die aus der Ferne betrachtet als Kuppel über die Wand ragt.

Schon ein Detail, kaum mehr als der in Metallbuchstaben rechts stehende Name, scheint der dicke Stahlbalken, der den größten Teil der Einwölbung der Wand auf drei Vierteln der Höhe abflacht und in der Mitte an die Walzen anschließt, obwohl doch erst durch ihn links und rechts Eingänge entstehen können.

Vor dem Glas unter dem Balken hängen zwei Reihen großer quadratischer Platten aus silbernem Edelstahl, in die die Namen in- und ausländischer Schriftsteller und Künstler gestanzt sind, allerdings so, daß sie von außen lesbar sind.

All das, die großen bildhaften Betonformen wie die Details, sind nur der Eingang der Schule. Die Wand hat als Funktion bestenfalls die Abschirmung vom Verkehr der tieferliegenden Straße, in der Kugel ist ein Saal, aber über die eigentliche Schule dahinter verrät der Eingang nichts. Sie besteht denn auch nur im hinteren Teil aus aufgestützten pavillonartigen Betongebäuden, die zu ihm passen, während direkt hinter der Wand Gebäude mit horizontal gestreifter Steinfassade und auf hohen Stützen ruhenden Gitterterrassen neben den obersten Geschossen sind.

Erstaunlicherweise wurde die Schule erst 1990 eröffnet.

Die radikale Einfachheit letztlich nur halb funktionaler Betonformen mag sehr französisch sein und ist gewiß sehr brutalistisch. Und selbstverständlich kann man in Montpellier keine Kuppel zwischen Walzenformen sehen, ohne sich sogleich an das Gewölbe zwischen den runden Türmen des Vorbaus der Kathedrale Saint Pierre erinnert zu fühlen. Die Einfachheit der kaum schon gotischen Formen ließ sich in Beton leicht nachformen, ohne daß es sich jedoch um eine offensichtliche Imitation handelt. Nicht zufälligerweise ist diese brutalistische Reverenz an die historische Architektur der Stadt viel subtiler und eleganter als alles, was der reaktionären Postmoderne, die es hier reichlich gibt, je eingefallen wäre. Diese nämlich interessierte sich über die simplistische und karikierende Imitation alter Stile rein gar nicht für tatsächliche Orte und deren Traditionen, darin ihrem ideologischen Vorgänger, dem Historismus, ähnlich.

Möglicherweise heißt das nicht viel, aber das Lycée Jean Monnet ist der würdige architektonische Nachfolger von Saint Pierre.

Das beste Gebäude des Jahres 2014

Es ist möglich: eine zeitgenössische Wohnanlage, die sich feinfühlig in ihre Umgebung einfügt.

Um sie zu sehen, muß man bloß nach Split fahren. Auf den ersten Blick könnte man sie mit ihrem weißen Putz und irgendwie eckigen Formen für typische Developerarchitektur halten, wie sie auch anderswo in Osteuropa ihre verhängnisvolle Verbreitung hat, ein abgezäuntes Ghetto für die entstehenden Mittelschichten. Schon ein näherer Blick auf die beiden verbundenen Gebäude zeigt, daß sie zumindest zu deren gelungeneren Ausprägungen gehört.

Das erste hat sieben Geschosse und im leicht zurückgesetzten grauverputzten Erdgeschoß Läden. In den folgenden fünf Geschossen ist auf der einen Seite ein Schachbrettmuster aus vertikalen Fenstern und kleinen Gitterbalkonen, deren Betonboden rechts als Wand aufsteigt, was L-Formen auf der Fassade ergibt, sowie schmale vertikale Treppenhausöffnungen hinter Gittern.

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Auf der anderen Seite sind ausschließlich tiefe Balkone mit einem weiten Schachbrettmuster aus vorgesetzten vertikalen Betonplatten, hinter die die aus horizontalen Lamellen bestehenden weißen Sonnenschutzwände geschoben werden können.

Im obersten Geschoß sind Penthäuser, die sich an der ersten Seite mit offenen Terrassen abwechseln und an der zweiten nur ihre Terrassen haben. Das zweite Gebäude ist identisch, hat aber nur vier Geschosse.

Es handelt sich also um eine ganz der dalmatinischen Sonne angepaßten Architektur. Sogar die Betonplatten vor der offenen Seite sind hier keine Dekoration sondern haben einen praktischen Nutzen. Im Sommer ist die diese Seite stetig variiert, ganz dem zufälligen Spiel der Schiebewände unterworfen, während die andere durch Wäsche auf den Balkonen Farbtupfer bekommt.

Doch entscheidend ist hier wie überall die städtebauliche Einordnung.

Die beiden Gebäude stehen in einigem Abstand parallel zueinander und zwischen ihnen ist ein offener Platz. Im oberen Teil an der Teslina (Tesla-Straße), die von Blockrandbebauung aus sozialistischer Zeit geprägt ist, öffnet sich zu ihm ein Café und es gibt Rasenflächen und Hochbeete mit Olivenbäumen, allerdings ohne Sitzgelegenheiten.

Hier führt durch die Mitte des höheren Gebäudes ein Durchgang und verbindet den Platz über eine davor verlaufende Terrasse mit dem angrenzenden fortschrittlichen Wohngebiet, das mit zwei querstehenden fünfzehngeschossigen Hochhäusern beginnt.

Während der Platz vor dem höheren Gebäude als Terrasse weiterläuft, führen von dieser ein schräges Beet und eine verbindende Treppe zum ob der Steigung um ein Geschoß tiefer gelegenen unteren Teil vor dem niedrigeren Gebäude. Dieser zweite Platzteil ist vor allem Eingangsbereich eines Lidl-Supermarkts, der auch die unter der Terrasse einmündende Tiefgarage mitbenutzt.

Hier führt ein weiterer Durchgang durch das niedrigere Gebäude, hinter dem jedoch nur vages Gelände mit Büschen um Einfamilienhäuser ist.

Die Wohnanlage ist also wirklich Teil ihrer Umgebung. Der Raum zwischen ihren Gebäuden ist ein wirklich öffentlicher Ort. Sie verschließt sich nicht, sondern öffnet sich. Und sie ist keine Blockrandbebauung. Das ist das eigentlich Erstaunliche an ihr, das man im Jahr 2014 kaum für möglich gehalten hätte. Es gibt hier keine Hierarchie zwischen privatem und öffentlichem Raum, keine abgeschlossenen Innenhöfe oder abgezäunten Grundstücke.

Vielleicht ist es der Genius Loci von Split, der zu dieser Leistung zwang. Zwischen den Gebäuden, über den Platz, blickt man direkt auf die Breitseite eines von drei sechzehngeschossigen Hochhäusern, die durch die in Schienen vor die Fenster schiebbaren Sonnenschutzelemente aus vertikalen Metalllamellen geradezu monolithisch wirken können.

Das zeigt schon, wie die Architektur der Wohnanlage einen wichtigen Strang jugoslawischer Architektur, die viel mit verschiedenen Sonnenschutzlösungen experimentiert hatte, weiterführt. Auch städtebaulich wollte sie nicht so weit hinter den Standard der umliegenden jugoslawischen Wohngebiete wie Špinut zurückgehen, wie es die gegenwärtige kapitalistische Ideologie, die die Blockrandbebauung glorifiziert, verlangte.

Daß die Wohnanlage auch keinen Schritt über die jugoslawische Architektur hinausgeht, ja, daß diese schon weiter war, ist nicht ihr, sondern den gesellschaftlichen Umständen vorzuwerfen. Sie zeigt, was möglich ist, immer noch und trotz alledem, und das ist viel wert. Ein bedeutenderes Gebäude wurde im Jahre 2014 vielleicht nicht errichtet.

Alkmaarer Löwen

Daß Alkmaar sich in den Dreißigern entschloß, an die Ecke bei der Kirche beidseits einer Straße zwei riesige neogotische Backsteinklötze zu setzen, war selbstverständlich völlig reaktionär und damit für ein nordholländisches Provinzstädtchen ganz typisch.

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Daran ändert auch nichts, daß sie, das damalige Politiebureau (Polizeiwache) und das Bürogebäude Hooge Huys (Hohes Haus), nur im Vergleich zu den zwei, dreigeschossigen Häuschen der übrigen Stadt hoch sind. Daran ändert ebensowenig, daß die beiden Gebäude ihre neogotischen Bezüge einzig aus den hohen rechteckigen Fenstern, die mit grauem Stein abschließen, den grausteinigen Kranzgesimsen der überstehenden Satteldächer und vor allem den hohen Treppengiebeln beziehen, wobei beim rückwärtigen Giebel des Hooge Huys‘ der mittlere höchste Teil ein Schornstein ist.

Außer durch die Giebel sind nicht einmal die Vertikalen besonders betont und die Eingänge sind zwar unschön steinern, aber nicht weiter monumental. Statt gotisierender oder sonstiger Ornamentik trägt jedes der Gebäude einige Kunstwerke.

Über dem zur Kirche zeigenden Eingang in der Giebelseite des Politiebureau ist es ein recht konventionelles Relief des Alkmaarer Wappens – ein Turm auf einem von Löwen flankierten und mit einem Lorbeerkranz bekrönten Schild, darunter auf einem Band die Worte: „Alcmaria Victrix“ (Alkmaar die Siegerin).

Das Hooge Huys hat in der Mitte der Giebelseite eine runde Fläche, die ein schlechterer reaktionärer Architekt mit einem Rosettenfenster gefüllt hätte, dieser aber mit einem hellgrauen Steinrelief.

Auf ihm ist ein Pelikan, der in Rückgriff auf ein klassisches Mißverständnis biologischer Vorgänge, das zur Christussymbolik wurde, drei vor ihm sitzende Junge mit seinem eigenen Herz füttert. Die Szene ist frontal gezeigt und die aufgespannten Flügel der Pelikanmutter sowie die im Bogen sitzenden Pelikanjungen füllen den Kreis genau aus, während die Linien der vier zueinander zeigenden Schnäbel eine völlig regelmäßige ⅄-Form mit zusätzlichem Mittelstrich ergeben.

Bei seinem Ende hat das Hooge Huys einen zurückgesetzten Teil, so daß zum Nachbargebäude hin an der Straße ein kleiner Hof entsteht, und auf dessen beiden Torpfosten sitzen Löwenskulpturen aus hellem grauem Stein, die kleinere Wappenschilder halten. Das linke Wappen zeigt einen nach links blickenden roten Löwen mit gelber Zunge und gelben Krallen auf gelbem Grund, ist in der unteren Hälfte aber nur schwarz, das rechte zeigt denselben Löwen, aber ohne das Schwarz und mit einer horizontalen gelben Linie unterhalb des Kopfs. Wohl, weil hier Holland ist, mag man darin ein langsames Versinken im Wasser erkennen.

Die Löwenskulpturen, die spiegelbildlich die rechte beziehungsweise die linke Tatze auf die Wappenschilder legen, haben nichts von Wappentieren, sondern sind wie schon die Pelikane gehauen in einem zarten, leicht stilisierenden realistischen Stil, der das Weiche, Abgerundete, Fließende liebt, ohne es zu übertreiben.

Hier gelingt es, wappenschützende Löwen würdevoll und wachsam, aber ohne Aggressivität oder Brutalität zu zeigen, was  ausweislich einiger tschechoslowakischer Beispiele derselben Zeit nicht so selbstverständlich ist.

Diese Löwen sehen zwar nicht geradezu so aus, als ob man sie streicheln wollte, aber auch nicht, als ob sie einen gleich anspringen und fressen wollten.

Die bildhauerische Ausstattung des reaktionären Hooge Huys ist seiner Architektur somit weit voraus. Ihr liebenswerter Realismus erinnert am ehesten an spätere Kunst der sozialistischen Staaten.

Endgültig bestätigt wird das Können des belgischen Bildhauers Maurice Xhrouet durch ein horizontal sechseckiges Tonrelief, das unauffällig, fast versteckt im Backstein im Hof hängt. Es zeigt eine Henne, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln die Fläche ausfüllt und links und rechts ein Küken beschirmt.

Hier bekommt ein ganz alltägliches Tier eine stilisierte und symmetrische Form mit unaufdringlicher Symbolik. Vielleicht war es eine Vorübung für das Relief an der Giebelseite, die zugunsten der etwas repräsentativeren und viel bezugsreicheren Pelikanszene abgelehnt, aber wenigstens im Hof angebracht wurde. Wer weiß, was dieser Künstler erst bei besseren Auftraggebern vermocht hätte.

Als in anderen Teilen Alkmaars progressivere Architektur entstand, war die realistische Kunst schon verpönt und ein Xhrouet hätte wenig Chancen gehabt. Die Qualität der Kunstwerke ist wie eine Anklage an die Stadt, nicht schon in der Zwischenkriegszeit statt eines reaktionären Hooge Huys‘ Hochhäuser gebaut zu haben. Bis ins Zentrum kam die fortschrittliche Architektur auch nie so ganz, denn noch in den Sechzigern wurde neben den Hof des Hooge Huys‘ ein ähnlicher Backsteinbau, der Hof Van Teylingen, gebaut und das schlimme Erbe der Dreißiger fortgeführt wurde. Aber Xhrouets kleiner Zoo aus Pelikanen, Löwen und Hühnern tröstet über all das hinweg, ein klein wenig zumindest.

Ruinenspaziergang auf dem Datzeberg

Ganz am Rande des Neubrandenburger Wohngebiets Datzeberg beim Bogen von Uns Hüsung und Mudder-Schulten-Straße ist eine kleine Grünanlage, die mit den Großplatten abgerissener Wohngebäude aus der DDR gestaltet ist. Quer zwischen den beiden aufeinander zulaufenden Wegen liegen vier Fassadenplatten, auf deren Beton oder auf darauf angebrachten Holzflächen man sitzen kann, während die jeweils zwei Fensteröffnungen zu Hochbeeten wurden, aus denen Bäume wachsen.

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Einige der Platten zeigen nur die Kieselstruktur ihres Waschbetons, auf anderen sind große rechteckige Kacheln in Dunkelrot und Weiß. Kacheln in denselben Farben bedecken auch stelenartig aufgestellte Betonplatten am Anfang und am Ende der Grünanlage. Rechts, zum Hang hin, ist nur eine Bank aus einer Holzfläche vor einer versenkten Betonplatte. Links reihen sich eine schräg in die Erde gesetzte Platte aus glattem Beton mit Fenster- und Balkonöffnungen, eine Platte aus Waschbeton mit Fensteröffnungen und vier im Zickzack aufgestellte schmalere Platten mit einem vertikalen Muster aus orangenen Kacheln auf Waschbeton.

Wenn man vom Wohngebiet durch die Grünanlage geht, sieht man so die Entwicklung von der rohen Platte über den Waschbeton zur Kachelverzierung.

Und man sieht noch mehr, denn direkt hinter der orange-grauen Zickzackwand steht eines der L-Hochhäuser des Bezirks Neubrandenburg. Es besteht aus einem längeren elf- und einem kürzeren vierzehngeschossigen Teil, die im rechten Winkel zusammengefügt sind. Nach außen hat es Balkone mit einem horizontalen Muster orangener Kacheln, nach innen Fenster und jeweils einen mittig vorgesetzten Aufzugs- und Treppentrakt mit weißen Kacheln. Insbesondere aber sind die beiden Schmalseiten ganz von Kachelmustern bedeckt.

Aus einem eigentlich regelmäßigen Hintergrund aus vertikalen Streifen orangener und weißer Kacheln  treten komplizierte unregelmäßig gewellte Linienformen heraus, die an Wurzeln oder an Regentropfen, die eine Scheibe herunterrinnen, erinnern, gerade so, als wachse etwas über die Gebäudeseiten hinauf oder laufe an ihnen herunter. Hier werden die Kacheln vom Gebäudeschmuck zur abstrakten Kunst, die weit ins Wohngebiet und die flache Umgebung zu sehen ist.

Wenn man das Wohngebiet Datzeberg durchstreift, wird man die Betonplatten mit den Kacheln, die man in der Grünanlage als geschickt weiterverwendete Ruine kennenlernte, als lebendige Form an den Gebäuden wiedererkennen, denn viele von ihnen haben noch ihre Originalfassaden.

Wie der Name schon sagt, erstreckt sich die Bebauung des Wohngebiets auf dem Hügelplateau des Datzebergs im Norden der Bezirksstadt.

Seine Höhepunkte sind die L-Hochhäuser des beschriebenen Typs, von denen sich zwei am Ende sehr langer und leicht geschwungener fünfgeschossiger Gebäude am Hügelrand befinden, während vier an der zum Stadtzentrum zeigenden Ecke eine lockere Gruppe bilden.

Auf dem Hügel gelegen, mit den Hochhäusern als Türmen und den langen Gebäuden als Mauern, erweckt das Wohngebiet Datzeberg unweigerlich Assoziationen mit einer mittelalterlichen Burg.

In seinem Inneren jedoch gibt es weder Herrscher noch steinerne Enge. Zwischen den Gebäuden am Hügelrand bildet die fünfgeschossige Bebauung lange und offene, nie ganz rechteckige Höfe, um die sich die Straßen ringartig legen.

Wenn das Zentrum  des Wohngebiets heute etwas leer wirkt, dann weil ein Dienstleistungsgebäude und das zugehörige der L- Hochhäuser bereits abgerissen wurden. Auf der nunmehr zu großen und kahlen Grünfläche steht die Plastik einer Frau und eines Manns, die zwischen sich ein kleines sitzendes Kind in einem Tuch tragen.

Am Dach des Kaufhallengebäude sind halb noch die ursprünglichen Kunststoffwaben und halb rote Ziegel, im rückwärtigen Anbau sind ein Döner-Imbiß und eine Kneipe. Während das in der DDR geschaffene Zentrum abgerissen wurde, verblieb das desolate „Datzebergzentrum“ aus den Neunzigern, das bereits fast völlig leersteht und das zu erwähnen höchstens ist, weil sich so der hier befindliche Netto mit dem schwarzen Schnauzer direkt neben dem rot-gelben Netto in der Kaufhalle befindet.

Kindergärten und Schulen sind am Rand angeordnet, so daß ihre Höfe und Gärten am Hang liegen. Vor der Hochhausgruppe ist der Hang als Park mit großem Spielplatz und anderen Einrichtungen gestaltet, über die man zum Wohngebiet Reitbahnviertel im Tal blickt.

Es ist also ein recht typisches Wohngebiet aus der Blütezeit des Wohnungsbaus der DDR (erbaut zwischen 1976 und 1981), nicht außergewöhnlich, aber gelungen, etwas weit vom Zentrum entfernt, aber die topographischen Gegebenheiten großartig ausnutzend.

Aus Kirschner, Harald u. Uhl, Heidrun: Neubrandenburg, Leipzig 1989

Die Kachelmuster auf den nunmehrigen Hochbeeten der Grünanlage erkennt man an vielen der fünfgeschossigen Gebäude wieder: ein dunkelroter Rahmen um zwei Fenster und eine weiße Fläche zwischen ihnen.

Die Zickzackwand ihrerseits besteht aus ehemaligen Balkonbrüstungen, die dieselben Muster, nur eben horizontal, haben.

Wo abgetragene Gebäude, deren Einzelteile für die Grünanlage dienen, standen, erkennt man weniger an Lücken als an zu kahlen Wiesenstücken zwischen der Bepflanzung. Es ist ein wenig schade, daß die Großplattengrünanlage auf dem Datzeberg mit keinerlei Informationstafeln versehen ist. So wurde die Chance versäumt, die Ruinen nicht nur geschickt weiterzuverwenden, sondern didaktisch in einen Bezug zu den Gebäuden zu setzen, zu erklären mithin, was das eigentlich heißt: Plattenbau. Fast paßt es, daß sich nicht mehr herausfinden läßt, von wem sie im Jahre 2008 geplant wurde (ein paar Bilder aus der Zeit finden sich hier).

Neben den erhaltenen ursprünglichen Fassaden sind auch im Wohngebiet Datzeberg viele verändert, was vielsagende Kontraste schuf. Teilweise verschwanden sie unter Wärmedämmung.

Das kann aus ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden, insbesondere, wenn die neuen Fassaden bereits so verdreckt sind wie es Kacheln und Beton auch in weiteren vierzig Jahren nicht sein werden, aber immerhin erfüllt es eine eindeutige Funktion.

Anderswo wurden die Fassaden einfach in Pastellfarben übermalt.

Wo zuvor Beton mit Kachelmustern war, ist nun Beton unter einer dünnen Farbschicht und keinerlei Muster mehr. Das ist nichts anderes als so dummer wie trauriger Vandalismus, der durch keinerlei funktionale Erwägungen erklärt ist, er ist niedriger noch als das Graffiti, das immerhin als Ausdruck eines künstlerischen Impulses gelten kann. Auch auf so etwas hinzuweisen, könnte die Aufgabe der aus ihrer natürlichen Umgebung geholten Betongroßplatten der Grünanlage sein. Doch so viel mehr Potential sie auch hätte, sie ist das Beste, was den abgerissenen Gebäuden am Datzeberg passieren konnte.

Ein Spaziergang durch Ruinen ist ein jeder Spaziergang durch ein Wohngebiet der DDR in gewissem Maße, doch immer ist es auch schön zu erleben, wie viel Leben in diesen Ruinen noch ist.

Łobez – Zentrum

Das Zentrum von Łobez erstreckt sich beinahe bandartig etwa oberhalb des Flusses Rega. Zwei parallel verlaufende Straßen, von denen die weiter vom Fluß entfernte Niepodległości (Straße der Unabhängigkeit) die eigentliche Hauptstraße ist, ziehen sich hindurch und verbinden drei rechteckige Platzbereiche. Rechts, im Norden, ist der Bereich der Kirche, in der Mitte ist ein begrünter Platz am unscheinbaren historistischen Rathaus, links, im Süden, ist der längere Bereich des Stadtparks. Die Bebauung besteht etwa zur Hälfte aus überkommenen ein- oder zweigeschossigen Häuschen und zur Hälfte aus fünfgeschossigen fortschrittlichen Gebäuden. Daß letztere dominieren, liegt weniger an ihrer Zahl als an ihrer Größe und Höhe. Im Bereich der parallelen Straßen ist die alte Rasterstruktur weitgehend beibehalten, wofür die neuen Gebäude oft Läden im Erdgeschoß haben, erst abseits von ihnen wird sie aufgelockert.

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Dort sieht man dann die letzen Häuschen einer alten Straße aufgehoben zwischen neuen Gebäuden und ihren Grünflächen und an der leicht geschwungenen Komuny Paryskiej (Straße der Pariser Kommune) offene Zeilenbebauung.

Den ersten Weg vom Bahnhof nehmend geht man entlang der Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads) direkt auf den Bereich der Kirche zu, aber wenn man näher kommt, verschwindet der Turm erst einmal. Links stehen drei Punkthäuser oberhalb des Ufers und rechts ein Gebäude parallel zur Straße, die eine Art Tor zum Platz bilden.

Auf diesem ist die Kirche ringsum gerahmt von fortschrittlicher Bebauung. Ein Gebäude links der Obrońców Stalingradu mit Läden im Erdgeschoß, rechts von ihr und weiter in der Ecke der kreuzenden Niepodległości eine flache Ladenzeile, hinter der die Kirche aufragt, und ebenso auf deren anderer Seite, wo dahinter wieder Punkthäuser stehen.

Auch von Norden kommend öffnet sich der Blick zur Kirche erst nach einem leicht gestuft zurücktretenden Gebäude links und einem im Erdgeschoß aufgestützten rechts.

Die Kirche, die zumindest das höchste Gebäude des Zentrums blieb, ist ein neogotischer Bau, aber ein eigentümlicher, da er seine Formen einerseits den 1820er und andererseits den 1970er Jahren verdankt. Das hölzerne Maßwerk in den Fenstern des Turms erinnert daher geradezu an niederländische Architektur.

Von der älteren Stadtstruktur öffnen sich weiter südlich an der Niepodległości  zwei betonte Eingänge in den lockerer bebauten Teil. Der erste führt zwischen der aufgestützten Ecke eines Gebäudes und einem Beet mit großer Weide über eine breite Treppenanlage.

Der zweite ist eine Straße gegenüber dem Beginn des Parks, die rechts von einem Gebäude mit großem verglastem Erdgeschoßraum und links von einem Eckbau mit Läden flankiert wird. Dieser fünf- und sechgeschossige Eckbau, vielleicht das aufwendigste Gebäude aus sozialistischer Zeit in Łobez, ist einerseits beinahe Blockrandbebauung und hat oben leicht historisierende Dachschrägen, aber andererseits öffnet es sich mit einem Durchgang sofort zu einem großen rückwärtigen Grünbereich und hat jenseits der Schrägen große Dachterrassen.

Am Parkrand, direkt gegenüber dem beschriebenen Gebäude, steht schließlich ein Denkmal für die Befreiung. Es ist so etwas wie das säkulare Heiligtum der Stadt. Seine weiße Steinskulptur zeigt einen halbnackten bärtigen Mann mit aufgestütztem Schwert und Schild, über dem ein moderner Soldat mit ins Abstrakte verschwimmendem Körper und leicht nach oben gewandtem Kopf und geöffnetem Mund erwächst.

„Byliśmy, jesteśmy, będziemy“ (Wir waren, wir sind, wir werden sein) steht auf dem schmalen eckigen Sockel. Links daneben ist eine kleinere Stele in der Form eines schmalen Pyramidenstumpfs, auf der eine stilisierte Flammenschale und Grunwaldschwerter aus Blech sind, während oben in einer Schale tatsächlich eine Flamme brennen könnte. Am Rande des gepflasterten Bereichs des Denkmals stehen auf einer steinernen Tafel weiterhin die wichtigen Worte: „Żołnierzom polskim i radzieckim poległym w walce o wyzwolenie i przywrócenie ziemi łobeskiej do macierzy“ (Den polnischen und sowjetischen Soldaten, die im Kampf um die Befreiung und die Wiedereingliederung des Łobezer Lands in das Mutterland fielen).

Einzig der gekrönte Adler am Sockel ist eine neuere Ergänzung. Um das halbrunde Ende der Fläche verläuft ein Weg mit Bänken, von denen man auf die von hinten gänzlich abstrakte Skulptur, die Mieczysław Welter 1968 schuf, und in die neue Stadt blicken kann.

Man kann Łobez als eine typische polnische Kleinstadt verstehen. Kennzeichnend ist die konsequente Verbindung von Altem und Neuem in einem allerdings weitgehend vom Alten vorgegebenen Rahmen. Im Zentrum sind die Straßen die wichtigsten Wege, was in Łobez nur deshalb kein größeres Problem ist, weil es kaum Durchgangsverkehr gibt. Ärgerlich wird die konservative Orientierung an der Straße aber etwa bei der Ladenzeile in der Ecke bei der Kirche, hinter der grundlos ein nicht nutzbarer Unort geschaffen wurde, eine traurige Verschwendung städtischen Raums. Daß die Planer durchaus über die Straße hinauszudenken vermochten, zeigen der großartige Weg zwischen Bahnhof und Zentrum, der Park an der Rega und die offenen Bereiche abseits der Hauptstraße. Im besten Fall ergänzen und stärken Alt und Neu einander, werden einzelne alte Gebäude zu Akzenten in der neuen Stadt.

Der Vorwurf könnte nun lauten, daß das nur Zufall sei und bloß abgewartet worden sei, bis alle alten Gebäude abrißreif sind. Dagegen spricht etwa ein Betonlaubengang als Verbindung zwischen dem verglasten Sockelbau des neuen Gebäudes rechts der beim Park abzweigenden Straße und der Brandmauer eines alten, unter dem es in den gemeinsamen Grünbereich geht.

Die selbstbewußte, wenn auch manchmal zu zurückhaltende Einfügung des Neuen ins Alte, die Schaffung eines Wohngebiets mitten im Stadtzentrum, ist auf jeden Fall ein großer Gewinn für die Stadt. Sie ist kompakt, ohne eng zu sein, allzeit belebt, ohne voll zu sein, und hat kurze Wege, ohne monoton zu sein. Łobez hatte vermutlich Glück, daß sich in ihm alles so harmonisch und leicht zusammenfügt, die natürlichen Gegebenheiten wie die alte Stadtstruktur boten die besten Voraussetzungen. Wenn man die Stadt also nur nach ihrem Bahnhof beurteilen würde, läge man ganz richtig.