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Unregelmäßigkeiten eines Klosters

Das Kloster Madonna dei Miracoli in Motta di Livenza ist eine recht typische Renaissanceanlage. Architektonisch am Interessantesten ist, daß um die Front und die nach außen zeigende Seite der Kirche Arkaden verlaufen. Auf schmalen Säulen regelmäßige Rundbögen und einfaches Kreuzrippengewölbe, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, eine leichte, funktionale Architektur, wie sie für die italienische Renaissance in den besten Fällen kennzeichnend ist. Beim Ende der Kirche verlassen die Arkaden das Gebäude, setzen sich quer zu ihm fort und überspannen einen somit zu drei Seiten offenen rechteckigen Bereich.

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Wie unter einem Baldachin steht dort ein kleineres einfaches Gebäude mit Dreiecksgiebel, dessen Alter sich schwer bestimmen läßt. Vor dieser kleinen Marienkapelle an einer Wegkreuzung deutlich außerhalb der damaligen Stadt erschien im Jahre 1510 einem alten Bauern die Jungfrau Maria, was Motta di Livenza zum Wallfahrtsort machte und den Anlaß für die Errichtung des Klosters gab. Das kleine alte Gebäude war also der Ursprung des großen neueren und ist heute in ihm aufgehoben, ohne ganz Teil davon zu werden. Es steht unter den Arkaden vielmehr ganz frei und schräg zu allem anderen, ein sorgsam behüteter Schrein, eine Kaaba.

Vielleicht kann man sich die Entstehung des Wallfahrtsort als eine Marketingmaßnahme der Stadtverwaltung von Motta di Livenza erklären. Denn was hatte die Kleinstadt im trostlosen venezianischen Hinterland schon zu bieten? Irgendeine Attraktion mußte her. Heute würden sie ein Spaßbad mit achtzehn Rutschen planen, damals eben eine Wallfahrtskirche mit Kloster, denn Pilger bedeuteten einen gesicherten Einkommensstrom. Jedenfalls war das Wunder der Marienerscheinung noch im selben Jahr vom Papst offiziell anerkannt und das Kloster stand bereits drei Jahre später. Die Arkaden wurden erst im Jahre 1600 angefügt, wiederum, wie eine Tafel besagt, um den Pilgern einen gemütlicheren Zugang zur kleinen Kapelle zu ermöglichen. Es handelt sich in gewisser Weise um eine touristische Architektur.

Von der künstlerischen Ausgestaltung des Klosters sind die Fresken im Kreuzgang um einen der vier quadratischen Höfe des Klosters zu erwähnen. Statt etwa vom lokalen Wunder erzählen sie ausführlich die Geschichte des heiligen Franziskus von Assisi, denn es war der Franziskanerorden, der mit der Gründung des Klosters beauftragt worden war und es noch heute betreibt. Als vermutlich neuerer, aber ebenfalls hübscher Bezug auf die Franziskusgeschichte stehen um vier Palmen im Hof auch vier Vogelkäfige unter anderem mit eleganten weißen Tauben.

Zu den Szenen der 1674 von einem unbekannten Mönch geschaffenen Fresken, die von der Geburt über Begegnungen mit Bischöfen, Königen, Sultanen, auch Jesus wie dem Teufel, bis zum Begräbnis reichen, ließe sich sicher vielerlei sagen, aber besonders interessant ist, wie sie die ihnen zugewiesenen Wandflächen ausnutzen.

Unter dem halbrunden Bild zwischen den Ansätzen des Gewölbes ist jeweils ein ornamental gefaßtes Feld mit gereimter Inschrift. In einer Ecke müssen diese Felder ihre mittige Position verlassen, da sich dort Türen öffnen, an deren Seiten sie dann rücken.

Ist das noch bloß ein etwas nonchalantes Eingehen auf die örtlichen Beschränkungen, so zeigt sich das Gespür des Künstlers für den Ort an einer Stelle, wo die Wand in der Mitte der halbrunden Fläche leicht zurückspringt.

Statt das zu ignorieren, nutzte er es noch aus. Er teilt das Bild in zwei Hälften, so daß nun links im Inneren Franziskus vor einem Kruzifix kniet, während rechts im Hof sein Knecht das Pferd heranholt. Und dazwischen, in der von der Wand gebildeten Ecke, ist eine Säule. Die Architektur des Bilds verbindet sich mit der Architektur des Orts.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, daß der Künstler diese Szene gerade an diese Stelle setzte, denn in ihr geschieht der Bruch im Leben des Franziskus, hier spricht Gott zu ihm und er wird vom Edelmann zum Bettelmönch und Ordensgründer. Der Rücksprung in der Wand entspricht dem und das Pferd dient schon dazu, sich in der nächsten Szene seiner Erbschaft zu entsagen. In diesem Detail zeigt sich die Größe des hier arbeitenden Künstlers. Was ein Problem sein könnte, macht er zum Gewinn und zum subtilen Höhepunkt des gesamten Kreuzgangs.

So wie die Architektur des Klosters das zufällig angeordnete alte Gebäude aufnimmt, nimmt die Kunst ihrerseits die Zufälligkeiten der Architektur auf. Für solche Kleinigkeiten lohnt sich der Besuch auch einer solch typischen Klosteranlage. Und wem das nicht genügt, dem bleiben eben die Vögel.

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