Archiv der Kategorie: Kraków

Erkundungen auf Friedhöfen: Jüdisches Mosaik in Kraków

Wie die Deutschen das jüdische Leben im Krakówer Stadtteil Kazimierz vernichteten, so zerstörten sie auch den größten jüdischen Friedhof der Stadt in der Straße Miodowa. Als die nunmehr kleine jüdische Gemeinde ihn in den frühen Sechzigern wieder herstellte, machte sie ihn zum Mosaik: Die Stücke der zerschlagenen Grabsteine wurden neu zusammengefügt.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Dieses Mosaik bedeckt nun ein großes quaderförmiges Mahnmal beim Eingang sowie einige Mauern dort und in einer hinteren Ecke. Hebräische, polnische und deutsche Inschrifts- und Namensfetzen und figürliche Ornamente verbinden sich zu etwas Neuem.

Einerseits entspricht das dem Eindruck, den auch der Gang zwischen den erhaltenen Gräbern dieses Friedhofs, jedes Friedhofs erweckt. Denn vom Friedhofsbesuch bleibt immer ein Mosaik von Eindrücken, hier eine Inschrift, dort ein Name, dort ein Ornament, die auf irgendeine Art, vielleicht nur durch Zufall, aus der Menge der Gräber herausstechen. Andererseits aber verschwindet so das wichtige Element der Erinnerung an ein Individuum. Die einzelnen Grabsteine verschwimmen zum diffusen Ganzen des Mosaiks so wie die Deutschen die einzelnen Juden in ihrer Vernichtung auf die Zugehörigkeit zu einer diffusen Masse reduzierten.

Dabei zeigt der Friedhof gerade die Unterschiede bei den Juden von Kazimierz, am deutlichsten in der Vielfalt der Sprachen. Unter den Gräbern aus der österreichischen Zeit vor 1918 finden sich etwa einige mit deutschen Inschriften, obwohl auch schon hier die polnischen  zahlreicher sind. Zeugt das von der politischen Entscheidung, sich entweder an den Deutschen, die den Gesamtstaat dominierten, oder an den Polen, die die engere Region dominierten, zu orientieren, so zeugen die vielen ausschließlich hebräisch beschrifteten Grabsteine von einem ganz eigenen, an Assimilation entschieden desinteressierten jüdischen Leben.

Nach dem Krieg, nach der Vernichtung stellten sich solche Fragen nicht mehr. Die wenigen in Polen verbliebenen Juden bildeten eine kleine Minderheit. Doch es ist interessant, daß in dieser Zeit eine neue Sprache auf den Friedhof tritt, die dort vorher vermutlich gefehlt hatte: Jiddisch. An dem Mahnmal beim Eingang und bei anderen im hinteren Teil sind die Inschriften immer polnisch und jiddisch. Die Verwendung des Jiddischen, der Sprache des einfachen Volks, war in den sozialistischen Staaten auch ein bewußter politischer Akt gegen das Hebräische, die Sprache der Religion einerseits und des Zionismus andererseits.

Auch das Schild an der ehemaligen Trauerhalle, das zur Bedeckung des Kopfs auffordert, ist auf Jiddisch und Polnisch geschrieben. Es ist dadurch das vielleicht faszinierendste historische Zeugnis auf dem Friedhof.

Jiddisch:
„Achtung! Auf dem [hebräisches Wort, vermutlich für Friedhof] bloß-köpfig zu gehen ist verboten
Die Verwaltung“
Polnisch:
„Achtung! Auf dem Gelände des Friedhofs gilt Kopfbedeckungspflicht
Die Verwaltung“

Ein schlichtes Blechschild nur, schwarze Schrift auf weißem Grund, gänzlich prosaisch, aber es gehört in eine Zwischenzeit, als es in Kraków noch ein jüdisches Leben gab, dem Jiddisch die Umgangssprache war. Das Schild wird so zu einem weiteren, zum letzten Teil des Mosaiks, das der Friedhof heute leider sein muß.

Advertisements

Stadtbahn Kraków

Nein, eine Stadtbahn hat Kraków nicht, auch keine U-Bahn, obwohl es seit den Siebzigern Pläne gibt, dafür zumindest ein ausgedehntes Straßenbahnnetz. Bis zum Jahre 1911 legten sich um den westlichen Rand der damaligen Stadt auf den Wällen der Festungsanlangen noch die Gleise einer Verbindungsbahn mit dem komplizierten Namen Kolej cyrkumwalacyjna, doch an deren Stelle wurden statt einer Stadtbahn die aleje, die Alleen, angelegt. Sie sollten eine repräsentative Promenade, eine Krakówer Version der Wiener Ringstraße sein und waren das vielleicht auch für einige Jahrzehnte; heute sind sie riesige Verkehrsachsen mit regelmäßigen Staus, wo es niemandem mehr zu promenieren einfallen würde.

Worum es hier jedoch gehen soll, hat mit alledem nur indirekt zu tun. Denn wenn Kraków schon keine eigene Stadtbahn hat, so finden sich dort zumindest Spuren der Wiener Stadtbahn. Sie zu sehen, muß man in die Ulica Kamienna (Steinerne Straße) gehen, wozu es kaum einen Grund gibt. Sie ist zwar gar nicht weit vom Stadtzentrum und vom Bahnhof entfernt, aber doch in einer Gegend, die noch heute nach Stadtrand aussieht. Neben dem Gelände des Dworzec Towarowy (Güterbahnhofs), der weitgehend leersteht, senkt sich die Straße, um unter den nach Nordwesten (Richtung Wien, steht auf alten Stadtplänen) verlaufenden Gleisen hindurchzuführen.

UlicaKamiennaKraków

Sie ist breit, wird aber kaum mehr befahren.

UlicaKamiennaKrakówBüro

Und oben auf den Mauern, die die abgesenkte Straße begrenzen: Stadtbahngeländer. Dieselbe aus Wien so vertraute Sonnen- oder Radform im Quadrat.

StadtbahngeländerKrakówSchwarz

Auf der einen Seite der Gleise, wo ein neues Bürohaus steht, wurden sie neu gestrichen, aber schwarz. Auf der anderen Seite, wo eine Treppe in einige verlorene Gassen mit von den Gleisen eingezwängten kleinen Mietskasernen führt, sieht man sie in Rost, in dem man mit einiger Phantasie ein abblätterndes Grün erahnen kann.

StadtbahngeländerKrakówRostig

Auch dort, wo man sie auf den ersten Blick gar nicht sieht, sind sie versteckt unter wuchernden Pflanzen zu finden.

StadtbahngeländerKrakówZugewachsen

Es ist, als sei die ganze Ulica Kamienna eine der pittoresken Ruinen, die das 19. Jahrhundert so liebte, aber eine Ruine des 19. Jahrhunderts selbst, eine k.u.k.-Ruine, die zeigt, wie die Reste der Wiener Stadtbahn im Zustande des Verfalls aussehen würden. Unweigerlich fühlt man sich dort wie ein Archäologe, der die Reste einer untergegangenen Zivilisation entdeckt.

So mag das auch sein, aber auf die untergegangene folgte, wie das so oft ist, eine neue, bessere Zivilisation. Die heute so stille und nutzlose Straße war um das Jahre 1910, als sie mit dem Güterbahnhof gebaut wurde, der für den Westen Krakóws wichtigste Weg unter den Gleisen hindurch. Noch bis in die sechziger Jahre hätte dort niemand den Eindruck einer verlassenen Ruine in der städtischen Wildnis haben können. Dann aber wurde ein Stück weiter stadteinwärts, in direkter Fortsetzung der Alleen, eine große Straßenbrücke gebaut, ein zeitgemäßer Ersatz für die Ulica Kamienna, die neue Zivilisation. Seit auch der Güterbahnhof weitgehend stillgelegt ist, bleibt von der Ulica Kamienna nicht mehr als eine Erinnerung an die österreichische Zeit.

Was sich nur schwer herausfinden lassen wird, ist, ob die Verwendung der Stadtbahngeländer ein bewußter Versuch von polnischer Seite war, ein wenig hauptstädtischen Glanz an den Stadtrand von Kraków zu holen, oder im Gegenteil von deutscher Seite eine Resteverwertung in der Provinz. Oder vielleicht auch beides, worin man denn ein Symbol des alten Österreich sehen mag.

Janusköpfiges Kloster

Das Klasztor Norbertanek (Norbertinerinnenkloster) steht am Rande von Kraków, außerhalb des mittelalterlichen Kerns, auch heute noch kaum Teil der Stadt. Es steht, obwohl daneben ein Hügel ansteigt, direkt an der Wisła.

Dem Reisenden, der sich von außerhalb am Fluß entlang nähert, zeigt es sich wehrhaft und abweisend:

KlasztorNorbertanekKrakówVonAußerhalb

hohe, fast fensterlose Mauern, seitlich ein massiver eckiger Turm, der auch zu einer Festung passen würde, und, versteckt weiter hinten, der Stufengiebel einer gotischen Kirche. Man spürt hier eine Zeit voller Unsicherheit und Gefahren, in der der Frauenorden sein Bestes tun mußte, mögliche Angreifer abzuwehren oder zu überzeugen, besser nach Kraków oder in die gänzlich schutzlosen Dörfer der Umgebung weiterzuziehen.

Kommt man aber von der Stadt her, sieht man ein ganz anderes Kloster:

KlasztorNorbertanekKrakówVonDerStadt

zierliche zweigeschossige Trakte aus Renaissance und Barock erstrecken sich entlang des Flusses, ein kleiner Turm mit hoher Haube ragt ein Stück empor und auf einer Ecke der Mauern, die nur von sehr nahem noch abweisend wirken, steht frei und ungeschützt eine Statue des Johannes von Nepomuk.

KlasztorNorbertanekKrakówNepomuk

Es ist, als strecke das Kloster der Stadt, dem Burgberg Wawel in der nahen Ferne, auf offener Hand all seine Schönheit entgegen, auf daß sie seiner nicht vergesse.

KlasztorNorbertanekKrakówWawel

Denn schützen kann es sich gegen die Waffe einer neuen Zeit ohnehin nicht mehr alleine, es braucht Kraków. In der friedlichen Zwischenzeit ist es eben schön, offen, leicht, in die Landschaft eingebettet, so sehr es das kann. Mehr als mit der trutzigen Kirchenburg, die es halb noch ist, hat es mit adligen Landsitzen gemein oder auch mit der riesigen historistischen Villa, die sich irgendein Industrieller im späten 19. Jahrhundert gegenüber am anderen Ufer der Wisła bauen ließ.

VillaKraków

Was an diesem Kloster zu sehen ist, ist ein architektonischer Fortschritt deutlichster Art, eine Verwandlung, ein Entpuppen, mithin etwas, was man jedem Ort wünschen kann.

Kraków Plaza

Wenn ein Einkaufszentrum explizit das Photographieren verbietet, weiß man, daß es ein Problem hat. Im Kraków Plaza ist dieses Verbot auf wohldesignten Schildern direkt neben denen, die das Rauchen verbieten, ausgedrückt und es hat das einzige Problem, das ein Einkaufszentrum haben kann: ihm fehlen die Kunden. Man merkt das nicht sofort nach dem Eintritt, aber man merkt sofort, daß etwas nicht stimmt. Das ganze riesige Einkaufszentrum ist menschenleer. Unweigerlich fragt man sich, ob man einen Feiertag übersehen hat oder es eine Bombendrohung gab. Nach und nach aber sieht man, daß durchaus einzelne Kunden durch die stillen Hallen huschen, daß auf Sofas Jugendliche mit ihren Handys herumhängen und daß viele Geschäfte geöffnet sind, allerdings bis auf die gelangweilten Verkäuferinnen menschenleer sind.

Dabei hat Kraków Plaza ein Gebäude, dem anzumerken ist, daß sich jemand, leider, etwas bei ihm gedacht hat. An der Aleja Pokoju zwischen dem Stadtzentrum und dem stalinistischen Vorort Nowa Huta gelegen, wendet er dieser eine gewellte Backsteinfassade mit runden Spielzeugtürmen zu, zeigt aber durch eine kleine Zugangsbrücke bei der Straßenbahnhaltestelle und einen künstlichen See ein gewisses Eingehen auf seine Umgebung.

KrakówPlazaAußen

Innen besteht es aus drei quadratischen Platzbereichen, die durch zwei breite Gänge verbunden sind. Sie öffnen sich jeweils über eine Galerie im zweiten Geschoß zu großen Glasdächern. Die entscheidende Idee nun, die jemand, leider, für dieses Einkaufszentrum hatte, zeigt sich in der Innengestaltung. Der erste Platz ist gotisch, Spitzbögen und ein Erker in der Galerie geben ihm sein Gepräge.

KrakówPlazaGotik

Der zweite Platz zeigt sich in Renaissanceformen und bildet mit Stadtwappen und Springbrunnen den Mittelpunkt von Kraków Plaza.

KrakówPlazaRenaissance

Beim dritten Platz, wo das Multikino und der Supermarkt sind, werden die angedeuteten Säulen blau mit silbernen Kapitellen und oben hängt ein Planetenmodell, was dem der, leider, diese Idee hatte, wohl futuristisch vorkommt. Da aber die Nachahmungen alter Stile nicht genug der Dekoration waren, hängen entlang der Erdgeschoßwände überdimensionierte Plastikfackeln. Das Bizarre an Kraków Plaza ist, daß seine Gotik und seine Renaissance nicht aus Stilfibeln stammen, sondern von einem lokalen Vorbild abgeleitet sind: der Sukiennice (Tuchhalle) auf dem Rynek Głowny, dem Hauptplatz der Altstadt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Die Ähnlichkeit läßt keinen Zweifel. Wieso es aber eine gute Idee sein sollte, die Sukiennice in einem Einkaufszentrum nachzuahmen, wenn jeder Kunde jederzeit einfach Original sehen kann, wird für immer in dem Kopf, der das, leider, erdacht hat, verborgen bleiben. Man kann ihm, immerhin, dafür dankbar sein, daß er so die Sukiennice als Vorgängerin der Einkaufszentren erkennbar macht.

Mit dem so eklatanten Mißerfolg des Kraków Plaza hat seine Architektur aber selbstverständlich nichts zu tun. Es war 2001 das erste die erste der großen Shopping Malls der Stadt. Schon der Name ist eher unglücklich gewählt, da Polen dabei leicht an plaża, Strand, denken. Letztlich war das Problem jedoch wohl die Lage. Direkt zwischen dem Zentrum und Nowa Huta zu sein, war zu Anfang vielleicht ein Vorteil, wurde aber zum großen Nachteil, seit drei größere Einkaufszentren näher am Zentrum entstanden. So steht Kraków Plaza heute als Denkmal seines eigenen Niedergangs, eine zukünftig leerstehende Shopping Mall, die bei Urban Explorers beliebt sein wird. Wer einmal eine Art postapokalyptisches Neo-Kraków erleben will oder einfach nur einen Ort der Ruhe und Stille sucht, der besuche Kraków Plaza, solange es noch offen ist.

Trakl in Kraków

Vor hundert Jahren starb der österreichische Dichter Georg Trakl. Er starb im polnischen Kraków, das damals zu Österreich gehörte, genauer gesagt im Garnisonsspital, dem heutigen Szpital Wojskowy (Militärkrankenhaus). Eine Gedenktafel erinnert daran.

GedenktafelTraklSzpitalWojskowyKraków

Er starb siebenundzwanzigjährig zu Beginn des ersten Weltkriegs, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte. Doch er nahm an ihm nicht als Soldat, sondern als Militärapotheker teil und er starb nicht an Kriegshandlungen.

Durchstreift man das Gelände im Herbst 2014, könnte man sich gar keinen passenderen Todesort vorstellen für einen Dichter, der von Verfall und daraus manchmal aufblitzender Schönheit schrieb und der als Apotheker selbst viel mit Krankheit zu tun hatte.

ZaunSzpitalWojskowyKraków

Kahle Mauern mit obeliskartigen Pfeilern oder Gitter mit rostender Jugendstilornamentik ringsum, alte Bäume, buntes Laub, bröckelnder Putz an den Jugendstilgebäuden.

SzpitalWojskowyKraków1

„Im Hof, verhext von milchigem Dämmerschein,/Durch Herbstgebräuntes weiche Kranke gleiten“ (Dämmerung), kann man hier leicht denken. Auch die wenigen An- und Umbauten aus der Zeit des polnischen Sozialismus, von denen auch schon der Putz blättert, und die halbabstrakten Skupturen stören nicht.

SzpitalWojskowyKraków2

Das einzige Kunstwerk aus der Entstehungszeit, ein Relief über einem Eingang, zeigt symbolisch die Heilung der Krankheit:

ReliefSzpitalWojskowyKraków

eine Frau wehrt die von links kommenden Schlangen ab und reicht dem rechts halbaufgestützten Kranken eine Schale zum Trinken. Vielleicht sah Trakl es, aber Symbolik half ihm nicht: er brachte sich in diesem Krankenhaus mit einer Überdosis Kokain um. „Strahlender Arme Erbarmen/Umfängt ein brechendes Herz“, zitiert die Gedenktafel auf Polnisch und Deutsch den „Gesang einer gefangenen Amsel (für Ludwig von Ficker)“ und alles ist wie aus einem Gedicht von Trakl.

Doch das ist ein Irrtum. Alles, was man heute so passend findet, konnte Trakl nicht sehen, da es gar nicht existierte. Vor hundert Jahren war das Spital erst wenige Jahre alt. Die Gitter glänzten, die Bäume waren vielleicht noch nicht einmal gepflanzt und der Putz war frisch. Auch der Jugendstil war noch nicht romantisch verklärt, sondern der semioffizielle Stil des österreichischen Staats. Nicht einmal einen Hof gibt es, da die Gebäude den damals neusten städtebaulichen Erkenntnissen entsprechend frei zwischen Grünflächen stehen. Das Garnisonsspital war ein nüchterner Neubau. Es war auch Teil der k.u.k.-Kriegsvorbereitung, wovon eindrücklich die Schienen, die bis weit ins Gelände hineinführen, zeugen.

SchienenSzpitalWojskowyKraków

Heute, in Zeiten des Autos und des relativen Friedens in Europa, läßt sich kaum noch verstehen, daß eine Zuganbindung für ein Militärkrankenhaus äußerst praktisch war. Im Herbst 1914, als die österreichisch-ungarischen Armeen in Galizien verheerende Niederlagen erlitten, kamen dort ganze Züge mit Verletzten an. Nicht malerischer Verfall, sondern menschliches Leid, das moderne Waffen verursacht hatten und moderne Medizin in modernen Gebäuden lindern sollte, herrschte damals am Rande von Kraków.

Auch Trakl kam mit dem Zug nach Kraków, aber er war keiner der Verletzten. Nur eine Schlacht erlebte er im September 1914 in Galizien, über die er das Gedicht „Gródek“ schrieb. Die weiteren Schilderungen seiner letzten Monate sind widersprüchlich. Sein Freund Ludwig von Ficker schrieb Jahrzehnte später, daß Trakl im Verlaufe dieser Schlacht völlig überfordert Schwerverletzten beistehen mußte und sich später umbringen wollte. Seine Ärzte in Kraków hingegen schrieben, er habe als Infanterist an die Front gewollt und selbst schrieb er in seinen letzten Briefen, froh zu sein, bald wieder in die Schlacht zu ziehen. Es stimmt vielleicht beides. Der Krieg verstärkte seine Stimmungsschwankungen, seine manisch-depressiven Zustände, bloß noch. Im Krankenhaus war er, weil sein Geisteszustand beobachtet werden sollte.

Auf eine ganz andere Art ist das Militärkrankenhaus von Kraków so doch wieder der passende Todesort für Trakl: es steht für die effiziente moderne Kriegsmaschinerie, an der seine romantische Vorstellungen von Heldentum scheiterten. Denn der Krieg hatte ihm das Andere bringen sollen, nach dem er sich in seinen Gedichten sehnt, und die „Länder, schönen, andern“ (Melancholie des Abends), die zu sehen er sich kurz vor Kriegsausbruch sogar bei der niederländischen Ostindien-Kompanie beworben hatte. Doch wie die Niederländer keinen Salzburger Möchtegern-Rimbaud brauchten, so war Trakl auch der k.u.k.-Armee als Apotheker viel nützlicher als durch den Heldentod. Im Militärskrankenhaus, während neben ihm andere an ihren Wunden starben, wählte er das Kokain. Er war so weniger ein Opfer des ersten Weltkriegs als ein Opfer seiner Zeit. Es sind die Schienen im Szpital Wojskowy in Kraków, heute überwuchert, die von unschuldigeren Opfern erzählen, denen niemand Gedenktafeln aufhängt.

Städte und Sprachen

Städte kann man lesen. Im übertragenen Sinne zum einen: sie sind wie Texte, die man verstehen lernen muß. Die meisten Städte aber sind Texte, die sich dem Verständnis eher entziehen als es zu fördern. Sie sind wie von unzähligen Generationen geschriebene Manuskripte, ein Wirrwarr von Handschriften und Revisionen, das nur zufällig mit der Erfindung des Buchdrucks einen Abschluß findet, ohne dadurch ein zusammenhängendes oder sinnvolles Ganzes zu sein. Sie können wie Rätsel erscheinen, haben aber keine Lösung. Man kann sie entziffern, ihre verschiedenen disparaten Teile in einen Zusammenhang bringen, aber nie endgültig verstehen. Nur wenige Städte lassen sich gleich bei der ersten Lektüre oder gar schon beim Überfliegen lesen wie ein Buch, weil eine Zeit oder eine gesellschaftliche Kraft sich in ihnen, ob geplant oder glücklichen Umständen geschuldet, in aller Klarheit und Schönheit ausdrücken konnte. Solche Städte können dann gar wie Gedichte sein, einige mit strengem Versmaß und Reimen, andere frei und assoziativ dahinfließend. Die besten Städte vielleicht sind Collagen, in denen alles Alte aufgehoben ist, während das Neue den Rahmen bildet.

Alle Städte aber müssen übersetzt werden, entweder aus früheren, fremd gewordenen Varianten der eigenen Sprache oder aus fremden Sprachen. Und hier wird das Lesen von Städten konkret: sie sind angefüllt mit Sprache. Am stärksten wirkt sicherlich die gesprochene Sprache ihrer Bewohner, aber auch an den kältesten Tagen in den abgelegensten Straßen, wenn kein Mensch zu sehen und keine Stimme zu hören ist, umgibt einen die Stadt mit nunmehr geschriebener Sprache. Sie ist in den Straßenschildern, in den Aufschriften der Geschäfte und in den Werbeplakaten, in den Gedenktafeln, in den Denkmalinschriften und in den Schmierereien an Wänden. Man muß daher die konkrete Sprache der Stadt lesen können, um je zu hoffen, in ihrer übertragenen Lektüre voranzukommen.

Ohne die Sprache kann man zwar die Straßen und Häuser sehen und sich vieles von ihnen sagen lassen, aber gerade das Einfachste und Direkteste, das, was sie durch ihre Aufschriften bereitwillig kundtun, wird einem entgehen. So braucht man etwa einige Kenntnisse der jeweiligen Grammatik, um zu sehen, daß eine Ulice Gorkého in der Tschechoslowakei oder eine Ulica Gorkog in Jugoslawien Gorki-Straßen sind, bei denen der russische Name mit der tschechischen beziehungsweise serbokroatischen Genitivendung versehen ist. Oder man muß die arabische Schrift lesen können, um zu bemerken, daß auf dem Schild des etwas surrealistisch benannten „Vereins für integrierte Pharaonen“ abseits des Viktor-Adler-Platzs in Wien بيت العرب, „arabisches Haus“, steht, was nicht ganz als Entsprechung zu „Haus Des Orıent“ verstanden werden kann.

Pharaonenverein

Und man muß sich in einem altmodischen Polnisch zurechtfinden, um auf einer Tafel in Kraków zu lesen:

„A. Wojczyńscy Małżonkowie postawili na tymże placu pustym 2950 Sążni □ wynoszącym figurę Boga Rodzicy ! oraz 10 roznych budynków od 1865. do 1867. roku.“

TafelWojczyńscy

„Die Eheleute A. Wojczyński erbauten auf diesem leeren 2950 Klafter □ umfassenden Platz von 1865 bis 1867 eine Figur der Mutter Gottes ! sowie 10 verschiedene Gebäude.“

Es geht hier also darum, daß ein Ehepaar in spekulativer Absicht in der Vorstadt von Kraków zehn Gebäude errichten ließ, klassizistisch angehauchte Mietshäuser wie das an der Ecke Józefa Szujskiego und Krupnicza, an dem die Tafel ist, offenbar.

JózefaSzujskiegoKrupnicza

Daß sie es aber für nötig befanden, zuerst eine Marienfigur „!“ zu erwähnen, ein Stück barock angehauchter Afterkunst, kann einem mehr über den polnischen Katholizismus und dessen Zentrum Kraków sagen als all die großen Kirchen der Stadt.

BogaRodzicaSzujskiego

Man mag diese Beispiele für banal halten, aber sie können doch zeigen, wie viel einem ohne die Sprache verborgen bliebe. Schmerzhafter erlebt man die Bedeutung der Sprache im Negativen, wenn man vor etwas steht, was einem die Stadt sagen will, aber es einfach nicht versteht. Mehr als ein Reise- oder Architekturführer hilft einem beim Lesen der Stadt ein Wörterbuch.