Archiv für den Monat Dezember 2019

Verliebt in Kaliningrad

Sofort auffällig ist in Kaliningrad die Menge an guter realistischer Kunst mit sozialistischem Anspruch, was eine Gemeinsamkeit mit der DDR  oder Ungarn und einen Unterschied zu Polen und erst recht der Tschechoslowakei darstellt. Im Schatten der Bäume des Parks, der die Stelle der Altstadt einnimmt, ist es leicht, sich in die aus weißem Stein gehauene Skulptur einer jungen Arbeiterin zu verlieben.

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Ihr Blick ist nachdenklich und ernst, ihr Haar hinten von einem Tuch zusammengehalten, ihr Hemd schlicht. Den linken Arm hält sie rechtwinklig vor dem Bauch und in ihrer linken Hand ruht der Ellenbogen ihres nach oben gefalteten rechten Arms, in dessen Hand sie einen kleinen Strauß Blumen an die Schulter hält. Auch diese Haltung ist nachdenklich und ernst, nicht abweisend oder einladend, eher so, als sehe man sie in einem privaten Moment nach einer Feier oder einem Rendezvous. Aber ihr Gesicht wie ihr Körper sind schön, auch wenn dieser nur bis kurz unter den Hüften reicht, wo er auf einer schmalen rechteckigen Sockelstele aus schwarzem Stein ruht. „Современница” (Zeitgenössin) lautet einer der Namen dieser 1973 von Valeria Semenowa geschaffene Skulptur.

Überhaupt haben viele der Skulpturen deutliche Sockel, was wiederum von einem gewissen Konservatismus zeugt. Auf einer niedrigen runden Stütze und einer quadratischen Platte steht auch die Bronzeplastik eines schlanken nackten Jungen mit ausgebreiteten Armen, von dem nach hinten wie nach vorne zwei den Körperformen entsprechende Hüllen schräg abfallen.

Er ist doch wohl der neue Mensch, gezeigt im Moment, da er die Hüllen des Alten absprengt und frei hervortritt.

Fast wird dieses 1980 entstandene Werk von Zinaida Romanowa dadurch geschmälert, wenn man seinen nichtssagenden Titel „Мир без войны” (Welt ohne Krieg) kennt. Aber so wie sie ist, nicht wie sie heißt, könnte die Plastik zugleich eine Personifizierung von Kaliningrad sein, das sich recht konsequent von allem Alten befreit hat. Wie um das zu betonen, landete, als ich dort stand, eine schöne Taube mit schwarz-weiß gesprenkeltem Kopf und schwarz-weißem Gefieder auf der vorderen der Hüllen.

Turiner Einzelheiten: Blau

Auffällige und beeindruckende Bauten, halbwegs hohe auch, gibt es in den Weiten von Turin viele. Etwa dieses zehngeschossige und 1970 errichtete Wohngebäude an der Corso Dante (Dante-Allee), die dann auf einer Brücke über die Gleislandschaft hinter dem Bahnhof Porta Nuova führt. Seine Fassade besteht ganz aus Balkonen und einem Rautenmuster aus Betonstreben und -balken. Vor jedem Balkon bildet ein Betonbalken den Handlauf des darunter verglasten Geländers und ein weiterer verläuft oben in entsprechendem Abstand von der Geschoßdecke, während vertikale Streben sie links und rechts in kleinem Abstand von den Balkonecken kreuzen.

Daß diese regelmäßige Struktur nie langweilig wird, liegt zum einen daran, daß mal mehrere der Rautenbalkone zusammengefügt und mal Abstände zwischen ihnen sind, was tiefe vertikale Furchen auf die Fassade zeichnet, und zum anderen daran, daß in den unteren vier Geschossen über den Läden im Erdgeschoß nur im breiten Mittelteil Balkone sind und die Wandflächen daneben nach hinten schräg verlaufen.

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So ist das Gebäude in den oberen fünf Geschossen weit breiter als unten und bekommt eine gewisse unwahrscheinliche Leichtigkeit, was viel zu seiner straßenprägenden Wirkung beiträgt. Noch wichtiger ist aber vielleicht, daß seine typisch italienischen Rolläden einen kräftigen Blauton haben. Wiewohl alle eigentlich baulichen Elemente weiß, grau oder transparent sind, nimmt man das Gebäude als ein blaues wahr und wenn man denn einen Grund hätte, es zu beschreiben, würde man es das blaue Hochhaus am Corso Dante nennen.

Ansonsten ist auch diese Gebäude im chaotisch gefüllten regelmäßigen Straßenraster Turins wie gehabt Teil der Blockrandbebauung. Links daneben ist in der abzweigenden Via Tommaso Grossi (Tommaso-Grossi-Straße) ein fünfgeschossiger Gebäudeteil mit weniger markanten, in Betonstreben aufgehängten Balkonen, der an die nächsten Gebäude anschließt.

An der anderen, über eine Hinterhoflandschaft zu erahnenden Seite hat es einfache Fenster-, Balkon- und Treppenhausöffnungen, von denen man bestenfalls dank der blauen Rolläden und den hier hinzutretenden blauen Markisen erkennen würde, daß sie zum selben Gebäude gehören.

Das Auffällige und Beeindruckende erschöpft sich in der werbeträchtigen Fassade zur großen Straße.

Dörfliche Weihnacht

Der schönste Weihnachtsbaum von Gdańsk steht natürlich in Przymorze. Man findet ihn genauer gesagt etwa auf der halben Länge der Jagiellońska (Jagiellonischen Straße). Wenn man abends vor den Geschäften an der Straße entlang und auf die lichtergeschmückte Tanne zugeht, während jenseits der Straße der spitze Turm der für polnische Verhältnisse kleinen Kirche hinzukommt, kann man sich leicht wie in einem Dorf zur Weihnachtszeit fühlen.

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Aber auch am Tag, besonders, wenn es geschneit hat oder ein fliegender Händler unter Einbeziehung des Straßenhandel verbietenden Schilds den neuesten Weihnachtskitsch verkauft, kommt die dörfliche Weihnachtsstimmung leicht auf.

„Straßenhandel verboten ! Privatgrundstück Wohnungsgenossenschaft ‚Przymorze'“

Denn es ist ja eine Art von Dorf, durch das man geht. Da ist die Hauptstraße mit Biedronka-Discountsupermarkt, Café, Bankfilialen, Bäcker, kleineren Lebensmittelläden, Bar Mleczny (Schnellrestaurant), Goldschmied/Uhrmacher/Pfandleiher, Wäscherei, Apotheke und Bibliothek auf der einen und Schulen und Poliklinik auf der anderen Seite. Da ist die Kirche. Da ist der zentrale Platz mit dem Weihnachtsbaum und der Bushaltestelle. Bloß wohnen die bis zu fünftausend Einwohner dieses Dorfs nicht in verstreuten Einfamilienhäusern, sondern im elfgeschossigen Falowiec (Wellenhaus), der sich als der mit etwa 800 Metern zweitlängste seiner Art hinter den niedrigen Ladenbauten mäandernd an der Straße erstreckt.

Und dieses Dorf ist nicht irgendwo auf dem Land gelegen, sondern Teil des großen Wohngebiets Przymorze, das wiederum Teil von Gdańsk und mit diesem Teil der Trójmiasto (Dreistadt) ist. So führt durch den Platz, quer zur Straße, in die eine Richtung unter dem Falowiec hindurch und in die andere Richtung an der Kirche vorbei in niedrigere Wohnbebauung hinein, ein großzügiger Fußgängerboulevard, wie ihn kein Dorf kennt. Ihn gehend eröffnen sich weitere Blicke auf den Weihnachtsbaum, dem man sich entweder langsam nähert oder den man nach der Durchquerung des Falowiec plötzlich vor sich hat.

Doch wie das Dorf also nicht nur ein Dorf ist, so ist auch der Weihnachtsbaum mehr, denn er steht das gesamte Jahr über in seinem runden Hochbeet auf dem offenen Platz. In der Weihnachtszeit, einen Monat pro Jahr, kann der Baum leuchten und wird mit seinem Schmuck zum Weihnachtsbaum, aber das ist nur eine Aufgabe, die er zur Freude aller übernimmt, nicht sein Existenzzweck.

In Dörfern wie diesem und mit Weihnachtsbäumen wie diesem läßt es sich gut aushalten.

Der einsame Löwe

Oberhalb des steilen Hangs über einem Bogen der Lužnice und am Rande der Táborer Altstadt steht ein Verwaltungsgebäude aus dem Jahre 1931.

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Sein Hauptteil hat drei Geschosse auf einem halb versenkten Kellergeschoß und ein sehr leicht überstehendes Dach, das man erst aus größerer Entfernung als Walmdach erkennt. In der Mitte ist es weiß verputzt und schmucklos, bloß das Kellergeschoß hat eine Verkleidung aus Kacheln in einem dunklen Gelbton und Streifen dieser Verkleidung verlaufen auch unterhalb des dritten Geschosses und des Dachs. Weitere gelb verkleidete Flächen an den Seiten haben im dritten Geschoß keine Fenster, aber eine mittig vorgehängte Fahnenstange ragt bis zwischen die beiden Fenster im zweiten Geschoß, vor dem außerdem ein weißer Balkon ist. An diese schließen seitlich schmale Bauteile mit derselben Kachelverkleidung an, die kein ganzes Geschoß niedriger und leicht nach vorne versetzt sind, rechts etwas weiter als links. Dadurch, daß sie nur im unteren Geschoß Fenster haben, wird die absteigende und monolithische Wirkung der Seiten zusätzlich unterstützt.

Das Gebäude erreicht mit ganz einfachen Mitteln eine eigentümliche Wirkung, die nicht historistisch oder monumental, aber auch nicht sachlich oder modern ist. Wenn überhaupt könnte man es mit unklar Fernöstlichem oder Werken von Frank Lloyd Wright, die davon inspiriert waren, vergleichen. Dazu paßt auch die Eingangssituation. Das Gebäude steht hinter einer leicht abfallenden Wiese mit niedrigem roten Metallzaun aus offenen horizontalen Rechtecken. Vor der Treppe, die zum leicht vorgesetzten und mit unauffälligem Vordach rechts beim Ansatz des Seitenteils angeordneten Eingang führt, ist links ein grauverkleideter Sockel und rechts ein rotes Tor aus demselben roten Metall wie der Zaun, aber mit beinahe quadratischem Raster. Später erst wurde die Symmetrie des Gebäudes dadurch vergrößert, das links an der entsprechenden Stelle ein zweiter Zugang mit rotem Tor, der offenbar in ein Kellergeschoß führt, und rechts neben ihm der überdachte Unterstand einer Bushaltestelle hinzugefügt wurden.

Noch vor dem Gebäude sieht man jedoch unzweifelhaft seinen Löwen.

Er steht wie im Sprung auf dem Sockel beim Eingang, die Hinterpfoten auf dessen Fläche und die Vorderpfoten wie den Kopf auf einer quadratischen Steinwand, die den Sockel zur Straße hin abschließt, so daß sein ausgestreckter Körper den Boden kaum berührt. Es ist ein weiblicher Löwe und sein Rachen ist wie zum Brüllen oder Zubeißen aufgerissen. Er wirkt bedrohlich und soll so wirken, aber die Bedrohlichkeit geht ins Leere.

Durch die Lage oberhalb des Hangs kommt man immer seitlich auf den Löwen zu, doch er richtet sich nach vorne, woher zu kommen unmöglich ist. Kommt man hingegen aus dem Eingang, scheint der Löwe ins weite Umland  springen zu wollen, wo jedoch außer einigen ländlichen Teilen von Tábor am anderen Ufer der Lužnice und Feldern und Wiesen nichts ist.

Gedacht ist der Táborer Löwe als symbolischer Beschützer des Wappens auf der Fläche vor ihm. Während sein steinerner Körper so unverwüstlich fest steht wie 1931, als ihn der Bildhauer Josef Matějů schuf, wechselte das Wappen schon mehrfach. Ursprünglich war es sicher das gekrönte tschechische Löwenmännchen der ersten tschechoslowakischen Republik mit dem slowakischen Doppelkreuz im Brustfeld, später vermutlich der kronenfreie Löwe mit fünfzackigem Stern über dem Kopf und dem neuen säkularen slowakischen Wappen, das nun Berge und eine Flamme zeigte, auf der Brust.

Vielleicht jenes Wappenschild der sozialistischen Tschechoslowakei, das in der Vodní (Wasserstraße) als Maskottchen der Pivnice u zlatého lva (Bierkeller zum goldenen Löwen) an einer Wand lehnt?

Was auch immer er vom Sozialismus hielt, mit dem mickrigen Wappen der Tschechischen Republik, das er heute unter den Pfoten hat, kann der Löwe kaum glücklich sein.

Ohne Partnerlöwen auf dem Wappen, ohne Jemanden zum Bedrohen und ohnedies unbeachtet, denn die Straße am Hang dient vor allem dem Autoverkehr, während die Fußgänger die verwinkelten Gassen der Altstadt bevorzugen, muß der Löwe recht einsam sein und ein Státní okresní archiv (Staatliches Kreisarchiv), wie es in dem Gebäude heute sitzt, zu bewachen ist auch nicht dasselbe wie ein Okresní úřad (Kreisamt), als das es errichtet wurde.

Löwe wie Gebäude zeigen wieder einmal, wie wichtig, wie entscheidend, die Lage ist. Am Ende einer Achse oder an einem Platz könnte das Gebäude seine asiatisch-Wright’sche Eleganz viel besser entfalten und der Löwe könnte viel furchteinflößender drohen. So schlimm wie die verwandten wappenbeschützenden Löwen in Bratislava wäre er aber nie, da dort das gesamte Gebäude auf den Betrachter einschlagen will und die Löwen nur seine brutalste Waffe sind (sein Streitkolben, um es in hussitischen Begriffe zu fassen), während das Gebäude hier so harmonisch und unmartialisch ist, daß man es sich eigentlich nur zwischen immerwährenden Kirschblüten vorstellen kann. Ein Glück dennoch, daß sie so einsam am Rande stehen, es macht den Löwen sympathischer und schadet dem Gebäude kaum.

Ein Rätsel aus Beton (und seine Lösung)

Die Stadt als unerschöpfliches Rätselheft ohne hinten nachzuschlagende Lösungen.

Die Stadt: Eine stille Gegend an einem Rande von Gdańsk, wo Mietskasernen und Bebauung aus der Zwischenkriegszeit auf Industriegelände treffen, nicht weniger abgelegen dadurch, daß man entlang des Angielska Grobla (Englischen Damms) in der Ferne das Żuraw (Krantor) in der Altstadt und entlang des Długa Grobla (Langen Damms) das Brama Żuławska (Żuławer Tor), das die einstige Ausdehnung der Festungsanlagen markiert, sieht.

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Ein Gebäude des Industriegeländes, das aber der Abschluß älterer Gebäude am Angielska Grobla ist und zu einer Art Platz im Kreuzungspunkt der Straßen zeigt.

Der linke dreigeschossige Teil ist aus Backstein und unauffällig, ein Industriebau unklarer und unwichtiger Herkunft eben. Aber etwas rechts der Mitte ragt  aus dem Obergeschoß ein halbrunder Erker, der wie ein Türmchen noch höher als das Dach wird – und er ist aus Beton. Auf der dünnen Betonfläche seines Bodens stehen Betonstreben, zwischen denen nur unten etwas Backstein ist, darüber aber Glas.

Völlig aus Beton ist auch der offene rechte Teil des Gebäudes.

Zwei parallele eckige Betonstützen links und weiter rechts zwei parallele schräge Stützenpaare, deren Stützen unten weiter auseinander stehen als oben, tragen ein dünnes Dach, das nach rechts freischwebend noch über das Gebäude hinausragt. Um die äußere rechte schräge Stütze windet sich eine Treppe nach oben. Sie beginnt außen links neben der Stütze, erreicht rechts auf halber Geschoßhöhe eine halbrund abgeschlossene Plattform, die nur von zwei Querstreben getragen wird, und führt innen zwischen den Stützen weiter nach links zu einer entsprechenden Plattform im zweiten Geschoß, die auf einem Raum im Erdgeschoß aufliegt, das aber nicht müßte. Das wiederholt sich zwischen diesem und dem dritten Geschoß, wo eine durchgehende Fläche und eine nach rechts überstehende Plattform sind.

Die Treppe wie die Flächen haben stählerne Geländer mit Pfosten aus zwei parallel nebeneinanderstehenden und zueinander leicht abgeschrägten runden Teilen, in denen oben runde Handläufe und unten ein entsprechendes rundes Band sind. Hinzu kommen flache schmale Stahlstreifen, unten drei, mit etwas Abstand ein weiterer.

Und das ist alles. Der Beton bildet wirklich nur Flächen, Stützen, Treppen und Streben, der Stahl bildet wirklich nur das Geländer. Der rechte Teil des Gebäudes ist somit völlig offen und wirkt völlig schwebend. Obwohl offen ablesbar ist, was trägt, scheint alles schwerelos.

Das Rätsel: Welchem Zweck könnte diese Konstruktion gedient haben und aus welcher Zeit könnte sie sein?

Gehört der Beton rechts überhaupt ursprünglich zum Backstein links? Den Übergang bildet der Erker, aber er gibt keine Antworten. Was könnte der Zweck sein? Die Konstruktion wirkt gänzlich technisch und funktional. Vermutlich erlaubte die breite Treppe auch, Waren schneller in die oberen Stockwerke zu tragen, aber ist die Konstruktion dafür nicht viel zu aufwendig, wäre ein Aufzug nicht sinnvoller? Wiewohl technisch und funktional ist der Betonteil doch an einer nach außen zeigenden Stelle und das Geländer ist bei aller Einfachheit doch so aufwendig, daß man es repräsentativ nennen könnte. Aber Eingang oder Schauseite ist hier wiederum ebenfalls nicht. Vielleicht eine Reklame, ostentative Modernität, um eine Firme zu bewerben?

Weil der Zweck so unklar bleibt, fällt auch die zeitliche Einordnung so schwer. Zwanziger, dreißiger Jahre vielleicht, Freie Stadt? Oder doch fünfziger, sechziger Jahre, Volkspolen? Das Problem ist, daß es aus keiner Zeit etwas auch nur entfernt Ähnliches gibt. Wenn die Konstruktion noch älter wäre, verdiente sie eine Erwähnung in Architekturgeschichtsbüchern. Äußerst ungewöhnlich ist sie auf jeden Fall.

Klar ist einzig, wie zeitlos schön dieses Bauwerk ist. Inmitten von Backstein und Putz ist der rohe Beton das Andere und Neue. So wenig sein Zweck ersichtlich ist, so offensichtlich sind die Möglichkeiten, die diese Bauweise eröffnet. Es erging dem Betonteil zudem besser als den verfallenden älteren Gebäude am Angielska Grobla. Zwar ist auch sein Geländer teils verborgen und auch auf seinem Dach wächst eine Birke, aber die Konstruktion ist so vollständig wie am ersten Tag und wird es wohl noch lange bleiben.

In Falle dieses städtischen Rätsels bietet das Internet glücklicherweise schnell eine Lösung, auch wenn sie unwahrscheinlich klingt.

Die Lösung: Die Betonkonstruktion war der Ausgang eines Kinos und stammt aus den Sechzigern. Das Industriegelände wurde 1894 als Städtischer Schlachthof erbaut und später zu den Zakłady Mięsne w Gdańsku (Fleischbetrieben in Gdańsk), die in einem Flügel ihrer kaiserzeitlichen Backsteinbauten das Kino Związku Zawodowego Pracowników Przemysłu Mięsnego (Kino der Gewerkschaft der Beschäftigten der Fleischindustrie) „Piast“, kurz Kino Piast, einrichteten. Während im Erdgeschoß neben Büros die Bibliothek und im zweiten Geschoß die Kantine waren, befand sich das Kino im dritten Geschoß und der Betonerker gehörte zum Projektionsraum.

Der Eingang für die Allgemeinheit war am Angielska Grobla und für die Arbeiter des Betriebs von dessen Gelände. Der rückwärtige Ausgang samt der Betonkonstruktion wurde auch deshalb gebaut, damit niemand einerseits für mehrere Vorstellungen im Saal bleiben und andererseits auf das Betriebsgelände gelangen konnte.

Fast kann man sich vorstellen, wie des Abends die Besucher aus dem Saal des Kino Piast die Betonstufen der Treppe hinabgingen, wie die einen sich Zigaretten anzündeten, die anderen noch der Filmhandlung nachsannen, wie Paare eine Weile an die Stahlgeländer gelehnt auf der schwebenden Plattform verharrten, während ein leichter Fleischgeruch in der Luft lag.

Aber nur fast. Ein Kino, ob in Betrieb oder nicht, das ist entweder sein spezifisches Gebäude oder, eher noch, seine Leuchtreklame mit seinem Namen. Die Reklame fehlt hier und der Betonbau hat nichts, was eher an ein Kino als einen Schlachthof denken ließe.

Anfang der Neunziger wurde mit dem Betrieb auch das Kino Piast stillgelegt. Das einstige Schlachthofgelände geriet in den Besitz einer spanischen Firma, die darauf wartete, daß die denkmalgeschützteren Bauten, die am Angielska Grobla eine Art Tor bilden, einstürzen, was auch halb geschah.

Vor kurzem verkündete ein neuer Investor aufwendige Pläne für eine Wohnanlage, in die auch die  backsteinernen Eingangsgebäude wiederum integriert werden sollen. Was tatsächlich kommt, bleibt abzusehen, und ob für den Betonvorbau des einstigen Kinoausgangs darin Platz sein wird, auch.

Gegenwärtig zumindest ist der Beton das Wichtigste, was vom Schlachthof blieb. Als ungelöstes Rätsel ließ er träumen, wie einst das unwahrscheinliche Kino, das die traumhafte Lösung des Rätsel ist, und schön bleibt er auch als gelöstes Rätsel.

Branná

Branná in Nordmähren ist einer der Orte, die ihre Entstehung ganz ihrem Herrschersitz verdanken. Mit dem Schloß Kolštejn liegt er auf einem schmalen Felsenrücken in der Spitze zwischen dem engen Tal der Branná und einem zweiten Tal, zu dem vom Bahnhof her noch immer nur zwei steile Treppenwege führen. Von unten sieht man vom Schloß nur Felsen oder graue und weiße Mauern, aber auch das nur, wenn man genau hinschaut, noch eher sieht man nichts.

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Wenn man aber die ältere der Treppen hinaufgeht, sind es statt des Schlosses zwei weiße Türme, mit denen der Ort einen empfängt. Rechts ist es ein erst quadratischer, dann achteckiger Turm mit schwarzer Kuppelhaube, der aus dem hohen Walmdach eines zweigeschossigen Gebäudes erwächst.

Links ist es der Kirchturm, dessen unterer Teil auffällig deutlich in Geschosse mit rechteckigen Fenstern gegliedert ist, was wie das 1612 gebaute Portal noch Renaissanceeinflüsse verrät, während der obere Teil mit Rundbögen und hoher Zwiebelhaube, in die die Uhren halb hineinragen, völlig barock ist.

Zwischen den Türmen, aber noch immer deutlich unterhalb der Ebene des Orts, spannt sich ein einfacher Torbogen. Eher als der Verteidigung oder auch nur Repräsentation diente er dazu, das unscheinbare Pfarrhaus rechts mit dem Kirchenplateaus links zu verbinden.

Erst nach einem weiteren, nicht mehr so steilen Stück der Treppe öffnet sich vor einem der lange schmale Platz und nach rechts ein Blick zum Schloß, das sich dem Ort als großer Renaissancebau mit aufgemalter weißer Steinstruktur zeigt, aber noch durch einen überbrückten Graben abgegrenzt ist.

Das Gebäude mit dem Turm leitet vom Platz zum Schloß über, wodurch es seltsam schräg zu allem anderen zu stehen scheint und noch weiter hervorgehoben ist.

Es hat eine sehr regelmäßige Fensterstruktur, einen wie die Fenster mit Sandstein gerahmten Eingang in der Mitte unter dem Turm und daneben rechts im Erdgeschoß als einzigen Bruch der Symmetrie zwei große Rundbögen. Dieser schnörkellose Bau aus der Renaissance wurde von folgenden Zeiten auf glückliche Weise ergänzt, um ihm seine heutige Einheitlichkeit zu geben.

Seine einstige Funktion wäre nicht mehr zu erkennen, da es eine eher selten mit einem eigenen Bauwerk versehene ist: es war eine Vogtei, also ein Verwaltungssitz des örtlichen Fürsten. Die beiden Rundbögen haben große Glasflächen, Schaufenster, was einen geschickten und selbstbewußten Eingriff darstellt, der zeigt, wie erstaunlich gut sich die radikalsten Renaissancegebäude mit fortschrittlicher Architektur verbinden lassen. Heute steht das Gebäude leer.

Die Kirche bildet die eigentliche Grundseite des Platzes. Sie hat hinter dem Turm ein hohes Langhaus mit breiten Strebepfeilern und breiten spitzbögigen Fenstern, die aber nicht bis nach oben führen, sondern dort von runden Fenstern abgelöst werden.

Das ist ein weiterer Hinweis darauf, daß auch dieser Teil der Kirche aus der Renaissance, die die gotischen Baumethoden für ihre Zwecke benutzte, stammt. Erbaut wurde sie sogar als protestantische Kirche, wurde im Zuge der Gegenreformation aber schon bald katholisch.

Um den zum Platz zeigenden Abschluß der Kirche konzentriert sich die ältere Kunst von Branná. In einer Nische steht ein barocker Johannes von Nepomuk mit um die Arme weit offen fallendem Gewand, den heute ein Stahlgerüst vorm Umstürzen schützt.

Links daneben, in der Ecke  zwischen Platz und Schloß, wurden, vermutlich im 19. Jahrhundert, zwischen die Strebepfeiler gleich aufwendige Dioramen eingebaut. Beide sind neu verglast, was die Betrachtung schwer und das Photographieren fast unmöglich macht.

Von dem linken Diorama blieb nur das Hintergrundbild, das eine antike Stadt mit Mauer und Tempel, vielleicht Jerusalem, zeigt, während der Boden noch vor kurzem mit Kletterpflanzen bewachsen war.

Im rechten Diorama ist eine Szene in einer, vielleicht derselben, Stadt gezeigt, links eine Menschenmenge, römische Soldaten und Bürger, in der Mitte Gebäude und rechts, auch um die Ecke, Pflanzen, Palmen. Hier verblieben davor ansteigender Boden, dessen Stuckstruktur schon zum Vorschein kommt, und einige Figuren.

Rechts und nach dort gewandt kniet eine betende Figur, Jesus wohl, links hingegen liegen drei schlafende Figuren, Jünger wohl. Unweigerlich fühlt man sich den Schlafenden näher, denn Jesus sieht man oft, schlafende Jünger aber seltener, und überdies ist Schlaf weit angenehmer als Gebet.

Und ein wenig verschlafen kann auch Branná wirken.

Den Platz, der links eine Grünfläche und rechts Straßen- und Parkplatzbereiche hat, rahmen heute nur noch sieben meist zweigeschossige Häuser, von denen drei zu einem „Wellness Hotel“ gehören.

Beim Ende der Grünanlage steht in einem großen quadratischen Betonbecken eine gußeiserne Brunnenplastik aus einer ornamentalen Stele und einem runden Becken, in dem wiederum eine halbnackte Frau, die auf der Schulter eine Amphore mit einer Art kleinere Version des Beckens trägt, steht.

Dieser Beitrag des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts wird höchstens als Beispiel der Industrialisierung der Kunst interessant, wenn man weiß, daß in Osoblaha ein sehr ähnlicher Brunnen steht und es sicher noch weitere gibt oder gab.  Dominiert wird der Platz jedoch vom Rathaus, das an seinem Ende rechts der weiterführenden Straße steht.

Dieser zweigeschossige historistische Bau von „1905-6“ mit Neorenaissancegiebel rechts und neogotischem Turm links wäre besser nie errichtet worden, aber er ist immerhin nicht so groß wie ähnliche Gebäude in größeren Orten und paßt durchaus gut an seine Stelle. Vor dem Rathaus stehen in einer zweiten Grünanlage auf einer runden Fläche drei flache Steine, die zu einem gemeinsamen Mittelpunkt halbrunde Öffnungen haben, als umschrieben sie eine unsichtbare Kugel.

Auch dieser künstlerische Beitrag des Sozialismus ist wenig originell oder sozialistisch, aber wertvoll ist die terrassenartige Grünanlage selbst, die an der Stelle von Häusern geschaffen wurde und den Blick vom Platz hinaus zum Schloß und in die bewaldeten Hänge des Jeseníky-Gebirges öffnet.

Das ist Branná für diejenigen, die das Alte, was auch immer das heißt, suchen, aber es ist selbstverständlich mehr.

Direkt hinter dem Rathaus ist eine Filiale der Genossenschaftskaufhalle coop Jednota in einem Flachbau mit schmalem Vordach auf Pfeilern, die nach oben schräg aus der Wand treten.

Etwas weiter entlang der Straße sieht es aus wie in einem beliebigen Dorf der Gegend, von Branná keine Spur mehr. Noch etwas weiter ist ein kleines, sehr kleines Wohngebiet aus der sozialistischen Zeit. Rechts einige dreigeschossige Gebäude mit und ohne holzverkleidete Satteldächer, links hinter einer Grünfläche mit Spielgeräten zweieinhalbgeschossige Gebäude mit asymmetrischen Satteldächern und breiten Balkonen, wie sie auch im ländlichen Westdeutschland nicht fehl am Platz wären, dort aber hinter Zäunen.

Hier ist man bereits höher als das Ortszentrum, das nun ein vieltürmiges Panorama bildet. Bevor der Ort an der Landstraße, über die er einzig ohne größere Steigung zu erreichen ist, endet, kommt noch der Friedhof. Weiterhin gibt es eine einzige Parallelstraße rechts der beschriebenen, die gerade Richtung Schloß und Zentrum abfällt, und einzelne Häuser im Tal am Fuße des Hügels.

Das ist Branná für diejenigen, die es wirklich kennen wollen.

Das Schloß ist für den Ort, wie man sah, gar nicht so wichtig. Kirche und Vogtei mögen vom Platz zum Schloß überleiten, aber Mittelpunkt ist jener, nicht dieses. Gewiß ist Branná ein wenig verschlafen, doch durch seine Kompaktheit, die alles Leben, fast auch alle Bebauung,  um den Platz konzentriert, eher weniger als vergleichbare Orte. Eher scheinen die drei Schlafenden aus dem Diorama zu sagen, daß hier ein guter Ort zum Schlafen ist, ob nun wie sie neben der Kirche oder im Hotel. Vor dem Schloß verschließen sie die Augen und sähen es auch bei geöffneten nicht, da es eben nicht wichtig ist.

Einzig die Maria auf der Säule 1663 mit dem winzigen ionischen Kapitell, die einen ausgemergelten toten Jesus im Arm und ein Schwert im Herzen hat, rückte ihren Stuhl so, daß sie von hinter der Kirche zum Schloß blickt.

Oder geht es ihr um die dort aufgehende Sonne?

Branná jedenfalls verdankt seine Entstehung dem Herrschersitz, aber leben kann es gut, sogar besser, ohne ihn.

 

Paläste und Palasthaftigkeit in Gdynia

Daß Gdynia erst ab 1926 erbaut wurde, heißt leider nicht, daß dort nicht versucht wurde, Paläste zu bauen. Nach den in die Blockrandbebauung gepreßten manchmal historistischen und oft modernistischen Wohn- und Bürogebäuden der Zwischenkriegszeit, die sich gewiß gerne als Paläste sahen, war es, wie in den anderen sozialistischen Staaten auch, das kurze stalinistische Intermezzo der frühen Fünfziger, das sich entschieden um „Palasthaftigkeit“ (Karel Teige) bemühte.

Der stalinistische Teil von Gdynia ist glücklicherweise recht klein und völlig unscheinbar. Er besteht aus einigen Straßen, die parallel zu den Bahngleisen und der großen Aleja Wyzwolenia (Allee der Befreiung) verlaufen und sich etwas den Hang des Wzgórze Nowotki (Nowotko-Hügel, heute Wzgórze Św. Maksymiliana [Hügel des heiligen Maximilian]) hinaufziehen. Es sind unten sechsgeschossige Gebäude, weiter oben niedrigere, allesamt freistehend in großzügigen Grünflächen und mit nur leichter stalinesker Ornamentik.

Bald nach dem stadtseitigen Beginn der Bebauung versteckt sich ein Gebäude, das wohl das Zentrum sein will. Es steht etwas höher am Hang und hat in der Mitte einen zwei Geschosse hohen Durchgang mit eckigen Stützen, zu dem eine breite Treppe hinaufführt. Vor den Teilen beidseits davon sind breite Terrassenebenen, unter denen zur Straße hin zwischen Stützen Garagen sind.

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Hier ist alles um Monumentalität und Palasthaftigkeit bemüht. Das Gebäude hat zwar nur sechs Geschosse, wirkt aber viel höher, da die ersten beiden als Sockel mit Steinstruktur oder Durchgang mit Säulen gestaltet sind und da es höher am Hang steht. Man geht zu ihm hinauf wie zu einem Schloß oder einem Tempel und wird von der Architektur entsprechend eingeschüchtert. Allerdings hat die Monumentalität letztlich keinen Adressaten, da die Fassade über eine Grünanlage hinweg bloß zur Aleja Wyzwolenia und der Bahnstrecke zeigt. Niemand außer wenigen Fußgängern kommt je gerade auf sie zu und es ist schwer vorstellbar, daß die stalinistische Stadtplanung etwas anderes vorsah, weil jenseits von Straße und Bahn bald bloß ein Hügel folgt.

Die städtebaulich ungünstige Lage ist aus fortschrittlicher Sicht ein Glück, doch nicht einmal in sich das Gebäude gelungen. Auf die Terrassen, die auf derselben Höhe wie der Durchgang sind, kommt man von diesem nicht etwa ebenerdig, sondern weiter unten auf der Treppe über abzweigende Treppen.

Statt zu verbinden, trennen die Terrassen. Sogar abgesehen von seinen monumentalen stalinistischen Formen ist das Gebäude schlichtweg schlechte Architektur, was umso trauriger ist, wenn man um die erstaunlichen Höhen, die die fortschrittliche Architektur Gdynias am Vorabend des Kriegs ganz in der Nähe erreicht hatte, weiß.

Nachdem auch Gdynia Mitte der Fünfziger wieder von der stalinistischen Architektur abgekommen war, wurde nicht mehr versucht, Paläste zu bauen oder aber jedes Gebäude wurde im Le Corbusier’schen Sinne zum Palast. Und dann gibt es noch ein kleines Verwaltungsgebäude in der Einfamilienhausgegend von Redłowo, das man schwer sehen kann, ohne an einen Palast zu denken.

Es hat in recht weitem Abstand zueinander zwei zweigeschossige Trakte quer zur Legionów (Legionenstraße), die aus einfachen, beinahe provisorischen Betonfertigteilen bestehen. Die zur Straße zeigenden Schmalseiten sind etwas höhergeführt und haben in der Mitte die Gangfenster. An den Breitseiten sind lange horizontale Fenster, die durch dunkles Holz weiter zu Bändern verbunden sind. Zwischen den beiden Quertrakten ist bei ihren von der Straße entfernten Enden ein ebenfalls zweigeschossiger Trakt mit schmalen vertikalen Fensterschlitzen, die in beiden Geschossen leicht versetzt angeordnet sind. Wie man an den Seiten sieht, besteht er aus weißem Mauerwerk. Vor diesem Trakt ist etwas nach links der Mitte versetzt ein Eingangsbau, der von Weitem flach wirkt, tatsächlich aber noch ein Untergeschoß hat, da der Bereich zwischen den Quertrakten vertieft ist.

Zum Eingang in der Mitte führt über den Graben eine breite und etwas ansteigende Brücke, aufgehängt an beiden Seiten in großen A-förmigen Stützen, die auch das erst gerade, dann leicht schräg nach oben verlaufende Vordach tragen.

Was man hier sieht, ist eine mit einfachsten Mitteln geschaffene dreiflüglige Anlage wie bei einem barocken Schloß oder Palast. Auf typisch barocke Art sucht alles an dem Gebäude den Blick auf die Mitte zu lenken, wo vor dem Eingang sein einzig expressives, aber dennoch funktionales Element – Brücke, Stützen und Vordach – ist, Ehrenhof und Skulptur in einem. Ganz anders wäre die Wirkung des Gebäudes vielleicht, wenn es frei stünde, da hinter ihm kein ausgedehnter Park, sondern in der Mitte und rechts zwei weitere Quertrakte, die den übrigen entsprechen, anschließen.

Monumentalität oder Palasthaftigkeit fehlen dem Gebäude völlig und doch ist es weit mehr ein Palast als das traurige stalinistische Gebäude, das so gerne einer wäre. Während die Architekten dort vom Palast ein paar äußere einschüchternde Elemente übernahmen, reduzierten sie ihn hier auf das Wesentliche seiner Struktur. Daß sie nicht wußten, was sie taten, ist äußerst schwer vorstellbar, aber zugleich nicht wichtig, denn das Gebäude braucht keine Bezüge auf Barock, Paläste, was immer, um gelungen zu sein. Es ist ein Palast nur nebenbei und zuerst eine funktionale Lösung für ein architektonisches Problem.

Was man hier weiterhin sieht, ist ein vielleicht spezifisch polnisches Gespür für die Bedeutung von Eingängen und ihren Dächern als nicht monumentales, aber expressives Element, das ein Gebäude entscheidend prägen, ja, erst zu dem, was es ist, machen kann. Am Verwaltungsgebäude in Kielce oder der Wirtschaftsfakultät in Sopot war das bereits gut zu erkennen, hier, wo das Gebäude an sich noch schlichter ist, wird es weitergeführt.

Es handelt sich bei dem Gebäude um nicht weniger als ein kleines und bescheidenes Meisterwerk fortschrittlicher Architektur. Man könnte sagen, Gdynia braucht keine Paläste, aber hier hat es den Palast, den es verdient.