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Grenzen, Hochwasser und Betonjugendstil

Was Grenzen sind, kann man erkennen, wenn man an einer Brücke in Mikulovice liest: „Bauunternehmung Ed. Ast & Co. Ingenieure Wien IX.“

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Von Wien ist das Dörfchen Mikulovice weit entfernt, schlesische Industriegegenden jedoch, in denen es zweifellos viele fähige Bauunternehmen gab, sind nah. Aber das ist egal: Mikulovice liegt an der Grenze, heute an der tschechisch-polnischen, früher, als es Niklasdorf hieß, an der österreichisch-preußischen. Deshalb wurde dort eine Brücke von einer Wiener Firma errichtet, während es im einige Kilometer flußabwärts gelegenen Głuchołazy, damals Ziegenhals, eine Berliner Firma hätte sein können. Das beidseits der Grenze damals Deutsche lebten, war völlig unwichtig. Entsprechend anders hätte die Brücke Anfang des 20. Jahrhunderts vermutlich drüben in Preußen ausgesehen.

In Mikulovice haben die beiden in die Strömung spitzen und zum kleinen künstlichen Wasserfall runden Pfeiler oben drei horizontale Rillen und die Ränder unter der Brückenfläche ein Muster aus großen Quadraten und horizontalen Rechtecken, wobei alles aus Beton gefertigt ist. Sogar einen solchen technischen Bau in einem Grenzdorf in solche minimalistischen Jugendstilformen zu kleiden, ist typisch österreichisch.

Die katholische Kirche war internationaler, Bistumsgrenzen entsprachen nicht unbedingt Staatsgrenzen, und so kommt es, daß ein wichtiger Förderer des Neubaus der Mikulovicer Kirche auf dem Hügel bei der Kirche Kardinal Georg Kopp, Bischof von Wrocław, dem damaligen Breslau, war.

Vielleicht geht es zu weit, in dem 1904 eingeweihten riesigen neoromanischen Kirchklotz, für den ein unscheinbarer Vorgängerbau abgerissen worden war, etwas Preußisches sehen zu wollen, denn er ist einfach Ausdruck der konservativen historistischen Architektur seiner Zeit. In Wien hätte man darüber die Nase gerümpft und ironischerweise hätte Mikulovice heute tatsächlich viel davon, wenn Otto Wagner oder auch ein weniger radikaler Jugendstilarchitekt seine Kirche errichtet hätte.

Die Brücke an ihrem Fuße ist nur wenige Jahre neuer als die Kirche, aber architektonisch so weit von ihr entfernt wie, nun, Wien von Breslau. Es war ein Hochwasser während des Baus der Kirche, nicht gerade ein gutes Omen, das den Anlaß zur Regulierung des Flusses Běla gegeben hatte.

Die Ufer wurden stellenweise in Beton oder Stein gefaßt, das Gefälle in mehreren Stufen geordnet und auch an kleineren Wasserläufen im Ort wurden Schleusen aus Beton, Stahl und Holz gebaut.

Bei der Brücke selbst ist der Übergang vom einen zum anderen Ufer weniger wichtig als die darunter verlaufende Betonstufe, dank der ein fast parallel, aber deutlich höher verlaufender Bach hinter ihr einmünden oder bei Hochwasser auch vor ihr durch eine Schleuse abfließen kann.

An der steinernen Wand am Aufgang zur Kirche erinnern Jahreszahlen in kaum vorstellbaren Höhen an frühere Hochwasser und vom Erfolg der Flußregulierung zeugt, daß das Wasser erst 2007 wieder die untersten Steine erreichte.

Die Brücke ist somit nur Aushängeschild einer viel umfangreicheren Maßnahme. Daß sie in einem sachlichen Betonjugendstil, der auch zwanzig, dreißig Jahre später noch zeitgemäß gewirkt hätte, ausgeführt wurde, war nicht einmal eine besonders gewagte Entscheidung – es war einfach der semioffizielle österreichische Stil der Zeit. Dennoch ist der Kontrast zur Kirche vielsagend. Die Brücke wurde seit ihrer Erbauung kaum verändert, guter Beton hält lange. Ihre jetzigen Geländer aus runden Eisenstangen passen vielleicht noch besser zu ihr als die ursprünglichen, von denen noch ein Pfosten mit oben nach außen geschwungenem Abschluß, wie sie auch beim Aufgang zur Kirche zu finden sind, übrigblieb.

Mikulovice kann sich glücklich schätzen, daß es auf dieser Seite der Grenze lag.

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