Archiv für den Monat Januar 2017

Leeres Zittau: Urbex

Urbex ist kein besonders schönes Wort. Daß es wie das Außenhandelsunternehmen eines halb-sozialistischen Zwergstaats klingt, wäre noch kein Problem, wenn nicht das, was es bezeichnet – die Erkundung leerstehender Gebäude – so interessant, schön und wichtig wäre. Urbex nämlich steht für Urban Exploration (städtische Erkundung), was auch schon viel besser als die Abkürzung klingt. Zu schade, daß es kein besseres Wort dafür gibt. Doch in Zittau brauchten wir gar kein Wort dafür. Wir sagten „in ein Haus einsteigen“ oder „in ein Haus gehen“. Oder wir sagten gar nichts und taten es einfach.

Denn in Zittau, das seit 1990 etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat und wo jedes zweite Gebäude leersteht, war das, was unschön Urbex genannt wird, eine Selbstverständlichkeit, eine Alltäglichkeit und brauchte daher keine Bezeichnung. Es erforderte keinen Aufwand, keinen Mut, kaum auch nur eine bewußte Entscheidung. So müde und verloren war dieses Städtchen in der hintersten Ecke dieses neu-alten Deutschlands, dessen Entstehung es zerstört hatte, daß sich oft nicht einmal jemand bemühte, die Zugänge zu den Gebäuden zu versperren und wenn doch, dann oft eher symbolisch. Wer hätte es auch tun sollen? Besitzer gab es keine und die Stadtverwaltung hatte Besseres zu tun, wenn auch nicht ganz klar ist was.

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So war Zittau für alle, die wollten, ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Leben in Zittau war die das Leben in einer friedlichen und freundlichen postapokalyptischen Welt. Zur einen Hälfte war sie bewohnt und das Leben nahm in ihr erstaunlicherweise seinen alltäglichen Gang, zur anderen Hälfte war sie verlassen, aber auch dort lauerten meist weder Monster und Mutanten noch realere Gefahren.

Im leeren Zittau gab es fast alles, was es im bewohnten Zittau gab – alte und neue Wohnhäuser, Kneipen, ein Kino – und manches, was es in diesem nicht gab – Kasernen, Fabriken. Diese beiden Zittaus lebten meist in friedlicher Koexistenz, nur manchmal wurden leere Gebäude abgerissen, nur manchmal stürzten leere Gebäude, die zwanzig, fünfundzwanzig Jahre sich selbst überlassen gewesen waren, ein und gefährdeten bewohnte Nebengebäude.

Ob es in Zittau Urbex gab, weiß ich nicht. Vermutlich schon. Urbex als modischer Abenteuertrend von Menschen mit guten Kameras, die von ihren Explorationen dann YouTube-Videos machen. Vermutlich kamen sie aus ihren großen Städten auch mal nach Zittau. Aber sie waren Touristen, während wir mit den leeren Gebäuden lebten. Ob unsere Videos besser gewesen wären, ist gar keine wichtige Frage, denn Zittau wäre nicht Zittau gewesen, wenn wir dort je etwas anderes gemacht hätten als zu leben.

Und Leben im Verfall macht müde. So wunderbar alles in dem Ruinenspielplatz Zittau auch war, immer schwebte im Hintergrund eine gewisse Melancholie. Zittau hatte offenkundig keine Zukunft und so lag auch für jeden einzelnen von uns die Zukunft anderswo. Wir zogen weiter und waren viellelicht nur Touristen anderer Art gewesen. Vielleicht passiert es uns heute mal, wenn wir irgendwo anders ein leerstehendes Gebäude betreten, daß wir Urbex betreiben. Aber wenn es im folgenden um einige Erlebnisse im leeren Zittau gehen soll, dann geht es nicht um Urbex.

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Laxenburg

Laxenburg, das sind verschiedene Dinge. Erstens ein ziemlich gewöhnliches Dorf des Wiener Umlands, in dem es einiges zu entdecken gibt. Zweitens eine eigentümliche Schloßanlage, die eher ein Tor zwischen dem Dorf und einem großen Park ist. Drittens dieser Laxenburger Park, der vielleicht der schönste Landschaftspark in der Umgebung von Wien ist. Viertens ein Ort des Niedergangs und Verfalls. Letzteres ist weniger offenkundig als die anderen Dinge. Um es zu erkennen, muß man den ehemals kaiserlichen Park durchstreifen und verstehen, was man dort sieht.

In seiner englisch-romantischen Scheinnatürlichkeit, den weiten Wiesen zwischen den Baumgruppen, den skulpturgleich herausgehobenen Einzelbäumen, stehen die üblichen Tempelchen und Grotten, aber sie sind eher der Konvention geschuldet. Was den Park auszeichnet sind verschiedene neogotische Bauwerke, ein Turnierplatz, eine Rittersäule, eine Brücke und allen voran auf einer eigenen Insel eine Burg.

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Mit ihren Zinnen und runden spitzdächigen Türmchen, ihren Toren und spitzbögigen Fenstern ist sie ein geradezu lachhaft bizarres Bauwerk.

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Nichts haben etwa die großen spitzen Maßwerkfenster, hinter denen sich offenkundig ein Saal verbirgt, und das angefügte runde Treppenhaus des zentralen Turms mit wirklichem Mittelalter, wirklicher Gotik zu tun. Von einer solchen findet man etwa am Alten Schloß, das im Park als weitere stimmungsvolle Attraktion herumsteht, noch Spuren.

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All die neogotischen Bauten aber sind nichts anderes als ein altdeutscher Themenpark, ein Laxenburger Disneyland.

Man beachte, wann das alles errichtet wurde: ab 1798! Eine Zeit der größten Veränderungen in Europa, das Heilige Römische Reich deutscher Nation auch offiziell dem Ende nah, die französische Revolution in der Gestalt Napoleons auf unaufhaltbarem Siegeszug – aber der Kaiser träumt sich für viel Geld ins Mittelalter zurück! Die Neogotik im Laxenburger Park ist der architektonische Ausdruck des Niedergangs Österreichs. Wie viel hundert, fünfzig Jahre ausmachen können! Anfang des 18. Jahrhunderts war Österreich auf dem Höhepunkt seiner Macht, seine Armee ging unter Prinz Eugen von Sieg zu Sieg und gleichzeitig entstanden Meisterwerke barocker Architektur wie Eugens Belvedere. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand Laxenburg. Selten spiegelt sich die Situation eines Landes so klar in seiner Architektur wieder wie hier.

Neuburg-Schwalbanger

Schwalbanger ist das andere Neuburg, auf der anderen Seite des Bahndamms, fernab der herausgeputzten Pracht der Altstadt auf dem Hügel, die sich stark dem sympathischen Größenwahn des Pfalzgrafen Ottheinrich im 16. Jahrhundert verdankt, fernab aber auch der westdeutschen Provinztrostlosigkeit der weiteren Innenstadt. Es ist das, was man in der DDR ein Plattenbauviertel nennen würde und wovon in Westdeutschland lieber gar nicht geredet wird.

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Schwalbanger beginnt kurz nach der Bahnbrücke mit einem langen Gebäude, das aus vier-, drei-, sechs-, fünf-, wieder drei- und schließlich neungeschossigen Teilen besteht.

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Es ist nicht nur in der Höhe, sondern durch viele vor- oder zurückgesetzte Teile auch in der Fläche differenziert, so daß es trotz der weißen Verkleidung und dem Blau-Gelb oder Braun der Balkone kaum wie ein einzelnes Gebäude wirkt. Auf beiden Seiten verlaufen Fußwege, auf denen man zwangsläufig tiefer ins Wohngebiet kommt, da sie nach rechts durch einen zugewachsenen Hügel und ein zweigeschossiges Ladengebäude von der namensgebenden Straße Am Schwalbanger und nach links durch nur halb unterirdische Garagen von der weiteren Umgebung getrennt sind.

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Sobald man an der nach links geschwungenen Richard-Wagner-Straße steht, überblickt man auch schon ganz Schwalbanger. Links der Straße einige lange viergeschossige Gebäude und rechts von ihr punktartige achtgeschossige Gebäude, die aus zwei Teilen um ein verglastes Treppenhaus bestehen.

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Sie stehen locker verteilt zwischen Grünflächen, in denen Spielplätze und Bänke angeordnet sind. Wo früher ein Supermarktgebäude war, ist nun ein neues banales Wohngebäude.

Links des Schwungs der Straße erhebt sich das Gebäude, das den selbstverständlichen, fast möchte man sagen: natürlichen Mittelpunkt von Schwalbanger bildet. Es besteht aus einem achtgeschossigen Bauteil, der mit seiner recht breiten Schmalseite zur Straße zeigt, und einem links angefügten langen dreigeschossigen Bauteil, der am Enge zweigeschossig abknickt.

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Die vorgesetzten Balkone wirken, als seien sie aus weißgetünchten Betonplatten, größeren für Seiten und Böden, kleineren für die Geländer, nicht nur zusammengefügt, sondern baukastenartig zusammengesteckt. Beim höheren Bauteil zeigen solche Balkone nur zur Straße und nach rechts, während links nur kleine horizontale Fenster und einzelne freischwebende Balkone sind.

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Doch nichts des bislang Beschriebenen würde genügen, das Gebäude zum markanten Mittelpunkt des gesamten Wohngebiets zu machen. Dafür ist das, was zwischen den beiden Bauteilen ist, nötig. Unten, über dem verglasten Eingangsbereich, sind zwei Terrassenstufen mit geschwungen ansteigenden, wannenartigen Geländern aus horizontal gemasertem Beton. Oben, dem hohen Bauteil angefügt und ihn noch um ein Geschoß überragend, ist ein verglastes Treppenhaus, das nach links von einem noch weiter aufragenden eckigen Schornstein abgeschlossen wird.

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So wird das Gebäude, 1972 als Altersheim der Heiliggeist Bürgerspital-Stiftung, errichtet, zum höchsten des Wohngebiets und wohl zum höchsten von ganz Neuburg. Die geschwungenen Formen des Eingangs unten setzen sich als Muster in der Fläche des Schornsteins fort. An dessen rechtem Rand steigen eine dicke blaue Linie und mit etwas Abstand eine dünnere braune Linie auf, um weit oben in einem Schwung auf den linken Rand stoßen, wo eine zweite hellblaue Linie beginnt und spiegelbildlich bis zum oberen Ende der Schornsteins führt. Die dazwischen entstehende schwarze Fläche erinnert an ein liegendes Cocktailglas, an den Ještěd, an die Seiten von Alterlaa oder einen Kraftwerkskühlturm. Alles Assoziationen, denen Schwalbanger gerecht wird, denn, wie man es auch nennen mag, es ist ein gelungenes fortschrittliches Wohngebiet, klein, unprätentiös, einfach nur ein angenehmer Ort zum Wohnen.

Und Schwalbanger hat Glück, denn so fernab vom übrigen Neuburg ist es gar nicht. Über die Augsburger und Adolf-Kolping-Straße erreicht man schnell den Bahnhof und über die Münchner Straße halbwegs schnell die Innenstadt und die Altstadt.

Man kommt so auch zum vielleicht schönsten Ort in Neuburg. Es ist eine Bank vor der südöstlichen Ecke der Stadtmauer. Sitzt man dort oben, liegt einem die Stadt zu Füßen. Man kann dem Verkehr lauschen und hin und wieder einen Zug vorbeifahren oder einen Düsenjäger vom Luftwaffenstützpunkt aufsteigen sehen. Sitzt man dort oben, sieht man damit ganz Neuburg. Zwischen all den roten Dächern ragen nur die Post, die Fabrikanlagen von Hoffmann Mineral und eben Schwalbanger auf.

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Schwalbanger ist wirklich ein anderes, neues Neuburg, das weit weniger provinziell ist als etwa seine Innenstadt. Ottheinrich könnte stolz darauf sein.

Silvio Macetti (N.K.)

Silvio Macetti war nur nebenbei Architekt. Im Hauptberuf war er Revolutionär und dafür benutzte er seinen echten Namen, den er auch im Pseudonym nicht ganz aufgeben wollte: Noureddin Kianouri. Er stammte aus dem Iran und war führender Funktionär der Tudeh-Partei, der kommunistischen Partei des Iran.

Vielleicht, wenn alles anders gekommen wäre, wenn Briten und Amerikaner nicht 1953 die fortschrittliche Regierung Mossadegh gestürzt hätten, vielleicht würde man den Namen Kianouri als den eines führenden Architekten eines sozialistischen Iran kennen. Vor dem danach installierten Shah-Regime floh der damals etwa vierzigjährige Kianouri ins Exil, erst in die Sowjetunion, dann in die DDR, wo er in Berlin ein neues Zuhause und eine geeignete Basis für sein politisches Wirken fand.

Irgendwo unterwegs legte er sich für seine Nebentätigkeit den Namen Silvio Macetti (N.K.) zu. Exil und vordringlichere politische Aufgaben pflegen nicht die besten Voraussetzungen für Architekturpraxis zu sein, daher bleib sein architektonisches Wirken auf die Theorie beschränkt. In den Sechzigern und frühen Siebzigern veröffentlichte er viele Artikel in der Zeitschrift „deutsche architektur“ und deren Nachfolgerin „Architektur der DDR“. Ein italienischer Name fiel darin so sehr auf wie ein persischer aufgefallen wäre, aber auch so stachen Macettis in distinguiertem, wenn auch vielleicht manchmal etwas ungewöhnlichen Deutsch verfaßtem Texte oft aus den, ohnedies hochinteressanten, Meinungsstreits der Zeit heraus. Man spürte, daß hier jemand schon weit über das gegenwärtige Baugeschehen hinausdachte – vielleicht eben, weil er daran nicht aktiv beteiligt war – und eine sehr bestimmte Vorstellung davon hatte, wie eine sozialistische Architektur aussehen sollte.

Liest man Macettis 1968 erschienenes Buch „Großwohneinheiten“, findet man das auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Es ist ein Werk, dessen Bedeutung für eine sozialistische Architekturtheorie gar nicht zu überschätzen ist und es wäre das auch, wenn sein Autor eine weniger interessante Gestalt gewesen wäre. Doch man liest es anders, wenn man sein weiteres Schicksal kennt.

Seine Tudeh-Partei gehörte in den Sechzigern und Siebzigern zu den engsten Verbündeten des Islamistenführers Ajatollah Khomeini. Ihre und anderer linker Gruppen Organisationsstrukturen im Teheraner Proletariat trugen zum Sieg der heute islamisch genannten Revolution von 1979 bei. Noch lange nachdem Khomeini selbst die politische Macht übernommen und sich anderer linker Konkurrenten entledigt hatte, hielt die Tudeh-Partei zu ihm. Ihr und Noureddin Kianouri persönlich half das nicht: 1983 wurde die Partei verboten und er nach Folter gezwungen, sich im Fernsehen als sowjetischer Spion zu bekennen. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Gefängnis und unter Hausarrest.

In seinem Buch „Großwohneinheiten“ zeigt sich Macetti zum einen als entschiedener Anhänger von Le Corbusier, schon das von ihm geprägte Wort im Titel bezieht sich auf dessen „Unité d’habitation“ (Wohneinheit). Nie macht er aus seiner Bewunderung für ihn einen Hehl, aber er schreibt auch, wie es immer wieder zu schreiben ist: „Durch den sozialen Wohnungsbau kann keine soziale Revolution verhindert werden – wie er [Le Corbusier] glaubt –, sondern die wirklichen Grundlagen für eine umfassende städtebauliche Erneuerung und für ein menschenwürdiges Wohnen aller Menschen können nur durch eine soziale Revolution geschaffen werden.“

Aber er geht weit über Le Corbusier und die anderen Beispiele aus kapitalistischen Staaten hinaus. Ihm ist die Großwohneinheit „im Grunde ein Wohnkomplex mit einem wesentlich höheren Grad der Konzentration der Wohnungen und der Gemeinschaftseinrichtungen in einer baulichen Einheit.“ Die verschiedenen Funktionen, die zuvor jeder Haushalt individuell erfüllen mußte, Wäschewaschen, Kinderbetreuung und Speisenzubereitung etwa, sollen dabei in immer stärkerem Maße vergesellschaftet werden, etwa durch Wäschereien, Kindergärten und Gemeinschaftsküchen. Ein Hauptnutzen der Großwohneinheit ist entsprechend die „Befreiung [der Frau] von der Haushaltsarbeit.“ An ein Zitat von Lenin anknüpfend stellt er fest: „Es genügt nicht, die Gleichberechtigung der Frau gesetzlich festzulegen und grundsätzlich alle Wege zu ihrer allseitigen Entwicklung zu öffnen. Notwendig ist vor allem, die Frau von der Belastung zu befreien, die ihr die Ausübung dieser Gleichberechtigung unmöglich macht.“ Dies ist nichts anderes, als ein radikaler kommunistischer Feminismus, dem die „umfassende Emanzipation der Frau“ keine Frage von Werten oder Moral ist, sondern der für ein konkretes Problem, die Haushaltsarbeit, eine konkrete Lösung, die Vergesellschaftung der Haushaltsfunktionen, vorschlägt.

Vorschlag von Silvio Macetti für eine Großwohneinheit in Halle-Neustadt. Aus Macetti (N.K.), Silvio: Großwohneinheiten, Berlin 1968

Vorschlag von Silvio Macetti für eine Großwohneinheit in Halle-Neustadt. Aus Macetti (N.K.), Silvio: Großwohneinheiten, Berlin 1968

Die Realität der sozialistischen Staaten blieb dahinter, wie man weiß, weit zurück. Während einige Haushaltsfunktionen, etwa die Kinderbetreuung oder auch das Wäschewaschen, in gewissem Maßen vergesellschaftet wurden, wurde es bei anderen, besonders der Speisenzubereitung, kaum auch nur versucht. Dazu gab es bloß Experimente in der Sowjetunion in den Zwanzigern und Sechzigern und in der Tschechoslowakei in den späten Vierzigern, die in Macettis Buch entsprechend viel Raum finden. Schon 1980 liest man im in der DDR erschienenen „Wörterbuch der Architektur“, daß Großwohneinheiten „vielfach in den bisherigen Varianten abgelehnt“ werden.

Das gesamte Ausmaß des Scheitern des Silvio Macetti (N.K.)/Noureddin Kianouri begreift man, wenn man sich verdeutlicht, daß dieser überzeugte Feminist einem der frauenfeindlichsten Systeme der Gegenwart an die Macht half. Heute ist es allzu leicht, ihn dafür zu verurteilen, aber um es zu verstehen, muß man sich die Situation eines Kommunisten in den siebziger Jahren vorstellen. Wie hätte er nicht erfüllt sein können vom historischen Optimismus, daß der Sozialismus siegt? Denn es passierte ja. Wie hätte er sich vorstellen können, daß das Alte, die Religion, gegen das Neue, den Sozialismus, siegen könne? Denn es war ja noch nie passiert. Die Tudeh-Partei glaubte also nicht unbegründet, den Ajatollah für ihre Zwecke zu benutzen. Sie hatte ja die halbe Welt hinter sich und er nur das iranische Kleinbürgertum. In Wirklichkeit aber benutzte er sie.

Das Beispiel von Noureddin Kianouri zeigt, daß man nicht leichtfertig jeden Kommunisten, der sich in ein Bündnis mit reaktionären Kräften begab, verurteilen sollte. Aber es warnt auch davor, aus der iranischen Erfahrung nichts zu lernen und sich im nun bloß noch verantwortungslos naiven Glauben, das Gute werde sich schon durchsetzen, wieder in solche Bündnisse zu begeben. Noureddin Kianouri immerhin hatte das Glück, im Nebenberuf als Silvio Macetti (N.K.) Bleibendes geschaffen zu haben, das zu gegebener Zeit wiederzuentdecken sein wird.

U-Bahnhof Donaustadtbrücke

Der ungeneigte Leser dieses Blogs könnte mir vorwerfen, daß ich immer alles aus den Sechzigern, Siebzigern möge, während ich alles von heute schlechtmache, daß ich mithin bloß auf andere Art von der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) geblendet sei. Mindestens in der Hinsicht, daß ich mir ein Gebäude aus diesen Jahrzehnten eher und wohlwollender ansehe, ist das auch wahr. Meine Entschuldigung könnte sein, daß solche Gebäude sonst zu wenig Betrachtung finden, daß ich hinsehe, wo andere wegsehen. Doch damit der Leser geneigter werde, sei hier einmal ein Gebäude aus jüngerer Zeit in positivsten Tönen beschrieben.

Erbaut wurde der Wiener U-Bahnhof Donaustadtbrücke im Jahre 2010. Architektonisch ist er so tadellos wie unscheinbar, viel roher Beton, viel grauer Stein in den beiden Eingangsbereichen, große Glasfläche um die Bahnsteige, allerdings mit horizontalen Streifen, wohl mehr den Vögeln zuliebe denn zum Sonnenschutz. Diese Ästhetik teilt er sich mit den anderen Stationen der östlichen Erweiterung der lila Linie U2. Wirklich erwähnenswert jedoch wird er durch seine städtebauliche Anordnung und seine Umgebung.

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Der Bahnhof befindet sich genau am Ende der namensgebenden Brücke, die Bahnsteige spannen sich über die tieferliegende Donauuferautobahn. Durch den einen Ausgang gelangt man direkt zur Neuen Donau, wo bald ein Steg zur Donauinsel führt. Er dient also ausschließlich dem, vor allem sommerlichen, Freizeitbetrieb, was aber auch schon der sichtbarste Nutzen ist.

Beim anderen Ausgang mußte der Nutzen erst geschaffen werden, da es keine ältere Bebauung oder sonst irgendetwas gibt. So führt eine unter deb aufgestützten Gleisen hängende Brücke in ein großes Park&Ride-Parkhaus. Und an der Seite ist auf leicht ansteigender Fläche ein tropfenförmiger Wendekreis mit mehreren Bushaltestellen angeordnet, von wo Busse ins Suburbia der Donaustadt oder auch zum Ölhafen abfahren. Erst durch das Parkhaus und vor allem die Bushaltestellen bekommt die U-Bahnstation für das Wiener Verkehrsnetz einen ganzjährigen Nutzen.

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Die Gestaltung des Wendekreises ist auch naheliegend und funktional, aber zugleich sieht man hier sehr schön, was die heutige Architektur von der der Sechziger und Siebziger lernen könnte. In dieser Zeit wäre an diesem Ort vielleicht eine Busstation entstanden. Nun müßte man so weit gar nicht gehen, es müßte dort kein zweites Schottentor sein, ja, es müßten nicht einmal Vordächer, die die Haltestellen mit der U-Bahnstation verbinden, errichtet werden. Aber was spräche dagegen, auf der leeren vertikalen Wandfläche neben dem Beginn der Bahnsteige eine große Uhr anzubringen? Oder auf der horizontalen Fläche unter dem Bahnsteig einen digitalen Abfahrtsanzeiger? Das sind Kleinigkeiten, die nützlich wären und dem Ort einen wiedererkennbaren Charakter geben würden.

Stattdessen ragt oben aus der vertikalen Fläche eine Leuchtröhre, ein Kunstwerk, von dem positiv höchstens zu sagen ist, daß es unmöglich als solches zu erkennen ist. Irgendwie bezieht es sich auch auf ein entsprechendes an der U-Bahnstation Donaumarina am anderen Ende der Brücke und macht sich so noch lächerlicher. An den flußseitigen Bahnsteigenden nämlich steht man wie auf Balkonen und blickt die Länge der Brücke entlang am übertrieben hohen Pfeiler mit den Stahlseilen vorbei zur Schwesterstation. Der Bezug zwischen den Stationen auf den beiden Seiten der Donau ist durch eine kleine Raffinesse der Architektur also bereits gegeben.

Der U-Bahnhof Donaustadtbrücke zeigt deutlich, daß es in der Architektur seit spätestens 1980 keinen Fortschritt mehr gibt, sondern nur noch eine Abfolge verschiedener Moden. Die gegenwärtige Architektur mag, wie in diesem Falle, nicht schlecht sein, aber sie schafft es nicht, in größeren zusammenhängenden Räumen zu denken. Die Bushaltestellen, die mit dem U-Bahnhof eine Einheit bilden müßten, werden nur als dessen Anhängsel begriffen. Und statt nützlicher und nicht einmal teurer Kleinigkeiten wie Uhren oder Anzeigetafeln gibt es nichtige und vermutlich nicht billige Kunst. Ist es da ein Wunder, daß ich mich lieber mit der Architektur der Sechziger, Siebziger beschäftige? Für eine zukünftige Architektur ist aus ihr jedenfalls mehr zu lernen.

Bahnhof und McDonald’s in Gdynia

Der Bahnhof von Gdynia, der nördlichsten und jüngsten Stadt der Trójmiasto, ist ein stalinistisches Gebäude, aber keines von der schlimmsten monumentalen Sorte. Eher ist es auf so unauffällige und unaufdringliche Art konservativ, daß es in jedem Jahr der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sein könnte.

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Es stammt von 1955. Von der spätstalinistischen Architektur dieser Jahre zeugen vor allem die Vordächer mit den tragenden Säulen, die dann in antennenartigen Fahnenmasten enden.

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Bestimmend sind die hohe vertikal gegliederte Fensterfront der Halle in der Mitte und die etwas niedrigere des Restaurants links. Dahinter schließen sich zu den erhöhten Bahnsteigen noch andere Teile an. Weiter nach links führen Kolonnaden zum Dworzec Podmiejski (Stadtverkehrsbahnhof), der zweigeschossig und halbrund endet.

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An dem Gebäude selbst wäre nichts irgendwie Bemerkenswertes, wäre da nicht die Kunst.

Betritt man den Bahnhof von den Kolonnaden her, passiert man zwei Sitznischen, über denen große Mosaike angeordnet sind. Das eine zeigt eine bunte Unterwasserwelt.

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Das andere zeigt eine Hafenlandschaft mit ihren Kränen, aber ebenso bunt und voller phantastischer Vögel.

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Betritt man den Bahnhof an seinem rechten Ende neben der Halle, kommt man auf einen breiten Durchgang zu, über dem sich ein weiteres Mosaik befindet.

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Es zeigt ebenfalls eine Hafenlandschaft, doch in diese mischt sich fast unmerklich die Unterwasserwelt. Die Ballen in den Netzten der Kräne werden zu Muscheln und Schnecken, die Kräne selbst werden zu schlanken Wasserpflanzen. In diesem Mosaik fließen die Motive der beiden anderen so gleichsam ineinander.

In der Halle selbst sind keine Kunstwerke, doch das links um den Eingang des Restaurants angeordnete Mosaik wirkt stark in sie hinein.

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Wo die anderen überströmen vor Details, ist dieses fast leer. Von der Tür geht eine Art Strahlenkranz von Linien aus, während sich konzentrische Linien eines Kreissegments über sie legen. Es ist eine stilisierte Sternenkarte und auf den Linien sind außer kleinen Sternen ein geflügeltes Rad und zwei geflügelte Pferde, die diese ihre Umlaufbahn entlangzurasen und –galoppieren scheinen.

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Der realistisch-symbolische, aber gänzlich unstalinistische Stil der Mosaike paßt schon besser ins Jahr 1955, besser als das Bahnhofsgebäude selbst. Wie es dem Bahnhof der Hafenstadt Gdynia gebührt, zeigen sie Motive des Meeres, des Hafens und durch das geflügelte Rad auch des Eisenbahnwesens.

Durch die beiden Türen unter Rad und Pferden geht es ins Restaurant, wo heute, wie das gelbe M verkündet, ein McDonald’s ist. Auch dieser ist geradezu gefüllt von Kunst, was man aber auf den ersten Blick ebenso wie in der Halle übersehen kann.

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Sobald man es aber bemerkt, sieht man, daß fast alle Decken- und Wandflächen von Bildern eingenommen sind. In der kleinteiligen Kassettendecke bei den Fenstern schauen aus den quadratischen und kreuzförmigen Feldern allerlei Tier- und Phantasiegestalten herab, meist aus den Ecken.

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In dem großen, aus zwei versetzten langen Rechtecken bestehenden Feld im hinteren Teil der Decke, das über die Theke bis in die Küche reicht, sammeln sich Sternzeichen- und Sternenkonstellationsgestalten um zwei Sonnen zu einem allegorischen Himmel.

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Bei diesen Deckenbildern paßt es einmal, daß man den Kopf in den Nacken legen muß, um sie zu sehen, denn so ist es beim wirklichen Sternenhimmel ja auch.

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Die Wandbilder beginnen über der von der Halle hereinführenden Tür mit einer detaillierten Karte der polnischen Küste.

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In der rechten Ecke des breiter werdenden Raums sind runde Weltkarten, über der mittigen rückwärtigen Tür eine Kompaßrose, in der rechten Ecke eine Karte von Europa und hoch oben eine des Ostseeraums.

Der Höhepunkt ist dabei die Karte von Europa, die auch die gesamte Mittelmeerregion einschließt.

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Alle Städte von Mediolan (Mailand) bis Jerozolima (Jerusalem) sind polnisch bezeichnet. Dazu kommen einige Merkwürdigkeiten, die man politisch oder durch die Unachtsamkeit des Künstlers erklären kann. Auf den ersten Blick, der zwangsläufig zu dem Land, mit dem man am stärksten verbunden ist, geht, ist alles, wie es in den späten Fünfzigern zu erwarten ist: die vertraute Dreiteilung in Westdeutschland, DDR und Westberlin. Auch Polen und die Sowjetunion sind in ihren vertrauen Grenzen zu sehen, doch schon hier stimmt etwas nicht: die baltischen Staaten sind eingezeichnet, obwohl sie damals bereits der Sowjetunion eingegliedert waren. Auch Italien ist in seiner Größe aus der Zwischenkriegszeit, also mit Istrien, gezeigt. Gänzlich merkwürdig ist die Gestalt von Israel, die es nie hatte.

Geben schon diese Merkwürdigkeiten, ob nun gewollt oder nicht, dem nüchternen Kartenmaterial etwas Unklares, Surreales, so werden sie es noch stärker dadurch, daß die Wesen von der Decke in sie hineingefunden haben. Als bunte und freundliche Seeungeheuer tummeln sie sich in allen Meeren. Die Karten gehören somit weniger in die Mitte des 20. Jahrhunderts als in die Zeit des Barock. Überhaupt ist die künstlerische Gestaltung des Bahnhofsrestaurants am besten als barock zu beschreiben. In barocker Weise geht sie auf den Raum ein, verbindet sich organisch mit ihm. Das geht so weit, daß auch die runden Wandlampen in die Bilder integriert sind, etwa als die Sonne in der Sowjetunion.

Es ist ein eigenartiger Raum, der so entsteht, er könnte genausogut wie ein Bahnhofsrestaurant oder einen McDonald’s ein Kuriositätenkabinett beherbergen. Trotzdem ist die Kunst, im Restaurant wie in der Halle, weit weniger konservativ als die Architektur. Freundlich und informativ, sachlich und verspielt, immer dem Menschen zugewandt und unzählige Perspektiven zulassend, können diese Werke von Juliusz Studnicki sogar ein schönes Beispiel sozialistischer Kunst sein. In einem besseren Gebäude wäre sie noch besser aufgehoben, aber so reißt sie den Bahnhof aus der Mediokrität und bestätigt Warhols Satz:

Das Schönste in Gdynia ist McDonald’s.