Archiv für den Monat November 2016

Oberlausitzer Landschaft

Bei vielen spätsommerlichen Gängen durch das Vorland des Zittauer Gebirges, wenn Mähdrescher über die Felder fuhren und in der Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Turów zu sehen waren, dachte ich, daß das doch das perfekte Sujet für ein sozialistisch-realistisches Gemälde wäre. An einem Spätsommertag dieses Jahres sah ich dieses Gemälde dann zum ersten Mal. Ich war im Wohngebiet Görlitz-Nord zufällig in die Ausstellung „DDR Kunsterfahrung“ (noch bis zum 2.4.2017) geraten, die ihre Räume in einer den Wohngebäuden vorgesetzten Ladenzeile hat, und da hing das Bild, durch das ich so oft gegangen war.

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Es wurde im schönen Jahre 1975 von Karl-Heinz Völker gemalt. Bloß die Mähdrescher fehlen und das dargestellte Kraftwerk ist nicht das polnische Turów, sondern das weiter nördlich auf der anderen Seite der Grenze gelegene „Völkerfreundschaft“ bei Hagenwerder. Aber sonst ist alles genau, wie ich es gesehen und mir für das Bild vorgestellt hatte. Im Vordergrund üppige Wiesen und goldene Felder, in der Mitte die vielen Kühltürme und Schornsteine, deren Rauch sich mit den Wolken des weiten blauen Himmels mischt, während die Mondlandschaft des Tagebaus nur ungefähr zu erahnen ist. Das ist die vom Sozialismus geschaffene Landschaft.

Heute ist vom Kraftwerk „Völkerfreundschaft“ nur noch die riesige Halle übrig, die wie ein Skelett in der Landschaft steht. Doch aus dem Tagebau wurde der große Berzdorfer See und dank ihm ist die Landschaft noch immer vom Sozialismus geprägt. Sie könnte, wenn Mähdrescher über die Felder fahren und in der Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Turów zu sehen sind, andere Künstler inspirieren.

Sopot in Westdeutschland

Sopot ist ein Badeort in Polen, mittlere Stadt der Trójmiasto (Dreistadt), aber wer in Westdeutschland aufgewachsen ist, wird dort auf dem zentralen Platz alles auf unangenehmste Art vertraut finden. Denn er sieht aus wie in einer westdeutschen Provinzstadt. Obwohl schon der unentschlossene Name Plac Przyjaciół Sopotu (Platz der Freunde von Sopot) nichts Gutes verspricht, gelingt es der Bebauung auf seiner linken Seite, noch weit schlimmer zu sein.

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(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Geschwungen erstreckt sich da ein langes Gebäude mit Geschäften, Büros, wohl auch einem Hotel, das mit allerlei spitzen und runden Giebeln irgendeinen historischen Bezug haben will, der aber nicht einmal an die Bauklötzchenstädte eines Dreijährigen heranreicht.

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Quer dazu steht an der nach links abzweigenden Straße ein nicht weniger großes Gebäude, das als Dom Zdrojowy (Kurhaus) neben Geschäften und Büros noch eine kulturelle Funktion, nämlich als Kunstgalerie, behauptet. Billige Steinverkleidung, weißes Metall, viefach unterteiltes Glas, das an leicht vorgesetzten Teilen abgerundet endet, über dem Eingang einen halbrunden Giebel bildet und an den Ecken in spitzen Pyramidenformen aufragt.

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Wie hier historistische Formen auf billig stilisierte Art zitiert werden, ist nun endgültig Bad Homburg circa 1986. Daß diese reaktionäre Architektur der achtziger Jahre in Sopot erst 2009 entstand, macht es nicht mehr oder weniger schlimm, sondern zeigt nur eines: was auch immer für Probleme Polen in den Achtzigern hatte, vor derlei Auswüchsen war es gefeit. So dominant sind diese beiden reaktionären Gebäude auf dem Platz in Sopot, daß man den weiter vorne rechts neben dem Dom Zdrojowy stehenden Turm eines Gebäudes, dessen Neorenaissanceformen um 1905 ähnlich dumm und reaktionär waren, übersehen kann und alles andere auch.

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Allerdings gibt es für den Plac Przyjaciół Sopotu, ganz wie in der westdeutschen Provinz, mildernde Umstände, ob derer man eher bereit ist, sich mit der Stadt zu befreunden. Neben der durch einem kurzen Tunnel für die querende Straße erreichten Befreiung vom Autoverkehr ist das die Bebauung auf der rechten Platzseite.

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Zuerst sind da ein, zwei kleine Gebäude, die mit ihren Vorbauten aus ornamentiertem Holz und viel Glas das Beste der Seebadarchitektur des 19. Jahrhunderts, eine gewisse Luftigkeit und Leichtigkeit, repräsentieren.

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An sie schließt ein Gebäude mit Cafés und Restaurants an, das die fortschrittliche Architektur des polnischen Sozialismus schuf, aber auch jene der westdeutschen Sozialstaatlichkeit hätte schaffen können.

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Sein Baukörper ist langgestreckt und hat zwei hohe Geschosse, wenig weiße Metallverkleidung und viel durch vorgesetzte silberne Stahlstreben strukturiertes Glas. Doch das sieht man kaum, da ein Stück davor auf hohen schlanken Stützen aus weißen Stahl eine Terasse ist, die zugleich ein Vordach für die Außenbereiche der Restaurants und Cafés bildet. Eine Treppe, die nur aus einer umgedrehten Y-förmigen Stütze, Stufen und Geländer besteht, führt rechts neben der Schmalseite auf die Terasse hinauf.

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In diesen ganz anderen Formen ist die Leichtigkeit der Kurarchitektur fortgeführt, ohne schon zu etwas radikal Neuem zu werden. Links wächst aus dem zweigeschossigen Gebäude dann ein Teil schräg auf sechs Geschosse an. Dieser höhere Teil schließt an die historistische Blockrandbebauung an und sieht von der Querstraße aus auch nur wie ein schmales Bürogebäude aus.

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Anders als die dumme Architektur gegenüber nimmt dieses kleine und leichte Gebäude also auf seine Umgebung Bezug, weiß, daß es in Sopot und nicht in Bad Homburg ist.

Schließlich gibt es auch noch etwas Kunst. Unter dem linken Ende der Terrasse, vor einem Eingang des höheren Bauteils, ist eine zurückgewölbte Wand mit einem Mosaik aus großen Kieseln in Rot, Schwarz, Gelb, Weiß. Hier hätte der polnische Sozialismus zeigen können und müssen, was ihn von Westdeutschland unterscheidet, hier hätte er sich selbst zeigen können und müssen, doch er tat es nicht: das Mosaik ist abstrakt.

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Daß dieses Gebäude in der beschriebenen Form schon nur noch einen Schatten seiner selbst darstellt, braucht nicht zu überraschen in einer Stadt, die ihren Platz mit den eingangs beschriebenen Gebäuden verschandelte. 1960 wurde es als Bar Alga eröffnet und ja, Alga heißt Alge, während Bar im heutigen polnischen Gebrauch auf dem Umweg über Bar Mleczny, Milchbar, zur Bezeichnung günstiger Selbstbedienungsrestaurants, in denen man Pierogi und andere unkomplizierte Speisen, aber keinen Alkohol bekommen kann, geworden ist. Ursprünglich hatte die Terrasse der Bar Alga ein kompliziert gefaltetes Dach aus Stahl und durchsichtigem Kunststoff, das die maritime Luftigkeit der Architektur noch einmal verstärkte. Für eine Weile war sie Wahrzeichen und Stolz der Stadt. Auch ihr späterer Niedergang wäre ähnlich in Westdeutschland geschehen und sogar, daß man ihre Geschichte jetzt auf einer Seite mit dem Namen Powojenny modernizm (Nachkriegsmoderne) nachlesen kann, paßt.

Einen in leider vor allem schlechten Sinne westdeutschen Platz also hat Sopot. Für ein endgültiges Urteil über seine heutige Gestalt ist noch eine Information wichtig: er liegt nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Anmerken kann man es ihm nicht.

Der Humenné-Stil

Daß alle Gebäude in sozialistischen Ländern gleich aussähen, stimmt nie. Es ist immer entweder eine interessierte Lüge oder eine ungeübten Augen geschuldete Fehleinschätzung. Es stimmt jedoch, daß sich in den sozialistischen Ländern nur selten sehr ausgeprägte Lokalstile, die sogar Individualstile sein mögen, finden. Eine Ausnahme ist das ostslowakische Humenné. Hier gibt es einige Gebäude mit markanten verbindenden Merkmalen, die in anderen tschechoslowakischen Städten weniger häufig sind und auf die Arbeit eines bestimmten Architektenkollektivs mit vielleicht einer prägenden Persönlichkeit schließen lassen.

Beim Hotel Karpatia in der Nähe es Bahnhofs fände man noch nichts Auffälliges. Wieso sollte ein typischer sechsgeschossige Hotelbau auch keinen Sockel haben, in dessen zweitem Geschoß links ein Balkon verläuft, während rechts ein seitlich verglaster, vorne nur durch ein rundes Fenster geöffneter Raum auf zwei runden Stützen weit über den Eingang ragt?

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Auch das Urad mesta (Stadtverwaltung) am weiten Bereich westlich des Námestie Sľobody (Platz der Freiheit) ist für sich genommen noch nicht genug, um einen spezifischen Stil erkennen zu lassen. Die Schmalseiten haben helle Steinverkleidung, die von vorne mit einem Streifen heller Verkleidung unter dem Dach zu einem Rahmen für die regelmäßigen Bänder aus Fenstern und orangener Verkleidung wird. Sein Baukörper ist in vier Teile gegliedert, wobei der fünfgeschossige und höchste den Angelpunkt  bildet. Die beiden Teile vor ihm sind jeweils ein Geschoß niedriger und sowohl nach vorne als auch nach links versetzt, während hinter ihm ein viergeschossiger vierter Teil im Gegenteil nach hinten und nach rechts versetzt ist.

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Das ergibt einen eigentümlichen perspektivischen Effekt, beinahe so, als könne man die einzelnen Teile ineinanderschieben. Aber so markant das ist – dergleichen gibt es auch in Bratislava öfter.

Anders wird es beim Okresný súd (Kreisgericht) im südlichen Wohngebiet. Ein einfaches und typisches Bürogebäude, könnte man meinen. An den Schmalseiten weißgraue Steinverkleidung, an den Breitseiten Fensterbänder, silbrig graue Metallverkleidung und vertikale silberne Streben.

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Doch schon dieser Teil begnügt sich damit nicht, springt an der linken Schmalseite viergeschossig zurück, um dann doch wieder fünfgeschossig und mit einem steinverkleideten Dachaufbau sogar sechsgeschossig zu werden. Und dann ruht er auf einem dreigeschossigen Sockel, der als ein Wechsel von Steinflächen und geschosshohen Glasflächen kaum ansatzweise beschrieben ist. Rechts wie links wird er er zweigeschossig. Hinten links im dritten Geschoß hat ein Teil, ein Saal wohl, zur Steinverkleidung schmale vertikale Fenster. Weiter nach links setzt sich der Sockel in einem zurückgesetzten und noch aus vor- und zurückgesetzten Teilen bestehenden Nákupné stredisko (Einkaufszentrum) fort. Neben dem links quer angeordneten Eingang ist ein freistehendes dreigeschossiges Treppenhaus, das seine großzügigen Treppen durch eine, von Steinverkleidung gerahmte Glasfläche zeigt.

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Ganz und gar nicht einfach oder typisch, ist der Okresný súd ein Gebilde aus kompliziert verschachtelten kubischen Elementen, das auf den ersten Blick unmöglich vollständig zu erfassen ist. Hier ist das, was man Humenné-Stil nennen kann, schon in Reinform vorhanden.

Ganz ähnlich, aber horizontaler, linearer, zeigt der Stil sich in einer Ladenzeile, die vom Námestie Sľobody nach Westen führt. Sie beginnt mit einem langen Flachbau mit breitem Dach, vor dem in leichtem Abstand ein von je zwei eckigen Stahlstützen getragenes dünnes Vordach verläuft.

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Kurz vor dessen Ende Ende kommt ein zweites Geschoß dazu, das aber zwischen dem breiten Dachband des Flachbaus und seinem eigenen zuerst nur ein flaches Fensterband hat. Bald beginnen etwas zurückgesetzt ein drittes und ein viertes Geschoß mit Fensterbänder. Nach einem großen Fenster rückt das zweite Geschoß zum Vordach hervor, dessen Verlauf im Erdgeschoß von Kolonnaden aus runden Betonstützten fortgeführt wird. Auch ein Teil des dritten Geschosses rückt bald danach etwas nach vorne. Doch all das wird in den Hintergrund gedrängt durch einen kleinen Raum im zweiten Geschoß, der nach dem Ende des Vordachs bis weit über den Gehsteig hervorragt. Keine Stütze trägt ihn, er scheint zu schweben, während er sonst mit den beiden massiven Bändern von Dach und Brüstung und dem transparenten Band der Fenster ganz wie das übrige Gebäude aussieht.

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Auch hier erwachsen aus der scheinbar typischen Ladenzeile kompliziert auf- und ineinandergesetzte kubische Elemente.

Für sich genommen wären diese vier Gebäude bloß interessant, vielleicht hübsch, aber zusammen ergeben sie einen Stil. Auch an sich weniger auffällige Aspekte werden wichtig, wenn sie in den Kontext dieses Stils gesetzt werden. Der konventionell aufgestützte Raum vor dem Hotel ist dann schon ein Vorläufer des freischwebenden Raums vor der Ladenzeile und die voreinandergesetzten kleiner werdenden Kuben des Urad mesta haben weniger mit Bratislava als eben mit Humenné zu tun. Bezeichnend für den Humenné-Stil ist ein Spiel mit kubischen Formen. Was ein ganz gewöhnlicher Bürobau oder eine ganz gewöhnliche Ladenzeile sein könnte, wird auf überraschende Arten neu zusammengefügt, in eine Bewegung versetzt, ohne daß dabei die einzelnen Teile je anders als gewöhnlich aussähen. Es wirkt manchmal, als ob sich die gewöhnlichen Gebäude wehrten, nur gewöhnlich zu sein, oder ganz im Gegenteil, als ob die Gebäude noch nicht ihre endgültige Form erreicht hätten und noch etwas abgefeilt werden müßte. Obwohl die Funktionalität nie leidet, gibt es manchmal, etwa mit der Treppe des Okresný súd und vor allem mit dem schwebenden Raum der Ladenzeile, rein expressive Elemente.

Wer für die Entstehung dieses Lokalstils von Humenné verantwortlich war, läßt sich nur noch schwer herausfinden. Vielleicht lohnte es sich, das zu erforschen. Keinesfalls darf darüber aber vergessen werden, daß nicht die Formen einzelner Gebäude, sondern die aus standardisierten Gebäuden gebildeten Stadträume das Entscheidende und Neue an der Architektur des Sozialismus sind. Gebäude in einem Stil wie dem von Humenné können immer nur besondere Akzente innerhalb des Stadtganzen, dem sie untergeordnet bleiben, sein.

Shermer High School

„The Breakfast Club“ von John Hughes ist ein Film über Architektur. Nicht nur über Architektur selbstverständlich. In erster Linie ist „The Breakfast Club“ einer der besten und zurecht beliebtesten High School-Filme, die je gedreht wurden. Vielleicht kein anderer Film zeigt die suburbane amerikanische High School im Spätkapitalismus der achtziger Jahre so gut wie er. Es ist dabei ein sehr strenger und artifizieller Film. Die Prämisse seiner Handlung gleicht einer Versuchsanordnung: Was passiert, wenn fünf völlig unterschiedliche Schüler, brain (Streber), athlete (Sportler), basket case (Verrückte), princess (Prinzessin) und criminal (Krimineller), einen Samstag lang gemeinsam nachsitzen müssen?

Ganz wie klassische Dramen hat der Film eine strenge Einheit von Handlung, Zeit und Ort. Deshalb wird der Ort und seine Architektur so wichtig. Sie sind so artifiziell wie der ganze Film: es gibt kein Shermer, Illinois, keine Shermer High School, kein eines wirkliches Gebäude, das aussieht wie das im Film, und vor allem keine Schulbibliothek wie die, in der der weitaus größte Teil des Films spielt. Doch genau wie der Film aus artifiziellen Bestandteilen eine realistische Aussage über sein Thema gewinnt, sagt auch das artifizielle Gebäude des Films mehr über die Architektur seiner Zeit aus, als es ein wirkliches Gebäude könnte. Nicht irgendeine, sondern jede zwischen etwa 1960 und 1980 in einem kapitalistischen Staat errichtete Schule ist es, in der „The Breakfast Club“ spielt.

Von außen ist die Shermer High School ein wohlproportionierter Betonbau, der 1970 tatsächlich als Maine North High School in Des Plaines, Illinois errichtet wurde, aber schon zur Drehzeit des Films 1984 nicht mehr als Schule genutzt wurde.

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Zwischen zwei massiven dreigeschossigen fensterlosen Bauteilen spannt sich ein Geschoß mit Fensterband über Treppen, die zu Eingängen hinauf und hinabführen, und noch etwas weiter steht das flache Dach über. Aber man sieht die Schule nur kurz am Anfang und am Ende von außen. Für die Handlung ist das Äußere so unwichtig wie für alle in Klassenräumen sitzenden Schüler. Fast zur Karikatur wird die Architektur in den Szenen, wo die Schüler halb auf der Flucht vor dem beaufsichtigenden Lehrer durch scheinbar unendliche labyrinthische Gänge irren und rennen, womit sich wohl jeder, der eine ähnliche Schule besucht hat, identifizieren kann. Doch der zentrale Schauplatz des Film, die Bibliothek, zeigt das Wertvolle oder wenigstens das Potential dieser Architektur.

Die Bibliothek, die für den Film in der Sporthalle der wirklichen Schule eingerichtet wurde, ist ein großer rechteckiger Raum, der von vertikalen seitlichen Fenstern und verglasten Teilen des Dachs erleuchtet wird.

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In der Mitte ist ein Bereich mit aufgereihten Tischen und Sesseln. Nur etwas erhöht verläuft um diesen Bereich eine erste Galerie, an deren Wänden Karteischränke, Regale und anderes stehen. Etwas weiter zurückgesetzt ist darüber eine weitere, auf eckigen Stützen ruhende Galerie mit weiteren Regalen, Tischen und Zimmerpalmen. In der Mitte beider Breitseiten führen freischwebende Treppen vom zentralen Lesebereich zu den beiden Galerien hinauf. Alle Geländer bestehen nur aus dünnen Metallstreben und breiten hölzernen Handläufen. An der einen Schmalseite sind auf beiden Ebenen abgetrennte Räume mit gläsernen Türen und Wänden, in denen oben ein Sprachlabor ist.

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An der anderen Schmalseite ist ganz oben in der Mitte, schon zwischen den Streben des Dachs, eine Uhr aus einem Fenster und Zeigern, deren Kreis mit den übrigen eckigen Formen kontrastiert. Nichts in dieser Bibliothek lenkt von der Funktion ab, es gibt nur den verputzten Beton der Wände und Stützen, das Holz der Türen, Regale und Handläufe, das Glas der Fenster und viel Licht. Alle Formen sind bis zur Unsichtbarkeit klar und einfach.

Etwa in der Mitte des Raums steht auf einem niedrigen Sockel eine große Bronzeplastik.

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Ihre Formen sind erkennbar menschlich, aber reduziert, verkürzt, der Kopf ein undefinierter Stumpf, die Arme nur angedeutet. Sie gleicht einem Körper, der sich aus einer über ihn geworfenen Decke herauskämpfen muß. Daß es sich bei der Plastik um „Standing Figure: Knife Edge“ von Henry Moore handelt, muß man nicht einmal wissen. Viel wichtiger ist, wie gut sie, bis auf die Höhe der oberen Galerie aufragend und doch nicht dominant, in diesen Raum paßt. Kunst wie diese, wenn auch meist von weniger berühmten Künstlern, gehört geradezu in Schulen wie diese. Jeder, der eine solche Shermer High School besuchte, hat sie wahrgenommen und so wenig wirklich gesehen wie die Schüler in „The Breakfast Club“. Vielleicht hat er auch angemessen respektlos wie sie mit ihr interagiert: da landet eine Wurstscheibe der basket case in ihren Gesicht und deren von Paprika und Oliven durchsetzte Struktur paßt eigenartig gut zur unregelmäßig löchrigen Struktur der Bronze,

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da lehnt sich die princess im Gespräch versonnen an sie,

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da hängt sich der criminal beim Tanzen um ihren Hals.

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Sie kommen damit der großen Kunst womöglich näher als viele Kunstfreunde.

Genauso wird der Film der Architektur der Sechziger und Siebziger besser gerecht als alle Bildbände, Künstlermonographien und Museen. Die Architektur der Bibliothek ist nicht nur irgendein Rahmen für die Gespräche und Interaktionen der Schüler, nein, sie ist der einzig richtige Rahmen. Wenn sie dort  Bücher zerstören und über sie sprechen, kiffen, tanzen und reden, immer wieder reden, dann tun sie das, wofür diese Architektur geschaffen wurde. Sie will auf unendlich dezente, zurückhaltende und dadurch schöne Art der freien Entfaltung des Menschen, seinem Lernen, seinem Wachsen einen Rahmen geben. Sie will für eine neue Zeit das sein, was die Foren und Akademien für das antike Rom oder Griechenland waren.

Das ist das Ideal, eine Utopie vielleicht, und eine solche vertritt auch der Film, indem er zeigt, daß man sich verstehen könnte, wenn man sich nur träfe und frei redete, daß man voneinander lernen, aneinander wachsen könnte. Doch der Film weiß auch, daß das nicht genügt, da am Montag im Schulalltag wohl alles wieder beim Alten sein wird. Entsprechend ist auch die Architektur nicht genug, das neue Leben, für das sie gebaut wurde, entstehen zu lassen. Was denn auf dem Weg zum Ideal fehlt, weiß der Film nicht und weiß die Architektur nicht. Doch wenn man gesehen hat, was sich in nur wenigen Stunden alles in dieser Architektur entwickelte und dann in der letzten, zum Standbild werdenden Szene sieht, wie der criminal zu  „Don’t you (Forget about me)“ auf dem abendlichen Sportplatz die behandschuhte Faust in die Höhe reckt, während der Diamantohrring der princess in seinem Ohr funkelt, muß man denken: der Sozialismus.

Trójmiasto – Dreistadt

Gdańsk ist nie nur Gdańsk, Sopot ist nie nur Sopot, Gdynia ist nie nur Gdynia, sondern sie sind immer ein Teil der Trójmiasto, der Dreistadt. So lautet die gängige Bezeichnung für, von Süden nach Norden, Gdańsk, Sopot und Gdynia an der polnischen Westseite der Gdańsker Bucht.

Teil eines Wandbilds von Juliusz Studnicki im Bahnhof von Gdynia

Teil eines Wandbilds von Juliusz Studnicki im Bahnhof von Gdynia

Zwischen den einzelnen Teilen der Trójmiasto gibt es deutliche Unterschiede:

  • Die drei Städte sind in dieser Dreiheit keineswegs alle gleich wichtig. Gdańsk als die mit Abstand größte und Gdynia als die zweitgrößte sind die beiden Pole der Trójmiasto und das zwischen ihnen gelegene kleine Sopot ist eher eine Ergänzung, wenn auch eine willkommene.
  • Alle drei liegen am Meer, aber ihr Bezug zu ihm ist jeweils verschieden. Sopot ist eine Stadt am Meer. Gdynia ist eine Stadt am Meer und zusätzlich eine Hafenstadt. Gdańsk aber ist eine Hafenstadt, die gerade durch ihren Hafen vom Meer getrennt ist.
  • Gdańsk ist eine alte Stadt mit mittelalterlichem Kern. Sopot ist ein vom Tourismus des späten 19. Jahrhunderts geprägtes Seebad. Gdynia ist eine junge Stadt, die erst ab den zwanziger Jahren aufgebaut wurde, weil der junge polnische Staat nur hier einen souveränen Zugang zum Meer hatte und einen Überseehafen brauchte.
  • Die geschichtlichen Beziehungen im Schnittpunkt von Polnischem und Deutschem, die die drei Städte der Trójmiasto untereinander haben,  sind, wie schon das obige andeutet, äußerst kompliziert. Doch die Trójmiasto ist eine polnische Stadt und das nicht nur, weil das originär polnische Gdynia dazugehört. Vielmehr war es erst die Zugehörigkeit aller drei Städte zu Polen nach 1945, die erlaubte, an ihr Zusammenwachsen zu einer Trójmiasto überhaupt zu denken und es sind Wohngebiete aus der sozialistischen Zeit, die die Lücken zwischen den Städten füllen.
  • Die Trójmiasto ist somit eine typische Bandstadt mit all den Vor- und Nachteilen einer solchen. Diese Struktur ist dadurch unterstützt, daß ihre Ausbreitungsmöglichkeiten vom Meer im Osten und von den bewaldeten Hügeln im Westen eingeschränkt sind. Ihr Rückgrat ist der leistungsfähige Gleiskorridor, der durch sie führt. Er ist immer mindestens viergleisig mit zwei Gleisen für den Fern- und Güterverkehr und zwei für die Stadtschnellbahn SKM.

Doch ist die Trójmiasto nun eine Stadt oder drei? Administrativ ist sie keine Einheit, städtebaulich gibt es viele Brüche, die Bewohner identifizieren sich mit den jeweiligen Städten. Vielleicht ist die Frage aber auch falsch gestellt und eigentlich ist es so: Die Trójmiasto ist eine Stadt und drei Städte. Sie ist eine dreifaltige Stadt. Ganz wie jede gute Dreifaltigkeit ist sie beinahe paradox und nur mit kompliziertesten theologischen und städtekundlichen Versuchen annähernd zu verstehen. Derlei Annäherungen soll es an dieser Stelle im Folgenden einige geben.

Die früheren Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg im Busbahnhof von Gdańsk

Die früheren Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg im Busbahnhof von Gdańsk

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Stará Ľubovňa

Stará Ľubovňa, das alte Ľubovňa, ist bereit für die Zukunft. Als der Ort im östlichen Tatravorland im Jahre 1966 an das tschechoslowakische Schienennetz angeschlossen wurde, bekam er auch einen standesgemäßen Bahnhof.

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(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Den Bahnsteigen wendet das in Hellblau und Weiß gehaltene Gebäude ein auf sichtbaren schrägen Streben weit vorschwebendes Betonvordach zu, hinter dem in der Mitte die blaugefaßten Fenster der Halle sichtbar sind, während ganz rechts, wo es etwas weniger vorsteht, der zweigeschossige Bauteil mit den Betriebsräumen ist. Der Eingang in die Halle ist nur klein, fast unauffällig, aber wenn man über ihn zugeht, schweben die hellblauen Metallbuchstaben des Bahnhofsnamens über einem vorm Himmel.

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Durch einen breiten Gang kommt man die Halle und gegenüber ist eine Wand mit einer Tür nach draußen, die wiederum so klein ist, als wolle sie gar nicht benutzt werden.

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Rings um sie ist eine große, leicht horizontal und vertikal aufgeteilte Glasfläche, durch die man aber nur auf Gewerbeanlagen blickt und das Wohngebiet auf dem Hügel jenseits des Flusses Poprad beinahe übersehen könnte. Der Boden hat ein Quadratmuster aus gelben, weißen und roten Fließen, auf dem einige kleine Pflanzenkübel stehen. An der rechten Seite sind im Hellblau des unteren Teils der Wände zwei schräge Einbuchtungen mit Schaltern, an der linken geht es ins Restaurant. Auf den großen weißen Flächen  im oberen Teil der Wände sind dann Kunstwerke aus dünnen Stahllinien.

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Beide sehr ähnlich, beide Ellipsen und annähernde Kreislinien um eine Kugel, in denen rechts eine kleine Raumkapsel und links ein Sputnik sind. Links kommt dazu weiter unten eine alte Lokomotive oder ein Dampfauto, das heute von einer Palme fast verdeckt ist.

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Kaum mit großer Verspätung im Eisenbahnzeitalter angekommen, will Stará Ľubovňa also, vernünftigerweise und für tschechoslowakische Bahnhöfe nicht ungewöhnlich, in den Weltraum. Die ganze Halle unterstützt diese Symbolik: der Boden in erdigen Tönen und mit Pflanzen steht für die Erde, der blaue Teil des Wände für den Himmel und der weiße Teil für den Weltraum.

Zugleich ist der Bahnhof der Vergangenheit ganz nah. Wenn man unter dem schwebenden Dach steht, meint man jenseits eines nahen Hügels eine kleine Burg zu sehen.

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Tatsächlich ist es nur der höchste Teil der riesigen, das ganze weitere Tal beherrschenden Burg Ľubovňa.

Außer dem Zugbahnhof baute sich Stará Ľubovňa auch noch einen Busbahnhof. Er steht nicht daneben, obwohl dort Platz wäre, sondern etwas weiter entfernt in der Straßenbiegung, von der es weiter in die auf einem anderen Hügel jenseits des Flusses gelegene Altstadt geht. Er besteht aus einem langen Bahnsteig, über dem auf hohen Stützen ein zur einen Seite weniger, zu anderen mehr aufsteigendes wellblechverkleidetes Dach ist, und einem in der Mitte quer dazugesetzten Schalter- und Warteraum mit orangebrauner Verkleidung und schmalen vertikalen Streben.

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Obwohl das völlig schlicht, fast schon provisorisch wirkt, hat es auch etwas von der Form eines auf die Altstadt zusteuernden Doppeldeckers. Der Innenraum ist trotz nach rechts zeigenden Fenstern eher dunkel und auch Kunst mit oder ohne Weltraumbezug fehlt ihm.

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Doch anders als der Bahnhof lebt der Busbahnhof. Außer an Wochenenden ist Stará Ľubovňa Endstation der Züge von Poprad, die junge Bahnlinie, die nach Polen führen könnte, kaum noch genutzt, das Restaurant leerstehend, die Tür nach draußen verschlossen, der Weltraum ferner denn je.

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Der Busbahnhof hingegen ist Zentrum eines offenbar gut funktionierenden ländlichen Nahverkehrssystems. Zu bestimmten Zeiten finden sich hier viele neue grüne Busse ein, um reibungslose Umstiege zu ermöglichen.

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Das ist gut, aber der Bahnhof hatte mehr versprochen. Bereit für die Zukunft ist er noch immer.