Archiv der Kategorie: Schoorl

Liebenserklärungen an Bänke(n)

Manchmal findet man auf Bänken kleine Plaketten mit Widmungen. Meist sind es Liebeserklärungen älterer Menschen an ihre Partner. Mögen die gewählten Wort auch trivial bis kitschig sein, so ist die Verbindung von etwas offenkundig Nützlichem wie einer Bank mit einer romantischen Geste doch hübsch. Wenn dann, wie an einer Bank im Gdańsker Park Oliwski (Oliwaer Park), der Text doch einmal interessanter ist oder die Bank am Lieblingsort einer genannten Person steht, kommt zum Ausblick, den man sitzend hat, noch ein kleiner Einblick in ein fremdes Leben.

„Dem Schmetterling, zur Erinnerung an gemeinsame Reisen und das Überschreiten vieler Grenzen. Danke!“

Und wenn, wie in den Dünen bei Schoorl im Norden Hollands, auf einer Bank nicht nur eine Plakette ist, sondern durch ein kreisrundes Loch an ihrem Rande noch ein Baum wächst, entsteht vielleicht so etwas wie Kunst und sicher ein schöner neuer Ort als Erinnerung an „Pim Zwart (1946-2015)“.

Eine andere Art von Plakette findet sich an einer Bank in einer stillen Allee am Rande von Oliwa, wo es schon beinahe in die Hügel übergangen ist.

Sie informiert neben dem Stadtwappen und dem Schriftzug des Straßen- und Grünflächenamts darüber, daß die Bank 2017 für 947,10 Złoty (223,31 Euro nach dem Kurs vom 1.8.2017) gekauft wurde.

Das ist etwas prosaischer als die romantischen Bankplaketten, aber in ein paar tausend Jahren wird es für unsere Nachfahren vielleicht so interessant sein wie für uns Keilschrifttexte über Kaufverträge, interessanter vielleicht noch als die Liebeserklärungen. In Anbetracht dessen hätte die Stadt die Plakette prominent vorne statt verschämt hinten anbringen sollen.

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Architektur der falschen Bescheidenheit

Bei Schoorl in Nordholland steht ein Haus, das aussieht, als wäre es nur gebaut worden, um in Architekturzeitschriften abgebildet zu werden.

HausSchoorl2

Es wirkt sehr bescheiden. Sein oberer Teil ist großflächig verglast wie einige berühmte Villen der Fünfziger, sein Sheddach erinnert gar an ein an Fabrikgebäude. Doch dieser gesamte obere Teil ist nur eine verschwenderisch große Wohnküche. Alle übrigen Räume befinden sich darunter in einem bunkerartig grasbewachsenen Sockelgeschoß, das sich mit einer Fensterfront zu einem großen Feld öffnet.

HausSchoorl1

Scheinbar könnte dieses Gebäude überall stehen, scheinbar hat es nichts spezifisch Niederländisches an sich. Doch wiewohl ihm jegliche Bezüge auf überkommene Zierformen fehlen, hat es viel mit traditionellen niederländischen Stadthäusern gemein. Diese haben ein großfenstriges, von der Straße gut einsehbares Erdgeschoß und darüber die übrigen Räume; hier ist es umgekehrt.

Zudem ist es ist ein Gebäude, das seine Größe versteckt und das sich bescheiden gibt. Auch das macht es zu einem sehr niederländischen Gebäude.

Geringe Größe, Bescheidenheit sind typische Merkmale überkommener niederländischer Häuser. In der mittelalterlichen Enge der Städte war das kaum anders möglich. Auf dem Land entstanden zwar größere Häuser, etwa die typischen nordholländischen Bauernhäuser mit großem quadratischen Grundriß und hohem, ursprünglich reedgedecktem Zeltdach,

BauernhausSchoorl

aber ihre Größe relativiert sich sehr, wenn man überlegt, daß sie nicht nur dem Wohnen mehrerer Generationen einer Familie, sondern auch noch als Stall und Lagerraum dienten. Auch als sich die alten Städte im 19. Jahrhundert vergrößerten, blieben die meisten der nun entstehenden Reihenhäuser klein und bescheiden, soziale Unterschiede lassen sich nur schwer auszmachen.

Es gab eine kurze Zeit, in der die niederländische Architektur auf ihre traditionelle Bescheidenheit verzichtete. Weder die historistische Backsteinvilla von circa 1900

VillaBergen

noch die sachlich-weiße Villa von 1932, beide in Bergen,

DokterswoningBergenDorpstraat

bemühen sich im geringsten bescheiden zu sein oder zu wirken. Sie zeigen durch ihre Größe im Gegenteil deutlich den sozialen Status ihrer Bewohner.

Lange währte dieses Phase der Ehrlichkeit in der niederländischen Architektur nicht. Mindestens seit 1945 ist sie bestimmt von vorgeblich egalitären Reihenhäusern und einzelnen darüber hinausgehenden Wohngebieten. Doch auch die Häuser der Reichen bemühen sich, ihre Größe möglichst zu verbergen. Dazu werden unter schräge Dächer drei, vier Geschosse untergebracht

VillaReedBergen

oder rustikal-ökologisch anmutende Ferienhäuschen bekommen riesige, aufwendig in den Poldersand gegrabene Kellergeschosse.

FerienhäuserSchoorl

Das eingangs beschriebene Gebäude ist nichts anderes als die, architektonisch sicherlich anspruchvollere, Fortsetzung dieser Entwicklung. Es ist Ausdruck einer Architektur der falschen Bescheidenheit.