Archiv für den Monat Oktober 2016

Der doppelte Hevelius

Johannes Hevelius ist der zweitberühmteste Astronom, um den sich Polen und Deutschland streiten. Oder jedenfalls streiten könnten, denn anders als für Kopernikus, nach dem ein ganzes Weltbild benannt ist, interessiert sich für Hevelius eigentlich niemand, typisches Schicksal der Zweitplatzierten. Auch eine Namensdiskussion – ob er nun sehr deutsch Johann Hewelcke oder dezent polonisiert Jan Heweliusz heißen sollte – erübrigt sich deshalb und ebenso der Hinweis, daß schon seine Verwendung des lateinischen Namens Hevelius in auf Latein geschriebenen Büchern zeigt, wie absurd es ist, aktuelle Nationalitätsvorstellungen auf das 17. Jahrhundert anzuwenden.

Bloß seine Heimatstadt Gdańsk erinnert sich noch an ihn und sie nennt ihn Jan Heweliusz, was hier also auch geschehen soll. So gibt es eine Gedenktafel an der Ecke Jana Heweliusza (Jan-Heweliusz-Straße) und Korzenna (Gewürzstraße):

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An dieser Stelle standen die Häuser und das Observatorium des nach Mikołaj Kopernik berühmtesten Astronomen in der polnischen Rzeczpospolita Jan Heweliusz (28.1.1611 – 28.1.1687), Schöpfer der Werke: Selenographia – 1647, Cometographia – 1668, Machina coelestis – 1673 – 1679, Prodromus astronomiae – 1690, Mitglied der Royal Society in London, der sich der Unterstützung der Könige von Polen und Frankreich erfreute, Mitglied der Bank und des Rats der Altstadt Zum dreihundersten Jahrestag des Todes des Astronomen Die Einwohner von Gdańsk

Auf elegante Weise ist hier die leidige Nationalitätenfrage umgangen, indem nur erwähnt wird, daß Heweliusz Bürger der polnischen Rzeczpospolita, also des als Adelsrepublik unzureichend beschriebenen äußerst komplizierten polnisch-litauischen Staates der Zeit, war. Da Gdańsk zur Rzeczpospolita gehörte, ist das unzweifelhaft wahr. Daß er im Alltag deutsch sprach und polnisch überhaupt nicht, wird nicht bestritten, sondern einfach nicht erwähnt, da es für sein Wirken auch in der Tat belanglos war. Vielleicht mag Gdańsk Heweliusz auch deshalb lieber als andere seiner zwar berühmteren, aber allzu deutschen Söhne.

Auch zwei Denkmäler gibt es. Sie sagen fast erschreckend viel über Gdańsk und seine Beziehung zu Heweliusz aus – oder deren Fehlen. Beide stehen in einem Grünstreifen entlang des Kanał Raduni (Radunia-Kanals), nicht weit voneinander entfernt, das eine links, das andere rechts der Ulica Rajska. Aber Welten trennen sie.

Das erste Denkmal, geschaffen von Michał Gąsienica-Szosta, befindet sich etwas abseits der Straße, beinahe versteckt. Wenn man unter großen Weiden zwischen Dom Technika (Haus des Technikers) und Mały Młyn (Kleiner Mühle) vorbeigeht, gelangt man in eine kleine Grünanlage. Bestimmt ist sie von zwei großen quadratischen backsteingefassten Beeten und Holzbänken in L- oder ל -förmigen Backsteinmauern. Im zweiten der Beete steht das Denkmal für Jan Heweliusz.

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Auf einer Säule sitzt er umgeben von zwei Ringen, an deren Kreuzungspunkten außen Planeten hängen, auf einem altmodischen Schalenhocker, der an den Seiten Köpfe hat, gekleidet in das lange Kleid und die breite Halskrause eines protestantischen Bürgers des 17. Jahrhunderts, ein geöffnetes Buch auf dem Schoß und den Blick mit in den Nacken gelegtem Kopf nach oben gerichtet, wo eine Sonne mit goldene Flammen ist. All das ist äußerst reduziert und doch eindeutig. Die steinerne Säule ist nur ein Zylinder zwischen zwei Würfeln, die Skulptur ist nicht mehr und nicht weniger als das Beschriebene, die Ringe sind schwarzer Stahl, die wenigen Himmelskörper an den Ringen sind bloß volle oder offene Kugeln. Einzig über Heweliusz lodert die Sonne, die nicht nur die eines fernen Sternensystems, sondern die der Aufklärung und des Fortschritts sein muß.

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Wie Heweliusz noch auf dem unnötig verzierten Hocker sitzt und schon zu den Sternen blickt, steht auch seine Skulptur am Treffpunkt von Alt und Neu. Nah sind wie erwähnt das Dom Technika, ein Bau aus sozialistischer Zeit mit Fensterbändern, Backstein, Beton, die Mały Młyn, ein über den Kanal gesetzer spitzer gotischer Bau, und ein kleines Fachwerkhaus am Ufer, in der weiteren Umgebung ragen die neuen Hochhäuser wie die alten Kirchtürme auf und immer ist da das Grün der Bäume und Beete. Ort und Kunst ergänzen einander perfekt.

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Die Gdanska młodzież, die Jugend von Gdańsk, war es, die Heweliusz im Jahre 1973 dieses Denkmal widmete, wie auf dem oberen Würfel der Säule zu lesen ist. Zu schön wäre die Vorstellung, daß sie es in bewußter sozialistischer Überzeung tat, aber das Denkmal und sein Ort wissen jedenfalls von einer Zukunft, von einem Neuen.

Das zweite Denkmal, für das ein Jan Szczypka verantwortlich ist, ist neu und steht prominent in der mit Bänken und Springbrunnen einfallslos neugestalteten Grünanlage. Dieser Jan Heweliusz ist eine überlebensgroße Bronzeplastik.

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Er sitzt in zeitgenössischer Kleidung eigenartig verrenkt da, ein Fuß auf einer Treppe, sein Blick schräg nach rechts oben zu den Bäumen gerichtet, neben dem Kopf ein riesiges astronomisches Gerät, das er aber nicht zu benutzen scheint. So detailrealistisch die Darstellung ist, so wenig Leben hat sie doch. Die Plastik ist bloß die Karikatur eines Gelehrten.

Rechts ist auf einer Brandmauer eine von Heweliusz geschaffene Sternenkarte aufgemalt.

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Das ist der einzige gute Einfall, aber er bleibt ohne Bezug zur Plastik, ja, wäre ohne die Nähe der dummen Karikatur besser. Die Reproduktion der Sternenkarte ist immerhin ein Blick in die Vergangenheit, während das eigentliche Denkmal nirgendwohin blickt. Auch, daß das Denkmal direkt vor dem filigranen Renaissancerathaus der Altstadt, jenes Teils von Gdańsk, in dem Heweliusz wirkte, steht, ist eigentlich egal. Daß diese lächerliche Gestalt dort nämlich Interesse an Gestirnen hätte, daß sie wüßte, wieso sie dort herumsitzt, daß sie von einer Zukunft träumte – man glaubt es ihr einfach nicht.

Der Unterscheid zwischen beiden Denkmälern ist der Unterschied zwischen den Zeiten, in denen sie entstanden. Michał Gąsienica-Szosta, dem Bildhauer von 1973, fiel zu Heweliusz etwas ein, er sah sich selbst und seine Welt in ihm. In seiner Skulptur ist das ganze Staunen und die Begeisterung beim Blick in den Sternenhimmel, das, was noch vor der Astronomie kommt und was jeder kennt. Denn er lebte in einer Zeit, die zu den Sternen nicht nur wollte, sondern bei ihnen war, einer Zeit der Raumstationen und Mondlandungen. Die Hochhäuser, das Dom Technika, die Grünanlage selbst und auch das aufgehobene Alte waren die terrestrischen Äquvalente der Raumfahrt und das Denkmal erwächst wie selbstverständlich, wie von selbst aus seiner Umgebung.

Der Künstler von 2005, dessen Name ihm zuliebe nicht wiederholt sei, hat zu Heweliusz keinen Bezug. Eine Zukunft konnte er sich nicht vorstellen und das lag eben nicht nur an seinem offenkundig geringen Talent. Denn wie sollte er auch in einer Zeit, in der Raumfahrt ein Werbegag von Luxusautoherstellern und Onlinebuchhändlern ist?

Es ist denn auch kein Wunder, daß diese Zeit den Heweliusz von 1973 loswerden mußte. Ursprünglich nämlich stand er dort, wo jetzt das neuere Denkmal steht. Erst im Jahre 2004 wurde er an seinen heutigen Standort versetzt, doch was als Verbannung gedacht war, war eine Heimkehr, war die Ankunft dort, wo er immer hingehört hatte.

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Dort finden ihn die, die ihn zu schätzen wissen, und die, die aus verschiedenen Gründen etwas Ruhe suchen, ohne auf Stadt verzichten zu können. Auch die Obdachlosen, die typischsten Repräsentanten der Veränderung, die die Welt zwischen 1973 und 2005 durchmachte, sitzen hier manchmal oder lagern auf der Wiese am Kanal. Von den Bänken der für die deutschen Kultur- und skandinavischen Alkoholtouristen gepflegten Grünanlage um den neueren, aber nicht neuen Heweliusz würden sie vertrieben werden, doch beim älteren, der ewig neuer bleiben wird, finden sie eine Zuflucht. Jede Zeit hat eben den Jan Heweliusz, den sie verdient.

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Die Zukünfte der Domaša

An der Domaša kann man Glampingurlaub machen. Mit diesem wenig schönen Wort aus Glamour und Camping wird ein Luxuszelten bezeichnet, bei dem man nicht mehr in einem Zelt, sondern in einer Art Haus aus Stoff nächtigt.

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Man würde es wohl eher irgendwo in der afrikanischen Savanne als an dem Stausee im Osten der Slowakei, der die Domaša ist, vermuten.

Irgendwo zwischen Vranov nad Toplou und Humenné, gar nicht mehr weit von der Ukraine, liegt die Domaša und sie ist, wie viele der großen tschechoslowakischen Stauseen, noch nicht alt. Als zu ihrer Schaffung in den Sechzigern der Fluß Ondava gestaut wurde, verschwanden fünf Dörfer unter dem Wasser und ihre Bewohner wurden umgesiedelt. Wieviel für diesen Verlust gewonnen wurde, spürt man nicht am von der Talsperre produzierten Strom, aber man sieht es auf den ersten Blick, wenn man von Domaša-Poľany über den See blickt. Inmitten von grünen Hügeln scheint da gar kein See zu liegen, sondern eine mediterrane Meeresbucht, deren Wasser am Rande grün ist und dann immer blauer wird.

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An windigen Tagen wird dieser Eindruck noch von den sanft an den steinigen Strand schwappenden Wellen verstärkt. Von Anfang an hatte der Stausee eine Doppelfunktion: Energiegewinnung für die umliegenden sehr rückständigen Gegenden und Schaffung eines Erholungsgebiets für die gesamte Tschechoslowakei. Die Frage, was von beidem wichtiger war, erübrigt sich, da beides ganz von selbst und ohne jeden Konflikt zusammengeht.

Der Ort Domaša-Poľany entstand mit dem Stausee und diente nur dem Tourismus. Nur eine Handvoll Häuser gibt es, in erster Reihe aber stehen zum Wasser gewandt die Gebäude für die Touristen. Links der herabführenden Kurve ein kleines Hotel.

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Die zwei weißgetünchten Geschosse mit Balkonen ziehen sich stufenartig versetzt den Hang hinab und enden mit einem Bauteil, in dem unten hinter holzverkleideten Stützen der Eingang ist, während sich oben eine riesige Terrasse mit leicht abgeschrägtem Holzdach zum See öffnet.

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Rechts der Straße, direkt in der Kurve, steht ein großes Restaurantgebäude.

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Markantestes Element sind seine seitlich verglasten Satteldächer und der steinerne Schornstein. Sie ruhen auf einem mit naturbelassenen grauen Steinen verkleideten Sockel, der in zwei Terrassenstufen weiter zum See führt. Von der Seite führt eine lange Rampe zum Eingang, während von unten eine Treppe durch die verschachtelten Terrassen hinaufführt.

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Ist dieses Restaurant typische Tourismusarchitektur seiner Zeit, die rustikale Elemente mit modernen Formen verbindet, Architektur, in der im Westen auch Villen gebaut wurden, ist sein Nachbarbau in der parallel zum Wasser weiterführenden Straße reine Konstruktion.

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Es ist eine Freiluftdiskothek, die fast nur aus einem großen Dach aus Stahl und leicht gewelltem, leicht lichtdurchlässigem Kunststoff besteht. Dieses Dach ruht hinten auf einigen geraden Stützen, während vorne zwei hohe schräge Stützen noch nach oben aus ihm herausragen und es mit Stahlseilen tragen. Darunter ist eine dreistufige Betonfläche mit Geländern und rückwärtig schließt ein kleiner Flachbau mit den Öffnungen der Bar an. Mit einer einfachen und völlig offenliegenden Konstruktion, die in den vorderen Stützen leicht expressiv eingesetzt wird, entsteht ein besonderer, sofort wiedererkennbarer Ort. Man kann sich vorstellen, wie schön es war, dort mit Blick über den mediterranen See warme Sommernächte zu verbringen.

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Das nächste und auch schon letzte Gebäude ist die Pension „U Leva“ (Zum Löwen). Sie steht weit von der Straße zurückgesetzt hinter einer großen Grünfläche.

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Links ist ein großer Saal mit schrägem Dach und vielen rechteckigen Fenstern, dann der Eingang, über dem ein großer freischwebender Balkon ist, und schließlich unter einer Abfolge von Satteldächern die zwei Geschosse mit den großfenstrigen Zimmern.

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Vor den beschriebenen Gebäuden erstreckt sich gen Wasser eine große leicht abschüssige Wiese, die zur Hälfte als Campingplatz und zur Hälfte als Liegewiese dient. Auf dem zweiten Teil steht ein Hochsitz für die Badeaufsicht, der aus einer einzigen stählernen Stütze, Holzboden und Wellblechdach besteht, ein Standardmodell, das es auch an anderen tschechoslowakischen Seen gibt.

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Doch die besten Zeiten des Tourismus an der Domaša sind vorbei. Keiner braucht mehr ein ostslowakisches Mittelmeer, wenn ihm das echte offensteht. Alle beschriebenen Gebäude stehen entweder leer oder, vielleicht noch trauriger, es ist ihnen nicht anzusehen, ob sie noch benutzt werden oder nicht. Daß es laut einem Plakat noch 2012 eine Veranstaltung in der Freiluftdisko gab, erstaunt eher.

Einzig der Campingplatz überstand die Veränderungen der letzten fünfundzwanzig Jahre. War er einst nur ein Teil des Tourismusorts Domaša-Poľana, ist er heute sein Zentrum. Seit einer Weile bemüht er sich sogar, dem Ort oder vielmehr dem See zu einer zweiten Blüte zu verhelfen. Die zu ihm gehörenden Imbiß- und Kneipenhütte mit dem wortspielenden Namen „A na nás“ (Und auf uns/Ananas) hat vor dem zwischen slowakischer Rustikalität und Surflook schwankenden Innenraum eine Terrasse, auf der mit weißem Tuch bespannte Liegestühle und mit weißem Tuch bedeckte Tische stehen.

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Inmitten der verfallenden Pracht der sozialistischen Tourismusarchitektur evoziert das plötzlich Bilder eines ganz anderen Luxus. Wer dort in den Liegestühlen sitzt, sollte vor sich kein Bier, sondern einen raffinierten Cocktail stehen haben. Und nicht gewöhnliches Camping, sondern Glamping würde zu ihm passen. Kein Zelt, sondern ein regelrechtes Gebäudes aus weißem Stoff, das auf einer in den Hang gesetzten Plattform steht, sollte er haben, nicht auf dem Boden, sondern in gemütlichen Betten sollte er darin schlafen und er sollte nur zwei Planen hochschlagen müssen, um über seine eigene Terrasse zum See zu blicken.

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Ein solches Luxuszelt gibt es bereits, zwei weitere sollen folgen. Das ist der Beginn des Glampings an der Domaša.

Vielleicht müßte betont werden, daß es an der Domaša gar so anders als in der afrikanischen Savanne doch nicht ist: So wie die dortigen Glamping-Urlauber ihren Luxus inmitten der wohlkuratierten und auf sicherem Abstand gehaltenen wilden Tiere und Einheimischen genießen, können sie es hier inmitten der architektonischen Reste des Sozialismus tun. Das Zielpublikum dafür ist allerdings wohl ungleich geringer, ob es für einen Neuanfang reicht, ist schwer zu sagen, und zur slowakischen Adria wird die Domaša so bald nicht wieder werden. Aber dafür kostet eine Nacht des Glampings an der Domaša für zwei Personen auch nur 15 Euro.

Bahnhof und KFC in Gdańsk

Der Bahnhof von Gdańsk ist ein wilhelminisches Monstrum aus der Zeit, als die Stadt an der polnischen Ostseeküste noch Danzig hieß. Den zweiten Weltkrieg hat er leider ohne erkennbare Zerstörungen überstanden.

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(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Eine Halle mit Treppengiebel und großem rundbögigen Fenster, links ein hoher Turm, viel roter Backstein, etwas gelb-grauer Sandstein, allerlei Türmchen und Schnörkel, der Stil irgendwie Renaissance, um die wirkliche Renaissance der Stadt und die Architektur überhaupt zu beleidigen. Allerdings : Der schlimmste der deutschen Bahnhöfe der Kaiserzeit ist er nicht. Das ist denn auch alles Positive ist, das man über ihn sagen könnte.

Auch der McDonald’s rettet ihn wider Erwarten nicht.

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Zwar liegt er im niedrigeren rechten Seitenteil, wo der Bahnhof sich bereits ein wenig beruhigt hat und in komplizierten Dachstrukturen ausläuft. Der Bogen, in dem das gelbe M prangt, ist schon durch einen flachen Vorbau abgemildert. Aber nicht direkt hinter dem Glas, sondern rückwärtig befindet sich das Restaurant, zwar zweigeschossig, aber ohne Fenster und so auch tagsüber dunkel.

Doch da ist noch Kentucky Fried Chicken, KFC. Er hat ein zweigeschossiges Gebäude, das rechts quer zum Bahnhof steht und auch baulich schon losgelöst von ihm ist.

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Seine Formen sind nicht anders: zwei Geschosse, roter Backstein, Giebel und große rundbögige Fenster in den Schmalseiten und in der Mitte der zum Bahnhofsvorplatz zeigenden Breitseite, wo noch ein vorgesetzter Eingang mit Balkon ist. Aber im Vergleich zum Bahnhof wirkt all das geradezu zierlich.

Im Inneren ist ein Tonnengewölbe, in das eine Galerie mit großer Treppe eingezogen ist.

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Daß der heutige Aufbau des Innenraums nichts mit dem ursprünglichen zu tun hat, merkt man schon daran, daß der Balkon von nirgendwo erreichbar ist.

Man kann also unten inmitten der vorbeitreibenden Menschenströme sitzen oder aber oben. Zur einen Seite blickt man dort über die vielspurige Straße und das Einkaufszentrum zum Turm des Kościól Św. Katarzyny (Katharinenkirche) oder zu einem braunverkleideten Hochhaus.

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Zur anderen Seite blickt man über einen vom Bahnhof, dem KFC-Gebäude, den Enden der beiden Kopfbahnsteige und den Seiten der drei Durchgangsbahnsteige gebildeten Platz, der bis auf einen runden Kiosk in seiner Mitte völlig leer ist.

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Auf der einen Seite hat man somit die Stadt und den Autoverkehr, auf der anderen den Bahnhofsbetrieb und den Zugverkehr. Zudem gibt es auf dem rückwärtigen flachen Anbau eine große Terrasse, von der man man noch weitere Blicke über beides hat und ganz barierrefrei dem Verkehrsrauschen ausgesetzt ist.

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Daß in dem kleinen Gebäude offenbar einmal Kassen waren, würde man heute nicht mehr erkennen und es ist auch nicht von Belang. Für den KFC nämlich scheint es wie geschaffen. Die beiden verglasten Geschosse vorne, der Küchentrakt hinten, der Balkon – genau so könnte auch ein Standardgebäude für ein Fast-Food-Restaurant aussehen. Genau so könnte es auch an irgendeiner Ausfallstraße stehen. Von der lächerlichen Monumentalität des Bahnhofs sieht man von den besten Plätzen im Inneren auch nichts mehr. Das Schönste in Gdańsk ist KFC.

Rajec

Wer mit tschechoslowakischen Dingen vertraut ist, kennt Rajec für sein Mineralwasser, weiß aber nicht unbedingt, daß es in der Slowakei oder in deren nordwestlichem Teil liegt. Doch verdient hätte es Bekanntheit für seinen Námestie SNP (Platz des SNP).

Die Gestaltung des etwa quadratischen Platzes basiert auf einem regelmäßigen Raster großer Quadrate, deren Flächen geteert sind, während die Linien aus Gras zwischen kleinen schwarzen Pflastersteinen bestehen. Solche Raster sieht man auf vielen kleinen oder großen, neuen oder alten Plätzen, aber selten sieht man sie nicht nur als hübsche Form, sondern als durchdachtes Gestaltungselement verwendet.

Wenn man nach dem recht weiten Weg vom Bahnhof den Platz an seiner nordöstlichen Ecke betritt, führen die Linien und Flächen des Pflasters quer durch ihn hindurch und scheinbar auf den hohen barocken Turm einer Kirche zu, die tatsächlich deutlich abseits steht.

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(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Da an der gegenüberliegenden südwestlichen Ecke ein einzelner Streifen des Rasters von baumbestandenen Grasflächen eingefaßt ist, wird der Bezug zur Kirche so stark, daß man eher das Gefühl einer Straße, einer Allee, eines Pilgerwegs früherer Zeiten bekommt.

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Aber das ist nur der erste von vielen Aspekten des Námestie SNP.

Das Raster nimmt auch das wichtigste Gebäude des Platzes, ja, der Stadt auf: das mittig auf der östlichen Seite freistehende Rathaus.

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Es ist ein wunderbar einfacher weißgetünchter Renaissancebau. Das Erdgeschoß ist eine Halle mit Kreuzrippengewölbe, die sich mit Rundbögen, drei auf den Breiteseiten und zwei auf den Schmalseiten, nach außen öffnet. Einst war sie offen, heute ist ihre Transparenz durch ans innere Ende der tiefen Bögen angefügte Glasflächen erhalten. Im Obergeschoß sind einfache gerahmte Fenster und darüber ein hohes Walmdach. Ohne jeden Prunk oder Machtgeste, sogar ohne in der Mitte zu sein, wird das Rathaus zum Mittelpunkt des Platzes. Die Linien des Rasters unterstützen das, indem sie auf die massiven Pfeiler zwischen den Bögen zulaufen. Je nach Sichtweise entspringt das Raster aus dem Rathaus oder aber das Rathaus erwächst aus dem Raster.

Die Nord-Ost-Ecke des Platzes ist der Erinnerung an den namensgebenden SNP (Slowakischen Nationalaufstand) gewidmet.

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Linkst steht auf einer in drei niedrigen Stufen ansteigenden schwarzen Sockelfläche, die eines der Quadrate einnimmt, eine teils schräge Betonstele. An den schmalen Seiten sind nur die Jahreszahlen 1944 und 1945, während auf einem vorgesetzten Teil nach hinten vertikale Rillen und nach vorne eine weit überlebensgroße Frauengestalt aus silbrigem Metall sind.

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Die Stele ist nach Süden, zum Rathaus, ausgerichtet, aber die Frau, halb Relief, halb Skulptur, steht in einem leichten Kleid, mit um die Schulter fallendem Tuch und Pferdeschwanz nach links gewandt, wohin sie auch einen Arm mit einem kleinen Lindenzweig erhoben hat. Sie scheint in die Ferne zu schauen, vielleicht zu den sanften Berghängen, die hinter der nordwestlichen Ecke des Platzes ansteigen.

Rechts endet das Raster mit Beeten und dahinter beginnt eine leicht erhöhte Betonebene. Ihr äußerer Rand steigt in einer Schräge an, die dann von einem Betongeländer wieder aufgenommen wird.

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Rechts ist daran eine Steintafel mit den Namen der im zweiten Weltkrieg umgekommenen Einwohner von Rajec. In der Mitte steht auf einem noch einmal leicht erhöhten und vorgesetzten Betonstreifen in Metallbuchstaben:

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„V mieri kvitne ľudské šťastie“ (Im Frieden blüht das menschliche Glück).

Der schöne Satz auf dem Beton beschreibt den Sozialismus im Allgemeinen, der nach dem Krieg und in Fortführung der Ziele des SNP im Frieden das menschliche Glück erblühen ließ, aber auch den Platz im Besonderen, der auf viele Arten blüht, um dem menschlichen Glück zu dienen. Und hinter diesem Satz standen bei Feierlichkeiten die Vertreter des Sozialismus, denn das Betongeländer gehört zu einer Rednertribüne. Entlang der gesamten Ostseite setzt sich die Betonebene aber fort, nun mit Bänken, wird langsam niedriger und wieder Teil der Platzfläche. So wie das Denkmal die Erinnerung an den Krieg mit dem Frieden der Gegenwart verbindet, verbindet die Betonebene die besonderen Anlässen vorbehaltene Rednertribüne mit der Alltäglichkeit des Platzes, in gewisser Weise gar die Redner mit den Zuhörenden.

Die Süd-Ost-Ecke des Platzes ist dem Rathaus gewidmet.

Die geteerten Quadrate haben hier in der Mitte kleinere Quadrate aus schwarzem Stein und an einer Stelle erwächst aus den Pflastersteinen der Linien ein runder Brunnen.

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Das Rathaus zeigt sich hierher mit einer aufgemalten Sonnenuhr links und der Wappenfigur von Rajec, einem Ritter mit Hellebarde und Schild, in einer Nische über dem mittleren Bogen von seiner repräsentativsten Seite, die aber immer noch von größter Schlichtheit ist. Auch die Berge im Hintergrund wirken von hier dominanter.

Ebenfalls zu diesem Teil des Platzes  gehört eine Dreifaltigkeitssäule, die ihm von der Wiese links zugewandt ist.

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Auf einer eckigen Säule ruht eine große quadratische Fläche, auf der Jesus mit goldenem Kreuz und Gott mit goldenem Dreieck auf dem Kopf sitzen, während die Taube zwischen ihnen schwebt und goldene Strahlen um sie alle sind. Unten, auf dem Sockel vor der Säule, steht außerdem noch Florian. Die Gestaltung ist eindeutig barock, aber laut Chronogramm stammt die Säule von 1819. Der Barock wirkte in der slowakischen Provinz eben noch lange nach und schaffte es sogar, Säulen fast auf Stützen für Plattformen zu reduzieren. Kein Zufall vielleicht, daß diese Säule blieb, während ein Johannes von Nepomuk im Zuge der Neugestaltung des Platzes 1974 zur Kirche verbannt wurde. Ihre eckigen, quadratischen Formen passen jedenfalls gut zum Raster.

Die nordwestliche Ecke schließlich ist bestimmt von verschiedenen Bäumen, Bänken und in das Raster eingefügten quadratischen Betonhochbeeten, aus deren Rändern würfelförmige Teile ragen.

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Jeder Teil des Námestie SNP in Rajec hat also einen anderen Charakter. Da ist der Weg zur Kirche, der politische Teil mit Denkmal und Tribüne, der alte Teil mit Rathaus und Säule und der Erholungsbereich mit Bänken und Beeten. Aber zugleich ist der Platz doch sehr deutlich ein Ganzes. Die einzelnen Teile fließen ineinander, keiner ist je ausschließlich das, als was er oben charakterisiert wurde, man kann keinen sehen, ohne die anderen zu sehen.

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Genau so, Disparates zusammenfügend, aus Gegensätzen Einheiten schaffend, offen, großzügig, viele Perspektiven erlaubend, muß fortschrittliche Stadtplanung sein. Es braucht dazu nicht mehr als Gestaltungsvermögen und ein Gefühl für die Stadt, wie die Planer in Rajec es in jedem Detail bewiesen.

Leider ist das übrige Rajec, ja, bereits die den Platz rahmende Bebauung keine Fortsetzung der Qualitäten des Námestie SNP. An Ost- und Südseite gibt es einige vermischte ältere Häuser und ein faszinierendes Kaufhaus, an der Nordseite ist das banale, aber mit einem monumentalen Eingang versehene Gebäude der Stadtverwaltung und entlang der Westseite erstreckt sich zweigeschossige Bebauung mit Läden im Erdgeschoß, die sich aber mit Satteldächern historistisch gibt.

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Weiter außerhalb herrscht niedrige dörfliche Bebauung und Einfamilienhausbebauung vor. Im Süden liegt darin ein kleines Wohngebiet mit neungeschossigen Gebäuden, das hübsch auf das Flüßchen Rajčanka ausgerichtet ist.

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Ein weiteres ist im Norden. An einer großen Straßen zieht sich ein langes neungeschossiges Gebäude hin, das an der Ecke geschwungen verläuft, sonst besteht es neben Schulen und Kindergärten aus verstreuten fünfgeschossigen Punkthäusern.

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Wie gut oder schlecht das für sich genommen ist, ist fast egal, da es jedenfalls keine irgendwie sinnfällige Verbindung mit dem Platz hat, was insbesondere im Falle des nahen nördlichen Wohngebiets bedauerlich ist. Vielleicht ist es gerade die so vorbildliche Gestaltung des Námestie SNP, die alles Übrige in Rajec, das ja nicht schlechter ist als in den meisten tschechoslowakischen Kleinstädten, so enttäuschend wirken läßt.

Das Mineralwasser Rajec übrigens stammt aus einer Quelle und einer Fabrik im nahen Dorf Rajecká Lesná.

Kleinigkeiten am Passauer Dom

„Es wäre zum Beispiel unsinnig, wenn wir mit unserer EXA dem Berufsfotografen, der meist mit Großformatkameras arbeitet, Konkurrenz machen wollten. Stadtübersichten sowie Innenaufnahmen von Kirchen und Schlössern kaufen wir besser an einem Postkartenstand, so ersparen wir uns Enttäuschungen. Unsere Aufgabe besteht darin, dem Zauber des Details nachzuspüren.“

So schreibt Georg Piltz in seinem Text „Kunstgenuß auf Reisen“ über das private Photographieren. Das gehört in eine Zeit, in dem es zum einen keine Digitalphotographie gab, weshalb schon ein einziges mißlungenes Bild wirklich eine Enttäuschung sein konnte, und zum anderen für Postkarten eine gewisse Qualität vorausgesetzt wurde, vielleicht fälschlicherweise. Heute ist es selbstverständlich egal, ob man tausende schlechte Bilder von auf Postkarten zu findenden Gebäuden wie dem Passauer Doms macht, etwa dieses:

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(Bilder zum Vergrößern anklicken)

oder weitere tausend von Details wie einem gotischen Kapitell in seinem Hof, etwa dieses:

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Doch Piltz‘ Ratschlag bleibt wertvoll, wenn man ihn nicht auf das Photographieren, sondern auf das Sehen anwendet. Dann gilt: Wenn etwas zuerst zu groß scheint und man sich nicht einfach überwältigen lassen will, suche man daran das Kleine, mit dem man sich in ein Verhältnis setzen kann, ohne überwältigt zu werden. Vielleicht findet man so auch den Schlüssel zum Großen.

Beim Passauer Dom versteckt sich das Kleine in seinem Hof. Hoch türmt sich über dessen weitem Rechteck der Barock und die barockisierte Gotik auf, doch man vergißt sie bald.

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Von dem gotischen Kreuzgang, der der Hof bis 1813 war, sind wenig mehr als einige der Säulen, auf denen seine Spitzbögen ruhten, übriggeblieben. Sinnlos geworden ragen sie noch zur Hälfte aus den Mauern heraus. Sie sind bloß knapp mannshoch, in gotischer Manier tief eingefurcht und haben Laubkapitelle.

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Doch deren Einförmigkeit täuscht. Bei einer Säule an der Ostseite sitzen im stilisierten Laub ein Vogel und mehrere hundeähnliche Tiere.

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An der Süd- und der Westseite verschwinden die Säulenreste beinahe zwischen vielen Grabsteinen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Sie sind Überreste des Friedhofs und mehrerer Kapellen, die mit dem Kreuzgang abgerissen wurden. Darin, wie sie heute an den Wänden angebracht, ist keine Ordnung zu erkennen und wohl auch keine vorhanden. Manche hängen so hoch, daß man sie unmöglich lesen kann. Manche sind von der Witterung der Jahrhunderte entstellt, anderen hingegen sehen aus, als seien sie erst gestern aus der Steinmetzwerkstatt gekommen. Die jüngste Zeit baute zu ihrem Schutz ein Vordach mit dümmlich neogotischen Stützen, stellte aber auch Bänke davor, so daß einige Inschriften halb verdeckt sind.

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Wie bei jeder Ansammlung alter Gräber findet man einiges Interessante und Kuriose.

Das Grab des Johann Graf Trapp von 1790 will einerseits ein streng klassischer Obelisk auf einem Sockel sein, nimmt aber andererseits, sicher zufällig, die Formen der gotischen Säulen auf, indem es um die beiden ovalen Inschriftenfelder vor dem Obelisk Rosenranken legt.

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Im unteren Teil des Sockels sind Wappen, im mittleren eine von einer Trompete und einem Zweig gekreuzte Sonne mit Wolken, in der „יהוה“ steht, der Name Gottes auf Hebräisch.

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Ein Relief mit schwer lesbarer Inschrift zeigt in sehr realistischer Weise Skelette und Menschen in einer Art Totentanz von einer Stadtsilhouette, vielleicht Passau selbst.

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In der Mitte steht ein Mann, vielleicht Jesus, wogegen aber der fehlende Heiligenschein spricht, der einen Arm gen Himmel reckt, wo in den Wolken Gott sitzt, während Putten hinunterpusten. Vielleicht ist das gar kein Grab, sondern ein Denkmal für die Opfer einer der Hochwasserkatastrophen, die für das zwischen dem Zusammenfluß von Inn und Donau gelegene Passau gleichsam Normalität sind.

Memento Mori anderer, harmloserer, ja, lustiger Art zeigt das lateinisch beschriftete Grab von Friedrich Wilhelm von Roeder.

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Beidseits seines Wappens sind im makellos roten Stein zwei Totenschädel. Der linke trägt einer Schlafmütze.

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Der rechte hat eine zerbrochene Säule auf dem Kopf.

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Man könnte das so verstehen, daß letztlich, ob man im Leben nun nur faulenzte oder etwas aufbaute, alles egal ist, ein so ernüchternder wie beruhigender Gedanke. Vielleicht ist es kein Zufall, daß im Bildprogramm dieses Grabs jeder christliche Bezug fehlt.

Eine steinerne Urne, über die ein steinernes Tuch fällt, scheint keinem Grab zugeordnet, hat dafür aber Bleistiftinschriften, die mindestens bis ins Jahr 1904 zurückgehen.

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Durch den zeitlichen Abstand wird der frühere Vandalismus zwar nicht künstlerisch, aber geschichtlich interessant. Der Engelhardt Ludwig, der sich 1915 besonders eifrig verewigte, hat sein Ziel also erreicht.

Ein Grab schließlich ist einfach in eine übriggebliebene Säule eingelassen, verbindet sich mit ihr, nutzt sie zu seinen Zwecken.

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Die Säulen zwischen den Gräbern weichen ansonsten nicht vom Blattkapitellschema ab. Erst in der nordwestlichen Ecke, nach der letzten Grabplatte, gibt es wieder Variationen.

Das Kapitell der Ecksäule verzichtet ganz auf die Blätter, tut nicht einmal mehr so, als wäre es überhaupt ein Kapitell, und zeigt stattdessen eine kleine Szene.

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In der Mitte liegt ein Mann auf einem Gitter auf einem Haufen glühender Kohlen. Links von ihm steht ein Mann in einer Art Uniform, der mit einer nun nicht mehr vorhandenen Stange in die Glut stochert, rechts sitzt eine trauernde Frau.

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Es handelt sich um eine Darstellung der Hinrichtung des Laurentius, eines frühchristlichen Märtyrers. Er hat das zweifelhafte Vergnügen, mit dem Folterinstrument, auf dem er zu Tode kam, dem Rost, identifiziert zu werden, aber darin ist er ja Jesus ähnlich.

Das Kapitell der letzten Säule zeigt zwischen dem Blattwerk vier Gesichter. Rechts sind sie ganz normal: eine junge Frau mit Stirnband und ein Mann mit Bart, die Augen geschlossen, der Ausdruck würdevoll, Stifter vielleicht.

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Doch links sind es bizarre Phantasiegesichter.

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Das erste schaut mit großem Ohr und zu einem Grinsen verzogenen Mund schräg unter den Blättern hervor. Das zweite hat den Mund beinahe fischartig weit aufgerissen, stielartig hervorstehende Augen, wie man sie aus Comics kennt, und Wangen und Augenbrauen, die zu Blättern werden. So überzeichnet diese Gesichter auch sind, haben sie doch gar nichts Abschreckendes oder Böses, sondern wirken auf merkwürdige Art freundlich und im Kontrast zu den würdevollen, aber auch langweiligen Gesichtern daneben erst recht faszinierend. In ihnen ließ ein Künstler der späten Gotik seiner Phantasie freien Lauf – und seinem Können. Denn gerade die Phantasiegesichter zeichnen sich durch erstaunlichen Realismus aus. Wievielen Skulpturen kann man schon in die Mundhöhle, wo tatsächlich die Zunge und die Zäpfchen zu sehen sind, und in die Nasenlöcher schauen?

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Was man hier im Hof des Doms an Kleinem findet, ist, wenigstens in diesem Fall, große Kunst.

Ob das alles nun hilft, das eigentlich Große, den Dom, besser zu verstehen? Wohl nicht. Aber vielleicht ist das dann auch nicht mehr so wichtig.

Podbrezová

Der mittelslowakische Ort Podbrezová, gelegen südlich der Kleinen Tatra im Tal des Hron, ist zuerst Industrie. Am Fluß, wo auch die Bahnstrecke verläuft, liegen die Anlagen der Železiarne Podbrezová (Eisenwerke Podbrezová). Im engen Tal im Westen sind die älteren Teile, die bis auf das Jahr 1840 zurückgehen.

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Im Osten, wo das Tal weiter wird, sind die neueren, die ab dem Jahr 1968 gebaut wurden.

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Alles, was es in Podbrezová sonst noch gibt, muß sich mit dem Werk irgendwie arrangieren. Im Osten gibt es ein kleines Wohngebiet, am Hang in der Mitte einige Einfamilienhäuser und auch eine kleine neogotische Kirche, und ganz im Westen dann den Ansatz einer fortschrittlichen Planung.

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Auf einer erhöhten Fläche noch vor Beginn des Werks stehen einige neungeschossige Gebäude, ansonsten dreigeschossige mit Walmdächern, von denen unklar ist, wann sie gebaut wurden.

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Mittendrin findet sich noch eine alte Villa. Früher lebte dort, am Hang oberhalb des Werks, wohl nur einer seiner Direktoren, doch jetzt gehört alles den Arbeitern. Man kann das eine städtebauliche Expropriation nennen.

Mittelpunkt des Wohngebiets ist das Dom Kultúry (Kulturhaus).

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Es ist ein großes Gebäude mit sandfarbener Steinverkleidung, ob des Hangs zwei- und dreigeschoßig, dazu ein Dachaufbau. Nur in der linken Hälfte der Vorderseite, wo große Fensterbänder beginnen und teils auch die Ecke umlaufen, ist etwas einladende Transparenz, sonst wirkt es eher kühl und verschlossen, gerade so, als seien einfach glatte kubische Steinblöcke aufeinandergesetzt worden.

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Links davor steht ein abstraktes Kunstwerk – eine unten zweimal nach beiden Seiten ausgewölbte Doppelstele aus, passenderweise, Edelstahl – in dem man eine Gitarre erkennen könnte.

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Rechts der Mitte ist der vorgesetzte Eingang. Er ist seitlich verglast, während nach vorne aus der steinverkleideten Wand eine oben breite und sich nach unten verjüngende metallverkleidete Rinne ragt, durch die das Regenwasser in ein halbrundes Becken fließen kann.

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Das ist eine einfache, aber überraschende Idee, eine Art Brunnen ohne fließendes Wasser. Das Wetter wird gleichsam in die Gebäudegestaltung einbezogen und eine Funktion, der Regenwasserabfluß, wird für einen ästhetischen Effekt ausgenutzt.

Rechts steht ein Denkmal für Jan Šverma, nach dem der Betrieb in der sozialistischen Zeit Švermove železiarne (Šverma-Eisenwerke) hieß.

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Šverma, ein Tscheche, war ein hochrangiger Politiker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ), der im Sommer 1944 von Moskau in die Mittelslowakei geschickt wurde, um an der Leitung des Slowakischen Nationalaufstands (SNP) teilzunehmen. Er starb Ende des Jahres, als die Aufständischen zum Partisanenkampf übergegangen waren, bei der Überquerung des Berges Chabenec in einem Schneesturm. Die konventionelle Denkmalform ist dadurch aufgelockert, daß die schmale graue Steinstele mit dem Namen zur Straße zeigt, Švermas bronzene Büste aber nach links zum Kulturhaus schaut. Einst ragten davor vielleicht noch Hammer und Sichel aus dem Boden, um Person und Politik zu verbinden.

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Leben sieht Šverma beim Blick auf das Kulturhaus keines, denn obwohl es in perfektem Zustand ist, scheint es nicht mehr oft benutzt zu werden. Das erklärt vielleicht auch die kühle und verschlossene Wirkung: keinerlei Plakate weisen auf Veranstaltungen hin, auch eine Kneipe, wie sie noch die heruntergekommensten Kulturhäuser der ehemaligen Tschechoslowakei haben, fehlt.

Rechts des Gebäudes, hinter Šverma, ist eine Terrasse und eine Treppe hinab in einen kleinen Park. Unter hohen Bäumen blickt man auf das Werk hinab.

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Neben dem Grundstein des Kulturhauses von 1969 ist dort auch ein Denkmal für den SNP, das wenig mehr als eine lange, lange Liste der in dessen Verlauf umgekommenen Arbeiter des Werks ist.

„Ehre den gefallenen Helden des Slowakischen Nationalaufstands aus den Reihen der Angestellten der Šverma-Betriebe Podbrezová“

„Ehre den gefallenen Helden des Slowakischen Nationalaufstands aus den Reihen der Angestellten der Šverma-Betriebe Podbrezová“

Links des Gebäudes ist ein Weg zum Rande der erhöhten Fläche, wo bald eine Brücke über die Gleise und eine Treppe nach unten führt.

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Hier ist man schon nahe bei den ersten Gebäude des Werks, aber noch vorher stehen weitere Gebäude des Zentrums, vor allem das Kaufhaus.

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Es ist ein dreigeschossiger Eckbau, dessen Obergeschosse aus Fensterbändern und blauer Verkleidung bestehen, was durch graue Putzflächen an den Seiten und an einem Band unter dem Dach noch betont ist. Die Post schließt links daran an, ähnlich, aber zweigeschossig und mit blaßgelber Verkleidung. Vor ihrem Tor ist eine Wellenform aus mehrfach geschwungenen vertikalen Edelstahlscheiben, ein weiterer abstrakter künstlerischer Bezug auf das Werk.

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Für einen Ort mit heute deutlich unter 5000 Einwohnern und für die schwierige landschaftliche Ausgangssituation ist dieses Zentrum mehr als gelungen. Es könnte noch besser sein, wenn dort, wo nun die Brücke ist, einer jener großartigen tschechoslowakischen Bahnhöfe die unteren und oberen Teile des Zentrums zusammenfaßte. Doch das alte Bahnhofsgebäude steht abseits und ohne guten Bezug zum Zentrum, zum Wohngebiet oder zum Werk. Wer weiß, was einige Jahre Sozialismus mehr gebracht hätten.

Außergewöhnlich an Podbrezová ist, daß die Industrie hier noch lebt. Noch immer hallt zum Schichtwechsel eine Sirene durchs Tal, diese Neuschöpfung der Kirchturmglocke, die in unseren Breiten schon veralteter wirkt als diese. Noch immer wird alles vom Elektrizitätswerk bis theoretisch zum Kulturhaus von den Eisenwerken betrieben. Noch immer sind Ort und Werk eins. Um zu verstehen, wie schön das ist, muß man all die nur dreißig, vierzig Jahre alten Industrieanlagen in allen Gegenden der Slowakei gesehen haben, die heute verfallen. Die sozialistische Tschechoslowakei hatte sie gebaut, um ihre  rückständige Teilrepublik zu fördern und sie war damit erfolgreich gewesen, doch in der größeren Konkurrenz des wiederhergestellten Kapitalismus hatten sie keine Chance. Gerade die Železiarne Podbrezová aber, einer der ältesten slowakischen Industriebetriebe überhaupt, überlebten bis heute und mit ihnen Podbrezová.

SNP

SNP, das steht für Slovenské Národné Povstanie, Slowakischer Nationalaufstand.

Der SNP war ein von Offizieren und kommunistischen Funktionären organisierter Aufstand, der am 29. August 1944 ausbrach, als abzusehen war, daß die bereits mit den Deutschen verbündete Slowakei durch deutsche Truppen besetzt werden würde. Aufgrund von Organisationsschwierigkeiten gelang der Aufstand nur in der Mittelslowakei, nicht aber in der Ostslowakei, wo die dortigen slowakischen Einheiten die deutschen und ungarischen Truppen von hinten hätten angreifen sollten, um der sowjetischen Armee den Weg durch die Karpaten zu öffnen. Dennoch gelang es den Aufständischen, denen die Sowjetunion mit Beratern sowie Waffen- und Hilfslieferungen half, weite Teile der Mittelslowakei etwa zwei Monate lang gegen die überlegenen deutschen Truppen zu verteidigen. Wichtig war dabei, daß die sowjetische Armee zur Unterstützung des Aufstands eine Offensive zum Karpatenpaß Dukla unternahm, die allerdings nicht rechtzeitig Erfolg hatte. Am 27. Oktober zogen sich die Aufständischen schließlich zum Partisanenkampf in die Berge zurück.

Gedenkstätte für den SNP in Banská Bystrica Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Gedenkstätte für den SNP in Banská Bystrica. Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Weil hier der klerikal-faschistischen slowakischen Regierung die Legitimität aberkannt und die tschechoslowakische Exilregierung in London in ihr Recht gesetzt wurde, wurde der SNP zu einem der wichtigsten Symbole der Neuschaffung der Tschechoslowakei ab 1945. Weil in ihm kommunistische Funktionäre wie der spätere Präsident Gustáv Husák und die Sowjetunion eine entscheidende Rolle spielten, wurde er nach 1948 zum umso wichtigeren Symbol der Schaffung einer sozialistischen Tschechoslowakei.

(wegen der gesamttschechoslowakischen Bedeutung dem Text Banská Bystrica entnommen)