Archiv für den Monat März 2018

Ein Saal über dem Fluß

Wenn man in Erfurt vom Junkersand zur Krämerbrücke blickt, sticht zwischen den neuen Häusern links und gegenüber den neuen Hinterhäusern rechts der Gera ein kleiner Bau mit großen Fenstern heraus.

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An den Seiten drei große rundbögige Fenster und zum Wasser hin je eins beidseits eines Erkers. Die Streben der Fenster zeichnen die Rundbögen um sie nach, auf der Höhe der Bogenansätze zieht sich eine weiße Bordüre über den gelben Putz und den Abschluß bildet ein Walmdach mit einigen Gauben. Mehr nicht, keinerlei Schmuck. Doch der Saal, der offenkundig hinter diesen Fenstern ist, sitzt auf einem Sockelbau aus rohem Stein und ragt auf schrägen Holzstützen vorsichtig, aber bestimmt über das Wasser.

So klein ist der Bau, daß er auch das repräsentative Wohnzimmer, der Wintergarten einer Villa sein könnte, aber Villen gibt es in der engen Erfurter Altstadt keine. Und etwas an den einfachen, mit Klassizismus nur unzureichend beschriebenen Formen deutet schon darauf hin, daß es sich hier um das Gotteshaus einer religiösen Minderheit handelt. Genau so ist es – es ist eine 1840 eröffnete Synagoge. Ganz wie bei anderen derartigen Gebäuden resultieren ökonomische und politische Beschränkungen, ein Bedürfnis, sich zu verstecken oder jedenfalls nicht aufzufallen, und religiös vorgeschriebene Abneigung gegen Prunk in einer aufs Nötigste beschränkten funktionalen Architektur.

Von der Hefengasse aus sieht man die Synagoge kaum, ein weit größeres Haus verdeckt sie. Nach hinten erst, zum Fluß, über dem sie beinahe schon schwebt, öffnet sie sich mit all ihren Fenstern. Der Kontrast zwischen diesem hellen und klaren Bau und den verwinkelten Fachwerkbauten auf der Krämerbrücke könnte schwer größer sein. Aber auch zwischen den vielen recht beliebigen Bauten aus jüngster Vergangenheit wirkt dieser Saal über dem Fluß nicht alt.

Johannes von Nepomuk in Hammelburg

Man merkt schon, daß Johannes von Nepomuk im Städtchen Hammelburg in Unterfranken nicht ganz zu Hause ist. Zwar ist Hammelburg, ist auch die weitere Umgebung katholisch, aber es ist nicht mehr weit in protestantische Gegenden oder gar in solche mit religiöser Toleranz. Die Länder der Gegenreformation jedenfalls, Böhmen, Österreich, aus denen Nepomuk stammt, sind fern und so unterscheidet sich seine Hammelburger Darstellung in manchem von den dortigen Konventionen.

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Auf einem Volutensockel steht er wenig verrenkt, die Hände hat er zum Gebet gefaltet, was seinen Umhang besonders frei hinter ihm hängen läßt, ein Birett ist nirgends zu sehen und um den Hals hat er einen hochgeschlossenen, irgendwie protestantisch wirkenden Kragen, ein sogenanntes Beffchen. Insbesondere hat er statt des ihm, nur ihm gebührenden fünfsternigen Heiligenscheins einen typischen helikopterähnlichen Strahlenkranz, wie ihn jeder x-beliebige andere Heilige auch haben könnte. Das kleine, offenkundig viel neuere Metallkruzifix ist zusammenhangslos in seinen Arm gesteckt, als habe ein Reisender aus Böhmen die Kunde mitgebracht, daß ein echter Johannes von Nepomuk das haben müsse. Was der Hammelburger Bildhauer Johan Jakob Faulstig hier 1756 im Auftrag des Landesherrn, dem Bischof von Fulda, schuf, ist kein Spiel mit den Konventionen, sondern verrät eine Unkenntnis der Konventionen.

Erst durch die Umgebung der Skulptur kann man ganz sicher sein, daß dies wirklich Johannes von Nepomuk ist. Die beiden Tafeln am Sockel bestätigen es, einmal deutsch und einmal lateinisch.

Den wichtigsten Hinweis jedoch findet man auf der Rückseite der Skulptur, die heute nur umständlich zu betrachten ist.

Dort sitzt ein Engel mit auf dem Mund gelegtem Finger und verschlossenem Buch als Symbolen der nepomukschen Verschwiegenheit So versteckt hinter dem Rücken des Heiligen scheint er aber eher den Betrachter aufzufordern, ihm nicht zu verraten, wie wenig er von vorne als Johannes von Nepomuk zu erkennen ist.

Ursprünglich stand  Johannes von Nepomuk mitten auf dem Marktplatz. Er stand mit dem Rücken zum zurecht berühmteren Renaissancebrunnen und war sich dessen, wie der Engel zeigt, auch bewußt. Erst in den dreißiger Jahren wurde er an den Rande eines kleineren Platzes in der Nähe gesetzt. Es ist, als sollte er damit noch etwas erniedrigt werden, als sollte noch weiter betont werden, wie sehr er in Hammelburg in der Fremde ist, denn nunmehr steht er am – Viehmarkt.

Irish Life Centre

Das Irish Life Centre (Irish Life-Zentrum) ist der wohl größte zusammenhängende Komplex in der Innenstadt von Dublin, aber seine vollständige Größe ist nicht sofort offenkundig. All seine Gebäude sind gleich gestaltet: im Erdgeschoß weite Rundbögen aus abgerundetem weißgrauen Beton, der über ihnen als horizontaler Streifen verläuft, vor den Geschossen vertikale Streifen aus dunkelbrauner Backsteinverkleidung und dunkel verspiegeltem Glas und nach einem weiteren horizontalen Betonstreifen ein abgeschrägtes Dachgeschoß mit grüner Kupferverkleidung.

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Der markanteste Teil des Irish Life Centre ist der Main Plaza (Hauptplatz). Er liegt am Ende der Lower Abbey Street und hat wegen des folgenden Bahnviadukts kein Gegenüber, so daß er, zumindest für die engen Verhältnisse einer britischen Stadt, von weither zu sehen ist. Hier sind die Gebäude in klassisch monumentaler Weise angeordnet. Links und rechts an der Straße stehen zwei sechsgeschossige Gebäude mit abgerundeten Ecken. Die Bögen im Erdgeschoß bilden Arkaden und die vertikale Struktur der Geschosse wird noch dadurch betont, daß die Fensterstreifen leicht vorgesetzt auf vorgesetzten Teilen des Betonstreifens verlaufen, während an den Ecken eckige Pflanzenwannen hervorragen. In der Mitte erhebt sich ein zehngeschossiges Hochhaus. Es gleicht den seitlichen Gebäuden, aber auf den Arkaden ist zuerst eine Terrasse, auf der es etwas zurückgesetzt auf weiteren Arkaden sitzt. Zudem hat es ganz oben zwischen Betonstreifen ein horizontal verglastes Geschoß.

Auf dem von diesen drei Gebäuden gebildeten Platz ist vorne ein großer Brunnen mit einer überlebensgroßen Bronzeplastik, die zwei nach vorne springende Pferde und einen stehenden Mann mit ausgestreckten, unsichtbare Zügeln haltenden Armen zeigt.

Im oberen flachen Becken steht auf einer Steinplatte im heraufsprudelnden Wasser die Plastik und nach vorne fällt das Waser in ein schmales, noch unter dem Straßenniveau liegendes Becken. So läßt das Wasser die Plastik erst schwerelos wirken und zeichnet dann ihre Bewegung nach. „Chariot of life“ (Streitwagen des Lebens) heißt dieses Werk von Oisin Kelly, was lachhaft pathetisch wäre, wenn es sich nicht auf den Namen der Versicherungsgesellschaft Irish Life bezöge.

Weiter links in der Lower Abbey Street sind dann einige ältere Gebäude, zwischen denen es zum Northumberland Square (Northumberland-Platz) geht.

Dreiseitig von sechsgeschossigen Gebäuden umschlossen, ist er ein viel zurückhaltenderer, vielfältigerer Platz. Es gibt einen breiten Durchgang zum Main Plaza, Blicke zu dessen Hochhaus sowie hinaus zu Liberty Hall, dem einzigen wirklichen Hochhaus Dublins. Sogar eine hierher zeigende Brandmauer eines älteren Gebäude der Salvation Army (Heilsarmee) wurde mit der dunkelbraunen Verkleidung überzogen, immer ein beliebtes Mittel, Disparates zu verbinden.

Geradeaus beginnt die Talbot Mall, eine recht niedrige und kleine Ladenpassage, in der noch alles nach den achtziger Jahren aussieht. Vorbei an einem verspiegelten Block mit künstlichen Felsen und Wasserfall führt sie zur Talbot Street.

In dieser bildet ein Gebäude des Irish Life Centre, erkennbar an den beschriebenen Formen, einen Teil der Blockrandbebauung, ohne daß der Eingang der Passage und damit zum Northumberland Square gleich sichtbar wäre.

Auf der linken Seite des Northumberland Square befindet sich der einzige sichtbar zu Wohnzwecken genutzte Teil des Irish Life Centre. Dadurch ist seine Struktur stärker in die Horizontale gezwungen. Der Beton bildet abgerundete Betone, das dunkle Glas oben abgeschrägte Flächen.

Von dem Platz führt eine breite Treppe durch die Gebäude zum links anschließenden Abbey Court Garden (Abbey Court-Garten). Er ist der versteckte Höhepunkt des Irish Life Centre. Ein rechteckiger Bereich zwischen fünf- bis siebengeschossigen Gebäuden, vor allem aber ganz wie der Name sagt: ein üppiger Garten.

Der Großteil der Fläche ist eingenommen von unregelmäßig eckigen Hochbeeten mit oft immergrünen, geradezu südlichen Pflanzen. Ihre Seiten bestehen aus dem braunen Stein, ihre Abschlüsse aus abgerundetem weißen Stein und manchmal steigen sie in zwei Stufen an. In der Mitte teilt ein pavillonartiger Flachbau, der fast nur aus Arkaden besteht, den Garten. Über dem unregelmäßig vorragenden Beton seiner Ränder erheben sich in Stufen noch größere Beete mit noch größeren Pflanzen. Der Pavillon, in dem Büro- oder Konferenzräume sein mögen, wird zu einem tropischen Felsen, auf dem das Grün wuchert oder von dem es herabhängt.

Eingefügt in diese Beetlandschaft sind Brunnenbecken und die zeltförmigen Glasdächer von Räumen im Erdgeschoß, die ihrerseits wie Wasserbecken wirken.

Wiewohl noch mitten in der Stadt, wiewohl umgeben von vielen Büros und einigen Wohnungen, fühlt man sich versetzt in einen Dschungel und man würde sich nicht wundern, statt der Möwen bunte Papageien zu sehen. Es ist dabei ein wohlgeordneter Dschungel, strukturiert von der Architektur. Hier ist das Leben in Irish Life.

Als genüge die Pracht des Gartens noch nicht, leistet sich das Irish Life Centre hier noch ein architektonisches Element von verschwenderischer Schönheit: einen gläsernen Laubengang.

Auf braunen Metallstützen halten kupferverkleidete Streben große Glasplatten und man kann für ein Stück Wegs geschützt vor den Elementen, aber mit ungehinderter Sicht durch den Garten wandeln.

Vom Abbey Court Garden führt schließlich ein kleiner Durchgang mit Treppe und Rolltreppe zurück zur Lower Abbey Street.

An der Ecke steht ein älteres Gebäude und in der querenden Marlborough Street bilden die Gebäude wieder wie in der Talbot Street Teile der Blockrandbebauung.

Was vom Irish Life Centre zu halten ist, ist gar nicht so einfach zu sagen. Die Fassadengestaltung ist eindeutig um Monumentalität bemüht, aber noch nicht geradezu um Überwältigung des Menschen. Die geschaffenen städtischen Räume reichen vom Schlimmsten zum Besten. Ist der Main Plaza monumental auf eine Art, die auch dem Faschismus gefiele, und eindeutig von der reaktionären sogenannten Postmoderne beeinflußt, so ist der Northumberland Square ein schlichter und angenehmer Platz. Der Abbey Court Garten schließlich ist in seiner harmonischen Verbindung von Architektur und Natur ein durchaus fortschrittlicher Raum. Entscheidend ist aber, wie sehr das Irish Life Centre der alten Stadt etwas Neues entgegensetzt. Blickt man vom Zugang in der Lower Gardiner Street durch zwei Durchgänge und über zwei Plätze zur in den Garten führenden Treppe, so hat man einen zusammenhängenden Bereich ohne Straße vor sich, wie es ihn sonst in Dublin einfach nicht gibt.

Viel ist das nicht, es ist nicht der Barbican, wie Dublin nicht London ist, aber es ist etwas.

Alle Kritik relativiert sich zudem, wenn man einen direkt gegenüberliegenden Eckbau, ebenfalls von Irish Life, betrachtet.

Neben diesem Machwerk, das von der unmenschlichen Monumentalität über die Vulgarität der Steinverkleidung bis zu seiner Lage, die den Blick auf Liberty Hall verstellt, durch und durch reaktionär ist, wirkt auch das Schlimmste am Irish Life Centre gut. Es stammt aus einer Zwischenzeit, noch aus fortschrittlichen Ideen schöpfend, schon von reaktionären beeinflußt. Nachdem es 1985 eröffnet wurde, kam nichts mehr. So eigenartig das also ist: das Irish Life Centre ist der wichtigste Ansatz für eine neue Art von Stadt in Dublin.

Die Partei ist eine Frau

Die Stadt Brandenburg im Bezirk Potsdam empfing ihre Besucher als sozialistische Industriestadt. Gleich beim Bahnhof, jenseits einer Straße mit Straßenbahnhaltestelle, stand ein sechsgeschossiges Wohngebäude mit dem Werk „Brandenburg – eine neue und eine alte Stadt“ von Emil Spieß, das eine gesamte Wand bei seiner Ecke einnahm.

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Während im Beton eine bewegte, fast comicartige Stadtszenerie in Rot, Schwarz und Grau zu sehen ist, zeigt die im oberen Teil angeordnete Mosaikfläche im Mittelpunkt in umso leuchtender Farbigkeit eine Frau mit rotem Haare und rotem Blumenstrauß im Arm, die an den Schalthebeln eines Industriebetriebs steht. Sie ist umgeben von Arbeitern in wiederum viel gedeckteren Farben, vielen Braun- und Rottönen. Der im Profil gezeigte Arbeiter rechts von ihr hat den Arm entspannt auf das Schaltpult gestützt und blickt mit einem selbstbewußten Lächeln zur Frau, ein Ausdruck von Coolness, wie er im sozialistischen Realismus selten ist. Der Arbeiter links von ihr, der, je nachdem, ob man das, was er trägt eine Schweißerbrille oder einen Helm nennen will, auch ein Kosmonaut sein könnte, scheint sich geradezu im Sprung zu befinden, sein Bein und beide seiner geballten Fäuste ragen schon aus der Bildfläche heraus. Auch der weitere Arbeiter ganz links hat den wiederum lächelnden Blick nach oben gerichtet. Und im Hintergrund, kaum sichtbar zwischen dem Kopf der Frau und der linken Figur, ist die Masse der Arbeiter, aus denen diese klaren Individuen herausgewachsen sind.

Im Mittelpunkt aber ist die Frau, ihr Körper stark und in Grün-, Gelb-, Weiß- und Rottönen, ihr Gesicht hell und so selbstbewußt wie ernst, ihr mittellanges Haar von so strahlendem Rot wie die Blumen in ihrer Hand. Sie ist Arbeiterin, aber sie ist auch eine Allegorie der Partei. Sie ist Summe dessen, was sie umgibt, der klassenbewußten und siegreichen Arbeiterschaft, und ihr obliegt die ernste Aufgabe der Leitung und Steuerung einer ganzen Gesellschaft.

Kaum passierte man die Ecke des Gebäudes, trat man in trübe Vorstadtstraßen mit dreigeschossigen Mietskasernen, aber die Farben, das Licht, die Stärke des Mosaiks, das die sozialistische Gesellschaft darstellt, blieben auch in diesen vom Kapitalismus hinterlassenen Gegenden bei einem. Sie bleiben sogar noch, nachdem das Gebäude abgerissen wurde, das Mosaik nunmehr in verstümmelter Form bei einem Museum zu sehen ist (immerhin) und vor allem der Sozialismus fehlt.

Nachruf auf einen McDonald’s

McDonald’s kam erst mit dem Kapitalismus nach Polen. Es hätte anders sein sollen, der Sozialismus hätte zu McDonald’s kommen und ihn in die ganze Welt hinaustragen sollen. Was hätte schließlich besser gepaßt als das standardisierte massengefertige Essen eines VEB McDonald’s? Aber so war es nicht und ausgerechnet McDonald’s kam als Symbol des Kapitalismus in die ehemals sozialistischen Staaten.

In Polen hatte er es nicht gar so eilig, erst 1992 eröffnete die erste Filiale. Die Bilder von ihrer sehr polnischen Eröffnung mit segnenden Priestern kursieren heute im Internet und letztes Jahr wurde das fünfundzwanzigste Jubiläum gefeiert, „super tu być“, lautete der Slogan, „super, hier zu sein“.

In Gdańsk ist McDonald’s seit 1993, als im Bahnhof die erste Filiale entstand. Kurz darauf, 1994, folgte eine zweite, nicht gleichfalls im Zentrum, aber auch nicht am Rande, sondern in Wrzeszcz, ziemlich in der Mitte des langgestreckten Stadtköpers, nahe der Aleja Grunwaldzka, der wichtigsten Verkehrsachse der Trójmiasto. Dieser zweite Gdańsker McDonald’s hatte ebenfalls kein eigens errichtetes Gebäude, sondern zog in ein zweigeschossiges und mehr zufällig freistehendes Backsteinhaus, das er mit gläsernen Vorbauten seinen Bedürfnissen anpaßte.

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Die Jahre vergingen, der McDonald’s wurde Teil der Stadt, er war der Ort erster Dates und vieler anderer Ereignisse in vieler Menschen Leben. Die Umgebung veränderte sich, das Einkaufszentrum Manhattan und eine abgeschottete teure Wohnhochhausanlage entstanden daneben. Inzwischen gab es viele weitere McDonald’s-Filialen, in den Wohngebieten Morena und Przymorze, in den Einkaufszentren und anderswo an der Grunwaldzka, wo sie besser mit dem Auto zu erreichen waren. Im Jahre 2013 dann wurde der zweite McDonald’s von Gdańsk geschlossen. Ein paar Jahre stand das Gebäude leer, nur noch Spuren erinnerten an seine Geschichte.

Im letzten Jahr erst zog eine Filiale eines Warschauer Restaurants dort ein: „Aïoli – Inspired by Gdańsk“.

Der Wechsel von McDonald’s zum hippen Restaurant zeigt die Entwicklung des Kapitalismus in Polen. 1992 war Polen dank den Jahren des Sozialismus noch eine Gesellschaft ohne größere Klassenunterschiede. McDonald’s paßte dazu. Sein egalitäres Essen war die Art von bescheidenem Luxus und Internationalität, die die ersten, die es sich leisten konnten, wollten. Inzwischen haben sich die Klassen wieder stärker differenziert und es gibt eine prekäre Mittelschicht, die um Distinktion bemüht ist. Ihr ist McDonald’s, der wohlgemerkt nach wie vor nicht bilig ist, zu vulgär, sie will etwas anderes und kriegt die Filiale eines anderen Restaurants.

McDonald’s war nie „inspired by Gdańsk“ (inspiriert von Gdańsk), sondern dort genauso wie überall sonst – das war das Schöne an McDonald’s. Die Zukunft gehört auf absehbare Zeit den „Aïolis“ der Welt.

Das sozialistische Kladno: Wohngebiet Sítná

Das Wohngebiet Sítná in Kladno liegt beim Sítenské údolí (Sítná-Tal), das ein Stück südlich der Altstadt in den Hügel schneidet. Die entscheidende städtebauliche Tat war es, über das Tal eine Brücke zu spannen. Während oben auf mächtigen Betonstützen der Autoverkehr fließt, wurde das Tal als Park gestaltet. Jenseits der Brücke und oberhalb des Parks erstreckt sich das Wohngebiet.

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Es ist nicht besonders groß und besteht aus zwei Teilen, die durch die von der Brücke kommende Straße getrennt sind. Links sind an den Rändern, auch gleich einer Skyline am Hügelrand, Punkthäuser mit bis zu elf Geschossen und ansonsten fünf- und achtgeschossige Gebäude in Zeilenbauweise.

Rechts sind am Hügelrand quer aufgereihte siebengeschossige Gebäude und ansonsten bis zu neungeschossige Gebäude, die weite Höfe bilden.

So ist das Wohngebiet Sítná nicht nur nicht besonders groß, sondern auch einfach nichts Besonderes. Gute Lage, typische Architektur, reizvolle landschaftliche Einordnung – Durchschnitt für ein ab Mitte der sechziger Jahre errichtetes Wohngebiet der Tschechoslowakei. Es hat jedoch ein großes Zentrum, das beinahe wichtiger ist als die Wohnbebauung.

Der Náměstí Sítná (Sítná-Platz), wie dieses Zentrum heißt, liegt rechts der Straße und beginnt direkt hinter der Brücke mit dem elfgeschossigen Bau des Hotel Kladno. Wie schon der stolze Name sagt, ist es eines jener Hotels, wie sie sich jede sozialistische Stadt, die etwas auf sich hielt, in den Sechzigern, Siebzigern baute. An den Schmalseiten hat es eine Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln mit leichtem Grünstich, während die zur Straße und ins Wohngebiet zeigenden Breitseiten in Balkone mit milchigen Geländern aufgelöst sind. Mit seinem Namen in roter Leuchtschrift vervollständigt es die Skyline von Sítná.

Das Bettenhaus sitzt auf einem langen zweigeschossigen Sockel, der sich ein kurzes Stück zur Straße und ein langes Stück ins Wohngebiet erstreckt. Sein zweites Geschoß ragt dabei deutlich über das Erdgeschoß hervor und hat zwischen der grauen Kachelverkleidung ein hohes durchgehendes Fensterband. Zur Straße hin ist unten der Eingang ins Hotelfoyer und oben das Restaurant. Zum Platz hin ist unten eine Kneipe, zu der man auch vom Foyer gelangt, während sich oben das Restaurant fortsetzt.

Das sind die typischen Einrichtungen eines Hotels, doch der weitere Teil des Sockels richtet sich ganz an das Wohngebiet. Hier ist im Inneren ein langgestreckter, eher schmaler Hof mit umlaufender Galerie, über den sich heute ein Glasdach spannt. Neben den Konferenzräumen des Hotels gibt es die verschiedensten Läden. Das Restaurant im Obergeschoß wie die Kneipe im Erdgeschoß haben dadurch große Fensterflächen sowohl in den Hof als auch hinaus auf den Platz.

Das Rückgrat des Náměstí Sítná bildet ein langes siebengeschossiges Wohngebäude parallel zur Straße, das nach einer Erschließungsstraße noch deutlich vor dem Abschluß das Hotelsockels beginnt. Seiner herausgehobenen Lage entsprechend sind in dem Gebäude Maisonettewohnungen, was auch daran zu erkennen ist, daß es abwechselnd in einem Stockwerk durchgehende Balkone und im nächsten kleine Balkone neben Wandflächen mit Fenstern hat. Bis weit vor sein Erdgeschoß reicht eine Ladenzeile, in der unter anderem eine Kaufhalle ist.

Die davorliegende eigentliche Platzfläche ist halb von Parkplätzen und halb von Grünanlagen eingenommen.

In der folgenden Ecke des Platzes steht das Dům Kultury (Kulturhaus). Es ist ein großer quadratischer Bau mit etwa drei Geschossen. Im Erdgeschoß sind Restaurants, Läden, Kneipen und die Eingänge zu Veranstaltungsräumen und dem Kino Hutník (Hüttenarbeiter), wohingegen die Obergeschosse sich teils mit den großen Glasflächen der Säle öffnen und teils mit einer Verkleidung aus kleinen quadratischen grünen Kacheln verschließen.

Das Dům Kultury ist ein Gebäude, das kein Hinten und Vorne kennt, sondern sich mit allen vier Seiten ganz der Umgebung zuwendet, ob nun dem Platz, dem Wohngebiet oder sogar den Einfamilienhäusern jenseits der nächsten Querstraße.

Der Abschluß des Náměstí Sítná ist wiederum ein elfgeschossiges Gebäude, in dem heute eine Fakultät einer Prager Hochschule sitzt. Es steht quer zur Straße, so daß seine vertikal strukturierten Breitseiten zum Platz und von ihm weg zeigen. Die Obergeschosse ragen von dünnen schrägen Stützen getragen etwas über das Erdgeschoß hinaus. Auch dieses Punkthochhaus hat einen Sockel, der rückwärtig, dem Platz abgewandt, aus schlichten Flachbauten besteht. Vorne, zum Platz hin, ist eine niedrige Terrassenebene, auf der man rechts zu den Eingängen kommt, während links ein flacher Trakt die Verbindung zum vorgesetzten Hörsaalgebäude schafft. Nach all der zurückhaltenden sachlichen Architektur, die den Platz prägt, entfaltet er hier seine Schwingen: Die mit braunem Metall verkleideten Dächer über den beiden vorne verglasten Hörsälen steigen nach links länger und flacher, nach rechts kürzer und steiler an und legen sich dabei in spitze Falten, die so auch an ihren Seiten nach unten führen.

Es ist diese ganz und gar nicht beliebige, aber äußerst expressive Form, die dem Platz seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Seine Lage ist dabei perfekt gewählt, denn man sieht die aufsteigenden Dächer bereits von Weitem, wenn man von der Altstadt her die große Straße entlangkommt. Durch die leichte Wendung der Straße bildet sie links neben dem Hotel die optische Mitte des Wohngebiets.

Und auch, wenn man von der anderen Seite die Straße entlangkommt, sieht man das höhere der Dächer vor sich wachsen.

Daß der Hörsaalbau wie ein Mittel- und Angelpunkt wirkt, ist durchaus kein Zufall. Der Náměstí Sítná nämlich ist ein Zentrum nicht nur für sein, wie gesagt nicht besonders großes und nicht besonderes, Wohngebiet, sondern für die ganze Stadt. Es liegt etwa auf halbem Wege zwischen der Altstadt und dem größten Wohngebiet Kročehlavy, doch auch in andere Teile der Stadt ist es nicht weit. Von nirgendwo kann man ganz Kladno besser überblicken als gerade von Sítná. Von der Brücke aus oder aus einem der oberen Geschosse vieler Gebäude öffnet sich ein Blick über den Park und über die Arbeiterhäuser auf die weite Industrielandschaft, die heute von den Kühltürmen des Kraftwerks dominiert wird.

Mit dem Náměstí Sítná wurde bewußt ein zweites, ein neues, ein sozialistisches Zentrum für Kladno geschaffen, in dem deshalb auch gesamtstädtisch bedeutsame Einrichtungen sind. Neben dem Hotel und dem Kulturhaus war das auch das OV KSČ (Okresní výbor Komunistické strany Československa – Kreiskomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei), das in dem zweiten Hochhaus saß. Vor ihm wäre der angemessene Ort für das Denkmal für Antonín Zápotocký, den aus Kladno stammenden zweiten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, gewesen, doch das Gebäude wurde erst 1987 fertiggestellt, während das Denkmal bereits seit 1971 vor einem stalinistischen Ensemble weiter stadteinwärts stand. Dank dem Hörsaalbau setzte sich die Partei dennoch auf subtile Art in die Mitte der unter ihrer Leitung erbauten neuen Stadt. Kurz vor dem Ende vollendete sie das Wohngebiet.

Leider muß der Náměstí Sítná als zweites Zentrum auch darüber hinwegtrösten, daß es der Kladnoer Stadtplanung nie gelang, näher an der Altstadt etwas Überzeugendes zu schaffen. Es gibt dort bloß einige Gebäude, die zwar kaum historistisch, aber doch als Blockrandbebauung eine Straße rahmen, und einen viel zu weiten Bereich, um den neungeschossige Gebäude wie Mauern stehen. Fern ist die fortschrittliche Kühnheit anderer Stadtzentren.

Auch der Náměstí Sítná ist nicht perfekt und er hatte ja auch nie den Anspruch, das alte Zentrum völlig zu ersetzen. Wie so oft ist die Straße das Problem, zu groß, zu wenig eingedämmt.

Es gibt eine Unterführung, die aber trotz all dem zur Verfügung stehenden Raum nur steile, statt der notwendigen flachen Zugänge hat. So bleibt der Platz zu fern von der Hälfte gerade seines Wohngebiets. Doch viel wichtiger als seine Mängel ist, was das Wohngebiet Sítná und sein Platz erreichen. Nirgendwo anders hat man so viel Kladno auf einmal wie hier über dem Sítenské údolí.