Archiv für den Monat Januar 2015

Was am Höchstädtplatz von der KPÖ blieb

Der Höchstädtplatz im 20. Bezirk hat, wie so viele Plätze in kapitalistischen Städten, diese Bezeichnung kaum verdient. Eigentlich ist er wenig mehr als eine Kreuzung zweier größerer Straßen. Das Wenige mehr verdankt er einzig einem achtgeschossigen Bürogebäude, vor dem, weil eine der Straßen schräg verläuft, eine dreieckige Platzfläche entsteht.

KPÖGebäudeHöchstädtplatz

In diesem Gebäude nun saßen der kommunistische Globus-Verlag und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Es ist kein besonderes oder fortschrittliches Gebäude, sondern eben eines, das für die Fünfziger sehr typisch ist und in dem ebensogut eine Firmenzentrale oder ein Amt sein könnten. Aber durch seine Größe und den Platz prägende Stellung ist es Ausdruck des Selbstbewußtseins und der Bedeutung der KPÖ zu dieser Zeit. Die breit ruhende Fassade ist bestimmt von einem Raster horizontaler und vertikaler Streben, das durch Putzflächen vom leicht überstehenden Flachdach und von den Ecken und durch das Erdgeschoß vom Boden abgesetzt ist. In den rechteckigen Zwischenräumen des Rasters sind normale Fenster, die bloß in der Mitte, über dem dezenten Eingang, geschoßhoch werden. Rückwärtig schließt links eine Halle mit Sheddach und rechts ein viergeschossiger Seitentrakt mit stärker in horizontale und vertikale Bereiche gegliederter Fassade an.

KPÖGebäudeHöchstädtplatzTreppe

Verbindungsglied zum Seitentrakt ist ein sechsgeschossiges Treppenhaus, das fast völlig verglast ist, aber nach vorne eine schräg endende Wand mit nur kleinen Öffnungen in Rechteck-, Dreieck- und Kreisformen hat. Diese Wand ist das kleine skulpturale und verspielte Element, das sich das Gebäude leistet.

Direkt davor wurde ein Teil einer Fachhochschule Wien gebaut.

KPÖGebäudeHöchstädtplatzFachhochschule

Von deren Gelände auf der anderen Seite der Marchfeldstraße spannt es sich als Brückentrakt zum Höchstädtplatz. Architektonisch ist das nicht das schlechteste, was in jüngerer Zeit gebaut wurde, aber dafür, daß es gerade dort gebaut wurde, sind nur zwei Gründe denkbar: eine bewußte antikommunistische Entscheidung, den Blick auf das KPÖ-Gebäude zu verstellen, oder stadtplanerische Dummheit. Der erste Fall würde immerhin zeigen, daß sich jemand irgendetwas dabei gedacht hat. Doch wie jeder heutige Antikommunismus würde sich auch diese antikommunistische Architektur nicht gegen eine reale kommunistische Bewegung, sondern gegen die Erinnerung an eine solche richten. Denn die Partei hat dieses Gebäude schon vor mehr als zwanzig Jahren verkaufen müssen und nichts an ihm erinnert mehr an Kommunistisches. Teils sind dort „Büros zu mieten“, teils wird es vom TÜV und anderem genutzt, und in den rückwärtigen Hallen, wo einst die KPÖ-Tageszeitung „Volksstimme“ gedruckt wurde, ist nunmehr ein Baumarkt.

KPÖGebäudeHöchstädtplatzBaumarkt

Ob nun dem Antikommunismus oder der Dummheit geschuldet, der Gebäudeteil, mit dem der Brückentrakt der Fachhochschule endet, steht genau so an der Straßenecke, daß an beiden Seiten weitere Gebäude als Blockrandbebauung anschließen und das KPÖ-Gebäude in den Hinterhof verbannen könnten. Das wäre dann auch das Ende des armen kleinen Höchstädtplatzes. Doch für den Moment wird er wohl in seiner beeinträchtigten Form bestehen bleiben. Dabei könnte helfen, daß zu den Architekten des KPÖ-Gebäudes auch Margarete Schütte-Lihotzky gehörte. Sie – erste Frau in Österreich, die ein Architekturstudium absolvierte, in den Zwanzigern bei Ernst May am Bau des Neuen Frankfurt beteiligt, dem sie die Frankfurter Küche erfand, in den Dreißigern in der Sowjetunion – ist noch heute recht bekannt, allerdings nicht wegen ihrer vorbildlichen kommunistischen Biographie, sondern wegen ihres Geschlechts.

Als letzte Erinnerung an die kommunistische Vergangenheit des Höchstädtplatzes bleiben zwei Denkmäler, die etwas verloren zwischen Fachhochschule und KPÖ-Gebäude stehen.

DenkmalJohannKoplenigHöchstädtplatz

Das eine ist Johann Koplenig, „Vorsitzender der KPÖ“, „Mitbegründer der II. Republik Österreich“ und „Vizekanzler der 1. Regierung des befreiten Österreich“, gewidmet. Es ist eine schlichte quadratische Stele, die sich im oberen Teil zu einem Würfel aus glattem dunklen Stein mit den Inschriften verbreitert und noch darüber ein bronzenes Porträtrelief von Koplenig trägt.

MarsyasIIHöchstädtplatz

Das zweite ist eine leicht geschwungene Wand aus Backstein, die da steht wie der Rest eines zerstörten Gebäudes. In der Mitte, wo sie aus Naturstein ist, ist ein menschlicher Leib aus Bronze, ohne Arme, geschunden, bizarr gekrümmt. Er hängt an den Füßen von einem stilisierten Stahlträger herab, wodurch sich eine angedeutete Kreuzform ergibt. Das ist die Plastik „Marsyas II“ von Alfred Hrdlicka. Daneben hängt rechts eine Tafel mit der Aufschrift: „Den Opfern und Kämpfern gegen faschistische Gewaltherrschaft, Rassenhass und Krieg – Gewidmet von der KPÖ“. Man kann in diesem Denkmal eine Nähe zu manchen Gedenkstätten in sozialistischen Ländern sehen, etwa dem halbzerstört erhaltenen Tor des Gefängnisses Pawlak in Warschau oder der überlebensgroßen Gestalt eines Widerstandskämpfers vor einer Backsteinwand in Brandenburg. Zudem erinnert es an eine Zeit, wo sogar in einem kapitalistischen Staat ein Künstler wie Hrdlicka ganz selbstverständlich der Partei verbunden war. Heute, losgelöst vom KPÖ-Gebäude als ihrem Kontext, wirken beide Denkmäler so fremdartig wie sie es als Relikte einer anderen Zeit eben sind.

Der heutige Sitz des Bundesvorstands der KPÖ ist übrigens ein zweigeschossiger Altbau im 14. Bezirk. Er ist wie das traurige Sinnbild einer Partei, die weder Künstler, noch Architekten, noch Geld, noch Bedeutung mehr hat.

KPÖDrechslergasse

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Stadtbahn Kraków

Nein, eine Stadtbahn hat Kraków nicht, auch keine U-Bahn, obwohl es seit den Siebzigern Pläne gibt, dafür zumindest ein ausgedehntes Straßenbahnnetz. Bis zum Jahre 1911 legten sich um den westlichen Rand der damaligen Stadt auf den Wällen der Festungsanlangen noch die Gleise einer Verbindungsbahn mit dem komplizierten Namen Kolej cyrkumwalacyjna, doch an deren Stelle wurden statt einer Stadtbahn die aleje, die Alleen, angelegt. Sie sollten eine repräsentative Promenade, eine Krakówer Version der Wiener Ringstraße sein und waren das vielleicht auch für einige Jahrzehnte; heute sind sie riesige Verkehrsachsen mit regelmäßigen Staus, wo es niemandem mehr zu promenieren einfallen würde.

Worum es hier jedoch gehen soll, hat mit alledem nur indirekt zu tun. Denn wenn Kraków schon keine eigene Stadtbahn hat, so finden sich dort zumindest Spuren der Wiener Stadtbahn. Sie zu sehen, muß man in die Ulica Kamienna (Steinerne Straße) gehen, wozu es kaum einen Grund gibt. Sie ist zwar gar nicht weit vom Stadtzentrum und vom Bahnhof entfernt, aber doch in einer Gegend, die noch heute nach Stadtrand aussieht. Neben dem Gelände des Dworzec Towarowy (Güterbahnhofs), der weitgehend leersteht, senkt sich die Straße, um unter den nach Nordwesten (Richtung Wien, steht auf alten Stadtplänen) verlaufenden Gleisen hindurchzuführen.

UlicaKamiennaKraków

Sie ist breit, wird aber kaum mehr befahren.

UlicaKamiennaKrakówBüro

Und oben auf den Mauern, die die abgesenkte Straße begrenzen: Stadtbahngeländer. Dieselbe aus Wien so vertraute Sonnen- oder Radform im Quadrat.

StadtbahngeländerKrakówSchwarz

Auf der einen Seite der Gleise, wo ein neues Bürohaus steht, wurden sie neu gestrichen, aber schwarz. Auf der anderen Seite, wo eine Treppe in einige verlorene Gassen mit von den Gleisen eingezwängten kleinen Mietskasernen führt, sieht man sie in Rost, in dem man mit einiger Phantasie ein abblätterndes Grün erahnen kann.

StadtbahngeländerKrakówRostig

Auch dort, wo man sie auf den ersten Blick gar nicht sieht, sind sie versteckt unter wuchernden Pflanzen zu finden.

StadtbahngeländerKrakówZugewachsen

Es ist, als sei die ganze Ulica Kamienna eine der pittoresken Ruinen, die das 19. Jahrhundert so liebte, aber eine Ruine des 19. Jahrhunderts selbst, eine k.u.k.-Ruine, die zeigt, wie die Reste der Wiener Stadtbahn im Zustande des Verfalls aussehen würden. Unweigerlich fühlt man sich dort wie ein Archäologe, der die Reste einer untergegangenen Zivilisation entdeckt.

So mag das auch sein, aber auf die untergegangene folgte, wie das so oft ist, eine neue, bessere Zivilisation. Die heute so stille und nutzlose Straße war um das Jahre 1910, als sie mit dem Güterbahnhof gebaut wurde, der für den Westen Krakóws wichtigste Weg unter den Gleisen hindurch. Noch bis in die sechziger Jahre hätte dort niemand den Eindruck einer verlassenen Ruine in der städtischen Wildnis haben können. Dann aber wurde ein Stück weiter stadteinwärts, in direkter Fortsetzung der Alleen, eine große Straßenbrücke gebaut, ein zeitgemäßer Ersatz für die Ulica Kamienna, die neue Zivilisation. Seit auch der Güterbahnhof weitgehend stillgelegt ist, bleibt von der Ulica Kamienna nicht mehr als eine Erinnerung an die österreichische Zeit.

Was sich nur schwer herausfinden lassen wird, ist, ob die Verwendung der Stadtbahngeländer ein bewußter Versuch von polnischer Seite war, ein wenig hauptstädtischen Glanz an den Stadtrand von Kraków zu holen, oder im Gegenteil von deutscher Seite eine Resteverwertung in der Provinz. Oder vielleicht auch beides, worin man denn ein Symbol des alten Österreich sehen mag.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Pardubice

Pardubice ist ein wichtiger Bahnknotenpunkt an der wichtigsten tschechoslowakischen Bahntrasse, die von Prag über Brno bis nach Bratislava führt. Es ist eine der Städte, bei denen es leicht möglich ist, nur den Bahnhof zu kennen. Und es hat ein Bahnhofsgebäude, das dieser Bedeutung völlig gerecht wird.

Von außen ist der Bahnhof Pardubice geradezu unscheinbar.

NádražíPardubiceBahnsteige

Quer zu den Bahnsteigen bloß ein achtgeschossiges Gebäude mit roter Kachelverkleidung, das ganz von den Horizontalen der Fensterbänder und von der Vertikale des hinter Glasbausteinen verborgenen Treppenhauses geprägt ist. Nur mit Balkonen, die an einer Ecke leicht vorgesetzt sind und von einer durchgehenden runden Stütze getragen werden, erlaubt es sich eine kleine Extravaganz.

NádražíPardubiceBalkone

Daran schließt parallel zu den Bahnsteigen die Bahnhofshalle an, die ebenfalls mit roten Kacheln verkleidet ist, aber vor allem aus den hohen, leicht lamellenartig versetzten Fenstern besteht. Klare, einfache und funktional gegliederte Baukörper also, die schon verraten können, daß der Bahnhof Pardubice in den späten Vierzigern geplant wurde, in einer Zeit, als die tschechoslowakische Architektur noch ganz vom Funktionalismus der ersten Republik geprägt war und noch nicht ihren kurzen stalinistischen Irrweg eingeschlagen hatte.

Auch die Bahnsteige sind von roten Kacheln geprägt, mit dem etwa die Bänke und große runde Sitzgelegenheiten verkleidet sind. Im breiten Gang, der von ihnen in die Halle führt, wird das Rot durch die Bodenplatten aufgenommen, während die Wände weiße Kacheln haben.

NádražíPardubiceGang

Die Bahnhofshalle ist einerseits nicht mehr, als sie von draußen verspricht: langgestreckt, ein gewelltes Dach, das von rechteckigen mit kleinen weißen Kacheln verkleideten Stützen an den Längsseiten getragen wird, im mit schwarzen Kacheln verkleideten Erdgeschoß die Schalter und Geschäfte, darüber zurückgesetzt die Fenster. Ein Lampenband etwas unterhalb der Abschlüsse des Erdgeschosses betont dessen Horizontalität im Vergleich zu den Vertikalen der Stützen und Fenster und zu den Ausgängen hin sind die Wände abgerundet.

Aber andererseits vermag die Halle doch zu überraschen und bei größter Funktionalität vieles bieten, was die Wartezeit kurzweiliger macht: Auf den Erdgeschossen stehen allerlei exotische Pflanzen und erfreuen sich so sehr wie der Reisende am Licht aus den Fenstern. Noch unter dem Lampenband sind in schwarzen Rahmen Schwarzweißbilder, die früher verschiedene Städte in der Tschechoslowakei, jetzt Orte im Bezirk Pardubice zeigen, was zwar Symbol für den Abstieg in die Provinzialität, aber noch immer hübsch ist. Und vor allem sind an den Schmalseiten große Mosaike.

NádražíPardubiceMosaikSternzeichen

Der Mittelpunkt des einen ist eine Uhr, deren Zahlen von goldenen Ringen umgeben sind. Sie ist die Sonne und schickt ihre Strahlen durch das ganze Bild, über die Erdkugel rechts von ihr hinweg und ins Blau des Weltalls hinein, in dem Sterne und stilisierte Sternzeichen sind. Ein kleiner Hinweis darauf, daß das Mosaik im Sozialismus entstand, sind die Rakete und der Sputnik, die es schon zwischen die Symbole des Aberglaubens geschafft haben.

NádražíPardubiceUhr

An dieser Seite geht es in das an die Halle anschließende Gebäude, ein Hotel, in ein Restaurant und früher auch in ein Kino, die allesamt Sirius hießen oder heißen. Das Mosaik am anderen Ende der Halle ist gleichsam das Gegenteil des ersten. Ist dieses strahlend und farbenfroh, so ist jenes eher zurückhaltend. Zeigt dieses die Weite des Weltraums, so zeigt jenes die Tschechoslowakei.

NádražíPardubiceMosaikTschechoslowakei

Auf einer bläulichen Fläche, unter dem Wappen von Pardubice ist der Umriß des Landes und darin die Eisenbahnlinien, Städtenamen und viele historische Gebäude der jeweiligen Gegenden und Städte. In der Mitte der Bahnhofshalle erstrecken sich über die gesamte Länge Bänke mit geschwungenen hölzernen Sitzflächen.

Hinausgehen muß man eigentlich gar nicht. Pardubice wird man da auch nicht finden, die zentralen Teile der Stadt sind mehrere Kilometer entfernt. Der Vorplatz ist groß und trotz Beeten und Brunnen wenig mehr als die Stelle, wo eben die Oberleitungsbusse halten.

NádražíPardubiceAußen

Der Bahnhof zeigt sich auch von dieser Seite in seiner sachlichen Klarheit. Der rote Hotelbau, das Erdgeschoß der Halle schwarz und auf seinem Vordach in großen Buchstaben „Pardubice hlavní nádraží“ (Pardubice Hauptbahnhof), die Fenster transparent, der Rest rot und auf einer Fläche links eine Uhr, die der auf dem Mosaik entspricht.

In Pardubice gibt es noch weit mehr als diesen Bahnhof, aber nur ihn zu kennen, heißt viel von Pardubice zu kennen.

Eden in der Uljanovská

Eigentlich heißt das vorzustellende Wohngebiet in Prag nicht Eden und auch die so hübsch nach Lenins Geburtsstadt benannte Straße Uljanovská ist darin fast bedeutungslos.

Eden heißt aber das Kulturní Dům (Kulturhaus), bei dem das Wohngebiet beginnt. Es ist in mancher Hinsicht ein typisches Gebäude der ČSSR.

KulturníDůmEden

Dreigeschossig, über dem Eingang auf einer Betonfläche ein rundes abstraktes Mosaik in erdigen Braun-, Rot- und Gelbtönen, links und rechts vorgesetzte braungefasste Glasfassaden, wobei die rechte sich um die Ecke zieht und eine Wendeltreppe, in die ein röhrenförmiger Leuchter hineinhängt, birgt.

KulturníDůmEdenTreppe

Oben das Kupferdach der Säle und weiter rechts an der Schmalseite ein halb aus Beton, halb aus Glas bestehender Treppenhausturm. Den Namen Eden hat das Kulturní Dům nach einem Vergnügungspark, der in den Zwanziger dort am Rande des gerade eingemeindeten Prager Stadtteils Vršovice entstanden war. Mittlerweile steht es leer und die andere Seite des Vorplatzes nimmt ein riesiges Tesco-Einkaufszentrum ein, das ebenfalls den Namen Eden trägt.

An der transparenten Ecke des Eden und seinem Treppenhausturm vorbei gelangt man auf den Boulevard, der das Wohngebiet erschließt. Er verläuft parallel zur großen Straße Sboru národní bezpečností (etwa: Straße des Staatspolizei), jetzt Vršovická (Vršovicer Straße), doch während diese leicht abfällt, wird er zur Terrassenebene und bleibt eben. Auf ihr erstreckt sich ein schlichtes fünfgeschossiges Amtsgebäude mit transparenten ovalen Treppenhäusern an der Schmalseiten und schützt das Wohngebiet vor dem Straßenverkehr.

SídlištěVlastaUřád

Die Zulieferungsstraße nun, die halb versteckt unter der Terrassenebene verläuft, das ist die Uljanovská (Uljanovsker Straße).

UljanovskáPraha

Aber vielleicht paßt das zu dem leichten Paradox einer Straße, die nach einer Stadt benannt ist, die wiederum nach ihrem berühmtesten Sohn benannt ist, der allerdings unter einem anderem Namen berühmt wurde, den später auch mehrere Städte und unzählige Straßen bekamen. Quer zu ihr stehen fünf identische elfgeschossige Gebäude mit durchgehendenden Balkonen und verglasten Treppenhäusern, zwischen denen grüne Höfe angeordnet sind.

SídlištěVlastaHofKazašská

Nach dem Ende des Amtsgebäudes ist ein Platz mit Sitzsteinen und Hochbeeten, der sich zur großen Straße und den Fabrikgebäuden auf der anderen Seite öffnet.

SídlištěVlastaBoulevard

Dann geht es ein Stück hinab auf eine zweite Terrassenebene. Unter ihr sind zur Straße hin Kolonnaden mit Läden, während auf ihr ein achtgeschossiges Wohngebäude steht, das der Straße vorgesetzte Treppenhäuser und Fensterbänder zuwendet und im Erdgeschoß ebenfalls Läden hat.

SídlištěVlastaGesamt

Durch verglaste Verbindungstrakte ist es mit zwei quer gesetzten fünfzehngeschossigen Wohnhochhäusern zu einer U-förmigen Anlage verbunden.

TreppeMagnitogorská

Zwischen den dreigeschossigen Sockeln der Hochhäuser, wo unter anderem eine Polizeidienststelle war, führt eine große Treppenanlage mit vielerlei Grünanlagen nach unten auf die Magnitogorská (Magnitogorsker Straße), einer Erschließungsstraße, die das andere Ende des Wohngebiets bildet und an der noch Schulen und Kindergärten sind.

Wenn der Boulevard und die Treppe das Rückgrat des Wohngebiets sind, so sind die grünen Höfe seine Herzen. Alle diese Höfe auf unmerklich abfallendem Gelände sind umlaufen von Straßen, die sogar jeweils einen Namen nach zentralasiatischen Sowjetrepubliken oder deren Hauptstädten haben. Sie gliedern sich in drei Bereiche: einen asphaltierten Ballspielplatz, eine tiefer- oder höhergelegte Wiese und einen Spielplatz. Umgeben und zusammengefügt sind die drei Bereiche aber immer auf verschiedene Arten durch meist rechteckige, teils runde Hochbeete mit Betonmäuerchen. Auf dem Boden wechseln sind quadratische Betonplatten und Kopfsteinpflaster ab.

Weiter individualisiert sind die Höfe durch die Kunst, die sich in ihnen findet: jeweils eine Plastik oder Skulptur von Vendelín Zdrůbecký in der Wiese und ein Mosaik von Radomír Kolář auf einer freistehenden Betonwand beim Spielplatz. Nur in der Kazašská (Kasachischen Straße), der ersten nach dem Kulturhaus, wo ein junges Paar aus Stein im Nadelgebüsch sitzt

VendelínZdrůbeckýPaarKazašská

und das Mosaik Tiere zeigt,

RadomířKolářTiereKazašská

ist kein Zusammenhang zwischen den beiden Kunstwerken zu erkennen. In der Tadžická (Tadschikischen Straße), wo man an einem Mosaik mit Flugzeugen und Schiffen vorbei

RadomírKolářFlugzeugeTadžická

zu einem bronzenen Jungen mit hocherhobenem Spielzeugflugzeug blickt

VendelínZdrůbeckýJungeMitFlugzeugTadžická

und das Motiv noch von einem flügelartigen Aufbau auf dem Amt fortgesetzt scheint, ist der Zusammenhang offensichtlich, in der Turkmenská (Turkmenischen Straße), wo das Mosaik Zirkusszenen

RadomírKolářZirkusTurkmenská

und die Plastik eine junge Tänzerin zeigt,

VendelínZdrůbeckýTänzerinTurkmenská

ist er schon ferner.

Am schönsten aber ist es in der Taškentská (Taschkenter Straße): dort schaut man einer jungen Frau, sicher einer Kindergärtnerin, zu, wie sie Kindern aus einem Buch vorliest.

VendelínZdrůbeckýKindergartengruppeTaškentská1

Ein Junge stützt sich auf den Schemel der Frau und zwei Mädchen lagern auf der Wiese. Sie sind aus hellem Stein und doch ist sie Szene so voller Leben, daß man fast das Gefühl hat, zu stören, wenn man sie betrachtet.

VendelínZdrůbeckýKindergartengruppeTaškentská2

Und das Mosaik zeigt, was die Frau liest und in den Köpfen der Kinder entsteht: ein Märchenschloß, eine Prinzessin, ein Ritter im Kampf gegen einen vielköpfigen Drachen und vieles mehr.

RadomírKolářMärchenTaškentská

So wird aus zwei Kunstwerken eins, ein wirkliches Gemeinschaftswerk. Auch die sehr unterschiedlichen Stile der beiden Künstler ergänzen sich hier. Zdrůbecký, ein feinfühliger Beobachter, wenn auch vielleicht etwas zu detailrealistischer Darsteller kindlichen Lebens, ist am besten, wo er einfach eine aus dem Alltag gegriffene Szene zeigen kann, Kolář‘ reduziert realistischer, sehr farbenfroher Stil, der an Kinderbuchillustrationen erinnert, eignet sich vorzüglich für ins Phantastische gehende Sujets.

Der starre, repetitive Rahmen der Architektur wird durch die Freiraumgestaltung und die Kunst somit einmalig und unverwechselbar. Man könnte sagen, hier geschehe, was Karel Teige in den Zwanzigern forderte, auch wenn er das selbstverständlich anders meinte: die Poetisten bespielen die Räume, die die Konstruktivisten bauen.

Unterstützt wird der individuelle Charakter der Höfe noch durch die Natur, die sich, halb geplant vielleicht, jeweils unterschiedlich entwickelte. So ist die Tadžická offen und von Wiesen geprägt, während die Turkmenská im Schatten hoher Bäume liegt.

SídlištěVlastaHofTurkmenská

Insgesamt entsteht so in einer wirklich schwierigen Lage zwischen einer großen Straße und Eisenbahngleisen ein Wohnkomplex, der dem Sozialismus angemessen ist. Die Kunst läßt sich nicht sozialistisch nennen, aber sie ist zutiefst menschlich, ist sie doch dort, wo die Menschen sind, und will diesen etwas sagen. Bedauern muß man bloß, daß die Eingänge zu diesem Eden nicht die Kunst haben, die sie verdienen. Am Kulturzentrum immerhin die dekorative Abstraktion, doch am Aufgang der Treppenanlage unfassbar kitschige Pferde, die das Ergebnis sind, wenn Kolář zu realistisch wird.

RadomírKolářPferdeMagnitogorská

Hier wünschte man sich ein Kunstwerk, das eben doch sozialistischen Inhalt hätte und vielleicht etwas über die Beziehungen der Tschechoslowakei zur Sowjetisch-Zentralasien sagte. Doch dazu fehlten Künstler wie Auftraggeber. Was in Eden gelang, ist, was möglich war und es ist nicht wenig, zu viel jedenfalls für den langweiligen Namen Sídliště Vlasta (Wohngebiet Vlasta).

Stadtbahngeländer

Stadtbahngeländer hat jeder, der in Wien war, gesehen, ob er will oder nicht, ob er es weiß oder nicht. Es sind bloß grüne Metallgeländer entlang von Bahngleisen oder Bahnsteigen.

Stadtbahngeländer

Sie bestehen aus einem runden Teil in der Mitte, das man als eine lodernde Sonne oder aber als ein Rad deuten kann, von dem schräge Streben zu den Ecken eines Quadrats verlaufen, von denen zumeist zwei mit der Verlängerung ihrer Horizontalen in einem größeren Rechteck aus Handlauf und Stütze hängen. Nichts an dieser simplen und klaren Form ist besonders auffällig, aber sie wird ständig wiederholt und ist, sobald man einmal auf sie achtet, allgegegenwärtig.

Diese Geländer sind das Symbol, das Logo, der Wiener Stadtbahn. Was diese war (ein um 1900 entstandenes Nahverkehrsnetz, das schon seit längerem im U- und S-Bahnnetz aufgegangen ist), muß man nicht einmal wissen, um zu verstehen, wieso das Stadtbahngeländer wichtig ist. Denn, mehr Logo als Ornament, gehören sie zu dem, was die Stadtbahn vor allem auszeichnet: ihrer Corporate Identity. Heute scheint das banal, doch damals war es eine große Neuerung. Wo immer man dieses Geländer sieht, da war die Stadtbahn. Zwar findet man an der Stadtbahn, wie hier am Schwedenplatz, stellenweise auch noch andere Geländer,

GeländerSchwedenplatz

doch sie sind viel verschnörkelter, viel stärker von damaligen Jugendstilmoden beinflußt und ihnen fehlt die Einfachheit und unaufdringliche Einprägsamkeit, die gerade das Stadtbahngeländer zum Logo machen.

Heute, da es die Stadtbahn nicht mehr gibt, könnte man fast sagen: die Stadtbahngeländer sind die Stadtbahn.

Most Hrdinov Dukly

Der Most Hrdinov Dukly ist die andere Brücke in Bratislava. Die wichtigste Brücke der Stadt, das ist der Most SNP.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Er ist direkt im Zentrum, unterhalb der Burg und mit seinem ufoförmigen Restaurant auf schwerelos schrägen Stützen so sehr Symbol Bratislavas wie diese. Er ist der Star und mit allem Recht. Eine der schönsten Brücken der Welt oder jedenfalls der Tschechoslowakei, was nicht wenig heißt. So perfekt ist er, daß er bei aller schwebenden skulpturalen Eleganz nie seine Funktion vergißt, trägt er doch auf mehreren Spuren Autos und an seinen Seiten Fußgänger vom Zentrum in den neuen Stadtteil Petržalka am anderen Donauufer und wieder zurück. Der Most Hrdinov Dukly hingegen ist der treue, ewig strapazierfähige und verläßliche Sidekick.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Ganz Funktion verbindet er für Autos, Züge, Fußgänger und Radfahrer Petržalka mit industriellen Gegenden im Osten beim Hafen.

Schon die Namen erzählen von dieser Rollenverteilung zwischen den beiden Brücken. Der Most SNP heißt nach dem SNP, dem Slowakischen Nationalaufstand, mit dem die fortschrittlichen Teile des slowakischen Volks ihren Widerstand gegen den einheimischen wie den ausländischen Faschismus und ihre Loyalität zur zerschlagenen Tschechoslowakei mit der Waffe in der Hand bekundeten. Der Most Hrdinov Dukly ist die Brücke der Helden von Dukla, benannt also nach den Soldaten der sowjetischen und der tschechoslowakischen Armee, die in der Offensive zur Eroberung des Dukla-Passes zwischen Polen und der Slowakei fielen. Diese Offensive machte, indem sie viele deutsche Kräfte band, das heldenhafte Ausharren des SNP in der Mittelslowakei erst möglich. Und wie der Most Hrdinov Dukly in Bratislava stand auch Dukla in der Propaganda der sozialistischen Tschechoslowakei nie so sehr im Vordergrund wie der SNP. Doch wie SNP und Dukla geschichtlich untrennbar zusammengehören, so gehören auch die beiden Brücken in der Stadtstruktur von Bratislava zusammen. Es gibt keine Konkurrenz. Der Most Hrdinov Dukly ist mit seiner wichtigen, aber leicht zu übersehenden Rolle völlig zufrieden.

Wiewohl riesig, weit größer als der Most SNP, ist der Most Hrdinov Dukly von weitem kaum zu sehen. Man muß ihm nahe kommen, um ihn zu erleben. Auf der Seite von Petržalka wächst die Brücke langsam aus der Auenlandschaft am Ufer hervor. Riesige Betonstützen, breite, die sich oben Y-förmig gabeln, oder schlankere, die oben teils einen horizontalen Träger, gleich einem mächtigen Arm, zur Seite strecken, tragen die verschiedenen Auffahrten der Brücke, die sich nach und nach vereinen.

MostHrdinovDuklyPetržalka

Die Bahnstrecke kommt im Schwung von der Seite heran und verläuft dann in der Mitte der Brücke. Auf beiden Seiten neben den Gleisen sind Wege für Fußgänger und Fahrräder, während hoch oben, nur am ständigem Rauschen und den Erschütterungen zu bemerken, die Autos fahren.

MostHrdinovDuklyPfeiler

So wird man über den Wald am Ufer getragen. Nachdem sich alle Teile der Brücke zusammengefunden haben und die Donau beginnt, endet die Betonkonstruktion mit einer Art riesigem Rahmen, der die über den Fluß führende Stahlkonstruktion trägt.

MostHrdinovDuklyEndeBeton

Man tritt hindurch wie durch ein Tor. Ging man zuvor unter dem Gewölbe des Betons, so bemerkt man die drei Reihen V-förmiger Stahlträger kaum mehr, da der Blick hinaus übers Wasser und in die Stadt geht.

MostHrdinovDuklyStahl

Links, nach Norden und Westen, breitet sie sich aus, die Burg und der Most SNP ragen in der Ferne auf.

MostHrdinovDuklyBlick

Rechts, im Südosten hingegen sieht man die ausgedehnten Anlagen der Slovnaft-Raffinerie. Näher ist der Hafen, dessen geschäftiges Becken man nach im stählernen Teil überquert. Am anderen Ufer übernimmt die Betonkonstruktion von Neuem. Die Bahnstrecke trennt sich von der Brücke, die Straße oben spaltet sich wieder in verschiedene Auffahrten.

MostHrdinovDuklyHafen

Auch der Fußgänger wird langsam wieder zum Boden geleitet, den er über eine Treppenanlage oder eine spiralförmige Rampe erreicht.

Auf ihre Art ist diese Brücke, die ihre Funktion mit einer klaren und schlichten Konstruktion erfüllt, nicht weniger schön als der Most SNP. Daß sie alles kann, was dieser konnte, zeigt sie ein Stück vom Treppenabgang entfernt in einer kleinen Grünanlage bei der Einfahrt zum Hafen. Dort steht eine Art Band aus Beton, das verschlungen auf dem Boden beginnt, sich dann als torartiger Durchgang aufschwingt und nur noch mit einer kleinen Stütze den Boden berührt, bevor es schwebend endet.

MostHrdinovDuklyDenkmal1

Der Beton, der bei der Brücke die massiven Stützen bildet, wird hier ganz leicht. Und das Band ist meist wirklich nur Beton, weder völlig glatt noch besonders rau, ganz wie bei der Brücke, aber dort, wo es als Durchgang aufgeweht ist, sind einige einfache Reliefs. Auf der einen Seite eine auf Blumen und Getreide herabscheinende Sonne, die ein ganz klein wenig auch Hammer und Sichel ist,

MostHrdinovDuklyDenkmal2

auf der anderen links eine Sonne, die auf die Burg von Bratislava scheint, während davor die Donau als anderes Band fließt, und rechts drei grüßende Mädchen mit Blumen vor einem fliegenden Band und zwei Lotsen auf einem Schiff.

MostHrdinovDuklyDenkmal3

Vor dieser Seite ein kleiner gepflasterter Platz, in dessen Mitte eine hohe runde Platte aus Beton steht.

MostHrdinovDuklyGrundstein

Sie symbolisiert den Grundstein für die zwischen 1978 und 1985 gebaute Brücke und nennt auf ihrem Rand deren Projektanten und Auftraggeber. Auf ihrer flachen Oberfläche ein fünfzackiger Stern, der Name „Most Hrdinov Dukly“ und horizontale Wellenlinien. Mit simpelsten Mitteln ist so die Brücke über die Wasser der Donau und der Sozialismus, der sie baute, dargestellt. Drei Ebenen einer Brücke: die Abstraktion der Inschrift, der Bogen des Betonbands und im Hintergrund der wirkliche Bau. Spätestens hier, wo er sich Verspieltheit und Pathos erlaubt, zeigt sich der Most Hrdinov Dukly ganz als Bruder des Most SNP. Aber er weiß, daß er das nicht einmal bräuchte.

Was Hildesheim von seinem Tempelhaus lernen könnte

Hildesheim rühmt sich seiner Fachwerkhäuser, von denen sich im Osten der Stadt noch viele erhalten haben, während sie um den Markt, wo sie im Krieg zerstört worden waren, seit den Achtzigern wieder aufgebaut wurden. Doch ob es einen nun stört oder nicht, daß diese nur Kopien sind – das interessanteste Gebäude am Markt ist kein Fachwerkhaus, sondern das, neben dem Rathaus, einzige mit steinerner Fassade: das sogenannte Tempelhaus.

TempelhausHildesheim

Wie das Rathaus ist es gotisch und überstand die Bomben glimpflicher als die Fachwerkhäuser, aber wo jenes dunkel und drohend ist, da ist es hell und freundlich. Sechs Geschosse hoch ist die weißgetünchte Steinfassade und obwohl sie nicht vertikal strukturiert ist, weist alles an ihr nach oben. Im Erdgeschoß als Mittelpunkt ein spitzbögiges Portal und beidseits von ihm große rechteckige Fenster. Im zweiten Geschoß drei etwas kleinere rechteckige Doppelfenster. Im dritten Geschoß drei Fenster, die aus je drei schmalen spitzbögigen Teilen bestehen. Im vierten Geschoß drei entsprechende Fenster, die aber nur noch zwei Bögen haben. Hier endet der Hauptteil der Fassade und sie setzt sich nur noch in der Mitte mit einer rechteckigen Fläche fort. In dieser sind im fünften Geschoß zwei Fenster mit je zwei Spitzbögen und im sechsten Geschoß, als Abschluß und wieder in der Mitte, ein einziges. Die Anordnung der Fenster ergibt so gleichsam einen neuen großen Spitzbogen, schlanker und höher als der des Portals, aber doch wie dessen riesenhafte Vergrößerung.

An beiden Seiten erwachsen aus dem Hauptteil der Fassade schlanke runde Türmchen, die oben von kleinen spitzbögigen Fenstern umlaufen sind und mit ihren helmartigen Hauben so hoch reichen wie die rechteckige Fläche der obersten Geschosse. An diese schließen sie an mit je zwei freistehenden Spitzbögen, die nur aus einem äußerst filigranen Pfeiler, den Bögen selbst und einem dreieckigen, entfernt fialenartigen Aufsatz in der Mitte bestehen. Ganz oben auf dem höchsten Teil der Fassade stehen schließlich noch vier schmale Gebilde, die an Schachfiguren erinnern und äußerst stilisierte Zinnen sein könnten. Weder die Türme noch die Bögen haben irgendeine Funktion. Es ist vielmehr, als wollte hier der Baumeister eines Bürgerhauses zeigen, daß er sich auf Gotik allemal so gut verstehe wie die Baumeister der Burgen und Kirchen, weshalb er dem Bürgerhaus eben die Türme einer Burg und die Bögen einer Kirche gab. Dem Bauherren, der sich sicher gerne gleichauf mit Adel und Klerus sah, kann das nur recht gewesen sein.

Neben dem Spitzbogen aus Spitzbögen und den Burg- und Kirchenzitaten ist an dieser Fassade so ungewöhnlich, daß sie keinen Giebel hat und dennoch die Dachform erahnen läßt. Das Gebäude hinter ihr hat nämlich vier Geschosse und ein hohes Satteldach. Der Unterschied zu den Fachwerkhäusern, die ganz Giebel sind, könnte nicht größer sein.

Doch ganz ohne Bezug zu seiner Fachwerkumgebung ist das Tempelhaus nicht. Was bisher beschrieben war, ist seit fünfhundert Jahren nicht mehr zu sehen. Einige Generationen nach der Errichtung dieser supergotischen Fassade hielt jemand deren splendid isolation offenbar nicht mehr aus und ließ rechts vor die ersten drei Geschosse einen Renaissanceerker errichten.

ErkerTempelhausHildesheim

Der ist zwar aus Stein, aber doch wie ein Hildesheimer Fachwerkhaus im kleinen: über und über mit Schnörkeln und Bildern versehen, große Fenster, Giebel. Er ist sicher schön und für sich selbst wie als Verbindung zur Umgebung wichtig, aber er ist als ein Stück selbstbewußter Architektur auch ein Fremdkörper auf der Fassade. Nichts, aber auch gar nichts an ihm paßt zu ihr. Daß der Bruch nicht sofort wie ein Schock spürbar ist, liegt einzig an der „Patina des Alters“ (Georg Piltz).

Die Fassade des Tempelhauses ist in gewisser Weise ein Argument dafür, auf das Alte keine Rücksicht zu nehmen, sondern einfach zu bauen, wie es in die Zeit paßt, ein Argument damit auch für die Neugestaltung des Hildesheimer Marktes. Nach dem Krieg war er unter Verzicht auf alle Fachwerkhäuser nach Norden erweitert worden, an einer gotischen Kirche entlang und bis zu einem Horten-Kaufhaus,

ResteDesNeuenMarktsMitKircheUndHortenHildesheim

und hatte im Hotel Rose einen neuen Höhepunkt bekommen. Es war ein dezenter und doch markanter Bau, siebengeschossig, die Fassade bestimmt von außenliegenden vertikalen Trägern, die über dem zurückgesetzten Obergeschoß schräg abfielen, und abstrakten Reliefs unter den Fensterbändern. Sowohl das so angedeutete schräge Dach als auch die Reliefs waren Zitate der vorangegangenen Fachwerkhäuser, aber viel zu subtil, um verstanden werden zu können. Das Hotel stand nur zwanzig Jahre, von 1963 bis 1983, bevor es durch die Kopie eines Fachwerkhauses ersetzt und der Markt dann wieder geschlossen wurde. Zwanzig Jahre aber war es der Fassade des Tempelhauses ein würdiger Nachbar. Wenn Hildesheim nur gelernt hätte, diese Fassade zu verstehen, vielleicht gäbe es auch das Hotel Rose noch.