Tauben in Würzburg

Die Burkarder Kirche gehört zu den unauffälligeren Kirchen Würzburgs. Dazu trägt vor allem ihre Lage am anderen, linken, dem Stadtzentrum gegenüberliegenden Mainufer bei. Sie steht dort am weniger beliebten, weil (laut Wegweiser um fünf Minuten) längeren Weg hinauf zur Festung Marienberg, deren Weinberge direkt hinter ihr beginnen. Aber auch architektonisch scheint sie sich vor der Stadt geradezu zu verstecken.

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Im Kern ist St. Burkard ein romanischer Bau mit zwei zum Ufer zeigenden Türmen, weder besonders hoch, noch besonders klein.

Doch davor wurden ein hoher gotischer Quertrakt und ein Chor, die größer als der ganze romanische Kern sind, gebaut. Das verdeckte den älteren Teil zum Fluß hin völlig.

Es entstand ein widersprüchliches, uneinheitliches Gebäude, das die Türme in der Mitte hat, wobei sie hinter dem gotischen Teil ohnedies kaum zu sehen sind. So könnte die Kirche als Beispiel dafür dienen, wie gleichgültig frühere Zeiten gegenüber Vorgängerbauten waren, wie wenig wert sie auf ein harmonisches Gesamtbild legten.

Doch es gibt noch ein weiteres Türmchen am Ende des Satteldachs des romanischen Teils. Es ist der Beitrag des Barock zu dem Gebäude: achteckig, mit Schiefer verkleidet, zwei hölzerne Streifen mit horizontalen Lamellen in Rundbögen, Kuppelhaube und hohe bronzene Spitze mit Kugel und Doppelkreuz. Sowohl über dem ersten Streifen als auch am Ansatz des Dachs sind geschwungen vorstehende Simse, die den Turm noch stärker horizontal gliedern.  Hinter den Lamellen waren oder sind vielleicht Glocken, aber da auf den Simsen und dem Dach immer Tauben sitzen, könnte man auch denken, daß das Türmchen nur für diese Tiere gebaut worden sei.

Von der anderen Seite, vom Hang aus, sieht man dann, daß das Türmchen nur halb auf dem Dach der Kirche steht und halb auf einer nach oben in mehreren Stufen breiter werdenden Stütze, einer Art umgedrehten Pyramidenhälfte an der Wand.

Und mit einem Mal gewinnt das so beliebig zusammengewürfelte Gebäude doch noch eine gewisse Harmonie. Da ist der Turm, ein sogenannter Giebelreiter, der auf seiner Pyramidenstütze zu balancieren scheint, darunter eine hundeartige Fratze und noch darunter ein recht großes rundbögiges Fenster mit Maßwerk.

Der schlichte Baukörper der romanischen Kirche wird zur Leinwand, auf der Gotik und Barock sich ausprobieren können. Respekt oder Verständnis für die Romanik ist hier ebenfalls nicht, wieso auch, aber anders als die rüde vorgesetzten gotischen Bauteile wissen das Türmchen, die Skulptur und das Fenster mit dem Vorhandenen etwas anzufangen.

Wenn es scheint, als sei das Türmchen nur halb entschlossen, auf dem Giebel der Kirche zu verharren, dann vielleicht, weil es ein in Würzburg häufiger anzutreffendes Architekturelement ist.

Genau so, achteckig auf sich nach oben verbreiternden Stützen und weit vorragend, sitzen einige kleine Wachräume aus rotem Sandstein in den Mauern der Festungsanlagen.

Wiewohl ungleich funktionaler mit kleinen Schlitzen, die geschütze Aussicht oder Schüsse erlauben, sind sie auch viel reicher verziert, was ihnen die architektonische Klarheit nimmt. Ein ähnliches Element ist in einem Giebel des Karmelitenklosters dann zu einer Zierform ohne Sinn, aber auch ohne Leichtigkeit geworden.

Wie die Tauben scheint das Türmchen der Burkader Kirche aufgeflogen zu sein und sich anderswo niedergelassen zu haben, aber nie ganz, immer bereit, gleich wieder abzuheben. Und zu Hause ist es doch, wenn überhaupt irgendwo, nur bei der Kirche.

Der massive gotische Vorbau der Burkarder Kirche wirkt nunmehr wie eine Mauer, die das Türmchen und die anderen intimeren Teile schützen soll. In gewisser Weise ist die zu den Weinbergen gewandte Seite sogar die Vorderseite, doch an wen könnte sie sich richten? An die Festung etwa? Doch von dort blickt man wohl eher hinaus aufs weite Panorama von Würzburg als hinab zur kleinen Kirche am Fuße des Marienbergs. Und selbst wenn man es täte, die halbschwebende Form des Türmchens ist von hier nicht mehr als solche auszumachen. Vielleicht will die Kirche ihre Schönheit einfach für sich behalten.

Bleiben also einige Blicke vom Hang und bleiben die Tauben, denen die versteckte, geschützte Lage mit gutem Zugang zu den Weinbergen gewiß recht ist. Sie können nicht wissen, daß der von ihnen zur Heimstatt auserkorene Gebäudeteil architektonisch gut auch ein Taubenschlag sein könnte. Dank den Tauben ist das Türmchen nicht nur hübsch, sondern auch nützlich. Damit hat St. Burkard vielen auffälligeren und wichtigeren Kirchen Würzburgs etwas voraus.

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