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Von Nilpferden und Rolltreppen

In seinem Kinderbuch „Rozprávky pre hrocha“ (Märchen für das Nilpferd) beschreibt Cyril Valšík, ein in den Siebzigern und Achtzigern in Bratislava tätiger tschechischer Rundfunkjournalist, wie das Nilpferd, das er im Zoo kennengelernt hat, sich an das Leben in der Stadt gewöhnen muß. Unter anderem ist es irritiert von den Rolltreppen in den Unterführungen. Man kann ihm das nicht verdenken, denn Unterführungen mit Rolltreppen gibt es ja nicht überall.

valsiknilpferdstrassenbahn

Es dauerte eine Weile, bis sich das Nilpferd daran gewöhnte, daß es nicht in Afrika ist. Es fürchtete sich davor, auf der Straße zu gehen und die Fahrbahn zu überqueren. Und auf den Rolltreppen in den Unterführungen war es sich überhaupt nicht sicher. Afrika ist Afrika, die Stadt ist die Stadt. Da kann man nichts machen. Nachdem sich das Nilpferd an den Verkehr gewöhnt hatte, schaute es gerne PKWs und LKWs, Trolleybussen und Autobussen zu. Am liebsten hatte es aber die Straßenbahnen. Es gefiel ihm, wenn sie bimmelten. Damit es nicht denkt, daß alle Straßenbahnen gleich sind, habe ich ihm das Märchen Von der geschwätzigen Ruženka erzählt (aus Valšík, Cyril: Rozprávky pre hrocha, Bratislava 1985, Illustration von Peter Cpin)

Da das Buch in Bratislava spielt, wird der Autor vor allem an eine für das Nilpferd solchermaßen herausfordernde Unterführung gedacht haben: die am Trnavské mýto (Trnavaer Maut). Es handel sich um einen großen unterirdischen Bereich mit roten runden Stützen, vielen kleinen Verkaufsbuden und eben Rolltreppen zu den vielen Ausgängen.

trnavskemytounterfuehrung

Obwohl Trnavské mýto eine große Kreuzung mit wichtigen Gebäuden wie der Tržnica (Markthalle) und dem Dom Odborov (Haus der Gewerkschaft) ist und die Unterführung diese und mehrere Bus- und Straßenbahnhaltestellen miteinander verbindet, erklärt das noch nicht ihre aufwendige Ausstattung.

trnavskemytooben

Man muß vielmehr wissen, daß Bratislava einmal eine U-Bahn hätte bekommen sollen.

Offiziell hieß sie rychlodráha (Schnellbahn) statt Metro, da nach der sowejtischen Städtebauorthodoxie erst Städte ab einer Million Einwohnern eine solche bekommen dürfen und davon war Bratislava damals so weit entfernt wie heute. Trnavské mýto hieß damals nach einem kommunistischen Politiker und Gewerkschaftsfunktionär, dessen Büste vorm Dom Odborov stand, Námestie Františka Župku (František-Župka-Platz) und hätte eine von zwei Umstiegsstationen zwischen den beiden bis 2030 geplanten Linien werden sollen.

Aber die Gelegenheit, in Bratislava U-Bahn fahren zu können, bekam das Nilpferd nie. Es kam das Jahr ´89, es kam die Konterrevolution, die bereits weit fortgeschrittenen Arbeiten wurden unterbrochen und nie wieder aufgenommen. Doch damit nicht genug: heute funktionieren auch die Rolltreppen nicht mehr oder nur selten.

trnavskemytorolltreppe

Das führt einem den aufgehaltenen Fortschritt drastisch vor Augen. Keine Rolltreppe wäre sogar noch besser als eine stillgelegte Rolltreppe, denn das Beleidigende ist, daß etwas so eindeutig Nützliches da ist, funktionieren könnte, funktioniert hat, aber nicht funktioniert. In der heruntergekommenen Unterführung am Trnavské mýto ist das vielleicht das geringste Problem, doch die Rolltreppen sind wie ein Symbol für den Niedergang, den das Ende des Sozialismus für eine Stadt wie Bratislava bedeutet hat.

Keine Rolltreppen, keine Metro, jahrelang trotz vorhandenen Schienen keine Straßenbahnverbindung zum Hauptbahnhof, wo einen auch jetzt noch eine weitere stillgelegte Rolltreppe nicht von der Haltestelle zur Bahnhofshalle bringt. Daß Bratislava in den letzten Jahren begonnen hat, wenigstens neue Straßenbahnen anzuschaffen, mag ein kleiner Trost sein. Valšíks Nilpferd allerdings, das das Bimmeln der Straßenbahnen mochte, fände es vielleicht schade.

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Das unmenschliche Maß in Bratislava

Ein Gebäude wie eine Waffe, wie ein zum Schuß angesetztes Gewehr oder ein zum Schlag erhobener Säbel.

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Oder vielleicht: ein Gebäude, das Waffen in den Händen hält. Die Waffen, das sind die großen aufgerichteten Bronzelöwen mit aufgerissenen Mäulern, die Hände, das sind die eckigen Säulen, auf denen sie auf der Höhe des zweiten Geschosses stehen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaLöwe2

Überall wären diese Plastiken bedrohlich und feindselig, doch auf den weit über den Gehsteig der Špitálska ulica (Spitalstraße) ragenden Flächen, zu hoch, um nicht zu ihnen aufsehen zu müssen, zu niedrig, um sie übersehen zu können, wird ihre Bedrohlichkeit und Feindseligkeit noch einmal potenziert. Geht man unter ihnen vorbei, scheinen sie herunterspringen und einen verschlingen zu wollen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaLöwe1

Noch von der anderen Straßenseite, wenn man das Gebäude in seiner Gesamtheit sehen kann, wirken sie wie wilde Tiere in einem Zoo, denen man glücklicherweise nicht zu nahe kommen kann.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislava1

Von dort, aus sicherer Entfernung, sieht man dann, daß das Gebäude selbst gar nicht weiter auffällig ist, ein typischer konservativer Stil der ersten Republik, durch vielerlei Simse sogar eher horizontal gegliedert.

Ornamentik oder Figurenschmuck gibt es sonst keinen, allerdings mit einer wichtigen Ausnahme: den beiden Atlanten, die mit zwei schrägen säulenartigen Elementen einen Balkon über dem Eingang halten, der nur dazu dient, diesen monumentaler zu machen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaEingang

Doch das Wort paßt nicht. Atlanten, das sind Figuren, die gleich dem mythischen Atlas zwar unter Zwang und voller Mühe, aber zugleich mit Würde und vielleicht sogar Stolz ihre schwere Last tragen. Diese Figuren aber sind Sklaven, Gefangene, sie knien, ihre Hände sind auf ihrem Rücken gefesselt und die Last wurde auf ihre Schultern und resigniert gesenkten Köpfe gelegt, um sie zu quälen.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaSklaven

Über ihnen, im Geländer des Balkons, steht dann in eigentümlichen Art Déco-Lettern, was für ein Gebäude das ist: Policajné Riaditeľstvo, Polizeidirektion.

Damit erklärt sich alles. Die Gefangenen, die wie Waffen drohenden Löwen, es paßt. Es ist, will man es positiv ausdrücken, ein ganz erstaunlich ehrliches Gebäude. Die Staatsgewalt ist durch Formen der Gewalt dargestellt. Die Form des Gebäudes entspricht zwar nicht seiner Funktion, aber symbolisch der Funktion der darin untergebrachten Institution. Es ist bezeichnend, daß der Staat sich auch in der demokratischen Tschechoslowakei mit solch einer einschüchternden und brutalen Architektur repräsentiert sehen wollte. Der Bildhauer dachte vielleicht, mit den Löwen die stilisierten zweischwänzigen Löwen des tschechoslowakischen Wappens, auf die sie sich stützen, zum Leben zu erwecken, doch was für ein Leben das ist!

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Wild, tollwütig wirken sie. Wenn die Löwen der Wiener Schemerl-Brücke in ihrer ruhigen Haltung die vorgebliche Stabilität von Österreich-Ungarn um 1900 darstellen sollten,

Brücke

so stellen die Bratislavaer Löwen unfreiwillig die Unruhe der veränderten nachhabsburgischen Welt fünfundzwanzig Jahre später da.

Im Jahre 1922, als das Gebäude geplant wurde, war der Krieg noch nicht lange vorbei, die Tschechoslowakei noch sehr jung, sogar der Name Bratislava noch neu. So sind die Löwen auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Unsicherheit: die neue Demokratie mußte die Formen der alten Monarchie nutzen, sie hatte sonst nichts. Anderswo in der Tschechoslowakei entstanden fast zur gleichen Zeit schon Ansätze fortschrittlicher Gebäude, die schon bald sogar weit über die bürgerliche Demokratie hinausweisen sollten. Die klaren und sachlichen Formen dieser Gebäude wurden bald zum bevorzugten Architekturstil des selbstsichereren, das Alte hinter sich lassenden tschechoslowakischen Staats. Auch in Bratislava, ja, in direkter Nähe, gibt es dergleichen viel. Gegenüber etwa steht ein Mietshaus, das mit seinem weißen Putz, den Eckfenstern, dem verglasten Treppenhaus, den eine Dachterrasse andeutenden Brüstungsstreben ein absoluter Gegensatz zur Policajné Riaditeľstvo ist.

PolicajnéRiaditeľstvoBratislavaGegenüber

Die Aggressivität der Löwen prallt an ihm fast ab. Denn so wiederwärtig diese Polizeidirektion ist, sie hat auch etwas Lächerliches.

Československý rozhlas Bratislava

Das Gebäude des Československý rozhlas (Tschechoslowakischer Rundfunk, heute Slovenský rozhlas, Slowakischer Rundfunk) in Bratislava ist eines von jenen, die man nie mehr vergißt, auch wenn man sie nur einmal gesehen hat.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Es ist einfach zu markant: eine riesige umgedrehte Pyramide, sechs Geschosse hoch, vor den Fensterbändern ein Rautenraster aus Stahlstreben. Bei diesem ersten Eindruck könnte es bleiben, beim Stauen darüber, daß es solch ein Bauwerk gibt, vielleicht bei der Bewunderung für die tschechoslowakische Architektur, die es noch 1985 fertigzustellen verstand.

Doch das genügt nicht. Daß das Gebäude des Československý rozhlas eine auffällige Pyramidenform hat, ist sicherlich wichtig. Sie erlaubte es, die Büroräume außen anzuordnen und das Innere für technische Anlagen und den großen Konzertsaal zu verwenden.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Wichtiger jedoch ist der Bereich um diese Pyramide und unter ihr. Der Sockelbau, bis zu drei Geschosse hoch, ist im Kontrast bewußt schlicht gehalten.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Klare rechteckige Formen, horizontale rotbraune Kachelverkleidung, über den oft die Ecken umlaufenden Fenstern beige gemaserter Stein. Und von der Ecke der Straße Mýtna, direkt neben dem Eingang ins Gebäude, führt eine große Treppe aufs Dach. Auf dieser zweiebigen Dachterrasse, nein, in dieser Dachlandschaft, nein: auf diesem Platz erst steht die umgedrehte Pyramide.

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaPlatz

Hier noch mehr als von unten wirkt sie schwerelos leicht, fast schwebend nur auf dem quadratischen Mittelteil und acht Stahlstützen. Aber nicht um schwerelos zu wirken, sondern um möglichst viel Platz um sich zu lassen, berührt sie den Boden so wenig. Erst durch den Platz, den öffentlichen Raum, den sie schafft, bekommt die Pyramidenform recht eigentlich einen Sinn, wird zu mehr als nur effektheischerischer Spielerei.

Der Gebäudekomplex des Československý rozhlas will gerade kein selbstgenügsames Kleinod in spektakulärer Form sein, sondern sucht den Kontakt zur Stadt. Es findet ihn nur teilweise. Von der Straße führt die Treppe immerhin auf den Platz unter der Pyramide und dort beginnt ein Weg. Er führt in Höhe des dritten Geschosses über den Sockelbau, über eine verglaste Brücke

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaBrücke

und über die Terrasse eines weiteren entsprechenden Baus, in dem ein Restaurant und vielleicht auch Läden waren,

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaWeg

bis zur nächsten Straße, der Žilinská. Sogar diese scheint er noch überbrücken zu wollen.

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaEnde

Aber auf der anderen Seite stehen Wohngebäude aus den Neunzigern. Ohnedies ist der Weg heute nicht zugänglich und der Platz nur manchmal.

Man spürt noch, wie sehr der Československý rozhlas Teil von etwas Größeren sein wollte, einer wichtigen Achse nämlich, die vom Hauptbahnhof über den Medická záhrada (Medizinischen Garten), einen wichtigen Park, bis zu einem geplanten neuen Kulturzentrum am Donauufer hätte führen sollen. Diese Pläne wurden nie umgesetzt und hinzu kamen spätere Zerstörungen. So steht der Československý rozhlas heute allein. Insbesondere fehlt ihm eine klare Beziehung zum nahen Námestie Klementa Gottwalda (Klement-Gottwald-Platz, heute Námestie slobody, Freiheitsplatz) und es ist schwer vorstellbar, wie die hätte verbessert werden können, ohne einen großen Verwaltungsbau aus den späten Vierzigern abzureißen. So bleibt dieses erstaunliche Gebäude ein Ansatz, aber auch mehr und auf andere Art gelungen, als es im ersten Moment schien.

Devín

Ein Fels direkt dort, wo die Morava (March) in die Donau (Dunaj) mündet, direkt dort, wo das flache Marchfeld auf die ersten Ausläufer der Weißen Karpaten trifft – selbstverständlich steht auf diesem Fels eine Burg: Devín.

DevinNebel

Die Landschaft ist hier wie ein Tor und die Burg ist der Wächter, der dem Reisenden vor dem nahen Bratislava entgegentritt. Ob er übers Wasser oder übers Land kommt, Devín, auch als Ruine noch groß, übersieht er nicht.

Aus Gregor, Ján und Tamašiová, Anna: Bratislava, Bratislava 1982

Aus Gregor, Ján und Tamašiová, Anna: Bratislava, Bratislava 1982

Immer war hier eine Grenze, früher zwischen Österreich und Ungarn, dann zwischen Österreich und der Tschechoslowakei, heute zwischen Österreich und der Slowakei.

An die ungarische Zeit erinnert wenig. Ein riesiges Denkmal, das 1896 zur Tausendjahrfeier Ungarns errichtet worden war, wurde 1921 gesprengt. Heute gibt es bloß noch eine Inschrift auf einer großen mit Obelisken verzierten Wand am Ufer abseits der Burg, die lautet:

UngarischeInschriftDevin

„Durch dieses Tor stürzte sich der Feind oft auf die Ungarn, aber kein einziges Mal gewann er einen dauerhaften Triumph. Doch der westlichen Bildung war dieser Weg tausend Jahre lang nie verschlossen. Und damit hier der Wettbewerb sicherer sei, regulierte das UNGARISCHE VOLK SEINE DONAU. Möge ES die Vorsehung deshalb auch segnen!“ Aufgrund des recht bedrohlichen Inhalts ist es wenig verwunderlich, daß der rote Aufkleber mit der slowakischen Übersetzung mehr wie ein Warnhinweis aussieht, verwandt dem Badeverbotsschild oben rechts. Heute steht die Wand zudem im Garten eines Hauses hinter einem Zaun und wird von einem großen Schäferhund bewacht.

UngarischeInschriftZaunDevin

Offenkundig soll man sie nicht beachten.

Und wieso sollte man auch? Unterhalb der Burg steht man heute am Slovanské nábrežie, am Slawischen Ufer, und es begrüßt einen die Tschechoslowakei. Die Burg, seit Jahrhunderten Ruine, aber erst 1932 von der ungarischen Adelsfamilie Pállfy dem Staat überlassen, wurde ergänzt mit einem durch und durch tschechoslowakischen Gebäude. Passiert man Devín auf dem Fluß, kann man beide nur zusammen betrachten und genau so ist es gedacht.

SlovanskéNábrezie48

Ein dreigeschossiges Gebäude, das Erdgeschoß hinter Stützen leicht zurückgesetzt und bis auf den mittigen Eingang öffnungslos, in den Obergeschossen zwischen bloßen Wandflächen links und rechts erst runde Fenster, dann horizontale Fensterbänder, wobei die im dritten Geschoß höher und zusammengefaßter sind, und auf dem Dach Geländer aus dünnen Stahlrohren, an zwei Stellen kleine halbrunde Balkone und zwei Aufbauten. Die ruhige vertikale Fassade kontrastiert stark mit den vielfältigen zerklüffteten Formen der Felsen und der Burg.

SlovanskéNábrezie48Devin

An beiden Seiten führen Treppen am Gebäude vorbei und dann an seinem in den Hang hinein schmaler werdenden Baukörper entlang nach oben. Dort, im Hang hinter dem Gebäude, öffnet sich ein Amphitheater, für das das Gebäudedach zur Bühne wird.

SlovanskéNábrezie48Bühne

Auch ohne Vorstellung ist die Flußlandschaft mit ihrem regen Schiffsverkehr ein Schauspiel. Und ausnahmsweise bekommen auch die kleinen bauhausstiligen Balkone einen gewissen Sinn, werden Logenplätze für den Blick auf Donau und March.

SlovanskéNábrezie48Balkon

Während alte Zeiten die strategische Lage von Devín nutzten, begriff die Tschechoslowakei in sympathischerer Nachfolge von Ungarn seine symbolische Bedeutung: an ihrem Eingangstor präsentierte sie sich mit einem fortschrittlichen Gebäude als würdige selbstbewußte Erbin des Alten.

Das Gebäude verbindet sogar beide Teile der tschechoslowakischen Geschichte. Seine Architektur würde gut in die kapitalistische erste Republik passen, aber tatsächlich entstand es im Jahre 1948, genau zu Beginn der sozialistischen Zeit, weshalb es auch als Bezug auf den siegreichen Februar, der die Kommunisten an die Macht brachte, die symbolische Adresse Slovanské nábrežie 48 trägt. Genutzt wurde es ob der komplizierten Lage an der Grenze nur sporadisch. Einen Eindruck davon, wie es sein konnte, geben folgende Bilder, die zeigen, wie im Jahre 1959 vor 150 000 Zuschauern Bedřich Smetanas Oper „Libuše“, die teils in Devín spielt, aufgeführt wurde:

„Durch die Kunst zur Völkerfreundschaft, zum Weltfrieden!“

„Durch die Kunst zur Völkerfreundschaft, zum Weltfrieden!“

Aus Petrlík, František: Bratislava - mesto na Dunaji, Bratislava 1960

Aus Petrlík, František: Bratislava – mesto na Dunaji, Bratislava 1960

Und die Slowakei? Sie baute ans Ufer unzählige lächerliche Kunstwerke, unter anderem ein Denkmal für den sogenannten Eisernen Vorhang (wie es aussieht, kann man sich denken – Eisen, Vorhang? Genau…), und ließ das tschechoslowakische Gebäude verfallen, so daß Devín heute gleich zwei Ruinen hat.

SlovanskéNábrezie48Amphitheater

Unterhalb von Devín ist eben jede Zeit repräsentiert durch das, was sie verdient hat.

Mutmaßungen über die Deutschen in Bratislava

Zwei Dinge sind einleitend zu erwähnen, wenn es um die ehemalige deutsche Minderheit in Bratislava gehen soll.

Erstens: Bratislava ist ein sehr neuer Name. Bis zur Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 hieß die Stadt auf Slowakisch Prešborok, was offenkunding vom deutschen Namen Preßburg abgeleitet ist und auch sonst unschön. Der neue Name, in dem Brüder und Ruhm anklingen, ist hingegen so angenehm tschechoslowakisch wie nur möglich. Das Kommittee, das ihn sich ausgedacht hat, leistete der tschechoslowakischen Staatlichkeit (und auch der gegenwärtigen slowakischen) einen Dienst von gar nicht abzuschätzender Bedeutung.

Zweitens: Bratislava gehörte vor 1918 zu Ungarn und hieß weder Prešborok noch Preßburg, sondern Pozsony. Das ist weit mehr als ein Detail, denn daß es einmal ein Österreich-Ungarn gab, darf nicht zur Annahme verleiten, dieses sei ein einheitlicher Staat gewesen. Wie Robert Musil schrieb: „Die beiden Teile Ungarn und Österreich paßten zueinander wie eine rot-weiß-grüne Jacke zu einer schwarz-gelben Hose; die Jacke war ein Stück für sich, die Hose aber war der Rest eines nicht mehr bestehenden schwarz-gelben Anzugs, der im Jahre achtzehnhundertsiebenundsechzig zertrennt worden war.“ Rot, Weiß und Grün sind die ungarischen Farben, Schwarz und Gelb die Farben Habsburgs, im Jahre 1867 wurde der Dualismus begründet. Österreich und Ungarn waren innenpolitisch seit diesem Jahr völlig autonom und die Unterschiede, insbesondere, was die Behandlung der nichtdeutschen, beziehungsweise nichtungarischen Bevölkerungsmehrheiten anging, waren groß. Es läßt sich etwas grob und vereinfachend sagen, daß es für einen Nichtdeutschen in Österreich halbwegs erträglich war, für einen Nichtungarn in Ungarn aber weniger. Während die Tschechen in Böhmen und Mähren einige Rechte hatten, das heißt die tschechische Bourgeoisie in Prag und anderen Städten an der Macht beteiligt war, und die Polen in Galizien sogar noch mehr, das heißt die polnische Szlachta (Adel) die Kolonialherrschaft über Ukrainer und Juden ausübte, erkannte Ungarn sogar die schiere Existenz von Slowaken kaum an. Und während sich in Österreich die Situation der sogenannten Minderheiten im Laufe der Zeit eher besserte, wurde in Ungarn 1911 mit den Apponyi-Sprachgesetzen, die Grundschulunterricht ausschließlich auf Ungarisch vorschrieben, die Magyarisierungspolitik noch verstärkt. Auch die Deutschen hatten es in Ungarn nicht viel besser als alle anderen, die weder Ungarn waren noch es werden wollten.

Dies alles muß man wissen, um zu verstehen, was nun über die deutsche Minderheit in Pozsony und Bratislava gemutmaßt werden soll.

Zuerst ein Grabstein auf dem Ondrejský Cintorín (Andreasfriedhof).

AntonVonWinzorBratislavaPozsony

Ein typischer obeliskartiger schwarzer Stein, deutscher Text, ein „General der Kavallerie u. Wirkl. Geh. Rat Anton Freiherr von Winzor“ liegt dort seit 1910 begraben. Er war, unter anderem: „Kommandierender General in Pozsony“. Und das ist das Interessante an diesem Grabstein, der ungarische Name der Stadt. Wie erklärt sich, daß ein Deutscher diesen verwendet? Nichts hätte ihn daran gehindert, Preßburg zu schreiben, das kommt auf dem Friedhof oft vor.

Doch weiter, zwanzig, dreißig Jahre später. Ein typisches Wohngebäude aus den Dreißigern an der Ecke Wilsonova/Radlinského, schlichte Fassaden, die Ecke markiert von halbrund vorstehenden Gitterbalkonen.

WilsonovaRadlinskéhoBratislava

Es schwer zu sagen, ob es aus der Tschechoslowakei oder dem faschistischen slowakischen Tiso-Staat stammt. Für letzteres spricht, daß auf dem Relief über dem Eingang, das drei Feuerwehrleute bei der Rettung einer Frau mit Kind zeigt, das slowakische Wappen ist.

HeimDerFreiwilligenFeuerwehrUndRetterInBratislavaRelief

Die slowakischsprachige Tafel links davon hat die Zeit nicht überdauert, die deutschsprachige rechts immerhin teilweise.

HeimDerFreiwilligenFeuerwehrUndRetterInBratislavaInschrift

„Heim der freiwilligen Feuerwehr und Retter in Bratislava“, liest man in verblassenden Buchstaben und dann ein längeres Zitat von Jan Amos Komenský: „Unser einzige Ziel soll das Wohl der Menschen sein. Wir alle sind wohl Bürger derselben Welt. Alle sind wir desselben Blutes. Was für eine Unvernunft, einen Menschen zu hassen nur darum, dass er anderswo geboren ist, dass er eine andere Sprache spricht, dass er eine andere Me[?] hat. Wir alle sind Menschen, alle unvollkommen, alle bedürfen wir der Hilfe. Besonders wir Europäer, wir sind wie Reisende auf einem gemeinsamen Schiff.“

Schon die Wahl dieses Zitats ist interessant, doch entscheidend ist, daß auch hier wieder im deutschen Text der nichtdeutsche Name der Stadt verwendet ist.

Wie erstaunlich das ist, merkt man daran, daß die Deutschen in Böhmen und Mähren nie auf die Idee gekommen wären, irgendeinen Ort, in den in den letzten tausend Jahren ein Deutscher seinen Fuß gesetzt hat, bei seinem tschechischen Namen zu nennen und ihre in den neofaschistischen „Vertriebenenverbänden“ organisierten Nachkommen noch heute gerne von Phantasiestädten wie Pilsen oder Leitmeritz reden.

Die Deutschen in Bratislava waren, wenn man die dürre Beweislage eines Grabsteins und einer Inschrift an einem Feuerwehrgebäude für ausreichend halten will, vielleicht anders. Vielleicht hatten sie ein realistischeres und weniger vom Nationalismus verzerrtes Bewußtsein ihrer Position und paßten sich deshalb den Staaten, in denen sie lebten, stärker an.

Eine Art Erklärung gibt Karl Kreibich, der wichtigste deutsche Politiker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Kommunistická strana Československa – KSČ), in seinem „Konec sudetského němectví“ (Das Ende des Sudetendeutschtums) von 1945:

„Ve starých Uhrách byli Němci (‚Švábi‘ a ‚Sasi‘) vždy spolehlivými činiteli maďarského režimu; byli maďarskými vlastenci. […]Režim a školské zákony Apponyiho vzaly také Němcům národní školy, to však neotřáslo jejich maďarským vlastenectvím. […] [Zdá se], že německé menšiny byly vždy tím hodnější, čím přísnější byl režim v zemi i na ně, čím méně jim dával.“

„Im alten Ungarn waren die Deutschen (‚Schwaben‘ und ‚Sachsen‘) immer verläßliche Unterstützer des ungarischen Regimes; sie waren ungarische Patrioten. […] Das Apponyi-Regime und seine Schulgesetzte nahmen auch den Deutschen ihre nationalen Schulen, das erschütterte ihren ungarischen Patriotismus jedoch nicht. […] [Es scheint], daß die deutschen Minderheiten immer desto braver waren, je strenger das Regime im Land auch zu ihnen war, je weniger es ihnen gab.“

Kreibich schließt dann, wie es für den Text nötig ist, daß es den slowakischen Deutschen nicht gut tat, in der Tschechoslowakei alle Rechte bekommen zu haben, denn „víme, jak ‚Karpatendeutsche‘ to republice a Slovákům opláceli“ – „wir wissen, wie die ‚Karpatendeutschen‘ das der Republik und den Slowaken heimzahlten“. Doch eine letzte Nachwirkung hat die Anpassungsbereitschaft der dortigen Deutschen noch immer: der Name Bratislava hat sich, auch im deutschen Sprachraum, unangefochten durchgesetzt und niemand würde mehr von einem Preßburg reden.

Most Hrdinov Dukly

Der Most Hrdinov Dukly ist die andere Brücke in Bratislava. Die wichtigste Brücke der Stadt, das ist der Most SNP.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Er ist direkt im Zentrum, unterhalb der Burg und mit seinem ufoförmigen Restaurant auf schwerelos schrägen Stützen so sehr Symbol Bratislavas wie diese. Er ist der Star und mit allem Recht. Eine der schönsten Brücken der Welt oder jedenfalls der Tschechoslowakei, was nicht wenig heißt. So perfekt ist er, daß er bei aller schwebenden skulpturalen Eleganz nie seine Funktion vergißt, trägt er doch auf mehreren Spuren Autos und an seinen Seiten Fußgänger vom Zentrum in den neuen Stadtteil Petržalka am anderen Donauufer und wieder zurück. Der Most Hrdinov Dukly hingegen ist der treue, ewig strapazierfähige und verläßliche Sidekick.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Ganz Funktion verbindet er für Autos, Züge, Fußgänger und Radfahrer Petržalka mit industriellen Gegenden im Osten beim Hafen.

Schon die Namen erzählen von dieser Rollenverteilung zwischen den beiden Brücken. Der Most SNP heißt nach dem SNP, dem Slowakischen Nationalaufstand, mit dem die fortschrittlichen Teile des slowakischen Volks ihren Widerstand gegen den einheimischen wie den ausländischen Faschismus und ihre Loyalität zur zerschlagenen Tschechoslowakei mit der Waffe in der Hand bekundeten. Der Most Hrdinov Dukly ist die Brücke der Helden von Dukla, benannt also nach den Soldaten der sowjetischen und der tschechoslowakischen Armee, die in der Offensive zur Eroberung des Dukla-Passes zwischen Polen und der Slowakei fielen. Diese Offensive machte, indem sie viele deutsche Kräfte band, das heldenhafte Ausharren des SNP in der Mittelslowakei erst möglich. Und wie der Most Hrdinov Dukly in Bratislava stand auch Dukla in der Propaganda der sozialistischen Tschechoslowakei nie so sehr im Vordergrund wie der SNP. Doch wie SNP und Dukla geschichtlich untrennbar zusammengehören, so gehören auch die beiden Brücken in der Stadtstruktur von Bratislava zusammen. Es gibt keine Konkurrenz. Der Most Hrdinov Dukly ist mit seiner wichtigen, aber leicht zu übersehenden Rolle völlig zufrieden.

Wiewohl riesig, weit größer als der Most SNP, ist der Most Hrdinov Dukly von weitem kaum zu sehen. Man muß ihm nahe kommen, um ihn zu erleben. Auf der Seite von Petržalka wächst die Brücke langsam aus der Auenlandschaft am Ufer hervor. Riesige Betonstützen, breite, die sich oben Y-förmig gabeln, oder schlankere, die oben teils einen horizontalen Träger, gleich einem mächtigen Arm, zur Seite strecken, tragen die verschiedenen Auffahrten der Brücke, die sich nach und nach vereinen.

MostHrdinovDuklyPetržalka

Die Bahnstrecke kommt im Schwung von der Seite heran und verläuft dann in der Mitte der Brücke. Auf beiden Seiten neben den Gleisen sind Wege für Fußgänger und Fahrräder, während hoch oben, nur am ständigem Rauschen und den Erschütterungen zu bemerken, die Autos fahren.

MostHrdinovDuklyPfeiler

So wird man über den Wald am Ufer getragen. Nachdem sich alle Teile der Brücke zusammengefunden haben und die Donau beginnt, endet die Betonkonstruktion mit einer Art riesigem Rahmen, der die über den Fluß führende Stahlkonstruktion trägt.

MostHrdinovDuklyEndeBeton

Man tritt hindurch wie durch ein Tor. Ging man zuvor unter dem Gewölbe des Betons, so bemerkt man die drei Reihen V-förmiger Stahlträger kaum mehr, da der Blick hinaus übers Wasser und in die Stadt geht.

MostHrdinovDuklyStahl

Links, nach Norden und Westen, breitet sie sich aus, die Burg und der Most SNP ragen in der Ferne auf.

MostHrdinovDuklyBlick

Rechts, im Südosten hingegen sieht man die ausgedehnten Anlagen der Slovnaft-Raffinerie. Näher ist der Hafen, dessen geschäftiges Becken man nach im stählernen Teil überquert. Am anderen Ufer übernimmt die Betonkonstruktion von Neuem. Die Bahnstrecke trennt sich von der Brücke, die Straße oben spaltet sich wieder in verschiedene Auffahrten.

MostHrdinovDuklyHafen

Auch der Fußgänger wird langsam wieder zum Boden geleitet, den er über eine Treppenanlage oder eine spiralförmige Rampe erreicht.

Auf ihre Art ist diese Brücke, die ihre Funktion mit einer klaren und schlichten Konstruktion erfüllt, nicht weniger schön als der Most SNP. Daß sie alles kann, was dieser konnte, zeigt sie ein Stück vom Treppenabgang entfernt in einer kleinen Grünanlage bei der Einfahrt zum Hafen. Dort steht eine Art Band aus Beton, das verschlungen auf dem Boden beginnt, sich dann als torartiger Durchgang aufschwingt und nur noch mit einer kleinen Stütze den Boden berührt, bevor es schwebend endet.

MostHrdinovDuklyDenkmal1

Der Beton, der bei der Brücke die massiven Stützen bildet, wird hier ganz leicht. Und das Band ist meist wirklich nur Beton, weder völlig glatt noch besonders rau, ganz wie bei der Brücke, aber dort, wo es als Durchgang aufgeweht ist, sind einige einfache Reliefs. Auf der einen Seite eine auf Blumen und Getreide herabscheinende Sonne, die ein ganz klein wenig auch Hammer und Sichel ist,

MostHrdinovDuklyDenkmal2

auf der anderen links eine Sonne, die auf die Burg von Bratislava scheint, während davor die Donau als anderes Band fließt, und rechts drei grüßende Mädchen mit Blumen vor einem fliegenden Band und zwei Lotsen auf einem Schiff.

MostHrdinovDuklyDenkmal3

Vor dieser Seite ein kleiner gepflasterter Platz, in dessen Mitte eine hohe runde Platte aus Beton steht.

MostHrdinovDuklyGrundstein

Sie symbolisiert den Grundstein für die zwischen 1978 und 1985 gebaute Brücke und nennt auf ihrem Rand deren Projektanten und Auftraggeber. Auf ihrer flachen Oberfläche ein fünfzackiger Stern, der Name „Most Hrdinov Dukly“ und horizontale Wellenlinien. Mit simpelsten Mitteln ist so die Brücke über die Wasser der Donau und der Sozialismus, der sie baute, dargestellt. Drei Ebenen einer Brücke: die Abstraktion der Inschrift, der Bogen des Betonbands und im Hintergrund der wirkliche Bau. Spätestens hier, wo er sich Verspieltheit und Pathos erlaubt, zeigt sich der Most Hrdinov Dukly ganz als Bruder des Most SNP. Aber er weiß, daß er das nicht einmal bräuchte.

Ladislav Tisa

Im Zentrum von Bratislava ein typisches Gebäude in einem der konservativeren Stile der ersten tschechoslowakischen Republik, errichtet 1932: Im Erdgeschoß Ladenräume des Kurzwarenhändlers Ladislav Tisa, oben ein weit überstehendes Dach, das ein Dachgeschoß mit großer Terrasse vor neugierigen Blicken versteckt, dazwischen drei Geschosse, die sich als drei durch vertikale Streben strukturierte Erker vorwölben.

LadislavTisaGalanterieBratislava

Aber wie der Architekt den mittleren und den rechten Erker für normale Geschossfenster nutzt, während er hinter die durchgehenden Verglasung des linken Erkers das Treppenhaus setzt, ist großartig. In die strenge Regelmäßigkeit der Fassade stiehlt sich ein rein funktionales Element und entlarvt sie so als nach außerarchitektonischen, dekorativen Kriterien gestaltet. Die Nonchalance des Gebäudes trägt der Architekt R. Nahodil, dessen Name darauf zu lesen und trotzdem vergessen ist, beinahe im Präteritum, das sein Nachname ist: „nahodit se“, so ein Infinitiv, bedeutet unter anderem „etwas zufällig tun“.

ArchitektR.NahodilBratislava