Archiv für den Monat Dezember 2017

„Schau Leser hie ein Bild“

Barock und Memento Mori – das paßt gut zusammen. Dennoch kann die Stärke eines barocken Memento Mori, einer Erinnerung an Tod und Vergänglichkeit, beinahe überwältigen. Dieses in Bergen etwa:

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Es ist eine große rechteckige Platte aus Sandstein, die oben einen giebelartigen Abschluß aus einem großen halbrunden Bogen und zwei kleineren seitlichen Bögen hat. In der Giebelfläche ist das Relief einer Sanduhr mit Fledermausflügeln. Während die Flügel sich in die seitlichen Bögen ausbreiten, ragt die Sanduhr in den mittleren hinein, wo über ihr in dessen Rund die Worte „Weg, Eitelkeit“ stehen.

In der zentralen Fläche ist zuerst ein Text, bei dem die Umrisse der Buchstaben im Gegensatz zum erhabenen Relief flach in den Stein hineingearbeitet sind:

„Schau Leser hie ein Bild/wie Blumen bald vergehen/und wie die Wasserblas/kein Augenblick bestehen/erkenn hieran o Mensch/so flüchtig ist dein Leben/drumb trachte stets darnach/dich Jesu zu ergeben“

Darunter ist ein weiteres Relief: Eine menschliche Figur, vielleicht eine Frau, vielleicht ein Engel, die links auf einen Totenschädel gestützt dasitzt oder vielmehr gleichsam gemütlich hingelagert ist. Unter dem Schädel sind gekreuzte Knochen und im Hintergrund links ist eine Kugel mit Kreuz. Nach rechts hält die Figur etwas Längliches in der Hand, aus dem etwas Rundes kommt, während schon mehrere runde Formen darunter und darüber schweben. Dank dem Text erkennt man es als ein Röhrchen, aus dem Wasserblasen kommen. Sogar das Platzen der Blasen ist vielleicht dargestellt, indem zwei von ihnen als Halbkugeln vorragen, zwei andere aber kaum mehr als poröse Flächen sind.

Ist diese Seite des Steins allgemein, so wird die zweite äußerst konkret. Denn dieses Bergener Memento Mori stand nicht einfach irgendwo herum, dazu war der Barock doch zu pragmatisch, wenn auch auf heute schwer verständliche Weisen. Es ist vielmehr ein Grabstein, der bei der damals deutschen Mariakirken (Marienkirche) zwischen zumeist viel neueren und eisernen Grabsteinen steht.

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Das Relief in der Giebelfläche zeigt hier ein lockiges Engelsgesicht mit Flügeln. Der Kopf ist im mittleren Bogen, während die Form der gefiederten Flügel genau in die der seitlichen Bögen eingepaßt ist

In der zentralen Fläche ist wiederum zuerst ein Text:

„Weil Jesus unser Bräutigam/uns Schwestern drey gar schön/ ge[?]iert: so folgen wir dem Gottes/Lamm: als seine Braut wie er uns/führt: aus dieser Wallefarts/kurtzen Zeit: zur freudenfollen/Ewigkeit“

Nach der Zeile, in der das Wort „Ewigkeit“ zentriert gesetzt ist, geht es weiter:

„Anna Elisabet Mestmachers gebohren/1702 den 3 Septemb. starb 1704 den 21/ May: Anna Mestmachers gebohren/1706 den 23 Septemb. starb 1707 den/18 Januar: Anna Mestmachers gebohren/1707 den 14. Decemb. Starb 1711/den 5 Augusti“

Das Relief darunter zeigt drei identische Mädchengestalten in langen Kleidern und mit Palmwedeln im Arm, wobei die mittlere am kleinsten, die linke etwas größer und die rechte am größten ist. Dank dem Text erkennt man in ihnen die drei als Kleinkinder verstorbenen Schwestern Mestmacher (das „s“ dürfte ein Genitiv sein), vielleicht in Hochzeitskleidern.

Das beinahe Überwältigende, Schockierende auch an diesem Grabstein ist wohl, daß er frei von jedem Zeichen von Trauer und gleichsam unpersönlich ist. Die Geschichte, die er erahnen läßt, ist dabei durchaus traurig und persönlich, wenn auch für die Zeit nicht ungewöhnlich. Man kann annehmen, daß es die Trauer über den Tod auch der dritten Anna, die endlich etwas älter zu werden schien, war, der die Eltern Mestmacher zur Errichtung des Grabsteins bewog. Die Texte aber zeigen nichts davon. Der eine ist ein Memento Mori, das allgemein von der Flüchtigkeit des Lebens spricht und diese zum Argument für den Glauben macht. Der zweite kleidet das schreckliche Ereignis des Todes der drei Kinder in das Bild ihrer Ehe mit Jesus, die sie in die „freudenfolle Ewigkeit“ führt. Es ist eine spezifisch protestantische barocke Stimmung, die aus diesen Texten sprecht.

Die Reliefs illustrieren die Worte einerseits nur, ergänzen sie aber auch. In den Giebelflächen ist der Gegensatz zwischen der Vergänglichkeit des Lebens und der Lösung in der Religion in die Bilder der Sanduhr mit den Fledermausflügeln und des Engelsgesichts mit den gefiederten Flügeln gefaßt. Die Flügel bestimmen dabei die Form des Abschlusses des Steins, so daß er beinahe selbst Flügel zu bekommen scheint.

Das Faszinierendste jedoch ist das Relief mit den Wasserblasen. War sie auch nicht so gemeint, so wirkt die Szene der halb liegenden, halb sitzenden Figur ganz friedlich, idyllisch gar. So schlimm scheint dieses wasserblasengleiche Leben nicht zu sein, zumal der Tod ja in doppeltem Sinne hinter ihr ist, einmal im Totenkopf und einmal in der anderen Seite des Steins. Man bekommt so zudem einen weiteren Einblick in die Entstehungszeit des Grabsteins: auch im frühen 18. Jahrhundert spielten Kinder schon mit Seifenblasen. Die Familie Mestmacher wollte von ihrem Verlust und ihren religiösen Ansichten, die diesen verwandelten, erzählen, aber sie erzählte ungewollt auch vom Alltag ihrer Zeit.

Nach all den Jahrhunderten erinnert dieses Memento Mori sogar im Bergener Regen eher an das Leben.

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Wohngebiet Moravské Předměstí

Das Wohngebiet Moravské Předměstí ist eines von drei großen fortschrittlichen Wohngebieten in Hradec Králové. Alle führen sie die fortschrittlichen Bestrebungen der Zwischenkriegszeit auf interessante Weisen fort, aber die Moravské Předměstí (Mährische Vorstadt) geht dabei am weitesten.

Gelegen im Süden der Stadt jenseits des Gočárův okruh (Ring von Schnellstraßen um das Stadtzentrum), hat das Wohngebiet vor allem fünf- und achtgeschossige Gebäude, die zu offenen Höfen angeordnet sind, wobei immer auch Einfamilienhausbebauung aufgenommen ist. Nach der zentralen Straße fächert sich die Bebauung beidseits eines Parks auf, wo die achtgeschossigen Gebäude dann länger werden und mäandernde Strukturen bilden.

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So ergibt sich eine schöne städtebauliche Struktur, eine große Achse, die von den im Norden zu sehenden Türmen des alten Hradec Králové in die offene Natur und weiter in die dörfliche Bebauung auf dem nächsten Hügel und dahinter führt. Die Gebäude entsprechen dabei dem unauffälligen tschechoslowakischen Durchschnitt.

Herz der Moravské Předměstí ist die zentrale vierspurige Marxova třída (Marx-Allee), heute Benešova třída (Beneš-Allee). Entlang von ihr stehen 13-geschossige Gebäude und auch sie sind bloß etwas auffälliger als die anderen. Zum übrigen Wohngebiet haben sie je zwei leicht vorgesetzte Treppenhäuser,

zur Straße viele Balkone und um die wenigen Fenster dunkelrote Verkleidung mit schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl.

Vor dem zweiten Geschoß verlaufen straßenseitig Terrassenebenen. Allein, es ist hier nicht mehr das zweite Geschoß, da die Straße nur etwas niedriger verläuft, während die Anliefer- und Parkfläche dazwischen wiederum noch tiefer als der Boden auf der anderen Seite liegt.

Aber wo genau denn der Erdboden ist, wird unwichtig, sobald man das von einem Vordach überspannte Terrassensystem, das sich beidseits der Straße ausdehnt, betreten hat.

Die Gebäude stehen jeweils im Wechsel näher und weiter von der Straße, was dem Terrassensystem eine Struktur gibt, die man aber nicht sofort bemerkt. Für den Fußgänger wechseln sich die Terrassen vor den Wohngebäuden mit pavillonartig vorgesetzten ein bis zweigeschossigen Bauten ab.

Sowohl in den zur Terrasse geöffneten Geschossen der Wohngebäude als auch in den Vorbauten sind eine Vielzahl von Läden, Restaurants, Cafés, Kneipen und öffentlichen Einrichtungen. Die Vorbauten sind durch innengelegene Passagen oder außengelegene Kolonnaden weiter differenziert. Zusammengefaßt wird all das durch das auf schlanken eckigen Stützen ruhende und in regelmäßigem Abstand mit Oberlichtern geöffnete Vordach. Es legt sich über die Terrassen oder überspannt auch einmal einen größeren Bereich zwischen einem Wohngebäude und einem Vorbau. Die bestimmenden Farben sind dabei, wie es zum Straßennamen paßt, neben dem hellen Grau des Betons verschiedene Rottöne. Zum Dunkelrot der Wohngebäude kommt das kräftige Hellrot der Vorbauten und das nunmehr ausbleichende Rot, in dem die Seiten der Vordächer, die Stützen und Teile der Geländer  gestrichen sind.

Brücken, Treppen und Rampen verbinden die einzelnen Teile  des Terrassensystems untereinander und mit dem übrigen Wohngebiet. Es ist ein großer erhöhter Boulevard, der so entsteht, ein Bereich vieler untereinander gut verbundener Inseln, ein wohlgeordnetes Venedig.

Das Problem jedoch bleibt auch hier die Straße. Das Terrassensystem hat den gleichsam natürlichen Drang, nicht nur die Anlieferwege, sondern auch die Straße selbst zu überbrücken und den Fußgänger über den Autoverkehr zu erheben. Das geschieht hier nicht.  Auf der Ebene der Straße ist noch zu vieles andere, was dort nicht hingehörte: Parkplätze, kleine Grünanlagen mit rechteckigen Hochbeeten und Brunnen. Und sogar um die Straße zu überqueren, muß man sie zumeist betreten. Außer der gelungenen Unterführung am südlichen Ende, die aber schon nicht mehr Teil des Terrassensystems ist, gibt es am nördlichen Ende noch eine unangenehm dunkle Unterführung und ansonsten bloß Zebrastreifen.

Allerdings ist die Straße für ihre Größe eigenartig wenig befahren. Grund dafür ist ein städtebauliches Versäumnis: sie wurde nie an den Schnellstraßenring angeschlossen. Die  Marxova Třída endet nach einem Bogen in einem weiterhin vierspuriger Teil, der vor allem als Parkplatz dient.

Er hat alles, was eine Straße braucht, verläuft etwas erhöht, scheint fertig, hat sogar eine Unterführung für Fußgänger, aber endet im Nichts  – ein Schauspiel, das gerade im straßenverliebten Hradec Králové noch etwas trauriger ist als es anderswo wäre.

So verlieren sowohl das grundsätzlich großartige Terrassensystem des Boulevards als auch die Straße viel von ihrem Sinn – dieses, weil es die Straße nicht überbrückt, jene, weil sie nicht wirklich an das Straßennetz der Stadt angeschlossen ist.

Hinzu kommt der Verfall, den der Kapitalismus brachte.

Viele der so wichtigen Verbindungen, der Treppen, Rampen und Brücken sind abgesperrt.

Durch das Vordach tropft es.

Läden stehen leer, wenn auch noch genug für städtische Lebendigkeit bleibt. In der Mitte des Boulevards wurden die Terrassen entfernt und über einen Zebrastreifen eine große Konstruktion aus Glas und weißem Stahl, wie sie in der Stadt beliebt sind, gebaut.

Das Wohngebiet Moravské Předměstí bleibt somit hinter dem zurück, was es erreichen wollte und hätte erreichen können. Wo eine Lösung sein könnte, ist nur ein Ansatz, ein weiteres Glied in der beeindruckenden Kette von Fortschritten, die die Stadtplanung von Hradec Králové seit den zwanziger Jahren gemacht hatte. Sogar in seinen Mängeln, das heißt der Straße, bleibt es sehr vom Genius Loci einer Stadt erfüllt, die früher und konsequenter als andere in der Tschechoslowakei ihr innerstädtisches Straßennetz plante. Gewiß wäre es möglich,das Wohngebiet ob dieser Mängel abzutun – wenn denn nach ihm noch etwas anderes gekommen wäre. Die Stadtplanung in Hradec Králové, die schon unter kapitalistischen Bedingungen in der ersten Republik herausragend gewesen war, endete mit der Restauration des Kapitalismus nach 1989. Schon deshalb gilt, daß die Moravské Předměstí ein wertvolles Beispiel der fortschrittlichen tschechoslowakischen Architektur ist, an das, in Hradec Králové und anderswo, einmal anzuknüpfen sein wird.

Zwei Winter in Oliwa oder Elektrifizierter Barock

Was hätte der Barock gemacht, wenn er Elektrizität gehabt hätte? Wie wäre es gewesen, wenn er mit elektrischem statt bloß mit natürlichem Licht hätte arbeiten können? Vielleicht ein wenig so, wie man es im Dezember 2016 und Januar 2017 im Park Oliwski (Oliwaer Park) in Gdańsk betrachten konnte.

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Beidseits der zentralen Allee des Parks bilden hohe zurechtgeschnittene Bäume so etwas wie Wände und diese wurden in jenem Winter über und über mit Lichtern bedeckt. Die Wände der Allee, die im Sommer grün sind, leuchteten in Winternächten. Die architektonisch genutzte Natur des Parks wurde mit Licht nachgeformt, unzählige kleine Leuchten ersetzten das Laub. Es war ein eigentümliches Erlebnis so zwischen enormen leuchtenden und blinkenden Wänden zu gehen, nicht nur angenehm, aber gewiß sehr barock. Leuchtende Blätter, das wäre der Traum eines jeden Gartenarchitekten des Barock gewesen.

Leider knüpfte die weitere Lichtgestaltung letztes Jahr nicht daran an. Schon die hohe schmale Allee war nur zur Hälfte derart erleuchtet und dort, wo sich ihre Achse als langes Wasserbassin fortsetzt, war das Licht schon fern. Dabei erstrecken sich beidseits des Bassins zwei andere Alleen, die mit oben aneinandertreffenden verwachsenen Bäumen im Sommer grüne Gänge bilden. Auch ohne Blätter, vielleicht noch schneebedeckt, sind diese einerseits so in eine menschengewollte Form gepreßten und andererseits so zufällig wachsenden Bäume faszinierend und barock. Wie sie beleuchtet aussähen, kann man nicht wissen, da nur ein zu kleiner Teil des Parks feinfühlig nachgezeichnet wurde

Ansonsten fehlt letztes Jahr für den Barock, ob nun seine Architektur oder seine Parks, jedes Gespür, wie der Vorbereich des Pałac Opatów (Äbtepalast), auf den die Allee schräg zuführt. zeigte.

Statt die großen runden Büsche einzubeziehen, wurden dazwischen eigenartige leuchtende Schmetterlingsformen gesetzt. Statt die beiden Skulpturen einzubeziehen, wurde aus Leuchtschnüren eine entfernt menschenähnliche Monstrosität mit Schirm gebaut. Statt die Wasserflächen einzubeziehen, wurde die schlechte leuchtende Imitation eines Springbrunnens aufgebaut. Und als ob das noch nicht genug des Kitschs wäre, wurde auch auf den Palast selbst ein florales Muster projiziert, was den zurückhaltenden, nur in den Kapitellen rokokohaft verspielten Barockbau zur Leinwand herabwürdigte.

In diesem Jahr nun ließ die Lichtgestaltung vom Palast ab, was gut ist, und wendete sich dem Wasser zu. Auf dem langen geraden Wasserbassin sind diesmal stilisierte Schiffe aus Lichtern. Sie stehe versetzt einmal links und einmal rechts am Rand, so daß man von den Ende des Bassins über eine ganze leuchtende Flotte blickt. Das ist nicht schlecht, sogar hübsch, da es in der leeren Fläche des Wassers eine geeignete Leinwand oder Bühne findet. Nicht so, aber so ähnlich hätte es vielleicht ein elektrifizierter Barock gemacht. In die aus Bäumen gebildeten Tunnel beidseits des Wassers fällt das Licht der Schiffe, gibt den Stämmen lange Schatten und betont manchmal einige der verschlungenen Formen der Äste.

Das Herzstück der Lichter im Park Oliwski, die leuchtende Allee, scheint von weitem unverändert, ist es aber nicht. Einwände der Denkmalschutzbehörde verbaten in diesem Jahr das Anbringen der Lichter an den Bäumen. Statt nun die Rücksichtslosigkeit zu haben, das zu ignorieren, oder den Anstand, auf diesen Teil der Beleuchtung zu verzichten – beides Haltungen, die man respektieren könnte – wurde in die Allee ein stählernes Gerüst gebaut, an dem die Lampen hängen.

Das Ergebnis ist eine bösartige Karikatur der eigentümlichen Schönheit des Vorjahrs. Statt zwischen Bäumen mit leuchtenden Blättern geht man durch eine Baustelle. Um das Gerüst mit Stahlseilen zu halten, wurden jenseits der Alleebäume Betonklötze aufgestellt und die dort verlaufenden Wege großflächig mit niedrigen Gittern abgesperrt, auf die wie zum Hohn Tannenzweige und rote Schleifen geklebt wurden.

Wenn letztes Jahr wenigstens in Ansätzen das Thema „Elektrifizierter Barock“ zu erkennen war, dann ist es diesmal offenbar „Weihnachtsbaustelle“, was eine Beleidigung für Weihnachten und erst recht für Baustellen ist. Man weiß nicht ganz, was man davon halten soll, daß dieses Thema zumindest konsequent durchgehalten wurde. Die tannenzweiggeschmückten Absperrzäune wurden auch auf dem Vorplatz des Palasts

und an den Enden des Wasserbassins aufgestellt, dort wohl, damit niemand beim Selfiemachen ins schienbeinhohe Wasser falle.

Als kleiner Akzent wurden sogar einige in den Weg ragende Äste der Alleen neben dem Bassin mit rot-weißem Absperrband umwickelt.

Wer das wirklich sehen will, hat dazu noch bis Ende Januar Zeit. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr, aber wie ein wirklicher elektrifizierter Barock ausgesehen hätte, werden wir natürlich nie erfahren.

Das menschliche Maß in Erfurt

In ihren besten Momenten schuf die deutsche Renaissance Bauwerke von schlichter Perfektion, die noch immer als leuchtende Beispiele des menschlichen Maßes in den Städten stehen. Das Leipziger Rathaus ist so ein Bauwerk oder das Haus Dacheröden am Anger in Erfurt, um das es hier gehen soll.

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Es wendet der Straße eine recht lange Fassade mit drei Geschossen und einem hohen Walmdach zu. Neben zu Zweier- und Dreiergruppen angeordneten Fenstern hat sie links auf etwa zwei Fünfteln der Länge ein geschmücktes rundbögiges Tor, auf etwa drei Fünfteln der Länge einen im zweiten Geschoß beginnenden Erker, der als niedriger achteckiger Turm mit runder Haube vor dem Dach weiterläuft, und ganz rechts ein schmuckloses Tor. Zudem sind im Dach beidseits des Turms übereinander Dachgauben, erst drei, dann zwei, schließlich eine, so daß aufsteigende Dreiecksformen entstehen. Das erste Tor und der Erkerturm strukturieren die Fassade, ohne ihr eine hierarchische, monumentale Ordnung zu geben. Sie sind beide gleich wichtig, gleichen einander aus. Obwohl sie groß sind, bleiben sie vor dem viel größeren Körper des Hauses gleichsam zierlich. Blaue Muster im Ansatz des Erkers und vor allem um das Tor bilden in der aktuellen Gestaltung auch die einzigen farblichen Akzente auf dem weißen Putz.

Das Tor hat links und rechts ionische Pilaster, in denen Ranken aufsteigen, und als Abschluß ein zwischen Simsen abgesetztes horizontales Band. In den um den runden Bogen des Tors entstehenden Flächen sind weitere Rankenmuster und medaillonartige Kreisflächen mit Köpfen im zur Mitte zeigenden Profil, die laut den Inschriften Jesus und Paulus zeigen. In der Fortsetzung der Pilaster sind im abschließenden Band sitzende Figuren mit in den Arm gestützten Köpfen. Im Band selbst sind Ranken, aus denen zwei zur Mitte blickende männliche Gestalten meerjungfraugleich zu erwachsen scheinen, da sie erst ab dem Oberkörper gezeigt sind. Die linke ist bärtig und hält eine ausgerollte Schriftrolle mit einem Zeichen, die zweite ist bartlos und hält außer einer Schriftrolle auch ein erhobenes Schwert. In der Mitte ist ein hervorgehobenes Schriftfeld mit Zeilen aus dem 112. Psalm und der Jahreszahl 1557.

Das menschliche Maß des Hauses Dacheröden zeigt sich nicht nur daran, daß alle Elemente so perfekt abgestimmt und ausgewogen sind, daß sie den Betrachter nie bedrängen, es zeigt sich auch im Detail.

Aus Demme, Dieter u. Schneider, Wolfgang: Erfurt, Leipzig 1987

Den Torbogen tragen kaum über die Kopfhöhe des Betrachters reichende kleine Nischen mit Baldachinen, in denen Skulpturen stehen könnten, aber nie oder zumindest schon lange nicht standen, da das erste eingeritzte Datum aus dem 18. Jahrhundert ist. Und es ist nur passend, daß die Nischen leer sind, denn die Eintretenden brauchen gar keine steinernen Wächter mehr. Verweilen sie vorm Tor, bleiben ihnen andere Details zur Entdeckung. In den scheinbar nur ornamentalen Ranken der Pilaster, weiß auf Blau, sind nämlich beim näheren Hinsehen Gesichter, Tierköpfe, Vögel und Blumengebinde zu erkennen.

Und sie sind, mit der Ausnahme je eines Raubtierkopfs, immer auf Augenhöhe.

Wie so viele große Architektur, verdankt sich auch das Haus Dacheröden zu einem gewissen Teil dem Zufall. Wäre es nicht ursprünglich zwei Häuser mit einer gemeinsamen Fassade gewesen, hätte es vermutlich nicht diese Asymmetrie, dieses Fehlen von Monumentalität, kurz: dieses menschliches Maß. Daß die Renaissance, wenn sie zu frei war, ihrem Traum von der Antike zu folgen, oft eher lächerlich wirkte, kann man schon im Erfurter Dom betrachten. Es ist ein Glück, daß gerade das Haus Dacheröden die Jahrhunderte überstand. Sein menschliches Maß entlarvt auch die schiere Böswilligkeit und Lächerlichkeit der umgebenden historistischen Gebäude am Anger, die alle Epochen der Baugeschichte plünderten, aber immer nur das Schlechteste und Monumentalste fanden.

Ganz allein jedoch ist das Haus Dacheröden, zum zweiten Mal glücklich, nicht. Blickt man durch die Barfüßerstraße darauf zurück, sieht man über dem Dreieck der Dachgauben einige der Geschosse und eine der schwebenden Verbindungsbrücken des großen Wohngebäudes am südlichen Juri-Gagarin-Ring.

Zu dem isolierten guten Alten kommt das gute Neue, die fortschrittliche Architektur der DDR, Erbin alles Guten in der vorangegangenen deutschen Architektur. Isoliert wollte sie nicht mehr sein, sie verwandelte Erfurt, aber zum Haus Dacheröden blieb sie auf respektvollem Abstand, vielleicht sogar auf zu großem und aus falsch verstandenem Respekt.

Arbeiterjugendstil

Am Rande des Industriegeländes im mittelböhmischen Kladno steht in einer Straße, die auch nach hundert Jahren und drei Systemen nur Schlamm und Pfützen ist, ein kleines Haus, das mehr sein möchte.

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Grundsätzlich gleicht es so vielen anderen Arbeiterhäuschen in Kladno: ein Geschoß parallel zur Straße, ein Satteldach. Doch in der Mitte des Dachs sitzt ein zweites Geschoß, unmöglich größer als ein Raum, dessen Fassade fast ganz aus einem großen runden Jugendstilfenster besteht.

Diese eindeutige und starke architektonische Geste wirkt völlig unwahrscheinlich in dieser Umgebung, an diesem Gebäude.

Das Fenster scheint größer als das Haus selbst und wenn dessen übrige Fassade ebenso jugendstilig ist, dann scheint es an der schieren Kraft des Fensters zu liegen. Im Erdgeschoß sind links und rechts zwei kleinere Fenster und in der Mitte ein größeres, alle konventionell rechteckig und mit zwei hell-, beziehungsweisen einer dunkelblauen Kachel als symbolischem Schlußstein. Um die beiden seitlichen Fenster sind im hellbraunen Putz zudem schraffierte Kreisflächen, unter dem Dach verläuft ein Band kleinerer glatter Kreise und das zweite Geschoß mit dem runden Fenster wird von einem abgerundeten Giebel abgeschlossen.

Jugendstil in Vollendung also, in seiner entwickelten, vom größten Kitsch gereinigten österreichisch-tschechischen Spätform, aber an einem dafür scheinbar viel zu kleinen Gebäude. Man kann nur raten, wie dieses unwahrscheinliche Jugendstilarbeiterhäuschen entstand. Ob es einen bis zur Exzentrik stilbewußten Erbauer hatte, der abends aus dem großen runden Fenster auf die Fabriklandschaft Kladnos blickte?  Gut möglich,  daß die Wahrheit prosaischer ist, aber wie alle ihm verwandten Gebäude lädt es zu Spekulationen ein. Es ist ein Kleinod und wertvoller als all der andere Jugendstil der Stadt.