Archiv für den Monat Februar 2014

Ekazent Hietzing

Wenn man den Park von Schönbrunn durch das Hietzinger Tor verläßt, sollte man die gotische Kirche links und das k.u.k.-Hotel rechts nicht beachten, sondern geradeaus weitergehen, die Hietzinger Hauptstraße entlang. Auf den ersten Blick scheint sie eine typische Einkaufsstraße zu sein, wie es sie in den kapitalistischen Städten so oft und in immer gleicher Gestalt gibt. Für ihre linke Seite mit typischer historistischer Bebauung stimmt das auch, sie kann man ignorieren.

Rechts aber weichen zwei Barockhäuschen, mit ihren nur zwei Geschossen und schrägen Dächern Überbleibsel des Dorfs, das Hietzing mal war, schrägt vom Lauf der Straße ab und lenken den Blick auf ein quer zur Straße stehendes Gebäude.

Ekazent1

Fünf Geschosse hat es und seine regelmäßige Fassade wird bestimmt von bloßen weißen Bändern zwischen Fenstern, die durch vertikale und horizontale Streben viel stärker strukturiert sind. Auf dem flachen Dach eine Terrasse und ein verglaster, pavillonartiger Aufbau. Zwischen diesem Gebäude und einem dreigeschossigen ihm gegenüber, das an die Barockhäuschen anschließt, zweigt von der so vertrauten Straße eine schmale, aber großzügige Einkaufsstraße ganz anderer Art, die nur den Fußgängern gehört, ab.

Ekazent2

Die Gebäudezeile auf deren rechter Seite hat eine Fassade wie das höhere Gebäude, doch ihr drittes Geschoß ist hinter einer ausgedehnten Terrasse zurückgesetzt, so daß sie in der Höhe völlig mit den Barockhäuschen übereinstimmt. Im Erdgeschoß, hinter vorgesetzten Kolonnaden, befinden sich die Geschäfte. Wo das höhere Gebäude endet, weitet sich die Einkaufstraße nach links hin zu einem kleinen Platz. Dessen gegenüberliegende Seite wird von einem Gebäude eingenommen, daß dem auf der rechten Seite entspricht, aber nur zwei Geschosse hat. Hinter seiner Terrasse, die hier einem Restaurant gehört, ragt nach links das Pultdach eines Kinosaals auf. Die linke Seite des Platzes schließlich begrenzt eine flache Ladenzeile, die auch weiter als dieser führt und mit dem Kino eine kleine Passage bildet, durch die man den Komplex zu einer anderen Straße hin verlassen kann.

Und das ist das Ekazent, von dem man vielleicht nicht sagen muß, daß es in Hietzing ist, da sonst kein Ort diesen Namen, der viel mehr als eine Kurzform für Einkaufszentrum ist, zu tragen verdient hat. Das Ungewohnte, Neue des Namens entspricht dem Neuen der Architektur. Man geht durch die Stadt, sieht Schönes und Häßliches, Gutes und Schlechts zusammengewürfelt vom Chaos, das Kapitalismus heißt, und dann stößt man auf etwas wie das Ekazent und plötzlich ist alles gut. Ein Blick, ein paar neugierig erkundende Schritte und man spürt: Ja, das ist es, hier ist die neue Stadt, hier ist die Zukunft. Jeder voller Freude getane weitere Blick bestätigt das nur noch, denn hier ist alles Klarheit und Ruhe, Schönheit und Menschlichkeit.

Gewiß, diejenigen, die das Ekazent bauten, wußten nicht, daß sie da etwas bauten, das in seiner Konsequenz über die überkommene Stadt hinausweist. Komplexe wie dieser waren Mode in dieser Zeit, späte Fünfziger, frühe Sechziger, und ein Ekazent entsprach mit mehr Ladenflächen und erhöhter Kundenfrequenz den Bedürfnissen des Kapitalismus so sehr wie zuvor Kaufhäuser und später Malls, also Einkaufszentren im heute üblichen Sinne. Aber in jedem Bauwerk ist mehr als Bauherr oder Architekt hineinlegen. Und die hier geschehene Aufbrechung der überkommenen Blockstruktur, die Trennung von Fußgänger- und in eine unter dem Ekazent liegende Tiefgarage verbanntem Autoverkehr, die Schaffung eines, wie auch immer limitierten, neuen städtischen Raums, das sind fortschrittliche Qualitäten.

Das Modell für alle derartigen Komplexe ist das Zentrum von Rotterdam, die Lijnbaan. Im Vergleich zu dieser ist das Ekazent klein und fast banal, auch in anderen kapitalistischen Ländern wurden sicher großartigere Beispiele gebaut, aber das Gute läßt sich auch an seiner bescheidensten Ausführung illustrieren. Dies umso mehr, als das Ekazent so dankenswert gut erhalten ist. Bloß die Kolonnaden sind durch gläserne ersetzt und im entkernten Kino ist nunmehr ein Schreibwarengeschäft.

In den sozialistischen Staaten geschah das meiste fortschrittliche Bauen zu spät, um noch orthodoxe Aneignungen der Lijnbaan zuzulassen. Eine Ausnahme aus der DDR ist die Webergasse in Dresden, die noch dazu eine symbolische Abkehr von der stalinistischen Architektur des Altmarkts war, aber die ist lange schon einem, nun, Einkaufszentrum gewichen, das Galerie oder Forum heißt, damit seine Besucher nie erfahren, was diese Worte bedeuten. Spätere Projekte, ob die Strona Wschodnia in Warschau, die Stadtpromenade in Cottbus oder viele Zentren ungerühmter Wohngebiete, nehmen bloß Elemente der Lijnbaan im Rahmen viel umfassenderer und viel weiter in die Zukunft hineinragender Konzeptionen auf.

In Hietzing kann man neben der niederländischen Assoziation noch eine mexikanische bekommen. Denn wenn man von der linken Seite der Hietzinger Hauptstraße aufs Ekazent blickt, mag man zuerst gar nicht das oben Beschriebene sehen, sondern das riesige Mosaik, das die gesamte hierher zeigende Schmalseite des fünfgeschossigen Gebäudes einnimmt.

EkazentMosaik

Es zeigt ein Rad, konzentrische Kreise, in dessen vielfältigen Ornamenten als figürliche Elemente nur Fische und Menschenköpfe erscheinen, so daß man an Römisches oder eben Aztekisches denkt. Das ist Mexiko-Stadt, das ist Muralismo, und will das auch sein, gezähmt selbstverständlich, an Wiener Verhältnisse angepaßt.

Universitätsbibliothek Mexiko-Stadt aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Universitätsbibliothek Mexiko-Stadt aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Genug für eine Reise im Geiste aber ist es allemal. Ferner von Schönbrunn könnte man kaum sein.

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Gottwaldova

Die Tragik der U-Bahnen ist es, daß sie einerseits eine sehr gute, unter kapitalistischen Bedingungen sogar die einzige, Möglichkeit sind, innerhalb großer Städte ein effektives Nahverkehrssystem zu schaffen, aber andererseits gerade durch ihre Lage unter der Erde den Blick auf ebendiese Städte verstellen. Sobald man den Eingang einer U-Bahnstation betritt, ist man in einer eigenen Welt, die eigentlich überall sein könnte. Es war deshalb nur naheliegend, daß die ersten Wagen des Londoner Underground fast fensterlos waren.

U-BahnLondon1890

Aus Autorenkollektiv: Lexikon Metros der Welt, Berlin 1985

Wohin schließlich sollte man schauen? Das setzte sich aber zum Glück nicht durch und es entwickelte sich der nunmehr vertraute Wechsel von dunklem Tunnel und hell erleuchteten Stationen. Dadurch wurde auch erst die abwechslungsreiche Gestaltung von U-Bahnstationen möglich.

Es liegt an dieser Tragik der U-Bahnen, daß zu den spektakulärsten Momenten aller Linien die gehören, wenn sie von ihren unterirdischen Teilen hinauf an die Oberfläche, auf eine Hochstrecke oder eine ebenerdige Strecke, kommen. Der vielleicht schönste, oder jedenfalls ein sehr seltener, Stationstyp nutzt genau diesen Effekt aus. Er potenziert ihn aber noch, da sich bei ihm nur die Stationen einer ansonsten unterirdischen Strecke nach außen, zur Stadt hin, öffnen.

Ein frühes Beispiel ist die Station Rathaus Schöneberg der U4 in Westberlin. Das Dunkel des Tunnels wird in dieser recht kleinen Station plötzlich durch Blicke hinaus in einen Park unterbrochen. Dessen Elemente werden dem Fahrgast geradezu vorgeführt, da auf der einen Seite eine große Wiese und auf der anderen ein Teich sind. Mitten in einer U-Bahnfahrt ist man so im Freien, mitten in der Stadt im Grünen. Die kleine U4, errichtet im frühen 20. Jahrhundert, als Schöneberg noch eine eigene Stadt war, besitzt so eine Station, die mit nichts anderem in Berlin zu vergleichen ist.

Schöneberg

Der Höhepunkt dieses Stationstyps aber ist die Station Gottwaldova (heute: Vyšehrad) der Linie C der Prager Metro. Der Zug verläßt den dunklen Tunnel und plötzlich hat man jenseits der Fenster ein Panorama vor sich, auf das einen nichts vorbereiten könnte. Über Hausdächer in einem tiefen Tal hinweg blickt man bis zu Hradčany, dem Herz des mittelalterlichen Prag mit den Türmen des Chrám sv. Víta (St.-Veits-Dom). Sieht man in Schöneberg auf einen Park, so hat man hier die ganze Stadt vor sich liegen.

Aus Praha. Soubor 33 listů, Praha o.J.

Aus Praha. Soubor 33 listů, Praha o.J.

Die Stadt, von der Metro praktisch verbunden, wird hier auch optisch in sie hineingeholt. Doch die Gottwaldova ist nicht nur die vielleicht schönste U-Bahnstation der Welt, sie ist, wie sich das für ein Bauwerk des Sozialismus gehört, Teil von etwas Größerem. Schon der Tunnel, durch den man von der Innenstadt her zu ihr kommt, ist nicht einfach ein unterirdischer Tunnel, sondern verläuft als Teil des Most Klementa Gottwalda (Klement-Gottwald-Brücke) in einer Höhe von 40 Metern.

Aus Doležal, Jiří/Rybár, Ctibor: Prag, Leipzig 1980

Aus Doležal, Jiří/Rybár, Ctibor: Prag, Leipzig 1980

Diese außerordentlich wichtige Brücke, die einst durch das Nuselské údolí (Tal von Nusle) getrennte Teile Prags zusammenfügt, trägt wie die Station sehr zurecht den Namen des großen und leider früh verstorbenen kommunistischen Politikers Klement Gottwald, des ersten Präsidenten der sozialistischen Tschechoslowakei. Durch ein Hotelhochhaus und vor allem den Palác Kultury (Kulturpalast), die beidseits der in die Vorstädte hinausführenden Straße stehen, werden Brücke und Metrostation zu einem fortschrittlichen Ensemble vervollständigt, das in selbstbewußtem Dialog mit dem alten Hradčany gegenüber steht. Für dieses neue Herz von Prag ist der Most Klementa Gottwalda das, was Karlův Most (Karlsbrücke) für das alte ist. Man kann sie nicht getrennt denken, wenn man diese Stadt verstehen will.

Auch in Wien schließlich gibt es eine unterirdische Station, die sich nach außen öffnet, auch in Wien ist sie Teil einer Brücke: die Station Donauinsel der U1. Aber so schön die plötzlichen Blicke hinaus auf Donauinsel und Donau sind, hier wie im gesamten U-Bahnbau zeigt sich das sozialistische Prag dem sozialdemokratischen Wien weit überlegen, ein kleiner Triumph der jungen Tschechoslowakei über die alte Hauptstadt.

Hundertwasser über Wien

Wien ist die Stadt von Hundertwasser. Das genügte schon, sie hassenswert zu machen, doch zum Glück kann man sich dort gut bewegen, ohne ihm zu begegnen. Das Hundertwasserhaus (schon dieser Name drückt eine bejubelnswerte Vereinzelung aus) muß man ja nicht besuchen.

Doch wenn man sich öfter im Norden, dort, wo 19., 20. und 9. Bezirk aufeinanderstoßen, aufhält, wird man einem, nun ja, Werk, dieses, nun ja, Architekten nicht entgehen können. Es handelt sich um eine von ihm gestaltete Müllverbrennungsanlage oder vielmehr um deren Schornstein. Hoch und relativ dick und im oberen Teil umgeben von einer goldenen Form, die fast, aber doch ganz entschieden nicht, eine Kugel ist, ragt er über den umliegenden Häusern auf.

MüllverbrennungsanlageHundertwasser

Zuerst mag man das nur als Ärgernis auf Spaziergängen und Straßenbahnfahrten erleben, doch irgendwann erkennt man: das ist doch der Berliner Fernsehturm. Sogar das Bürogebäude daneben hat ein wenig vom Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz.

Aus Kiesling, Gerhard: Berlin in Farbe, Leipzig 1979

Aus Kiesling, Gerhard: Berlin in Farbe, Leipzig 1979

Der Fernsehturm, genauer gesagt, von einem Kind im Kindergarten mit Buntstift gezeichnet. Während man aber ein solches Kinderbild hinreißend finden würde, da man darin die ikonische Klarheit des Wahrzeichens der Hauptstadt der DDR, den Strich und den Kreis, schön erfaßt fände, empfindet man Hundertwassers Bauwerk bloß als Beleidigung. Das Kind will einen Kreis malen, kann es aber nicht, Hundertwasser kann eine Kugel bauen, will es aber nicht.

Die Beleidigung ist überhaupt das Grundprinzip von Hundertwassers Bauen. Die bunten und schiefen Zinnen, Säulchen, Minarette seiner Gebäude beleidigen die Formen der überkommenen Architekturstile von Ost und West, indem sie an die Stelle derer Streben nach Harmonie und Klarheit eine Feier von Chaos und Beliebigkeit setzen. Diese Formen jedoch sind schon durch den Historismus des 19. Jahrhunderts so umfassend beleidigt worden, daß es auch ohne Hundertwassers Bemühen, ihnen den Todesstoß zu versetzen, schon schwierig genug ist, sich ihnen unvoreingenommen zu nähern. Mit dem Schornstein seiner Müllverbrennungsanlage nun beleidigt er, bewußt oder eher unbewußt, eines der großartigsten Beispiele der fortschrittlichen Architektur des 20. Jahrhunderts, noch dazu aus einem sozialistischen Staat.

Aber das Schlimme, und vielleicht einer der Gründe von Hundertwassers Erfolg, ist: ein wenig von der ikonischen Stärke der großen Architektur bleibt auch in ihrer Beleidigung erhalten. So wie dem Fernsehturm der Himmel über Berlin und Westberlin gehört, gehört Hundertwasser Müllverbrennungsanlagenschornstein der Himmel über ein paar nördlichen Bezirken von Wien, ob man das will oder nicht.

Inverness

Vielleicht ist Inverness nur eine langweilige Stadt, eine Kleinstadt ja nur, wenn auch die größte im Norden Schottlands, aber wenn man nach langen Tagen in der Leere der schottischen Highlands dort ankommt (und wie sonst sollte es einen nach Inverness verschlagen?), ist jede Stadt eine gleichsam lebensrettende Atempause.

Es ist eine typische Stadt am Fluß, der Ness ist allgegenwärtig und breit, nicht weit von hier mündet er ins Meer, was auch der Stadt den Namen gab. Das Stadtzentrum beginnt an seinem westlichen Ufer mit einem großen Kulturzentrum, ein nicht ganz uninteressantes Amalgam modischer Architektenarchitekturen, einmal aus den Siebzigern, Achtzigern für den Theaterbau, einmal aus jüngster Zeit für den Kinobau. Von der Uferpromenade aus überspannt eine hinreißend schöne Fußgängerbrücke den Fluß, eine Hängebrücke, die von je zwei quadratischen, sich nach oben leicht verjüngenden Pfeilern getragen wird. Diese Pfeiler aber sind nicht massiv, sondern bestehen nur aus einer hohlen offenen Konstruktion aus dünnen weißgetünchten Eisenstreben, so daß sie äußerst filigran wirken, gerade so, als könnten sie die leicht schwankende Brücke unmöglich tragen.

BrückeInverness

Für Großbritannien mag ein solches ingenieuertechnisches Meisterwerk gar nichts Besonderes sein, aber in Deutschland und anderswo, man will unwillkürlich schreiben: auf dem Kontinent, sieht man dergleichen selten. Und die Vorstellung, daß um 1880 im wilhelminischen Deutschland eine so dezente Brücke, die ihre Schönheit einzig aus der Konstruktion zieht und bar aller historistischen Schnörkel ist, hätte gebaut werden können, ist auch mehr als abwegig.

Etwas weiter, bei der großen Autobrücke, ist eine Front viktorianischer Hotelgebäude. Nach der Brücke wendet sich dem Fluß niedrigere viktorianische Bebauung zu, darunter auffallend viele kirchenartige Gebäude, von denen mindestens eines aber vielmehr der Firmensitz eines Bestattungsinstituts ist. Hier spannt sich eine zweite Fußgängerbrücke über den Fluß, die exakt baugleich mit der ersten ist, aber in allen Dimensionen etwas größer und laut Plakette auch von einem anderen Eisenwerk errichtet. Wäre eine einzelne solche Brücke ein Kleinod gewesen, so schafft diese Doppelung ein städtebauliches Element, das auch zum Wahrzeichen der Stadt taugt.

Geht man hinüber zum östlichen Ufer kommt man bald auf die Church Street, die mit einer alten Kirche beginnt und sich dann parallel zum Fluß, aber abgewandt von ihm, nach Süden erstreckt. Hier kann man, so man will, anhand ein paar alter Häuser noch Spuren des vorviktorianischen Inverness finden. Bei der Kreuzung mit der von der Brücke kommenden Straße, der Bridge Street, dann das innerste Zentrum der Stadt. An einer Ecke ein Kirchturm ohne Schiff, der also vielleicht Turm des Rathauses auf der anderen Straßenseite ist, einem großen viktorianischen Baus mit prunkvollem Saal im Obergeschoß. Aber wichtiger als die viktorianischen Anteile ist hier die Bebauung aus den Sechzigern, Siebzigern. Sie beginnt mit einem sechsgeschossigen Hotel an der Church Street, das eine Seite dieser, die zweite aber dem Fluß zuwendet, wobei ein vorgesetzter flacher Restauranttrakt die überkommene Stadtstruktur etwas auflöst. Südlich der Bridge Street, auf leicht abschüssigem Gelände zwischen Rathaus und Fluß, erstreckt sich ein großer Gebäudekomplex. Im Erdgeschoß Läden, darüber eine Terrassenebene, auf der sich drei dreigeschossige Quertrakte erheben.

CastleTerrasse

Der erste von diesen hat wenige Fenster, da er das Museum der Stadt beherbergt, auf dem blanken Beton seiner Schmalseite ist das Wappen der Stadt, das sehr britisch einen Elefanten und ein Kamel zeigt.

WappenInverness

In den anderen beiden Trakten sind Büros. Am Ende der Terrasse, zum Fluß hin, wölbt sich ein halbrund vorgesetzter Raum mit großer Fensterfront, in dem heute ein indisches Restaurant ist. Möglich, daß früher in dem Bereich an der Bridge Street, dem das Hotel und der Terrassenbau einen Rahmen geben, ein Platz war. Heute jedenfalls existiert er nicht mehr. Aber diese beiden Gebäude künden doch noch immer vom zaghaften Bemühen von Inverness, mehr als eine schottische Provinzstadt zu sein.

Geht man die Bridge Street nach Osten weiter, kommt man in die High Street, eine Fußgängerzone, mit ihren teils melancholisch unkrautbewachsenen viktorianischen Gebäuden, die in einem riesigen Einkaufszentrum endet. Hübsch ist hier das Nebeneinander eines viktorianischen Baus mit hoher Tempelfassade und eines Baus aus den Fünfzigern, dessen Fassade von einem Rahmen und kleinen türkisen Kacheln und vertikalen Streben zwischen den Fenstern bestimmt ist, ein subtiles Zitat des älteren Baus.

BridgeStreet

Und schließlich ist da hinter dem Terrassenbau auf einem Hügelchen am Fluß das sogenannte Schloß, das eigentlich ein viktorianischer Gerichtsbaus aus rotem Sandstein ist. Von hier, neben neben dem Denkmal für Flora MacDonald, der volkstümlichen Geliebten des letzten katholischen Prätendenten um den schottischen Thron, hat man die schönsten Blicke über die Stadt.

Viel mehr als das Zentrum hat sie allerdings nicht zu bieten. Stadtauswärts am Fluß Sportanlagen, und ein großer Park, der auch einige Inseln einbezieht. Im Südwesten ein Hügel mit ausgedehntem Friedhof. Und ansonsten bloß noch endlose typisch britische Vorstadtbebauung mit ihren terraces, semi-detached houses und houses. Damit entspricht die Lage des Zentrums innerhalb der suburbanen Einöde der Lage von Inverness in der Einöde, die die schottischen Highlands seit langem sind.

Lusthaus

Ganz am Ende der vielen Kilometer langen Hauptallee des Wiener Praters steht das Lusthaus. Auf dem Weg dorthin hat man bereits eine Autobahn- und eine Eisenbahnbrücke unterquert und erwartet kaum noch, überhaupt etwas zu finden.

Lusthaus

Das Lusthaus scheint auch zu wissen, daß jede Bemühung um Monumentalität oder auch nur Repräsentation am Ende einer so langen Achse sinnlos wäre, da keine Architektur sich zu ihr in ein passendes Maß setzen könnte. So ist das 1782 vollendete Gebäude frei, zierlich und schlicht zu sein. Sein Zeltdach mit großer verglaster Laterne wird an seinen acht Ecken von runden Stützen getragen. Hinter diesen zurückgesetzt sind zwei hohe Geschosse, die sich mit hohen rechteckigen Türen und Fenstern nach außen öffnen, das untere zu einer etwa ebenerdigen Terrasse, das obere zu einem umlaufenden Balkon. Nach hinten, von der Allee weg, ist noch ein kleiner Trakt angefügt, der ebenfalls zweigeschossig ist, aber ein niedrigeres Dach hat. Ein kurzer Blick also genügt, abzulesen, daß hier zwei kleine offene Säle aufeinandergesetzt und rückwärtig um Küchen- und Wirtschaftsräume ergänzt wurden.

Erstaunlich ist der völlige Verzicht auf Zierformen. Die Stützen könnten ohne weiteres als Säulen ausgeführt sein, sind aber frei von Kapitellen. Die Fenster haben Rahmen aus Sandstein und grüne Fensterläden, mehr nicht. Angesichts solcher Schlichtheit und die Konstruktionsprinzipien offenlegender Klarheit, scheint es falsch, das Lusthaus mit Stilbezeichnungen wie Barock oder Klassizismus belegen zu wollen. Sein Name aber ist angemessen, denn es ist eben nicht mehr als ein Haus, das sich mit nichts dem Lustwandeln seiner Besucher in den Weg stellt, wodurch es umso passenderer Abschluß des Praters wird.

Im eigentlichen ist das Lusthaus die Fortentwicklung einer Gartenlaube. Die achteckige Form, das auf Stützen schwebende Dach, alles ist daher vertraut, wird hier aber durch die Vergrößerung der Dimensionen und die Einfügung der beiden Säle zu etwas ganz Neuem. Vielleicht erklärt diese Herkunft aus der Gartenlaube auch, wieso das Lusthaus so bemerkenswert frei von den Architekturdoktrinen seiner oder anderer Zeiten ist. Man könnte in ihm den Beginn einer anderen Traditionslinie der Wiener Architektur sehen, die über Otto Wagner und Adolf Loos bis zu den besten Ensembles der Sechziger und Siebziger führt und der vorherrschenden dekorativen Traditionslinie von Jugendstil und Hundertwasser direkt entgegengesetzt ist. Oder man kann sich daran freuen, daß das Restaurant in diesem schönen Gebäude so beliebt ist.

Zamość-Stare Miasto

Berühmt ist Zamość nicht für seine Altstadt, auch nicht für deren Marktplatz, sondern für ein einziges Gebäude auf diesem: das Rathaus. Schon deshalb sollte jede Beschreibung dieser ungewöhnlichen ostpolnischen Stadt mit diesem beginnen, aber keinesfalls enden.

Alles an diesem Gebäude zieht den Blick des Betrachters und beinahe diesen selbst in die Mitte und in die Höhe. Weit vorgesetzt steht eine große Treppe als Empfang und Umarmung, die einen zärtlich emporhebt. Geschwungene Treppenteile auf beiden Seiten führen auf einen noch weit vor dem Gebäude stehenden und von je zwei niedrigeren Rundbögen um einen höheren Rundbogen getragenen Mittelteil, der aus zwei zur Mitte aufeinanderzuführenden Treppen und einer Ebene auf der Höhe des ersten Obergeschosses besteht. Erst von dieser schließt dann eine Brücke an das Gebäude an. Es hat dort seinen Eingang, aber der wird fast unwichtig, da ihn wie auch das höhere und niedrigere Fenster der beiden weiteren Obergeschosse mächtige Stützen, deren Außenseiten sich nach oben hin stark verjüngen, rahmen. Von der Treppe angeleitet folgt der Blick den Linien der Gebäudemitte, um zum nicht nahtlos, aber äußerst harmonisch anschließenden Turm zu gelangen. Achteckig, mit Uhren zu vier Seiten und Pilastern an den Ecken, beginnend, setzt er sich nach einem leicht vorkragenden umlaufenden Balkon wiederum achteckig, aber fast unmerklich schmaler und mit rundbögigen Öffnungen zu vier Seiten fort. Die hohe kupferne Haube nimmt den Rhythmus des Turms wieder auf, verbreitert sich kissenartig, öffnet sich als Laterne, um endlich in einer goldenen Kugel mit Spitze zu enden.

Aus Polen, Leipzig 1969

Aus Polen, Leipzig 1969

Dieser schlanke, aufstrebende Mittelteil des Rathauses wirkt wie eine Rakete, die nur darauf wartet, sich von der Treppe, ihrer Startrampe, zu lösen und in den Himmel über Zamość zu steigen. Der übrige, man muß sich in Erinnerung rufen: der eigentliche, Teil des Gebäudes scheint dadurch wie eine Stützvorrichtung, die ihn zur Freude jedes Betrachters auf der Erde hält. Auch er besteht aus zwei höheren Geschossen mit Fenstern und einem niedrigeren, bei dem die Fenster nurmehr durch Rahmen angedeutet sind, wobei die beiden oberen von diesen etwas niedriger als die entsprechenden Geschosse des Mittelteils angeordnet sind. Auch hier herrscht eine streng vertikale Gliederung. Zwischen den Fenstern sind Pilasterpaare und Nischen mit muschelförmigen Abschlüssen. Während die Linien der Fenster auf dem Dach mit gebrochenen Giebeln enden, sind die Linien der Pilasterpaare dort mit steinernen Amphoren und an den vier Ecken mit kleinen kupfernen Hauben abgeschlossen. Die Pilaster und Amphoren, die Stützen und die Treppe sind in einem blassen Weiß gehalten, die übrigen Flächen aber in einem eigentümlichen Lila, das man mit etwas Glück in der Brust einiger weniger der Tauben auf dem Marktplatz wiederfinden kann. Wurden die Geschosse des Rathauses hier beschrieben, als schwebten sie in der Luft, so stehen sie eigentlich auf rundbögigen Arkaden, vielleicht auch einer früheren einzigen Säulenhalle, die so hoch sind wie die Treppe. Und tatsächlich ist es auch diesen Arkaden zu verdanken, daß das Rathaus trotz seiner Vertikalität nichts Machtvolles oder Drohendes hat, sondern wirklich zu schweben scheint. Noch entscheidender dafür aber ist die Treppe, die einladend und horizontal zwischen dem Betrachter und der Vertikalität vermittelt, so daß diese ihn nicht hinabdrückt, sondern hinaufhebt. Das ist eine seltene Leistung und Zamość‘ Rathaus hat all seinen Ruhm völlig verdient.

Obwohl das Rathaus auch großartig wäre, wenn es so isoliert wäre, wie es hier erschien, ist wichtig, daß es Teil eines größeren Ganzen, des Rynek Wielki (Großen Markts) und der Stare Miasto (Altstadt), von Zamość ist. Der Platz ist ein perfektes Quadrat, hundert Meter auf hundert Meter, umgeben von meist dreigeschossigen Wohnhäusern mit Arkaden. Einige haben verzierte Renaissancegiebel, einige Skulpturen in Nischen, aber insgesamt wirken sie eher schlicht und gleichförmig. Das Rathaus nimmt die westliche Hälfte der Nordseite des Platzes ein, fügt sich seinen Dimensionen aber nicht völlig. Nicht nur ist es bei gleichem Aufbau aus Arkaden und Obergeschossen viel größer als die Häuser des Platzes, es ist auch mit seinem gesamten Baukörper und noch mehr mit seiner Treppe viel weiter in dessen Raum hineingesetzt.

Der Platz ist zwar das Herz der Altstadt von Zamość, aber diese ist dennoch nicht um ihn herum aufgebaut. Zamość ist vielmehr als eine Ost-West-Achse angelegt, von der der Platz bloß ein Teil ist. Erkennbar ist das schon daran, daß in der Mitte eine breite und an der Nord- und Südseite zwei kleinere Straßen von Osten nach Westen durch den Platz führen. Das erklärt auch die gleichsam marginale Lage des Rathauses. Es ist nicht im Zentrum von irgendetwas, keine Achse auch führt direkt darauf zu. Vielleicht war das eine Art Vorsichtsmaßnahme, vielleicht wäre das Rathaus einfach zu stark, würde den Betrachter zu sehr fesseln, wenn es Höhepunkt einer Achse wäre. Dies nun könnte schwerlich im Sinne des Gründers von Zamość, Jan Zamoyski, gewesen sein. Man muß wissen und es ist auch offensichtlich, daß Zamość keine Bürgerstadt, sondern eine Residenzstadt ist. Jan Zamoyski, Oberhaupt einer großen Szlachta-Familie (Szlachta meint den polnischen Adel), gründete sie 1580 und ließ sie von italienischen Architekten, vor allem von Bernardo Morando, erbauen.

Die mittlere Straße ist die zentrale Achse der Stadt, die aus dem größeren Ostteil über den Rynek und durch den kleineren Westteil auf einen Platz ganz anderer Art führt. Während der Rynek klar umgrenzt und zweckmäßig ist, ist dieser Platz diffus und verschwenderisch großzügig: es ist der Vorplatz des Schlosses. Links, an der Südseite, steht eine große Kirche, deren Turm in italienischer Manier weit vorgesetzt ist und frei steht, ein Campanile. Vom Sockel des Turms schwingen sich Volutengiebel zu seinem Schaft, aber vor dem Ansatz der Haube wird er von Dreiecksgiebeln gleichsam ausgebremst. Weder Turm noch Kirche kommen der aufstrebenden Eleganz des Rathauses auch nur nahe. Beide, die Kirche als Repräsentantin der Macht des Klerus wie das Rathaus als Repräsentant der Macht des Bürgertums, sind aber der herrschaftlichen Achse neben-, untergeordnet. Diese Achse endet mit dem Schloß der Familie Zamoyski. Damit ist sie heute gänzlich wirkungslos, ein Antiklimax, denn das heutige Schloß, ein großer und langer dreigeschossiger Bau mit ausladenden niedrigeren Seitenflügeln, in dem ein Gericht untergebracht ist, wirkt wenig repräsentativ oder prachtvoll, sondern im Gegenteil bloß langweilig. Auf dem Platz, genau in der Achse, steht heute ein großes Reiterdenkmal Jan Zamoyskis, aber er wäre wohl nicht sehr glücklich, wenn er wüßte, daß nicht mehr sein Schloß, sondern das Rathaus der Ruhm Zamość‘, seiner Stadt, ist.

Beinahe effektvoller und in ihrer Intimität ohnedies schöner, sind heute kleinere Achsen. So blickt man durch die nördliche der durch den Platz führenden Straßen auf die Seite des Rathausturms, durch die südliche auf den Campanile und durch die nächste Straße auf den Giebel der Kirche. Immer aber strebt alles von Osten nach Westen. Die Straße, die den Rynek in Nord-Süd-Richtung kreuzt, ist zwar nicht weniger breit als die Hauptachse, aber sie führt auf nichts zu, sie dient nur der Verbindung mit zwei kleineren Plätzen, Rynek Solny (Salzmarkt) und Rynek Wodny (Wassermarkt). In Harmonie und Klarheit reichen sie nicht an den Rynek Wielki heran, am reizvollsten ist noch, daß das Rathaus dem nördlich gelegenen Rynek Solny seine zweite Seite zuwendet und so, denkt man sich den niedrigeren klassizistischen Gefängnisanbau weg, seine perfekte Allansichtigkeit präsentiert. Verstreut in der Stadt gibt es auch noch die Akademia Zamojska (die vierte in Polen gegründete Universität), einige weitere Kirchen, von denen auffallenderweise nur noch eine einen Turm hat, und eine Synagoge, die sich von den Kirchen vor allem dadurch unterscheidet, daß sie nicht freisteht. Wo heute das Hotel Renesans, ein eher langweiliger Bau aus PRL-Zeiten (Polska Rzeczpospolita Ludowa, Polnische Volksrepublik) mit hübschem Garten, steht, gab es bis ins 19. Jahrhundert eine armenische Kirche. Noch heute heißt die nördlich durch den Platz führende Straße Ulica Ormiańska (Armenische Straße).

Das nun, daß Jan Zamoyski italienische und deutsche Bauleute, jüdische und armenische Händler und wer weiß wen noch in seine neue Stadt einlud, macht Zamość besonders faszinierend. In den Straßen der Stare Miasto geht man also nicht nur zwischen den steinernen Zeugen eines Versuchs der späten Renaissance, eine ideale Stadt zu bauen, sondern ahnt darin auch eine, selbstverständlich immer der Feudalherrschaft untergeordnete, Bemühung um eine neue Gesellschaft. Von dieser ist so wenig geblieben wie von der Herrschaft der Zamoyskich, aber die Schönheit von Zamość‘ Altstadt, ihrem Platz, seinem Rathaus bleibt.

Neues in der Herrengasse

Um Adolf Loos‘ Haus am Michaelerplatz in Wiens Innerer Stadt drehte sich einer der großen Skandale der Architekturgeschichte oder jedenfalls einer der bekanntesten. Überall kann man lesen: das Gebäude, Sitz des Luxusherrenaustatters „Goldman & Salatsch“, sei so radikal schmucklos gewesen und habe das konservative Wien des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts so sehr schockiert.

Wenn man das Haus aber heute, mit über einem Jahrhundert Abstand, betrachtet, fällt es äußerst schwer, die damalige Aufregung zu verstehen.

Aus Thiel, Erika: Kunstfibel, Berlin 1968

Aus Thiel, Erika: Kunstfibel, Berlin 1968

Es nimmt eine kleine Seite des unregelmäßig geformten Platzes und kleine Teile zweier zu ihm hinführender Straßen ein. Der Sockel zwei-, zweieinhalbgeschossig und mit grün-graugemasertem Stein verkleidete, aus dem auch die dorischen Säulen vor dem Eingang und um die trapezförmig zurückgesetzten Fenster an den Seiten sind. Darauf vier Geschosse mit regelmäßigen vertikalen Fenstern zwischen weißem Putz und schließlich ein kupfernes Walmdach. Nichts daran scheint besonders neu oder radikal. Auch der Bezug zum umliegenden städtischen Raum scheint völlig gegeben. Die Säulen beziehen sich auf jene in den Obergeschossen des Michaelertrakts der Hofburg, der Ende des 19. Jahrhunderts nach barocken Plänen errichtet worden war. Die Anordnung der Fenster entspricht ganz jener der barocken oder historistischen Gebäude um den Platz. Aber was für den Skandal sorgte, war die völlige Schmucklosigkeit der Obergeschosse. In der Tat war das etwas Neues, Fenster, die einfach nur Öffnungen in der Wand waren, hatte es in Europa seit dem Mittelalter nicht mehr gegeben. Aber ist nicht die Schmucklosigkeit der Wände beidseits des schmalen pilastergeschmückten Mittelteils der Michaelerkirche radikaler?

Michaelerkirche

Immerhin ist dort nicht mehr als eine weiße Wand und je ein rundes Fenster! Aber die barocke Klarheit war man gewöhnt, die von Loos‘ Bau, oder besser eines kleinen Teils desselben, nicht.

Man kann sich den Skandal nur so erklären: die überbordende Liebe zum Ornament, es war die Hochzeit des Jugendstils, verstellte den Blick dafür, daß das Haus am Michaelerplatz ein durchaus konservatives Gebäude ist. Loos und seinen Befürwortern war das sicher auch ganz recht und so haftet dem Gebäude seitdem ein reichlich unverdienter Ruf der Radikalität an. Heute jedoch sieht man den konservativen Charakter umso deutlicher, fast schmerzhaft deutlich. Diese kahle Fassade mit überkommener Fensterordnung hat man tausendmal gesehen bei Mietskasernen, denen ihre Ornamente abgeschliffen wurden und die ihre Nichtigkeit so noch klarer offenbaren. Und das ist noch die positivere Assoziation. Die schlimmere: diese Verbindung von steinverkleidetem säulengetragenen Sockel und fensterlöchrigen Obergeschossen kennt man von der reaktionären Architektur, mit der seit den Neunzigern Berlin verunstaltet wird. Wenn Loos mit diesem Gebäude eine Zukunft baute, dann keine gute. Jedenfalls ist seine Bedeutung für die Architektur am Haus am Michaelerplatz und seinem Skandal nicht abzulesen.

Ganz in der Nähe gibt es ein weit unbekannteres und weit bemerkenswerteres Gebäude. Es entstand mehr als zwanzig Jahre später, in einer ganz anderen Zeit mithin, dennoch lohnt sich der Vergleich mit Loos‘ Gebäude.

HochhausHerrengasse

In der Herrengasse schließt es direkt daran an und nimmt dann die nächste Ecke des unregelmäßigen Altstadtblocks ein. Auch hier gibt es einen zweigeschossigen Sockel, der aber nur halb so hoch ist wie bei Loos und ganz aus Glas und glatter schwarzer Verkleidung besteht. Nach einem dünnen Kupferband folgen die Obergeschosse, die zwischen den weißen Wandflächen durch geschoßhohe Fenster vertikal gegliedert sind, und die ein leicht überstehendes Flachdach abschließt. Anders als bei Loos also ein völliger Bruch mit der umliegenden Bebauung. Der größte Unterschied aber ist die Eingangssituation. Während er bei Loos in konventioneller Monumentalität mit Säulen betont ist, wird er hier auf eine dezente Art zugleich unsichtbar gemacht und markiert. Er befindet sich an der Ecke Herrengasse/Fahnengasse, aber nur das zweite Sockelgeschoß schließt diese Ecke wie es wohl die Vorgängerbauten taten. Das Erdgeschoß ist offen und darin ein runder gänzlich verglaster Raum mit einer Bar. Der obere Gebäudeteil, der an Herren- und Fahnengasse einschließlich Sockel acht Geschosse hoch ist, endet ein Stück vor der Ecke. An ihre bloßen Seitenwände schließt ein nun elfgeschossiger Trakt, der wirkt, als sei er aus der Ecke herausgeschnitten und zurückgeschoben, an. Zu den vertikalen Fenstern kommt hier eine völlig in Glas aufgelöste Ecke. Und auf diesem Trakt sitzen in zurückspringenden Terrassenstufen noch ein zwölftes, dreizehntes, gar vierzehntes Geschoß und noch darauf als transparenter Raum ein fünfzehntes. Nicht zu Unrecht nennt sich das Gebäude ein Hochhaus. Die Ecke Fahnengasse/Wallnergasse ist mit dem achtgeschossigen Trakt weniger markant. Das Gebäude schließt hier siebengeschossig, das oberste zurückgesetzt, an die ältere Bebauung an.

Für die frühen Dreißiger ist dieses Hochhaus keineswegs mehr revolutionär. Die trotz des sehr horizontal wirkenden Sockels gegebene Betonung der Vertikalität und das überstehende Dach sind eher konservative Aspekte, im nahen tschechoslowakischen Brno wurde zur gleichen Zeit weit Großartigeres und Fortschrittlicheres gebaut. Auch ist die Höhe des Gebäudes in der Enge der Inneren Stadt kaum erlebbar. Aber anders als Loos’ Haus am Michaelerplatz weist es schon zaghaft in eine Zukunft, in der Grundstücke nicht mehr bis aufs Letzte ausgenützt werden müssen und Gebäude in den Himmel wachsen dürfen. Seine reichsten Bewohner verspürten auf ihren Dachterrassen sicher einen Hauch von New York, aber ihr Gebäude, wie auch New York selbst, umwehte unweigerlich schon ein Hauch von Moskau. Und der ist am Michaelerplatz noch fern.